North & Rae: 2 Bände in einem Bundle! - Rebecca Wild - E-Book

North & Rae: 2 Bände in einem Bundle! E-Book

Rebecca Wild

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Beschreibung

**Eine Geschichte zum Dahinschmelzen, selbst im eisigsten Winter** Diese Box enthält zwei zauberhafte Romantasy-Bände zum Wegträumen. Winteraugen (North & Rae 1) Blumen aus Eis, Wasser, das in der Luft gefriert, und blattlose Bäume – viele Geschichten ranken sich um das ferne Winter, doch die 16-jährige Rae hat es noch nie zu Gesicht bekommen. Wo sie herkommt, sind die Wiesen immer grün, die Ernten immer reich und das Leben sorgenfrei. Erst als Juni, die Sommerprinzessin, spurlos verschwindet und der Verdacht auf ihren Zwillingsbruder Luca fällt, scheint die Kälte sich auch in ihr Leben zu schleichen. Um ihm zu helfen, begibt sich Rae auf die lange Reise in das Königreich von Frost und Kälte und trifft unterwegs auf North, den Jungen mit Augen so kalt wie der Winter selbst. North versteht zwischen den Jahreszeiten zu wandeln wie kein anderer, aber sein Vertrauen zu gewinnen, ist alles andere als einfach … Sommerkälte (North & Rae 2) Die Hochzeit zwischen dem Winterprinzen und der Sommerprinzessin soll den Königreichen endlich den lang ersehnten Frieden bringen. Doch das Bündnis wird im letzten Moment verhindert und Frost und Kälte legen sich über das einstige Reich ewiger Wärme. Aber nicht nur Sommer schwebt in Gefahr, auch der Herbstwald droht zu sterben und mit ihm all seine Magie. Inzwischen sucht Rae noch immer nach einer Möglichkeit, den Zauber zu brechen, der North außerhalb des Waldes an die Gestalt einer Eule bindet. North, den Jungen mit Augen so kalt wie der Winter selbst, der Raes Herz aus dem Takt bringt und ohne den sie nie wieder sein will. Aber was geschieht, wenn alle Magie stirbt? Märchenhaft, romantisch und einfach zum Mitfiebern – diese Reihe trifft die Leser*innen mitten ins Herz! //Alle Bände der märchenhaften Reihe: -- Winteraugen (North & Rae 1) -- Sommerkälte (North & Rae 2) Die »North & Rae«-Reihe ist abgeschlossen.//

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2023 Text © Rebecca Wild, 2023 Lektorat: Nicole Boske Redaktion: Konstanze Bergner, Marion Lembke Coverbild: shutterstock.com/ © Lars Hallstrom; © andreiuc88; © Aleshy_Andrei; © Leonid Ikan; © ileana_bt; © Ramona Kaulitzki Covergestaltung der Einzelbände: formlabor ISBN 978-3-646-61012-3www.impressbooks.de

Wohin soll es gehen?

 

 

 

 

  Band 1: Winteraugen

 

  Band 2: Sommerkälte

 

  Vita

Für meine Schwester, Amelie. Ich krieg' dich schon noch dazu, Fantasy zu lesen ;-)

1. WINTERAUGEN

Winteraugen wurden in Sommer nicht gern gesehen, deshalb zog North die Kapuze tiefer ins Gesicht und hielt den Kopf gesenkt. Es war bereits spät und die Häuserwände warfen lange Schatten, in denen er sich verstecken konnte.

In seinem Umhang befanden sich zwar Papiere, die seinen Aufenthalt im Königreich Sommer genehmigten, dennoch wollte es North nicht darauf ankommen lassen, der Schlosswache über den Weg zu laufen. In Sommer galt jeder Winterling als potentieller Verbrecher.

Vor ihm trat eine junge Frau mit einem Kind am Rockzipfel und einem Korb voller Äpfel aus einem Hauseingang. North zog sich in eine Nische zurück und wartete, um sie vorbeizulassen.

Als sie auf einer Höhe waren, stolperte die Frau plötzlich über einen losen Pflasterstein, der Korb schwankte gefährlich hin und her, ein Apfel rollte über den Rand und fiel schließlich zu Boden. Das Kind – ein kleiner Junge – wollte ihn aufheben, aber die Frau zerrte ungeduldig an seiner Hand und hetzte weiter die Straße entlang, bis sie aus Norths Blickfeld verschwunden waren. Der Apfel hingegen kullerte ihm direkt vor die Füße. Ein kleiner Schatz, wenn man ihn nach Winter brächte. Hier ein überflüssiges Gut, das man einfach auf der Straße verrotten lassen konnte.

Behutsam hob North den Apfel auf und ließ ihn in seiner Manteltasche verschwinden. Danach setzte er seinen Weg fort.

Am Ende der Straße sah er endlich den Brunnen mit den bunten Fischfiguren, den ihm der Knabe am Stadttor beschrieben hatte.

Zwischen zwei Häuserwänden schlängelte sich eine schmale Gasse hindurch. Auf der linken Seite waren Stufen in die Mauer geschlagen worden, und dahinter erkannte North die Umrisse einer Tür. Kein Schild hing über dem Eingang, kein verschroben-fröhlicher Name, der verkündete, dass sich hier eine der vielen Sommer-Tavernen verbarg. Einzig die schwarze Farbe, mit der man die Tür umrandet hatte, verriet ihm, dass er hier richtig war.

North blieb einen Moment in der Gassenmündung stehen und sah wachsam unter seiner Kapuze hervor. Wie von selbst glitt seine Hand in den kleinen Samtbeutel an seinem Gürtel, den er immer randvoll mit Salz gefüllt hielt. Als er merkte, was er da tat, zog er seine Hand ruckartig wieder zurück und verschnürte den Beutel fester als notwendig.

Schnell warf er einen kurzen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand ihn sah, dann betrat er die Gasse und ging zielsicher auf die Tür in der Mauer zu. Er hob seinen Wanderstab und schlug mit dem klobigen oberen Ende gegen das Holz. Zweimal Klopfen. Pause. Dreimal Klopfen. So wie man es ihm gesagt hatte.

Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit und ein älterer Mann mit krausem weißen Haar, das ihm wie eine Schneehaube auf dem Kopf saß, lugte argwöhnisch hervor.

»Ich lasse niemanden rein, dessen Gesicht ich nicht sehen kann«, knurrte er und bedeutete North, die Kapuze abzunehmen.

Dieser behielt die Kapuze an, aber er trat so weit zurück, dass der Alte in sein Gesicht blicken konnte. Als der Mann seine Augen sah, verzog er den Mund, als hätte er etwas Ranziges gerochen.

»Wintervolk«, brummte er und spuckte auf den Boden. »Von eurer Sorte sieht man nicht mehr viele in der Stadt. Nicht seit König Augusts Regentschaft.« Er schob etwas mit der Zunge in seinem Mund hin und her, während er North misstrauisch musterte. »Was willst du hier?«

»Ich bin mit jemandem verabredet«, erwiderte North knapp und hielt seinem Blick stand.

»Keine Zauberei, hörst du? Wir wollen keinen Ärger mit der Schlosswache hier. Einer von deinen Wintertricks und du fliegst raus.«

North neigte den Kopf. »Selbstverständlich.«

Nicht jeder, der aus Winter kam, verstand sich automatisch auf Magie. Das Land war arm und nur die wenigsten konnten sich ein Studium bei der Magiergilde leisten. In Sommer genügte dagegen schon ein Paar eisblauer Augen, um der Hexerei bezichtigt zu werden und im Schlosskerker zu landen.

»Sieh zu, dass du endlich reinkommst!«, unterbrach der Alte jäh seine Gedanken. »Die Leute werden noch misstrauisch werden, wenn du weiter da draußen Wurzeln schlägst, und ich kann keine Soldaten im Laden gebrauchen.« Der Mann winkte ungeduldig und zog die Tür weit genug auf, dass North hindurchschlüpfen konnte.

Der Raum, der sich nun eröffnete, bestand aus einem einzigen Tisch mit einer halb heruntergebrannten Kerze und einem vergilbten Gedichtband darauf. Dahinter führte eine gebogene Treppe in die Tiefe. Der Schankraum musste sich dort unten befinden. Wahrscheinlich hatte der »Keller« daher seinen ominösen Namen.

Gedämpftes Gelächter drang zwischen den Stufenhohlräumen zu ihnen hinauf und Norths Griff um den Wanderstab verstärkte sich. Große Menschenmengen machten ihn nervös, beengte Kellerräume noch viel mehr und für gewöhnlich mied er aus genau diesem Grund die Städte. Abgelegene Gasthäuser an Weggabelungen und kleine Dörfer waren sonst sein Zuhause, aber er war aus einem speziellen Grund hergekommen. Er hatte es Januar versprochen. Er konnte jetzt keinen Rückzieher machen.

Auf seinem Weg nach unten schob er die Kapuze zurück. Die rauchenden Öllampen, die an Wandhaken und Tischen verteilt waren, spendeten nicht genug Licht, um seine Augenfarbe zu verraten, und an solch einem Ort würde eine Kapuze zu viel Aufmerksamkeit erregen.

Der Schankraum am Ende der Treppe war sporadisch eingerichtet, ohne Fenster und Gemälde oder sonstige Zierde. North erspähte nur einen langen Tresen mit lederbezogenen Hockern und drei Tische, von denen zu so früher Stunde nur einer besetzt war.

Er ignorierte die zwei Männer, die dort ihr Bier tranken und ihn interessiert musterten, während er zur Bar vordrang und sich auf einen Hocker setzte. Er lehnte seinen Stab gegen den Tresen und begrüßte die Frau dahinter mit einem knappen Nicken. Sofort schenkte sie ihm ein breites Lächeln. Sie stützte ihre Hände auf die Bar, wodurch ihr freizügiges Dekolleté noch mehr zur Geltung kam. Sommermode. North würde sie nie ganz verstehen.

