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»Eine meisterhafte Interpretation Webers als auch ein dringend notwendiger Eingriff in den politischen Diskurs.« Rahel Jaeggi
Warum ist die Politik heute ein Laufsteg eitler Demagogen und die Universität ein ideologischer Kampfplatz? Und was ist dabei aus der Wahrheit geworden? In ihrem neuen Buch entdeckt Wendy Brown den modernen Nihilismus als Ursache dieser Probleme: Er entzieht allen Werten einschließlich der Wahrheit die Grundlage; er hyperpolitisiert das Wissen und reduziert die politische Sphäre auf die Zurschaustellung von Narzissmus. Der Nihilismus macht das Tiefgründige trivial, die Zukunft egal und die Korruption banal.
Auf der Suche nach Lösungen wendet sich Brown Max Webers berühmten Vorlesungen über Wissenschaft und Politik als Beruf zu, die dieser am Ende des Ersten Weltkriegs hielt. Darin beklagt nämlich schon Weber selbst die Auswirkungen des Nihilismus auf das wissenschaftliche und politische Leben in der Moderne und fordert eine Wiederherstellung der Wahrheit in der Wissenschaft und der Integrität in der Politik. Im Anschluss an Weber plädiert Brown dafür, das Wissen aus der Hyperpolitisierung zu befreien, und denkt über neue Wege verantwortlichen politischen Handelns nach. Vor allem aber fordert sie die Linke auf, ihrer Verpflichtung zu kritischem Denken gerecht zu werden, und entwirft eine radikaldemokratische Vision, die eine charismatische Führung nicht scheut.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2023
Wendy Brown
Nihilistische Zeiten
Denken mit Max Weber
Aus dem Englischen von Christine Pries
Suhrkamp
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Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel Nihilistic Times. Thinking with Max Weber bei Harvard University Press.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2023
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2023.
Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2023© 2023 by the President and Fellows of Harvard College
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Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner
Umschlagfoto: Axel Hütte, Island Fog, 2002, © VG Bild-Kunst, Bonn 2023, Reproduktion: © Christie’s Images/Bridgeman Images
eISBN 978-3-518-77783-1
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Einleitung
I Politik
Nietzsche
Weber
»Politik als Beruf«
Weber für die Linke
II Wissenschaft
Nihilismus im Hochschulwesen
Der Politisierung widerstehen
Werte
Wissenschaft und Religion
Nachwort. Weber und wir
Dank
Anmerkungen
Einleitung
IPolitik
IIWissenschaft
Nachwort: Weber und wir
Namenregister
Fußnoten
Informationen zum Buch
Diesem Buch liegt eine erheblich überarbeitete und erweiterte Fassung der Tanner Lectures On Human Value zugrunde, die ich im November 2019 an der Yale University gehalten habe. Die Tanner Lectures folgen keiner präzisen Vorgabe, nur einer intellektuellen Leitlinie. Ihr Stifter und Begründer, der Mormone und Philosoph, Anwalt, Theologe, Industrielle und Philanthrop Obert Clark Tanner, schien in dem weitgefassten Rahmen, den er 1978 für sie vorschlug, seine eigene, nicht spezialisierte Geisteshaltung spiegeln zu wollen: »Ich hoffe, diese Vorlesungen werden einen Beitrag zum Geistesleben und zur Sittlichkeit der Menschheit leisten. Ich betrachte sie lediglich als einen Versuch, menschliches Verhalten und menschliche Werte besser zu verstehen.«
Irgendwann wurde der Rahmen der Vorlesungen enger gefasst und auf »die Förderung von und das Nachdenken über Gelehrtheit und Wissenschaftlichkeit im Zusammenhang mit menschlichen Werten« eingeschränkt.1 Diese Eingrenzung behält den uneindeutigen Ausdruck »Werte« bei – eine Begrifflichkeit, die, losgelöst von der Frage nach dem Wie oder Warum, das bezeichnet, was wir schätzen oder was uns wichtig ist, und eine Begrifflichkeit, die sich so sehr zu ihrem Status als Errungenschaft oder Wahl bekennt, dass das Adjektiv »menschlich« überflüssig ist, außer um zu unterstreichen, dass Werte eine wichtige Dimension des Menschseins ausmachen und vielleicht sichern. Eine solche Einschränkung vollführt allerdings noch ein anderes Kunststück, insofern sie Werte von Gelehrtheit und Wissenschaftlichkeit unterscheidet, aber trotzdem einen »Zusammenhang« mit ihnen festhält. Wird Wissenschaft also getrennt von Werten gedacht, bis sie auf spezifische Weise in ihnen zum Tragen kommt, sie überprüft, philosophisch und historisch einordnet oder anderweitig nachvollzieht? Sind Werte eine Folge von Wissen, in Wissen eingebettet oder bloß durch Wissen beeinflusst oder gelenkt? Besteht gar die vermessene Vorstellung, dass wer – wie Gelehrte oder Wissenschaftler:innen – die Welt kennt, auch weiß, was an ihr schätzenswert ist?
