Oberlicht - Reinhold Zobel - E-Book

Oberlicht E-Book

Reinhold Zobel

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Beschreibung

Die Handlung des Romans spielt zu Beginn der Achtziger Jahre des 20.Jhdts. Schauplätze sind Paris, teilweise Berlin, teilweise andere Örtlichkeiten. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes Anfang Dreißig, und erzählt wird sie von ihm selbst, ein nicht immer passgenaues Mosaik aus Zeitsprüngen und Rückblenden, aus Erlebnissen, Begegnungen und inneren Betrachtungen. Unser Held ist unterwegs, auf der Schnitzeljagd nach dem Abenteuer seines Lebens.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Reinhold Zobel

Oberlicht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Impressum neobooks

Kapitel 1

EsistfünfUhrmorgens,undder Wind hatgedreht. Unruhiger Schlaf.Hinterdem offenen Fenster rauscht es. Es ist die Straße.Das Hotel liegt an der Rue de Rivoli.Es ist laut, und das Hupen der Automobile klingt mir im Halbschlaf nach dem fernen Hornruf einer dunklen Prophezeiung. Ich träume von Paco und Lisa. Sie sitzen in einem Luftschiff, produzieren Seifenblasen. Paco ist der ältere Bruder von Fred.

Als gesternmit VerspätungderErsatzzug in Paris,in dieGareduNordeinlief, war ich durstig und müde. Eshatteeine Schneeblockade aufder Strecke gegeben. In Belgien. Mit dem Taxi ließichmich ins Hotel fahren.Ersteinmalrichtigausschlafen, dachte ich. Fred würde warten müssen, ehe ich ihm berichten konnte…

Am folgenden Tag nehmeich Kontakt mitunseren spanischen Partnern auf. Das Büro,indasichbestellt werde, liegtim Osten der Stadt, naheder Metro-Station Gambetta. Eigentlich sollte ichhier ja Manuel treffen, dochderistnichtda.Erhatmireine Nachricht hinterlassen,diemireiner seiner Kollegen miteinemLächeln stumm überreicht.IchnehmedenBriefumschlag entgegen, öffne ihn. Darin findeicheinen Autoschlüssel unddieinEnglischgehaltene Mitteilung, dass Manuel ParisleiderhabekurzfristigverlassenundnachSanSebastianfliegenmüssen, sein Bruder sei erkrankt.Ich mögedoch seinenPeugeotnehmen und weiter nachAgen fahren…

IchbegabmichineineBrasserie,umetwaszuessen,kauftedanneine Straßenkarte von Frankreich undrief Fred inBerlinan,umihmdie Neuigkeiten zuübermitteln. Anschließend setzte ichmichin Manuels Auto, dasdirektvordemBürogeparkt war undmachtemichaufin Richtung Süden, in RichtungAgen. Ichnahmnichtdiemautpflichtige Autobahn, sondern dieLandstraße.Leiderhatteich die Gemengelageaufdieser Streckeunterschätzt.Lastwagen aufLastwagen. VorwärtsinZeitlupe. Gegen Mittag waricherstaufder HöhevonOrleans.

Dann kam der Nebel. Erbrachte den Verkehr fast zumErliegen. Der Schweißbrach mir aus. Die Scheinwerfer des lichtschwachenPeugeotreichtenkaummehralseinpaar Meter weit, ich fürchtete jeden Augenblick, den Wagen gegenein Hindernis zu setzen. So ging es über Stunden. Wenigstens lag hierkein Schnee. Da es Winter war, wurde es aber früh dunkel.Erschöpftmachteich am späten Nachmittag eine Pause aufeinemder seltenen Rastplätze.Ich wollte nichtmehr weiter. Vielleicht, dass sich baldeinhalbwegsannehmbares Quartier finden ließ, wo ichdie Nacht verbringenkonnte.

Als ich in die nächste Ortschaft einfuhr, hatte sich zwar der Nebel verabschiedet,dafür regnete es jetzt.EinRegen,der in deraufkommenden Dämmerung zu Rußmutierte. Der Ort wirkte kraftlos, ja erdrosselt. Eheichmichversah,hatteichihndurchfahrenundblickteaufein angrenzendes Waldstück. Der Regen wurde stärker. Ich sah ein Hinweisschild, sowie eine Toreinfahrt. Einhôpital. Das massive Eisengitter derEinfahrt stand offen. Ichparkte davor. Mit einem Röchelnerstarbder Motor desPeugeot. War dashiernochdas Abendland? Ich wusste es nicht. Vielleicht wusste es das kleine Mädchen mit den Streichhölzern.

Das Gelände hinter dem Eisentor war umzäunt. Ich schritt die sandige Auffahrt entlang. Nach wenigen Metern besetzte ein grober Steinquader mein Gesichtsfeld, offenbar dasHauptgebäude des Krankenhauses. Bernsteingelbes Licht rutschte mir über die Stufen des Eingangsportals entgegen. Ich stieg die Stufen hinauf zur Eingangstür und betätigte die Klingel, die seitlich angebracht war. Wenig später schwang die Tür lautlos nach innen auf. Parbleu! Wurde ich erwartet? Ein Hopi im blauen Arbeitskittel trat aus der Empfangsloge im Flur und auf mich zu.

“Vousdésirez,M‘sieur?”

“VerzeihenSie, ich suche, ehm, ein Hotel.”

“Ein Hotel?”

“Ja.Ichbinfremdhier,aufder Durchreise. Daichesnochweithabeunderschöpftbin,wollteicham Ort übernachten.”

