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Berlin 1957: Ruinen, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder. Die Schatten des Krieges, der Naziherrschaft und der Verstrickung vieler Menschen mit dieser Vergangenheit sind noch allgegenwärtig. Der elfjährige Tomas hat mit Jungen aus der Nachbarschaft – seiner »Gang« – ein verbotenes Trümmergrundstück in Besitz genommen, das sie »Nullstunde« nennen. Es ist ihre Welt, reich an kindlichen Freiheiten, wo sie die Vernichtung der Vergangenheit erkunden, wo sie sich erproben und verteidigen – sich selbst und ihre Zukunft suchen. Tomas lebt scheinbar behütet bei seiner Mutter, einer Lehrerin und Collage-Künstlerin, und seinem Vater, einem Vertreter für Schaufensterpuppen. Beide lieben ihn, doch er ist zwischen ihnen zerrissen. Beide sind auf ihre Weise vom Krieg versehrt, und ihre Auseinandersetzungen, Affären und drohende Gewalt verschärfen sich – bis zu dem »Unglück«. Tomas ist gezwungen, über eine »Luftbrücke« in eine neue Welt zu gelangen.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Neben wissenschaftlichen Publikationen als Professor der Psychologie schreibt Michael Reicherts Erzählungen und Romane. Nullstunde ist sein drittes Werk bei Königshausen & Neumann. Für ihn ist Literatur auch eine Fortsetzung psychologischer Erkundung mit anderen Mitteln. Er lebt in Fribourg/Schweiz und in Berlin.
Michael Reicherts
Nullstunde
Roman
Königshausen & Neumann
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Erste Auflage 2025
© Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2025
Leistenstraße 7, D-97082 Würzburg
Umschlag: skh-softics / coverart
Umschlaggestaltung unter Verwendung einer Collage von Andrea Schedle
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
ISBN 978-3-8260-9159-9
eISBN 978-3-8260-9160-5 (epub)
www.koenigshausen-neumann.de
www.ebook.de
www.buchhandel.de
www.buchkatalog.de
Cover
Titel
Impressum
Flucht nachhause
In Mamas Armen
Unsere Wohnung
Trümmerspiele
Mama und Papa
Die Hochzeit
Ruinen – Trümmerfelder – Territorien
Es geht aufwärts – alles wächst, vieles wuchert
Mama muss nachdenken
Im Zoo
Zerrissen zwischen den Eltern und Mamas Auf und Ab
Collagen beflügeln Mama
Murmeln spielen
Solange du »einlochst«, kannst du weiterspielen!
AKI
Walter der Held
Unsere »Gang«
Herr Winkler liebenswert: Ex-Nazi mit Tarnkappe
Lederhosen
Trümmerkinder
Bombenangriffe verschlucken die Nachbarschaft
Mama im Auf und Ab und Auf
Schlüsselkinder
»Nullstunde« und »Totem«
Was tun mit »Borste«?
Teilen und Wählen
Wo ist Borste?
Ein Versprechen
Schultheiss-Pferdewagen und Karmann Ghia
Flug über die Wildnis und ein Okapi
Wegegeld
»Ich und meine Welt« – eine unvollständige Collage?
Das Tierquiz – Strafe und Belohnung
Arbeit in den Trümmern
Wenn sie auf mir reiten darf…
Lehrer Becker straft
Berlin in Papas Vorkriegsvergangenheit
Ein Versprechen – und ein Abschied
Mama schützt mich, begeistert sich und straft
Negerküsse und weiße Mäuse
Papas erstes Geld bei Geiss
Geburtstag
Sandduelle
Mama ist eifersüchtig
In der Schule mit Stefan: Worte entleeren
Mama kocht gern – manchmal sehr ungern
Die Eltern streiten sich oft, auch wenn ich dabei bin
Wortspielen mit Papa
Nachts träume ich von Papa – und Mamas Geruch
Ein Brief von Margot
Bernd Reiter telefoniert
Mama und Papa tragen ihre Kämpfe in mir aus
Baldur rennt einfach los
»Kampf um die neue Zeit«
Baldurs Verurteilung
Halbstarke
Wer bin ich?