Wie es scheint, bewegt sich auch der geänderte Rahmen der Tanner Lectures noch im Fahrwasser der auf die Aufklärung zurückgehenden Annahme, dass zwischen Wahrheit und Wert ein Unterschied besteht und Wahrheit auf Werte Einfluss zu nehmen vermag. Aus ihm spricht die leise, in diese Unterscheidung, in dieses Vermögen und insbesondere in den Gedanken gesetzte Hoffnung, dass »Gelehrtheit« sich auf die Prinzipien auswirkt, nach denen – individuelle und kollektive – Leben gelebt werden sollten. Er überflutet uns aber auch direkt mit den anderen Auswirkungen der Moderne, in der die Wissenschaft mit Gott und der Tradition erst die Grundlagen der Werte zerstörte, dann den rettenden Wert von Werten zunichtemachte, indem sie ihre ökonomische Bedeutung über alle anderen stellte, anschließend die vermessenen Vorstellungen der Aufklärung in Bezug auf eine Verknüpfung von Wissen und Emanzipation, Wissen und Fortschritt, Wissen und kollektivem Wohl sowie Wissen und der Wahl, was wertvoll ist, bzw. dem Schutz dessen in sich zusammenfallen ließ, was wir für wertvoll halten, und schließlich selbst in eine Krise geriet. Was war Wissenschaft überhaupt, wenn nicht die radikal menschliche Hervorbringung einer Art von Wahrheit, deren Wert höher als alle anderen eingeschätzt wurde, die aber nicht in der Lage war, uns zu sagen, was wir für wertvoll halten oder wie wir die Welt entsprechend gestalten sollen?
All dies ging unserer gegenwärtigen verwirrenden Lage voraus, in der die philosophischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Koordinaten von Wert und Werten sowohl in Bezug auf die Wissenspraktiken als auch auf die Welt zutiefst ungewiss geworden sind. In den alteingesessenen und in den im Verhältnis dazu neueren liberalen Demokratien sind heute hemmungslos antidemokratische Kräfte auf dem Vormarsch, die offen für Autokratien, Theokratien, gewaltsame Ausgrenzungen oder die Vorherrschaft einer »Rasse«, einer Ethnie oder eines Geschlechts eintreten. Sie gehen nicht nur auf politische Gruppierungen und Parteien am äußersten rechten Rand, sondern auf Angriffe auf und Beschädigungen des Wahlsystems von innen und außen, oben und unten zurück, welche vom Bestechen von Politiker:innen durch Schwarzgeld und dem Gewinnen von Wählerschaften durch immer üblichere Desinformationskampagnen bis zu Wahlverzerrungen durch Wählerunterdrückung, Gerrymandering, also die Manipulation von Wahlkreisgrenzen, Unternehmensfinanzierung und ausländische Einflussnahme reichen. Ohne Unterlass revolutionieren die digitalen Technologien Arbeit, Wissen, Regierungsweisen, soziale Beziehungen, Psyche, Soma und Subjektivität. Sie bringen Erweiterungen der menschlichen Fähigkeiten sowie neue Möglichkeiten ihrer Entfremdung, Überwachung und Manipulation mit sich. Darüber