“Da werdenSiekein Glück haben.EsgibtnureinekleinePension,unddiehatgeschlossen.”

So war dasalso.Etwasratlosblickteichdie überlangen,beidseitigabzweigendenKorridore entlang. DieWände warenblassgrün. Es roch klinisch, süßsauer,undunter dem Linoleum des Fußbodens, so argwöhnteich,wuchertepostglazialeZahnfäule.Ich stand nebeneinerbetagtenKommode, über ihrhingeinMarienbild,aufihr dämmerteeine Blumenvase, ausderenHalseinStraußverdorrterMargeritenragte,selbstvergessen,und in dem trübenLichtderFlurleuchtenwirktedaseinstigeWeißder Blüten kalkig, halbseiden,verstummt,Abglanzausgefranster Kaiserträume aufaschegrauemZelluloid.

Icherwartetenichts. Aber mir war flau im Magen. Und ich wollte ein weiches Federbett. Ein Lämpchenglühteauf, über der Pförtnerloge. Der Blaukittel sah es auch. Seine Miene blieb ausdruckslos.Ermustertemichmitder Schärfe eines Seziermessers. Ich stellte eine weitere Frage.

“Sagen Sie,istdashiereinAllgemeinesKrankenhaus?”

“Das istkeinKrankenhaus.”

“Nicht? Ichdachte... wo docham TordiesesSchild hängt...”

“Es wareinmaleinKrankenhaus:JetztisteseinPflegeheim,fürAlteundGemütskranke.”

“Ah bon.”

“Siesindmit demAutounterwegs?”

“Ja.”

“Allein?”

“Allein.”

“Wenn Siewollen,dasheißt,wennesIhnennichtsausmacht,könnenSiedieNachtbeiunsverbringen,wirhabennochBetten frei.”

“Dasbedeutet...ich würde dazusammenmit anderen... Insassenschlafen?”

“IneinemMehrbettzimmer,natürlich.”

“Sind esviele?”

“EtwazweiDutzend.”

“Kranke oder Greise?”

“Sie habendie Wahl. InbeidenStationenist nochPlatz.”

Ichnahmdas Angebot an. Als ich später aufmeiner Schlafpritsche lag, hörte ichrechtsundlinksvon mir ein diffuses Konzert aus Schnarch-Chören, Asthma-Rasseln und Furz-Bläsern, erzeugtvonmeinenBettnachbarn,dieich im Dunkel dankenswerterweisenichterkennen konnte, ein Konzert, dasals düsteres Nachtlied meinenunsteten Schlaf dauerhaftbegleiten sollte. Hinter den Fenstern tanzteneinpaar nekrophile Lichterkettenzwischen den tropfnassen Strähnen des nächtlichenRegens,der selber einekleine,feineverhändelte Wassermusik hervorbrachte.

Als icherwachte, wusste ichzunächstnicht, wo ich war. Ich sah mich um und sah, dass es nichtgut war. Alte Männerwaren meineBettgenossen, die meisten schliefen noch. Die Schlafstellen direkt neben mir waren Gott sei Dank unbesetzt,aberzweiBetten weiter fand sich bereitsderersteInsasse,einhohlwangiger Greis, dermichaus Fischaugen anstarrteund wirres Zeug brabbelte,sforzato. Mir war danach,eineZigarettezurauchen,aberdielagen im Auto. Was tun? Jedenfalls nicht so liegenbleiben. Also erhobichmich, schlich michaus dem Schlafsaal in den angrenzenden Flur.

Ich besaßkeine Uhr, doch es konntenur sehr früh sein, und es war jetztganz still um michherum. Am Ende des Ganges mussten sich, soviel erinnerteich,die Waschräume befinden. Icherinnertemich, weil der Pförtner mir Tags zuvorkurzdie wichtigsten Örtlichkeiten gezeigthatte.

So ist es denn auch. Ichbetreteeinen weiß gekacheltenRaummit Waschbecken, Duschen und Sitzbadewannen, abgetrenntdavon,durcheinehalbhohe offene Trennwand, die Toiletten und Pissoirs. Auch hier wieder dieser süßsaure Geruch, das trübe Grubenlicht. Ichtretean einesder Waschbecken, gieße mir kaltes Wasser über Gesicht, Brust und Arme und sehe mir mein bleiches,unrasiertes Spiegelbild an. Wenn es stimmt, dass man so alt ist, wie man sich fühlt,dann bin ichgerade gestorben. Und das Schweigen, dasmichin dieser Fremdeumschließt, ist eines,aus dem vonZeitzuZeit kalt gepresstesBlutherauszutropfen scheint.

Und da sind sie wieder, diekleinenroten Flecken linksnebenmeinemBauch,welche sich oberhalbder Hüften biszur Mitte des Rückenshinziehen.Bereits am Vortage, morgens in dem Pariser Hotel, habeich sie erstmals wahrgenommen. Sie sind nureinbisschen größer geworden.Ein Hautausschlag? Mir ist, alsgeheein Jucken davonaus.Ich bin irritiert.

Der Tag konntenicht schlechter enden.Ichhättemirnichtträumenlassen,andiesem Ort mehralseine Nacht verbringenzumüssen. Doch ebendasgeschah. Nach dem kargen Frühstück im kargen Speisesaal im Kreise der Gespensterschar der Heiminsassen trafichaufdendiensthabenden Stationsarzt (wieich später erfuhr, gabesüberhauptnurdieseneinen)undzeigteihmbeiläufigmeine Hautflecken. Der Mann, ein starkknochiger, stahlblauer Hüne warf einen kurzenprüfendenBlickaufdieRötungen,die sich mittlerweilezu Pusteln ausgestaltethattenundkommentierteknapp:

“Zoster…Gürtelrose…Haben SieSchmerzen?”

