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"Ich versuche immer noch zu begreifen, warum ich damals nichts begriffen hatte." - Dieser Gedanke verfolgt Renate Delfs seit Jahrzehnten. Sie und Rike Schmid lernen sich 1999 bei Dreharbeiten kennen. Daraus erwächst eine bis heute andauernde Freundschaft. In Briefen tauschen sie sich über viele Jahre hinweg aus. Bald kristallisiert sich als zentrales Thema die Zeit des Nationalsozialismus heraus, die Renate Delfs als junges Mädchen miterlebte. "Hast du dich als Teil des Systems gefühlt?", "Wie sah dein Alltag aus?", "Wann hast du begonnen, genauer hinzusehen?" - Fragen, die die jüngere Frau bewegen und die die ältere mit großer Offenheit beantwortet. Ein spannender und sehr persönlicher Dialog zwischen zwei Frauen, die sich immer wieder fragen: Wie führe ich in meiner Gegenwart ein aufrechtes Leben?
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2016
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©Für die Originalausgabe und das eBook: 2015 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten.
Der Abdruck des Gedichts Meine Neugier von Marie Luise Kaschnitz erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Graf & Graf GmbH.
Umschlaggestaltung: Wolfang Heinzel
Umschlagfoto: © Linda Rosa Saal
Satz und eBook Produktion: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering
ISBN: 978-3-7766-8214-4
Vorwort
»Ich denke jeden Tag daran«, hat meine Freundin und Schauspielkollegin Renate Delfs einmal zu mir gesagt. Sie ist heute neunundachtzig Jahre alt und hat die Zeit des Zweiten Weltkriegs als junges Mädchen miterlebt. Ich, Rike, bin fünfundfünfzig Jahre jünger und als Kind der Achtziger und Neunziger in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen.
Kann ich deshalb unbeschwert meinen Weg gehen, fernab von den Ungeheuerlichkeiten des Faschismus? Oder sollte ich, muss ich diese Zeit vielmehr in Bezug auf mein eigenes Leben betrachten, um mich bewusst mit der heutigen Welt auseinandersetzen zu können? Mein Austausch mit Renate über ihre Kindheit im Nationalsozialismus hat mir vor Augen geführt, wie sehr mich persönlich eine Vergangenheit beschäftigt, die ich doch nur aus Erzählungen kenne.
1999 lernte ich Renate bei der ARD-Serie »Aus gutem Haus« kennen. Ich spielte einen widerspenstigen Teenager und Renate meine nicht weniger widerspenstige Großmutter. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Renates norddeutscher Humor, ihr großzügiges Herz und ihre Lebenserfahrung haben mir gutgetan. Als junge Schauspielerin freute ich mich, eine kluge ältere Kollegin als neue Freundin zu gewinnen. Wenn ich Sorgen hatte, war sie die Erste, der ich mich anvertraute. Nachdem unsere gemeinsame Arbeit zwei Jahre später beendet war, beschlossen wir, in Verbindung zu bleiben, und begannen, uns Briefe zu schreiben. So ist das entstanden, was wir heute Nimm mich mit nach Gestern nennen. Es sind Briefe zweier Frauen, die sich in diversen (Lebens-)Rollen ausprobieren, nach ihrer Identität suchen und sich fragen, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Die Jüngere fragt die Ältere, wie es gelingen kann, die zu werden, die sie sein möchte. Die Ältere antwortet und erzählt, wie sie die wurde, die sie ist. Während ich in eine unbestimmte Zukunft hineinschreibe, schreibt Renate in eine schon da gewesene Vergangenheit zurück.
So wird aus unserem Briefwechsel bald ein Austausch über Renates Erleben des Nationalsozialismus als junges Mädchen. Wir verwickeln uns schreibend in ihre Geschichte und begegnen in unserer gemeinsamen Gegenwart vielen Fragen, die uns nicht mehr loslassen.
Außen und Innen bedingen einander. Renate und ich sind in völlig verschiedenen Welten aufgewachsen; Renate im Krieg, ich im Frieden.
Als wir uns kennenlernten, war ich neunzehn Jahre alt und geradewegs vom Gymnasium an einem Filmset gelandet. Ich war unsicher und ängstlich, weil ich nicht wusste, wie ich meinen zukünftigen Aufgaben beim Film und im Leben gerecht werden kann, blickte aber auch freudig-gespannt meiner Zukunft entgegen.
Renate stand 1945 mit neunzehn Jahren vor den Trümmern des kriegsversehrten Deutschland und hatte mit ganz anderen inneren Konflikten zu kämpfen als ich in diesem Alter. Sie musste einsehen, dass sie in einer grausamen Welt eine verhältnismäßig unbeschwerte Jugend erlebt hatte. Bis heute versucht Renate zu begreifen, warum sie in ihrer Jugend nichts begriffen hatte.
