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"Ich werde dir dein Herz nicht brechen. Ich werde es wieder zusammensetzen und es dir dann stehlen. Denn meines hast du bereits gestohlen", flüstert er so leise, dass selbst ich es kaum hören kann. In nur einem Augenblick wird dein Leben auf den Kopf gestellt – doch nur ein weiterer reicht und alles rückt an seinen rechten Platz. Belle muss nach ihrem Unfall nicht nur mit einem geschundenen Körper, sondern auch mit ihrer gebrochenen Seele kämpfen. Als sie beschließt, einen Neuanfang zu wagen, tritt Noah auf den Plan. Will Belle doch eigentlich ihr Herz und ihre Seele für sich allein wieder zusammensetzen, so rückt Noah ein ums andere Teil wieder an den richtigen Platz und zeigt ihr, das sie mehr wert ist als die Narben auf ihrem Körper – oder in ihrer Seele.
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Seitenzahl: 632
Veröffentlichungsjahr: 2026
Impressum
PROLOG
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2026 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0203-9
ISBN e-book: 9783711602046
Lektorat: Lukas Wienerroither
Umschlagabbildung: Melissa Roos
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
„Verfluchter Mist!“
Seufzend drehe ich mich auf den Rücken, bleibe einfach mit von mir gestreckten Gliedmaßen auf der kalten Eisfläche liegen. Schon wieder hat die Biellmann-Pirouette nicht funktioniert. Ich bekomme meinen Fuß zwar zu fassen, kann ihn aber in der Drehung nicht festhalten und mache mich so gut wie jedes Mal lang. So wie auch heute und nach dem Gott weiß wievielten Mal habe ich die Nase voll.
Also liege ich einfach da, die Augen geschlossen, die kühle, spiegelglatte Fläche in meinem Rücken. Meine Hände lege ich gespreizt auf die kühle feste Fläche unter mir und lasse die Kälte meinen Puls beruhigen. Ich liebe das Eis, die Kälte, die Helligkeit, einfach alles. Und auch die Feuchtigkeit, die langsam durch meinen Pulli dringt, macht mir rein gar nichts aus. Ich finde es sogar angenehm, denn so wird mein vom Laufen erhitzter Körper angenehm gekühlt.
„Hey, du! Was machst du denn da bitte?!“ Als ich die Augen öffne, sehe ich meine beste Freundin neben mir stehen, die Hände in die Hüften gestemmt und leicht über mich gebeugt.
„Ich gebe auf! Der Scheiß funktioniert einfach nicht“, stöhne ich und werfe theatralisch die Hände in die Luft. Elli kichert, legt sich dann aber einfach neben mich und greift nach meiner Hand, verschränkt unsere Finger miteinander.
„So möchte ich das für immer haben“, sagt sie leise, bringt mich so dazu, sie von der Seite anzusehen.
„Was meinst du?“, frage ich sie und fange den Blick aus ihren smaragdgrünen Augen auf. „Na das hier.
„Du und ich gegen den Rest der Welt. Zusammen auf dem Eis, zusammen in der Welt.“ Elli legt den Kopf wieder so, dass sie an die Decke der Eishalle schaut, und ich tue es ihr gleich. Es ist fast, als würde mit Ellis Worten unsere Zukunft wie ein Film vor meinen Augen ablaufen.
„Wir lernen zwei tolle Jungs kennen, denen wir unsere Herzen in die Hände legen und die wir später einmal heiraten werden. Wir machen zusammen unseren Abschluss und im besten Fall werden wir erfolgreiche Eiskunstläuferinnen, vielleicht sogar bei Olympia! Und wenn nicht, dann studieren wir, ich irgendetwas Mathematisches, mit vielen Zahlen, und du etwas, wo du mit Menschen arbeiten kannst. Oh, und mit Mitte zwanzig bekommen wir Kinder. Eine von uns einen Jungen und die andere ein Mädchen und die beiden werden später selbst einmal heiraten und Kinder haben. Aber egal, was passiert, wir beide bleiben beste Freundinnen!“
Ich drücke ihre Hand ein wenig fester und nicke leicht. „Für immer. Du, ich und das Eis.“
Nachdem wir noch ein paar Minuten so dagelegen sind und uns unseren Zukunftsvorstellungen hingegeben haben, rappeln wir uns hoch, und während ich meinen Zopf wieder festziehe, gleitet Elli über das Eis zu John, der uns vom Rand der Fläche aus beobachtet. Meine schwarzhaarige Elfe spricht kurz mit ihm, kommt dann breit grinsend zu mir zurück und greift meine Hände.
„Vergiss die Choreo. Fühl die Musik, lass dich vom Eis führen. Belle, lass einfach los!“ In dem Moment ertönt mein absolutes Lieblingslied und ich kann gar nicht anders, als Ellis breites Grinsen zu erwidern. Ich halte ihre Hände fest, schalte mein Hirn ab und zusammen mit meiner Freundin lasse ich mich zu Bon Jovis „You Give Love a Bad Name“ einfach fallen, ganz so wie Elli gesagt hat.
Das ist der Ort, an dem ich frei bin, absolut ich selbst. Es ist beinahe wie Fliegen. Frei wie ein Vogel, einfach alles um einen herum vergessen und nur der Musik folgen. Es ist ein unglaubliches Gefühl, unbeschreiblich, einfach … Das Allerschönste in meinem Leben! Und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit beiden Füßen auf dem Eis zu stehen. Niemals würde ich das aufgeben, für nichts auf der Welt.
„Ach, bitte! Bitte, bitte, bitte!“
Ich halte das Telefon extra weit von meinem Ohr weg. Elli schreit so laut in den Hörer, dass ich befürchte, mein Gehör zumindest einseitig einbüßen zu müssen. „Elli! Bist du dann jetzt mal fertig? Ich komme nicht mit! Wenn du jetzt weiter diskutierst, lege ich auf und schalte mein Handy aus!“, brülle ich ins Telefon. Ich will sie ja gar nicht anbrüllen, aber sie hört mir ja sonst nicht zu. Am anderen Ende der Leitung ist nichts mehr zu hören, also führe ich das Gerät wieder an mein Ohr. „Elli?“, frage ich, diesmal wieder leise und ruhig. Sie antwortet mir nicht, aber ich höre ein Schniefen.
Na toll!
Jetzt habe ich meine beste Freundin auch noch zum Weinen gebracht. Das habe ich nun wirklich nicht gewollt … Aber irgendwann muss sie doch auch verstehen, dass ich nicht mit ihr dahin gehen kann. „Elli? Tut mir leid, ich wollte dich nicht so anfahren. Elli, bitte hör auf zu weinen…“ Ihr Schniefen wird zu einem Schluchzen. Ich kann meine beste Freundin gerade vor mir sehen. Ihre tiefschwarzen Haare, die elfenhaften grünen Augen, ihr zierlicher, kleiner Körper, der unter Tränen bebt. Mein schlechtes Gewissen erdrückt mich. Sie kann doch für das Alles nichts. „Elli …“ Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Auf der einen Seite möchte ich mich entschuldigen, auf der anderen Seite lässt sie mich damit jetzt vielleicht in Ruhe. Aber mein schlechtes Gewissen gewinnt und schon laufe ich in den Flur.
Dort schlüpfe ich schnell in meine Stiefel. Während ich das Handy zwischen Ohr und Schulter klemme, versuche ich mir irgendwie meine Wintermontur, bestehend aus meinem heiß geliebten roten Wintermantel, Schal und Mütze, überzuwerfen. Als ich das endlich geschafft habe, schnappe ich mir Portemonnaie und Schlüssel und stürme aus der Wohnung. Auf der Treppe nach unten begrüßt mich meine Nachbarin Ms. Jenkins, der ich heute nur schnell zuwinke und dann weiter nach unten zur Haustüre laufe. Als ich diese öffne, trifft mich sofort die eiskalte Novemberluft. Ich ziehe gierig die frische Luft ein, atme, bis meine Lungen nicht mehr bei jedem Atemzug vor Kälte brennen.
