Nur ein Blick - Kerstin Imrek - E-Book

Nur ein Blick E-Book

Kerstin Imrek

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Beschreibung

In einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliche Liebe als Unart gilt und Betroffene ausgegrenzt, geächtet und nicht selten durch grausame Selbstjustiz gerichtet werden, keimen in dem 19-jährigen Sam Gefühle für einen Mann auf. Und der gesteht ihm sogar seine Liebe! Es könnte so schön sein, wären da nur nicht Sams Unsicherheit, Angst - und die strikte Weigerung, seine Neigung zu akzeptieren ...

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Sam und Nate

»Bitte lass zu, dass du glücklich bist. Dass WIR glücklich sind.«

Inhalt:

In einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliche Liebe als Unart gilt und Betroffene ausgegrenzt, geächtet und nicht selten durch grausame Selbstjustiz gerichtet werden, keimen in dem 19-jährigen Sam Gefühle für einen Mann auf. Und der gesteht ihm sogar seine Liebe!

Es könnte so schön sein, wären da nur nicht Sams Unsicherheit, Angst – und die strikte Weigerung, seine Neigung zu akzeptieren ...

!!!

In dieser Geschichte kommen vor:

Selbsthass

Homophobie

Machtmissbrauch

Sexuelle Handlungen

Vergewaltigung

.

Leseempfehlung ab 16 Jahre!

Liebes Tagebuch

Wir schreiben das Jahr 2163. Der Dritte Weltkrieg hat damals fast alles zerstört. Wir leben inzwischen in einer Stadt hinter Mauern, regiert von James Lagerfeld, der uns mit Chips im Genick kontrolliert und Andersdenkende gnadenlos bestraft. Solange man tut, was er will, ist alles gut. Uns fehlt es hier an nichts. Aber wehe, man fällt durchs Raster – oder verliebt sich in das falsche Geschlecht ...

Inhaltsverzeichnis

Liebes Tagebuch

1. Begegnung

2. Begegnung

3. Begegnung

4. Begegnung

5. Begegnung

6. Begegnung

Für immer.

Über die Geschichte

Über die Autorin

Über das Buch

Love is Love

Weitere Informationen

1. Begegnung

Vorbei.

Der Wind blies Sam ins Gesicht, nahm ihm für einen kurzen Moment den Atem. Und trieb ihm die Tränen in die Augen. Gequält schloss er sie. Seine Finger klammerten sich enger um das Metallgeländer. So fest, dass es beinahe schmerzte. Wenigstens zitterten sie jetzt nicht mehr so sehr.

Vorbei.

Er atmete ruhig, doch in seinem Inneren tobte ein Sturm. Heftiger noch als hier draußen auf dem Balkon – in über hundert Metern Höhe. Sam kam hierher, wenn er nachdenken musste oder traurig war. Zurzeit könnte er sich dauerhaft hier einquartieren.

Vorbei.

Schon seit einem Monat, doch es fühlte sich wie gestern an. Greta hatte ihn verlassen, ganz ohne Vorwarnung. Wieso? Das verstand er bis jetzt nicht, ihre Worte ergaben keinen Sinn.

»Es tut mir leid, aber das mit uns hat keine Zukunft. Ich bin nicht das, was du brauchst. Du kannst ruhig wütend auf mich sein und mich hassen, aber bald dankst du mir dafür.«

Pfff, von wegen!

Sam biss die Zähne aufeinander, um nicht zu schreien und die Welt zu verfluchen. Diese kalte, lieblose Welt, die sich ihm vom Balkon aus in ihrer ganzen Trostlosigkeit präsentierte. Diese verdammten Hochhäuser, die sich fast bis zum Horizont erstreckten. Bis zur Mauer, die die Grenze markierte.

Bis hier und nicht weiter!

GS-City. Sams Zuhause. Aber nicht seine Heimat.