Heute in Deutschland aufzuwachsen bedeutet, die historische Erfahrung des Nationalsozialismus im Rücken zu haben. Ich wusste schon als junges Mädchen, was Renate als Mädchen nicht wusste oder wahrgenommen hatte. Was habe ich aber mit meinem durch Schule, Eltern oder Büchern vermittelten Wissen angefangen? Auf meine eigene Zukunft gerichtet habe ich mich sicher nicht ständig gefragt, wie es anderen Mädchen aus vergangenen Generationen erging. Durch Renates Berichte stellte ich fest, über vieles in der Generation meiner Großeltern ganz anders gedacht oder zu wenig nachgeforscht zu haben.Während ich also erst begann, mich zu fragen, wie ich mit meinem Wissen umgehe, fragte sich Renate schon seit Jahrzehnten, wie es zu ihrem Nichtwissen kommen konnte.
Ihre Briefe erzählen davon – sie erzählen mir, wie sie heute mit ihrer Scham über ihre damals fehlende Wahrnehmung umgeht, wie sich ihr Bewusstsein über ein langes Frauenleben entwickelte, was aus einer solchen Erfahrung erwächst – trotzdem oder gerade deshalb.
Schreiben heißt: den Versuch machen, zu verstehen. Das Papier ermöglicht, Widersprüchlichkeiten eines Ichs unter die Lupe zu nehmen. Einander schreiben heißt: genau zuhören. Weil Renate mich auf eine Reise in ihr Gestern mitgenommen hat und wir uns darüber mit der Ambivalenz unserer Existenz beschäftigt haben, ist zwischen uns eine besondere Verbundenheit entstanden. Und eine der für mich schwersten Auseinandersetzungen. Unser Briefwechsel bleibt ein Versuch, dem Thema Nationalsozialismus persönlich näherzukommen. Das Begreifen findet allenfalls zwischen den Zeilen statt. In der Konfrontation mit jener Vergangenheit erfasst mich stets auch Hilflosigkeit. Das »Ich verstehe es einfach nicht« steht immer da. Genau wie die Befürchtung, das Thema nicht »richtig« anzugehen. Diese Angst bleibt.
Häufig ergänzte Renate nachträglich ihre Erzählungen aus alten Briefen, ich hinterfragte daraufhin meine eigenen neu, ergänzte meinerseits und stellte ihr andere Fragen. So war unser briefliches Gespräch ein ständiges Vor und Zurück, das schon Geschriebene ließ uns keine Ruhe.
Als die Idee aufkam, unseren Briefwechsel zu veröffentlichen, ergriffen mich Zweifel. Was würde passieren, wenn Dritte unsere Unterhaltung zu lesen bekämen? Ich wühlte mich durch unsere Briefe, Ergänzungen und Notizen, verfasste eine zwanzigseitige Einführung und versah unsere Texte geflissentlich mit Zitaten von Wissenschaftlern und Journalisten – denn ich glaubte, ich würde unseren Austausch erklären müssen. Inzwischen habe ich das alles in den Papierkorb befördert. Auch wenn ich mich gerne hinter klugen Worten von Historikern oder Feuilletonisten verstecken würde: Ich kann nur für mich sprechen.
So möchte ich auch davon erzählen, dass ich mich in manchen Jahren gar nicht mit unseren Briefen beschäftigte. Zuweilen versuchte ich, das Thema, das sich durch Renate in mein Leben einschrieb, wieder abzuschütteln, loszuwerden. Das Gefühl, einer steingewordenen Vergangenheit machtlos gegenüberzustehen, sie nicht ändern zu können und ihr dennoch immer wieder zu begegnen, stört das eigene Fortkommen. Die ganze Sache ist zu groß.
Also sich lieber dem Alltag zuwenden, sich auf das eigene Leben konzentrieren? Ja. Auch. Nur habe ich das Unerklärliche inzwischen im Gepäck.
Der Holocaust ist geschehen. Die Erinnerung daran, sei es gelebte oder gelernte Erinnerung, ist nicht loszuwerden. Sie ist immer da, ob wir sie zulassen oder nicht. Es ist mir zuwider, in einer Welt zu leben, in der so etwas möglich war und ist. Niemand, den ich gut kenne, will das, hätte es gewollt, selbst die, die dabei gewesen sind, wollen es nicht gewollt haben. Aber es ist trotzdem geschehen. Das ist es vor allem, was mich an Renates Briefen beschäftigt hat.
Fragen zu stellen und sich den Fragen zu stellen hat mir geholfen, mich der Unbegreiflichkeit des unumstößlich Dagewesenen anzunähern. Aus Renates Geschichte, ihrer persönlichen Geschichte zu lernen, archiviertes Wissen dadurch anzukratzen und aufzuwühlen, das sind Störgeräusche geworden, die ich für mich und die Entwicklung meiner Identität nicht mehr missen möchte.