»Na, Fremder?«, gurrte sie und musterte ihn neugierig. Sie war älter als er und zu hübsch für dieses dunkle Loch, in dem es nach Bier und Pfeifentabak stank.

North drehte den Kopf zur Seite, um ihrem neugierigen Blick auszuweichen und lehnte die Ellbogen auf den Tresen.

»Ein Wasser, bitte.«

Enttäuscht nickte sie und wandte sich ab, um ihm aus einem Krug einzuschenken.

North wollte sich gerade entspannen, als er eine Hand auf der Schulter fühlte. Die zwei Männer vom Nebentisch waren aufgestanden und hatten sich hinter ihm aufgebaut. Sie standen zu nah. North hatte das Gefühl, weniger Luft zu bekommen, und berührte seinen Stab, wie um Schutz zu suchen. Noch wirkten die Männer nicht angriffslustig, sondern eher interessiert, aber das konnte sich schnell ändern, wenn sie erfuhren, mit wem sie es zu tun hatten.

»Ich kenn dich nicht«, sagte der eine und zog seine Hand von Norths Schulter. Er war ein hässlicher Geselle mit tiefen Pockennarben und einer unförmigen Nase. Im Kontrast dazu stach das hübsche Gesicht seines Kameraden noch stärker hervor. North hätte fast behauptet, dass der Junge Feenblut in sich tragen musste, aber so etwas wie männliche Feen gab es nicht.

»Und du kennst jeden, der hier ein und ausgeht?«, fragte er möglichst unschuldig.

»Nicht jeden. Aber die meisten.« Der Mann lächelte schief. Trotz seiner unvorteilhaften Gesichtszüge, versprühte er ein gewisses Charisma. Wäre North ein Menschenfreund gewesen, hätte er vielleicht gern ein Bier mit ihm getrunken.

»Ich bin Kit. Der Laden gehört mir. Und der nutzlose Schönling da ist mein Freund Luca. Um die Zeit ist noch nicht viel los hier. Leiste uns doch bei einem Würfelspiel Gesellschaft.«

North blickte zur Treppe. »Ich bin mit jemandem verabredet.«

»Noch bist du aber allein, oder? Komm und setz dich zu uns.«

Die Aufforderung war zu direkt, um höflich abgelehnt zu werden. Als North dennoch zögerte, hievten die zwei Männer einfach ihre Stühle zur Bar und kreisten ihn ein. Ein Becher und fünf Würfel wurden auf den Tresen gelegt und damit war die Sache entschieden.

North sah noch einmal zur Treppe, aber im Grunde sprach nichts dagegen, sich etwas die Zeit zu vertreiben, bis Juni hier auftauchte.

Kit drückte ihm den Würfelbecher in die Hand und North schüttelte ihn gegen seine Handfläche.

Sie spielten »Drossel«, ein Spiel, das North schon oft in Sommer-Wirtshäusern am Rande des Herbstwaldes beobachtet hatte, aber heute zum ersten Mal selbst spielte. Es ging um ein paar Kupferlinge, nichts, das North wehgetan hätte, aber der goldgelockte Schönling, den Kit als Luca vorgestellt hatte, zog eine immer säuerlichere Miene, als North drei Runden hintereinander gewann.

Kit schien es auch zu bemerken. Als Luca schon wieder verlor und North sich zwei neue Kupferlinge in den Umhang schob, lachte Kit auf und klopfte seinem Kameraden auf die Schulter. »Unser neuer Freund hat Glück, kein Grund so ein Gesicht zu machen.«

»Das war mein ganzer Tageslohn«, murrte Luca.

»Lohn? Wann hast du heute gearbeitet?« Kit grinste nur, als Luca ihn finster anstierte.

»Ich spiele sonst nicht«, sagte North.

»Nein?«, fragte Kit. »Was treibst du dann?«

»Solchen Fragen ausweichen.«

Kit lachte. »Ich mag dich. Sag, wie heißt du Bursche?«

»North«, antwortete er, ohne nachzudenken und nahm einen Schluck aus seinem Krug. Irgendwann in der letzten Stunde hatte sich sein Wasser in Bier verwandelt. Und da sag noch mal einer, Sommervolk verstünde nichts von Magie. Die angespannten Gesichter seiner Mitspieler bemerkte er erst, als er den Krug wieder abstellte.

»North?«, fragte Kit mit plötzlichem Misstrauen in der Stimme. »Das ist kein Sommername.«

Auch Luca ließ seinen Blick nun aufmerksam über seine Gestalt wandern. »Für Sommer ist seine Haut auch zu hell.«

»Es war nie meine Behauptung, aus Sommer zu sein«, antwortete North ruhig und legte seine Hand auf den Stab.

Luca kniff die Augen zusammen. »Er hat uns reingelegt. Die Würfel waren verhext!«

»Sei kein Narr! Nicht jeder Winterling ist gleich ein Magier. Du hörst zu viele Geschichten«, beschwichtigte ihn Kit, aber sein Lächeln wirkte plötzlich gezwungen.

North neigte den Kopf zur Seite. »Dein Freund hat Recht«, sagte er an Luca gewandt. »Die meisten Winterleute erkennen Magie nicht einmal, wenn der Wald ihnen ins Gesicht blickt. Aber nehmen wir an, ich wäre ein Magier …« North hob einen Mundwinkel und ließ eine Hand über die Würfel gleiten, während er Luca genau im Blick behielt. »… dann hätte ich es sicher nicht nötig, beim Würfelspiel zu zaubern.« Als er die Hand zurückzog, waren die Würfel verschwunden. An ihrer Stelle lagen fünf Goldstücke mit Würfelaugen anstatt der typischen Insignien als Prägung.

Luca machte einen überraschten Laut und kippte samt Stuhl nach hinten. Als er wieder auf die Füße kam, hatte er eine Hand zur Faust geballt, zog den Ellbogen zurück und –

Eine zarte Frauenhand legte sich auf Lucas Ellbogen. Sie hielt ihn nicht fest, aber die Berührung reichte aus, dass er innehielt. Er blickte über die Schulter nach hinten, seine Augen weiteten sich und sein Mund klappte auf. Seiner Kehle entwich ein kratziger Laut.

»Gibt es ein Problem?«, fragte die Frau und lächelte freundlich. Sie trug einen taubengrauen Umhang; die Kapuze war verrutscht und enthüllte mandelförmige Augen und ein filigranes Gesicht.

Augenblicklich ließ Luca die Faust sinken und lächelte verzückt zurück. »Was …? Nein. Natürlich nicht.«

Sie strich ihm flüchtig über den Arm, dann schob sie sich an Luca vorbei und wandte sich North zu. »Du bist sicher North. North von –«

»Nur North«, unterbrach er sie schroff und zog seinen Stab an sich. Schönheit ließ ihn stets eine Abwehrhaltung einnehmen. Juni war zwar keine Fee, aber sie war so schön wie eine und in Norths Fingern kribbelte das Verlangen, Salz aus seinem Beutel zwischen den Handflächen zu verreiben und eine Schutzformel aufzusagen.

Wenn Juni sich an seinem Verhalten störte, ließ sie es sich nicht anmerken. Noch immer dieses erhabene Lächeln auf den Lippen nickte sie und marschierte an ihm vorbei zu einem der Tische. Sie wählte den, der am weitesten von der Bar entfernt stand. Ganz selbstverständlich schien sie anzunehmen, dass er ihr folgen würde. Nicht anders zu erwarten von einer Sommerprinzessin.

Den Stab fest mit einer Hand umklammert tat er es ihr gleich. Je weiter er sich von der Bar entfernte, desto lauter wurde das angeregte Flüstern hinter ihm.

»Hast du sie gesehen? Das war Prinzessin Juni! Darauf verwette ich meine Seele.«

»Aber was will sie hier? Und von einem Winterling?«

North setzte sich gegenüber von Juni an den Tisch. »Ich dachte, Ihr hättet diesen Ort gewählt, um keine Aufmerksamkeit zu erregen?«

»Und ich dachte, Januars Vertrautem wäre es möglich, keine Prügelei während unseres Treffens anzuzetteln. Aber bitte: Nächstes Mal lasse ich Euch dann einfach niederschlagen.«

North zuckte die Schultern. Er kam sich selbst dumm vor, in solch eine Situation geraten zu sein. Der Trick mit den Würfeln war überflüssig gewesen.

»Das Bier ist schuld. Es lässt mich die dümmsten Sachen tun, weshalb ich es für gewöhnlich meide«, sagte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Und obwohl mich Eure Sorge ehrt, Prinzessin, braucht Ihr Euch nicht meinetwegen zu fürchten. Seine Faust hätte mich auch ohne Eure heldenhafte Einmischung nicht berührt.«

Juni hob eine elegant geschwungene Augenbraue. »Januar hat mir davon erzählt.«

»Was erzählt?«

»Dass Ihr ziemlich von Euch überzeugt seid.«

North lächelte dünn. »Ich versuche bloß allen Erwartungen gerecht zu werden und die meisten Menschen wollen Winter fürchten.«

»Und: Seid Ihr furchteinflößend?«

Mit dem Daumennagel fuhr North eine Holzrille im Stab nach. »Nein«, antwortete er langsam. »Aber ich weiß, was Furcht bedeutet.«

»Dann kann ich nur hoffen, dass Januar Recht behält.«

Insgeheim bewunderte North diese Art der Gesprächsführung. Immer nur so viel erzählen, dass der andere neugierig wurde und nachhakte. Aber diesmal ließ er sich nicht ködern. Abwartend sah er Juni an.

