Notaph - Reinhold Zobel - E-Book

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Reinhold Zobel

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Beschreibung

Nick Mangold, Mitte Vierzig, arbeitet als Projektleiter in einem Hamburger Wasserwerk und führt mit Frau und Kind ein unauffällig bürgerliches Leben. Das ändert sich, als er für ein Jahr beruflich nach Antwerpen versetzt wird. Von nun an lebt er eine Doppelexistenz mit unerwarteten Folgen. Schauplätze der Handlung sind Antwerpen, London und Hamburg. Zeitrahmen ist die letzte Jahrtausendwende.

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Reinhold Zobel

Notaph

Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

Kapitel 94

Kapitel 95

Kapitel 96

Kapitel 97

Kapitel 98

Kapitel 99

Kapitel 100

Kapitel 101

Kapitel 102

Impressum neobooks

Kapitel 1

Trübe Stunden liegen hinter ihm, Stunden wie Abführtee. Er wechselt die Beinstellung, im Fünf-Achtel-Takt. Seine Nase tropft. Er schnäuzt sich. Seit gut einer Stunde wartet er an dem Rastplatz. Und fühlt sich wie ein verirrter Dunkelelf.

Zunächst hat er sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Restaurants aufgehalten, weil dort die meisten Reisenden anlanden, um Wasser zu lassen, um zu essen, zu trinken oder jedes der drei Dinge zu tun. Später dann begab er sich hinüber zu den Zapfsäulen und versuchte dort wiederholte Male einzelne Autofahrer anzusprechen, während diese Treibstoff einfüllten. Ohne Erfolg.

Doch dann geschieht etwas, das seinen Umständen eine neue Richtung gibt. Eine Limousine taucht in den unterkühlt bläulichen Lichthof ein, der die Tankstelle aus der nächtlichen Finsternis heraushebt, eine Limousine, die auffällt. Sie fällt auch ihm auf. Marc ist kein Experte für Automarken, aber er kennt ein paar Bond-Filme und weiß, es ist ein britisches Fabrikat.

“Nehmen Sie mich mit?”

“Wohin soll es gehen?”

“Nach Süden, oder sagen wir, Südosten.”

“Steigen Sie ein.”

Nick Mangold hat noch nie einen Anhalter mitgenommen, Marc Kilian ist noch nie in einen AstonMartin gestiegen. Ihre Blicke begegnen sich, als Marc fahrerseitig gegen die Scheibe klopft und Nick den elektrischen Fensterheber betätigt, um das Glas lautlos abwärts surren zu lassen. Sie treffen aufeinander, und in ihrem Schnittpunkt entzündet sich ein schmales bengalisches Feuer aus feinen neuronalen Salzen.

Marc lässt sich kurz darauf beifahrerseitig erleichtert in den Ledersitz fallen und den Rucksack zwischen seine Beine.

“Sie können Ihr Gepäck gern nach hinten in den Kofferraum verfr...”

“Nein, nein, es geht schon. Lassen Sie nur. Hatte bereits die Hoffnung fahren lassen, dass mich jemand mitnimmt, schon gar nicht in einem Gefährt wie diesem. Ich denke, ich habe das Maximum erreicht... für den Augenblick.”

“Ganz wie Sie meinen.”

Nick lächelt versteckt bei den Worten seines frisch gebackenen Weggefährten, während er einige zarte Untertöne herausfiltert. Er hat der Anfrage, ohne lange zu überlegen, nachgegeben. Etwas an dem Jungen gefällt ihm. Er dreht den Zündschlüssel im Schloss, startet den Motor. Sie verlassen den Rastplatz und gleiten hinaus auf die nachtschwarze Autobahn.

“Sie haben Glück. Eigentlich war vorgesehen, dass ich den Zug nehme. Aber dann kam mein Wagen, eher als erwartet, aus der Werkstatt frei... Danken Sie also der Vorsehung, dass sie sich anders entschieden hat.”

“Okay, das tue ich hiermit. Darf man rauchen?”

“Bitte. Ich rauche selber... wenn auch nicht während der Fahrt.”

Marc fingert eine Zigarette und Nick den Aschenbecher heraus. Sie sagen einander höflich ihre Namen. Vorübergehend schläft das Gespräch ein. Fahrer wie Fahrgast schweigen, jeder strickt an seinem eigenen Gedankenpullover.

Nach ein paar Kilometern kommt man doch noch ein wenig ins Plaudern. Nick erkundigt sich nach dem Reiseziel des jungen Mannes. Und erhält zur Antwort, das Reiseziel sei Wien. Danach Italien. Oder andersherum. Er habe einige Wunschziele, so der Junge, sie seien jedoch nicht unverrückbar. Er sei einfach unterwegs und wolle sich überraschen lassen von dem, was da komme.

Nick überlegt, wie es wäre, führe er heute statt nach Passau nach Wien? Einfach so. Aber er ist nicht nur ein paar Minuten älter als sein Fahrgast - er ist gebunden.

“Und was machen Sie beruflich?”

“Raten Sie.”

“Schauspieler?”

“Treffer. Und Sie?”

“Ich sorge dafür, dass wir alle sauberes Wasser haben.”

“Der erste Schritt zu einem sauberen Leben, wie?”

Nick lacht streichholzschmal, während er das Tempo zurücknimmt. Im Licht der Scheinwerfer formieren sich kalte Sendboten der Knallgasreaktion. Es hat zu schneien begonnen.

Kapitel 2

Er macht sich auf den Weg zum Hausboot. Er trifft niemanden an. Unschlüssig schreitet er eine Weile am Grand Union Canal auf und ab, schaut einem Bootsbesitzer zu, der damit beschäftigt ist, sein schwimmendes Zuhause mit einem neuen Anstrich zu versehen, in den Farben Karmesinrot und Preußischblau, beobachtet zwei ältere Männer, die an einer freien Stelle von einem Holzsteg aus geduldig Angelruten in staubgraues Wasser halten. Ist es nicht viel zu kalt, um Fische zu fangen? Die Alten sehen allerdings so aus, als säßen sie immer an diesem Steg, zu jeder Jahreszeit – in einer Art Lebensstellung.

Auf einer grünen Wiese spielt eine Gruppe Jungen Fußball. Auf einer Bank schmust ein Liebespaar. Weil seit gestern mildere Temperaturen herrschen, singen die Vögel - vereinzelt, nicht scharenweise - in dem blassen Winterskelett der Bäume. Die Sonne, die hinter strichdünnen Wolken rudert, hat etwas Unfertiges, als habe sie versäumt, sich an diesem Morgen frisch zu machen. Nick fällt ein, dass er es in dem Pub versuchen könnte, wo er letztmalig mit Hänel gesessen hat. Wäre immerhin denkbar, dass der Mann dort anzutreffen ist…

Er hat Glück, wenn man es denn Glück nennen will. Der Poet sitzt allein in einer Ecke und brütet in sich hinein, vor sich ein Glas mit - wie Nick schon richtig vermutet hat - schottischem Gerstensaft. Er nähert sich dem Tisch und nimmt gegenüber Platz. Hänel blickt nicht einmal auf.

“Wer sind Sie?”

“Sie kennen mich. Ich bin Nick Mangold.”

“Was wollen Sie?”

“Mit Ihnen reden.”

“Worüber?”

“Das wüsste ich auch gern.”

Jetzt hebt Hänel den Kopf. Er sieht nicht gut aus. Seine Gesichtshaut wirkt aufgequollen, gerötet, seine Augen liegen tief, sind umringt von Schattengräben. Seine Stimme tönt unterirdisch, heiser, brüchig. Er blickt sein Gegenüber an und schweigt. Es ist ein langer, taumelnder Blick, der in Nick hinein sackt und dort ausfranst – wie eine Schusswunde.

Das wird ein längerer Aufsatz, denkt Nick und bestellt sich keinen Tee. Er könnte gut etwas Stärkeres gebrauchen. Er bestellt sich einen Weinbrand. Er zieht sich eine Zigarette. Er hat es, wie es noch vor kurzem sein Vorsatz war, aufgegeben, das Rauchen aufzugeben. Er hält Hänel höflich die Packung hin. Hänel schüttelt den Kopf und zieht ein Silberetui hervor, entnimmt diesem eine schmale Zigarre. Seine Hände zittern, wie Nick zu sehen glaubt, ein wenig. Er gibt seinem Gegenüber Feuer.

Nachdenklich bläst Nick zwei, drei Rauchringe in die gallenbittere Kneipenluft. Es macht wohl nicht viel Sinn, hier länger zu verweilen. Er hat nicht das Verlangen, die Rolle eines Krankenpflegers oder Seelsorgers zu übernehmen. Hänel schweigt weiterhin beharrlich. Er hält das massive Haupt nun wieder abgesenkt. Nick wartet ein paar Minuten, dann steht er auf, blickt sich nach der Bedienung um. Er will zahlen.