hinaus ist die Finanzwelt durch den politisch-ökonomischen Wandel zu einer ungezügelten Kraft geworden, die noch mächtiger und noch unabhängiger vom menschlichen Wohlergehen und vom Gedeihen des Planeten ist als die kapitalistische Warenproduktion. Hinzu kommt das chaotische Interregnum zwischen der westfälischen Weltordnung und dem, was auch immer auf sie folgen mag, das durch noch nie dagewesene Grenzüberschreitungen und Grenzkontrollen im Hinblick auf Ideen, Menschen, Religionen, Kapital, Arbeit, Technologien, Gewalt, Schadstoffe und Güter gekennzeichnet ist. Und dann haben wir noch den durch den Klimawandel verursachten existenziellen Notstand, den starken Rückgang der Biodiversität und die nicht abbaubaren, sich zu in den Meeren treibenden Inseln und Müllhalden an Land aufhäufenden Überreste eines Jahrhunderts manischer Produktion. Dazu gehören auch mehr als eine Milliarde Menschen, die ihrerseits als Abfall gelten. Ein Achtel der Menschheit lebt mittlerweile weltweit in behelfsmäßigen Armensiedlungen, Flüchtlingscamps oder Obdachlosenunterkünften innerhalb oder am Rande der Städte und hat nur in seltenen Fällen Zugang zur zivilisatorischen Grundausstattung wie etwa Sanitäranlagen und Nahrungsmittel, Bildung und medizinische Versorgung sowie Schutz vor der Witterung.
Wo soll man in dieser verwirrenden Gegenwart »Werte« verorten? Zum einen können wir uns nicht ausschließlich nach den von den gängigen politischen und intellektuellen Traditionen gebotenen Orientierungspunkten richten. Das liegt nicht nur daran, dass die Kategorien, Begriffe und Methoden dieser Traditionen oftmals für die Technologien, Kapitalformen und für den Klimanotstand der Gegenwart ungeeignet sind und sich die Erde und menschliches Handeln auf altbackene Weise vorstellen. Vielmehr strotzen sie vor ebenjenen Annahmen und vermessenen Vorstellungen, die viele unserer heutigen Probleme hervorgebracht haben. Diese reichen von einem unbekümmerten Anthropomorphismus und rassistischen sowie sexistischen Humanismus bis zu rationalistischen oder objektivistischen Wissensanmaßungen und Auffassungen von Arbeit, die Fürsorge nicht einbeziehen, oder Auffassungen von »Natur«, die diese als passives Material verstehen. Sie umfassen tiefgehende ontologische und epistemologische Gegensätze – zwischen Natur und Kultur, Tatsache und Wert, Mensch und Tier, Belebtem und Unbelebtem, Zivilisation und Barbarei – und eher prosaische: zwischen Reden und Handeln oder Öffentlichem und Privatem.2 Und sie unterstellen Konzeptionen von Raum und Zeit, die ihre oftmals gewaltsamen, ausschließenden, räuberischen oder kolonialen Eigenschaften verleugnen. Die Methoden, Inhalte, Grenzen oder Weltanschauung[1] keiner einzigen Wissensdisziplin sind gegen solche Vorwürfe gefeit.