“Nein.”

“Daskommt. IchwerdeIhnenein Schmerzmittelgebenundeine Tinktur,damitbepinselnSie diebefallenenStellen. Und dann rate ich Ihnen zur Bettruhe. Ambesten,Siebleibengleichganz beiuns, dienächsten Tageüber.”

Das klang in meinen Ohren wie eine Strafversetzung. Ich senkte den Kopf. Der Arzt ging seines Weges, ichzurEmpfangsloge. Der Pförtner, an diesem Morgen in erstaunlich aufgeräumter, leutseliger Stimmung, riet mir, meinen Wagen auf dem Gelände hinter dem Hauptgebäude abzustellen, dort gäbe eseinen Parkplatz für die Angestellten.

In der Absicht, diegehobeneLaune des Mannes zunutzen, bat ichdarum, mir einBett zuzuweisen, das möglichstabseitsvon den übrigenInsassengelegen war. Der kleine,drahtige Mann entfalteteein wohlfeiles Schmunzeln undnicktezustimmend.Er wies michdarauf hin, dassich, sollte ich längerverweilen, zwar nicht für das Bett, wohl aber für die Verpflegung würde zahlen müssenund natürlichebenso für diemedizinische Versorgung. Außerdem möge ichihmdoch vorübergehend meinen Pass aushändigen,damit er die Personalien aufnehmen könne,die Bestimmungen des Hauses verlangten es so.

Am Nachmittag kommendie Schmerzen. Schlimmer alsZahnweh. Vor allem, wenn ichmichbewege.Ichnehmevon den Tabletten, die mir der Arzt gegeben hat. Das hilft,aberich fühlemichtrotzdem schlecht. Ichlegemichaufs Bett. Um dieseZeit ist niemand im Schlafsaal. Ichliegejetztaufder Station der Gemütskranken.

Hier gibt es eine Nische, in der man etwas räumlichen Abstand zu den übrigenBetten hat. Außerdem steht dortein Paravent, der sich so zurecht rücken lässt,dassmeine Schlafstelle vor Blicken weitgehend geschütztbleibt. Ist es der Schalk des Schicksals, dassichjetztaufdieser Station campierenmuss? Der Stationsarzt bemerkte,als er mir die Medikamente übergab, dassdie Krankheit für gewöhnlichals Folge einerpersönlichen Krise auftrete.Erfragteabernicht weiter nach Gründen.

Ichliegeda,mitim Nacken verschränkten Händen undbetrachtedieZimmerdecke.Esisteinehohe Deckemit Stuckornamenten. Das schwache Tageslicht,dasdurchdievon Vorhängen gesäumten Fenster fällt,dämpftdie Farben imRaum,alles wirkt aufmichdaher wie ineinemalten Schwarz-Weiß-Film, was ichdurchausnichtalsunangenehmempfinde.Ichtrinkevondem Tee, denmir Schwester Maria, einejunge Farbige, gebrachthat. Als ichhiervorhin telefonieren wollte, sagte mirder Pförtner, zurZeit seien dieLeitungenim Haus defekt,esmüsseerstein Techniker kommen,den Schaden zubeheben. Die nächste Telefonzelle isteinen Kilometer entfernt, fürmeinenderzeitigenZustandeinegalaktischeDistanz. Aber ich sollte irgendwie schon sehen, dassich Fred verständige.

Fred istjüngeralsich,drei Jahre jünger. Ich werde imnächsten Monat einunddreißig. Fred undich sind nichtnur Freunde, wir sind auch stellungslos. Wir habenbeide studiert, er Jura, ich Soziologie. Doch mitdiesem Gepäck lässt sich nichtgutreisen. Wir lebtenbisherinderRegelvon Gelegenheitsjobs. Wir hattendieIdee,uns selbstständig zumachen,die Frage war, womit? Und solange diese Frage ungelöstumden Globus kreiste,glichunser Dasein einem Potpourri launiger, geschichtsloserEpisoden. Häufig jobbten wir als Komparsen. Wir teiltenunseine Wohnung imBerliner Wedding, standen, wenn möglich, spät auf, saßen gernbiszumfrühen Nachmittag inunserembevorzugtemCaféamNollendorfplatz, beigutem Wetter draußen,umdannamEndeeineslangen Tages bereitzu sein fürausgedehnte Klubbesuche, die wir als Stammpersonal der Nachtbuslinie 119 beendeten.

EsgabauchZukunftspläne, dochglichensie Schachpartien ohneZeitlimit. So ging es etwaein Erdenjahr. Dann stand derZufall Pate. Auf einer Vernissage im Martin GropiusBaulerntenFred und ichein Mitglied einerkleinenaufstrebendenbaskischen Schreiner Gruppe kennen. Manuel, so sein Name,zeigte uns beiläufigeinpaar Fotos von selbst entworfenen Stühlen und Tischen. Und wir waren entflammt.EineIdee war geboren - Möbeldesign. EinLaden für Möbeldesign. Noch am selben Abend, nacheinem Abstecher in den Tanzklub Dschungel, waren Fred undich uns einig. Wir wollten die Spanier als Partner werben und selber in Berlinein Geschäft eröffnen. Wir besorgten uns kurzentschlosseneinen Gewerbeschein, borgten uns etwas Startkapital von Paco, dereinegutgehende Weinhandlung führteundalseinziger für eine solche Anleihe in Frage kam undmieteteneinenkleinenLadenmiteinemgroßen Schaufenster in Berlin- Schöneberg an. Ehe es richtig losging, mussten u.a. natürlichnocheinpaar weitere Zuliefererakquiriert werden.