“Warten Sie!”

Nick hält inne, macht eine Kehrtwende. Es überrascht ihn, den Schriftsteller plötzlich so verändert zu sehen - als sei ein anderer Geist in ihn gefahren. Seine Stimme klingt fest, fest und fordernd. Es ist dies ihr zweites Treffen. Und es ist so gänzlich verschieden von dem vorangegangenen.

Der Mann hat sich jäh aufgerichtet. Seine Hand umklammert das Glas mit dem Whisky, als wolle er es zerdrücken. Er hält es, aber er trinkt nicht daraus. Nick nimmt seinen Platz am Tisch wieder ein. Er findet die Situation etwas heikel, etwas dunkel. Er drückt seine Zigarette aus, entzündet sich eine neue. Die Bedienung kommt längsseits. Er bestellt sich ein stilles Wasser. Vielleicht ist es besser, nüchtern zu bleiben, denkt er, nüchtern wie der Alltag.

“Sie sagten, Sie wollten mit mir reden?”

“Ja...Über den Stella Matutina Orden zum Beispiel.”

“Sie wissen also doch, worüber Sie reden wollen...Und was genau interessiert Sie an dem Thema?”

“Eigentlich ist es mehr Ihre Person, die mich in diesem Zusammenhang interessiert."

“Ach, wirklich?”

“Es gibt Menschen, die geben einem Rätsel oder, sagen wir, Fragezeichen auf. Sie sind ein solcher Mensch. Ich wüsste gern mehr über das hinaus, was ich bereits von Ihnen weiß.”

“Eine launige Begründung. Könnte von mir stammen.”

Man muss nicht zwingend den Eindruck haben, Hänel befinde sich auf dem Weg zurück in eine alkoholfreie Realität - gerade hat er das Glas angesetzt, um sich einen abgrundtiefen Schluck zu genehmigen - doch der taumelnde Ausdruck ist aus seinem Blick gewichen, und die Gesichtszüge wirken nicht länger abgestorben wie noch Augenblicke zuvor.

“Also schön, stellen Sie Ihre Fragen.”

“Eine Frage hatte ich bereits gestellt.”

“Ah ja, richtig... der Orden. Wer hat Ihnen erzählt, dass ich damit etwas zu tun habe?”

“Ein Journalist.”

“Ein Zeitungsmann? Es wird viel gedruckt in der Presse, wissen Sie, vor allem viel Unsinn. Ich hoffe, Sie haben da keinen falschen Eindruck mitgenommen.”

“Welches wäre denn der richtige?”

“Das Interessante an Gesprächen ist, dass man zu Beginn oft nicht weiß, wohin Sie am Ende führen werden, nicht wahr? Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Mangold: Wenn Sie mich besser kennen lernen wollen, sollten sie nicht den Schnüffler spielen.”

“Hm, Sie finden also, dass ich mich so verhalte?”

“Ja. Und es ist keine Rolle, die Ihnen steht, glauben Sie mir. Sie waren mir bislang sympathisch. Warum wollen Sie das aufs Spiel setzen?”

“Tut mir leid, wenn bei Ihnen dieser Eindruck entstanden ist.”

“Das sollte es. Immerhin könnte ich Ihnen vielleicht von Nutzen sein, eines Tages.”

“Wie meinen Sie das?”

“Jeder braucht hin und wieder Hilfe. Dann ist es gut, Menschen zu kennen, an die man sich wenden kann – vor allem in der Fremde.”

Nick lächelt dehydriert. Thema verfehlt. Es sieht nicht so aus, als wenn ihn die Unterredung hier sehr viel weiterbringen würde. Eher scheint eine Art Katz-und-Maus-Spiel daraus zu werden, ein Abtasten, ein sich gegenseitiges Belauern, wobei er zugeben muss, dass sein Gegenüber, trotz eines vermutlich eingeschränkten Wahrnehmungsvermögens, das bessere Blatt auszuspielen versteht.

Er bereut, erneut eine Zusammenkunft mit diesem Menschen gesucht zu haben. Das Vorhaben, dessen Umsetzung sich ohnehin wenig konkret in seinem Hirn festgesetzt hatte, nämlich den Mann für ein Treffen mit den beiden Journalisten zu erwärmen, wird er fürs Erste wohl ad acta legen müssen.

Kapitel 3

Der Nachmittag liegt träge ausgebreitet. Nick hat nichts Entscheidendes vor. Die Luft ist würzig violett, als habe man Oktober, was nicht der Fall ist.

Erst wollte er sich bei Marc Kilian melden. Ob der Junge ihm böse ist? Wie viel mag er wissen oder ahnen? Wird Marie ihm etwas erzählt haben? Nick hatte bislang keine Gelegenheit, das zu überprüfen. Jener Abend, jene Nacht, sie machen Poch Poch in seinem Blut. Er vibriert, sobald er daran denkt. Auch Marie möchte er wiedersehen. Natürlich. Nur wie? Seine Lebensumstände, so lautet sein vorläufiges Fazit, bedürfen dringend einer Kläranlage. Die Konstruktionspläne dafür wird er seinem Erfahrungsschatz allerdings erst noch hinzufügen müssen.

Er hat Hauke Morath in Antwerpen angerufen, um sich nach der Situation dort zu erkundigen. Er hat Einzelheiten erfahren über die “Unregelmäßigkeiten“ (Originalton Hauke) während des Gastspiels von Prodigium. Und es kursieren Gerüchte, so Hauke weiter, Olga beabsichtige, aus der Truppe auszusteigen.

Nick hat eine Idee, die, wäre er Sekt-Gourmet, einer Sektlaune entsprungen sein könnte. Er gedenkt einen Abstecher in jene Gegend zu machen, wo der seitens Oliver Beacon erwähnte Maler A.O.Spare die letzten Jahre seines Lebens verbracht haben soll. Vielleicht kann ihn das auf neue Gedanken bringen. Er ist nicht ungerüstet. Er hat zwei Adressen. Damit ist er für die kommenden Stunden zwar nicht am Ziel seiner Wünsche, aber seine Wünsche haben ein Ziel.

Der eine Wink, der auf das Gespräch mit den Journalisten zurückgeht, beinhaltet eine einstige Anlaufstelle des Malers, der zweite stammt von Katzenstein. Sie trafen sich heute gegen Mittag. Sie aßen eine Kleinigkeit im Bat Eye. Es war kein ausgedehntes Treffen. Der Deutsch-Tscheche hatte nicht viel Zeit. Nick schilderte ihm kurz seine jüngsten Erlebnisse. Es zeigte sich, dass Katzenstein nicht nur Leben und Werk des Malers vertraut war, sondern gleichermaßen mancherlei aus dem kulturgeschichtlichen Hintergrund. Nick erhielt den Rat, einen Buchladen aufzusuchen, dessen Besitzerin Katzenstein vorgab, gut zu kennen, eine Frau namens Laura Wynne Easten; sie könne ihm sicher einiges über Spare erzählen.

Mit diesem Inventar im Gepäck fährt Nick nach Brixton. Eine Gruppe Muslime schnattert lärmend hinter ihm, während Nick vor einem unscheinbaren Laden für Mal- und Zeichenbedarf Halt macht. In der Auslage, liegen, wie ihm aufgefallen ist, zwei Druckwerke, die den Schriftzug A.O.Spare im Titel tragen. Nach kurzem Zögern tritt er durch die Ladentür. Eine Klingel patrouilliert über seinem Haupt, es klingt, als kugelten Klopfgeister durch künstliche Paradiese. Röhrend, gurgelnd, rasselnd, von Trommeln unterstützt, durchkämmen ihre Klangatome den hell erleuchteten Raum.

Hinter der Ladentheke wartet ein junger Mann auf Kundenwünsche. Mag sein, dass er auch auf etwas anderes wartet. Den Oberkörper des Jungen deckt ein kurzärmeliges, bunt bedrucktes, hüftlanges T-Shirt, das einen freiwillig unfreiwilligen Blick auf überreich mit Tattoos verzierte, muskulöse Arme gestattet. Sein Kurzhaarschnitt gipfelt in einem rostroten kreisförmigen Mittelfeld, das die Einflugschneise für einen Zwerg-Asteroiden abgeben könnte.

“Sie wünschen, Sir?”

Die Stimme, die durch den Raum rollt, klingt dunkel, heiser und irgendwie unbeugsam. Der Jüngling steht lässig da, schaut, während Nick unschlüssig in der Mitte des Ladens verharrt, von unten schräge vom Tresen auf (wo er bis eben mit obskuren Blechteilen hantiert hat).