Gleichzeitig ist auch eine Theoriebildung de novo vergebliche Liebesmüh, wenn man die Problemkonstellationen der Gegenwart und die Möglichkeiten verstehen will, die sie bergen, und zwar aus mindestens zwei Gründen. Erstens dürfen intelligente Betrachtungen unserer spezifischen Gegenwart historisch nicht unbeleckt sein. Selbst wenn heute bestimmte neue Vermögen, Technologien, Subjektivitäten und politische Gebilde zu verzeichnen sind, müssen wir auch den langfristigen historischen Kräften Rechnung tragen, die deren Rahmen bilden und sich mit ihnen überschneiden – darunter Nihilismus, Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft – und die sich ihrerseits verändern, wenn sie den mannigfaltigen Auswirkungen von Globalisierung und Klimawandel ausgesetzt sind. Zweitens lehnt solch eine komplizierte, zugleich zutiefst historische und die Unverwechselbarkeit der Gegenwart erfassende Betrachtung sich häufig an Studien älterer Theoretiker:innen an. Eine solche Anlehnung erfolgt nicht dadurch, dass man die Machtanalysen, Zustandsdiagnosen, Historiografien oder Transformationsstrategien früherer Denker:innen auf unsere Probleme anwendet, sondern dadurch, dass man mit ihnen und gegen sie über diese nachdenkt. Hinzu kommt, dass viele Gesellschaftstheoretiker:innen und Politikwissenschaftler:innen nicht nur deshalb überdauert haben, weil sie profunde und erhellende neue Bezugsrahmen ersannen, sondern weil sie sich aktiv um eine Kartografie ihrer eigenen verwirrenden Zeiten bemühten. Historisch sind wir nicht die Ersten, die mit dem Problem ringen, dass Menschen so etwas noch nie erlebt haben. Nur das »so etwas« ist eigentümlich für unsere Zeit.
Dies hat mich veranlasst, auf diesen Seiten mit Max Weber zu denken, insbesondere unter Heranziehung seiner berühmten Vorlesungen über Wissenschaft und Politik: »Wissenschaft als Beruf« und »Politik als Beruf«. In diesen in den Jahren 1917 und 1919 auf Wunsch der Studierenden an der Universität München gehaltenen Vorlesungen umreißt Weber die Konturen, Probleme und Potenziale beider Gebiete in einer Zeit, die seiner Meinung nach rasch an Sinn und Integrität verlor und der ein Abstieg in »eine Polarnacht von eisiger Kälte« drohte.3 In seiner beißenden Anklageschrift gegen die Universität seiner Zeit – gegen ihr gönnerhaftes Einstellungs- und Beförderungssystem, die ätzende Politisierung ihrer Forschung und Hörsäle, ihren unter anderem antisemitisch motivierten Ausschluss von vielversprechenden jungen Gelehrten, ihre Überflutung mit kapitalistischen Werten, ihre niedrigen Lehrstandards und ihre Überspezialisierung, durch welche die wissenschaftliche Arbeit ihre Welthaftigkeit verlor – klingen einige Besonderheiten auch der heutigen Zeit an. Das Bild, das Weber von den Bedingungen für integre und zielstrebige angehende Politiker zeichnete, war ebenso trostlos und findet ebenfalls Widerhall in der Gegenwart: Er schilderte eine von Demagogen und Bürokraten, aber wenigen wirklichen Führungspersönlichkeiten bevölkerte und von Parteiapparaten sowie manipulierten Massen beherrschte politische Sphäre. Abgesehen von plebiszitären Formen und Funktionen hielt er Demokratie für nicht lebensfähig. Und für die Moderne beschrieb er ein zwangsläufig von unablässig gegeneinander kämpfenden und unentscheidbaren Werten erfülltes politisches Leben, die ihrerseits das eindeutig politische Umsichgreifen von Zwang und Betrug in sich aufgesogen hatten.