Ich habe Antworten gesucht und finde immer wieder neue Fragen. Und auch Renate ist mit ihren neunundachtzig Jahren weit davon entfernt, einen Punkt hinter ihr Nachdenken über diese Zeit zu setzen. Unser Briefwechsel hat hier einen Anfang und ein Ende. Abgeschlossen ist er dennoch nicht.
Rike Schmid, 2014
Meine Neugier
Meine Neugier, die ausgewanderte, ist zurückgekehrt.
Mit blanken Augen spaziert sie wieder
Auf der Seite des Lebens.
Salve, sagt sie, freundliches Schiefgesicht,
Zweijährige Stimme, unschuldig wie ein Veilchen,
Grünohren, Wangen wie Fischhaut, Tausendschön
Alles begrüßt sie, das Hässliche und das Schöne.
Gerade als hätte ich nicht schon längst genug,
Holt sie mir meinen Teil, meinen Löwenteil,
An dem, was geschieht, aus Häusern, die mich nichts
angehen.
Ein Ohr soll ich haben für jeden Untergang
Und Augen für jede Gewalttat.
Die schönste Abendröte kommt dagegen nicht auf,
Die zartesten Gräser sind machtlos.
Wie sehne ich mich nach der Zeit, als sie nichts zu
bestimmen hatte,
Als ich hintrieb ruhig im Kielwasser des Todes,
In den milchigen Strudeln der Träume.
Vergeblich jag ich sie fort, meine Peinigerin.
Da ist sie wieder, trottet und hüpft,
Streift mich mit ihrem heißen Hündinnenatem.
Vergeblich beklage ich mich.
Was für ein schreckliches Lärmen,
Was für ein Gelauf und Geläute,
Was für eine Stimme, die aus mir selber kommt,
Spottdrosselstimme, und sagt,
Was willst du, du lebst.
Marie Luise Kaschnitz, 1962
© Linda Rosa Saal
Juli 2001
Liebe Renate,
steckst Du gerade in Deinem schönen Rosengarten oder schwimmst Deine Runde in der Ostsee? Einige Wochen sind vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Hoffentlich genießt Du den Sommer in vollen Zügen? Ich hatte ja versprochen, Dir zu schreiben, wie es mir nach dem Ende unserer gemeinsamen Arbeit ergangen ist. Was kann ich Dir also berichten?
Mir fiel nach meiner Rückkehr aus Bremen nichts Besseres ein, als in Urlaub zu fahren. Jetzt sitze ich auf dem Balkon meines Hotelzimmers, die Sonne scheint mir auf den Bauch, und vor mir liegt das Meer. Eigentlich sollte es mir gut gehen. Aber ich kann mich an all dem hier nicht richtig erfreuen, kann nicht von einem sorglosen Urlaub schwärmen, so, wie es sich für anständige Briefe aus den Ferien gehört. Ich habe Schwierigkeiten einzuordnen, was alles passiert ist, so schnell, wie sich mein Leben seit dem Abi verändert hat. Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergeht, wo ich hingehöre.
Die Bremer Wohnung habe ich inzwischen geräumt, sie war nur eine Zwischenstation. Jetzt wohne ich wieder in Köln bei meinen Eltern, der Heimat meiner Kindheit, der ich entwachsen bin. Ich möchte bald ausziehen – aber wohin? Es steht mir ja alles offen, und ich versuche herauszufinden, von welchem Ort aus ich meine Flügel ausbreiten möchte. Ich will so vieles schaffen. Mich an Schauspielschulen bewerben, einen Drehbuchkurs belegen, aber auch weiter studieren, vielleicht ins Ausland gehen … Am liebsten würde ich alles gleichzeitig machen. Vor allem will ich spielen. Seit ich denken kann, will ich Schauspielerin werden. Die Rolle bei unserer Serie hat mir unverhofft einen Einstieg ermöglicht, aber vielleicht bin ich einfach nicht gut genug, nicht hübsch und stark genug, um in diesem Beruf zu bestehen.
Gerade kam ein neues Angebot hereingesegelt, meine erste Rolle in einem Fernsehfilm. Natürlich freue ich mich, aber ich habe Angst davor, zu versagen. Der Film heißt »Die Hochzeit«, und ich soll die Braut spielen. In der Figurenbeschreibung steht: »eine wunderschöne, selbstbewusste, junge Frau«. Dass ich nicht lache. Fünf Kilo zu viel auf den Rippen, ein pickeliger Ausschlag von der Sonne und so nervös wie vor der Abiturprüfung.
Wahrscheinlich muss ich einfach lockerer werden, mich entwickeln, lernen, mir Zeit lassen – und dann ergibt sich das von selbst, was meinst Du? Ich bin so unsicher. Wie kann ich mich an einem Filmset behaupten? Wenn wir zusammen gespielt haben, habe ich mich immer wohlgefühlt. Du hast mich als Anfängerin angenommen und gestützt. Im Spiel bist Du neugierig und wach, abseits der Kamera strahlst Du eine große Ruhe aus. So gerne würde ich mir an Dir ein Beispiel nehmen. Wie hast Du es geschafft, mit Anforderungen gelassen umzugehen, Dich auf Dich zu verlassen? Ich werde ständig aus mir herausgeschleudert, möchte es immer allen recht machen. Aber so funktioniert es nicht in diesem Beruf, nicht wahr?