“Ja, also... Sie haben da im Fenster ein paar Sachen über oder von Austin Osman Spare. Ich interessiere mich für diesen Künstler.“

“Sie wollen etwas über ihn lesen?”

“Gegebenenfalls.”

“Spare hat dort, wo Sie gerade stehen, oft gestanden. Hier in unserem Geschäft kaufte er nämlich, als er noch lebte, sein Arbeitsmaterial.”

“Ist das so?”

Nick zieht die Brauen in die Höhe. Dann macht er leider (unwissentlich) einen Fehler. Er erwähnt Oliver Beacon, spricht davon, dass der Journalist an einer Biografie über den Maler arbeite und fragt den Angestellten, ob ihm der Name etwas sage.

“Oh, dieser Klugscheißer! Sicher, hier im Viertel kennt man ihn. Er hat sich quasi bekannt gemacht durch seine… Verhörmethoden. Mit solchen Leuten verkehren Sie? Ich warne Sie, es lohnt die Mühe nicht.“

“Und warum nicht?“

“Ihr Mann hofft offenbar, er könne etwas von jener Wirklichkeit einfangen, die die Existenz einer gewissen Person namens Austin O. Spare bestimmte. Doch wird außer Geschwätz nicht viel dabei herauskommen. Was wissen Leute wie er von Künstlern, wie AOS einer war? Von den Kellern menschlicher Existenz? Von den dunklen Fluren des Daseins? Dass AOS ein karges Leben führte, ein Leben am Rande von Armut und Vergessen, aber auch eines in stolzer, selbst gewählter Abgeschiedenheit, kann das Ihr Tintenkleckser je nachempfinden? Nein, er sieht lediglich die Fassade, den Zuckerguss, aus dem man Legenden strickt, Legenden für das zahlende Publikum. Was jedoch versteht er von den Innenwelten eines solchen Mannes? Von seinen Visionen? Von den Geistern, die er rief, die ihn heimsuchten? Nichts. Rein gar nichts.”

“Hm. Haben Sie vielleicht auch schon einmal von einem gewissen Hänel gehört?”

“Jesus, noch so ein Schwätzer, der darauf aus ist, das Leben Spares für sich und seine eitlen Zwecke auszuschlachten. Mit den Schätzen, die er im Nachlass von AOS zu heben gedachte, glaubte er wohl, sein eigenes kümmerliches Talent aufpolieren zu können, möchte sich außerdem zum Türsteher irgendeiner kommerziellen Heilslehre aufschwingen. Zum Teufel mit ihm und seinesgleichen! Was soll dieser jähe Rummel um AOS? Der Mann ist doch lange tot! Plötzlich fällt hier jeder über sein Leben her, sucht den verkannten Genius, den großen Magier - Presseleute, Sammler, Pseudoartisten, ein kompletter Käfig sensationsgeiler Narren. Hätte ich eine Flinte, ich würde ihnen das Hirn wegpusten, glauben Sie mir. Selbst Typen aus dem Musikgeschäft bedienen sich mittlerweile seiner Texte, schmücken sich mit seinen Werken, tun, als wären sie seine geistigen Erben, Wegbereiter seiner Lehren, seiner Träume und haben am Ende doch nur die Schleimspur ihrer eigenen Karriere vor Augen.”

Nick, der den Satzkaskaden kaum zu folgen vermocht hat, sagt sich: Anscheinend habe ich da eine Lawine losgetreten. Das lag nun wirklich nicht in meiner Absicht. Der Junge redet anders, als er ausschaut; er redet wie ein Schnellfeuergewehr.

“Es könnte ja aber vielleicht auch Personen geben, die es ehrlich meinen mit ihren Nachforschungen?”

“Sicher gibt es die, ich kenne sogar ein paar von ihnen. Doch werde ich ihre Namen nicht preisgeben. Diese Leute brauchen keine Publicity. Sie tun, was sie tun, aus persönlichen Motiven, sie wollen nicht allein das Andenken des Künstlers, sondern auch seine Würde bewahren, und sie wissen, man muss behutsam zu Werke gehen, sehr behutsam, denn man hat es hier mit einem äußerst seltenen Exemplar der menschlichen Gattung zu tun.“

Der Junge nagelt nach seinen letzten Worten die rechte Pranke auf das Holz der Ladentheke und greift sich eines der dort deponierten Blech- oder Plastikteile - was es genau ist, ist aus der Entfernung nicht auszumachen. Er hatte wohl, als Nick das Geschäft betrat, gerade damit begonnen, an etwas herumzubasteln - vielleicht an einer Handgranate.

Nick seinerseits ist betrübt, dass das Gespräch einen so missglückten Verlauf genommen hat. Indessen scheint der Verkäufer jegliches Interesse an einer Fortführung ihres Dialogs verloren zu haben. Einmal nur hebt er noch flüchtig das Haupt, kneift die Augen zusammen und fixiert sein Gegenüber mit einem teils gelangweilten, teils spöttischen Blick.

“Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Sir? Ein paar Dosen Ölfarben vielleicht, Malpinsel, Zeichengerät...?”

“Nein, vielen Dank. Das war vorerst alles.”

“Dann haben Sie die Güte und lassen Sie mich meine Arbeit tun!”

Nick verlässt den Laden mit gemischten Gefühlen. Immerhin, sein Interesse ist erwacht. War das jetzt eine Einstiegsdroge? Er möchte mehr herausfinden. Er durchstreift die umliegenden Straßen. Sein nächster Besuch gilt der Buchhandlung, die Katzenstein ihm angegeben hat. Sie befindet sich ganz in der Nähe jenes Basements, das A.O.Spare in seinen letzten Lebensjahren als Aufenthaltsort gedient haben soll.

Laura Wynne Easten ist eine korpulente Frau in mittleren Jahren. Sie führt das Geschäft offenbar allein. Als Nick eintritt, steht sie neben der Schaufensterauslage und wendet sich ihm mit einer Entschlossenheit zu, als habe sie ihn bereits erwartet. Sie hat die Augen einer Eule sowie eine spröde, maskuline Stimme. Nick kommt ohne Umschweife zur Sache. Er sei auf der Suche nach Informationen über den Maler AustinSpare. Er erwähnt (er weiß gar nicht recht, warum) seinen Besuch in dem Laden für Mal- und Zeichenbedarf sowie sein seltsames Gespräch mit dem hiesigen Angestellten dort.

“Sie haben also mit Roman gesprochen. Lassen Sie sich nicht von dem rüden Ton des Jungen verschrecken. Er hat eine flinke Zunge und einen raschen Verstand. Er ist Kunststudent. Natürlich hat er keinerlei authentische Informationen. Kann er auch nicht haben. Was er weiß oder zu wissen vorgibt, ist ihm über Dritte zugetragen worden… Gut, der ehemalige Besitzer des Ladens, in dem er arbeitet, hat Spare noch gekannt, lebt jedoch seit Jahren nicht mehr. Ich kann Ihnen immerhin aus sicherer Quelle sagen, dass die magische Weste dieses Malers ganz so fleckenlos nicht gewesen sein kann. In späten Jahren beschäftigten ihn, wie überliefert ist, merkwürdige, ja abseitige sexualmagische Praktiken, die ein nicht gerade schmeichelhaftes Licht auf einen Menschen werfen, um dessen Vita sich in manchen Kreisen ein wahrer Personenkult gebildet hat.... Aber, sagen Sie, Sir, was interessiert sie so an Spare? Seine Malerei?”

“Nun, ich kenne da ein paar Leute und Geschichten aus seinem Umfeld und würde gerne mehr erfahren, das ist alles.”

“Ach, wirklich?”

“Jedenfalls danke ich Ihnen für die Auskünfte. Vielleicht komme ich später noch einmal auf sie zurück. Sie scheinen mir ja ein wahres Nachschlagewerk zu sein.”

Kapitel 4

Der Mann, dessen Notizen er hat, heißt Jakob Spinagel. Er ist Arzt, praktischer Arzt. Worauf Nicks Aufmerksamkeit sich anfangs voller Überraschung richtet, ist die Tatsache, dass der Verfasser, wie er selber, aus Hamburg stammt. Er hat die Stadt, das zeigt sich bei näherer Lektüre, Zeit seines Lebens offenbar kaum verlassen, im Alter, wie es scheint, gar nicht mehr.

Das lederne Fundstück stammt sozusagen aus der Unterwelt. Nick hat die Bände in einem leeren metallenen Einkaufswagen gefunden, wie man sie aus Supermärkten kennt. Das Rollgestell stand in einem lichtlosen Verschlag seitwärts des Eingangs zu einem Basement, das Spare zuletzt gelegentlich als Arbeitsklause gedient haben soll. Der Raum zeigte sich unverschlossen. Die Tür stand halb offen. Der Einkaufswagen lagerte dort in Gesellschaft einiger Müllsäcke. Den Haupteingang hatte man mit Holzlatten vernagelt. Ebenso eine Fensterluke nebenan. Das Basement war unbewohnt. Ein paar Straßen weiter, heißt es, habe der Maler gewohnt; allerdings - das Haus steht nicht mehr.

