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Glücklich betrachtet Lena das Blumenmeer, das sie umgibt: Pfingstrosen, Freesien, Tausendschön - noch immer kann sie sich nicht sattsehen an den herrlichen Farben! Mit der Eröffnung ihres Blumenstands ist ihr großer Traum in Erfüllung gegangen. Jeden Tag freut sie sich auf die Arbeit. Doch der Samstag ist ihr heimlicher Lieblingstag am Stand, denn dann zählt Florian zu ihren Kunden - der Mann mit den grünblauen Augen, die ihr Herz jedes Mal gefährlich aus dem Takt bringen! Auch gleich wird er wieder kommen und einen Strauß für seine Großmutter kaufen! Bei dem Gedanken schlägt Lenas Puls Kapriolen, und rasch zupft sie die Ärmel ihrer Bluse hinunter, damit Florian die hässlichen blauen Flecken nicht sieht, die sich über ihre Arme ... ach, über ihren ganzen Körper ziehen.
Seufzend schüttelt Lena den Kopf über sich selbst: Wie kann man auch nur so ungeschickt sein und sich ständig stoßen?
Dass sie in Wahrheit an einer lebensgefährlichen Krankheit leidet, ahnt Lena nicht. Und als es offenkundig wird, scheint es schon zu spät zu sein ...
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Blaue Flecken
Vorschau
Impressum
Blaue Flecken
Dr. Florian Wallner, mein ehemaliger Studienkollege, ist verzweifelt! Die Frau seines Herzens scheint todkrank zu sein. Doch bevor er ihr das sagen konnte, ist sie aus seiner Praxis geflohen und nun schon seit Tagen nicht mehr erreichbar – nicht auf dem Festnetz, nicht auf dem Handy, und auf Florians Klingeln an der Haustür öffnet ebenfalls sie nicht! Dabei braucht sie dringend eine Therapie, sonst ist sie verloren!
Vor wenigen Stunden ...
Eben habe ich eine Patientin mit akuter Thrombozytopenie ins Elisabeth-Krankenhaus eingeliefert. Gesicht und Hals der jungen Frau weisen Petechien auf, außerdem hat sie zahlreiche Hämatome. Auf der Versichertenkarte habe ich ihren Namen gelesen und kann es nicht fassen: Es ist Lena Martin, die Frau, die wir seit Tagen suchen ...
Zufrieden klappte Lena Martin die Geldkassette zu. Wie es aussah, konnte sie beruhigt Feierabend machen.
Ihr Blick flog prüfend über ihren Blumenstand. Heute Morgen, bei Marktbeginn, hatte sich der Verkaufstisch unter duftenden Schnittblumen, hübsch arrangierten Blumenbouquets und liebevoll bepflanzten Holzkisten gebogen. Nun war alles ausverkauft. Nur eine einzelne Schneeball-Hortensienblüte leuchtete den Passanten inmitten der vielen leeren Vasen und Eimer entgegen.
Erschöpft ließ sie sich auf den Klappschemel in der hinteren Ecke ihres rot-weiß gestreiften Verkaufszelts sinken. Sie holte die Teekanne aus ihrem Rucksack hervor und die Lunchbox.
Bis eben hatte so ein Ansturm geherrscht, dass sie kaum zum Luftholen gekommen war. Jetzt fühlte sie sich elend. Ihr war richtiggehend übel vor Hunger. Zum Frühstück hatte sie nur einen Joghurt im Stehen gelöffelt. Mehr war in der Eile nicht drin gewesen. Wenn man auf dem Großmarkt beste Qualität kaufen wollte, musste man früh da sein. Deswegen traf es sich gut, dass sie um fünf Uhr morgens ohnehin keinen Appetit hatte. Dafür freute sie sich nun umso mehr auf ihr belegtes Brot. Herzhaft nahm sie einen Bissen.
Während sie kaute, goss sie heißen Chai-Tee aus der Thermoskanne in einen Becher. Würzige Aromen von Ingwer, Zimt und Kardamom stiegen ihr in die Nase. Richtig gut tat das. Nach elf Stunden auf den Beinen kehrten ihre Lebensgeister allmählich zurück.
