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Ria Endres lebt im Frankfurter Nordend und beobachtet seit Jahren das immer brüchiger werdende soziale Gefüge der Stadt. Denn eine ohnmächtige Politik überlässt die Stadtentwicklung einer Immobilienwirtschaft, die nur eines interessiert: maximaler Profit. Ein "Nordend" gibt es in jeder deutschen Großstadt. Ein gewachsenes Viertel, in dem Menschen seit Jahrzehnten in Miethäusern wohnen – aber plötzlich radikalen Veränderungen ausgesetzt sind: Eine Immobilienkauffrau oder eine Investorengruppe haben ein Haus erworben, das meistbietend verschachert werden soll. "Nordend" legt den Finger in die Wunden städtischer Veränderung und berührt die für alle Stadtbewohner so wichtige Frage nach der Heimat.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ebook Edition
Ria Endres
Nordend
Ein Stadtteil wird verkauft
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ISBN 978-3-86489-797-9
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2020
Die Rohfassung des Textes wurde 2018 verfasst.
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich
»Hoffentlich wird es nicht so schlimm,wie es schon ist.«
– Karl Valentin –
Ein harmloses Klingeln, so begann alles. Ich öffnete die Wohnungstür. Schon bevor meine Nachbarin zu sprechen anfing, sah ich an der Neigung ihres Kopfes, dass irgendetwas geschehen war, was mein Leben verändern wird. Sie versuchte zu lächeln, doch was sie sagte, erschreckte mich. Unser Haus soll, so die Hausbesitzerin in einem Telefonat mit meiner Nachbarin, demnächst verkauft werden. Ein Vorgang hinter unserem Rücken. Mein Kopf surrte an diesem herrlichen Frühlingsabend.Unser Haus verkaufen? Ich war für Augenblicke unfähig, das Wort verkaufen richtig zu verstehen, obwohl ich mit der Bedeutung von Wörtern vertraut bin. Meine Mietwohnung soll also wie alle anderen neun Mietwohnungen unseres Hauses verkauft werden. Nicht ich, nur die Wohnung. Denn es ist ja in Wirklichkeit nicht unserHaus, es war nie unser Haus. Was man so alles dahinsagt. Ich dachte immer, mir würde so etwas nicht passieren oder sollte ich sagen: zustoßen. Das Verhältnis zu unserer Hausbesitzerin war doch nicht schlecht, im Gegenteil, es hatte sich über Jahrzehnte hinweg fast ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Aber das bedeutete plötzlich gar nichts mehr, sonst hätte uns die Hausbesitzerin über ihren Plan informiert, und sicher wäre ein für alle annehmbarer neuer Besitzer gefunden worden. »Alles net bös gemeint«, hat der Bruder der Hausbesitzerin gesagt, der sich wie der wahre Hausbesitzer aufspielte. Also müsste ich mich eigentlich nicht fürchten, oder doch? Net bös gemeint heißt: Ich, als plötzlich schlaflose Mieterin im Frankfurter Nordend soll bitte demnächst oder später wegen irgendwelcher obskurer Modernisierungen des neuen Besitzers aus meinen vier Wänden verschwinden, wenn ich die Umbaumaßnahmen nicht aushalte und die explodierende Miete nicht mehr bezahlen kann. Verschwinden. Nur wohin? In eine andere Mietwohnung, wo mir wieder das Gleiche droht? Ich nenne meine vier Wände im Frankfurter Nordend mein Zuhause, obwohl ich auch in der Sprache mein Zuhause habe. Zumindest in ihr konnte ich der Verzweiflung immer entgehen. Zumindest in der Sprache und in meinen vier Wänden fühle ich mich nicht fremd. Im Gegenteil, ich kann mir mein Leben nirgends anders vorstellen. Zwar habe ich auch auf Reisen geschrieben, aber die meisten Texte sind hier im Frankfurter Nordend entstanden, also nicht in einem luftleeren Raum.
Wie schnell ein Leben kippt, weiß ich, und zwar nicht nur aus Filmen. Natürlich beobachte ich alle möglichen Veränderungen in Frankfurt seit Jahren und auch die verfehlte Wohnungspolitik der Stadt. Entfesselte Finanzmärkte ohne erkennbare Regeln erschrecken mich. Die Herrschaft des Geldes hat viele Gesichter.