Langsam gewann das Lächeln auf ihren Lippen einen Zug Ehrlichkeit. »Ich glaube, wir werden uns verstehen. Ich setze großes Vertrauen in Euch. Ich hoffe, dessen seid Ihr Euch bewusst.« Juni zog einen Umschlag unter ihrem Umhang hervor und schob ihn über den Tisch.

Ihr Duft wehte zu ihm herüber. Rosenwasser und Orangenblüten. Am liebsten wäre er getürmt.

»Hier steht alles drin, was Ihr wissen müsst. Verbrennt den Brief, wenn Ihr ihn gelesen habt.« Das gesagt, erhob Juni sich von ihrem Stuhl und zog ihre Kapuze nach vorn.

North blieb sitzen. »Das hätte mir auch ein Bote übermitteln können. Das wäre weniger riskant gewesen.«

»Und damit die Gelegenheit verpassen, Euch persönlich kennenzulernen?« Juni machte einen Knicks. »Es war mir eine Freude, North von Nirgendwo.«

***

Rae stand unschlüssig in der Gasse, in welcher sich der Eingang zum »Keller« befand und starrte auf die Tür. Wie war das nochmal? Einmal klopfen, Pause, zweimal klopfen? Oder zweimal klopfen und dann Pause? Der gehässige Alte änderte das Zeichen jede Woche, nur um sie zu ärgern.

Rae gab es auf und hämmerte in kurzen Abständen mehrmals mit der Faust gegen das Holz. Dabei rief sie lautstark: »Oak? Ich bin's, Rae von Rose. Hast du gehört? Von Rooooose!« Sie wusste aus Erfahrung, dass sie nur lang genug Radau zu machen brauchte, damit Oak die Tür öffnete.

Und richtig: Wenig später krachte ihr die Tür bereits entgegen und Rae musste zurückspringen, um nicht von ihr erschlagen zu werden. Oak fiel vor lauter Anstrengung fast die Stufen hinunter, doch als er sie erkannte, verengten sich seine Augen erbost. »Der Giftzwerg!«, zischte er. »Was willst du schon wieder hier?«

Rae winkte zur Begrüßung. »Ich suche mal wieder meinen Bruder. Luca. Ist er hier?« Ungeduldig wippte sie auf den Fußballen nach vorn und warf einen verstohlenen Blick auf die Treppe, die hinab in den Schankraum führte.

»Und wenn schon. Du weißt ganz genau, dass –« Oak stieß empört die Luft aus, als Rae sich einfach an ihm vorbeidrängte. »Hier geblieben! Du bist viel zu jung, um –«

»Werd nicht lächerlich«, sagte Rae und tätschelte die Schulter des Alten. »Luca ist keinen Tag älter als ich und der lässt sich hier schließlich täglich die Birne volllaufen. Außerdem brauche ich nur ganz kurz. Du wirst gar nicht merken, dass ich hier war.«

»Ich merke es immer, wenn du hier bist«, meckerte Oak. »Das letzte Mal hast du die Bar abgeräumt, weil du unbedingt deine Fechtkünste mit Maurins Krücke unter Beweis stellen musstest. Hast die Hälfte der Gäste verjagt. Ne, so leicht lass ich dich nich' nochmal aus'n Augen. Ich komm mit dir runter.«

Sie hätte Maurin niemals die Krücke abgenommen, wenn nicht jemand ihren Apfelsaft aufgeputscht hätte, aber das verkniff sich Rae an dieser Stelle. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend sprang sie die Treppe in den Keller hinunter. Oak folgte ihr grummelnd, wobei seine Hüfte lauter knackte als das morsche Holz unter ihren Füßen.

»Verdammt, Oak«, stöhnte Kit, als sie im Schankraum auftauchten. »Wieso hast du das Mädel schon wieder reingelassen?«

»Was soll ich tun? Sie niederschlagen? Ich bin nicht mehr der Jüngste.«

»Du könntest einfach die Tür nicht aufmachen, wenn sie anklopft. Wie wär's damit?«

»Tag, Kit. Schön, dich zu sehen«, flötete Rae und duckte sich, als der Barbesitzer ihr im Vorbeigehen durch die Haare wuscheln wollte. Für wie alt hielt er sie? Zehn? Sie war bereits sechzehn!

Luca hob nicht einmal den Kopf, als sie zielstrebig auf ihn zusteuerte. Dabei hatte er sicher mitbekommen, dass sie hier war, aber seine Aufmerksamkeit galt ganz der Frau an seiner Seite, auf die er gedämpft einredete. Rae konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber wenn Luca sich so angeregt mit ihr unterhielt, musste sie eine Schönheit sein. Zudem trug sie einen fein gearbeiteten Umhang, der mit einer schweren, silbernen Brosche zusammengehalten wurde. Nicht das übliche Gewand, das sich die Kundschaft im »Keller« leisten konnte.

»Hey, Luca! Faulpelz!«, rief Rae und hob einen herumliegenden Korken vom Boden auf. Als ihr Bruder sie immer noch nicht beachtete, warf sie den Korken an seinen Hinterkopf. »Vater sagt, dass er dich am Markt gegen einen Ochsen eintauschen will, wenn du nicht bald nach Hause kommst. Ich hab schon wieder für dich in der Schmiede einspringen müssen!«

Luca machte einen halben Schritt zurück, wodurch die Frau genug Platz gewann, dass sie sich zwischen den Stühlen an ihm vorbeischlängeln konnte. Überrascht griff Luca nach ihrem Ärmel, um sie zurückzuhalten, aber er musste schon etwas getrunken haben, denn er erwischte nur warme Luft. Die Frau zog ihren Umhang eng um sich und rauschte mit gesenktem Kopf an Rae vorbei und die Treppe nach oben.

»Nicht! Warten Sie!«, rief Luca ihr nach und rannte in einen Stuhl hinein.

»Das arme Mädchen. Total verstört«, bemerkte Rae und schlug mit der Zunge gegen ihren Gaumen. »Mama sagt doch immer, dass du die Mädchen nur anlächeln und nicht mit ihnen reden sollst. Du verschreckst sie, sobald du den Mund aufmachst.«

»Was soll das, Rae? Wegen dir ist mir gerade die Liebe meines Lebens durch die Lappen gegangen!« Luca stellte den Stuhl wieder gerade hin und starrte sie böse an.

»Echt?« Rae wandte den Blick über ihre Schulter. »Dabei sah die gar nicht aus wie Ivi. Oder verfolgst du diese Woche wieder Juliet?«

»Keine von beiden!«

»Wurde Margaret nicht mit dem Metzgersohn verheiratet?«

»Rae!« Lucas Gesicht war inzwischen purpurrot angelaufen. Er sah dabei immer noch unverschämt gut aus. Der Schuft. Kein Wunder, dass ihr niemand glaubte, dass sie Zwillinge waren.

»Du hast doch keine Ahnung! Das war die Prinzessin!«

Rae beäugte die leeren Bierkrüge, die auf dem Tisch herumstanden. »Aber sicher.« Prinzessin Juni hatte auch nichts Besseres zu tun, als sich mit ihrem Bruder in so zwielichtigen Spelunken wie dem »Keller« herumzutreiben. »Ich hoffe, du hast ihr gleich einen Antrag gemacht. Mama übergeht mich vielleicht in der Hochzeitsplanung, wenn du eine Prinzessin an Land ziehst.«

Luca zog einen Schmollmund. »Du musstest ja dazwischenfunken.«

»Ehrlich, Kit. Mit was hast du ihn nur wieder abgefüllt?«, fragte Rae und wandte sich zum Kneipenbesitzer um. Sie verzog den Mund, als dieser ihr von hinten den Arm um die Schulter legte und ihre Wange küsste.

»Ach Rae-Herzchen, sei nicht so hart zu ihm. Ich glaub, das vorhin könnte tatsächlich ihre sommerliche Hoheit gewesen sein. Die Feen wissen, was sie hergetrieben hat, aber sie hat mit dem Typen da geredet.« Kit reckte sein Kinn nach vorn, stoppte und runzelte die Stirn. »Das sieh sich einer an! Weg. Einfach verschwunden.«

***

North hatte sich weder in Luft aufgelöst noch war er unsichtbar geworden. Es war nur ein simpler Zauber, der unerwünschte Blicke ablenkte, so dass das ungeübte Auge ihn nicht wahrnehmen konnte, während er sich seinen Weg zur Treppe bahnte. Simpel, ja, aber nicht leicht auszuführen. Der Bann hielt nur so lang, wie North die Luft anhielt und mit dem Daumen Symbole auf seinem Holzstab nachzog.

Als er den Treppenaufgang erreichte, brannten seine Lungen. Er hatte nicht mehr viel Zeit, trotzdem hielt er inne und wandte den Kopf.

Das Mädchen lachte, während Kit ihr den mysteriösen Fremden beschrieb, der auf so wundersame verschwunden war und Lucas Würfel verzaubert hatte. Sie glaubte ihm kein Wort, das sah North in ihren Augen. Die Goldmünzen mit den geprägten Würfelaugen betrachtete sie wie sonderbare Schmuckstücke. Bestimmt war sie noch nie mit Wintermagie konfrontiert worden. War noch nie in der Nähe des Waldes gewesen, der ihre Königreiche voneinander trennte.

Sie hatte das sorgenfreie Lachen eines Kindes, Sommersprossen und sonnengebräunte Arme. Strohblondes Haar umrahmte ein herzförmiges Gesicht. Sie war ganz Sommer und North wünschte ihr, dass sie niemals mit Winter in Berührung kam.