Ich liebe den Winter. Vor allem, wenn es so bitterkalt und trocken ist. Das wird nur noch von Schnee übertroffen, doch der lässt dieses Jahr auf sich warten. Auf dem Gehweg wende ich mich sofort nach links und während ich mich daran mache, die zwei Querstraßen zu Ellis Wohnung zu laufen, rede ich weiter mit Elli am Telefon, die allerdings nicht antwortet. Trotzdem lege ich nicht auf. Erst als ich knappe zehn Minuten später vor der Türe des mehrstöckigen Apartmenthauses stehe und klingle, stecke ich mein Handy weg. Allerdings öffnet mir die kleine Elfe die Türe nicht. Noch einmal drücke ich auf den Klingelknopf mit den Namen meiner besten Freunde, doch als mir immer noch keiner öffnet, hole ich meinen Schlüsselbund aus der Manteltasche und öffne sie mit dem Ersatzschlüssel, den Elli mir schon vor zwei Jahren gegeben hat. Mit dem Aufzug fahre ich nach oben und an der Wohnungstüre klopfe ich einmal laut, ehe ich auch diese mit dem Ersatzschlüssel öffne. Leise schließe ich die Türe wieder hinter mir, bevor ich meine Sachen ablege und den Mantel an die Garderobe hänge.
Mein honigblondes Haar steht mir, nachdem ich die Mütze ausgezogen habe, vermutlich in alle Himmelsrichtungen, aber das ist völlig egal. Ich kann Elli im Wohnzimmer weinen hören. Sie ist niemand, der laut weint, aber ihr Schluchzen ist nicht zu überhören. Ich folge also den herzzerreißenden Geräuschen. Und tatsächlich. Die Elfe sitzt mit bebenden Schultern auf der Couch. Ihre langen Haare hängen ihr ins Gesicht. Schnell gehe ich um die Couch herum und noch während ich mich darauf niederlasse, fällt mir meine beste Freundin schon in die Arme. „Es tut mir leid … Ich bin eine miese beste Freundin … Ich weiß, dass du nicht mehr Schlittschuhlaufen kannst … Ich habe nicht nachgedacht … Ich … Ich …“ Elli drückt ihr Gesicht an meinen Hals und ich halte sie fest an mich gedrückt.
Als sie sich zum wiederholten Mal entschuldigt, schiebe ich sie ein Stück von mir weg und schaue ihr ins Gesicht. Ihre Augen sind ganz geschwollen, die Wangen gerötet vom Weinen. Ich wische ihr mit dem Ärmel meines Strickkleides die Tränen weg und lächle sie dann an. „Ach, Elli. Das muss dir nicht leidtun. Ich wollte dich auch nicht anbrüllen, aber du hättest mich doch sonst gar nicht gehört. Und es ist ja nicht so, als würde ich mich nicht für dich freuen. Elli, ich bin wahnsinnig stolz auf dich! Aber bitte, zwing mich nicht dazu …“
Ihr Schluchzen wird wieder zu einem Schniefen und nach einigen Momenten nickt sie mich mit einem schwachen Lächeln an. „Ich weiß. Ich würde diesen Moment nur so gerne mit dir teilen. Du bist doch meine beste Freundin“, sagt sie mit heiserer Stimme.
Ich ziehe Elli wieder fest in meine Arme. „Ich habe dich doch auch lieb. Und ich werde den ganzen Tag an dich denken, versprochen! Aber ich kann nicht mit hin. Du hast doch Austin. Der wird die ganze Zeit an deiner Seite bleiben und mir Bericht erstatten. Komm, kleine Elfe, jetzt hör mal auf zu weinen. Wir zwei gehen jetzt in die Küche und ich koche was Leckeres, was hältst du davon?“
Ellis Gesicht fängt sofort an zu strahlen. Sogar mit vollkommen verheulten Augen sieht sie noch zum Niederknien aus. Bevor ich noch was sagen kann, ist sie aufgesprungen und zieht mich auf die Beine. Dabei zieht ein unangenehmer Schmerz durch meine Hüften. Ich ziehe zischend die Luft ein und verharre einen Moment in einer halb stehenden Haltung, bevor ich mich langsam aufrichte.
„Oh, tut mir leid. Gehts wieder?“, fragt Elli schuldbewusst. Das tut sie immer. Egal wie oft ich ihr erkläre, dass sie doch nichts dafür kann. Es gibt eben Tage, da schmerzen mir einzelne Bewegungen in den Hüften und in meinem linken Bein. Von einem Auto getroffen zu werden, kann nun mal Spuren hinterlassen. Ich kann froh sein, dass ich überhaupt auf eigenen Beinen stehen kann.
„Ja, geht wieder. Und hör endlich auf, dich jedes Mal zu entschuldigen, sonst koche ich nie wieder für dich!“, zische ich sie an, doch das Grinsen auf meinen Lippen verrät mich.
Elli schnauft nur. „Ach komm, als würdest du mich verhungern lassen. Und jetzt los, hopp, hopp!“ Sie klatscht mir seitlich auf den Hintern, wobei es wieder kurz in der Hüfte zieht. Ich zucke zusammen und erwarte gleich eine Entschuldigung. Doch diesmal streckt Elli mir die Zunge heraus und geht an mir vorbei in Richtung Küche. Es geschehen also doch noch Zeichen und Wunder.
Zwanzig Minuten später steht ein Auflauf im Ofen und ich schneide Zwiebeln für den Salat. Elli sitzt neben mir auf der Anrichte und lässt die Beine baumeln. Und das ist auch gut so. Früher wollte sie mir oft helfen, doch irgendwie hat es mit ihrer Hilfe sehr viel länger gedauert als ohne. Also habe ich sie einfach, nach einem beinahe verlorenen Finger, an den Spielfeldrand verbannt. Immer mal wieder schiebt sie sich ein Stück von der bereits zerteilten Gurke in den Mund.
„Okay, was machen wir heute Abend?“, fragt sie irgendwann.
Ich schnipple weiter und antworte, ohne sie anzuschauen. „Keine Ahnung. Kino? Oder Filmabend bei mir?“ Als ich die Zwiebel gewürfelt habe, gehe ich zum Waschbecken, reibe erst meine Hände über die Armatur und wasche mir sie anschließend.
Nachdem ich wieder neben Elli stehe, schaut diese mich entgeistert an. „Ich habe gefragt, was wir heute Abend, an einem Freitag, machen“, wiederholt sie sich.
Ich verstehe gerade nicht, was das Problem ist. „Und ich habe dir was vorgeschlagen“, wiederhole auch ich mich. Dafür kassiere ich einen Schlag auf den Oberarm. „Au! Wofür war der denn jetzt?!“, rufe ich etwas entsetzt.
Die kleine Elfe hüpft von der Anrichte und steht jetzt mit den Händen in die Seite gestemmt vor mir. Elli ist fast einen Kopf kleiner als ich. Aber selbst mit ihren knappen 1,60 m schafft sie es, den einen oder anderen einzuschüchtern. Und ich muss zugeben, auch ich würde mich nicht mit ihr anlegen. Allerdings verstehe ich immer noch nicht, warum sie jetzt so vor mir steht. „Du wohnst jetzt seit zwei Monaten wieder in einer eigenen Wohnung. Du hast keinen Wachdrachen mehr, der darauf achtet, wann du was machst. Und wir waren ewig schon nicht mehr aus. Dazu ist heute Freitag. Wir gehen heute Abend auf jeden Fall aus und sitzen nicht zu Hause herum“, erklärt sie mir ernst.
Aber nicht mit mir. Ich schüttle den Kopf. „Nein, Elli, ich habe keine Lust in irgend so eine stickige Bar mit lauter angetrunkenen Männern zu gehen. Wir können doch auch zu Hause Spaß haben.“ Ich habe wirklich keine Lust, auszugehen. Sie hat zwar recht, es ist wirklich lange her, aber das letzte Mal, als ich mit Elli was trinken war, hat nicht so gut geendet. Und genau das ist mein Trumpf. „Elli, du weißt, was beim letzten Mal –“
Sofort schneidet mir Elli das Wort ab. „Nein! Vergiss es! Das ist jetzt fast anderthalb Jahre her! Du sagst selber, dir geht es gut, also schieb jetzt nicht deinen Unfall vor! Das gibt es jetzt nicht mehr! Wir zwei brezeln uns heute Abend auf und betrinken uns so richtig, keine Widerrede!“ Mit diesen Worten dreht sie sich um und stampft davon. Ich bleibe, wo ich bin, und seufze laut. Ich weiß, dass ich verloren habe. Sie hat ja recht. Ich möchte den Unfall und alles, was dazu geführt hat, hinter mir lassen. Also kann ich es auch nicht weiter als Ausrede benutzen. Das zieht nur in einem Bereich. Seufzend mache ich mich wieder zurück an meinen Salat, als ich kurz darauf den Klang eines Schlüssels an der Wohnungstüre höre.