Das gesamte Gebäude machte auf Nick einen verlassenen Eindruck. Und eher zufällig warf er einen Blick in den benachbarten Müllraum. Die ledergebundenen Bände sprangen ihm, nachdem er die Eisentür ganz aufgestoßen hatte, sogleich ins Auge. Sie kauerten so nackt wie verloren auf dem Metallgitter, vom hereinfallenden Tageslicht chirurgisch ausgeleuchtet. Nick trat näher, nahm eines der Bücher von seinem Platz, schlug es auf. Was er sah, waren Worte, Sätze, sauber gesetzt, handgeschrieben, in Deutsch. Kurz entschlossen nahm er alles an sich.

Ein Tagebuch. Eine einzelne Stimme aus dem Off. Eine arme Kreatur? Ein einsamer Wolf? Die Stimme eines Verblichenen? Könnte sein… Aufzeichnungen, die das Tageslicht womöglich nie mehr erblickt hätten, wären sie nicht durch seine, Nicks Hände gegangen. Er hatte, so wollte es ihm vorkommen, einen Sarkophag geöffnet. Autopsie eines Schicksals. Es waren nicht so sehr die lebensgeschichtlichen Daten, an denen sich sein Interesse entzündete, es war etwas anderes. Das erschloss sich ihm aber erst nach und nach. Es war jedenfalls keine Lektüre zum Tagträumen. Eher ist es, dachte er, ein Fall für den Tierarzt.

Es berührt schon eigentümlich, überlegte Nick, auf diese Weise Zeugnisse einer fremden Existenz einzusehen, Ich-Protokolle eines unbekannten Geschicks... In der Folge begann sich, ganz ohne sein Zutun, ein Netz konspirativer Fäden zu spinnen, zwischen der Niederschrift und ihm, dem zufälligen Leser.

Nick nahm zunächst an, dass der Verfasser dieser Bände tot war. Die Eintragungen endeten vor gut drei Jahrzehnten, zu einem Zeitpunkt, als Spinagel knapp über Sechzig gewesen sein mochte. Doch wer weiß, vielleicht lebte der Mann ja noch. Denkbar war vieles.

Es muss jedenfalls ein zutiefst einsamer Mensch gewesen sein. Keine Familie, Frau, Freunde. Es hat, wie Nick unter anderem lesen kann, einen Halbbruder gegeben, den es aber früh in die Fremde zog. Ein Eigenbrötler also, dieser Arzt, ein Sonderling, ein Kauz. Einer, der über viele Jahre wie besessen aufzeichnete, was ihm widerfuhr, akribisch, minutiös, bis in die Einzelheiten hinein, bis zum täglichen Stuhlgang, zur täglichen Mundpflege.

Der Mann ist darüber hinaus ein getreuer Stenograph seiner Stimmungen gewesen, die er sezierte, kartografierte, in tausend Schattierungen auffächerte. Das Licht des Weltgeschehens fiel wohl nur selten durch den Vorhang seines Tuns, seiner persönlichen Befindlichkeiten. Und wenn, dann als Demiurg, der seine Kreise störte. Viel Raum nehmen in den Aufzeichnungen private Studien ein, denen der Verfasser nicht allein intensiv nachgegangen ist, sondern über die er sich wieder und wieder in lexikalischer Ausführlichkeit zu verbreiten pflegt. Wie er es selber einmal in einer Fußnote zum Ausdruck bringt, verstand er sich als ‘geistiger Abenteurer’.

Seine Gedankengänge wirken so faltenreich wie induktiv. Befasste er sich in den Notizen seiner frühen Jahre noch mit allen erdenklichen Phänomen unter der Sonne, die den Eindruck aufkommen lassen, sein Trachten zielte darauf ab, den Wellensalat der Schöpfung in eine musikalische Gleichung zwingen zu wollen, so grenzte Spinagel seinen Entdeckerdrang späterhin zunehmend auf ein einzelnes Gebiet historischer Bedeutung ein, auf das China des 14. Jahrhunderts.

Nick ist an diesem letzten Abend seines London-Aufenthalts rechtschaffen müde. Er liegt auf der Matratze, lang ausgestreckt, unbekleidet, hat die Decke zurückgeschlagen. Es ist warm und stickig im Raum. Trotz Müdigkeit vermag er nicht einzuschlafen. Seine Gedanken flattern wie Motten um die Glühbirne herum. Und die Glühbirne besteht aus verspiegeltem Glas. Er wird Hauke von dieser Geschichte erzählen. Der hat ein Faible für alles Sonderbare.

Vor dem Einschlafen liest er rasch noch ein paar Seiten, dann und wann einzelne, die ihm unergiebig erscheinen, überschlagend. Oder er gleitet dort, wo er auf nichts stößt, was ihn fesselt, auf Rollschuhen über das Geschriebene hinweg... Katakomben eines Lebens! Ja, er fühlt sich unwillkürlich als Grabräuber. Und muss an seine eigene Geschichte denken. Er erinnert sich. Wie hat alles begonnen? Und wann eigentlich und durch welche Tür oder Pforte ist er in die bestehende hinein gestolpert? Er nimmt sich, nicht nur weil er sie hat, Zeit für einen Rückblick.

Kapitel 5

Im Osten kein Rot. Nicht an diesem Morgen. Nicht einmal für Frühaufsteher. Nur Wind bläst stoßweise von dort herüber, von den Bergen herab, herbstrau, fasst ihm kräftig hinter beide Ohren, die, so scheint es, noch weiter von seinem Schädel abstehen als für gewöhnlich. Und kalt könnten sie in Kürze werden, kalt wie ein ausgekühltes Verlangen. Immerhin, sie blättern nicht ab. Und wehen nicht fort.

Nikolaus Mangold steht auf dem Balkon. Sein Blick beschreibt einen Halbkreis. Dunst liegt im Tal. Schade, man erkennt die Berghöhen kaum.

Er hat Zeit. Er wird in aller Ruhe frühstücken können. Ja, er könnte gar - die Stundenuhr erlaubt es - einen kleinen Rundgang machen, hinaus in einen kühlen, spröden Spätoktober. Und genau das wird er jetzt tun.

Der Weg vom Hotel zur Ortsmitte hin ist steil. Er geht raschen Schrittes. Ziemlich bald schon spürt er die eigene Herz-Lungenmaschine - schlecht austrainiert. Die Luft, die er in kurzen hastigen Stößen einsaugt, sticht wie mit Eisnadeln in seinen Atemwegen. Da wäre, überlegt er, noch etwas, was ihn begleitet: Eine Mattigkeit, umlagert ihn seit Tagen, verhangen, diffus, steril. Gibt es Grund zu Befürchtungen? Gibt sein Allgemeinbefinden Anlass, sich Sorgen zu machen? Nein, im Grunde nicht.

Und sonst? Irgendwelche chronischen Beschwerden? Keine. Fantomschmerz? Erbkrankheiten? Mitesser? Ebenfalls keine. Er hat vor kurzem erst einen Check-up machen lassen. Blutdruck unverdächtig. Nichts Auffälliges unter den Laborwerten. Der Lebensabdruck eines Mittvierzigers... es könnte also normalverteilt weitergehen.

Nick hat den Aufstieg vollendet. Er hechelt. Er ist Höhenunterschiede nicht gewöhnt. Er ist Flachländer. Der jüngere Teil des Ortes liegt vor ihm ausgebreitet. Bad Gastein. Es ist hier ziemlich anders als Zuhause. Kaum Leute in den Gassen, zu dieser Stunde, zu jeder anderen vielleicht auch. Er kauft eine Packung Zigaretten in einem kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen. Gegenüber findet sich die Bahnstation, dahinter eine Seilbahn.

Er wendet sich zurück, begibt sich wieder abwärts, hinab in den historischen Ortskern, der sich, in luftiger Höhe oberhalb des Tals, seidenmatt in sprödes Berggestein einschmiegt. Er geht auf der Hauptstraße. Der Lärm, der ihm voraus das Pflaster überbraust, zwischen den Belle-Epoque-Fassaden, rührt von diesem berühmten Wasserfall her. Berühmt? Na ja, sagen wir, weithin bekannt... Ein bündiger Lärm, und das einzig wirkliche physische Lebenszeichen einer, wie es ihm vorkommen will, betagten, nahezu erloschenen Stadt. So sein erster Eindruck. Mag sein, dass in naher Zukunft, etwa wenn Schnee fällt, der Schauplatz verändert erscheint, wintersportlich. Ein Spitzenkoch soll hier gelernt haben. Goethe soll einst hier gewesen sein, ebenso Mendelssohn und einst der Kaiser.