Unter Gentrifizierung wollte ich mir nie so recht etwas vorstellen. Jetzt kann ich mich nicht mehr um den Begriff herummogeln. Gentrifizierung heißt: Verdrängung der Bewohner wegen explodierender Mieten nach sogenannten Modernisierungen und ist ein Zeichen der Zeit mit ihrem fieberhaften Immobilienmarkt, der irgendwann in einem folgerichtigen Ende platzen wird. Und welche neuen Bewohner haben jetzt den Platz der Verdrängten eingenommen? Kritiker sprechen von einer Gentrifizierungsidylle, die im dicht besiedelten Nordend, dem Stadtteil der GRÜNEN, auch in den Straßencafés sichtbar ist.
Seit über vierzig Jahren wohne ich hier im Frankfurter Nordend. Das Nordend ist, wie es so treffend heißt, »ein gründerzeitlich gebauter Innenstadtbezirk«, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts deshalb entstand, weil sich die Stadt immer weiter nach Norden ausdehnte. Während meines Studiums lebte ich in einer Wohngemeinschaft in der Sternstraße, jetzt lebe ich nicht weit davon in der Lersnerstraße. Die Lersnerstraße ist eine Einbahnstraße ohne Geschäfte, aber mit zwei Arztpraxen und einem kleinen Kinderladen. Hier wird vor allem gewohnt. Die schmale Einbahnstraße beginnt am Bornwiesenweg, der nicht nur wegen seines Namens ein wenig romantisch wirkt. Eine einzige, noch schmalere, kurze und elegant geschwungene Einbahnstraße, die Nesenstraße, führt von der Wolfsgangstraße in die Lersnerstraße. Von der Straße ohne Wölfe, aber mit vielen Autos ist es nur noch ein Katzensprung zum Holzhausenpark. Doch die Lersnerstraße zieht sich auch nicht gerade lang hin. Sie endet auf dem sehr befahrenen Oederweg mit seinen breiten Bürgersteigen, an deren Rand zur Zeit ständig Restaurants, Geschäfte und Cafés ihre Besitzer oder Pächter wechseln und mehr oder weniger legal Tische und Stühle auf den Gehsteigen aufgestellt werden. Immerhin gibt es noch Einzelhandel auf dem Oederweg. Eigentlich müsste es, wenn man die Verkehrsverhältnisse betrachtet, Lersnerweg und Oederstraße heißen und nicht Oederweg und Lersnerstraße, aber die Adern des Stadtköpers haben sich anders entwickelt. Der Oederweg hat als Hauptschlagader des Nordends seine Nase ganz vorn, wenn es um die Abgas- und Feinstaubmengen geht. Aber das ist mir egal, wenn ich im Sommer unter hohen Platanen auf der Terrasse des Eiscafés Olimpio im Schatten sitzen kann und Eis in meinem Mund zergeht. Laufe ich als eilige, an Hindernisse gewöhnte Fußgängerin ins Stadtzentrum hinunter, bin ich schon in zehn Minuten am Eschenheimer Turm. Kurz vor dem ehemaligen Volksbildungsheim mit den roten Sandsteinfassaden, in dem jetzt das sterile Multiplex-Kino Metropolis residiert, rettet die Bäckerei Zeit für Brot das Backhandwerk, denn ihr Sauerteigbrot, das so gut riecht, ist keine Massenbackware. Im ehemaligen Volksbildungsheim gab es früher im Erdgeschoss sogar eine Volksbücherei, und in den großen und kleinen Sälen konnten Vorträge, Theateraufführungen und Konzerte besucht werden. Deshalb passte das legendäre Theater am Turm, das 1965 seinen Namen von Claus Peymann bekam, so gut als Nachfolger ins Volksbildungsheim. Das TAT war für viele Jahre mein Nachbarschaftstheater. Ich verdanke ihm große Abenteuer. Für die Stadt wurde das herausragende Experimentiertheater im Lauf der Jahre immer mehr zum Problemfall. Man wollte es loswerden und drehte den sowieso schon dünn fließenden Geldhahn zu. Auf meinem Erinnerungsschirm bleiben die Gastspiele der Bread and Puppet-Theatergruppe, des Living Theaters und vieler anderer Gruppen lebendig.Am einprägsamsten ist für mich die Regiearbeit von Elisabeth LeCompte mit ihrer Wooster Group gewesen. Amerikanische Avantgarde pur mit Willem Dafoe und Ron Vawter. Das war in einem früheren Leben. 