Notizen vor Tagesanbruch - Sergio Vesely - E-Book

Notizen vor Tagesanbruch E-Book

Sergio Vesely

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Beschreibung

Notizen vor Tagesanbruch ist die aktualisierte, um neue Texte ergänzte Neuauflage eines der bekanntesten gemeinsamen Bücher von Urs M. Fiechtner und Sergio Vesely und enthält nun eine Auswahl ihrer Gedichte und Lieder von 1975 – 2015. Freiheit, Menschenrechte, Widerstand das sind immer wieder ihre Themen, um die auch das vorliegende Buch kreist. Ihre Erfahrung damit ist jedoch nicht allein literarischer Natur: Sergio Vesely schrieb seine ersten Gedichte und Lieder als politischer Gefangener der chilenischen Militärdiktatur, Urs M. Fiechtner ist seit vielen Jahren für Menschenrechts-organisationen tätig. Nichts an diesem Buch ist künstlich, jeder einzelne Text beruht auf persönlicher Erfahrung. Notizen vor Tagesanbruch wird ergänzt durch die zuletzt in der 4. Auflage im Schmetterling-Verlag Stuttgart erschienene Auswahl von Kurzgeschichten und Erzählungen Geschichten aus dem Niemandsland, die auf erzählerischer Ebene die Themen dieses Buches aufgreift.

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Seitenzahl: 77

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Table of Contents

Lied für Antonio

Beginn mit Zweifeln

Widerspruch

Neu Anfangen

Die Mechanik des Subalternen

Beweis einer Niederlage

Die Trauer

Das größte Übel

Exekution

Epitaph für einen Freund

Die Vögel liefern sich nicht aus

Ich verhöre den Zement

Die Gefängnisse

Was kann ich tun, um Dir ein Bild zu zeichnen

Ich verstehe den Rauch

Der Raum der Freiheit

Zeig Würde, Mutter

Niemals zuvor

Nebenan

Gefängniswärter

Wenn sie mich besucht

Die Spur

Anmerkungen einer Nacht

Hymne von Puchuncaví

Auch diese Mauern nicht

Das gute Gedächtnis

Kaum zu glauben

Die Begleiter eines Lebens

Ich werde ein Kind ans Licht der Erde bringen

An Deiner Seite erwachen

Du sollst mich kennenlernen so wie ich bin

Ich muss ein Zugeständnis machen

Südamerikanisches Sprichwort

Eine fantastische Geschichte, die durchaus wahr sein könnte

Die Gesichter der Anwesenden

Die Ignoranz

Erklärung

Lektion über die Macht

Was ein Greis dem anderen sagte

An den Schuldigen meiner schlaflosen Nächte

Die Haltlosen. Die Hilflosen

Feststellung

Die Sieger. Zu Pferde

Die Sicht der Dinge

Über ein deutsches Zitat

Notgedrungen

Nestbauer der Vorstadt

In Österreich

Die Niederlagen

Menschen und Wege

Urs M. Fiechtner / Sergio Vesely

Notizen vor Tagesanbruch

Politische Gedichte

Erweiterte Ausgabe

Herausgegeben von Stefan Drößler Adrienne Träger, Johannes Schlichenmaier und Pascal Bercherin der Edition Kettenbruch

Notizen vor Tagesanbruch

Copyright: © 2015 Urs M. Fiechtner, Sergio Vesely

Covergestaltung: Stefan Drößler

Covergrafik: Christian Kühnel

Edition Kettenbruch, Band 2

www.edition-kettenbruch.de

Herausgegeben von Stefan Drößler, Adrienne Träger, Johannes Schlichenmaier und Pascal Bercher

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN: 978-3-7375-4351-4

Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors/der Autoren bzw. Herausgeber unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Aufführung oder sonstige öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Mechtild Baum, Kämpferin

Hier ist meine zärtliche Liebe für diese Zeit. Ihr kennt sie. Ich habe keine andere Fahne.

Pablo Neruda

Lied für Antonio

Für Antonio Lagos.Er wollte verteidigen, was er am meisten liebte, und kehrte zurück, um für sein Volk zu kämpfen.