2. FÜNF BÄLGER UND ZEHN HÜHNER

Wenn Rae sich beeilte, schaffte sie es von ihrem Dorf bis in Sonnfeldens Stadtmitte in weniger als einer Stunde. Für den Rückweg brauchte sie dank ihres Bruders nun jedoch doppelt so lang. Luca ließ sich wie ein schwerer Karren ohne Räder von ihr mitschleifen. Mehrmals blieb er stehen, um irgendwelchen Frauen nachzublicken und ihnen anzügliche Worte hinterherzurufen. Einmal lief er Rae sogar davon, als er dachte, Juliets feuerrote Mähne am Markt erspäht zu haben.

Als sie die Stadttore endlich hinter sich ließen und die kupferroten Dächer ihres Dorfs am Horizont sichtbar wurden, dämmerte es bereits und Rae musste ihre Hand zur Faust ballen, um Luca nicht einfach zu erwürgen.

»Ich weiß nicht, wieso du so eine saure Miene ziehst. Ich bin hier derjenige, der wie ein kleiner Junge zurückgepfiffen wurde. Was, wenn das meine einzige Chance war, bei der Prinzessin zu landen?«

»Jetzt hör schon auf mit deiner Juni!«, schimpfte Rae. »Du bist betrunken«.

Ihre Füße schmerzten vom vielen Herumlaufen und dabei hatte sie noch gar nicht mit ihrem Teil der Hausarbeit angefangen. Den Hühnerstall hatte sie die ganze Woche noch nicht ausgemistet.

Das Kopfsteinpflaster wurde immer mehr von Matsch und Kies verdrängt, als sich ihre Route von den übrigen Handelswegen trennte und zu einer schmalen, unbefestigten Straße verengte. Gänseblümchen und andere Wiesengewächse durchzogen die Grasstreifen links und rechts der Straße. Ein Bach plätscherte entlang des Wegs, der schließlich in ein kleines Dorf mündete, in dem Raes Familie schon seit Jahrzehnten lebte.

»Glaubst du, mir macht es Spaß, dir hinterherlaufen zu müssen? Vater wird dich noch rausschmeißen, wenn du dich immer nur in den Stadtkneipen rumtreibst«, fauchte Rae und trat einen Stein über den Weg und in den Bach hinunter, wo er mit einem lauten Platschen unterging. Sie war wütend, ja, aber aus anderen Gründen, als Luca vielleicht dachte.

Sie waren Zwillinge. Hatten einmal alles miteinander geteilt, als Kinder schier unzertrennlich. Rae war immer mit Luca und den Jungs losgezogen, wenn es darum ging, in den Obstgarten der Prinzessin einzubrechen oder Vogelnester zu plündern. Das hatte aufgehört, als sie älter wurde. Irgendwann konnte sie nicht länger verstecken, dass sie doch keiner der Jungs war. Martin fing plötzlich an, ihr auf die Brüste zu starren und als er eines Tages versucht hatte, sie hinter dem Pferdewagen seines Vaters zu küssen, und sie ihm eine geschmiert hatte, war es das letzte Mal gewesen, dass ihr Bruder sie auf seine Ausflüge mitgenommen hatte.

Nun hob Luca gleichgültig die Schultern. »Soll er nur. Seine dämliche Schmiede kann mir sowieso gestohlen bleiben.«

Rae blieb stehen und starrte ihren Bruder entsetzt an. »Luca!«

»Was? Du willst doch auch nicht ewig in diesem Nest festsitzen, oder? Wieso sollte ich dann? Glaubst du im Ernst, ich will Schmied werden?« Lucas Lippen kräuselten sich verächtlich und Rae spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

»Wenigstens hast du die Möglichkeit, irgendwas zu werden! Mich wird man irgendwann in ein Haus mit fünf Bälgern und zehn Hühnern sperren … und man wird mich zwingen zu stricken! Und dann werde ich genauso wahnsinnig wie Mama!« Rae gab Luca einen Schubs. »Jetzt grins nicht so doof!«

Luca grinste nur noch breiter, legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. »Stricken kann auch nicht schlimmer sein als Vaters Schmiedehammer zu schwingen. Hast du das Teil mal hochgehoben? Ich werde einen Buckel kriegen, bevor ich dreißig werde. Und welche Frau sieht mich dann noch an?«

Eigentlich hatte sich Rae fest vorgenommen, mindestens bis zum Abendessen sauer auf Luca zu sein, aber etwas an diesem lockeren Grinsen war schon immer ansteckend gewesen. Gepaart mit den goldenen Locken und den vollen Lippen hatte es schon mehr als ein Mädchen aus ihrem Dorf ins Verderben gestürzt.

»Wenn es zu schlimm wird, hauen wir einfach gemeinsam ab«, schlug sie vor. »Bis nach Winter, wenn nötig.«

»Versprochen?«, fragte Luca und wackelte mit seinem kleinen Finger vor ihrem Gesicht. Seine Augen, die ebenso dunkel wie ihre waren, leuchteten vor Schalk.

Rae lachte. »Versprochen«, sagte sie und hakte ihren Finger bei ihm ein.

»Ich habe gehört, die Magiergilde in Winter stiehlt junge Mädchen, um mit ihnen die verwegensten Experimente anzustellen. Wenn's schlimm wird, verkauf ich dich einfach und mach mir auf der anderen Seite des Waldes ein schönes Leben.«

»Hey!« Lachend stieß sie Luca ihren Ellbogen in die Rippen. Anstatt aber ihre Albernheiten wie sonst zu erwidern, wurde Lucas Miene schlagartig ernst.

»Was ist?«

Sie hatten inzwischen die kleine Anhöhe erreicht, auf der sich ihr Zuhause befand, das sich so über die anderen Grundstücke erhob. Etwas abseits lag die Schmiedewerkstatt ihres Vaters, aber um die Zeit brannte der Ofen nicht mehr und auch der Schornstein stieß keine Rauchwolken aus. Dahinter stand das rote Backsteingebäude, das sich Rae mit Luca und ihren Eltern teilte.

Ihre Mutter hasste es, wenn sich die Kinder verspäteten, umso misstrauischer wurde Rae, als ihnen Rose freudig von der Türschwelle aus zuwinkte. »Glaubst du, sie ist betrunken?«, fragte Rae flüsternd und verlangsamte ihre Schritte, während sie sich dem Haus vorsichtig näherten.

Aus den Augenwinkeln sah sie Luca den Kopf schütteln. »Nicht in der Öffentlichkeit.«

»Rae! Herzchen!«, kreischte Rose und winkte sie aufgeregt näher. Auf ihrem üppigen Dekolleté hatten sich rote Flecken gebildet, die vor lauter Hektik ihren Hals hinaufwuchsen.

Als Rae aufgebrochen war, hatte ihre Mutter geschworen, Luca bei seiner Rückkehr mit der Pfanne in Grund und Boden zu schlagen, aber jetzt beachtete sie ihn gar nicht. »Was treibst du nur wieder? Komm doch endlich rein. Na, komm nur!«

Rae sah Luca verunsichert an, aber der zuckte bloß mit den Schultern. Es war am Ende also doch so weit gekommen: Ihre Mutter hatte den Verstand verloren.

Kaum, dass Rae sich in ihrer Reichweite befand, packte Rose sie am Oberarm und zerrte sie über die Türschwelle. Sie wurde gedrückt und wieder weggeschoben. Rose hielt sie auf Armeslänge vor sich und musterte sie prüfend. »Oh, Herzchen. Sieh nur, wie schmutzig du wieder aussiehst.«

»Ich kann nichts dafür. Die Straßen sind ganz –«

»Aber egal. Für ein Bad haben wir keine Zeit. Na los. Hopp, hopp«, befahl Rose und schubste Rae vor sich her, den Flur hinunter und in die Küche hinein. Ihr Vater saß dort mit seinem Rechnungsbuch am Feuer und betrachtete sie mitleidig.

»Was ist denn los? Au! Mama!«, rief Rae empört, als Rose ohne Vorwarnung einen Kamm durch ihr Haar riss.

»Jetzt sei schon still. Deine Haare sind das reinste Vogelnest.« Ihre Hand hielt Rose nach wie vor umklammert, damit sie nicht entkommen konnte, während sie mit der anderen ihr Haar bearbeitete. »Und glaub nicht, ich hätte dich vergessen, Luca!«, rief sie, als es auf der Treppe hinter ihnen verdächtig knarzte. »Du bleibst schön hier und hilfst mir nachher mit meiner Flickarbeit. Die Hosen deines Vaters müssen gestopft werden und nachdem du dir anscheinend zu fein für die Arbeit in der Schmiede bist, wirst du im Haushalt aushelfen müssen.«

»Aber-«

»Kein Aber. Hol mir die gefärbten Lederschuhe, die ich deiner Schwester aus der Stadt mitgebracht habe. An dem Kleid werde ich im Moment nichts ändern können, aber ich werde meine Tochter sicher nicht in Stiefeln verloben.«

Abrupt fiel Raes Magen durch ein tiefes Loch nach unten. »Was?!«

Rose hielt in ihrer Kämmbewegung inne, um sich zu Rae vorzubeugen und sie anzustrahlen. »Ich weiß, mein Herz. Ich hatte die Hoffnung auch schon fast aufgegeben, aber du bist dem jungen William anscheinend ins Auge gefallen. Und Marigold aus dem Laden meinte, aufgeschnappt zu haben, dass Fink seinem Sohn drei Kühe für dich zur Verfügung stellt. Drei Kühe! Unsere Rae! Ist das nicht großartig, Pat?«

»Du – du willst mich mit Will verheiraten?«

»Schweineaugen-Will?«, warf Luca ein.