Gestern war Sonntag. Und zur Kaffeehausstunde brachte man am Platze vor dem Kurmittelhaus einige spätromantische Tondichtungen zu Gehör. Eine kleine, flotte Wanderkapelle, bestehend aus sehr jungen Konzertmusikern, tat es. Es fanden allerdings nur wenige Zuhörer den Weg dorthin. Von der geöffneten Balkontür seines Hotelzimmers aus konnte er den Klängen folgen, hinter sanft wehenden Vorhängen...

Nick schlägt einen Haken. Er kommt an seinem Automobil vorbei, das in einer Seitengasse parkt. Eine Straße weiter liegt das Spielkasino. Bekränzt von träge rieselndem Restlaub. Borke um Borke. Blatt um Blatt... Er setzt sich in sein Auto, raucht eine zweite Zigarette, schmiegt sich tief in das Connolly Leder, lässt eine Hand aus dem Wagenfenster baumeln; beinahe zärtlich berühren seine Finger das dunkel schimmernde Blechkleid des Cabriolets. In der hiesigen Umgebung fällt ein Wagen wie dieser kaum auf. Er schaltet das Radio ein, schaltet es Minuten später wieder aus. Er verlässt seinen Platz auf dem Fahrersitz, schließt die Wagentür, wirft die halb ausgerauchte Zigarette fort, marschiert abermals eine Handvoll Schritte, ziellos. Dieses Mal geht es Richtung Wasserfall.

Auf der Brücke macht er Halt, blickt rechterhand auf das aus klammer Höhe herabstürzende Nass, blickt linkerhand in die Tiefe, über tosende Gischt hinweg, dann hinauf zu den halb unsichtbaren Berggipfeln ringsumher. Auf einem, heißt es, liege ewiger Schnee. Kogel nennt man hier die Berge, Graukogel, Stubnerkogel. Nick kennt sich mit Bergen nicht so gut aus. Nachdem er sie jedoch aus der Nähe gesehen hat, ist er schon beeindruckt… Zwei Vögel steigen gegen die gesteinten Kämme auf, ein Flugzeug, sowie eine schmale, kalkweiße Wolke. Er kratzt sich am Kinn, das heute stoppelig ist, und seine Gedanken eilen in unbekannte Fernen, mit Blaulicht…

“Das neunzehnte Jahrhundert war voll tragischer, das verflossene voll diabolischer Gestalten, nicht wahr?”

Das äußerte Petr Katzenstein ihm gegenüber in einer Tagungspause. Der Mann hat - eigenen Angaben zufolge - in weit mehr als zwei Berufen gewirkt, aber in zweien, so erzählte er, habe er reüssiert: als Kunstschütze und als Eisenbieger. Und erläuternd fügte er hinzu, früher sei er ein kräftiger Mann gewesen, eine böse Krankheit habe bedauerlicherweise seine Physis ruiniert. Diese Erklärung, befand Nick, war, in Anbetracht der eher kärglichen Leibesumstände des Deutsch-Tschechen, entschieden nötig. Gleichwohl, es wäre eine motorische Rarität, wenn, was er erzählte, der Wahrheit entsprach.

“Derlei Ohren könnten kaum einen Bleistift halten, nicht wahr?”

“So ist es.”

“Ich habe also einen kleinen Geländevorteil.”

Nick erwiderte das Lächeln des anderen. Dafür stößt unser Mann beim Sprechen an, dachte er, mit der Zunge an die Vorderzähne, unmerklich zwar, aber ich merke es. Und er zieht ein wenig das linke Bein nach.

Sie waren ins Freie getreten, auf den Platz vor der schmutziggrauen Tagungsstätte. Der öffentliche Bau stand dort in des Ortes Mitte, unmittelbar über einer Tiefgarage, am Steilhang oberhalb des kurvigen Flussbetts, an exponierter Stelle, eine steinerne Missgeburt, Fleckenfieber in Beton, ein Kuratorium des schlechten Geschmacks - Nick drückte seine Kippe in dem aschgrauen Sand einer der betonierten Eierbecher aus - erschlaffte Ideenrelikte einer ganzen Ära katatoner Innenarchitektur. Kindshoch ragten sie auf, im Foyer des Kurmittelhauses, in das sie zurückkehrten, weil die Pause jetzt endete; weiter ging es von da in die von Sarglicht geisterhaft erhellten Flure im Untergeschoss, wo die Tagungsräume lagen.

Nick drehte sich nach Katzenstein um, welcher, die Hände in den Taschen seiner kraterähnlich zerklüfteten, senfbraunen Kordhose, an einer Pinnwand stehen geblieben war, auf der zahlreiche Ankündigungen aushingen, die aus irgendeinem Grunde zeitweise sein Interesse fanden. Dann folgte ein Blick zu Nick herüber, auffordernd, schelmenhaft.

“Schenkt man sich den Rest der Sitzung?”

“Ich hätte nichts dagegen.”

“Gehen wir in die Hotelbar. Auf einen Drink?”

“Einverstanden.”

Sie verließen das Gebäude also wieder, das sie eben erst betreten hatten, auf neu berechnetem Kurs. Katzenstein ging voran. Nick holte ihn ein, von da an blieb man an auf gleicher Höhe. Der andere musterte ihn von der Seite her, freundlich, forschend, als gäbe es etwas zu entdecken an ihm. Die Stimme des Deutsch-Tschechen wirkte weich, ein dunkles Plätschern in Moll, gelegentlich auch eine helle Stromschnelle. Nick mochte sie eigentlich von der ersten Sekunde an. Als sei sie für mich komponiert, dachte er. Und er grinste innerlich bei diesem übermütigen Gedanken.

“War es nicht zum Sterben langweilig?”

“Da stimme ich Ihnen zu.”

“Weilen Sie oft auf solchen Tagungen?”

“Es war die erste dieser Art. Und ich hoffe, auch die letzte.”

Nick vertrat einen Kollegen, der krank war. Klimaforschung. Darum ging es hier. In überlangen, ermüdenden Referaten. Das Auditorium war randvoll, der Redner gab es viele, aus allen fünf Kontinenten.

In der Hotelbar trank Katzenstein Obstsaft. Nick bestellte Kaffee und Marillen-Schnaps. Er trank den Kaffee mit Schlagobers. Es war ziemlich genau halbsechs Uhr Abends. Außer ihnen und dem Barkeeper war nur ein steinalter, weißhaariger Mann anwesend. Und da sich hier kein weiterer Gast aufhielt, konnte dieser wohl tun, was er wollte. Der Mann war der Barpianist. Er saß an einem Bösendorfer Flügel und spielte vorzugsweise Cole-Porter-Stücke. Nick nahm sein Glas zur Hand, starrte auf die wolkigweiße Creme, zerteilte sie mit dem Löffel und entblößte eine schwarze, mäandrierende Fläche. Er trank von dem Kaffee. Sein Begleiter schaute zu.

“Sind Sie das erste Mal in dieser Region?”

“Das erste Mal, ja.”

“Ich mag die Berge.”

“Ich mittlerweile auch.”

Sie kennen sich seit dem Eröffnungsreferat, vom Vortage. Aus einer Zigarettenpause. Es war Petr Katzenstein, der Nick den ersten Ball zuspielte. Mit einer Spielvariante, die diesem bislang noch nicht begegnet war. Ob er wisse, wie man einen Schiffsknoten binde? Nick verneinte, und der Deutsch-Tscheche fuhr lächelnd fort, er auch nicht, besser wäre es aber zweifellos. Wer es verstehe, einen Knoten zu binden, sollte wohl imstande sein, diesen auch wieder zu lösen; so hätte man hier und heute die Chance, in See zu stechen, um dieser Insel der Unseligen zu entkommen. Mit Insel der Unseligen meinte er die hiesige Tagungsstätte.

Nick fasste den Mann, dessen Rede und Gebaren er zeitweise als etwas umständlich oder sogar geschraubt empfand, näher ins Auge. Er war einen Kopf kleiner als er, was kein Kunststück war, denn Nick war lang, blond, blauäugig und überhaupt in der Summe dominant-rezessiv nordisch. Möglicherweise hielt der andere ihn ja für einen Seemann oder gar für einen Kapitän. Das konnte man, seinem Äußeren nach, umständehalber, tun. Das hatten bereits andere, umständehalber, getan.