Renate, es ist doch wirklich merkwürdig. Wenn ich allein daran denke, dass ich nun eine Braut spielen soll. Das Thema »Heiraten« ist so weit weg, weiter weg könnte es gar nicht sein. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, D. zu heiraten, dafür fühle ich mich wirklich noch zu jung. Aber ich habe mir schon gewünscht, dass mehr aus uns wird. Er hat mich wahrscheinlich längst vergessen. Es ist eben nicht jeder so pathetisch wie ich und sieht gleich in Leuchtbuchstaben das Wort »Schicksal« aufleuchten. Ich bin so gefühlsduselig, das werde ich mir auch noch abgewöhnen.
Inzwischen frage ich mich, ob ich mich nur in ihn verliebt habe, weil er so ein wilder, aufstrebender Jungschauspieler ist. Wir haben uns ja eigentlich nie richtig miteinander unterhalten. Er hat mir kaum Fragen gestellt, wollte nichts über mich wissen. Als ich ihn mal darauf angesprochen habe sagte er: »Rike, was soll ich dich denn fragen …« Ich dachte, jeder Schauspieler interessiert sich schon von Berufs wegen für andere Menschen. Nur: Habe ich mich wirklich für ihn interessiert, seine Seele, seine Sorgen, oder ging es mir um das Bild einer »filmreifen« Beziehung? Ich bin mir nicht sicher. Wenn ich nur wüsste, wann ich mir selbst etwas vormache und wann nicht. Ich kriege mich einfach nicht zu fassen, meine Gefühle, meine Fähigkeiten, meine Zukunftspläne – überall nur Fragezeichen.
Im Spielen zählt der Moment, das finde ich toll. Als würde die Welt außerhalb dessen, was die Kamera erfasst, stillstehen. Und gleichzeitig entsteht vor der Kamera eine andere Welt. Wenn ich eine Figur spiele, nicht ich selber sein muss, kann ich loslassen. Aber ich sollte ja in der Realität auch irgendwie mit mir zurechtkommen. Obwohl ich nicht weiß, wer ich bin, wohin ich soll, und ob das, was ich tue, richtig und gut ist. Wie hast Du all das herausfinden können? Was hat Dich in meinem Alter beschäftigt? Und darf ich Dich fragen, wie es heute für Dich ist, alt zu sein? Wie schaust Du auf das Leben und auf Dich selbst? Wahrscheinlich werde ich Dich zum Lachen bringen mit dem pubertären Kram, den ich hier zusammenschreibe. Ich hoffe, es wird ein herzliches Lachen sein, Dein Lachen, das ich so lieb gewonnen habe. Es hat mir immer Kraft gegeben, wenn Du mir von Dir erzählt hast, und ich freue mich, wenn ich Dich weiterhin »anzapfen« darf. Wenn Du Lust hast, mir zu schreiben, würde es mich sehr freuen!
Herzliche Grüße aus Portugal,
Deine Rike
Oktober 2001
Meine liebe Rike,
ich danke Dir für Deinen schönen Brief aus Portugal vom Juli. Ich habe eine lange Zeit gebraucht, bis ich die richtige Ruhe und Stimmung hatte, Dir zu antworten. Es ist so viel passiert in den letzten Wochen und Monaten, und wir alle sind wohl noch nicht frei von den Sorgen um die Zukunft unserer Erde. Noch im August war ich zehn Tage in Trumansburg bei der Familie meines Sohnes Andreas und bei einem seiner Konzerte in New York, er ist ja Dirigent. Am 11. September kam dann die große Katastrophe.
Der Gedanke an meine Familie war natürlich gleich obenauf, denn Trumansburg ist nicht allzu weit von New York entfernt. Die Angst begleitet mich immer noch. Ich werde nie vergessen, dass die Nachricht mich traf wie ein Keulenschlag. Ich saß vor der Glotze und konnte kaum mehr atmen. Es klingelte an der Haustür, und davor stand ein Bekannter, der aus Konstanz hier in Flensburg war und mich mal besuchen wollte. Ich sagte nur: »Ich kann jetzt keinen Besuch haben«, und schickte ihn fort. Was da geschehen ist, verunsichert uns alle auf schreckliche Weise.
So hoffe ich, dass es Dir gut ergeht und Du nicht allzu sehr von den Ereignissen erschüttert wurdest.