Ungeachtet dieser Relevanzbeteuerungen mag ein Denken mit Weber heute vielen kontraintuitiv, wenn nicht pervers erscheinen. Weber wird häufig dafür verantwortlich gemacht, das sozialwissenschaftliche Wissen des 20. Jahrhunderts auf einen gefährlichen und anmaßenden Kurs falscher Objektivität und ethischer Neutralität mitsamt einer starken Spezialisierung des Wissens und abgeschotteter fachlicher Methoden gebracht zu haben, welche ebenjene Wissenspraktiken untergruben, die für das Verstehen und Kritisieren des Status quo erforderlich waren und ihn nicht bloß widerspiegelten und bestätigten. Mit seinem Namen wird gemeinhin die Begründung der Unterscheidung von nackten Tatsachen und Werten in Verbindung gebracht, auf die sich das Jahrhundert des Positivismus stützte und die nicht nur die einen mit (wenn auch angesichts des nicht endenden wissenschaftlichen Fortschritts vorläufiger) Wahrheit gleichsetzten und die anderen mit subjektiven Urteilen, sondern darauf bestand, dass Wissenschaft wertfrei sein könne und müsse. Weber ist berühmt für seine konservativ wirkende Auflistung ganz unterschiedlicher Handlungs- und Herrschaftsformen, für den Entwurf und die Aufwertung von Idealtypen, die Begründung einer problematischen Religionssoziologie, für die Infragestellung des Marxismus durch eine Beschreibung der Ursprünge des Kapitalismus im Protestantismus und für die Theorie von der durch die Moderne herbeigeführten Rationalisierung und Entzauberung der Welt, die heute gleichermaßen von neuen Materialist:innen, Wissenschaftsphilosoph:innen und Säkularisierungstheoretiker:innen in Frage gestellt wird. Als jemand, der bekannt dafür ist, die Sozialwissenschaften auf seine antinormativen Vorgaben festzulegen, sich den Tiefen der von ihm selbst eingestandenen Hermeneutik zu verweigern und Politik eng zu definieren, wird er heute nur selten zu den Freunden kritischer Theorie gezählt, obgleich sowohl die frühe Frankfurter Schule als auch Foucault an sein Denken anknüpften. Politisch gilt Weber für gewöhnlich als zuversichtlich in Bezug auf Kapitalismus, Staatsmacht und miteinander konkurrierende souveräne Nationalstaaten. Er wird mit starkem deutschem Nationalismus, bemühtem Maskulinismus und einem frühen Angezogensein von dem eigentümlichen Strang des Neoliberalismus identifiziert, der später das Projekt der europäischen Vereinigung in Gestalt von undemokratischen Prinzipien und Techniken prägen sollte.4 Er verherrlicht Machtpolitik* und rühmt die Staaten und Politiker, die sie sich zu eigen machen. Sowohl in politischer als auch in intellektueller Hinsicht gilt er nicht bloß als Realist, sondern als glühender Anti-Idealist.
In Anbetracht solcher Zuschreibungen mag Weber mitschuldig an einigen der finstersten Mächte wirken, die unsere Gegenwart umkreisen, wenn nicht als ihr Architekt. Die obige Zusammenfassung gibt Webers komplexe Konzeptionen von Wissenschaft, Geschichte, Politik, Kapitalismus und Macht allerdings nur sehr reduziert wieder. Einen Großteil der Ambivalenz, Komplexität, Feinsinnigkeit, Originalität und inneren geistigen Konflikte, die Weber so außerordentlich wertvoll für ein Denken mit ihm machen, berücksichtigt sie nicht. Diese Besonderheiten werden in den Vorlesungen »Wissenschaft als Beruf« und »Politik als Beruf« besonders gut sichtbar, die er gegen Ende seines Lebens gehalten hat und die hier im Mittelpunkt meiner Überlegungen stehen.