Die Schreiner Gruppe lebteundarbeitete zwar in San Sebastian, hatteabereinzweites Büro in ParisundeinLager in Agen. Da ichbrockenweise über Kenntnisse derlateinischen Sprachfamilie verfügte,fiel mir die Aufgabe zu,mich um die Spanier zu kümmern. IchbuchteeineBahnfahrtnachParismitZwischenstopp in Köln, wo gerade Möbelmesse war. Ich wollte mir Vorort alles ansehenunddannmit den Spaniern Verträge machen. So war es vorgedacht.

Eskommt mir jetzt sovor, als liege all das Lichtjahre zurück. Wieso ist das so? Keine Ahnung. Habe ich eine Krise? Ich bin mirnicht sicher. Von einer höheren Warte aus betrachteterscheintmirplötzlichjedemeinermöglichenBewegungenbeliebig,meinLebenals Versuchsanordnung. Ich starre aufmeinenBauch. Da findeichBläschen,dienachundnachzuBlasen werden. Mein Kopf ist leer.

Icherhebemichundgeheaufs Klo. Da funktioniertnochallesstinknormal.IchhabeLustzuduschen,doch das widerspricht dem ärztlichen Rat, kein Wasser an die kranken Hautpartien zulassen. Also lasseiches.Zurückgekehrtanmein Krankenlager findeichaufderkleinen Kommode nebendemBettmeine Papiere vor. Die mussder Pförtner inderZwischenzeitgebrachthaben.Ich schiebe mirdas Kissen indenRückenundblättereinmeinen Personalien. ManfredTheobaldImka... so stehtesim Pass.Ichhabemeine Vornamennochniegemocht. Freunde nennenmich Manni. Das ist besser. Manni Imka,dasklingt wie Manitoba, wie Manitouoder wie Montezuma... dasklingtnach Ferne, nach Geheimnis, ichnennemich seit Jahren selber so; wo immeresgeht.

Kapitel 2

Die Maisonne ging unter. Es war heiß, abernichtrichtig. Der Regenhatteaufgehört, und Dunst war aufgezogen. Blaugrau sickerte Lichthindurch, sammelte sich rasch,rascheltehieund da auf den graublauen Dachfirsten undversank schließlich leise knisternd in den Häuserschluchten der Stadt. Die Häuser, sie standen gekrümmtundglichenertrunkenenRegenwürmern. Die Seinewar aufgeschwollenund schwappte ihre trüben Fluten bishinaufauf den Asphalt der Uferstraße. Man hattediese vorübergehend für den Verkehr sperren müssen. Die ganze Stadt hatte Mundgeruch.

Kaum Verkehrslärm. Keine Signale. Tunnelschächte gähntenverlassen. Und die Brücken? Auch aufihnen seltsame Leere. Sie duckten sich über dem düster schäumenden Fluss, spannungslos. Unter dem Firmament ruderten hilfloseinpaardunkle Vögel, umsponnenvon Nebelfäden, es war allessustenuto. Es war, als wäre die Welt ebenersttausend Jahre alt geworden.

Ich öffne ein Fenster undlehnemichhinaus. Die Luftfrischtauf. Das Unwetter scheint langsamabzuziehen. Auf der Straße gehteineinsamerSchwarzer, er springt in Tanzschritten um die zahlreichen Wasserpfützen herum.Ich kenne ihnzufällig, weil ich seine Schwester kenne. Sie heißt Aissatou, seinen Namen habeich vergessen. Beide wohnen einpaar Häuser weiter in einem Auffanglager für Afrikaner. Beide kommenaus dem Senegal.

Ichdrehe mir eineZigarette. Mir kommtdieIdee, an diesem Abend ins Kino zugehen. Das habeich seit längeremnichtgetan.EshatZeitengegeben, da brachteich es wöchentlich gutundgerneaufdrei Kinobesuche. Parisist ein Ort, um ins Kino zugehen.Esgibt in fast jedem Quartier mehrerekleine Programmkinos, dorthingeheich am liebsten.Ich wohne jetzt im 20. Arrondissement. EinLichtspielhausliegtgleich um die Ecke. Es spielt seit Wochen, wie ich weiß, nurRevuefilme,darunter ist eineZelluloid-ReihemitFred Astaire. Heute gibtes, wenn ich es richtigerinnere:FlyingdowntoRio. Den kenne ich schon, wie fast alle übrigen Filme von Herrn Austerlitz... Ich bin hierimmergernallein ins Kino gegangen,eine Ausnahme bildendie Kinobesuche mit Kim, obwohl,diehabenmehrihretwegen stattgefunden.

Als ichdann vor dem Kino stehe, erwartetmicheineunerfreuliche Überraschung. Das Haus hat vorübergehend geschlossen, wegen Umbauten. Merde alors. Ich bin enttäuscht, wütend. Was alsotun? Wohin sich wenden? Wen fragen?

Ichentschiedmich für den Bus undfuhr stadteinwärts. Das Fahrzeug war nahezuleerbisaufeine Gruppe halbwüchsiger Mädchen und Jungen, italienische Schüler, auf Klassenfahrt vermutlich. Sie stiegen mit mir zusammenaus,naheLes Halles. Ichbliebeinpaar Schritte zurück und schaute den Mädchen nach,ein Strauß junger, blühender Mösen, derausgelassen schnatternd über den Asphalt flog.