Ich denke gern an unsere gemeinsame Arbeit im »Guten Haus« zurück, besonders an die Zeit mit unserem lieben Regisseur Lars, und gern an Peter, den klugen und warmherzigen Kameramann. Und ich erinnere mich auch daran, dass ich Dich in Deiner vorsichtigen und bescheidenen Art ganz schnell in mein Herz geschlossen habe, und dass ich dachte: »Wenn ich in ihrem Alter schon so schön und gescheit gewesen wäre, hätte ich vielleicht ein bisschen mehr Selbstsicherheit gehabt.« (Hatte ich aber nicht, ich fand mich dick und doof.)
Ich glaube, ich verstehe Dich sehr gut mit Deinen Versuchen, Dir klarzumachen, wer Du bist und was Du mit Deinem Leben anfangen willst. In gewisser Weise ging es mir ähnlich, wenn auch die Zeiten damals so viel anders waren. Ich weiß nur genau, dass ich während meiner Buchhandelslehre viel über das nachgedacht habe, was Du jetzt beschreibst.
Dass ich mit dem Buchhandel überhaupt ein knappes Jahr nach Kriegsende beginnen konnte, war zunächst eine Notlösung, weil ich nicht weiter Theaterwissenschaften studieren konnte. Ich war aber dennoch zufrieden mit dem, was sich mir bot. Ich lernte damals nach dem Krieg eine ganz neue Welt kennen und nahm alle Eindrücke neugierig in mich auf. Ich machte mir nicht allzu viele konkrete Gedanken darüber, wie es mit mir weitergehen würde. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann war eigentlich mein Leben in dem damals vielleicht doch etwas spießigen Flensburg nicht ganz das, was ich anstrebte. Ich sah drei Möglichkeiten für mich: Blaustrumpf*,1doch irgendwie noch Schauspielerin, oder einen von den Flensburger Kaufmannssöhnen zu heiraten.
Dann lernte ich meinen Mann kennen, und es wuchs eine besondere Gemeinschaft und Übereinstimmung in uns auf, die sich zunehmend in Liebe verwandelte. Liebe, die auch fünfzig Jahre nach seinem Tod unverändert ist. Und dann ergaben sich andere Perspektiven, mit den Kindern und dem Beruf und später mit dem Alleinsein.
Ich will mit all dem nur sagen, liebe Rike, dass ich nie viel Zeit hatte, über meine Befindlichkeit nachzudenken. Obwohl ich eigene Wünsche für mich hatte, ging es erst mal darum, die nächste Stufe zu erklimmen.
Aber ich wollte mein Leben nicht nur an die Kinder binden, ich wollte auch etwas Eigenes. »Häng dein Herz nicht so an die Kinder«, das hatte mein so kluger Mann oft zu mir gesagt, »sie werden eines Tages gehen, und wenn wir Glück haben, sagen sie: Vielen Dank, es war sehr nett bei euch.« Mein Mann ist 1963 gestorben. Dass ich dann zwei Jahre später den Entschluss fasste, bei der »Niederdeutschen Bühne« anzufragen, ob ich »mitspielen« dürfe, war, wie ich es heute sehe, meine Lebensrettung. Und ich durfte sofort! Mit vierzig konnte ich einen alten Traum verwirklichen. Die Kinder waren neun, sieben und fünf Jahre alt, meine Mutter und unsere Kinderfrau Sellmi halfen mir, und so ließ es sich gut organisieren, wenn ich abends zu Proben ging. Nun lernte ich eine besondere Sorte Mensch kennen, die sich aus reiner Freude dem Theaterspielen verschrieben hatten und die mir wirkliche Freunde wurden. Leider leben die meisten von ihnen nicht mehr. Wir waren alle »Laien«, »Amateure« – früher hat man so etwas »Liebhaberbühne« genannt. Ich glaube, den Kindern tat das auch gut, sie hatten wieder eine fröhlichere Mutter, und wenn wir die Gage ausbezahlt bekamen, kriegte jeder der Jungs zehn Prozent ab.
Wenn ich heute zurückschaue, fühle ich eine tiefe Dankbarkeit. Paul Gerhardt hat in seinem Lied »Befiehl du deine Wege« gedichtet: »Der Wolken, Luft und Winden, gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.« Da waren für mich viele Wege, die mein Fuß gehen konnte und kann.
Als Du mich in Deinem Brief nach meinem Leben fragtest, ist mir noch etwas anderes eingefallen. Ichhabe mich an ein Gespräch erinnert, das wir während unseres gemeinsamen Drehs mit einer jungen Kollegin führten. Wir plauderten in einer Pause über meine Erfahrungen, und ich ließ ganz beiläufig das Wort »Arbeitsdienst« fallen. Eine von Euch fragte: »Was war das eigentlich genau?« Ich erklärte, dass das eine Dienstverpflichtung war, ohne die wir nach dem Abitur keine Zulassung zu einer Universität bekommen konnten: kein Reichsarbeitsdienst – keine Immatrikulation. Aber der Arbeitsdienst war nicht nur wichtig fürs Studium, alle Achtzehnjährigen wurden dazu herangezogen. Als dann von Deiner Kollegin plötzlich die Frage kam: »Warum habt Ihr Euch das gefallen lassen?«, fiel ich fast vom Hocker, denn die Vorstellung, dass wir uns zu jener Zeit irgendwas hätten nicht gefallen lassen können, war geradezu abenteuerlich. Da wurde mir klar, wie wenig heute die eine Generation noch von der anderen weiß.