„Elli, ich bin zu Hause!“, brüllt eine männliche Stimme aus dem Flur.
„Bin im Schlafzimmer!“, brüllt Elli von der anderen Seite der Wohnung.
Na toll, wenn sie im Schlafzimmer ist, steht sie vermutlich vor ihrem Schrank und sucht sich schon ein Outfit für später raus. Würden mir ihre Klamotten passen, würde sie auch schon was für mich raussuchen. Aber zum Glück bin ich fünfzehn Zentimeter größer und darf somit immerhin anziehen, was ich möchte, wenn ich schon den Abend nicht auf meiner Couch verbringen kann.
„Uuh, Schlafzimmer! Dann hast du jetzt etwa dreißig Sekunden, um dich nackt zu machen und aufs Bett zu schmeißen!“, ruft er wieder und dabei kommt seine Stimme näher, bis schließlich ein Schrank von Mann um die Ecke kommt, sein T-Shirt bereits halb ausgezogen über seinem Gesicht. Jede andere Frau würde beim Anblick der tief sitzenden Jeans, des sehr ausgeprägten Sixpacks und der breiten glatten Brust anfangen zu sabbern und sich die Klamotten in weniger als dreißig Sekunden runterreißen.
Tja, aber eben nur die anderen.
„Hey, Austin!“, sage ich locker und lehne mich mit verschränkten Armen gegen die Küchenzeile. Austin zieht sich das Shirt ganz aus und schaut mich mit einem breiten Grinsen an. „Heyo, Tinkerbell. Bin gleich bei dir, muss noch kurz was erledigen“, begrüßt er mich, schmeißt mir sein Oberteil hin und verschwindet in Richtung Schlafzimmer. Ich schaue ihm lachend hinterher, wende mich dann aber weiter meinem Salat zu. Vorher greife ich noch nach Ellis Handy, das auf der Anrichte liegt, und schalte Musik ein. Denn Austin meint das gerade vollkommen ernst. Ihm ist es ziemlich egal, ob ich mitbekomme, wie er gleich seiner Freundin das Hirn rausvögelt. Und mir ist es auch egal, aber alles hören muss ich trotzdem nicht.
Kurz höre ich noch Ellis Stimme: „Austin, lass das! Du weißt, dass wir nicht alleiiiiii …“
Ihr Widerspruch geht in einem Stöhnen unter und schnell drücke ich die Lautstärke höher, muss aber grinsen. Austin mag es egal sein, dass ich alles hören könnte, aber Elli war das schon immer etwas unangenehm. Sie hatte nie ein Problem damit, mir lang und breit ihr Sexleben offenzulegen. Aber sexuell angetriebene Annäherungen ihres Freundes, wenn andere in der Nähe sind, waren ihr schon immer eher unangenehm. Aber Austin weiß, welche Knöpfe er drücken muss, um Elli vollkommen an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Ich freue mich für die beiden. Sie sind schon seit acht Jahren ein Paar. Seit Ellis sechszehntem Geburtstag, um genau zu sein. So müsse er sich nur ein Datum merken, scherzt Austin immer. Aber wenn es um Elli geht, vergisst er nichts, er trägt sie auf Händen. Hoffentlich wartet auch auf mich irgendwo ein Mann wie Austin, der alles für mich tun würde. Einfach jemand, der mich ehrlich und bedingungslos liebt.
Früher dachte ich, ich hätte diesen Mann bereits gefunden. Dann habe ich herausgefunden, dass er auch meiner Schwester die Zunge in den Hals steckt. Allein bei dem Gedanken an sie zieht es in meinem Bein. Die Bilder von dem Abend tauchen auch heute, anderthalb Jahre später, noch vor meinem inneren Auge auf. Doch bevor ich wieder in das tiefe, schwarze Loch fallen kann, kommt ein halb nackter Austin in die Küche und schlingt von hinten seine Arme um mich. Sein warmer Oberkörper drückt sich angenehm an meinen Rücken, während er mir einen Kuss auf mein Haupt drückt.
„Na das war ja ein neuer Rekord, was?!“, ziehe ich ihn auf.
Seine Brust vibriert, als er auflacht. „Nein, glaub mir, das können wir sogar noch schneller!“, antwortet er mir.
„AUSTIN!“, kreischt Elli, die gerade um die Ecke kommt und versucht, ihre total zerzausten Haare zu bändigen. Ihr Gesicht ist feuerrot. Jetzt muss ich mit Austin lachen, der mich loslässt und Elli in den Arm nimmt. Diese wehrt sich kurz, aber als Austin sie kurz und intensiv küsst, hört sie auf.
„Ach, Elli. Du hast mir damals lang und breit in allen Einzelheiten von eurem ersten Mal erzählt und jetzt wirst du wegen eines Quickies in deinem eigenen Schlafzimmer rot?!“, sage ich lachend.
Elli zeigt mir ihren Mittelfinger und vergräbt ihr Gesicht an der nackten Brust ihres Freundes, der mit mir lacht. Die beiden sind einfach zu niedlich und geben ein besonderes Bild ab. Austin ist etwas über zwei Meter groß, breit gebaut und hat wie ich helles Haar. Er arbeitet als Mechaniker und in seiner Freizeit widmet er sich seiner Leidenschaft: MMA. Dem sind auch die Muskeln geschuldet. Er kann einen Kerl mit einem Schlag ins Jenseits befördern. Und doch hält er diese kleine Elfe in seinen Armen, als wäre sie aus Glas und sein wertvollster Schatz. Elli geht ihm nicht mal bis zur Schulter und ihr tiefschwarzes Haar macht den Kontrast perfekt. Doch die beiden sind das perfekte Paar und meine besten Freunde. Mittlerweile wohl auch meine einzigen Freunde. Sie gehören einfach zu meiner Familie.
Vom Piepsen der Backofenuhr werde ich davor bewahrt, mal wieder von meinen trüben Gedanken überrannt zu werden. „Essen!“, quiekt Elli, befreit sich aus Austins Armen und läuft zu einem der Hängeschränke. Sie hüpft ohne große Anstrengung auf den Tresen und holt drei Teller und Gläser aus dem Schrank. Es ist manchmal schon amüsant, dabei zuzusehen, wie Elli es schafft, trotz ihrer Größe überall heranzukommen. Sie lässt sich nicht gerne helfen, das mussten Austin und ich schmerzhaft feststellen.
Sie stellt alles auf dem Tresen ab und springt leichtfüßig wieder herunter. Als sie sich umdreht und sieht, wie Austin und ich nebeneinanderstehen und sie grinsend beobachten, stemmt sie die Hände in die Hüften und schaut uns böse an. „Genug gestarrt?! Sonst kostet das Ganze Eintritt!“, mault sie.
Ich lache auf, wende mich dann aber dem Ofen zu, um den Auflauf herauszunehmen. Austin lässt sich die Chance auf einen anzüglichen Kommentar nicht entgehen: „Habe leider kein Bargeld bei mir. Kann ich die Schulden irgendwie anders abarbeiten?“, fragt er unschuldig, wackelt aber eindeutig zweideutig mit den Augenbrauen. Ich brauche Elli nicht zu sehen, um zu wissen, dass ihre Wangen wieder einen niedlichen Rotton angenommen haben. Sie beschließt aber, über seine Bemerkung hinwegzugehen.
„Also, Belle und ich gehen heute Abend aus. Wir kommen bestimmt spät zurück, du musst nicht auf mich warten“, erzählt sie von unseren Plänen für heute. Dass diese aber Austin nicht miteinschließen, war mir nicht klar. Und Austin offenbar auch nicht.
„Wie jetzt?! Ihr wollt mich hier alleine versauern lassen, während ihr Party macht?“, gibt er empört von sich. Austin hat normalerweise überhaupt kein Problem damit, wenn Elli und ich alleine weggehen, aber er ärgert seine Angebetete einfach gerne.