Als die Erde kam umarmte sie das Holz Als die Sonne kam brannte sie hell in der Höhe Als das Wasser kam war es durchtränkt von Liebe

Erde und Baum Sonne und Baum Wasser und Baum

Die eine das Nest die andere die Wärme das dritte der Fluss

Die Erde blieb als Gefährtin des Baumes Die Sonne blieb als Blüte des Baumes Das Wasser blieb als Leben des Baumes

Dann kam der Mensch und blieb und blieb und blieb.

Beginn mit Zweifeln

Ich bin angetreten um ein paar Zweifel zu wecken.

Und als sie wach waren wandten sie sich gegen mich.

Widerspruch

Und daran denken dass die Bastion des Lachens Schritt um Schritt auf einem Gebirge aus Tränen fußt

Neu Anfangen

(Ein Taufgedicht für Manuel)

Wiederhole unsere Fehler. Sie tun weh. Aber anders versteht man sie nicht. Verzeihe uns nicht. Aber finde unsere Gründe heraus. Bleibe nicht stehen wo wir standen.

Achte die Irrtümer. Sie werden bald deine eigenen sein. Habe Respekt vor den Unwissenden. Schließlich gehörst du zu ihnen. Aber versuche die Ignoranten zu erkennen die bösartig Nichtswissenden die wissentlich Blöden die selbstzufrieden Großmäuligen die Stammtischkrakeeler, die Verkäufer die Propheten, die kopflosen Führer die Einredner, die Missionare die dummdreisten Fahnenschwenker: Sie sind verantwortlich. Sie sind haftbar. Überlasse ihnen die Straße nicht. Und nicht das Wort.

Respektiere die Würde der anderen. Aller anderen. Nur davon hängt deine eigene ab. Du wirst nicht größer, indem du andere kleiner machst. Nur armseliger. Suche die Stärke nicht in Missachtung oder Gewalt sondern in Einsicht. Aber lass Dich nicht abhalten die Zähne zu zeigen, wenn es notwendig ist.

Behandle die Menschen, als seien sie gut. Aber verharre nicht im Zustand der Unschuld. Die Unschuldigen sind freundlich doch sie helfen nicht weiter. Sie lassen gewähren. Sie bekämpfen die Schuldigen nie. Durch deine Unschuld werden die Geschundenen nicht weniger geschunden. Deine Unschuld befreit die Gedemütigten nicht. Man kann sie nicht essen.

Belästige dich mit dem Wesen der Dinge. Sieh alles dir an. Lasse nichts aus. Wenn du die Wahrheit verteidigen willst lerne den Seitengang der Lüge zu verstehen. Was immer du suchst — suche dort wo man es am wenigsten findet, und befrage die Unterlegenen. Viel wissen die Rechtlosen über das Recht die Gefangenen über die Freiheit. Viel wissen die Hungernden über das Brot.

Begnüge dich nicht mit der Gegenwart. Wirf deinen Blick über die Zeiten. Die Vergangenheit hat alles geformt was du siehst. Auch in deinem Spiegel. Ohne von der Herkunft der Dinge zu wissen wirst du sie nicht ändern, nur wiederholen. Was immer du tust, ist ein Schritt in die Zukunft. Aber kein Fußbreit ist sicher, ohne den Boden zu kennen auf dem du dich bewegst.

Folge den Rattenfängern nicht, es sei denndu zählst dich unter die Ratten. Hänge dich nicht an die glitzernd Vielbewunderten an die Folgsamen sind doch nur Kopien und Anhänger sind niemals mehr als der Schwanz am Hintern des Hundes. Von diesen haben wir genug. Wenn du etwas Neues probieren willst versuche bescheiden, aber beharrlich einfach selbst ein Jemand zu sein.

Was auch geschieht: lasse es nie allein nach dem Willen der anderen geschehen. Genieße jede Bewegung, solang sie deine eigene ist. Du hast Zeit. Noch. Koste sie aus mit Stolz. Mit Leidenschaft. Und behaupte nicht am Endedu hättest nichts gewusst. Oder einer allein könne ja doch gar nichts tun. Das haben wir zu oft gehört.Mach etwas mehr aus dir als eine verblassende Eintragung in der Gästeliste.