Auf Straßen und Plätzen regte sich nachundnach wieder flinkes,munteres Treiben, Neonlichter morsten, Autos kreischten, Stimmen schlugen ihreinsularenBugwellengegen Hauswände und Bürgersteige, unddoch schien allesandersalsgewöhnlich, lyrischer, ja, geträumter. Mein Ziel war dasCentre Pompidou. Ichtrankzuvorein Glas Rotwein,dasichvoreinemBistroaneinemnochregennassen Tisch einnahm,zusammenmiteinem Sandwich.Heute entsprachdie Stadt meinem Fassungsvermögen.

Der Wein war zu warm, was Folgen hatte.Ich trank nur wenige Schlucke, reichlicherdagegenvon dem eiskalten Wasser, das in einerbenachbarten Karaffe stand. Der Wein verströmte in dem Schein der Straßenlampen einemagmatische Präsenz, abgeschlossen zwar durcheingläsernes Haus, aberdochgrenzenlos in seinem feurigen Herzrot. Aus dem Bistrovernahm man Musikfetzen, es war dasleichtquäkende Falsett vonMichel Polnareff.

Kapitel 3

“... Übrigens,Manni...fürwenmachstdudicheigentlich so schickzurZeit?”

“Hmm, fürdenlieben Gott... seitichgehört habe,dassereineFrauist.”

“Mir nochetwasvondem Wein, danke,...weißtdu,Manni,esistdoch so, diealten Gleichungen, sie stimmeneinfachnicht mehr. Wirbefindenunsim Windschatteneinesgefräßigen Zyklopen, der nur gelten lässt, was er zählen kann, und die von ihm geschaffenen Wirklichkeiten gleicheneinem Tintenfisch mittausendkaltenFangarmen.Ichhättedie Weltgernüberschaubarer. Das Viele verwirrt mich. AlskleinerJungehabeichnoch zwischen Ruinengespielt.MeinenerstenKusshabeichimSchatteneines Luftschutzkellersgetauscht. UnsereKörperwaren mager,unsere Gedanken frei vonFallstrickenund unsere Herzen rein, damals. Wo sind diese starken Ideen,Manni,diees einst gab,Ideen,dieunsbegeisternund fortreißen konnten? Das Leben ist nüchtern geworden, klinischnüchtern…Gib mir doch mal deinen Tabak bitte...danke. Woran liegteseigentlich,dass Vergangenes stetsein sobesonderes Lichtwirft?IstesnurEinbildungskraft? Du sagstnichtsdazu... Ja,weiß schon,die Vergangenheithat fürdich nichtsvon einer Goldmine, so istesdoch,nichtwahr?Ich sah neulicheinenFilmimKino,er spielte inderNachkriegszeit,indenFünfzigern,ineinerdiesertristen,graugrauen VororteRoms,eineBande Jugendlicher,Motorroller, Zigaretten,wildeSehnsüchte, Langeweile,nichts mit sichanfangen wissen, Raufereien, Diebstähle, Überfälle, darunter eine Liebesgeschichte, einerderJungen stirbt amEnde,derRomeonatürlich,aufeinerBrücke,nachts,erschossenvonCarabinieri,überallemdas sternenbesäteFirmament,wunderbar....ichhabe Tränengeweint,eswaralles soanrührend, sobewegend,Manni,irgendwiewunderbar...undwas micham seltsamsten berührt,analtenFilmen,immer: sie sindnunalle sovielälter,die Darstellerdortaufdem Zelluloid, sovieleJahreälter,ja, manchewerden schonbegraben sein...Das macht michganz melancholisch,alleindiese Vorstellung...aberimMomentbinichjaverliebt,Manni, mein Himmel hängtnochvollerungeöffneterFallschirme...,legdochdiesePlattenoch mal auf,duweißt schon: lafille mal gardée...”

“Gern.”

“UnsereganzeFarbenpracht,nichtwahr,entfaltenwirdocherstimBeisammensein miteiner Frau,diewir begehren. Manni,kennstdudiesenwundervollenAugenblick,woeineFrau sich dasersteMalvertrauensvollbeidir einhakt?Sicherwirstduihnkennen. Wenn da so einneues Wesen indein Leben tritt,istesnichtwieeinNeubeginn..? Habe ichdirMarleneeigentlich schon vorgestellt? Endlicheinmalwieder starke Gefühle, die mich erheben, duweißt,oft zieht es michhinunter,ins Düstere,insSchwermütige,dieEmotionenhängendannwiebleierne Gewichtean mir,werden mir zurSackkarre,undichwünschte,ichwärekühler,berechnender, aber man istnun mal das,was man ist...Jetztkannstduesruhigwiederleiser drehen, Manni… Weißt du,amEndederMusik sollte tieferFriede herrschen oderaberein Gewehrschuss, eintrockener,feurigerKnall,alsEchojenesSchreis,dertiefinjedemvonunsalsunstillbares Verlangenbrennt,etwasvonder Urnatur,etwasvondemursprünglichen ZustandderSchöpfung anzurufenundwiederinunslebendig werden zu lassen,etwasvonjener Wildnis zurückzuholen, dieunterderkaltenSchlangenhautdes zivilisatorischen Leviathans halbvergessen vor sich hindämmert... schenk dochnocheinmalnach, sei so nett,ja.”