Er hatte noch nie einen Fuß vor die Stadt gesetzt, denn jeder, der das tat, bezahlte es mit dem Leben. Also keine gute Idee. Eine eigene Meinung zu haben war ebenso gefährlich. Zumindest, wenn sie die Ideale von GS in Frage stellte.

Sam fühlte sich gefangen. Körperlich und seelisch. Er verachtete die Methode, mit der die Menschen gefügig gemacht wurden. Die Chips, die sie kontrollierten, um die Ordnung zu wahren – so jedenfalls die offizielle Rechtfertigung.

Ein Wunder, dass GS die Menschen überhaupt noch denken ließ. Wieso programmierte Global Save sie nicht einfach zu willigen Dienern um? Dann gäbe es auch keine Probleme mit Rebellen jenseits der Mauer.

Wie es sich wohl anfühlt, dort zu leben? Frei zu sein?

Frei, wie der Wind, der Sam mit einer heftigen Böe zurück in die Realität holte, in der er verlassen worden war. Sein Herz zog sich zu einem festen Klumpen zusammen. Was habe ich falsch gemacht? Ich verstehe es nicht.

Wahrscheinlich liebte sie ihn einfach nicht mehr und packte diese Tatsache in blumige Worte. Damit er sich nicht so schlecht fühlte oder aus lauter Verzweiflung über das Geländer kletterte und sich in die Tiefe stürzte.

Sam reizte der Gedanke durchaus. Dann wäre er zumindest für einige Sekunden frei. Frei und schwerelos – bis der Asphalt ihn gnadenlos zerschmetterte und sein bedeutungsloses Leben beendete.

Kein würdiger Abtritt. Und feige obendrein.

Nein! Sam atmete tief ein und aus, blinzelte die Tränen aus den Augen und richtete seinen Blick in die Ferne. Es gab eine Zukunft für ihn. Ohne Greta. Am besten ohne Liebe – ohne Kummer und Schmerz.

Sams Hände glitten vom Geländer. Sie waren taub von der Kälte und dem festen Griff. Er schüttelte sie und seufzte, dann drehte er sich um und hielt auf die Glastür zu. Wischte die restlichen Tränen aus dem Gesicht, bevor er in seine Welt zurückkehrte.

In den Alltag.

Ohne Liebe.

Sam versuchte, Greta zu vergessen. Ihre sinnlichen, dunklen Augen. Die geschwungenen Lippen. Ihr Lächeln. Ihre Hände, die ihn zärtlich streichelten. Die Geräusche, die sie machte, wenn sie mit ihm schlief. Ihre verschwitzte Haut auf seiner, wie sie ihn mit Mund und Zunge in Ekstase versetzte ...

Sams Vorsatz, die Liebe und somit auch die Leidenschaft aus seinem Leben zu verbannen, geriet heftig ins Schwanken. Es fiel ihm schwer, die Fassung zu wahren, nicht schwach zu werden. Sein neunzehnter Geburtstag stand bevor. Er könnte bei Greta den Wunsch äußern, wieder mit ihr zusammensein zu wollen.

Und sich gnadenlos blamieren.

Nein, es ist vorbei, ermahnte er sich. Sie will mich nicht mehr. Sie hat mich nicht verdient! Ich sollte ihr nicht nachweinen und mir lieber einen Ersatz besorgen. Es gibt genug Frauen da draußen. Und Männer ...

Sams Finger verkrampften sich. Es knackte und ein heißer, stechender Schmerz fuhr in seine rechte Handfläche. Erschrocken senkte er den Kopf und starrte auf seine Finger, zwischen denen Blut hervorquoll.

»Was machst du denn?« Jemand packte ihn am Unterarm. »Du hast dich geschnitten. Wir müssen es verbinden.«

Sam hörte die Stimme seines Vaters Alaric nur gedämpft. Wie in Trance löste er den Griff und musterte die zerbrochene Glasphiole. Einige Scherben steckten tief in seiner Haut. Der Rest schwamm in einem kleinen Blutsee, der überlief und sie von seiner Handfläche spülte.