Die Mutter hob stolz ihr Kinn, wodurch ihre aufgeblähten Nasenlöcher noch größer wirkten als sonst. »Sein Vater ist Kaufmann«, sagte sie andächtig.

»Papa!«, rief Rae verzweifelt aus, wandte sich um und duckte sich vor dem erneut ausholenden Kamm ihrer Mutter.

»Pat, sag ihr, was für eine gute Partie sie macht!«, forderte Rose und schwenkte den Kamm wie eine Waffe.

Seufzend schloss Pat sein Rechnungsbuch, erhob sich und trat vor seine Tochter. Anscheinend hatte er es aufgegeben, sich noch länger aus der Diskussion rauszuhalten. »Rose, was redest du da? Sie ist unsere Tochter und du willst sie für drei Kühe hergeben?« Ihr Vater klang empört.

Rae wurde gleich leichter ums Herz. Dankbar schmiegte sie ihre Stirn an seine Schulter. Natürlich würde er sie nicht einfach so an den Nächstbesten verkaufen. Was hatte sie nur gedacht?

»Sieh sie dir an. Sie ist hübsch und intelligent noch dazu. Ich sage dir, wir können mindestens fünf Kühe für sie verlangen.«

»Papa!«

In dem Moment klopfte es gegen die Eingangstür und sie alle erstarrten. Alle bis auf Rose natürlich.

»Er ist schon hier!«, rief ihre Mutter und schlug die Hände wie zum Gebet zusammen. Rae überlegte kurz, durchs Küchenfenster zu türmen, aber da hatte Rose sie bereits wieder gepackt. »Luca! Wo bleiben die Schuhe?«

»Ich unterstütze das hier sicher nicht«, sagte Luca von seinem Versteck auf der Treppe aus. »Ein Viehmarkt wäre humaner.«

»Oh, du –«, setzte Rose an, winkte dann jedoch ab und wandte sich wieder ihrer Tochter zu. Kritisch ließ sie ihren Blick an ihr auf und ab gleiten. »Nicht so hübsch wie dein Bruder, aber für Will ganz passabel«, befand sie und zupfte Raes Bluse zurecht. Ein, zwei Knöpfe lösten sich dabei wie zufällig. »Obenrum leider etwas flach geraten. Von meiner Linie hast du das sicher nicht, aber in der Schublade habe ich ein paar Taschentücher, die können wir –«

»Mama!« Raes Wangen begannen zu brennen. Auf der Treppe machte Luca erstickte Laute.

»Du hast Recht. Für solche Spielchen bleibt keine Zeit.« Rose drehte Rae an den Schultern herum und scheuchte sie in den Flur hinaus. »Na komm, mein hübsches Mäuschen. Wir wollen ihn nicht länger warten lassen.«

»Bitte, Mama! Öffne bloß nicht die Tür!«

»Ach, Herzchen.« Mitfühlend tätschelte Rose ihr die Wange. »Du bist sicher nervös. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich damals war, als dein Vater mir seinen Antrag gemacht hat.«

»Ich glaube, du warst es, die den Antrag gemacht hat«, rief Pat in den Flur. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich bloß die Milch vorbeibringen wollte.«

Rose benetzte ihren Daumen mit Spucke und rieb damit über Raes Wange. »Wah! Lass das!«, ereiferte sich Rae und schlug die Hand ihrer Mutter beiseite. Diese seufzte. »Besser krieg ich's nicht hin. Wir werden hoffen müssen, dass es reicht. Versuch dich etwas kleiner zu machen, ja, mein Herz? Männer mögen keine großen Frauen. Und rede nicht zu viel. Ja? Na, dann los!«

Und bevor Rae sich dazwischenwerfen konnte, riss Rose die Tür auf.

Will stand tatsächlich auf der anderen Seite. Er trug sein bestes Hemd und hatte die Haare ordentlich nach hinten gekämmt. Als er sie erblickte, lächelte er breit. »Guten Abend, Rose. Guten Abend, Rae.« Will neigte den Kopf in dem Ansatz einer Verbeugung und Rae ertappte sich dabei, wie sie mit den Augen rollte. »Es ist ein so schöner Abend und ich wollte fragen, ob ich Ihre Tochter für einen kleinen Spaziergang entführen dürfte.«

»Das ist wirklich lieb von dir«, sagte Rae schnell und schloss mit einer Hand die noch vorhandenen Knöpfe ihrer Bluse, die Rose vorhin geöffnet hatte. »Aber der Zeitpunkt ist ungünstig. Ich bin gerade erst aus der Stadt zurück und müde. Außerdem ist es schon spät und ich –«

»Ach was, gesund und fröhlich wie immer, unsere Rae. Wahrscheinlich noch bis ins hohe Alter«, warf Rose dazwischen und gab Rae einen Schubs, der sie über die Stufen nach draußen stolpern ließ. »Manchmal kann ich sie gar nicht von der Hausarbeit fernhalten, so übereifrig wie sie ist. Und nie ein Wort des Unmuts. Ein solch liebenswürdiges Geschöpf findet man in ganz Sommer kein zweites Mal.«

»Mama!« Raes Wangen glühten vor Scham.

»Amüsiert euch schön, ihr zwei. Du brauchst auch nicht rechtzeitig zum Abendessen daheim sein.«

»Aber–«

Die Tür wurde so knapp vor ihr zugeworfen, dass Raes Nasenspitze das Holz berührte. »Es ist auch gar nicht schicklich, im Dunkeln noch in Begleitung eines Jungen zu sein!«, schrie Rae die geschlossene Tür an.

Will zog vorsichtig an ihrem Ellbogen. »Ich weiß es zu schätzen, wie viel Wert du auf deine Tugend legst. Mein Vater sagt immer, wie schwierig man heutzutage noch an sittsame Ehefrauen kommt.«

»Ach ja?« Rae ließ sich wie ein Sack Kartoffeln von ihm mitschleifen. Rose hätte an ihrer Haltung sicher fünf Dinge auf einmal zu bemängeln gehabt. Der Gedanke verschaffte ihr eine gewisse Befriedigung.

»Aber vielleicht können wir uns künftig abends öfter sehen. Vielleicht ganz ohne uns Sorgen um öffentliche Meinungen machen zu müssen. Ich hatte gehofft …« Will blieb unter einer Buche stehen und ließ seine Hand ihren Arm hinabgleiten und umschloss ihre Finger. Seine Handflächen waren warm und feucht. Er seufzte schwer. »Du bist hübsch, Rae«, murmelte er und drückte ihre Hand, während seine winzigen Schweinsäuglein sie verlangend musterten. »Ich weiß, du wurdest bei deiner Geburt verflucht, aber meine Familie wäre bereit –«

»Es ist kein Fluch.«

»Meine Mutter nennt es so.«

»Deine Mutter ist auch eine bl-« Rae biss sich auf die Zunge und schluckte die Worte hinunter. Tief durchatmen. Sie schaffte das. »Ja?«, fragte sie so freundlich wie möglich und zog ihre Mundwinkel gequält auseinander.

»Was ich sagen wollte, ist, wie glücklich es mich machen würde, unsere Freundschaft weiter zu vertiefen.«

Der Rest seiner Worte ging in dem lauten Rauschen von Raes Gedanken unter. Oh Gott! Ihre Mutter hatte Recht gehabt. Er würde es wirklich tun.

Seine Lippen bewegten sich immer weiter, während sein Griff um ihre Hand fester wurde. Er würde sie wie ein Schraubstock umklammern und nie mehr loslassen, in seine Höhle verschleppen und …

Raes Herz trommelte panisch gegen ihren Brustkorb.

»… würdest du mir die Ehre erweisen, für immer …«

Mit einem schrillen Aufschrei schnellte ihre Faust nach vorn. Sie traf Will mitten auf der Nase und hörte es krachen. Wills Augen rollten nach hinten, der Griff um ihre Hand löste sich und er kippte zur Seite. Reglos blieb er liegen.

Im Wipfel der Bäume raschelte der Wind. Das Dorf kam ihr plötzlich so still vor. Nicht einmal die Vögel hörte sie noch singen. Atmete Will noch?

Entsetzt starrte Rae auf die bewusstlose Gestalt zu ihren Füßen.

Mama würde sie umbringen.

3. VERFLUCHT

Luca hatte seine Zimmertür von innen verbarrikadiert und es sich mit einer bis zum Stumpf heruntergebrannten Kerze und mehreren Blättern Pergament an seinem Schreibtisch bequem gemacht. Ein Buch mit Sommer-Liebesgedichten lag aufgeklappt vor ihm. Seine Augen huschten immer wieder über die Zeilen, während seine Schreibfeder über das Papier kratzte.

Das Gedicht, das er ausgesucht hatte, passte perfekt zu Juni. Es war süß, blumig und sogar ein klein wenig schmutzig, obwohl es oberflächlich betrachtet nur ein paar weidende Kühe auf einem Berg beschrieb. Man konnte ihm nicht einmal vorwerfen, dass er abschrieb. Er veränderte hier und da ein paar Worte und gab dem Gedicht den Titel »Junihitze«.

»Luca!«, schrie seine Mutter durch die Tür und hämmerte gegen das Holz. Luca fuhr hoch, dabei presste er die Feder zu stark aufs Papier und hinterließ einen schwarzen Klecks. »Hör auf zu faulenzen und geh raus, nach deiner Schwester suchen! Sie ist schon zu lange fort und ich sehe bei Dunkelheit nicht mehr so gut.«

Hastig faltete Luca das Papier zusammen und stopfte es in seine Hosentasche.

»Luca? Hörst du nicht?« Erneutes Hämmern.