Wir hattenzunächsteine Weile draußen vor dem Weinladen von Paco Ehrenfelsgesessen,daskonnte man, wenn das Wetter danach war. Paco stellte gelegentlicheinige Stühle auf den Bürgersteig. Dann kam die Mittagszeit, undderLadenblieb vorübergehend dicht. Wir gingenhoch in Pacos Wohnung, die im ersten Stock über dem Geschäft lag und aßen eine Kleinigkeit, Hühnersalat mit Brot, den hatteLisazubereitet,dazugab es Spätburgunder.

Paco selbst war nocheinmal weg, er müsse sich, wie er uns sagte, umeine Weinlieferung kümmern. Wir saßen alsozudritt in der Wohnstube, Fred hattedie Musikanlage seines Bruders eingeschaltet. Irgendwann ging er hinausund in die Küche, wohl um Lisa Gesellschaft zu leisten. Jan, bishierhineher wortkarg, bewegte sich hinüber zu den an der Wand aufgestapelten Schallplatten und suchte sich eine Scheibe heraus,die er mich aufzulegen bat.

Dann versank er in dem breiten,marineblauen Diwan, einegroße, weich gerundeteundbleiche Masse undhieltdabei sinnierend die Hände über dem Bauchverschraubt.Ichhatte uns beideneineZigarettegedreht,reichteihmdie seine jetzt herüber. Ich wusste, er wartete nuraufeinengeeignetenZeitpunkt, um den Vorhangaufgehenzu lassen.

Esbegannmiteinemallgemeinen Exkurs über das Vergängliche.Langsam,aber stetig türmten sich Jans Gedanken zur Hochfrisur. Er sprach laut mit seiner hellen, energischen Stimme, so laut,dass es durchdie offene Tür zweifellosbis in die Küche hineinzu hören war. Und er trank die Flasche Wein kommentarlosnahezu alleineaus.

Lisakannteihn flüchtig, weil ichihn schon einmalmitgebrachthatte. Fred und er dagegen waren einander fremd. Jan Wichers war eigentlich Altphilologe, arbeitetezurzeitaber für den Eigentümer einer Kette von Waschsalons. Wir hatten uns in einer Bücherhalle kennen gelernt. Die Wahrheit war, ich kannte diese Marlene. Fast jederausunserem Kreis kannte sie. Ich überlegte, ob ich Jan vor ihr warnen sollte, aberdas, so entschiedich, stand mir nicht zu. Ich wusste nicht, ob Marlene eine Nymphomanin war, sie hattejedenfalls alle Voraussetzungendazuund saugte sich bevorzugt an dem eherlangsamen, trägen Koala-Typus der männlichen Gattung fest. Die Mitgift derBeute spielte dabei offenbar keineentscheidendeRolle, wichtig schien ihrder Stolz derpurenBesitznahmezu sein undder Siegerkranz (geflochtenaus dem weichen Bastliebeskranker Unterwerfung) im Vereinmit dem triumphalen Kitzel, den Skalp des Opfers postcoital den Aasfressern vorwerfen zu können.

Ichmusterte Jan, wie er sich friedlich, ja, gelöst auf dem Diwan räkelte, vondiesem Mädchen schwärmte, unddabeiahnungslosmitder Taschenlampe seiner Liebe in ihrkleines, finsteres Herz leuchtete. Vielleicht sollte ichihmdocheinen Wink geben,zumindesteinen winzigen.

In derZwischenzeit war Fred wieder zu uns gestoßen, er kaute gemächlich an einer Gewürzgurke und warf mir einenvielsagendenBlick zu. Icherhobmichund kündigte an, eineneue FlascheWein holenzu wollen. Als ichdurchdie Tür zur Küche treten wollte, nahmmich Fred beiseite:

“Ist derimmer so?”

“Ich binnichtimmerbeiihm.”

Lisatrugandiesem Tag einhübsches,geblümtes Kleid, dasihre Schultern freiließ.Es stand ihr. Sie war schlanker geworden,aufgrundeiner Diät, wie ichannahm. Sie bereitetegerade Hackbraten vor. Heute war Wochenmarkt gewesen. Manchmal begleiteteichLisadahin, Dieses Mal hatte Paco die Besorgungen übernommen. Ging LisazumEinkaufen,kaufte sie Beefsteakhack, machte Paco dieEinkäufe,gabesgemischtes Hack. Das stand, was diebeidenanging,fürmanches.

Mit der Flasche Wein im Arm kehrteichzurück ins Wohnzimmer. Fred folgte mir, schlenderte zum Plattenspieler undlegteeineandere Musik auf: Hit me withyour rhythm stick. Jan verzogmissbilligenddas Gesicht, als die Stimme von Ian Dury losschnarrte.

Kapitel 4

Ichzahleundmachemich wieder auf den Weg. Ich will, wie gesagt,zumBeaubourg, genauer in diehiesige Bibliothek.Ich bin da bereitsöfter gewesen,habeinzwischen einen Ausweis undverbringe an diesem Ort gernganze Stunden mit Lesen. Man findeteineReihedeutscher Autoren in den Regalen,darunter den einenoderanderen,der in den einschlägigenBibliothekenheimischer Provenienz weitaus weniger umfassenddokumentiert ist alshier in Frankreich, etwaHeine, Jung, Jünger, Nietzsche, Autoren, die sich beiunserengalloromanischen Nachbarn ungleich größerer Beliebtheiterfreuen.

IchhattebeimeinenvorherigenBesuchendieLektüreeinesBuchesfortgesetzt,dasmirim Leseraumjenes Pflegeheims indie Hände gefallen war, welches miralsunwillkommener Austragungsort meinerfleuralenLeibesfleckengedienthatte:ErnstJüngers‘Annäherungen’. Seinerzeit hatteichnichtvielverstanden,daes sich umeinefranzösische Ausgabe handelte,jetzt standmireinedeutsche Ausgabezur Verfügung. Jedes Mal, wennichdas Werkbeiseite legte,fühlteichmich wie einhypnotisierter Schwarzkäfer, dessenChitinpanzerineiner somnambulen Kläranlagefugendichter Tombak-Glanzverpasst wordenist.