»Wie ist das passiert? Wir müssen die Blutung stoppen und schnell zum Arzt.«

Sam nickte nur, überließ seinem Vater die Führung. Er stand völlig neben sich, hatte nur Augen für das Blut. Wie es über seinen Unterarm rann und zu Boden tropfte. Wie ein Idiot stierte er es an, vergaß, dabei zu blinzeln. Stand er so sehr unter Schock? Was war überhaupt passiert?

Der Arzt entfernte die Scherben, desinfizierte Sams Wunde und legte ihm einen Verband an. »Und in Zukunft packen Sie nicht ganz so fest zu. Dann hat die Phiole auch eine Chance.«

Sein scherzhaftes Lachen dröhnte in Sams Kopf. Er brachte mühsam ein halbherziges Nicken zustande und nahm die Schmerztabletten entgegen.

»Nimm am besten gleich eine, dann gehen wir zurück ins Labor«, drängte Alaric. »Es gibt viel zu tun und du hattest nichts Besseres im Sinn, als im Kram von anderen Leuten zu wühlen und dich dabei auch noch zu verletzen.«

Sam hatte kein Mitleid oder gar Rücksicht von seinem Vater erwartet. Die Lust zu Streiten fehlte ihm ebenfalls. Und so konterte er lediglich mit einem halbherzigen Murren und fügte sich seinem Schicksal, das ihn einmal im Monat ereilte.

Er besuchte wie alle anderen in seinem Alter die GS-Akademie. Neben Mathematik, Physik, Chemie, Sprachkunde und Weltgeschichte stand in seiner Fachrichtung der Chipentwicklung auch noch die Praxiskunde an. Was hieß, dass er und seine Mitstudenten alle drei Wochen fünf Tage im Labor seines Vaters verbrachten. Sie griffen ihm unter die Arme und lernten dabei das, was sie nach Abschluss ihrer Ausbildung erwartete.

Gefragt, ob er das wollte, hatte Sam nie jemand. Wieso auch? Er würde in die Fußstapfen seines Vaters treten – der rechten Hand von James Lagerfeld. Das stand seit seiner Geburt fest. Es war sein Schicksal. Seine Bestimmung. Die größte Ehre überhaupt. Theoretisch. Sam war weder stolz darauf, noch brüstete er sich damit.

Moralische Zweifel? Unerwünscht.

Freunde hatte Sam keine. Er brauchte und wollte auch keine. Falsche Freunde hingegen gab es genug, allen voran Emil, Ole und Gustav. Sie versuchten permanent, sich bei Sam und dessen Vater einzuschleimen, um über sie an Lagerfeld heranzukommen. Ihn auf ihre Existenz und Qualitäten aufmerksam zu machen. Um irgendwann einmal eine bedeutende Machtposition einzunehmen. Am besten die von Alaric, der als Lagerfelds Nachfolger gehandelt wurde. Sie vergötterten das Oberhaupt von GS, sprachen von ihm wie von einem Heiligen. Sam ließ sie eiskalt abblitzen, konnte nur mühsam seinen Hass unterdrücken, den er allein bei dem Gedanken an diesen Mann hegte.

Leider gehörte sein Vater ebenso zu den Reihen der glühenden Verehrer. Er sah und hörte es nicht gern, wenn Sam abfällig von Lagerfeld sprach, musste ihn schon oft ermahnen, sich in Gegenwart anderer angemessen auszudrücken. Das schadete sonst dem Namen Lamark, beschädigte seinen gesellschaftlichen Stand. Die Ehre der Familie.

Als ob sie je eine Familie gewesen wären.

Dass ihn seine Mutter kurz nach der Geburt zurückgelassen hatte, konnte Sam bis heute nicht begreifen. Für einen neuen Freund und die Freiheit. Waren es diese Dinge wert, seinen eigenen Sohn im Stich zu lassen? Ihn auf die schlimmste Art zu verraten, die es gab? Ob sie da draußen überhaupt noch lebte? Ob sie ihre Entscheidung bereute?