Mit Kurti kann ich nicht darüber sprechen
Volker ist schon fast so alt wie die Halbstarken
Die Wohnung auf Vordermann: Die Borsichs kommen
Kurtis Fund
Eine Explosion draußen im Kiez
Bei Kurti im Krankenhaus
Mit Mama im Bett – Zehen zu Besuch
Eisenbahn und Dampfmaschine
Das große Täuschungs-Manöver der Flugabwehr
»Himmlische Planquadrate« bei den Luftangriffen
Als Kindmann zum Militär
Werbung am Bahnhof Zoo
Besuch der »Interbau« – das Hansaviertel entsteht
Von der Schule erzählte ich nie viel
Das Radio verstummte
Väter – die Kriegshelden
Papas Kriegsversehrung
Das Frösteln der Einsamkeit
Die Vergewaltigung
»Es gibt ein Mittel dagegen«
Eine Rundfahrt zum Bootshafen
Mit »Marlene« auf dem Wannsee
Eine neue Collage
Bei Baldurs Onkel im Fichtebunker
Ein Foto von Totem in der Zeitung
Eine Dampflok auf der Straße
Viele leben auch jetzt unter schwierigsten Bedingungen
Beim Hühnerzuchtverein Schöneberg
Totschweigen, Einschränken und anarchische Freiheit
Vernichtung
Das »Unglück«
Meine »Luftbrücke«: Tempelhof – Frankfurt
Vor Frankfurt schwere Turbulenzen – ein Gewitter
Wir landen
Dank
Nach über zehn Jahren kehre ich zum ersten Mal nach Berlin zurück. Es ist eine Reise in die Stadt, in der ich in den fünfziger Jahren den Kern meiner Kindheit zurückgelassen habe; eine Reise hinein in Neugier, Wehmut und verlorene Wörter, in Momente der Trauer vielleicht, Wiederentdeckungen von Menschen, Orten, Veränderungen – Unerzähltes, Verwandeltes, Vergessenes…
Mit drei Menschen bin ich verabredet, die ich wiedersehen werde nach so langer Zeit: Volker Thut, Margot Bessmer – und meine Mutter! Von ihnen allen weiß ich kaum etwas. Volker hat mir eine Einladung zu seiner Ausstellung winziger Metallplastiken geschickt, Margot ist Schauspielerin mit ihrer ersten tragenden Rolle in dem Boulevardstück »Verführung für Fortgeschrittene«. Dorthin lud sie mich ein.
Von meiner Mutter habe ich jedes Jahr einmal etwas gehört: Zu meinem Geburtstag bekam ich einen lakonischen Brief. Die ersten vier aus der Haftanstalt, die anderen von verschiedenen Orten auf der Welt – den letzten aus Berlin Friedenau… Alle Briefe bestanden nur aus ein paar Worten und schlossen hinter sich den Vorhang des Verstummens.
Nun suche ich den Ausgangspunkt für meine innere Reise, die mich zuerst zu mir selbst führen soll – dorthin, wo ich die Luftbrücke in meine Zukunft betreten habe. Aus dieser Zukunft beginne ich die lange Zugfahrt, durch Südwestdeutschland, durch die DDR in das Herz West-Berlins, zum Bahnhof Zoo. Zehn lange Stunden, vier davon rolle ich im Schneckentempo, genug Zeit, um mich in dem Labyrinth meiner frühen Vergangenheit umzusehen und vielleicht wiederzufinden.
Ich rannte wie entfesselt durch die Verzweigungen der Pfade hinaus aus dem großen Trümmerfeld bei der Bozener Straße – verfolgt von zwei größeren Jungs, hinter denen johlend noch ein paar andere Kinder herliefen, die bei dem Spiel dabei gewesen waren…
Ich entkam über den schmiedeeisernen Zaun eines verwilderten Gartens, den Weg kannte nur ich. Atemlos und zitternd schob ich schließlich den Schlüssel in das Schloss der schweren Eingangstür der Nummer 7, stemmte sie auf mit aller Kraft und schlüpfte in den Hausgang unseres großen Hauses. Die Tür fiel ins Schloss und verbarg mich vor den Verfolgern. Ich war in Sicherheit.