„Ja, Mädelsabend. Und das schließt dich nun mal aus, Schatz“, erwidert Elli ungerührt.
„Wieso das denn? Als könnte man mit mir keinen Spaß haben!“, ruft Austin grinsend.
Elli legt ihm eine Hand auf die Brust und lacht ihn an. „Ich weiß. Aber du hast etwas, das auf einem Mädelsabend nichts zu suchen hat“, säuselt sie.
Austin legt den Kopf fragend schief. „Einen Penis.“
Damit wendet sich Elli von ihm ab und deckt den kleinen Esstisch. Austin steht einfach da, dann wirft er mir einen Blick zu und augenblicklich müssen wir beide anfangen zu lachen.
„Als würde dich sein Penis stören!“, presse ich unter Lachen hervor. Elli ignoriert uns einfach und setzt sich. Aber ich hätte Austin gerne dabei. Er ist mein bester Freund und die Abende mit ihm waren immer lustig. Außerdem trinkt er kaum und kann so seine durchgeknallte Freundin bändigen. Elli ist nämlich unmöglich, wenn sie betrunken ist. Sie ist laut, hibbelig und ganz untypisch vulgär. Ein Tequila zu viel und sie kann nicht mehr still sitzen. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, dass sie nach ihrem Abschluss als Wirtschaftsprüferin arbeiten wird. Die Elli, die ein wahres Zahlengenie ist und mit vollem Ernst und Ehrgeiz an ihr Studium geht, ist in meinem Kopf absolut nicht vereinbar mit der Elli, die zu viel Tequila hatte. Letztere ist kaum zu bändigen. Aber wenn ihr großer Beschützer dabei ist, muss ich mir keine Sorgen machen. Dann ist es eher witzig, dabei zuzusehen, wie dieses Bild von einem Mann die kleine Elfe vor sich selbst beschützt. Austin muss mit. Wenn ich mich jetzt auf seine Seite stelle, kann ich mich gleichzeitig ein wenig an Elli für die Abendplanung rächen.
Ich steige aus der Dusche und wickle erst ein Handtuch um mein Haar, dann eines um meinen nassen Körper. Nach Abtrocknen und Eincremen gehe ich in mein Schlafzimmer. Ich betrachte mich in dem großen Spiegel, während ich mein Haar mit dem Handtuch vorsichtig trocken knete. Ich war schon ewig nicht mehr beim Friseur, weshalb meine honigblonde Mähne mir mittlerweile bis weit unter den Busen reicht. Früher gefiel mir mein Spiegelbild. Ich bin nicht eingebildet, aber ich bin zufrieden. Große blaue Augen, gerade Nase, geschwungene Lippen. Das Gesicht meiner Mutter. Auch deshalb gefällt es mir. Auch an meinem Körper habe ich nichts auszusetzen. Ein straffes C-Körbchen, flacher Bauch, ein wohlgeformter Hintern und lange schlanke Beine. Eine Tänzerfigur. Von den Haaren bis zum Bauch gefällt mir auch jetzt noch alles.
Aber von der Hüfte abwärts möchte ich mich lieber gar nicht ansehen. Die zum Teil großen Narben auf beiden Seiten meiner Hüfte und auf meinem linken Bein sind furchtbar. Die Ärzte haben sich wirklich Mühe gegeben und eigentlich sind die Narben den Umständen entsprechend gut verheilt. Trotzdem finde ich sie abgrundtief hässlich. Außerdem erinnern sie mich jedes Mal an den verdammten Abend vor achtzehn Monaten. Deshalb wende ich auch diesmal den Blick ab und gehe nach nebenan in meinen begehbaren Kleiderschrank. Mir hätte auch ein normaler Schrank gereicht, aber bei der Wahl der neuen Wohnung hatte ich nicht viel mitzureden. Seit dem Unfall packt meine Mutter mich in Watte. Ich liebe sie, aber ich hätte es auch keine Sekunde länger mit ihr in einem Haus ausgehalten. Deshalb habe ich mich darauf eingelassen, in diese großzügige Wohnung zu ziehen. Mein Paps hat sie gekauft und mir alles besorgt, was ich wollte. Natürlich musste es ein Haus mit Aufzug sein. Doch den benutze ich nur, wenn meine Mutter mich besucht. Sonst befolge ich den Rat des Arztes und nehme jede Bewegungsmöglichkeit im Alltag wahr. Keine Vermeidung von Bewegung. Nur den Profisport musste ich aufgeben. Wobei „nur“ für mich bedeutet hat, alles aufzugeben …
Seitdem umsorgt meine Mutter mich wie eine Glucke, weshalb Elli sie immer den Wachdrachen nennt. Wenn Paps sie nicht öfter mal abends zum Essen oder ins Kino entführt hätte, damit Elli vorbeikommen kann, wäre ich wahrscheinlich durchgedreht. Und das hat er auch gemerkt, weshalb er meiner Mutter auch den Vorschlag mit dieser Wohnung gemacht hat. Er bezahlt alles. Ich muss nicht mal arbeiten gehen. In manchen Momenten fühle ich mich richtig schlecht dabei, auf seine Kosten zu leben. Immerhin war das der Vorwurf, den alle meiner Mutter machten, als sie vor fünfzehn Jahren mit Thomas zusammengekommen ist. Sie, alleinstehend mit zwei Töchtern im Alter von neun und fünf Jahren. Er, alleinstehend, gutaussehend und verdammt wohlhabend. Doch das Geld hat nie eine Rolle gespielt. Die beiden lieben sich von ganzem Herzen.
Es hat Paps damals einiges an Überredungskunst gekostet, bis sie mit uns bei ihm eingezogen ist. Erst vor fünf Jahren haben die beiden dann endlich geheiratet. Und jedes Mal, wenn ich seither Unterstützung in Form von Geld abgelehnt habe, hat Thomas das akzeptiert. Doch seit dem Unfall tut er wirklich alles für mich. Und ich musste einsehen, dass es nichts bringt, sich dagegen zu sträuben. Nachdem ich an einem Abend, nach einer anstrengenden und nervenaufreibenden Reha-Einheit, zuhause weinend zusammengebrochen war, hat Paps mich in mein Bett getragen und mich nicht mehr losgelassen, bis ich mich halbwegs beruhigt hatte. Die Worte, die er sprach, werde ich nie vergessen: „Mein kleines Mädchen. Mach dir keine Sorgen, es wird alles schon wieder. Auch wenn es lange dauert und wehtut, du schaffst das. Wir schaffen das. Ich bin für dich da. Dir wird es an nichts fehlen. Egal, was du brauchst, du bekommst es. Und wenn du denkst, es hilft dir, zu weinen, dann werde ich dich halten. Wenn du lachen willst, mache ich mich für dich zum Affen. Wenn du gerne aus einem Flugzeug springen möchtest, springe ich mit dir. Und wenn du um die Welt reisen möchtest, mache ich das möglich. Mein kleines Mädchen, ich liebe dich.“
Wenn ich daran denke, erscheint ein Lächeln auf meinem Gesicht. Er hat Wort gehalten. Er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, auch wenn er manchmal etwas übertreibt. Wie zum Beispiel mit dieser Wohnung. Aber ich beschwere mich nicht.
Hier stehe ich also, umringt von dunklen Regalen, und suche nach einem Outfit für später. Elli wird auf jeden Fall ein Kleid tragen. Das ist bei ihr einfach so. Egal wie kalt es wird, Elli trägt immer ein Kleid, wenn wir weggehen. Ich meine, wir sind die Eiseskälte gewöhnt. Wenn man hier im Norden der USA aufwächst, macht es einem nichts aus. Im Sommer bekommen wir vielleicht mal 24 °C, doch das ist eher Glückssache. Mir kommt das ganz recht. So kann ich immer lange Hosen oder Strumpfhosen tragen. Seit dem Unfall trage ich nichts Kurzes an den Beinen. Auch ich entscheide mich für ein schlichtes, schwarzes Kleid, das ich ewig schon nicht mehr getragen habe. Es schmiegt sich wie eine zweite Haut an meinen Körper. Es ist nicht zu kurz, aber endet so weit oberhalb der Knie, dass ich mich frei bewegen kann.