Und, versteht sich: Traue den Gedichten nicht mindestens solange du selbst noch keine geschrieben hast. Wiederhole unsere Fehler. Aber übertreibe es nicht. Das haben wir ja schon getan.

Die Mechanik des Subalternen

Man sagt ihm, er soll anlegen und er feuert. Man sagt ihm, er soll Ordnung schaffen und er schiebt unverzüglich eine Patrone zwischen seine Pupille und die Brust eines politischen Gegners.

Man sagt ihm, er soll sauber machen und er säubert. Man sagt ihm, er soll sein Land verschönern und er durchkämmt Stadt um Stadt auf der Jagd nach Feinden.

Man schaltet ihn ein und er springt an. Man erwähnt das Wort „Revolution“ in seiner Gegenwart und der Mann verwandelt sich stehenden Fußes in einen perfekten Bluthund.

Nur wenn jemand kommt und ihm befiehlt sich gegen sein erbärmliches Schicksal zu wehren widersetzt er sich und nimmt Alarmstellung ein. Dieses Subjekt trägt seine Menschenwürde verkehrt herum.

Was für jeden anderen eine Schande wäre das ist sein ganzer Stolz.

Beweis einer Niederlage

Unsere Niederlagen beweisen ja nichts, als dass wir zu wenige sind die gegen die Gemeinheit kämpfen.

Bertolt Brecht

Sie heißen: Raúl, Mariana verheiratet drei Kinder

fünf, sechs und dreizehn Jahre alt

geflüchtet vor der großen Stadt auf eine kleine Farm tief drin und irgendwo im Land

Außer dass sie zufrieden waren mit ihrem Leben außer dass sie sich liebten und ihre Kinder

aber nicht zufrieden waren ihrem Land und nicht sonderlich gern hatten das Militär und seine Schergen

gibt es, genau genommen, nichts besonderes zu berichten aus dem Leben von Raúl oder Mariana

Soll heißen: bis zu einem Frühlingsdienstag mitten drin in unserer Zeit.

Ein Nachbar hatte es gemeldet: Raúl, Mariana sind schädlich für das Land

Und folgerichtig vier Wagen ohne Nummernschild und Uniformen ohne Gesicht verhaften Raúl verhaften Mariana

Die Kinder eine Großmutter und ein unbekannter Viehtreiber bezeugen die Verhaftung gehen zum Richter

Der Richter aber wusste nichts von Raúl, nichts von Mariana nichts von Verhaftungen nichts von Wagen ohne Nummernschild nichts vom Militär

Man stellte fest: es gab keine Verhaftung und es gab Raúl nicht und es gab Mariana nicht nur eben ein faselndes Weib mit Zahnlücken und einer Krücke drei flennende Gören und den üblichen verschüchterten Viehtreibersagte der Richter sagte die Polizei sagte deine und meine Zeitung

Zugegeben: von Raúl und Mariana besitze ich nicht viel mehr als einen sachlichen und ausgewogenen Bericht so wie das Sitte ist in meinem Land eine kleine Zeitungsmeldung und einem Foto auf diesem Foto sind drei alberne Kinder und Mariana und Raúl das heißt: es muss sie also doch gegeben haben.

Im nächsten Sommer kommen plötzlich Leute an die sagen man hätte Raúl gesehen in einem Krankenhaus des Militärs vielmehr man hätte eine verquollene Visage gesehen und einen aufgedunsenen Unterleib zwei halb zerquetschte Hände die schreiben mühsam auf einen Zettel

ich heiße Raúl benachrichtigt Mariana das heißt wenn ihr sie findet sagt ihr, dass ich noch lebe sagt ihr, dass ich sie liebe

Im Herbst kommen die Leute noch einmal an und sagen man hätte nun auch Mariana gesehen mit geschorenem Kopf und zerrissenem Kleid schreibt sie auf einen Zettel

ich heiße Mariana benachrichtigt Raúl das heißt wenn ihr ihn findet sagt ihm, dass ich durchhalten werde sagt ihm, dass wir uns