Weber war ein düsterer Denker. Das lag nicht nur an seiner Domäne, seinem Naturell oder seiner Zeit, so tückisch sie jeweils auch waren. Genauso wichtig war sein unübertroffener Sinn für bestimmte Logiken der Moderne: für ihre charakteristischen Rationalitäten und Machtformen, ihre Erzeugung von »Menschenapparaten« mit beispiellosen Herrschaftsfähigkeiten, ihre gleichzeitige Vermehrung und Geringschätzung von Wert und Werten (ihre Reduktion von Moral auf eine Frage des Geschmacks), die Unzulänglichkeit der Demokratie, sich gegen diese Entwicklungen zur Wehr zu setzen oder sie zu ändern, und die große Herausforderung, unter diesen Umständen eine verantwortungsvolle Lehre und politische Führung zu betreiben. In einer Welt, die seiner Ansicht nach unter dem Würgegriff von für den menschlichen Geist und menschliche Freiheit destruktiven Mächten nach Luft schnappte, ja nachgerade gefährlich war, versuchte er, Praktiken zu entwerfen, wie Gelehrte und politische Akteure mit ihrer Arbeit der Finsternis Einhalt zu gebieten und im für beide schwindenden Licht möglicherweise Zwecke zu setzen oder schwache Hoffnung zu säen vermochten. Dies ist einer der Gründe, sich heute Weber zuzuwenden. Wir brauchen nüchterne Denker:innen, die sich weigern, den Verlockungen von Fatalismus oder Apokalyptik, Wunschträumen von der totalen Revolution oder Erlösung durch den Fortschritt der Vernunft zu erliegen, aber doch mehr sein möchten als Bartlebys oder Fußvolk der geltenden wissenschaftlichen und politischen Ordnung,
Ein zweiter Grund, sich Weber zuzuwenden, betrifft seine Konfrontation mit den Krisen des politischen und akademischen Lebens in der frühen Zwischenkriegszeit, die gewisse Parallelen zu unserer eigenen Zeit aufweisen, darunter auch eine Krise des Liberalismus. In intellektueller Hinsicht hielt Weber Marx und Nietzsche für die geistigen Haupteinflüsse seiner Zeit, und obwohl er beide als tiefe Denker betrachtete, waren sie in seinen Augen auch gefährlich verschroben, weshalb er sich bemühte, die von ihnen inspirierte antiliberale Kritik von links und rechts zurückzuweisen.5 In politischer Hinsicht sah Weber Deutschland im Besonderen und Europa im Allgemeinen durch radikale Massenbewegungen, eitle Demagogen, unverantwortliche Nationalisten und Sozialisten sowie rechtlich-bürokratischen Dirigismus gefährdet – von Akademikern herbeifantasierte Technokratien, die einige Politiker sich zu eigen machten.6Webers Reaktion auf diesen Zustand bestand nicht in der Ehrenrettung liberaler Staatsmänner oder Abgeordneter.7 Vielmehr entwickelte er ein Ideal von Führern als Lenkern und erteilte diesen wiederum den Auftrag, auf vernünftige Weise eine politische Vision zu verfolgen. Er setzte Hoffnung in Personen, welche die Wahldemokratie, den Rechtsstaat und liberale Grenzen für die Regierung respektierten, während sie gleichzeitig ihre Macht und Überzeugungskraft kunstvoll für den Aufbau einer politischen Zukunft nutzten, die sich den Zwängen bürokratischer Verwaltung, ganz zu schweigen vom sozialistischen Dirigismus zu entziehen und über den Stillstand liberaldemokratischer Kompromisse und Kuhhandel hinauszuweisen vermochten.8 Auch wenn wir uns heute Versionen davon im Westentaschenformat bei der Rechten gegenübersehen (Bolsonaro, Trump, Orbán, Erdoğan, Modi), kann man sich weiterhin die Frage nach ihrer Möglichkeit bei der Linken stellen.9 Unabhängig davon, ob sie nach ihrer Rettung streben oder in Bezug auf liberale Demokratien die Flinte ins Korn werfen, beschäftigen linksgerichtete politische Bewegungen sich mehr und mehr mit der Frage der Führung bei großangelegten Transformationen, die über parlamentarische Flickschustereien hinausgehen, aber vor Revolutionen haltmachen. Dies trifft auf linken Populismus, grünen demokratischen Sozialismus und auf Abolitionismus ebenso zu wie auf indigene Politik. Dass Weber insbesondere in »Politik als Beruf« der Krise des Liberalismus und der Demokratie ins Auge sieht, ohne mit der Wimper zu zucken, macht ihn potenziell erhellend für die Krise, der wir uns 100 Jahre später gegenübersehen.10