Der Hingucker ist das Dekolleté. Meine Brüste werden gut zusammengedrückt, eigentlich wäre kein BH nötig. Aber ohne fühle ich mich nackt. Schnell schnappe ich mir noch eine dunkelgraue Strumpfhose. Im Bad föhne ich meine Haare trocken und schminke mich ein bisschen. Für mich muss es nicht viel sein. Nicht mal für Wettkämpfe habe ich mich früher extrem geschminkt. Auch jetzt bin ich mit ein bisschen Creme, Wimperntusche und Rouge schon fertig. Die Haare lasse ich einfach wild, wie sie sind. Jahrelang habe ich immer einen Pferdeschwanz oder Dutt getragen. Doch seit dem Unfall, der alles verändert hat, mag ich die offenen leicht gelockten Haare.
Ich stecke gerade mein Handy zu meinem Geldbeutel in eine kleine Tasche, als es klingelt. Als ich die Tür öffne, steht die Elfe mit ihrem Ritter vor mir. Wie immer sehen die beiden super aus. Wie nicht anders zu erwarten, trägt Elli ein Kleid. Ihres hat einen weiteren Rock, ist aber um einiges kürzer als meins. Ihre Haare hat sie geflochten und ihre grünen Augen leuchten mit dem fliederfarbenen Lidschatten noch mehr. Ihre Jacke steht offen und sie trägt weder Schall noch Handschuhe. Ohne Austin würde sie irgendwann noch erfrieren. Ich weiß nämlich, dass er, wenn sie so rausgeht, immer einen ihrer Schals, ein Paar Handschuhe und auch noch eine Mütze im Auto hat. Er selber trägt dunkle Jeans und unter seinem Parka, vermute ich, ein ebenso dunkles Hemd.
„Wieso bist du noch nicht fertig?“, wirft mir Elli sofort vor.
„Hey, beste Freundin, freut mich auch, dich zu sehen. Wollt ihr reinkommen?“, sage ich und mache den beiden Platz. Elli rauscht an mir vorbei gleich ins Bad.
Austin grinst mich an und drückt mich dann fest. „Hi, Tinkerbell. Du siehst übrigens sehr hübsch aus. Steht dir wirklich“, sagt er und streicht mir die Haare hinters Ohr. Bei jedem anderen Mann wäre es ein Flirtversuch, doch bei Austin weiß ich, dass er es vollkommen ernst meint. Er ist für mich wie der große Bruder, den ich nie hatte.
„Danke. Ich glaube, deine Freundin sieht das etwas anders“, seufze ich und wie auf Ansage kommt Elli mit Bürste, Kamm und einer Menge Haarnadeln wieder zu uns. „Hinsetzen! Ich mach dir die Haare und dann schminken wir dich schnell, damit wir endlich loskönnen!“, bestimmt sie.
Doch ich schüttle den Kopf. „Elli, ich bin fertig.“
Sie schaut mich mit großen Augen an. „Aber …“ Sie legt alles auf den Tisch ab. „Sonst gibst du dir doch immer so krass Mühe mit deinen Haaren …“
Sie sieht wirklich erschüttert aus und ich bin ein wenig gekränkt. Klar, sie hat recht, aber mir gefallen meine Haare, wie sie sind. Aber jetzt, wo meine beste Freundin mich so mustert, werde ich unsicher. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber Austin schon. Er schiebt mich hinter sich und hält mich dort mit einem Arm an der Hüfte. Austin und Elli sind die Einzigen, die diese Stelle berühren dürfen. „Mann, Elli! Hast du deine Höflichkeit eben im Schrank vergessen? Belle sieht super aus und du fällst gleich über sie her.“
„Tut mir leid …“, murmelt Elli. Ich schaue um Austin herum. Elli lässt den Kopf hängen.
Na toll. Das zweite Mal heute, dass meine Elfe sich wegen mir schlecht fühlt. Ich gehe um den Hünen herum zu Elli. „Schon gut. Vergiss es einfach“, sage ich sanft und Elli schaut auf. Auch sie streckt ihre Hände nach meinem Haar aus und fährt damit durch die langen Strähnen. Dann lächelt sie.
„Dein Haar ist so weich. Austin hat recht, du siehst wunderhübsch aus. Ich bin das so einfach nicht von dir gewöhnt. Von dir habe ich doch gelernt, wie man Haare flechtet, wie man einen Dutt steckt … einfach alles.“ Schnell drücke ich sie an mich. Als ich sie wieder loslasse, ist der traurige Ausdruck verschwunden. „Na los! Schuhe und Jacke an! Partytime!“ Und zurück ist Oberfeldwebel Elisabeth Carter!
Ich salutiere und gehe in den schmalen Flur, schlüpfe in die grauen Stiefeletten. Hohe Schuhe sind nicht drin, davon schmerzen meine Hüften und das Bein zu sehr. Ich schmeiße mir den Mantel über, Schal und Handschuhe folgen. Elli ist mir mit Austin gefolgt, der mir meine Handtasche hinhält. Ich nehme sie ihm ab, ziehe ihn an seinem Schal zu mir, damit ich ihm einen Kuss auf die Wange hauchen kann. „Danke.“ Er weiß, dass ich nicht nur die Tasche meine.
Anderthalb Stunden und eine ganze Menge Shots später, ist Elli so zappelig, dass sie nicht mehr sitzen kann, sondern im Club zwischen Austins Beinen steht und tanzt. Austin sitzt neben mir auf einem Hocker und hat seine großen Hände auf die schwingenden Hüften der kleinen Elfe gelegt. Ich halte meinen Cocktail in der Hand und beobachte die tanzenden Leute im Club. Die meisten pressen nur ihre Geschlechtsteile aneinander. Ich habe noch nie verstanden, was das mit Tanzen zu tun haben soll, aber wem es gefällt …
„Austin!“
Eine tiefe raue Stimme reißt mich vom Anblick der Menge los. Als mein Blick auf den Besitzer der Stimme fällt, stockt mir der Atem. Vor uns steht ein Mann, mindestens so groß und breit wie Austin. Sein blondes Haar ist sexy zerzaust und sein Lächeln ist unglaublich.
„Noah! Alter, was machst du denn hier?“, begrüßt Austin den Neuankömmling.
Elli dreht sich tänzelnd ebenfalls zu ihm um. „Hey, Noah!“, ruft sie laut und fällt ihm um den Hals. Besagter Herr legt einen Arm um sie und bevor er sie loslässt, schiebt er sie vorsichtig wieder in Austins Richtung, der sie gleich wieder festhält. Dann fällt sein Blick auf mich. Seine Augen sind unglaublich. Das Blau ist so hell und es liegt ein Funkeln darin, das mir die Beine zittrig werden lässt.
„Oh, Noah, das ist Belle. Ich habe dir von ihr erzählt. Belle, das ist Noah. Er arbeitet seit einem Jahr mit mir zusammen“, stellt uns mein bester Freund vor. Noah lächelt mich an und streckt mir die Hand hin. Ich ergreife sie zurückhaltend. Als meine Haut auf seine trifft, durchzuckt mich ein Blitz. Mein ganzer Körper fängt an zu kribbeln und auf meinem Rücken breitet sich eine Gänsehaut aus. Es ist unglaublich! So etwas habe ich noch nie gefühlt. Auch Noah scheint diese kleine, so alltägliche Berührung nicht kalt gelassen zu haben. Er blickt erst auf unsere Hände, dann fängt er meinen Blick auf.
Seine Eisaugen leuchten wie Sterne in der Nacht, seine vollen Lippen sind leicht geöffnet. Er tritt einen Schritt näher und beginnt, dabei mit seinem Daumen ein Muster auf meiner Hand nachzufahren. Ich bin verloren. Voll und ganz verloren in diesen Augen. Seine freie Hand legt sich auf meinen rechten Oberschenkel und auch dort malt er kleine Muster. Seine Berührung lässt die Haut unter der Strumpfhose kribbeln. Aber ich kann mich einfach nicht von seinen Augen losreißen. Auch er scheint vollkommen verloren zu sein. Erst Ellis Stimme reißt mich zurück ins Hier und Jetzt.
„Ich will tanzen!“, kreischt sie und will Austin von seinem Hocker ziehen. Aber keine Chance.