Doch nein, der Mensch wollte offenbar lediglich mit ihm ins Gespräch kommen. Während der Begrüßungsrede hatten sie Plätze, die benachbart waren, und schon hier suchte der kleine Mann wiederholt Blickkontakt, warf mehrfach eine Handvoll Worte in Nicks Richtung. Ihm war entfallen, welche. Zu jenem Zeitpunkt widmete er noch dem aktuellen Vortragsredner, einem kolumbianischen Professor der Wetterkunde seine Aufmerksamkeit, gelangweilt, gleichwohl wach, machte sich eine Handvoll Notizen, für seinen erkrankten Kollegen, was er nach dem dritten Vortrag jedoch, müde geworden, aufgab.

Nick reiste nicht sogleich ab, am Folgetag. Die Klima-Tagung war auf drei Tage angesetzt. Drei Tage zu viel. Er war es rasch leid, all das selbstverliebte, international gelehrte Experten-Geschwätz. Nur war er es Tim Leopold Weber, seinem Kollegen, irgendwie schuldig, wenigstens eine Prise nützlicher Informationen einzusammeln. Also beschloss er zu bleiben, bis zum bitteren Abspann.

Kapitel 6

Plötzlich war es kalt geworden. Und neblig. So war er eben, der späte Herbst.

Nick wartete im Foyer auf Katzenstein. Der hatte ihn darum gebeten. Die Uhr zeigte auf halbzehn. Nick hatte kurz gefrühstückt. Das Hotelbuffet war gut, frisch, reichhaltig. Morgens aß er allerdings kaum etwas. Er hätte mit dem Deutsch-Tschechen frühstücken können, doch der frühstückte, wie er sagte, selten bis nie.

Einige Gäste durchquerten die Hotelhalle. Ein älteres Ehepaar mit reichlich Gepäck. Er schwitzend, trotz der Kälte, die im Freien herrschte, sie, Zigarre rauchend und mit einem Hut bewaffnet, der an ein Hirschgeweih erinnerte. Neuankömmlinge. Eine junge Frau schritt an Nick vorüber. Sie trug kondomenge Sportkleidung. Sie kam aus dem Fitnessraum, ein weißes Handtuch um die Schultern gelegt. Auch auf ihrer Stirn glänzte Schweiß. Nick blickte ihr aufmerksam nach. Unter der Stoffhose wölbte sich ein Hinterteil, das jede Edelbirne gelassen ausgestochen hätte.

“Jetzt müsste ihr die Hose platzen, nicht wahr?”

“Guten Morgen.”

Nick wandte sich um, als die weiche Stimme Katzensteins über ihn kam. Der kleine Mann stand da und zwinkerte mit dem linken Auge. Oder war es das rechte? Sie waren so knopfähnlich, seine Augen. Katzenstein trug, wie schon am Vortage, die zerklüftete, senfbraune Kordhose. Selbst das Hemd schien Nick dasselbe zu sein, ein marineblaues Hemd mit altmodisch breitem Kragen. Allerdings fehlte die Fliege...

Nick stoppt die Bilder, die vor seinem inneren Auge Revue passieren. Heute endet die Klima-Tagung. Gestern gab es lediglich eine kurze Veranstaltung, am frühen Nachmittag. Er ist nun also den dritten Tag vor Ort. Das, so denkt er, reichte locker, um den Überblick zu behalten, selbst für jemanden, der nicht weiter als bis dreikommadrei zählen kann. Er wird, nach Abschluss der Tagung noch ein weiteres Mal mit Katzenstein zusammentreffen.

Am Abend zuvor waren sie bereits einmal gemeinsam unterwegs gewesen. Im Spielkasino. Es war Katzensteins Idee… Nick setzte die ganze Zeit über auf die Vier, plein. Doch er gewann nichts. Dabei ist die Vier seine Lieblingszahl. Im Vorfeld gab es noch ein raues Randereignis.

Und zwar auf dem Weg zum Kurmittelhaus. Der Deutsch-Tscheche hatte sich gerade eine Zeitung gekauft, als es passierte. Zwei Halbwüchsige verstellten ihm den Weg, pöbelten ihn an, ohne ersichtlichen Grund. Offenkundig suchten sie Streit. Und die Burschen machten den Eindruck, als hätten sie eine zügellose Nacht hinter sich. Der eine, ein halsloser, krebsroter Mensch mit einem Haufen offenbar überschüssiger Hormone, fasste Katzenstein unvermittelt an der Schulter und machte Anstalten, ihn durch die Luft zu wirbeln.

Nick, der ein paar Meter voraus war, hörte das Stimmen-Crescendo, wandte sich um, lief zurück. Er gewahrte, dass sein Begleiter ernsthaft in Gefahr geriet, verprügelt zu werden. Er überlegte nicht lange, sondern schritt ein und schlug wortlos eine kurze, krachende Rechte. Der aktive Raufbold fiel auf der Stelle um und rührte sich nicht mehr. Sein Kumpel wich verwirrt zurück. Damit war die Partie beendet. Katzenstein staunte anerkennend. Und bedankte sich artig bei seinem Retter, der seinerseits bescheiden abwinkte.

Im Unterbau ist Nick ein eher ruhiger, bedächtiger Mensch. Ein Moment sichtbarer Unruhe an ihm sind seine Arme. Er schleudert diese, wenn er geht, weit von sich. Es ist, als sehe man zwei dicke, feste Taue im Hitzestau. (Jetzt hingen sie allerdings schlaff nach unten). Und er regt sich selten auf. Er ist nicht sonderlich impulsiv. Seine Arbeitskollegen daheim im Wasserwerk halten es für Gelassenheit, seine Frau nennt es Phlegma.

Nick dachte in diesem Augenblick nicht an seine Frau, nicht an Zuhause. Er hat das all die Tage kaum getan, im Grunde seit er hier angekommen ist… Eva und er sind seit knapp sechzehn Jahren verheiratet. Sie haben zwei Kinder, einen Sohn, eine Tochter und seit Jahren nur sporadisch Sex. Doch er liebt seine Frau. Sie sind auch zärtlich miteinander, nicht oft, aber oft genug, für seinen Bedarf.

Auf ihrem weiteren Marsch kamen die beiden Männer an Nicks Wagen vorüber. Nick begab sich an die Rückseite des Fahrzeugs, um einen Stoß Papiere aus dem Kofferraum zu nehmen. Katzenstein - erstaunlich entspannt nach dem unerfreulichen Intermezzo - ließ seinen Blick an dem Aston entlang gleiten.

“Ein schönes Exemplar.”

“Ja.”

“Nicht ganz preiswert, vermute ich.”

“Sie vermuten richtig.”

“Ein britisches Modell, nicht wahr?”

“Ja. Ein Aston Martin V8 Volante, Baujahr 83.”

In Nicks Stimme klang kurzfristig ein fachkundiger Unterton auf. Sanft schloss er die Kofferhaube und blieb, die Arme in die Seiten gestemmt, breitbeinig vor dem Automobil stehen. Man hätte den Eindruck gewinnen können, es läge eine Portion Besitzerstolz in dieser Haltung…

Ein rostrotes Ahornblatt zitterte über der metallic-blauen Kühlerhaube im Wind. Mein Begleiter, überlegte Nick, mag sich vielleicht fragen, wie ein technischer Angestellter sich einen Wagen wie diesen leisten kann.

“Die Limousine entstammt einem Nachlass. Ein Großonkel, wissen Sie... Er war ein Autonarr.”

“Ich verstehe.”

“Eigentlich hätte ich den Wagen ja verkaufen sollen... wenn es nach meiner Frau gegangen wäre, aber dann… habe ich ihn doch behalten.”

“Man sollte nicht immer nur aus Vernunftgründen handeln.”

“Das gute Stück ist gar nicht so kostspielig im Unterhalt, wenn man einmal vom Spritverbrauch absieht. Leider zeigt es sich seit einiger Zeit unpässlich. Etwas stimmt an der Elektrik nicht. Ich war bereits einige Male in der Werkstatt, aber dort hat man keine Idee, woran es liegen könnte.”

“Nun ja, die Angelsachsen. Sie haben nicht allein ihre Sprache über ihr einstiges Imperium verbreitet, sondern gleichermaßen ihre Defizite. Und beides haftet wie Klebstoff.”

“So habe ich das bislang allerdings noch nicht betrachtet.”

Nick setzte bei diesen Worten des Deutsch-Tschechen ein schwaches Lächeln auf. Als sie sich wieder in Bewegung setzten und die Straße überquerten, um sich in den Pulk der Tagungsgäste einzureihen, welcher entschlossen in das Kurmittelhaus hinein drängte, meinte Katzenstein, fast beiläufig, er habe weder Familie noch Verwandtschaft, bis auf eine jüngere Schwester, im fernen Amerika. Sie lebe bei den Quäkern. Und habe sich von ihm losgesagt. Weil sie ihn für einen Ungläubigen, einen Gottlosen, ja, für einen Antichristen halte.