Beim Murmelspiel hatte ich den größeren Jungs mit zwei gelungenen Spielzügen zuvor zwei wunderschöne Glasmurmeln abgewonnen, was sie nicht zulassen konnten – das Recht der Stärkeren!
»Komm zu mir, mein Liebling!«, sagte Mama und breitete die Arme aus, als ich in die Wohnung kam. Sie zog mich, presste mich an sich, sie küsste mich auf den Kopf und die Stirn, sie hätschelte mich, erdrückte mich fast.
»Mein Liebling, du bleibst immer bei mir, wir bleiben immer zusammen!? Versprochen?!«
Wie schon oft hörte ich ihren Zweifel heraus… Und dann kam es, sie sagte:
»Auch wenn Papa eines Tages weggeht, mit einer anderen loszieht – mich verlässt!? Du bleibst bei mir?!«
»Du bist mein Schatz! Ein so kostbarer Schatz!«, sagte sie, während sie mein Gesicht zwischen ihre Brüste zog – dann hoch an ihren Hals, und meinen Kopf streichelte, den ich zurückzuziehen begann, behutsam, denn ich wusste, daraus konnte Kränkung entstehen, und sie war beleidigt, für einen Tag oder länger…
Ich kannte das.
So hatte ich mich sanft aus ihren Armen herausgewunden und vorsichtig nickte ich mit dem Kopf, während ich nun vor ihr stand, schmuddelig vom Spielen, verschwitzt von der Flucht, aber glücklich mit meinen großen Glasmurmeln, die ich nun ins Licht hielt, um sie Mama zu zeigen…
Es war später Nachmittag, es begann schon einzudunkeln, und ich war von draußen zurück, nachhause geflohen – aber das sagte ich nicht –, denn ich war lange auf dem Trümmergrundstück bei der Bozener Straße gewesen, aber das sagte ich nicht, denn das war verboten… Ich hatte mit Kurti und den zwei fremden Jungen lange Zeit Murmeln gespielt, es war ein unebener, schwieriger Parcours. Ich hatte mehrere Male gewonnen, schließlich die zwei wunderbaren großen Glaskugeln mit den schillernden Schlieren! Die zeigte ich Mama, und sie war begeistert, beseelt: Das Innere der Kugeln erinnerte sie an kunstvollen »Jugendstil«-Dekor, den man früher in Glasschalen aufstellte:
»Das sind ja schillernde Schönheiten! Mit diesen bunten, hauchfeinen Schlieren, Wegen, Spiralen, die im Innern des Glaskörpers zu schweben scheinen«, sagte sie. »Schön, dass du sie mir zeigst – du weisst genau, was mir gefällt!« Sie lächelte, berührt, ja hingerissen. Sie schien in diesem Moment vollkommen glücklich, schwerelos, nach der Liebeserklärung an mich, ihren Sohn, der sie mit seiner Gegenwart, mit so schönen Eindrücken beschenkte… Es würde ein glücklicher Abend! Und ich wusste, sie würde etwas Besonderes zum Abendessen machen.
Ich wohnte seit meiner Geburt mit Mama und Papa in der Wohnung seiner Eltern. Mein Opa – Papas Vater – war noch kurz vor Kriegsende an einem Herzanfall gestorben. Meine Oma, Papas Mutter Traudel, damals schon krank, hatte die junge Familie 1947 bei sich aufgenommen. Inzwischen, 1952, ich war noch nicht in der Schule, war auch sie gestorben.
Umgeben von einigen Trümmergrundstücken, ragte das fünfstöckige Haus herrschaftlich auf, nur die graue Gründerzeitfassade hatte einige Splitter und Schüsse abbekommen und war beim Brand des Dachstuhls des Nachbarhauses auf der einen Seite grauschwarz geworden… Der hintere Teil der im fünften Stock liegenden Wohnung wurde bei der Explosion einer Bombe, die in einen der benachbarten Hinterhöfe eingeschlagen war, beschädigt. So hatte die Wohnung zwei halb aufgerissene Zimmer zum Hof hin, die man mit Holzplatten und Dachpappe notdürftig geflickt hatte und immer wieder auf Wetterschäden überprüfen musste, bis sie endlich wieder von Maurern und Zimmerleuten instand gesetzt würden. Aber weil sie teilweise zerstört war, blieb die angeschlagene Wohnung der Familie erhalten, und man musste – vorläufig – keine Flüchtlinge und Umsiedler aufnehmen.