„Nee, Elli, jetzt nicht. Außerdem sagst du doch selbst immer, dass das da nichts mit tanzen zu tun hat“, erwidert Austin. Elli zieht eine Schnute und verschränkt die Arme vor der Brust. Aber lange schmollt sie nicht. Sie dreht sich zu mir und Noah um, der immer noch seine Hand auf meinem Schenkel hat. Ich muss zugeben, es stört mich nicht im Geringsten.
„Noaaaah? Du tanzt doch bestimmt mit mir. Biiitte?!“, fragt sie zuckersüß und klimpert mit ihren langen Wimpern.
Noah grinst nur und wirft Austin einen Blick zu, den ich nicht interpretieren kann. „Ich weiß nicht, ob dein Lover das so prickelnd findet“, antwortet er.
Elli schnaubt kurz und greift auch schon nach Noahs Hemd. „Der kann heute Nacht auf der Couch schlafen.“ Mit diesen Worten schiebt sie Noah Richtung Tanzfläche. Dabei versucht sie, den DJ auf sich aufmerksam zu machen. Keine Ahnung wie, aber letztendlich bemerkt Stan sie doch und deutet ihr mit einem Daumen nach oben, dass er verstanden hat, was sie möchte. Stan kennt uns schon ewig. Und daher weiß er genau, was er spielen soll. Wir kommen schon her, seit wir alt genug für Clubs wie diesen sind. Ganz davon abgesehen, dass Stan nur gut zwei Jahre älter ist als wir und wir uns aus der High School kennen.
Die House-Töne werden leiser und gehen in schnelle Salsa-Klänge über. Viele der Tanzenden sind kurz verwirrt, doch als Elli und Noah anfangen, miteinander zu tanzen, sind alle Blicke auf sie gerichtet. Nach einigen Augenblicken haben alle anderen aufgehört zu tanzen. Elli bewegt sich wie immer verdammt elegant und sexy. Jede Bewegung sitzt, so wie immer. Doch Noah überrascht mich. Ja, Elli hat mir kurz von ihm erzählt. Er ist vor einem Jahr hergezogen und ist seither Austins Arbeitskollege. Die beiden spielen auch zusammen mit ein paar anderen Jungs Eishockey. Mehr habe ich mir nicht gemerkt. Aber, dass er Tanzen kann wie der Teufel höchstpersönlich, davon hat Elli mir zu hundert Prozent nichts erzählt!
Seine Bewegungen sind weich und unglaublich sexy. Auf seinem Gesicht liegt dasselbe Lächeln wie auf dem meiner besten Freundin. Ich bin einfach baff.
„Ach komm, Belle. Mund zu. Wir beide wissen, dass wir das besser können“, erklingt Austins Stimme direkt neben meinem Ohr. Ich schaue zu ihm auf und er hält mir auffordernd die Hand hin. Aber ich schüttle den Kopf. Austins Blick wird sogleich besorgt. „Hast du Schmerzen?“, fragt er. Wieder schüttle ich den Kopf. Sein Blick fordert eine Erklärung.
„Austin, ich … Ich kann nicht …“, stottere ich und weiche seinem Blick aus. Doch Austin wäre nicht mein bester Freund, wenn er mich nicht so verdammt gut kennen würde.
Er greift nach meinen Händen. „Wovor hast du Angst?“
Er verurteilt mich nicht. Das weiß ich. Trotzdem fällt es mir schwer, es laut auszusprechen: „Ich habe das doch schon so lange nicht mehr gemacht, was ist, wenn ich es nicht mehr kann? Und was, wenn ich falle oder mich verletze?“ Meine letzten Worte machen mir selbst Angst. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, spüre ich Austins Lippen an meiner Stirn. Als er sich von mir löst, schaue ich ihn an und sein Blick ist so warm, dass die dunklen Gedanken wieder ein Stück weit verschwinden.
„Ich lasse nicht zu, dass dir was passiert. Und wenn du merkst, dass es dir Schmerzen bereitet, können wir wieder aufhören. Und woher willst du wissen, ob du es noch kannst, wenn du es nicht probierst?“ Bei seinen letzten Worten zieht er mich von meinem Hocker runter. Er hat recht. Ich weiß es ja. Dennoch fällt es mir schwer, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Trotzdem lasse ich mich von Austin zur Tanzfläche ziehen, wo Elli und Noah schon übers Parkett fegen. Austin dreht mich einmal um die eigene Achse, bevor er sich ganz nah zu mir runter beugt und direkt in mein Ohr spricht: „Vergiss einfach alle anderen. Nur du und die Musik. Wenn es wehtut, sag Bescheid und wir hören auf. Lass los, Tinkerbell.“
Bei meinem Spitznamen beginne ich zu lächeln. Ich kann mich nicht länger verstecken. Ich kann nicht einen Abend über den Rest meines Lebens entscheiden lassen. Also schließe ich die Augen, konzentriere mich voll und ganz auf die Musik und beginne testweise, die Hüften zu bewegen. Die ersten Bewegungen fühlen sich etwas steif an, doch je länger ich mich bewege, desto besser fühle ich mich. Und als Austin mich zu sich zieht und mich einige Schritte zurückführt, folge ich seiner Führung.
Jetzt kann ich auch wieder die Augen öffnen. Austin grinst sich den Arsch ab, während er mich erneut herumwirbelt. Auch meine Mundwinkel ziehen sich immer weiter nach oben. Er hatte recht. Es ist, als hätte ich nie damit aufgehört! Ich habe ganz vergessen, wie viel Spaß das macht! Und auch, was für ein verdammt guter Tanzpartner Austin ist. Elli hat ihn praktisch gezwungen, es zu lernen. Doch er konnte seiner Freundin noch nie einen Wunsch abschlagen.
Eigentlich ist es nicht das Tanzen, auf das Elli und ich so versessen sind, sondern das Eiskunstlaufen. Ich konnte gerade laufen, da besaß ich auch schon meine ersten Schlittschuhe und ja, die gibt es so klein. Und für die Choreografien war auch Tanztraining vonnöten. So habe ich auch meine beste Freundin kennengelernt. Wir beide waren so begeistert vom Eiskunstlaufen, dass wir alles zusammen gemacht haben. Tanztraining, Eislaufen, Wettkämpfe, einfach alles. Doch nach meinem Unfall sagte mir mein Arzt, dass sich das mit dem Profisport erledigt hat. Es ist zu gefährlich. Eine falsche Bewegung, ein Sturz und ich kann vielleicht nie wieder laufen. An diesem Tag ist meine Welt zusammengebrochen. Drei Wochen habe ich kein Wort gesprochen, wollte niemanden sehen, nicht mal Elli. Vor allem nicht sie. Elli kann unseren Traum weiterleben, während ich im Aus stehe. Erst als Austin mir ins Gewissen geredet hat und mir vor Augen geführt hat, dass es Elli ebenfalls verdammt schlecht ging, ließ ich sie wieder an mich heran. Anschließend haben sie und ich einen ganzen Nachmittag geweint und geredet. Aber seither habe ich, trotz einiger Diskussionen mit Elli, nicht mehr einen Fuß in eine Eishalle gesetzt. Ich kann den anderen nicht dabei zusehen. Ich habe mich zurückgezogen. Doch jetzt hier mit Austin herumzuwirbeln, erfüllt mich mit Glücksgefühlen, wie ich sie sehr lange nicht mehr gespürt habe. Ich kann gar nicht mehr aufhören, zu grinsen.
Viel zu schnell ist der Song vorbei und Austin wirbelt mich ein letztes Mal herum, ehe er fest seine Arme um mich schlingt. „Das war der Wahnsinn! Belle Montgomery is back!“, brüllt Austin laut und hebt mich ein Stück hoch. Auch ich kann einfach nicht aufhören zu lachen. Als er mich wieder absetzt, werde ich auch gleich von hinten umarmt.
„Belle! Oh mein Gott! Du bist immer noch fantastisch!“, kreischt Elli hinter mir. Als ich mich zu ihr drehe, strahlt sie übers ganze Gesicht. Ich glaube, sie macht mein erster Tanz nach anderthalb Jahren noch glücklicher als mich. „Wie fühlst du dich?“, fragt sie mich aufgeregt.
Tja, wie fühle ich mich? Ich muss gestehen, ich hatte Angst. Aber jetzt fühle ich mich großartig. Auch wenn ich das nur privat zum Spaß machen kann, erfüllt es mich einfach. Also antworte ich mit der absoluten Wahrheit: „Ich fühle mich super!“, und schmeiße meine Arme in die Luft, einfach weil mir danach ist.