Wenn Du möchtest, kann ich Dir eine Menge darüber erzählen, wie ich damals groß geworden bin. Es ist doch eine Zeit, die mich bis heute nicht loslässt. Ich erinnere mich an eine Vielfalt von Details und habe über die Jahre viele Aufzeichnungen gemacht, die ich schon oft sortieren wollte. Wie wäre es, wenn ich Dir unser Leben von damals in Briefen schildere? Würde Dich das interessieren?
Ich freue mich jedenfalls, wenn wir uns weiterhin schreiben, und wünsche Dir viel Zuversicht für Deine zukünftigen Aufgaben.Hab Vertrauen, Rike – zu Dir und dem, was für Dich bestimmt ist und was (noch) auf Dich wartet. Wie gerne würde ich in die Zukunft blicken, um Dir mit Gewissheit sagen zu können, dass ein guter Weg vor Dir liegt!
In herzlicher Freundschaft,
Deine Renate
1* »Blaustrumpf« war eine Bezeichnung für gebildete, aber als unweiblich geltende Frauen. Der Begriff geht zurück auf Frauen, die sich im Rahmen der Emanzipationsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts u. a. für das Frauenwahlrecht und den Zugang zu Hochschulen einsetzten.
Renate und Rike 1999 am Set der Serie »Aus gutem Haus«, ARD.
© Ulrike Beelitz
Januar 2002
Liebe Renate,
es ist mir ein bisschen unangenehm, wenn ich daran denke, was mich in meinem letzten Brief an Dich umgetrieben hat. Jungs, Aussehen, Eitelkeiten. Du schreibst, Du hattest oft gar nicht die Zeit, Dir über »Befindlichkeiten« den Kopf zu zerbrechen. Ich glaube, ich habe manchmal zu viel Zeit dafür, verliere mich in Selbstzweifeln, die mich unnötig beschweren und mutlos machen.
Du hast recht, der 11. September hat mich erschüttert. Diesen Tag werde ich nicht mehr vergessen. Für den Film, von dem ich Dir schon erzählt habe, hatte ich einen Drehtag in einem gemütlichen Dorf in Brandenburg. Plötzlich stürmte eine Kollegin mit leichenblassem Gesicht das Set – die Hochzeitszeremonie im Standesamt –, ihr Handy noch in der Hand, und teilte uns die »Breaking News« mit, die sie gerade von einem Freund aus Amerika erhalten hatte. Für uns alle war die Nachricht kaum zu fassen: Terroranschlag auf das World Trade Center. Wir versuchten, mehr Informationen zu bekommen, und fanden eine Dorfkneipe, in der ein Fernseher eingeschaltet war. Eine ganze Menge Leute hatten sich schon in der Kneipe versammelt. Alle starrten hoch auf den Bildschirm. Immer wieder die gleichen Bilder: die brennenden Türme, die Flugzeuge, Feuer, schreiende Menschen, Staub, Chaos, fassungslose Nachrichtensprecher.
Nach einer Weile sagte der Aufnahmeleiter, wir müssten unsere Arbeit wieder aufnehmen, der Regisseur hätte es so angeordnet. Hinterher habe ich erfahren, dass andere Produktionen an diesem Tag die Dreharbeiten abgebrochen haben. Wir nicht. Unser Regisseur war der Meinung, es sei geradezu eine Pflicht, weiterzumachen, denn sonst hätte der Terror erst recht gewonnen. Einerseits habe ich verstanden, dass der Terroranschlag keinen Einfluss haben darf auf die Aufgaben, die wir bewältigen müssen. Andererseits habe ich gedacht: Wir können doch nicht einfach weitermachen wie geplant.
So oder so, ich hatte keine Wahl und habe an diesem Tag noch »geheiratet«. Umringt von mechanisch klatschenden Komparsen, die uns mit aufgesetzter Fröhlichkeit mit Reis bewarfen, standen mein Bräutigam und ich mühsam lächelnd in der Menge. Wenn ich später irgendwann einmal den Film sehe, werde ich wissen, was ich in dieser Szene wirklich gefühlt habe. Ich hatte Angst. Bricht jetzt ein Krieg aus, der mich direkt betrifft? Bisher wähnte ich mich in der Sicherheit, meine Welt sei von Krieg und Terror unberührt. Terror fand immer woanders statt, weit entfernt von mir. Ich fühlte mich sicher eingerichtet in meiner kleinen westlichen Welt – und plötzlich fühle ich mich bedroht.