Sie legte beide Hände um den Becher. Nachdenklich blies sie in die dampfende Flüssigkeit. Noch den Stand abbauen, Tisch und leere Gefäße in den Kombi laden und den Stellplatz fegen – und dann ab nach Hause. Ihr Freund Rainer Kunze sah es nicht gerne, dass sie auch am Samstag arbeitete. Doch das brachte die Selbstständigkeit nun mal mit sich.
Lena stellte den Becher zum Abkühlen beiseite und biss erneut von ihrem Brot ab. Das Geschäft war bombig gelaufen. Sicher lag es an dem schönen Wetter. Wenn die Maisonne so kräftig strahlte wie heute, bekamen die Menschen Lust, sich Duft und Farbe ins Haus zu holen. Frühlingsboten wie Pfingstrosen, Freesien und Levkojen fanden reißenden Absatz.
Sie hätte locker die doppelte Menge an den Mann und an die Frau bringen können, als sie eingekauft hatte. Dafür hatte sie sich bei dem Grünzeug vertan, das sie zum Füllen der Sträuße verwendete. Seufzend betrachtete sie die Eimer neben sich auf dem Boden, die mit Schleierkraut und silbrig-grünen Eukalyptuszweigen gefüllt waren. Zum Wegwerfen viel zu schade. Sie würde sie zu Hause in den kühlen Keller stellen. Mit etwas Glück behielten sie dort ihre Frische bis zum Montag. Dann würde Lena wieder auf dem Markt stehen.
»Oh nein, wie es aussieht, läuft heute alles schief.«
Eine vertraute Stimme riss Lena aus ihren Gedanken. Eilig schluckte sie den letzten Bissen hinunter. Als sie aufblickte, sah sie in ein Augenpaar, das sie unter Hunderten wiedererkannt hätte, so ungewöhnlich war es. Blaugrün mit walnussfarbenen Sprenkeln. Allerdings strahlten diese Augen diesmal nicht das gewohnte Leuchten aus, sondern blickten bekümmert. Passend zum Gesichtsausdruck ihres Besitzers, Florian Wallner.
»Hallo, Florian. Schön, Sie zu sehen.« Lena stand auf, klopfte sich die Krümel von der umgebundenen Schürze und schenkte ihrem Stammkunden ein gewinnendes Lächeln.
Florian Wallner und Lena kannten sich seit Lenas erstem Tag auf dem Markt. Damals, an einem grauen verregneten Nachmittag im letzten Advent, hatte er einen mit vergoldeten Nüssen, Schneckenhäusern und winzigen Äpfeln verzierten Kranz für seine Oma gekauft. Mit vier dicken, roten Stumpenkerzen darauf, die Stimmung verbreiteten. Seitdem kam Florian Wallner jeden Samstag zu Lena, um Blumen für die Oma zu kaufen.
Er zählte zu ihren liebsten Kunden. Nicht nur, weil sie vom Alter her nicht weit auseinanderlagen. Eines der wenigen Dinge, die Lena von Florin wusste, war, dass er fünfunddreißig war. Lena hingegen hatte gerade ihren dreißigsten Geburtstag hinter sich gebracht hatte.
Mit seinen blonden Haaren und der durchtrainierten Figur verfügte Florian über ein attraktives Äußeres. Vor allem aber mochte Lena ihn so gerne, weil er sich immer Zeit für einen netten Plausch nahm, wenn er bei ihr einkaufte. Vor zwei Monaten hatte sie sich auf Vornamen plus Sie geeinigt. Florian hatte den Vorschlag gemacht, und Lena hatte sich sehr darüber gefreut.
»Hallo, Lena. Oje, wie es aussieht, hab ich Sie beim Essen gestört. Bitte entschuldigen Sie.« Er deutete auf ihr Gesicht und lächelte verlegen. »Übrigens, da klebt etwas an Ihrer Wange.«
»Wie? Ach, danke.« Lena spürte, wie sie errötete und wischte sich mit dem Handrücken den Fettfleck weg. »Und bitte machen Sie sich keine Sorge, Sie stören nicht im Geringsten. Ich war ohnehin fertig mit dem Essen. Ich fürchte nur, ich kann Ihnen leider nichts mehr anbieten. Die Kunden haben mich heute überrannt«, erklärte sie mit Bedauern.