Elli umarmt mich noch mal, wirbelt dann herum zu Austin, der breit grinsend hinter mir steht. Elli fällt ihm um den Hals und kreischt weiter: „Danke, Baby!“ Sie küsst ihn so leidenschaftlich, dass ich mich abwende, um den beiden diesen Moment zu geben. Vor mir steht jetzt Noah, der mich bewundernd mustert. Er kommt noch einen Schritt auf mich zu, ehe er beide Hände an meine Hüften legt. Kurz zucke ich unter der Berührung zusammen. Berührungen an meinen Narben sind mir doch noch unangenehm. Noah entgeht das nicht und er lässt einfach seine Hände ein Stück weiter nach oben bis auf meine Taille gleiten, wo er sie lässt und mich zu sich heranzieht. Seine Lippen streifen beim Sprechen sanft mein Ohr.
„Du warst unglaublich!“ Seine Worte in Verbindung mit seiner leichten Berührung lassen meine Knie weich werden. Als ich meine Hände auf seine Brust lege und unter dem Stoff harte Muskeln spüre, erwachen noch ganz andere Körperteile aus ihrem Winterschlaf. Plötzlich vibriert seine Brust unter meinen Handflächen, als er lacht. Ich neige mich ein wenig zurück, um ihm ins Gesicht zu schauen, und begegne den hellblauen Sternen in meiner Dunkelheit. „Ich glaube, wir sollten die beiden nach Hause schaffen, bevor sie noch wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet werden!“, ruft er über die mittlerweile wieder ziemlich laute Musik hinweg und nickt hinter mich. Ich folge seinem Blick. Tatsächlich klebt Elli immer noch an Austin, hat mittlerweile ihre schlanken Beine um seine Mitte geschlungen und Austins Hände sind unter ihrem Rock verschwunden. Jap. Die zwei fallen gleich übereinander her.
„Ja, sollten wir wohl!“, antworte ich Noah und will mich von ihm lösen, als er mich noch mal eng an sich zieht. Mein Atem beschleunigt sich und mein Herz versucht, aus meinem Brustkorb zu springen.
Noah kommt mir ganz nah. „Das nächste Mal hätte ich gerne einen Tanz“, haucht er in mein Ohr, bevor er mir einem Kuss auf die Wange drückt und mich in Richtung des knutschenden Pärchens schiebt.
Am nächsten Morgen werde ich durch ein Piepen geweckt. Welcher Idiot schreibt mir denn an einem Samstagmorgen so früh eine Nachricht? Aber ein Blick auf meinen Wecker verrät mir, dass es bereits halb zwölf und damit gar nicht mehr so früh ist. Ich strecke mich nach meinem Handy.
Von: Austin Harper
An: Belle Montgomery
Hey, Tinkerbell :)
Schon auf? Hat Noah dich heile heimgebracht?
Ich hoffe, er hat sich benommen…
Kommst du vorbei? Elli kotzt sich die Seele aus dem Leib…
Die Geräusche sind echt gruselig…
Hilf mir!!!
Sofort muss ich anfangen, zu lachen. Ja, der arme Austin. Er schafft alles: Heulende Elli, wütende Elli, betrunkene Elli, erkältete Elli, sogar die menstruierende Elli ist kein Problem. Aber die kotzende Elli macht ihm auch nach acht Jahren noch Angst. Da ich schon mal wach bin und dank nur drei Drinks auf einen fettigen Auflauf keinen Kater habe, beschließe ich, Austin zu erlösen.
Von: Belle Montgomery
An: Austin Harper
Morgen;)
Ja Noah war ein Gentleman. Ich mag ihn.
Du solltest sie einfach nicht so viel trinken lassen!
Ich zieh mich an und besorge Katerfrühstück.
Bis gleich
Ich schwinge meine Beine aus dem Bett. Wobei, von schwingen kann keine Rede sein. Ich habe Muskelkater wie ewig nicht mehr. Auch meine Hüfte fühlt sich schwer an. Alles von gestern Abend. Die Erinnerung an gestern lässt mich ganz kribbelig werden. Ich habe getanzt! Es war irgendwie befreiend, so als wäre eine Mauer in mir eingestürzt, die mich vom Leben abgehalten hat. Nachdem ich mit Austin getanzt habe, ging es mir besser als in letzter Zeit. Austin und Elli konnten sich dann doch beherrschen und wir hatten noch richtig Spaß. Elli und ich haben uns noch den Arsch abgetanzt, wie meine beste Freundin es ausdrücken würde. Ich habe sogar mit Noah getanzt.
O Gott, Noah!
Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er ist charmant, witzig, unglaublich sexy und noch dazu ein verdammt guter Tänzer. Er hat mir erzählt, dass seine Schwester Tanzlehrerin ist und gezwungenermaßen hat Noah tanzen gelernt. Und ich muss sagen, das hat sich gelohnt. Nachdem Elli dann beinahe im Stehen eingeschlafen wäre, hat Austin sie über die Schulter geworfen und zum Auto getragen. Noah hat dann angeboten, mich nach Hause zu bringen. Im Wagen haben wir uns noch ein bisschen näher kennengelernt.
Noah ist vor einem Jahr hierher zu seiner Grandma gezogen, nachdem sein Großvater gestorben ist. Seither arbeitet er mit Austin zusammen. Sie teilen auch ihre Leidenschaft für Eishockey und MMA. Ich habe einen Lachflash bekommen, als er mir das erzählt hat. Die beiden könnten nicht nur rein äußerlich Zwillinge sein. Er hat mir auch erzählt, was Elli schon alles über mich erzählt hat. Sie hat ihm alles über das Eislaufen erzählt. Wie erfolgreich ich war und wie viel es mir bedeutet hat. Außerdem hat sie ihm eine Menge peinliche Sachen aus unserer Jugend erzählt. Darüber muss ich noch mal mit ihr reden. Eine tolle beste Freundin habe ich da! Sie hat ihm auch von dem Unfall erzählt, allerdings nicht, was der Grund dafür war.
Er hat auch nicht nachgefragt. Noch ein Pluspunkt für den hübschen Wikinger. Er hat mich bis zu meiner Wohnung gebracht. Diesmal habe ich auch den Aufzug genommen, denn nach der Tanzerei taten mir zur Abwechslung mal die Füße anstelle der Hüfte weh. Vor meiner Tür hat Noah sich von mir verabschiedet. Mit einem Kuss. Auf die Stirn. Das hat außer Austin noch nie jemand gemacht. Bei Austin hat es sich immer brüderlich angefühlt, bei Noah war es anders. So vertraut, so liebevoll, so … Ich finde einfach keine Worte, die dieses Gefühl auch nur annähernd beschreiben könnten. Ich bin mit einem fetten Grinsen in meine Wohnung, unter die Dusche und ins Bett. Selbst jetzt kann ich nicht aufhören, zu grinsen und an diese verdammt blauen Augen zu denken.
So schnell wie es meine steifen Knochen zulassen, schlüpfe ich in ein bequemes, auberginefarbenes Strickkleid mit passender Strumpfhose und binde meine Haare locker in einem Dutt zusammen. Ungewohnte Frisur, aber Elli hatte gestern recht. Ich habe es geliebt, die unterschiedlichsten Frisuren auszuprobieren. In den letzten Monaten war das Spektakulärste ein Pferdeschwanz. Ich muss zugeben, der große Dutt, aus dem hier und da ein paar Locken herausfallen, gefällt mir. Schminken spare ich mir wie so oft in letzter Zeit. Was ich in dem runden Badezimmerspiegel sehe, beginnt aber, mir langsam wieder zu gefallen.
Nach einem großen Glas Orangensaft packe ich mich winterfest ein und mache mich auf den Weg zu Elli und Austin. Auf dem Weg liegt eine Bäckerei. Dort besorge ich uns Brötchen und Croissants. Für Elli besorge ich in der Metzgerei noch fettigen Bratenaufschnitt. Sie steht einfach darauf. Als ich die Metzgerei wieder verlasse, klingelt mein Handy. Ohne auf das Display zu schauen, gehe ich ran.