Was soll ich denken, mit meinen zweiundzwanzig Jahren, über so viel Hass? Was soll ich halten von einem George W. Bush, von Osama bin Laden? Lässt sich hier Gutes und Böses eindeutig voneinander trennen? Die widersprüchlichen Nachrichten und die Gespräche, die ich inzwischen über den Anschlag geführt habe, verwirren mich. Offensichtlich existieren da draußen Parallelwelten, in die ich nie einen Einblick erhalten werde. Diese Machenschaften um Geld und Öl, der Kampf um die »richtigen« Werte, diese vertrackte Mischung aus religiösen Haltungen und finanziellen Interessen durchblicke ich einfach nicht. Ich will im Zusammenleben mit anderen nicht von Angst bestimmt werden.
Eine Freundin erzählte mir vor Kurzem, dass sie im Flieger neben einem muslimisch aussehenden Mann saß, der »komische Schriftzeichen« in ein Buch notierte und dabei so »seltsam geschwitzt hat«, dass sie kurz davor gewesen sei, die Stewardess zu informieren. Ich will nicht so sein. Ich will nicht, dass mein Blick auf fremde Menschen von Misstrauen zerfressen ist. Soll ich jetzt jeden Mann mit dunklem Bart für einen Terroristen halten?
Deinen Eindruck von mir, ich sei ein gescheites Mädchen, kann ich nicht bestätigen. Die Verwirrung in meinem Kopf erzählt mir etwas anderes. Aber die Wahrheit liegt irgendwo rum. Und ich kann sie finden, oder? Oder sollte ich das gar nicht erst versuchen, weil sie mich und meine Welt vollständig aus den Angeln reißen würde? Ich finde mich in dieser Zeit nicht zurecht.
Wie sah Deine Welt aus, als Du in meinem Alter warst? Das interessiert mich sehr! Du hast angedeutet, wie sehr Dich Deine Kindheit und Jugend in Nazideutschland bis heute beschäftigen. Der Krieg brach 1939 aus, da musst Du vierzehn, fünfzehn Jahre alt gewesen sein. Wie konntest Du leben im Krieg, wie wird man erwachsen in solch einer Zeit? Die Zwänge, unter denen Du als junges Mädchen standst, sind für mich schwer vorstellbar. Dennoch frage ich mich, warum sich damals nicht viel mehr Menschen gegen das Regime aufgelehnt haben. Wie war das bei Dir? Du sagst, Du hast keine andere Möglichkeit gesehen, als Dich an die Bestimmungen der Nazis zu halten, Dir ihre Vorgaben über Deinen Weg »gefallen zu lassen«. Weil Du die Welt genauso wenig verstanden hast, wie ich sie heute verstehe? Ist das überhaupt vergleichbar?
Das faschistische Regime bestimmte damals das Leben in Deutschland, und auch wenn mein Vertrauen in meine Welt gerade brüchig wird, führe ich unbestritten ein viel freieres Leben als Du zu jener Zeit. Wahrscheinlich wäre es lebensgefährlich gewesen, hättest Du gegen die Auflagen der Regierung verstoßen. Hast Du das trotzdem irgendwann einmal versucht? Hast Du begriffen, dass Du in einem System aufwächst, in dem etwas grundsätzlich falsch läuft? Du warst als junge Deutsche ein Teil des Systems, hast Du Dich auch als Teil dessen gefühlt? Was hat das alles mit Dir gemacht? Renate, ich bestürme Dich gleich mit Fragen. Kann ich sie Dir überhaupt einfach so stellen? Ich weiß nicht, was Du konkret erlebt hast, vielleicht sind es sehr schwere Erinnerungen für Dich, und ich möchte nichts Falsches sagen.
Ich habe einiges über diese Vergangenheit gelernt, bin in einem Deutschland aufgewachsen, das sich damit kritisch auseinandersetzt. Aber diese mächtige Zeit ist für mich immer noch sehr abstrakt, ich habe sie nicht miterlebt. Du aber schon. Vielleicht kann ich aus Deinen Erzählungen etwas lernen für die Zeit, in der ich aufwachse? Hast Du nach wie vor Lust, Deine Erinnerungen niederzuschreiben und sie mir zu schicken? Ich würde so gern mit Dir darüber ins Gespräch kommen!
Hoffentlich geht es Dir und Deiner Familie in den USA gut, sodass Du Dich nicht mehr allzu sehr sorgen musst. Ganz herzliche Grüße sende ich Dir – noch – aus Köln, denn es ist entschieden: Ich ziehe nach Berlin!
Bis ganz bald,
Deine Rike
Mai 2002
Liebe Rike,
wie schön, dass wir uns beide entschlossen haben, unsere Gespräche schriftlich fortzusetzen. Es freut mich, dass Du Dich für mich und meine Vergangenheit interessierst.