»Hm, ich sehe schon. Ist das alles, was noch da ist?« Enttäuscht deutete Florian auf die weiße Hortensie.
»Leider ja.« Lena zuckte entschuldigend die Schultern. »Schade, dass Sie nicht wie üblich angerufen haben, damit ich Ihnen etwas nach Wunsch zurücklege.«
»Mein Fehler, das stimmt. Aber heute ging einfach alles drunter und drüber. Erst wurde ich durch ein endloses Telefonat aufgehalten. Dann sprang das Auto nicht an, und ich musste einen Automechaniker finden, der mir weiterhilft.« Mit bekümmerter Miene sah Florian sie an. »Jetzt muss ich wohl ohne Blumen zum Nachmittagskaffee bei meiner Oma erscheinen. Dabei freut sie sich doch immer so über die wundervollen Arrangements, die Sie zaubern.«
»Warten Sie mal.« Nachdenklich nahm Lena ein paar Weidenzweige zur Hand und bog sie in der Mitte durch. »Vielleicht lässt sich ja doch noch etwas improvisieren.«
»Meinen Sie? Das wäre wunderbar.« Florians Augen leuchteten hoffnungsvoll.
Lena griff zu Bast und Schere. Geschickt formte sie aus den Zweigen ein Herz und band es zusammen.
»Sehen Sie, wenn ich Schleierkraut und Eukalyptus um die Äste wickle, wird ein richtig schönes Gebinde daraus. Man könnte es zum Beispiel gut an eine Zimmertür hängen. Fertig würde es dann in etwa so aussehen. Was halten sie davon?« Sie demonstrierte ihm mit einem Büschel Schleierkraut, was sie meinte.
Florian fuhr sich unsicher mit der Hand durch das am Oberkopf lang fallende, blonde Haar. Die Härchen an seinen gebräunten Unterarmen schimmerten golden in der Sonne. »Hm, ich bin leider ganz schlecht darin, es mir bildlich vorzustellen, aber ich vertraue Ihnen voll und ganz. Machen Sie ruhig.« Aufmunternd nickte er ihr zu.
»Gerne, es geht ganz schnell.« Lena strahlte ihn an, froh, ihn nicht enttäuschen zu müssen. Rasch entstand unter ihren geschickten Händen ein hübsches, üppig grünes Herz. Zum Schluss befestigte sie ein Glasröhrchen am unteren Ende der Spitze, füllte es mit Wasser und steckte die Schneeball-Hortensienblüte hinein. »So. Fertig.« Siegessicher hielt sie ihm das Gebinde entgegen. »Meinen Sie, das würde Ihrer Oma gefallen?«
»Sie wird es lieben.« Bewundernd und mit äußerster Vorsicht drehte Florian das Herz in den Händen, als wäre es eine besondere Kostbarkeit. »Wie kann ich Ihnen denn jetzt danken? Ich fühle mich schlecht, weil ich Sie von Ihrem wohlverdienten Feierabend abgehalten habe. Sicher wartet Ihr Freund schon sehnsüchtig auf Sie.«
»Das tut er bestimmt«, pflichtete Lena ihm bei.
Bei dem Gedanken an Rainer verließ sie für einen Moment die gute Laune. Schlechtes Gewissen machte sich in ihr breit. Seit Lena sich ihren Traum erfüllt und den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt hatte, fühlte sich Rainer zurückgesetzt. Immer öfter beklagte er sich, dass Lena nicht nicht genügend Zeit für die Beziehung aufbrachte. Auch den gemeinsamen Haushalt vernachlässigte sie seiner Meinung nach. Dabei tat Lena ihr Möglichstes, um alles unter einen Hut zu bekommen. Doch es gelang ihr nicht immer.