Die Wohnung war groß; sie hatte zwei Toiletten, ein Badezimmer mit üppigen Armaturen – noch aus der Kaiserzeit! –, einen ausufernden Flur, sieben recht hohe Zimmer mit Stuckdecken, einige waren von den Erschütterungen der Bombenangriffe lädiert, und einen großen Balkon. Neben den teilweise zerstörten Zimmern – zum Innenhof – lag mein Kinderzimmer: das typische Berliner Zimmer, recht groß, im Winkel der beiden Wohnungsflügel, mit einem Fenster zum Innenhof. Von dort ging der Blick auf das Berliner Zimmer der Nachbarwohnung, die sich gegenüber, seitenverkehrt, ebenfalls in den Innenhof erstreckte.
Auf dem langen Balkon in großen Blumenkästen allerhand spektakuläre Pflanzen, manche leuchteten: Mit dem Frühjahr sah man dort Küchenkräuter und später im Sommer auch kleine Tomaten, das Grün von Karotten, Erdbeeren und Blüten kleiner Kürbisse…
Ich schlich mich mit Baldur zwischen den dichten Disteln und Brennnesseln hindurch in den hinteren Teil, in die Tiefe des Trümmergrundstücks in der Prinzregentenstraße, das wir noch nicht inspiziert hatten… Eine verlassen stehende Ruine, eine scharfe Aussparung mitten im Straßenzug, die von Einschüssen entstellten Fassaden der Häuser waren hier unterbrochen. Das Haus war bis aufs Parterre zerbombt und offenbar niedergebrannt, hier und da eine Öffnung, einbrechende Kellerräume, man musste sich sehr vorsichtig bewegen, Schritt vor Schritt setzen. Manchmal fand man noch Dinge in den Ruinen: unbrauchbaren oder verkohlten Hausrat, manchmal auch Gewehrmunition, Hülsen. Helmut, ein Junge von weither aus der Güntzelstraße, hatte behauptet, er habe schon einmal ein abgebrochenes Bajonett und daneben einen verschrumpelten Finger in einer Ruine gefunden.
Die Trümmergrundstücke lagen verlassen, waren für uns einladende und aufregende Geheimnisse, mit wucherndem Unkraut und Gestrüpp. In den ausgehöhlten Treppenhäusern standen manchmal noch einige steinerne Stufen, manche feuergeschwärzt. Man sah ausgetretene Sandsteinschwellen, einen Sockel aus Schmiermarmor, an der Mauer hingen Backsteine, vier Treppenstufen noch, die in der Höhe schwebten und dann ins Nichts eines Hinterhofs wegbrachen. Es war, als könnte man noch Schreie hören, hier und da.
Die Zwischenwände vom Nachbarhaus, das stehen geblieben war, zeigten über vier Etagen eine bunte Welt, das frühere Hausinnere: Es waren gewaltsam aufgebrochene Innenwelten, Geheimnisse von Wohnungen, Blicke auf verblasste Blumentapeten, bunt verwitterte Alkoven, Borten, Stuckränder, Decken, Stahlbänder, bunte Fliesen, aber auch Rohre und Waschbecken, die manchmal über dem Nichts baumelten, eine Badewanne jäh nach unten hängend, noch gehalten vom Abflussrohr und einem Stück Kachelboden. Ebenso kühn wie zerbrechlich. Häuserwände bunt wie ein Flickenteppich, eine Collage aus Stockwerken und Zimmern. Auch Kacheln mit eingebrochenen oder herausstehenden Rohren und Installationen, eine Häuserwand wie ein riesiges, verletztes Puppenhaus.