Schuhe und Jacke trug er bereits am Leib und eine Lampe für unterwegs konnte er aus der Schmiede entwenden. Ein Griff in seinen Geldbeutel verriet, dass er schon wieder all sein Geld beim Würfelspiel verloren hatte. Nur diese nutzlosen Goldmünzen mit der falschen Prägung hatte er noch. – Wer weiß, wenn das Licht schlecht war, konnte er vielleicht damit durchkommen. Dämlicher Winterling. Ansonsten musste er sich eben wieder was von Kit leihen oder ein neues Spiel wagen.

Mit Blick auf die bebende Tür öffnete Luca das Fenster. Sein Zimmer befand sich im ersten Stock und lag gerade niedrig genug, um einen Sprung unbeschadet zu überstehen. Er nahm noch seine Flöte in eine Hand, dann schwang er ein Bein über den Sims nach draußen und tastete rittlings nach den Streben des Rosengitters. Sein Fuß traf auf Widerstand. Er hörte einen Aufschrei. Als Luca über seine Schulter nach unten blickte, sah er Rae auf dem Rücken im Gras liegen.

»Rae?«, rief er leise, dann ließ er sich fallen und landete auf zwei Beinen neben ihr. Sie stöhnte. »Was tust du denn? Geht's dir gut?«

»Zu dir raufklettern, du Idiot«, murrte sie und richtete sich auf den Ellbogen auf. Die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht und der Saum ihres Kleids hatte überall Schlammspritzer. »Was tust du?«

Grinsend half Luca ihr auf. »Runterklettern.«

Rae versuchte ihre Röcke zu richten, aber irgendwie machte es das Ganze nur schlimmer. »An deinem Fenster herrscht ja ein reger Betrieb«, sagte sie. »Ich hab vorhin schon Virginia vom Rosengitter zerren müssen, bevor ich selbst rauf konnte.« Misstrauisch zog sie die Brauen zusammen und musterte ihn prüfend. Er war für einen Marsch angezogen, kein Grund es zu leugnen. »Du gehst doch nicht etwa in die Stadt?«

»Na, ich werde Mama sicherlich nicht bei ihrer Flickarbeit helfen. Aber du kannst gern versuchen, mich aufzuhalten.«

»Geh bis nach Winter, wenn du meinst, aber vorher brauche ich deine Hilfe.« Rae biss sich auf die Lippen und wandte den Blick zur Seite. »Es geht um Will.«

Luca hob beide Augenbrauen. »Mein neuer Schwager? Sag bloß, er hat dich bis zu meinem Fenster raufgejagt.«

»Nicht direkt.«

»Wo steckt der Knabe denn?«

»Im Hühnerstall«, murmelte Rae und zupfte nervös an ihrem Rock. Errötete sie etwa?

Unwillkürlich schlossen sich seine Finger zur Faust. Luca würde den Kerl umbringen, wenn er seine Schwester mehr als nur schief angesehen hatte. »Er hat doch nichts versucht, oder?«

»Das nicht, aber …« Raes Stimme wandelte sich zu einem Piepsen. »Es wäre möglich, dass ich ihn bewusstlos geschlagen habe.«

Luca starrte sie einige Sekunden schweigend an. Ein Uhu rief von einem Baum hinunter und flog davon. »Was?«

***

Seit dem Tag ihrer Geburt war Raes Mutter davon überzeugt, dass ihre Tochter dazu verflucht war, eines Tages eine schlechte Ehefrau zu werden. In einem Dorf, wo eine gute Ehefrau das höchste Streben für ein junges Mädchen war, eine furchtbare Schande.

Schuld daran war eine Verwechslung, geschehen zu der Zeit als Rae noch ein Baby gewesen war und die Hebamme sie und ihren Zwillingsbruder aus der Wiege gerissen hatte, um sie nach alter Tradition mit einer Gabe zu segnen. Viola hatte sich später mit Kopfweh hinausgeredet und auch damit, dass die schreienden Bälger ihre Konzentration gestört hätten, aber da war der Schaden schon angerichtet: Dem Jungen hatte sie die Gabe der Schönheit gewünscht, dem Mädchen hingegen Tapferkeit. Alter Humbug, beteuerte Luca stets.

Aber während Rae auf den bewusstlosen Jungen in ihrem Hühnerstall hinabstarrte und darauf wartete, dass Luca mit dem Schubkarren zurückkam, begann sie sich zu fragen, ob die Angst ihrer Mutter nicht doch berechtigt war.

Dann endlich wurde das Gatter zum Hühnerstall aufgestoßen und herein trat Luca, eine hölzerne Schubkarre vor sich her schiebend. Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Belustigung und Skepsis. »Lass mich raten. Ein schlechter Küsser?«

»Haha. Bist du fertig? Hilf mir lieber, ihn hochzuheben«, befahl Rae und stellte sich breitbeinig über Will. Sie griff unter seine Achseln, während Luca seine Beine packte.

»Bereit?«, fragte er. »Eins, zwei, los!«

Rae stöhnte, als sie Wills Gewicht bereits zum zweiten Mal an diesem Abend stemmen musste. In ihrem Rücken knackste etwas und sie knickte beinahe ein. Dann trat Luca zurück und gemeinsam schwenkten sie den Körper über den Rand des Schubkarrens. Wills Schädel krachte gegen das Holz. Sein Körper zuckte kurz, bevor er wieder erschlaffte. Arme und Beine baumelten lose über den Rand. Die Karre war gerade groß genug, um den Rest des Körpers zu fassen.

»Und jetzt?«, fragte Rae.

Luca klopfte sich die Hände ab, wie nach schmutziger Arbeit. »Jetzt versenke ich ihn im Fluss.«

»Luca!«

»Was? Du hast deinen neuen Verehrer bewusstlos geschlagen. Ich mache bloß Scherze.«

»Mir ist es aber ernst! Was, wenn Mama davon Wind bekommt?«

»Tja. Dann bin ich endlich mal das Lieblingskind.«

Rae sparte sich eine Antwort und starrte ihn giftig an.

Grinsend trat Luca auf sie zu und wuschelte durch ihre Haare. »Mach dir keine Sorgen. Ich fahr ihn in die Stadt und füll ihn ab. Bis morgen früh weiß er nicht einmal mehr, wie du heißt.«

»Danke«, sagte Rae und rempelte ihn sanft mit der Schulter an. »Wirklich. Du rettest mir das Leben.«

»Schon gut.« Luca legte beide Hände um die Griffe der Schubkarre und verlagerte sein Gewicht nach vorn, um das Gefährt in Bewegung zu setzen. Die Räder quietschten, der Karren rollte nach vorn und Luca kam ächzend hinten nach.

Rae hielt ihm das Gatter auf. Eines der Hühner rannte mit hektisch schlagenden Flügeln vor. Rae packte es, bevor es entkommen oder Luca vor die Räder laufen konnte. Sie hielt das Huhn noch, als Luca plötzlich stehenblieb und zu ihr zurücksah.

»Mutter hatte Recht«, murmelte er und kaute auf seiner Unterlippe herum. »Er ist keine schlechte Partie.«

Wills Kopf rollte hin und her. Er stöhnte im Schlaf, eine Spur Speichel rann seine Mundwinkel hinab und über sein Kinn. Rae versuchte sich vorzustellen, wie dieses Leben gewesen wäre. Als seine Ehefrau. Diesen Mund zu küssen, sein Essen zu kochen, seine Kinder zu bekommen.

Sie konnte es nicht.

Rae schwieg. Stattdessen setzte sie das Huhn auf seine Stange zurück und folgte ihrem Bruder nach draußen.

»Was willst du vom Leben?«, fragte Luca. Seine Augen schimmerten, reflektiert von einem klaren Sternenhimmel. Eine weitere perfekte Sommernacht. Eines Tages würde er Schmied werden, genau wie sein Vater und dessen Vater einer gewesen war. Er würde keine Prinzessin heiraten, genauso wenig, wie sie losziehen und die Welt sehen würde. Sie waren beide gefesselt an diesen Ort. Gefesselt an dasselbe Schicksal.

Sie waren keine Helden.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Rae und verriegelte das Gatter zum Hühnerstall. Kleine, flauschige Federn und Hühnerdreck klebten an ihren Stiefeln. Sie war müde und sie wusste, dass sie von jetzt an jeden Tag nur noch müder werden würde. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah zum Himmel hinauf. »Nicht das hier.«

***

Der Schubkarren ratterte über Schlaglöcher und Unebenheiten in der Straße, aber jedes Mal, wenn Will dabei war, wach zu werden und den Kopf hob, drückte Luca ihn zurück und flößte ihm etwas aus seinem Flachmann ein. Als sie die Sommerhauptstadt erreichten, schlief er bereits wie ein Baby und schnarchte lautstark. Die Stadttore waren um diese Zeit geschlossen, aber es wäre nicht das erste Mal, dass Luca sich nachts reinstahl, um Kit und dessen Kneipe einen Besuch abzustatten. Er kannte diese Stadt und all ihre Verstecke. Wusste, welche Wachtürme besetzt waren und in welchen nur Feuer angezündet wurden, um Diebesgesindel fernzuhalten.

Schon als Kinder waren er und Rae durch eine Lücke in der Mauer geklettert, um in den Obstgarten der Prinzessin einzudringen. Vor eben dieser Lücke stand er jetzt. Bedeckt von mehreren Efeuranken war der Eingang von außen nicht zu sehen, wenn man nicht wusste, wo er sich befand.

Der Spalt im Mauerwerk war gerade groß genug, dass sein schmaler Körper hindurchpasste. Den Schubkarren würde er zurücklassen müssen. Und Will? Da hatte Rae ihm wieder etwas aufgehalst. Im Moment sah er zumindest nicht danach aus, als würde er ihm davonlaufen. Sollte der erstmal seinen Rausch ausschlafen. Denn: Luca befand sich auf einer Mission.