Jung&cremig, silberkuehl diejanuare,vor2,22billionenjahren,alsesnochkeinejanuaregab,keinejaguare,keinefeldblumen,keineochsenfroesche,keinentsetzen,keinegesetze,ja, vielleichtnichteinmalkieselgestein; schraege tage, asynchronetage,funkstill,funkenlos,ungenau; antwortlose tage, ungebetenegebete,grossomodo, zwitterwesen,tagegebackenausumgekipptenschatten,textlos,einstuerzendesgewoelk,gichtsteifewinde,tage, vonblinden, ungekämmtennaechten umstellt,derengesangmineralischtönte,zirpend,muedezirpend,fernwaerts ziehend,vogelgleich,amsel,drossel,finkund star, inreihedann,geschlossendie soldatenschar, einemungefaehren geschick aufder faehrte.Was aberist das alles? Einendlos langer, einzahnlosfahlertag...inmittendertitanenwelt.

Kapitel 5

Mein Hotel lag in derCarrera De San Jeronimo. Schon im Foyer war mir die Gestalt aufgefallen. Ein Mann jenseitsder Sechzig, schätzungsweise; leichtgebeugte Haltung, die Arme beim Voranschreiten träumerischpendelnd,korrektkurzgeschnittenesHaar, perlweiß, alpine Gesichtszüge, mausgrauer Kordanzug.

Er kam aus dem Liftundpassiertemich,derichauf dem Weg zurRezeption war, um nacheinemZimmerzufragen,undauch er mustertemich, wie mir auffiel, im Vorübergehen,ephemer. Er ließ sich am Ende derEmpfangshallein einen Sessel fallen. Es sah ganzdanach aus, als erwartete er Jemanden.

ErnahmeineZeitungzur Hand. Neben ihmein Bündel Bücher, zusammengehaltendurcheinenLederriemen, sowie eine Baskenmütze.Leutedurchquertendie Halle. Es war zwölf Uhr. Ich zündete mir eineZigarette an.

Kurz daraufbetratenzwei Männer die Hotelhalle, hieltenaufdas Objekt meiner Studien zu. Die Zwei wirkten mediterran,dereine war vonbeachtlicherLeibesfülle,deranderevon vibrierender Magerkeit. Sie setzten sich dem Grauen gegenüber. Der Beleibte saß da,breitausladend,die Arme baumelten seitlich schlaff vonden Sessellehnen herab, Kopf und Hals warenzueinerkolossalenEinheit verschmolzen.ErgemahnteaneinenBuddha,aneinen,dereinedicke Fettschicht zwischen sich unddie Wirklichkeitgelegthat. Der zweite,derhagere Mann wandte mir sein Profil zu, scharfe, mönchische Konturen, Hakennase, aufrechte, soldatische Haltung, schwarze, strenge Kleidung, einChristusim Feldwebelornat.

Ichbegabmichdorthin, wo diedrei Männer saßen, nahmeinpaar Meter vonihnenentfernt Platz und überlegte, was ichmit dem Tag anfangen sollte, hatteichdocherstgegen Abend meinen Termin mit dem BekanntenvonCarlos. Vielleicht einBesuch im Prado. Dahin wollte ich schon, seit ich hier angekommen war.

Das Männertrio stand schließlich gemeinsamauf,machteneinige Schritte zur Mitte der Halle hin. Der Mann imgrauen Kord ginghinüberzurRezeption. Die beidenanderenbesprachennochetwasmiteinanderundverschwandendann. Auch icherhobmichvonmeinem Platz. IchließmeinenBlick wandern, betrachtetebeiläufigein Wandfresko, das seitlich der Treppe überdemLift schwebte wie ein… Anderswo.

Auch der Graue schritt anschließenddem Ausgang zu,die Mütze aufdem Kopf, dieBücherunterdem Arm. Ichfolgte. An der Schwingtür, ineinem Moment der Unachtsamkeit, entfieldasBündelBücher seiner Hand, woraufhin ihn,alserinnehält,umnachuntenzu schauen, diein Drehung versetzteTürmiteinerihrer Glaswände so ander Wirbelsäule traf,dassderganze Mensch heftigins Straucheln geriet… Kleine Ursachen, die sich aufschaukeln.

Der Hotelpage eiltehinzu,doch schneller alsjener war ichzur Stelle, fassteden Gestrauchelten am Arm, sammelte seine Bücherauf,welcheeinzeln -durchden Aufprall ausdem sie zusammenhaltendenLederriemenherausgesprungen -amBodenlagenundgab sie ihremBesitzerzurück.Währenddes Aufsammelns lasichflüchtigdie Namen der Autoren aufdenBuchrücken:Jungund Jünger.

Der Graue bedankte sich artig,auf Spanisch. Ichantwortete,aufEnglisch.Erfragtemich,aufEnglisch, ob ich Amerikaner sei? Icherwiderte,nein,ich sei Deutscher, worauf der Mann mir, auf Deutsch, erklärte,dass wir dann ja nahezuLandsleute wären, er sei aus Tirol gebürtig. Wir traten gemeinsamauf die Straße hinaus, undder Tiroler lud michein, aufeine Tasse Kaffee.