Wie immer schlüpften wir neugierig angezogen und etwas ängstlich auf dieses Grundstück, um es zu erkunden… Vielleicht um einen Fund zu machen: womöglich ein Bajonett oder einen Finger, wie Helmut, oder auch nur einen alten Schlüssel, der selbst wieder Geheimnisse versprach. Heute waren wir zunächst auf einen streunenden Hund getroffen, der aber den Schwanz einzog und rasch verschwand. Das Grundstück schien verlassen, und wir wussten nicht, wer hier seinen Standort hatte, denn Spuren sah man…
Doch plötzlich tauchten hinter dem Mauerwerk zwei größere Jungen auf, Mattes und Backes, die immer zu zweit durch den Kiez strichen, wie Halbstarke, aber ohne Lederjacke und Karottenjeans; immerhin hatten sie die Haare zu einer albernen Tolle hochgekämmt. Sie nahmen mich blitzschnell, ohne ein Wort, in den Würgegriff und drehten Baldur, der tapfer um sich schlug, den Arm knirschend nach hinten. Sie drohten uns mit bohrenden Blicken und verlangten, dass wir unsere Taschen leerten. Sie begutachteten die Habseligkeiten, die Murmeln, Zigarettenkippen, Kaugummis, das kostbare Taschenmesser und die paar Münzen, die wir dabeihatten, und nahmen sich, was ihnen gefiel. Die anderen Sachen, auch Baldurs abgewetztes Portemonnaie mit einem Wappen der Hitlerjugend – »Nazikram!« brüllte Backes, »dafür musst du büßen!« – warfen sie hinunter in den geborstenen Heizungsraum, in dem Wasser stand.
Sie vertrieben uns von der Ruine und schimpften drohend hinter uns her: »Hier ist unser Grundstück – ihr Dreckskerle habt hier nichts zu suchen! Lasst euch nie, nie wieder blicken, ihr Nazi-Bubis, ihr braunen Pimpfe, sonst krepiert ihr hier!«
Obwohl ich tapfer schluckte, stiegen mir Tränen in die Augen. Baldur heulte vor Wut.
Das Verbrechen, das uns widerfahren war, würde wohl ungesühnt bleiben. Denn wir hatten wieder verbotenes gemacht, verbotenes Gelände betreten. Die Erwachsenen warnten immer wieder. Streifzüge, ja nur das Betreten der Trümmer waren strikt verboten. Viel zu gefährlich: Es bestand Einsturzgefahr, man konnte einbrechen, und schlimmer noch: Immer wieder stieß man auf Blindgänger, nicht gezündete Bomben und Granaten, lauernde Monster.
Natürlich waren Mattes und Backes üble Kerle, aber zu arm, um echte Halbstarke zu werden – und wie Mama einmal sagte, waren sie »arme Hunde«: Mattes’ Mutter war schwer krank, sein Vater in Kriegsgefangenschaft verhungert. Backes’ Vater war verschollen und seine Mutter war bei einem der Bombenangriffe unter den Trümmern begraben worden. Und Backes, noch ein kleiner Junge von zwei Jahren, hatte neben ihr wie durch ein Wunder im Luftschutzkeller überlebt.
Nach einem hässlichen Streit gestern Abend habe ich wieder einmal zu verstehen versucht, irgendwie – und zusammengefügt, was ich über Mama und Papa wusste. Das meiste hatte mir Mama in den vergangenen Monaten erzählt, wütend, aufgebracht oder verschwörerisch, mit fragendem Ton anvertraut, hungrig nach Bestätigung:
»Du bist jetzt alt genug, einiges zu erfahren!«, hatte sie gesagt. Und manches wusste ich aus Bemerkungen von Papa, vor allem auf unseren Ausflügen, vor allem auf dem Heimweg, wenn es wieder zurückging in unsere kleine Familie, so schien es mir, da hatte er plötzlich etwas erwähnt… manchmal auch, nachdem ich vorsichtig gefragt hatte.