Das Gedicht, das er geschrieben hatte, lag wie ein bleiernes Gewicht in seiner Tasche. Es war töricht. Die Prinzessin würde ihn nie anhören. Er war hübsch, ja, aber immer noch der Sohn eines Schmieds. Er war ein Träumer, mehr nicht.

Trotzdem musste er es wagen.

Plötzlich schoss Will in die Höhe. Der Karren kippte seitlich und Luca musste ihn festhalten. »Ich bin tot!«, rief Will verstört.

»Alles gut.« Luca tätschelte Wills Schulter und drückte ihn wieder in den Karren zurück.

»Das Miststück hat mich umgebracht!«

»Du bist betrunken«, sagte Luca und hielt Will seinen Flachmann vor die Nase. »Hier, nimm noch einen Schluck.«

Will leerte den Flachmann bis zum letzten Tropfen und rülpste dann. Er warf den leeren Behälter über den Rand der Schubkarre und sah dann zu Luca rauf. »Hey, was machst du da?«

Luca war schon halb durch die Lücke in der Schlossmauer geschlüpft. Efeuranken kitzelten ihn im Nacken. »Nur etwas, das ich kurz erledigen muss. Wartest du hier auf mich?«

Will grunzte irgendetwas, aber da befand sich Luca bereits auf der anderen Seite. Der Mond stand hell am Himmel und leuchtete ihm den Weg. Überall standen Obstbäume mit getrimmten, kreisrunden Formen, deren Früchte einen süßlichen Geruch verströmten. In der Mitte des Gartens plätscherte ein Springbrunnen und ringsherum wuchsen Rosenbüsche mit tellergroßen Blüten in zarten Rot- und Rosatönen.

Der Balkon zum Zimmer der Prinzessin war so angelegt, dass er den Springbrunnen genau im Blick hatte. Luca versteckte sich hinter den Rosensträuchern und sah sich vorsichtig um. Bisher waren ihm keine Wachen begegnet, trotzdem musste er auf der Hut sein. Für gewöhnlich patrouillierten sie alle paar Minuten im Garten der Prinzessin. Sein Glück, dass sie gerade Pause zu machen schienen, sonst ginge es ihm an den Kragen.

Doch wie sollte er jetzt vorgehen? Irgendwie musste er ihr unentdeckt seine Nachricht übermitteln. Aber der Balkon war so hoch oben und er entdeckte keinerlei Klettermöglichkeiten.

Vielleicht könnte er –

Etwas Kaltes berührte ihn im Nacken und er erstarrte.

»Du hast dir einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgesucht«, ertönte eine Stimme hinter ihm.

Lucas Brust zog sich vor Schreck zusammen. Er wollte schreien, aber da nahm die Kälte in seinem Nacken zu, wurde zu einem scharfen Schmerz und dann plötzlich fühlte er gar nichts mehr.

Kraftlos sank er zusammen.

***

Stirnrunzelnd sah North auf die Gestalt zu seinen Füßen hinab. Dieses Gesicht kannte er doch. War das nicht der Schönling aus dem »Keller«, mit dem er sich beinahe geprügelt hatte? Luca. Was wollte der Junge hier? Im Garten der Prinzessin? Zu dieser Zeit?

»Es tut mir leid. Ich hatte eigentlich dafür gesorgt, dass die Wachen meinem Garten heute fernbleiben«, sagte Juni und trat unter einem Kirschbaum hervor, der reife Früchte trug. North hätte sie kaum erkannt. Anstatt ihrer feinen Roben trug sie einen braunen Umhang aus grobem Stoff und das schlichte Kleid einer Bäuerin. Die Haare hatte sie unter einem Tuch versteckt.

»Das war keiner Eurer Soldaten«, erwiderte North und zog seinen Stab von Lucas Nacken weg. Der Junge machte pfeifende Laute im Schlaf. Morgen früh würde er vielleicht mit Kopfschmerzen aufwachen, ansonsten würde ihm nichts fehlen. North hatte ihn lediglich mit einem leichten Zauber in den Schlaf geschickt.

Juni kam näher, um das Gesicht des Jungen zu betrachten. »Oh.« Sie lächelte amüsiert. »Euer Freund aus dem Keller?«

»Eher Euer Verehrer.«

North nahm sich noch mal die Zeit, Juni in ihrer Reisekleidung zu mustern. »Ich schätze Eure Mühen, aber so reizend Eure Aufmachung auch ist, sie ist leider nutzlos. Unter dem Pöbel könnt Ihr euch so vielleicht unentdeckt bewegen, aber spätestens an der Grenze würde man Euch entlarven. Euer Gesicht ist nun einmal bekannt, Prinzessin.«

Juni verschränkte die Finger ineinander und hob stolz ihr Kinn. »Ach? Und Ihr habt sicher einen besseren Vorschlag?«

»Den habe ich tatsächlich«, antwortete North und trat vor. Sein Holzstab lag warm in seiner Hand. »Allerdings wird er Euch wenig gefallen.«

Junis zarte Schultern versteiften sich. »Werdet bitte genauer.«

»In dieser Gestalt würdet Ihr zu viel Aufsehen erregen. Egal in welchem Gewand. Sobald Ihr verschwindet, wird man jede junge Frau in Sommer zweimal untersuchen. Vor allem, wenn sie in Begleitung eines Winterlings reist. Deshalb plane ich, Euch eine andere Gestalt zu geben.«

»Das könnt Ihr?« Ehe er reagieren konnte, schüttelte Juni den Kopf. »Tut es einfach. Wir sollten nicht länger warten.« Tapfer blieb sie stehen, als North sich vor ihr aufbaute und seinen Stab hochhielt. Einzig das Zucken ihrer Unterlippe verriet ihre Angst.

»Es wird nicht wehtun«, versprach er. Allerdings würde sie ihn wahrscheinlich töten wollen, sobald ihr klar wurde, in was er sie da verwandelte.

Die Prinzessin schloss die Augen. Die Spitze seines Holzstabs begann bläulich im Dunkeln zu leuchten. Er hielt sie gegen Junis Stirn und zeichnete mit dem Daumen Symbole über das Holz. Der Zauber war stark, stärker als die meisten, die er bisher angewandt hatte, und er sah seine Venen blau hervortreten. Eisige Kälte schoss durch seine Adern, ließ ihn die Zähne zusammenbeißen. Das Leuchten wurde stärker, ging langsam auf Juni über, die zu zittern anfing.

Ihre Augen öffneten sich. Zweifelnd sah sie ihn an und er beugte den Kopf in einer stummen Entschuldigung. Das blaue Licht umhüllte sie jetzt so stark, dass er den Blick abwenden musste. Dann begann es zu schrumpfen, krümmte sich in Richtung Boden, bis es schließlich gänzlich verschwand. Zurück blieb ein zierliches, kleines Ding mit lockigem, weiß-grauem Fell und herabhängenden rosa Ohren.

Das Lamm drehte sich verwirrt im Kreis und versuchte einen Blick auf sich selbst zu erhaschen.

North seufzte innerlich, als er sich auf die Schimpftiraden einstellte, mit denen Juni ihn beglücken würde, sobald sie ihre normale Gestalt wieder hatte. »Es ist wirklich nur vorübergehend«, versicherte er ihr und unterdrückte ein Schmunzeln, als die schwarzen Knopfaugen ihn finster musterten. »Ihr dürft Eure Beschwerden über mich aber gerne an Januar weiterleiten.« Er deutete eine Verbeugung an. »Wollen wir, Hoheit?«

4. DIE VERSCHWUNDENE PRINZESSIN

Luca war die ganze Nacht nicht heimgekehrt. Bis auf ihn saß bereits die ganze Familie zum Frühstück versammelt und löffelte den Brei, den Rose ihnen als Nahrung verkaufen wollte. Missmutig ließ Rae den zähflüssigen Schleim von ihrem Löffel tropfen und versuchte ihre Nervosität nicht allzu offen zu zeigen, während ihre Mutter sie mit Fragen löcherte.

»Ich hab's dir doch schon gesagt: Wir sind nur den Bach entlangspaziert«, wiederholte sie zum gefühlt zwanzigsten Mal. »Marigold hat sich wahrscheinlich verhört, als sie gesagt hat, er will mich heiraten.« Rae formte einen Schmollmund und hoffte, so weinerlich wie möglich zu klingen. »Er wollte nicht einmal meine Hand halten.«

»Oh, mein armes, armes Mäuschen.« Roses Augen schimmerten feucht, während sie Rae umarmte und auf die Wange küsste. »Du bist sicher ganz enttäuscht, aber sei nicht traurig. Vielleicht will er nur den richtigen Zeitpunkt abwarten. Ich lade ihn und seine Familie für den Sonnabend zum Essen ein. Was hältst du davon?«

»Wo bleibt eigentlich dein Bruder?«, warf Pat ein. Ganz beiläufig versuchte er die Reste seines Haferbreis unter seinem Löffel zusammenzuschieben, um sie vor Roses tadelndem Blick zu verstecken. »Ich muss nachher in der Stadt was erledigen und brauche ihn, um Toni an den Wagen zu spannen.«

»Er schläft sicher noch«, murmelte Rae und schielte aus dem Fenster. Wo konnte er nur bleiben? Er sollte Will abfüllen, nicht sich selbst, der Idiot. Wahrscheinlich durfte sie ihn nachher wieder bei Kit vom Boden aufklauben und seine ganzen Arbeiten übernehmen.