1995 verkaufte die Stadt das ehemalige Volksbildungsheim mit dem TAT an ein privates Konsortium. Beim Verscherbeln von städtischem Eigentum ist die Stadt ja weit vorn. Zu meinem Alltag gehörte auch das nahe Stadtbad Mitte in der Hochstraße. Dort zog ich meine Runden unter dem herrlichen, wellenförmigen Dach über dem großen Schwimmbecken und dem Zehnmetersprungturm. Das Bad war irgendwann restaurierungsbedürftig, aber die Stadt machte das, was sie so gut kann und fast zur gleichen Zeit mit dem ehemaligen Volksbildungsheim gemacht hat: privatisieren und es dann ans Hilton Hotel verkaufen. Die Aufregung nicht nur bei uns Schwimmern war groß. Die Presse titelte: »Fünf-Sterne-Hotel statt Volksgesundheit«. Aber so schlimm wurde es dann doch nicht, vielleicht auch wegen des Protestes und weil der Denkmalschutz noch nicht ganz versagte. Zwar wurde ein Teil des Stadtbades 1996 abgerissen und das Hilton errichtete einen Neubau, aber das nun geschrumpfte Schwimmbad mit seiner verglasten Schwimmhalle, den Steinmosaikträgern und dem Wellendach gibt es noch. Auch ohne Gast im Hilton zu sein, kann man, von außen kommend, aber zeitlich begrenzt, im verkleinerten und nicht mehr so tiefen Becken ohne Sprungbrett schwimmen. Die großzügige Abteilung mit den Saunen und den Kneippschen Becken ist dem Club Fitness First mit den dazugehörigen Geräten gewichen, aber ins Wasser eintauchen kann ich trotzdem, weil ich Mitglied des Clubs geworden bin. Ich freue mich beim Schwimmen über den hellen Raum und schaue gerne auf den Park in der Bockenheimer Anlage, der früher »Haschwiese« genannt wurde. Gleich in der Nähe des Hilton Hotels gibt es noch ein anderes Dach, das mir gefällt. Ganz automatisch wandern meine Augen zum kühnen Flachdach des ehemaligen Bayer-Hauses von 1952, das nun dem Fleming’s Hotel gehört. Fährt man mit dem Paternoster acht Stockwerke zur Dachterrasse mit der Glasfassade hinauf, sieht man im Weitwinkel die Silhouette der Stadt und an schönen Tagen den Taunus mit dem Großen Feldberg. Zu den fünf trotzigen Spitzen des Eschenheimer Turms auf der Verkehrsinsel neben dem Hotel ist es von der Dachterrasse aus nur ein paar Meter. Dieser unversehrte Mittelalterturm, der die Grenze zwischen Nordend und Innenstadt markiert, sollte schon ein paar Mal abgerissen werden, aber er gehört eben doch zu den Frankfurter Wahrzeichen, zumindest druckt ihn die Henninger Brauerei auf ihr Etikett. In der Eschenheimer Anlage, ein paar Meter vom Hotel entfernt, steht ein kurioses Jugendstildenkmal. Zwei nackte junge Männer stützen ihren Arm in lauschender Haltung auf einen Mauervorsprung. Sie können sich, weil sich eine Säule zwischen ihnen herauswölbt, nicht sehen, aber durch einen Apparat, den sie sich ans Gesicht halten, miteinander Kontakt aufnehmen. Über ihnen der Kopf des Physikers Philipp Reis aus Gelnhausen. Er entwickelte ein Gerät, mit dem durch elektrischen Strom Sprache übertragen werden konnte. Es dauerte lange, bis der wirtschaftliche Nutzen seines Apparats, den er Telephon nannte, erkannt wurde. Auf dem Stein steht: ZUMGEDÄCHTNISANDIEERSTEVORFÜHRUNGSEINERERFINDUNGIMFRANKFURTERPHYSIKALISCHENVEREIN. Neben dem Denkmal befindet sich eine Treppe, die zu einem kleinen Park hinunterführt. Er ist aus ehemaligen Villengärten entstanden. Mittags setzen sich Büroangestellte auf die Parkbänke, vertilgen ihr Essen aus Plastikschalen und freuen sich, wenn Wasser aus dem Wandbrunnen mit dem Medusenhaupt fließt.
Spreche ich den Namen Lersnerstraße am Telefon aus, werde ich oft wegen der drei Konsonanten im Innern nicht verstanden, deshalb buchstabiere ich lieber gleich das ganze Wort. Die Lersnerstraße hat ihren Namen von der berühmten Patrizierfamilie von Lersner erhalten. Achilles August von Lersner zum Beispiel war Schöffe in Frankfurt und sammelte vieles, was ihm an historisch Wissenswertem bei seiner Tätigkeit im öffentlichen Leben begegnete. »Aus aufrichtiger Lieb vor Frankfurt zum Nutzen der Nachwelt« heißt es in seiner Chronik von 1711, die 1734 durch seinen Sohn ergänzt wurde. Der deutsche Architekt Alexander Freiherr von Lersner baute 1896 für das Cronstett- und Hynspergische Damenstift, einer Wohltätigkeitsstiftung, seine Gründerzeitvilla in der Lindenstraße 27. Natürlich konnte er nicht ahnen, dass sein schönes Haus 1940 an die Nationalsozialisten zwangsverkauft werden musste. Die Nazis richteten darin die Gestapozentrale mit einem Folterkeller ein. Von den Frankfurtern bekam die Villa den Namen »Schreckenshaus«. 1950 wurde sie an die Stiftung zurückgegeben. Die Mieterträge werden bis heute für Alte und Hilfsbedürftige verwendet.