Hinzu kam, dass Rainer selbst auch kein einfacher Mensch war. Aber andererseits, hatte nicht jeder seine Ecken und Kanten? Lena runzelte die Stirn. Kennengelernt hatten sie sich in der Fabrik, wo sie beide arbeiteten. Rainer als Einsteller an den Maschinen und Lena als ungelernte Arbeitskraft in der Produktion. Vor einem Jahr war Lena dann zu Rainer in die Wohnung gezogen. Anfangs war es gut gelaufen. In letzter Zeit nahmen die Spannungen überhand. Es war, als lebten sie in verschiedenen Welten.
Doch davon brauchte Florian Wallner nichts mitzubekommen.
Rasch setzte Lena ein unbekümmertes Gesicht auf. »Machen Sie sich bitte keinen Kopf. Mein Freund ist sehr verständnisvoll und unterstützt mich«, beteuerte sie.
Im nächsten Moment biss sie sich verwirrt auf die Lippe. Warum behauptete sie Dinge, die nicht stimmten? Aus einem vagen Gefühl, das sie nicht näher benennen konnte, war es ihr wichtig, sich Florian gegenüber nichts von ihren privaten Schwierigkeiten anmerken zu lassen. Das merkwürdige Rumoren in ihrem Bauch verstärkte sich, als sie Florians forschenden Blick auf sich ruhen fühlte.
»Das freut mich«, meinte er, aber es klang zögerlich. So als würde er durchschauen, dass Lena nicht ganz ehrlich war. »Was bin ich Ihnen schuldig?«
Sie nannte die Summe. Ein Zwanzig-Euro-Schein wechselte den Besitzer. Lena kramte in ihrer Geldkassette nach acht Euro Rückgeld für Florian.
»Bitte lassen Sie, es passt so«, versicherte er rasch und hob abwehrend eine Hand. »Immerhin bringe ich Sie um Ihre Freizeit.«
»Danke, das ist aber wirklich sehr großzügig.« Lena merkte, wie sie unter seinem Blick erneut errötete. Gleichzeitig fühlten sich ihre Knie so weich und ihre Beine so schwer an, dass sie sich kaum aufrecht halten konnte. Sobald sie zu Hause wäre, musste sie dringend die Füße hochlegen, bevor ihr Blutdruck noch mehr in den Keller sank. An das frühe Aufstehen konnte sie sich einfach nicht gewöhnen.
In letzter Zeit hatte sie ständig mit Kreislaufproblemen zu kämpfen. Auch jetzt bemerkte sie Drehschwindel aufsteigen. War ihr eben noch heiß gewesen, spürte sie nun, wie ihr sämtliches Blut nach unten sackte. Erschrocken klammerte sie sich mit den Händen an dem Verkaufstisch fest, um nicht zu stürzen. Dabei geriet eine der Vasen ins Wanken.
Geistesgegenwärtig streckte Florian die Hände nach dem Gefäß aus und fing es auf.
»Ist alles gut? Sie sehen blass aus.« Vorsichtig stellte er die Vase zurück auf den Tisch, während der Blick seiner ungewöhnlichen grünblauen Augen Lena weiter festhielt. »Brauchen Sie Hilfe?«
»Nein, alles okay«, keuchte sie und hörte zu ihrem Entsetzen das Beben in ihrer Stimme. Mit zittrigen Händen strich sie sich das braune, kurz geschnittene Haar hinter das Ohr. Dabei achtete sie darauf, dass der lange Ärmel ihres T-Shirts nicht nach oben rutschte und die blauen Flecken an ihren Unterarmen enthüllte. Sie stieß sich häufig in letzter Zeit. Mit letzter Kraft zwang sie sich zu einem schwachen Lächeln. »Ich bin nur manchmal etwas tollpatschig, das ist alles.«
»Na schön.« Er schenkte ihr einen eindringlichen Blick. »Wenn das so ist, will ich Sie nicht länger aufhalten. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Und passen Sie bitte auf sich auf, ja?«
»Versprochen«, versicherte sie und versuchte tapfer, die Nachwirklungen ihres Schwächeanfalls vor ihm zu verbergen.
Mit dem Blumenherz in der Hand und einem Strahlen in den Augen verabschiedete sich Florian von ihr. Benommen sah Lena ihm hinterher, bis er im Marktgetümmel verschwundenen war. Gleichzeitig mit Florian hatte sich das schöne Wetter verzogen. Eine graue Wolke schob sich vor die Sonne.