Das, was am 11. September passiert ist, wird uns alle noch lange beschäftigen. Im Krieg gegen den Terror werfen die Amerikaner Bomben auf Afghanistan – das wird nicht folgenlos bleiben. Aber der Kampf gegen den Terror ist etwas anderes als der Weltkrieg, der damals von Deutschland ausging.
Das Thema »Drittes Reich« beschäftigt mich nach wie vor. Alles ist so lange her, aber mir bleibt bis heute ein Stachel im Fleisch. Und so passiert es mir, dass ich gerade in der Begegnung mit Jüngeren auf einmal wieder mittendrin bin in dieser Zeit, indem ich erzähle und versuche, zu erklären, zu ergründen …
Der Abstand zwischen Dir heute und meinem Leben damals ist ebenso groß wie der zwischen meiner Schulzeit und der Kaiserzeit, in der meine Eltern lebten! Wenn meine Mutter aus ihrer Jugend berichtete, dann war das für mich nicht weiter spannend, es handelte sich um »Kränzchen« und »Tanzstunden«, und wir konnten höchstens feststellen, dass wir zum Beispiel im Umgang mit Knaben schon ein wenig kühner waren. Wenn unsere alte Biologielehrerin uns vorm Küssen warnte, weil man davon Syphilis bekommen könne, haben wir nur gegrinst. Aber diese Phase, die mich so nachhaltig geprägt hat, ist grundverschieden zu Deinen eigenen Erfahrungen, und manches Wort, mancher Ausdruck muss für Dich sehr fremd klingen, wie eine Geschichte aus einer fernen Zeit.
Du sagtest in Deinem letzten Brief, Du würdest viele Fragen an mich haben, und schreibst: »Die Zwänge, unter denen Du als junges Mädchen standst, sind für mich schwer vorstellbar.« Ach Rike, ich kann es selber kaum begreifen.
Als meine Kinder noch zur Schule gingen und im Geschichtsunterricht das »Dritte Reich« durchgenommen wurde, habe ich versucht, mit ihnen ausführlich und ehrlich über diese Zeit zu reden. Sie fragten: »Was habt ihr damals getan?«, »Was habt ihr gewusst?«, »Habt ihr euch schuldig gemacht?« Damals war der Tenor anklagender und fast vorwurfsvoll. Es waren die Fragen der Siebzigerjahre, und in vielen Familien wurden die Heranwachsenden mit dem Schweigen der Vätergeneration nicht fertig. Heute wollt Ihr von uns wissen, warum wir uns nicht gegen die herrschenden Zustände aufgelehnt haben.
Um im Versuch der Beantwortung all dieser gewichtigen Fragen einen Anfang zu finden – der zugleich einen Schlussstrich darstellt –, möchte ich mit Dir zurückgehen in das Jahr 1945.
Der Krieg war schon seit einigen Wochen aus. Ich brauchte nicht mehr jeden Morgen um sechs Uhr in die Fabrik zu gehen und durfte weiterhin in meinem schönen Elternhaus leben. Die Krankheit meines Vaters war weit fortgeschritten, und wir alle waren sehr bedrückt, seinetwillen, aber auch wegen der hoffnungs- und aussichtslos erscheinenden Situation in unserem Land.
Am 14. Juni 1945 ging in Flensburg ein Munitionslager in die Luft, unser Haus lag knappe drei Kilometer in unmittelbarer Luftlinie. Der Luftdruck von der Detonation war so stark, dass meine Schwester und ich fast aus den Betten flogen. Wir rannten ans Fenster, da sahen wir einen gewaltigen Feuerpilz, und im gleichen Moment gab es einen zweiten Knall. Wir wurden zu Boden gerissen, mit uns die Fensterscheiben und -rahmen, die Verdunklungsrollos und Bilder an den Wänden. Als wir uns von dem ersten Schock erholt hatten, lag neben meinen Füßen ein Hitlerbild. Seine Rückseite hatte mir als Passepartout für van Goghs Bild »Der Weg zur Arbeit« gedient; nun war es aus dem Rahmen gerissen und zeigte wieder dies inzwischen so verhasste Gesicht. Ich trampelte auf der hässlichen Visage herum, als könnte ich damit alles, was geschehen war, auslöschen.
Erst einige Jahre zuvor hatte dieses Bild in meinem Zimmer gehangen. Ich liebte mein Zimmer sehr, und wenn ich die verschiedenen Dekorationen recht erinnere, die in meinen Kinder- und Jugendjahren seine Wände schmückten, so ist damit sicher viel ausgesagt über meine jeweilige Befindlichkeit. So waren es zunächst Jesusbildchen aus dem Kindergottesdienst, später kamen Filmstars dazu, die aber weichen mussten vor Geistesheroen wie zum Beispiel dem jungen Schiller und später dann vor leibhaftigen jungen Männern. Wann ich auch »meinem Führer« einen Platz an der rosa tapezierten Wand meines Zimmers eingeräumt habe, weiß ich nicht mehr.