Ich lebe in einem teilweise denkmalgeschützten Haus von 1874, das beim Denkmalamt unter dem Begriff »Neurenaissance« eingetragen ist. Es passt sehr gut in das Nordend mit seinen meist vierstöckigen Häusern und ihren Sockeln aus rotem Mainsandstein, und ich bin selber ein kleiner Teil des Viertels geworden. Viele Leute wollen zur Zeit auch ein Teil des Nordends werden, aber ganz anders als ich. Nun ist es mir also in unserem gut, aber nicht übertrieben gepflegten Haus passiert. Wenn ich jetzt durch das schmiedeeiserne Gartentor am blühenden Vorgarten vorbei zu den äußeren Treppenstufen bis zur Eingangstür des Hauses gehe und den Schlüssel ins Schloss stecke, verharre ich kurz im kühlen Hausflur mit dem Gedanken: wie lange noch? Die bemalten Wände mit ihren Blumenmustern, die Stuckgirlanden, die gerippten Lampen über dem großzügigen Vorplatz, der in den Keller oder zur Wendeltreppe führt, streife ich kaum mit Blicken, ich kenne ja jede Ritze. Manche Stufen knurren wie ein stolzes altes Tier. Diese Treppe sollte vorsichtig benutzt werden, denn sie schwingt sich eigenwillig am Lichthof vorbei und verlangt Aufmerksamkeit, sonst kann man straucheln. Die Wohnungstür schließe ich ganz altmodisch mit meinem Schlüssel, der nicht einmal fälschungssicher ist, auf, denn ich habe keine App, die über einen Sprachbefehl die Tür öffnet. Meine Wohnungstür habe ich auch noch nicht mit einer smarten Minikamera nachrüsten lassen. Zum Glück empfängt mich nicht Smart Home, sondern meine Bücher mit ihrem nicht schätzbaren immateriellen Wert, oder sollte ich sagen: mit ihrem geistigen Kapital? Ich packe all die Dinge aus, die ich nach meinen Bedürfnissen eingekauft habe, ohne auf dem Smartphone nachgeschaut zu haben, wie es in meinem Kühlschrank aussieht, ich bin ja nicht debil und brauche integrierte Kameras. Diese und andere Kompetenzen will ich mir wirklich nicht abnehmen lassen. Deshalb muss ich auch nicht Alexa bitten, schon einmal die Kaffeemaschine einzuschalten, auf diese Unterstützung verzichte ich gerne, obwohl so viele Leute richtig begeistert sind von der positiven Wirkung auf ihr Privatleben. Kurz, ich brauche Alexa nicht zu danken, dass sie die Kaffeemaschine eingeschaltet hat. Außerdem ist es angenehm, mir nicht die Frage stellen zu müssen, ob der Lautsprecher permanent zuhört oder was mit meinen Daten passiert. Selbstverständlich wird auch kein smart tv mit mir Kontakt aufnehmen, weil es mich sehen und somit ausspionieren kann. Und Viren in anderen internetfähigen Geräten habe ich bisher auch nicht. Schon wieder ein Problem weniger.
Ich schaue oft aus dem Fenster auf die leere Fläche einer Brandmauer schräg gegenüber, der letzten Erinnerungsspur aus dem Zweiten Weltkrieg, und bin froh, dass nicht alle Häuser in der Lersnerstraße von einer Brandbombe getroffen worden sind. Reiner Zufall, denn ein anderes Nachbarhaus stürzte zusammen. In die Lücke baute man in den 50er Jahren ein billiges, grün angemaltes Haus, in dem seit vielen Jahren nur noch eine einzige Frau wohnt. Der Besitzer, ein Arzt aus Hamburg, lässt das Gebäude verkommen. Tauben haben hier ihr Zuhause, und ob es auch Ungeziefer in den leeren Wohnungen gibt, will ich gar nicht wissen.