„Guten Morgen, Belle! Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt …“
Noah! Das bescheuerte Grinsen erscheint wieder auf meinem Gesicht. „Hey, Noah. Nein, du weckst mich nicht. Ich bin schon auf dem Weg zu Elli und Austin“, antworte ich ihm. Allein seine Stimme zu hören, lässt mich ganz kribbelig werden. Verdammt noch mal, was ist denn mit mir los?!
„Na ein Glück, dass du wieder dabei bist! Dann heult Austin mir nicht die Ohren voll, wenn Elli einen Kater hat. Jetzt darfst du den Babysitter spielen!“, lacht Noah. Gott, sein Lachen ist unglaublich!
„Wie oft ist das denn im letzten Jahr vorgekommen?“, frage ich ihn. Elli ist eigentlich keine Saufnase, deshalb wundert es mich, dass Noah das ganze Spiel nur zu gut kennt.
„Ach, nicht so oft. Aber es erinnert mich an eine Spanne von fast zwei Wochen, in denen Elli eine Magen-Darm-Grippe hatte. Austin war vollkommen am Ende! Ich bin echt froh, dass du wieder auf den Beinen bist! Ich will gar nicht wissen, wie ihr die High School überlebt habt!“
Oh ja, da erinnere ich mich auch nicht gerne dran. Elli, Unmengen an Alkohol und pubertierende Jungs sind echt nicht die beste Kombination. Für die Jungs hatten wir ja zum Glück Austin. Der war mit sechzehn schon ein Riese und konnte ungeliebte Gäste auf Abstand halten. Für den Abstand zwischen Elli und Alkohol war ich dann zuständig. „Ja, glaub mir, da gibt es auch so einiges, was ich aus meinem Gedächtnis streichen möchte“, teile ich meine Gedanken mit ihm.
„Das glaub ich gern. Sag mal, was machst du heute noch so?“, fragt er mich und klingt dabei etwas schüchterner als zuvor.
Halt, schüchtern?! Und er möchte wissen, was ich heute mache? Also, ob ich Zeit habe? In meinem Bauch beginnt es wild zu kribbeln und mein Herz schaltet einen Gang höher. „Ähm, du meinst, außer Elli dabei zu helfen, den Tag zu überleben? Eigentlich dasselbe wie immer … also nichts.“ Und das ist die Wahrheit. Abgesehen von regelmäßigen Besuchen beim Physiotherapeuten und ein paar Besuchen bei meinen Großeltern habe ich das Haus meiner Eltern nie verlassen. Elli hat mich immer mal wieder besucht, wenn Paps Mum aus dem Haus gelockt hat. Auch Austin hat mich besucht, aber sonst … Keiner meiner sogenannten Freunde vom Eislaufen, keine Kollegen vom College, keiner hat Anstalten gemacht, mich zu besuchen. Meine Schwester wollte ich nicht sehen und sie hat auch keine Anstalten gemacht, mich zu besuchen. Ganz zu schweigen davon, dass meine Mutter das nicht zugelassen hätte. Und auch nachdem ich schließlich in meine eigene Wohnung gezogen bin, war das gestern Abend das erste Mal, dass ich wieder etwas unternommen habe. Einfach zum Vergnügen.
„Belle? Bist du noch dran? Wenn du nichts mit mir machen möchtest, dann kannst du es auch einfach sagen, ich verkrafte das schon.“ Noahs geknickte Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.
„Oh, nein, nein! Entschuldige, ich war gerade irgendwie abwesend.“ Ich weiß nicht, ob er mir noch eine Frage gestellt oder auf meine Antwort eingegangen ist, also rede ich schnell weiter. „Tut mir leid! Ich würde gerne den Tag mit dir verbringen! Hast du Lust, jetzt zum Frühstück bei Austin vorbei zu kommen? Es reicht auch noch für einen mehr. Was sagst du?“ Ich fühle mich echt gerade ein bisschen schlecht, weil ich schon wieder von meiner Vergangenheit aus der Gegenwart gerissen worden bin.
„Ach, schon in Ordnung. Ich nehme es dir nicht übel. Also, ich springe noch schnell unter die Dusche und dann komm ich vorbei. Ich kann in einer Dreiviertelstunde da sein, okay?!“, antwortet mir Noah. Ich kann das breite Grinsen in seiner Stimme hören. Wie schön zu wissen, dass nicht nur ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekomme.
„Okay, ich freue mich. Dann bis nachher!“, verabschiede ich mich von Noah, als ich gerade vor dem Haus ankomme, in dem die Wohnung meiner besten Freunde liegt.
„Und ich mich erst. Bis gleich, Prinzessin.“ Prinzessin?! Aber ich komme nicht mehr dazu, nachzufragen, denn Noah hat schon aufgelegt. Der kriegt nachher seine Prinzessin! Aber es gefällt mir irgendwie auch … Besser als Andrews Eisblume …
Ich klingele unten an der Haustür und warte, bis das Surren des Türöffners erklingt. Heute brauche ich etwas länger bis in den vierten Stock. Ich muss definitiv mehr für meine Kondition tun. Als erstes sollte ich hier und auch in dem Komplex, in dem ich wohne, die Treppen anstelle des Aufzuges benutzen. Oben vor der Wohnungstür wartet schon Austin auf mich. Er schließt mich sofort in seine großen Arme. Er riecht nach seinem Duschgel und nach ihm. Einfach wie zu Hause.
„Guten Morgen. Ich bin so froh, dass du da bist!“, murmelt Austin in mein Haar. Als er mich wieder loslässt und mich in die Wohnung schiebt, kann ich Elli im Bad hören. Ja, eindeutig zu viel Tequila.
„Das höre ich. Wieso lässt du sie auch immer so viel trinken!“ Schnell drücke ich ihm die Tüten mit Frühstück in die Hand und lege meinen Mantel ab.
„Ach komm, als könnte man Elli von irgendetwas abhalten. Und wenn ich nicht wäre, dann könnte sie eine ganze Flasche Tequila alleine trinken“, verteidigt er sich.
Da hat er allerdings recht. Elli ist ein echter Sturkopf. Und der hängt gerade über dem Porzellan. Ich gehe zu ihr ins Bad, wo ich gekonnt ihre Haare greife und ein Haargummi darum wickle. Dann streichle ich ihr den Rücken, während sie schwer atmend die Stirn auf ihrem Arm ablegt. „Ich trinke nie wieder …“, brummelt sie.
Lachend betätige ich erst mal die Spülung und fülle dann etwas Wasser in den Becher, in dem die Zahnbürsten normalerweise stehen. „Natürlich, Elli, natürlich.“ Das sagt sie jedes Mal. Und spätestens am Tag darauf kann sie schon wieder feiern.
Sie nimmt das Wasser und trinkt ein paar kleine Schlucke, bevor sie die Arme wieder auf der Klobrille ablegt und ihren Kopf darauf bettet. „Nein, wirklich. Diesmal meine ich es ernst …“, murmelt sie weinerlich. Sie könnte einem wirklich leidtun, wenn sie nicht selber für ihren Zustand verantwortlich wäre. Ich reibe ihr noch mal den Rücken und stelle den Becher neben ihr auf dem hell gefliesten Boden ab. Solche Morgen laufen immer nach demselben Schema ab. Erst kotzt Elli sich etwa eine Stunde lang die Seele aus dem Leib. Dann kann man ihr Kopfschmerztabletten und etwas gegen die Übelkeit einflößen. Danach sitzt sie eine halbe Stunde am Tisch mit dem Kopf in den Armen vergraben. Erst dann wirken die Schmerztabletten und sie kann wieder halbwegs menschlich kommunizieren. In diesem Stadium kann man ihr dann ein Brötchen mit Bratenaufschnitt hinstellen und nachdem sie ein paar Minuten angeekelte Geräusche von sich gibt, schlingt sie das Ganze herunter. Anschließend schmeißt sie sich ins Bett und schläft stundenlang. Der Rest des Tages ist dann eben für den Arsch. So die Worte meiner besten Freundin.
„Wie lange sitzt sie schon so da?“, frage ich Austin, der bereits in der Küche Teller, Gläser, Tassen und die Lebensmittel, die ich mitgebracht habe, auf dem Tresen verteilt hat.
„Die Stunde dürfte gleich um sein“, antwortet er mir. Ja, auch Austin kennt das Schema. Er ist immer froh, wenn Stunde eins vorbei ist.