Sam war oft wütend auf sie – schrie sie an, obwohl sie gar nicht da war. Niemals da gewesen war. Er widmete ihr viele selbstgeschriebene Gedichte oder teilte tiefen Kummer mit seinem Tagebuch.

Neuerdings füllte er es zusätzlich mit Gretas Trennungsschmerz und tröstete sich mit Einträgen aus der Zeit, in der er mit ihr zusammen glücklich war. Gleichzeitig suchte er nach Anhaltspunkten, was er falsch gemacht haben könnte. Warum Greta es nicht mehr mit ihm ausgehalten hatte.

Vielleicht muss ich einfach ein bisschen mehr den Macho raushängen lassen?, überlegte er. Ich bin zu weich. Die meisten Frauen mögen harte Kerle. Ich schreibe Gedichte und Tagebuch, heule wegen jeder Kleinigkeit. So etwas tut ein normaler Mann doch nicht, oder? Was stimmt nicht mit mir? Warum bin ich so?

Warum?

»Was träumst du schon wieder herum?«

Alarics Stimme fuhr wie ein glühender Schürhaken in Sams Gedankenwelt. Ertappt zuckte er zusammen, bemerkte erst jetzt, dass er vor dem Waschbecken stand und kaltes Wasser über seine linke Hand lief. Um sie vom Blut zu befreien, das auf sie getropft war. Dabei starrte er sein Spiegelbild an, als wäre es ihm völlig fremd.

»Auf jetzt, trödel nicht so!«, drängte sein Vater.

»Ist ja gut.« Sam seufzte resigniert, rieb die Hand notdürftig am Tuch neben dem Waschbecken trocken. Bevor er sich von seinem Spiegelbild trennte, strafte er es noch mit einer Grimasse. Blöder Softie!

Dann trat er neben Alaric, der Einzelteile eines Chips vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Die Puzzlestunde hatte begonnen.

Sam schlug das Heft zu und klemmte den Stift in den Umschlag. Es ging ihm nicht gut. Tagebuch schreiben hatte kaum etwas daran geändert. Dabei stellte es die einzige Therapie dar, die ihm zur Verfügung stand. An manchen Tagen half aber selbst das nichts. Erst recht nicht an seinem Geburtstag, der auf dem besten Weg war, trostlos wie alle anderen Tage zuvor zu werden. Vielleicht sogar noch schlimmer. Denn ausgerechnet heute gedachte Lagerfeld, ihn zu einer Lagebesprechung des GSK mitzuschleifen. Das tat er zirka alle drei Monate. Um Sam zu ärgern, seine Macht zu demonstrieren oder aus einem anderen absurden Grund. Sam fragte nicht nach, sondern duldete das, wofür viele seiner sogenannten Freunde sogar töten würden: Er verbrachte Zeit mit Lagerfeld, stand an seiner Seite, während die Führer der GSK-Einheiten über die jüngsten Pläne und Entwicklungen diskutierten und Lagerfeld ihre Strategien präsentierten. Um Widerstände einzudämmen, Rebellen gefangen zu nehmen und ihre Verstecke zu stürmen. Alles, was Sam so sehr verachtete.

Augen zu und durch!

Sam schob das Notizheft unter das Polster seiner Couch und stand auf, streckte sich. Er trug noch seinen grünen Lieblingsschlafanzug mit dem ausgeleierten Gummibund. Routiniert zog er sich die Hose, die ihm ständig über die Hüfte rutschte, wieder an seinen Platz und trottete ins Bad. Gefrühstückt hatte er wie meistens nichts, doch Zähne putzen musste sein. Sam wünschte sich, er würde Kaffee trinken. Dann lief er nicht den halben Morgen wie ein Zombie durch die Gegend. Obwohl er nicht allzu spät ins Bett ging, kam er in der Früh kaum auf die Beine. Vielleicht lag es daran, dass er ewig brauchte, um einzuschlafen. Seit Gretas Abfuhr lag er oftmals bis zwei Uhr und später wach, malte sich aus, was sie den Tag über alles getan hatte. Und ob sie vielleicht ein bisschen an ihn dachte. Dabei hatte er sich geschworen, ihr nicht länger nachzutrauern und taffer zu werden. Wenn er weiterhin Gedichte und Tagebuch schrieb, konnte das aber nichts werden. Obwohl ...