Nach 1945 veränderte sich das bürgerliche Haus. Aus den hufeisenförmigen, 160 Quadratmeter großen Etagenwohnungen entstanden jeweils zwei Wohnungen, indem man mitten durch das ehemalige Herrenzimmer mit seinem kostbaren Parkett eine dünne Gipswand zog. Deshalb ist meine Wohnung sehr hellhörig. Bisher hatte ich immer Glück mit meinen Nachbarn. Sie waren so rücksichtsvoll wie ich. Als ich 1978 vor dem Haus stand, sah ich bereits von außen, dass es nicht besonders gepflegt worden war, doch für mich hatte es, schon als ich das Gartentor öffnete, eine eigenartige Sogkraft. Die Wände meiner Wohnung waren von einem irren Vormieter schwarz gestrichen, die Räume mit einem lila Teppichboden ausgelegt worden. Vom Hausmeister, der neben mir wohnte, erfuhr ich, dass sich die Frau des Verrückten umgebracht hatte. Zum Glück nicht in der Wohnung, sondern irgendwo im Taunus. Mir war klar, dass man die Wohnung völlig ändern musste. Zuerst wurden die hohen Wände tapeziert und weiß gestrichen, dann der Deckenstuck mit feinen Pinseln angemalt. Die größte Arbeit machte der Fußboden. Mit Freunden entfernte ich den giftigen lila Bodenbelag. Darunter schlummerte ein nahezu unversehrter Dielenboden. Als wir Hunderte Nägel aus den Brettern gezogen hatten und der Kleber abgelöst worden war, kam die Schönheit der honigfarbenen Dielen von 1874 zum Vorschein. Seitdem werden sie immer wieder gewachst und sie glänzen matt. Der Vormieter hatte außerdem die Flügeltüren entfernt und im Keller abgestellt. Als ich sie wieder in die Wohnung bringen ließ, musste ich feststellen, dass sie durch die Feuchtigkeit des Kellers verzogen waren. Ein Schreiner half bei der Restaurierung; nun schließen sie wieder gut. Hinter den schwarzen Tapeten meines zukünftigen Arbeitszimmers versteckten sich Holzleisten. Sie rahmten die Wandpaneelen aus Stuck teilweise ein, hingen aber von der Wand herab. Ich wusste nicht, wie man die Paneelenwände retten kann, aber ich hatte geschickte Helfer. Als ich einzog, gab es noch Gasöfen in jedem Zimmer und sogar einen Kohleofen. Sie wurden nach ein paar Jahren durch eine Gasetagenheizung ersetzt. Die neuen schalldichten Fenster halten den Straßenlärm draußen. Das Haus wurde in all den Jahren Schritt für Schritt modernisiert, nicht zuletzt deshalb, weil der Hausbesitzer, der technische Direktor eines Krankenhauses, eine späte Liebe zu seinem Geburtshaus entdeckte und unbedingt im Alter hier wohnen wollte. Immerhin war ja sein Vater der Architekt des Hauses gewesen. Er schimpfte über die Hausverwaltung, die nichts getan und offenbar auf eine abrissreife Ruine spekuliert hätte. Aber jetzt sollte alles anders werden, weil er selbst mit seiner späteren Frau, einer ehemaligen Krankenschwester, hier einzog. Das Treppenhaus mit den Stuckpaneelen wurde restauriert und mein großer Balkon im Hinterhof verglast. Jetzt habe ich einen Wintergarten. Leider kann ich ihn aber in heißen Sommermonaten nicht so recht benutzen, weil sich der Raum durch die Sonnenstrahlen in einen geräumigen Brutkasten verwandelt. Es hätte eben ein besonderes, mehrfach beschichtetes Glas sein müssen, doch das war dem Hausbesitzer damals zu teuer. Im Frühling und Herbst freue ich ich mich über den Wintergarten und den Ausblick nach Westen in den grünen Hinterhof. Auch die Spitze des 257 Meter hohen Messeturms kann ich sehen. Nachts blinkt die kleine rote Pyramide, ein postmodernes Wahrzeichen der Stadt. Der Hausbesitzer hat das späte Leben in seinem Elternhaus sehr genossen und viel von seiner Kindheit und den Sonntagen im Garten erzählt. Später wurde er krank und siechte jahrelang dahin. Er freute sich, wenn ich ihn besuchte, und wollte oft von mir wissen, ob es einen Gott gibt oder nicht. Doch woher soll ich das wissen. Immer wieder betonte er, dass sein Haus niemals in fremde Hände kommen dürfe. Wenn er aus dem Bett fiel, half ich seiner Frau, ihn wieder hineinzulegen. Jetzt ruht er auf dem Hauptfriedhof, und die Witwe, die Hausbesitzerin, hat seine Wünsche gründlich vergessen.