Mama war jetzt vierzig Jahre alt (1916 geboren) und Lehrerin für Kunsterziehung und für Hausarbeit, Nähen, Stricken, Kochen, Werken… Daneben begeisterte sie sich für Kunst und war kreativ – mit Collagen! Sie interessierte sich vor allem für entartete Kunst, die »totgeschwiegene«, »liegengebliebene« Kunst aus Nazitagen, wie sie sagte. Das passte zu ihrer rebellischen Seite, wie sie sagte, sie war originell und legte Wert darauf, war geradezu besessen vom »Schönen« und »Originellen«. Sie war getrieben von »Unerfülltheit«, wie sie sagte, und sah mich dabei unglücklich an. Sie verfolgte künstlerische Pläne, vor allem mit ihren Collagen, zu denen sie sich von Hannah Höch oder Max Ernst inspirieren ließ… Die Collagen gefielen auch mir sehr gut, denn sie waren so vielfältig montiert und oft frech und geheimnisvoll. Mama versuchte »sich zu entfalten«, wie sie mir sagte, musste aber als Lehrerin so vieles einfach »abarbeiten«. Nicht nur die Schüler strengten sie sehr an, der Schule fehlte es immer noch an vielem, das man für den Unterricht eigentlich brauchte – und sie kam erschöpft nachhause, wo sie sich dann noch um den Haushalt kümmern musste, kochen, saubermachen, einkaufen – oft klagte sie. Ich half zwar etwas mit, aber aus ihrer Sicht nie genug! Und Papa entzog sich diesen Tätigkeiten fast ganz, mit seinen unregelmäßigen Arbeitszeiten und seinen Kneipen-Versackern, seinen Abwesenheiten, seiner Trinkerei.
Und er? Er war noch keine dreißig! (geb. 1928). Er war charmant und lustig. Er sah gut aus, wie ich fand. Unter den jüngeren Männern, die vom Krieg übriggeblieben waren, stach er hervor mit seinen langen, blonden Haaren, seiner schlanken Figur, mit seinen eleganten Bewegungen. Nach dem Krieg, nach seinem Krieg, von dem ich nicht viel wusste, kam er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Dort wurde er entlassen im August 1945. Und Anfang des Jahres 1946, er war kaum 18 Jahre alt, lernte er Mama zufällig kennen. Wie sie mir erzählt hatte, war sie angetan von dem jugendlichen Charme des schmächtigen, aber attraktiven blonden Jünglings, der witzig war – und gut roch.
Und Papa: Beeindruckt von dieser gutaussehenden, erfahrenen Frau von gut 30 Jahren, war stolz, sie erobert zu haben, eine Frau mit Beruf, Lehrerin für Hauswirtschaft und Kunsterziehung, die so interessante Ideen hatte! Nur einige Wochen später – im März 46 – haben sie in einer begeisterten Liebesnacht den Jungen gezeugt, der im Dezember 1946 geboren wurde: mich, Tomas… Dabei hatten sie schwarz gebrannten Alkohol mit billigem Fruchtsaft zu einer gefährlichen Bowle gemischt, so hatte Papa erzählt: und der »Fusel« hatte ihnen – beiden! – endgültig den Kopf verdreht…
»Papa ist ›emotional instabil‹«, schimpfte Mama öfters. »Er ist seelisch versehrt aus dem Krieg zurückgekehrt«, behauptete sie. »Und ich habe es idiotischerweise nicht gleich gemerkt! Ich werde es mir nie verzeihen!«
Papa war von Anfang an sehr verschlossen, wenn es um seine Kriegserfahrungen ging, die er als Fünfzehnjähriger bei der Flak erlebt hatte.
»Auch heute noch – mit fast dreißig! – ist Papas Persönlichkeit die eines ›Buben‹, unreif und zerbrechlich! Er ist verspielt, ruhelos, und kann sich nicht richtig konzentrieren«, behauptete Mama. »Gelegentlich hat er sogar ›Angstanfälle‹«, ein Wort, mit dem ich nichts anfangen konnte, »und so findet er nie eine richtige, gute Stelle!«
Was Angst war, wusste ich natürlich, aber »Anfälle« von Angst? Bei Papa?
»Vor allem aber jagt er jedem Rock nach!«, schimpfte sie weiter. »Er will ein Frauenheld sein! Bei allen Eroberungen und Affären lebt er auf, und ich merke sofort, wenn wieder etwas ›läuft‹…«
Nach langer, schwieriger Suche nach einer Arbeit, die er bewältigen konnte, hatte er vor kurzem eine Stelle als Vertreter bei Geiss Figuren gefunden! Die Firma stellte Märchenfiguren für Schaufenster und Verkaufs-Dekorationen her – Figuren, die sich bewegten, die bunt und unübersehbar waren. Kinder waren begeistert davon – und auch viele Erwachsene ließen sich von den charmanten Gestalten einnehmen…
»Diese kindlichen Figuren passen zu ihm!«, sagte Mama abfällig. »Und seit der Nachkriegszeit versprechen sie mit ihren Bewegungen, ihren Wiederholungen, allen Menschen ein überschaubares und ruhiges Leben!«, fügte sie hinzu. Sie sah mich dabei ernst an: »Hoffentlich ›verkintscht‹ er dabei nicht völlig…!«
Papa betreute bald ganz West-Berlin und hatte gelegentlich sogar Aufträge in Westdeutschland. Er war dann für ein paar Tage auf Akquisitionsreise, was Mamas Geduld und Hellhörigkeit ganz besonders auf die Probe stellte.