Ein dritter Grund dafür, heute mit Weber zu denken, und dieser Grund hat mich vor allem zu dieser Abhandlung animiert, besteht in seiner scharfsinnigen Auseinandersetzung mit den geistigen und politischen Problemkonstellationen unserer nihilistischen Epoche. Mit dem Problem des um sich greifenden Nihilismus, der Aggressionen freisetzt und Werte entwertet (indem er neoliberalen Raubbau an Demokratie, sozialer Verantwortung und der Sorge um künftige Generationen betreibt), hatte ich In the Ruins of Neoliberalism geschlossen, ohne einen Weg durch ihn hindurchzubahnen.11Weber mag bekannter für die Formalisierung von Methoden und Idealtypen, für das Herunterbrechen von Hermeneutik in objektive Untersuchungen sozialen Handelns und eine einzigartige Neuformulierung materialistischer Geschichtsschreibung sein, die Werten eine zentrale Stellung einräumt, aber eine solche Auflistung verstellt die Sicht auf seine Bemühungen, die Auswirkungen des Nihilismus sowohl in Wissenschaft als auch in Politik zu bekämpfen. Unverhohlen signalisiert wird diese Besonderheit seines Denkens durch seine häufigen Anspielungen auf Tolstois Fazit, dass der Tod und damit das Leben in der Moderne bedeutungslos seien, und auf Dostojewskis Porträt der ethischen Irrationalität der Welt. Sie zeigt sich in seiner Beunruhigung über die Auswirkungen der Entzauberung, der Rationalisierung und des Wegfalls der Grenzen sowie der Ubiquität von Eitelkeit und Narzissmus im geistigen, politischen und kulturellen Leben. Weber ist kaum einer der komplexesten Nihilismustheoretiker – Nietzsche, Heidegger, Adorno, Rorty, Rosen und Pippin bieten gehaltvollere philosophische Beschreibungen –, könnte aber zu den politischsten zählen. Er konzipiert Nihilismus als einen Beitrag zum gegenwärtigen Zustand von Politik und weist Politik gleichzeitig als eine für die Überwindung des Nihilismus unverzichtbare Plattform aus: Politik ist nicht bloß Macht oder Interesse, sondern der Kernbereich, in dem das, was er als »letzte Werte« oder Weltanschauungen bezeichnet, artikuliert und verfolgt werden kann. Seine unerbittliche Unterscheidung zwischen Tatsachen und Werten in der sozialwissenschaftlichen Forschung und in den Hörsälen ist ebenfalls an die Adresse des Nihilismus gerichtet, der nicht nur Moral und Ethik, sondern auch Wahrheit und Besonnenheit über Bord zu werfen droht.
Es gibt viele Wege, wie sich der gegenwärtigen Zunahme antidemokratischer populärer Kräfte und den heute im Westen aus ihnen Honig saugenden opportunistischen Meistern der Machtpolitik Rechnung tragen lässt. Nur bei einem von ihnen steht die politische Äußerungsform des Nihilismus als eines Gewächses im Vordergrund, das laut Nietzsches Vorhersage binnen 200 Jahren auf dem Grab der Gottheiten und Ideale erblühen würde, die Wissenschaft und Aufklärung zu Fall gebracht haben.12 Heute macht der Nihilismus sich als ubiquitäres moralisches Chaos bzw. als Unlauterkeit bemerkbar, aber ebenfalls als eine Bekundung von Macht und Begehren, die sich nicht nur nicht um Ethik, sondern auch nicht um die Zurechenbarkeit von Wahrheit, um Gerechtigkeit, Konsequenzen oder die Zukunft schert. Der Nihilismus offenbart sich im sorglosen, ja sogar fröhlichen Brechen des Gesellschaftsvertrags mit anderen und mit nachfolgenden Generationen, das sich heute in den alltäglichen Rede- und Verhaltensweisen besonders, aber nicht nur bei der Rechten manifestiert. Er tritt in der bewussten Gleichgültigkeit gegenüber einem fragilen Planeten und fragilen Demokratien in Erscheinung. Er bekundet sich auch in der Normalisierung von Arglist und Kriminalität in Ober- wie Unterschicht und im massenhaften Rückzug ins Triviale, Unmittelbare und Persönliche.13 Er zeigt sich an der strategischen Drapierung politischer Ziele mit »traditioneller Moral«, um die historische Vorherrschaft einer »Rasse«, eines Geschlechts und von Eigentumsrechten wiederzuerlangen bzw. die Wählerschichten zu gewinnen, die solche Vorherrschaften anlocken. Er schlägt sich in den ubiquitären Praktiken zur »Wiederherstellung des guten Rufs« und in dem opportunistischen Sein-Fähnlein-nach-dem Wind-Hängen noch der ernstzunehmendsten Personen des öffentlichen Lebens nieder. Er kommt in noch nie dagewesener populärer Gleichgültigkeit gegenüber Widerspruchsfreiheit, Verantwortlichkeit, ja sogar Aufrichtigkeit unter religiösen und politischen Führern zum Ausdruck. Er scheint in dem unversöhnlichen epistemologischen Patt zwischen rechts und links auf: im erbitterten Eintreten für Religion und Tradition auf der einen und für Vernunft und Fortschritt auf der anderen Seite, ohne Pardon zu geben oder einzugestehen, dass die eigene Fahne auf dem Treibsand weht, auf dem die Schlacht stattfindet. Diese keineswegs vollständige Liste beschränkt sich auf den Nihilismus im öffentlichen Leben.