Langsam und mit viel Umsicht machte sich Lena daran, den Stand abzubauen. Dabei fühlte sie sich schwach und müde, als wäre sie achtzig und nicht dreißig Jahre alt.
***
»Bist du auch mal endlich zurück?«, sagte Rainer Kunze in vorwurfsvollem Ton. Er blickte Lena nicht an, als sie das Zimmer betrat. Dazu war er viel zu sehr in das Kampfspiel auf seiner Playstation vertieft, das über den XXL-Flatscreen an der Wand flackerte.
Zusammen mit drei seiner Kumpels fläzte er sich auf der cremefarbenen Couchgarnitur. Dass überall zwischen den Kissen Reste von Chips und Erdnussflips klebten, schien ihn wenig zu kümmern. Verärgert ging Lena durch den Kopf, dass sie immer noch die Raten der mehrteiligen Wohnlandschaft abstotterten. Ebenso wenig störten ihn anscheinend auch die Straßenschuhe seiner Kollegen auf dem hellen Teppich, die Ränder der Bierflaschen auf dem Glastisch und die zigarettenverqualmte Luft.
Unter demonstrativem Schweigen trat Lena ans Fenster und öffnete es weit. Dabei wedelte sie mit säuerlicher Miene frische Luft ins Zimmer.
»Oh, oh, deine Alte ist aber mies drauf heute«, feixte Robert, dessen aknenarbiges Gesicht vor Playstation-Kampfeifer regelrecht glühte. »Da läuft wohl heute nichts im Bett.« Er machte ein paar anzügliche Geräusche, was von den anderen Männern mit johlendem Gelächter quittiert wurde.
»Bäm, du bist tot, Rainer. Das war's. Game over«, posaunte Robert eine Sekunde später lautstark und schleuderte eine Ghettofaust in die Luft.
»Das ist unfair. Ich war abgelenkt.« Verärgert ließ Rainer die Fernbedienung sinken. Er wischte sich mit dem Ärmel seines bis zur Brust aufgeknöpften Hemds den Schweiß von der Glatze. Auffordernd blickte er seine Kumpels an. »Los. Noch eine Runde. Dann zeige ich euch, was ein Kampf ist.«
»Lass gut sein, ich muss los.« Matze winkte ab und klopfte sich die Essensreste vom Bierbauch. Er erhob ich und ließ einen Schauer von Chipskrümeln auf das Sofa regnen.
»Ich bin auch weg.« Frankie nahm die Füße vom Tisch. Verlegen rieb er an einem Bierfleck auf dem Tisch herum, bevor er die Brille auf der Nase zurückrückte und auch aufstand.
»Alleine mit Rainer ist es lahm«, beschwerte sich Robert und bedachte die anderen mit verdrießlichen Blicken. »Das war's dann wohl für heute. Scheiße, dabei ich hatte gerade einen Lauf. «
»Mach dir nichts draus«, tröstete ihn Frankie und warf sich die Jacke über.
»Bis dann, Jungs. Wir sehen uns später in der Disse«, erklärte Matze und schlug Rainer zum Abschied mit der flachen Hand auf die Schulter.
»Mein Gott, musst du eigentlich immer die Zicke raushängen lassen? Du bist echt eine Stimmungskanone, weißt du das?«, beschwerte sich Rainer bei Lena, als sie allein waren. Er verschränkte die Arme vor der Brust und starrte vorwurfsvoll zu ihr herüber. »Und mach das Fenster zu. Oder möchtest du, dass ich mir einen Schnupfen hole?«
Widerspruchslos schloss Lena das Fenster, obwohl draußen strahlender Sonnenschein herrschte. Immer der gleiche Ärger zwischen ihnen. Rainer benahm sich wie ein Pascha. Dabei vermied sie es tunlichst, Rainer vor seinen Freunden zu kritisieren. Oder überhaupt etwas an seinem Verhalten zu kritisieren. Ändern würde sie ihn dadurch ohnehin nicht, das hatte sie längst verstanden. Durch ein Wort von ihr wurde nur alles nur viel schlimmer. Rainer ertrug es nicht, wenn man ihm Vorhaltungen machte.