»Iss auf, Pat«, befahl Rose. Sie zog dessen Löffel vom säuberlich gehäuften Haferbrei und schwenkte ihn vor Raes Nase. »Und du sieh nach deinem Bruder. Mir egal, wie lange er sich gestern wieder herumgetrieben hat, er soll endlich aufstehen.«

Erleichtert schob Rae ihre Schüssel von sich und sprang auf. Ein Löffel mehr und Rose hätte ihr Frühstück wiederverwerten können.

Erwartungsgemäß war Lucas Zimmer noch immer leer, das Bett unbenutzt. Rae kannte ihren Bruder zu gut, um sich Sorgen zu machen. Sie warf seine Kissen durcheinander, damit es so aussah, als hätte er darin geschlafen, dann öffnete sie sein Fenster und lehnte sich weit hinaus, um hinter die Hügel in Richtung Sonnfelden blicken zu können. Von Luca keine Spur, aber ein paar Reiter kamen den schmalen Weg in ihr Dorf hinaufgaloppiert. Ihre Rüstungen schimmerten weiß und golden in der Morgensonne. Was konnten sie hier wollen?

Rae beschloss, dass sie momentan andere Sorgen hatte und kletterte das Rosengitter hinunter. Sie schuldete Luca etwas, deswegen wollte sie sein Wegbleiben so lange wie möglich vor ihren Eltern verheimlichen.

Das Tor zur Scheune stand offen; Toni, ihr Maulesel, war zu treu und zu faul, um wegzulaufen. Er fraß gemütlich an den Resten seines Frühstücks und sah nur langsam auf, als sie eintrat. Für die Arbeit als Zugtier war er eigentlich zu alt, aber um sich ein neues Tier leisten zu können, hätten sie Toni schlachten müssen und das brachte in ihrer Familie niemand übers Herz.

Der Wagen stand in einem überdachten Bereich hinter der Scheune. Rae nahm Toni am Halfter und wollte ihn hinausführen, als sie Hufe über ihren Hof donnern hörte. Unwillkürlich dachte Rae an die Reiter, die sie vom Fenster aus beobachtet hatte, und hielt Toni zurück.

Ihre Eltern mussten die Reiter ebenfalls gehört haben. Von ihrem Versteck hinter der Scheunentür aus beobachtete Rae, wie sie die Haustür öffneten. Rose blieb auf der Schwelle stehen, doch ihr Vater eilte nach draußen, Sorge im Gesicht, aber zu stolz, um sich etwas anmerken zu lassen. Er begrüßte die Reiter mit einem Lächeln. Es verschwand schlagartig, als einer der Reiter abstieg und ihn mit dem Heft seines Schwerts niederschlug.

Rose schrie, weitere Reiter stiegen ab und gingen auf das Haus zu. Sie stießen Rose beiseite und verschafften sich Zutritt. Einer packte ihre Mutter schließlich grob an der Taille und zerrte sie mit sich ins Haus.

Rae schlug sich die Hand vor den Mund. Einzig derjenige, der ihren Vater niedergeschlagen hatte, und ein anderer Reiter ohne Rüstung, der noch auf seinem Pferd verweilte, blieben zurück. Rae war so schockiert, dass sie ihn erst wiedererkannte, als er sprach.

Es war Will.

»Das ist sein Haus«, sagte er laut genug, dass auch Rae es hören konnte. »Ganz sicher. Die Schwester muss hier auch irgendwo sein. Sie ist eine Hexe, genau wie ihr Bruder.« Rund um die Nase prangte ein Bluterguss, wo sie ihn gestern mit ihrer Faust erwischt hatte. Sein Mund war grimmig verzogen und aus seinem Blick sprach eine wilde Entschlossenheit.

Zwei der Reiter kehrten wieder aus dem Haus zurück. Sie hatten Rose in ihrer Mitte. Ihre Mutter fluchte und schimpfte und versuchte, sich loszumachen. Als sie sich weiter wehrte, verpasste einer der Reiter ihr eine schallende Ohrfeige, woraufhin sie wimmernd neben ihrem Mann zusammensank.

Rae konnte einen Laut nicht unterdrücken und presste ihre Hand auf die Lippen, um sich selbst zum Schweigen zu bringen. Sie hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, ihrer Mutter zu helfen. Irgendwie. Aber sie war wie gelähmt. Ihre andere Hand umklammerte Tonis Halfter und sie schaffte es nicht, loszulassen.

»Die Prinzessin ist nicht hier, Herr General«, sagte der Reiter, der ihre Mutter geohrfeigt hatte.

Der Mann, den er General nannte, wandte sich ihm zu. Er schien etwas zu flüstern, was Rae nicht verstand. Laut sagte er: »Haben wir irgendetwas gefunden, das auf ihren Aufenthalt hindeutet?«

»Nichts. Nur ein paar Gedichte und Zeichnungen, die seine Vernarrtheit in die Prinzessin bestätigen.«

Der General nickte. Er stieß ihre Mutter mit der Fußspitze an. »Weiß sie irgendetwas?«

»Nichts, das sie bisher zugegeben hätte.«

»Durchsucht weiter das Haus. Nehmt die Eltern mit. Vielleicht wissen sie doch etwas, das sie mit einer kleinen Aufmunterung preisgeben wollen. Sie können ihrem Sohn im Kerker Gesellschaft leisten.«

Rae fuhr zusammen. Vor Schreck stieß Toni ein leises Wiehern aus. Luca im Kerker? Was war letzte Nacht nur geschehen? Und was sollte all das Gerede von der Prinzessin? Es ergab alles keinen Sinn, aber jetzt war der General auf die Scheune aufmerksam geworden und Rae blieb keine Zeit zum Grübeln.

»Wurde die Schwester bereits gefunden?«, fragte er, der Scheune zugewandt und kniff die Augen in Konzentration zusammen. Er machte ein paar Schritte auf sie zu. Rae blieb fast das Herz stehen.

Sein Untergebener verneinte.

Was jetzt? Der General kam näher. Toni wieherte ein weiteres Mal vor Sorge. Die Schritte des Generals wurden schlagartig schneller. Ihr blieb keine Zeit mehr. Rae riss sich von Toni los und lief zum hinteren Teil der Scheune. In Panik versetzt rannte der Maulesel ihr nach. Rae versuchte ihn noch zur Ruhe zu bringen, aber zu spät. Die Scheunentür wurde aufgestoßen. Rae blieb gerade noch genug Zeit, um sich auf den Boden zu werfen und ein paar Ellen Sackleinen über sich zu ziehen. Ihre Schultern bebten. Sie war sich sicher, der General müsste sie entdecken. Toni stapfte unruhig vor ihr auf und ab. Rae hielt den Atem an.

Keine weiteren Schritte näherten sich. Nach einer Weile hörte sie den General rufen: »Wenn ihr mit dem Haus fertig seid, durchsucht die Scheune. Ich will, dass jemand den Eingang bewacht.«

Rae vernahm, wie sich der General wieder zurückzog. Vor Erleichterung hätte sie weinen können. Toni stieß ihr Versteck mit der Nase an. Das Sackleinen rutschte zur Seite und Rae richtete sich auf. Es gab noch einen anderen Weg aus der Scheune. Eine Hintertür. Aber was, wenn man sie entdeckte? Sie hatte keine Ahnung, was ihrem Bruder passiert war, aber eins war sicher: Diese Männer führten nichts Gutes im Schilde. Sie musste auf der Stelle verschwinden.

So leise wie möglich warf sie eine Decke und einen verstaubten Sattel auf Tonis Rücken, den sie nur lose festschnallte. Die Hintertür knarrte fürchterlich, wenn man sie öffnete. Rae fürchtete, man würde sie bis nach Winter hören und wartete ein paar Sekunden, ob irgendjemand zu ihr geeilt kam, aber die Männer schienen im Haus beschäftigt zu sein. Hinter der Scheune lag ihre Weide, uneingezäunt und mit nur wenigen Bäumen bestückt, die kaum Schutz vor den Blicken der Reiter boten.

Rae nahm einen tiefen Atemzug, um sich Mut zu machen. Alles oder nichts. Sie hatte nur diese eine Chance. Mit einer Hand in Tonis Mähne schwang sie sich auf seinen Rücken. In der nächsten Sekunde befand sie sich im wilden Galopp um ihr Leben.

***

Als Rae den »Keller« endlich erreichte, war sie durchgeschwitzt und schnaufte vor Angst und Anstrengung. Bis sie Sonnfeldens Stadttore erreicht hatten, waren sie kein einziges Mal langsamer geworden. Tonis Flanken zitterten, als sie abstieg, und seine Augen huschten nervös hin und her. Die wilde Hetzjagd hatte ihn fast umgebracht. Rae tätschelte dankbar seinen Hals. Ohne ihn hätte sie es niemals geschafft.

Um diese Zeit war der »Keller« normal geschlossen, aber Kit wohnte hier und Rae hoffte ihn trotz der frühen Stunde anzutreffen.

Sie klopfte gegen die Tür. Zur Hölle mit Passwörten! Niemand antwortete und als sie dagegen drückte, schwang sie widerstandslos auf. Vom griesgrämigen Oak keine Spur. Alles war dunkel und still. Rae stürmte die Treppen hinunter.

»Kit? Kit!«

»Ruhig, ruhig, Mädchen«, ertönte ein Murren von einem der hinteren Tische. Kit saß dort im Dunklen und trank seinen besten Whisky allein.

»Kit!« Vor Erleichterung gaben Raes Beine nach. Sie hielt sich an der Bar fest, zitternd wie ein dünner Zweig im Wind, und wischte sich eine Träne mit dem Handrücken von ihrer Wange. »Bin ich froh! Weißt du, wo Luca ist? War er gestern Abend hier?«