Für diejenigen, die den Planeten, die Demokratie und die Sorge um Gerechtigkeit vor dem Abgrund bewahren möchten, stellt sich die Frage, was für Aussichten eine Politik hat, die den Nihilismus zu überwinden, zu vertreiben oder durchzuarbeiten bzw. zumindest seine schlimmsten Auswirkungen abzuwehren oder zu umgehen vermöchte.14 Und wie ließe sich die Hervorbringung, Auswahl und Weitergabe von Wissen vor nihilistischen Kräften schützen oder besser noch für deren Überwindung nutzen? Unter anderem diese Fragen spricht Weber in seinen Vorlesungen über »Wissenschaft als Beruf« und »Politik als Beruf« direkt an.
Mit dem Wort Nihilismus will ich nicht andeuten, und auch Weber hat das nicht getan, dass alle Werte aus der Welt verschwunden sind oder das Leben für weitgehend sinn- bzw. bedeutungslos gehalten wird. Wenn man ihn eher als Zustand denn als kontingente Haltung versteht, kommt der Nihilismus in der Moderne auf und führt gleichzeitig zu unübersehbaren Problemen in Bezug auf den in ihrem Rahmen möglichen Sinn. Einerseits ist es schwierig, Kriterien, ganz zu schweigen von Begründungen für Sinn und Werte zu finden, ohne sich dabei auf in Misskredit geratene Quellen zu berufen – Religion, Tradition oder Logik –, was solche Rückgriffe unvermeidlich reaktionär und unversöhnlich macht.15 Auf der anderen Seite entpuppt sich der Fortschrittsglaube als säkularisierte Version des tausendjährigen christlichen Reichs, die sich empirisch mit dem Scheitern der Moderne vermengt, für allgemeinen Frieden, Wohlstand, Glück oder Freiheit zu sorgen. Wenn die Berufung auf Ursprünge und ein Telos auf diese Weise ins Wanken gerät, verlieren die Pläne für einen Wandel ihre Zielgerichtetheit, als ob wir, wie Nietzsche es ausgedrückt hat, »die Erde von der Sonne loshefteten«.16 Mittlerweile drehen wir uns halt- und ahnungslos im Kreis, voller Ungewissheit, was wir bejahen und was wir verneinen sollen, ohne Gespür für die Zeitlichkeit und die Richtung des Laufs der Geschichte. Unerträglicherweise stehen unter diesen Bedingungen auch Zweckbestimmung und Urteilsvermögen nackt da.
Doch das ist noch nicht alles. In Webers Augen untergräbt Wissenschaft* – worunter nicht nur die Naturwissenschaften zu verstehen sind, sondern das gesamte systematische und weitergebbare akademische Wissen, einschließlich der Geisteswissenschaften – die Grundlagen von Religion, ohne ihr Weiterbestehen zu verhindern. Wer in einer rationalen und rationalisierten Welt religiös sein möchte, erklärt