Kapitel 7

Es ist heiß, so heiß, dass es den Fahrgästen den Atem nimmt.

Auf der an Schlaglöchern reichen Straße dehnen sich dampfende Pfützen vom letzten Regen. Der Linienbus rattert hindurch, Wasserblasen platzen auf, er rattert vorüber an wogenden Trauben junger Farbiger, die in zahlreichen Rhythmusbasen entlang der Straße stehen, palavernd, rauchend, tanzend, singend, - er rattert Richtung Stadt. Das Ziel heißt Bridgetown.

Das betagte Gefährt macht nicht nur Lärm, er stinkt auch heftig nach Diesel, und der scharfe Geruch dringt den Insassen in die Nasenlöcher, denn Fenster, Türen oder ein Dach fehlen, das Verkehrsmittel ist nach allen Seiten hin offen. Es lässt die Nacht herein. Marie bekommt von all dem kaum etwas mit, sie schlummert während der Fahrt. Sie hat schlecht geschlafen in jüngster Zeit. Sie ist übermüdet. Sie ist auf dem Weg zu Tito.

Tito hält sich seit zwei Tagen in Bridgetown auf, anlässlich eines Auftritts beim Crop-Over-Festival. Er ist mit seiner Calypso-Combo gekommen. Er ist ihr Sänger, und er ist es ungern. Doch man muss Geld verdienen... Seine wahren Vorbilder sind US-amerikanische Formationen wie Outkast oder Xzibit. Denn eigentlich ist er ja ein Hip-Hop-man. So sieht er sich selber. Er war kürzlich für anderthalb Wochen in New York City und schwärmt seitdem Tag und Nacht davon. Er hat Marie Dutzende von E-Mails und SMS geschickt. Sie fand es irgendwann ermüdend. Seine vielen Schnappschüsse der Begeisterung wirkten überbelichtet, überhitzt, manche fühlten sich für sie an wie mentaler Sonnenbrand.

Tito ist achtundzwanzig, ein Jahr jünger als Marie und einen halben Kopf kleiner. Sie stört es nicht, dass sie größer ist, ihn schon. Er zeigt es selten. In Titos Adern fließen ein paar Liter spanisches Blut, von den Vorfahren väterlicherseits; er ist nicht so dunkelhäutig wie seine Eltern, und sein Haar ist nicht so kraus. Neuerdings färbt er es weißblond, trägt es bürstenkurz. Er hat sich einen schmalen Oberlippenbart stehen lassen und gibt sich den Künstlernamen: Boi Cruzz. Er umgibt sich, auch das ist neu, mit einer Eisenhaut. Und er nimmt Drogen. Das ist früher nicht so gewesen. Früher, das heißt, vor gut zwei Jahren.

Da tingelte er noch mit einem Korb selbst gebastelter Calypso- und Sca-Songs über die Insel, und sein Gemüt erschien unbefleckter, heiterer. Marie erinnert sich mit Wehmut dieser Zeiten. Sie sind vorbei. Jetzt umringen ihn neue Freunde, neue Einflüsse. Möchtegern-Gangster aus der lokalen Rap-Szene – das angeblich so wilde Leben der Straße. Hip-Hop-Fantasien.

Ja, jetzt spielt er den harten Jungen, der, während er im Kreis seiner Kumpel Joints raucht oder mit ihnen gemeinsam alte japanische Autos zu Schrott fährt, fortwährend coole, böse Sprüche ausspuckt. Ihr wird übel, wenn sie darüber nachdenkt. Am schlimmsten ist der Kopf der Gang. Er nennt sich Doc Kong, kommt aus Puerto Rico, ein ehemaliger Koch. Er ist kein Musiker. Er spielt kein Instrument. Er ist überhaupt nichts, bestenfalls eine aufgeblasene Kanalratte. Er trägt gern silberne Handschuhe, goldene Ringe und Schaftstiefel, mit denen er seinen Getreuen (man könnte auch sagen: Vasallen) ab und an einen Tritt ins Hinterteil versetzt, wenn sie nicht so spuren, wie er es sich vorstellt. Er benutzt sie alle. Das scheint sein einziges Talent: Menschen zu benutzen. Marie verabscheute ihn von der Sekunde an, wo er ihr das erste Mal begegnete.

Aber sie wäre gut beraten, Vorsicht walten zu lassen. Nicht der eigenen Person wegen - sie hat keine Angst vor diesem Großmaul - nein, es ist Titos wegen. Er ist diesem Zombie auf sonderbare Weise ergeben. Und Doc Kong hat die schlechte Angewohnheit, sich gelegentlich an die Mädchen heranzumachen, die mit den Mitgliedern seiner Truppe liiert sind. Sie erinnert sich an den Diagnoseblick, mit dem er sie bei ihrer ersten Begegnung taxiert hatte. Sie friert, wenn sie sich ausmalt, welch krankes Gedankengut hinter seiner speckigen Stirn verborgen liegt. Sie weiß, er steht auf hellhäutige Frauen. Und sie ist vergleichsweise hellhäutig. Das ist die Mitgift ihres Vaters, der Frankokanadier ist.

Unvermittelt wird sie wach. Der Bus ist über ein Schlagloch gerumpelt, es schüttelt die Fahrgäste so heftig durch, dass einige aus dem schaukelnden Gefährt heraus zu fallen drohen. Marie blickt nach draußen. Sie sind fast am Ziel. Die Stadtlichter leuchten bereits vor ihnen in der feucht brütenden Dunkelheit auf. Sie streckt sich, platziert ihre Handtasche - die sie sich sicherheitshalber während ihres Nickerchens hinter den Kopf geklemmt hatte - auf den Knien und streicht sich eine Haarsträhne aus der schweißnassen Stirn.

Unter der angegebenen Adresse ist kein Tito. Eine entschieden desinteressiert wirkende Gestalt mit Rastalocken, nur in Shorts, öffnet Marie die Tür, schlurft vor ihr her durch den kurzen Flur in eine Küche, die nicht allein ein Müllhaufen ist, sondern überdies nach fauligem Fisch stinkt. Ein Vorhang aus bunten, zerrupften Plastikstreifen, als Öffnung nach hinten zum Garten hinaus, lässt zwar Luft herein, bringt aber kaum Linderung. Kein Windzug regt sich, die Hitze des Tages wird ungeschmälert zur Hitze der Nacht. Außerhalb des Hauses liegt ein weiterer Rastaboy in einer zerschlissenenen Hängematte, die zwischen Holzpfählen aufgespannt ist, und raucht Gras.

Es ist eine armselige Behausung, eine heruntergekommene Hütte, Putz blättert von den nassen Wänden, der Garten ist von Unkraut überwuchert. Ein Freund wohne hier, hat Tito ihr gesagt, ein guter Freund, und weiter, dass er dort mit seiner Truppe unterkommen würde, solange sie sich in Bridgetown aufhalten. Der gute Freund scheint jedoch nicht anwesend zu sein, und das Jüngelchen, das ihr geöffnet hat, zeigt sich wenig gesprächsbereit. Er wisse nicht, wo Tito sei, vielleicht in der Stadt, vielleicht am Strand, vielleicht irgendwo. Schließlich kann sie dem Jungen eine neue Adresse entlocken, unter der sie hoffen darf, den Gesuchten aufzuspüren. Es ist zwei Straßen weiter.

Die Stadt ist angefüllt mit Menschen. Das Festival wirft seine schrillen Schatten voraus. Es ist näherungsweise so, als herrsche bereits Karneval. Marie schimpft leise vor sich hin. Sie ist erschöpft. Sie will nicht länger umherirren. Sie will ausruhen. Der Schweiß läuft ihr über das Brustbein. Rotierender Lärm in den Straßen. Steelbands dröhnen ihr die Ohren voll, während sie im Finstern nach dem Haus fahndet, in dem Tito sich angeblich aufhalten soll. Dabei ist es eine so prachtvolle Tropennacht. Weiche, trunkene Lüfte, ein von blühenden Sternen übersätes Firmament. Marie hat keine Augen dafür.

Vor ihr, im herausfallenden Lichtschein eines Supermarktes, entladen zwei ebenholzschwarze junge Burschen, barfuss, die muskulösen Oberkörper nackt, in halblangen Shorts, einen Kleintransporter. Eisblöcke türmen sich glitschig auf der offenen Ladefläche. Unter dem Gefährt sammelt sich eine wachsende Wasserlache. Marie würde am liebsten hinlaufen und einen der glitzernden Eiskuben umarmen.