Der Umgang von Papa und Mama miteinander war spätestens, seit ich in die Schule ging, schon angegriffen, kühl, manchmal grob. Sie verdächtigte ihn, klagte ihn an, war wütend und litt unter seinen Zurücksetzungen, seiner Missachtung, seinen Affären. Sie war sehr hellhörig und eifersüchtig, erduldete seine Trinkerei, seine Unberechenbarkeit, seine Unzuverlässigkeit, seine frechen Bemerkungen… Und Papa: Er war durch Mamas andauernde Verdächtigungen genervt, und durch ihr unberechenbares Auf und Ab irritiert, gereizt, manchmal regelrecht abgestoßen – oder zog sich kühl zurück.
Mama und Papa feierten ihre Hochzeit im September 1946 mit einer Bowle, stark, mit scharf Gebranntem unterlegt, mit Salzstangen und »Igeln« – Salzstangen-Stacheln in Ei-Körpern – mit amerikanischen Erdnüssen vom Schwarzmarkt, mit russischen Eiern verziert mit schlechter Mayonnaise, mit Pumpernickel. Ich weiß es, denn als ich kleiner war, hatten sie mir zu Ehren bei ihrem Hochzeitstag ein solches Mahl wiederholt. Ich war begeistert! Günter Borsich und Helga, seine Frau, waren Trauzeugen und hatten bei den Besorgungen für das Hochzeitsfest mitgeholfen – und dann mitgefeiert, mitgetanzt bis in die Nacht. Ich war, mal mit Mama, mal mit Helga, müde getanzt schließlich auf dem Sofa eingeschlafen!
Es gab viele Trümmerzonen, Grundstücke und Ruinen in unserem Viertel, die unsere Neugier weckten, vor allem wenn ich mit Volker, Baldur oder Kurti aus dem Kiez unterwegs war, eine unerschöpfliche Welt, die wir erkundeten, bis tief in das Bayerische Viertel hinein: Was versteckte sich hier, was konnte man tun, erobern, wo sich verkriechen, wo etwas bauen, welche Spiele spielen, außer Murmeln? Doch waren die meisten Ruinen schon von anderen Gruppen oder Cliquen von Kindern und Jugendlichen »in Besitz genommen«, und man konnte nicht einfach eindringen und ungehindert herumturnen oder erkunden… Und doch war dies alles auch unser Reich, durchsetzt von elterlichen Verboten, Mahnungen und Strafen, von »Eintritt verboten«-Schildern, oft eingezäunt, umzingelt von Barrikaden, manchmal Stacheldraht, mit Schlupflöchern, die nur wir kannten.
Dazu gehörten auch Trümmerwüsten, Schuttwüsten mit Sandhügeln und Mulden, Bubenlandschaften, die Funde, Kampf, Verrat und Solidarität versprachen. Hier entwickelten sich unsere eigenen Geschichten: Kämpfe um Territorien, das Räumen und Schaffen von Winkeln und Verstecken. Außerdem lag in dem Schutt ein unerschöpfliches Sammelsurium von Trümmern, Materialien, Formen bereit. Ihre Vergangenheit konnte man manchmal noch ahnen – sie lieferten den Stoff für Bilder und Symbole, für Fantasien.