Wir suchten unsein Stehcafé. Der Graue stellte sich mir vor, sein Name lautete Vittorio Berger. Erarbeitete, wie ermir sagte, als Übersetzer. Der Dicke vonvorhin,das war ein spanischer Autor gewesen,dessen Werke der Tiroler derzeitins Deutsche übertrug,unddessenBegleiter sein Verleger.Ich wurdegefragt,obichals Reisenderinder Stadt sei,undichantwortete:

“Sozusagen,füreinpaarTage.“

“Oh,einpaar Tage nur,dasistnichtviel.DieEindrückebleibendadocheherflüchtig,brennensichnichtein.OderwarenSiebereitsöfterhier?”

“Nein,esistdasersteMal.”

“Ah so! Was mich angeht,ich reise viel,die Metropolen dieser Welt sind mir geläufig,ich schreibe gelegentlich Reise-EssaysfürJournaleund Magazine. Zuletzt warichfüreinen längerenAufenthaltinden VereinigtenStaaten.”

“Verstehe.”

“Wissen Sie,Amerikaist einweites,ein schönes Land, aberohnewirkliche kulturelle Vielfalt. DiewahreKollektivierungdes Lebensgehtheutevonden VereinigtenStaatenaus,und sie schwappt in riesigen Wellen überdieKontinentehinweg. Europa dagegenist nochein Hort kultureller Eigenarten,auf engstemRaum. Drüben aber können sieTausende vonMeilen reisen, undallein die Landschaften ändern sich.”

Nach demfreundlichen Geplänkel überferneundnicht so ferneLänder- wir waren mittlerweilein Nordafrika undderarabischen Welt angelangt-undderindiesemZusammenhangins Spiel gebrachten NamenPaulBowlesundErnstJünger,die sichjaunteranderemauchals Verfasser vonReise-Impressionenhervorgetanhaben,glittdasGesprächzugvogelgleich neuenGefildenzu, wobei sich,infolgeeines Jüngerzitatsüberdas Verhältnisvon Naturund Technik, das Berger einem seiner mitgeführtenBücherentnahm,dasInteressedes Tirolers vorübergehend aufden Sprachduktus besagten Textes verlagerteund er, michalsgeduldigen Zuhörerin seinem Windschatten, einenkurzen Streifzug durchdasBuchstäblichezuveranstalten sich anschickte.

Während er das Wort führte,fielmeinBlickaufein Foto, dasaus dem Jüngerschen Buch herausgerutscht war unddas, wie ich,aus Gründen, dieichnichtkannte,annahm, Bergers jüngste Tochter zeigte.Eszeigte sie aufeinem Sofa sitzend, einejunge Frau mit strengen, klaren Gesichtszügen, undindemichdas Foto betrachtete, wurde es mir unversehenszum Vexierbild, und mir war, alsblickteicheinem weiblichen Cherub ins rätselhafte Antlitz, und im Hintergrund des Lichtbildeserschien mir, zwischenZahlenundzwischenLicht,meineigenes,meinzweitesodermeindrittes Angesicht.

“Schauen Sie,Jünger schreibt Möve mit v, nicht mit w. Ungeachtet dessen,dassbeideSchreibweisen statthaft sind,hatdieerstereden Vorzug,nichtalleindas Wort, sondernauch dasdamitbezeichnete Objekt mit Eleganz auszustatten,es sozusagen vornehmer erscheinen zu lassen. Und ein weiteres bewirktdiese Schreibweise: sie nimmtdasBilddesFluges,desimFlugebefindlichen Vogelsideographischindie Schriftzeichen mitauf.Schauen Sie, so...”

Berger zückteeinenStift und warf zur Veranschaulichungseiner Ausführungen rascheineSerie von Vs aufeine Papierserviette.Dann,anhandeinesweiteren Zitats, knüpfte er nocheinenanderen parasakralen Faden.

“Hier indiesemSatz macht derAutorausdemfürgewöhnlichineinem Wort geschriebenen‘einmal’ zwei Worte, nämlich‘einMal’,under schreibt Mal groß. IchbinindiesemFallnicht sicher,oberesgetanhat,weilerdieseSchreibweisefür richtigerhieltodervielmehrdeshalb, weil sie stärker ist. Wir kennenes üblicherweise so vondenAusdrücken‘dasersteMal’,‘das zweiteMal’und soweiter,alsoin Verbindung mitdembestimmtenArtikel,der, regelkonform, dasSubstantiv zur Folgehat.Jünger missachtet die korrekte Form,nimmt sich sprachliche Freiheiten...Ichhabenocheineandere VermutungbezüglichderAbsicht,dieihn zu seiner Wahl veranlassthaben könnte,eineAbsicht,von derich allerdings annehme, dass sie ihn eher vorbewusstgeleitethat:das Wort Malistnichtnurein starkes Wort, esistein Urwort, esbezeichnetetwasMagisches,es zieltaufkultischeInhalte,undesverweisthier, sozusagendurch seine besonderebzw.gesonderte VerwendunginJüngersProsa,aufdiegeistige Haltung seinesAutors, aufeinen Geistnämlich,dessen Denkenbevorzugtin mantischenRäumen weilt,oder, stärker noch,darin Wurzen schlägt.”

Kapitel 6

Inder Stadt flammtennachundnachdieLichterauf. Der Abend glittheran,aufRollschuhen.Ich saß (wiralletun dasvonZeitzuZeit)aufetwas wackligen Füßen, denninder Nähe meines Tisches schlängelten sich stellenweise die Wurzeln einerriesigen Korkeiche überdenErdbodenhinweg.