Endlich ist sie am Ziel. Tito empfängt sie, als sei sie gerade einmal um die Ecke gebogen, um eine frische Mango zu besorgen. Er ist beschäftigt, sehr beschäftigt. Sie findet ihn und seine Jungs in einer Hütte, die einem Tonstudio ähnlich ist. Zwischen allerlei technischem Gerät, Kabelkraken und Tonträgern lässt sie sich auf einen alten Autoreifen sinken. Sie weiß, sie wird sich jetzt auf eine längere Warteschleife einrichten müssen. Tito ist hier in seinem Element. Es wird gefachsimpelt, man schraubt an dem riesigen Mischpult herum, es werden Keyboards und Groove-Maschinen bedient, man jagt Zwerchfell erschütternde Bässe durch die Abhörmonitore. Marie kennt das. Sie seufzt resigniert. Mit Tito ist vorerst nicht zu rechnen. Bevor man sich wieder den alltäglichen Dingen zuwenden wird, braucht es zunächst noch eine Runde ultrafett abgemischter, abgedrehter Loops.

Sie erhält ungebeten Zulauf. Es ist dieser Zwerg, der eigentlich gar kein Mitglied der Truppe ist, den Tito jedoch zu seinen neuen Intimfreunden zählt. Ein schmales Kerlchen, das trotz Hitze in einem Outfit aus schwarzer Sonnenbrille, Strickmütze, Schaftstiefeln, und einem olivgrünen Military-Jackett herumhüpft. Er gehört zu dem erweiterten Dunstkreis von Doc Kong. Sie kennt den Jungen, wenngleich nicht näher. Er schleicht jetzt um sie herum, bewaffnet mit einem ebenso breiten wie blöden Grinsen, das er offenbar nicht imstande ist, eine einzige Sekunde lang auszuknipsen.

“Hallo Schätzchen, heute schon gefickt?”

“Weißt du denn überhaupt schon, was das ist, Kleiner?”

“Was soll das, heh, heh! Willst du mich ärgern, Fotze? Dann verpiss dich lieber gleich!”

“Komm Joey, lass sie zufrieden, okay!”

Tito ist hinzugekommen, schiebt seinen reizenden Intimus aus Maries Nachbarschaft, schiebt ihn, während er ihm besänftigend eine Hand auf die Schulter legt, Richtung Mischpult. Marie schnaubt verächtlich durch die Nüstern. Das, denkt sie, ist ein typisches Exemplar jener Wichtigtuer, die den harten Kern der Doc Kong Truppe ausmachen: dummdreiste kleine Jungs, die nichts als Luftblasen produzieren und in deren Wortbeiträgen jedes dritte Wort ‘muthafucka’ lautet.

Tito steht vor ihr, zuckt unentschlossen mit den Achseln. Er wirkt hilflos. Es geht ihm sichtbar gegen den Strich, Zeuge werden zu müssen, wie einer der Jungs sein Mädchen anmacht. Er kann es sich nur nicht eingestehen, nicht vor der Truppe.

Seine an der Grundlinie sanftmütigen Gesichtszüge vibrieren unter einer Anspannung, die ihm beide Herzkammern zuzuschnüren scheint. Er ballt unsichtbar die Fäuste, wendet sich ab, jählings, betrübt, verlegen, trotzig, mit sich selber uneins. Ihm ist bewusst, dass sein Verhalten der Situation nicht gerecht wird. Aber er möchte nun einmal ein supercooler Junge sein.

Sie haben ein Gespräch geführt, vor Tagen, Marie und Tito. Es als Aussprache zu bezeichnen, wäre übertrieben; es war auch keine Auseinandersetzung, kein Streit, eher war es eine Art Missstimmung, einem flachen Stein ähnlich, den man ins Wasser wirft, wo er, ehe ihn die Tiefe verschluckt, eine kurze, zitternde Wellenbewegung hinterlässt.

Daran muss sie denken. Und indem sie das tut, macht es sie traurig. Tito will fort. Er will nach New York City, dort möchte er künftig leben. Es ist kein leeres Geschwätz. Er hat bereits früher davon gesprochen, dieses Mal, das ahnt sie, ist es ihm ernst.

“Du kannst ja nicht einmal richtig Englisch.”

“Das muss ich auch nicht.”

“Und du denkst, drüben wartet man nur auf dich?”

“Glaub mir, ich weiß, was ich tue.”

“Und als was willst du dein Geld verdienen? Als Postbote?”

“Ich habe Freunde im Village.”

“Freunde? Hoffentlich nicht Freunde wie Joey oder Doc.”

“Was hast du gegen sie?”

“Das fragst du? Es sind miese kleine Straßengangster, und sie nutzen dich nur aus.”

“Hah, du bist eifersüchtig auf sie.”

“Ich, eifersüchtig, auf diese Nullen! Da lache ich. Aber du, du vergeudest deine Zeit.”

“Hör auf Marie. Das ist doch jetzt nicht der Punkt.”

“Was ist denn der Punkt?”

“Dass ich hier keine Zukunft habe. Man muss heute da sein, wo etwas passiert in der Musikszene, wo Es passiert, verstehst du! Und nun lass mich gehen, okay! Ich habe Wichtiges zu erledigen!”

“Warte... bitte, Tito, geh jetzt nicht so fort. Ich mache mir Sorgen. Ich habe Angst um dich. Spürst du das denn gar nicht?”

“Entspann dich, Baby. Du wirst sehen, ich schaffe es. Und ich hole dich nach, sobald ich drüben alles geregelt habe. Vertrau mir einfach, okay?”

Kapitel 8

“Kommen Sie doch ruhig einmal vorbei.”

“In Prag?”

“In London. Zurzeit ziehe ich meine Kreise in London, der Bibliotheken wegen.”

“Ja, warum nicht... wenn ich es einrichten kann.”

Er sagt nicht: Und bringen Sie doch Ihre Frau mit...

Sie befinden sich am Flussbett der Ache. Katzenstein war vor ihm da, hat auf ihn gewartet. Es gibt hier einen kleinen Handspringbrunnen, aus dem heilkräftiges Thermalwasser sprudelt, das von den radonhaltigen Quellen kommt, in einem dünnen Strahl, bleistiftdünn, und man sieht ferner eine Menge wilder scheuer Katzen, die hungrig durch die Dämmerung streichen. Ansonsten treibt sich niemand an diesem Ort herum. Es ist ja auch schon Abend.

In ihrer Nähe steht eine Bank. Auf der Bank liegt eine Zeitung, zerknittert und von der Feuchtkühle des Abends teilweise angewest. Jemand muss sie wohl liegen gelassen haben. Sein Weggefährte vielleicht? Es ist ein ausländisches Blatt. Nick wirft im Vorübergehen einen flüchtigen Blick darauf.

Er will am kommenden Tag abreisen. Katzenstein dagegen hat vor, noch für eine Weile zu bleiben. Ihm sei, wie er sagt, an einem Aufenthalt im Gasteiner Heilstollen gelegen, seines Rheumas wegen. Man habe ihm Gutes darüber berichtet. Ausschließlich Gutes.

Nacheinander steigen sie die krummsteinerne, grasüberwachsene Treppe hinauf. Oben an der Straße sagen sie einander Adieu. Katzenstein geht zur nahen Kirche hinüber. Er geht jedoch nicht hinein. Nick zieht sich eine Zigarette und betrachtet die Bergkulisse. Ein Streifen Himmel im Westen zeigt blasses Rot. In der Stadt punkten die ersten Lichter. Und die Dämmerung verschlingt gefräßig das schwindende Tageslicht.

Nick dreht eine Visitenkarte in seiner Hand. Er hat sie, einem Reflex folgend, zufällig aufgegriffen. Sie lag neben dem Zeitungsblatt, auf der Bank unten am Fluss. Er liest einen Namen: Korbinian von Seth. Die Adresse und alles andere sind fast unleserlich, ‘Nürnberg’ lässt sich entziffern, ein Signum: i.m. Bro.J.C... sowie eine Telefonnummer. Auf der Rückseite steht in giftgrüner Schrift, verwaschen, folgender Satz: the party is over.

Er nimmt das Kärtchen mit ins Hotel. Es kommt ihm der Gedanke, die Daten in seinen Laptop einzugeben, um im Netz per Suchmaschine ein paar Nachforschungen anzustellen, nur so, zum Zeitvertreib. Er hat ohnehin nichts Wichtiges vor an diesem letzten Abend vor seiner Abreise. Katzenstein rückte vorhin mit dem Vorschlag heraus, sich zu späterer Stunde an der Bar zu treffen, Nick willigte ein... Bis dahin bleibt noch Zeit. Er wird ein Bad nehmen, sich aufs Bett legen, ein Glas Whisky trinken, eine Zigarette rauchen und surfen. Mal schauen, ob etwas dabei herauskommt.