Ich spielte oft mit den anderen in den Trümmern unseres Viertels, und dort ging es uns nicht nur ums Erkunden und Bauen, sondern auch ums Springen, Toben und Laufen, um Murmeln, Dreck, um Verstecke, um Mutproben, Kämpfe – und um Feuer! Wir liebten es, zu zündeln und wussten, es war sehr gefährlich, denn einige Materialien aus den Trümmern konnten, vertrocknet, wie sie waren, brennen wie Zunder. Dann rannten wir johlend durch das Feuer oder sprangen darüber – wir waren erregt, entfesselt. Man musste höllisch aufpassen! Wir wussten, wenn man Feuer fing, musste man sich sofort, rasend schnell auf dem Boden wälzen – »ganze Drehung!«, schrien wir uns immer wieder zu! Und wir wussten, Rauch und Brandgeruch konnten uns verraten… Es war wie mit den Termiten: Wir wünschten uns leidenschaftlich und abenteuerlich Termiten in unserem Trümmerland und erschraken, als sich plötzlich Völker winziger Ameisen auszubreiten begannen.
In der katastrophalen Zerstörung, in der Unordnung, mit den letzten Resten von Struktur und der Aufhebung von Strukturen lag diese fantastische, unwirkliche Welt aus Staub und Mauerstücken, durchsetzt mit Metallhaaren und Eisenfingern des Stahlbetons, die sich grotesk, wie ein Schrei in den Himmel recken konnten, mit Bruchstücken, Ausbrüchen, Klamotten in allen Formen und Größen. Den Ausgangspunkt kannten wir ja nicht: Was ursprünglich war, nun aber zerfetzt und in Trümmer umgeformt, konnten wir nicht »herauslesen«. Vor allem die Zerstörung selbst konnten wir nicht begreifen, uns nicht vorstellen, nicht einmal ahnen: die Explosionen, die Brände und Feuerstürme waren ein gewalttätiges Geheimnis.
Unter den Ruinen gab es eine große Vielfalt: luxuriöse Gründerzeithäuser mit Stuckbrücken an Wänden, Decken, Simsen, mit Resten üppig bunter Tapeten; Mietwohnungs-Blöcke mit ihren verschachtelten Hinterhöfen, aber auch einzelne Villen, wie die zerstörte Seidenraupen-Villa in der Hauptstraße; Bahnhöfe, Kirchen, vor allem Synagogen, Schulen, Theater. Mit teils großartigen Fassaden, die stehengeblieben waren, wie beim Anhalter Bahnhof, in denen die Kühnsten von uns herumkraxelten. Größte Neugier erregten Keller-Labyrinthe und »Gewölbe« aller Art; dort fanden sich immer wieder Räume, Teile, die noch ungeöffnet und nicht gänzlich ausgeräumt schienen. Immer hoffte man auf »Schätze«: Tresore, Schmuck, Weinkeller, geheime Lager… Zugleich waren die Gewölbe äußerst gefährlich, und alle paar Monate hörte man von Einstürzen, Wassereinbrüchen und Verschüttungen. Immer wieder waren Kinder wie wir betroffen, manche kamen darin um…
Papa hatte mir ein paar Vorkriegs-Fotos gezeigt – natürlich sagte man »Vorkrieg« und »Nachkrieg«, der Unterschied war eine erschreckende Leerstelle, unvorstellbar für mich. Manche Trümmergrundstücke waren wie ausgebrochene Zähne in den Häuserfronten, ein böses Märchen von Verbot und Verlockung. Staub, Simse, Einrichtungen, Bruchstücke des alten Inventars – vieles durcheinander gefetzt, verwirbelt, begraben. Mächtige, fragile Wände standen noch, wacklige Mauern, auf denen wir geschmeidig balancierten, unter uns Schuttwinkel, von Disteln und Unkraut überwuchert. Die vereinzelt noch vorhandenen Fenster leer und offen, Aussparungen in einer Mauerskizze, der aufgegebenen Skizze eines Hauses. Sie wiesen auf nichts, schauten auf nichts.
»Trümmerkinder« wie wir waren meist zwischen sechs und vierzehn, wenn die Volksschule zu Ende war. Aber manchmal bekamen wir Besuch von Halbstarken, die ja eigentlich nicht mehr dazu gehörten. Sie waren lieber auf Brachen, bei Häuserecken und Hinterhöfen, Unterschlupfen – dennoch machten sie Ärger und terrorisierten uns auf »unseren« Territorien.
Auf unserem Trümmergrundstück, unserem Territorium