Ich könnte Greta ein Gedicht widmen. Sie mochte meine Gedichte doch eigentlich immer. Frauen lieben so schnulziges Zeug. Also kann mein Hobby nicht SO falsch sein, oder? Ich schreibe ihr eins, dass sie gar nicht anders kann, als mich zurückzunehmen. Falls ich sie überhaupt noch will.

Sam verschluckte sich beinahe an dem Gemisch aus Zahnpasta und Spucke, prustete es gegen den Spiegel vor sich. Spielte sein Verstand verrückt? Warum sollte er sonst so eine seltsame Frage produzieren? Wie vor Kurzem, als er über Alternativen für Greta sinniert hatte. Über ...

»Schluss!« Sam funkelte sein Spucke gesprenkeltes Spiegelbild finster an. »Du hast hier gar nichts zu melden, klar? Ich liebe Greta, und nur sie. Niemanden sonst!«

Damit war das auch geklärt. Sam wischte notdürftig mit einem Handtuch über den Spiegel, spülte seinen Mund aus und strampelte auf dem Weg ins Schlafzimmer seine Hose von den Beinen. Das Oberteil schaffte es immerhin aufs zerwühlte Bett.

Für offizielle Anlässe wie die Visite mit Lagerfeld beim GSK gab es eine vorgeschriebene Garderobe. Für Sam, der sich in weiten Schlabberklamotten am wohlsten fühlte, eine echte Qual. Vor allem das extrem eng geschnittene, goldmelierte Seidenhemd. Dazu eine schwarze Stoffhose mit Bügelfalte und schwarze Lackschuhe.

Die widerspenstigen Haare zwängte er mit einer Handvoll Gel in eine seriöse Position. Nun sah er wie ein schleimiger Geschäftsmann aus. Sam hasste derartige Typen. Sie hielten sich allesamt für etwas Besseres, stolzierten mit geschwellter Brust herum und diskutierten dabei unentwegt mit unheimlich wichtigen Leuten über unheimlich wichtige Dinge.

Sein Vater passte perfekt zu diesem Schlag. Und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Sam sich ihnen anpasste – einer von ihnen wurde. Ein gesichtsloser Speichellecker, der Lagerfelds Ideale liebte und lebte. Sam wäre dagegen lieber bei seiner Mutter. Obwohl er so unendlich wütend auf sie war, liebte er sie tief in seinem Herzen. Warum hatte sie ihn damals nicht einfach mitgenommen?

Als Rebell gäbe ich sicher eine viel bessere Figur ab.

Allein für diesen Gedanken hätte Lagerfeld ihn wohl höchstpersönlich im Weißen Zimmer auf die Liege geschnallt und gefoltert. So wie er es mit denen tat, die anders dachten oder gar fliehen wollten. Sie endeten meist als unfreiwillige Testpersonen für die neueste Chip-Generation seines Vaters. Irgendwann würde Sam für ihre Weiterentwicklung verantwortlich sein und ihn und Lagerfeld stolz machen. Davor graute es Sam schon jetzt. Ihm reichten die Einblicke, die er einmal im Monat im Praxisteil seiner Ausbildung gewann.

Aber wie immer galt es gute Miene zum bösen Spiel zu machen, in seine Rolle zu schlüpfen und die Gefühle auszuschalten.

Sam auszuschalten.

»Pünktlich wie immer.« Lagerfeld empfing Sam wie gewohnt im Anzug, das schlohweiße Haar zu einem strengen Zopf zurückgebunden. Auf seinen Lippen lag das für ihn typische Lächeln. Oberflächlich freundlich, mit einer herrischen Note, die seine erhabene Stellung vermittelte.

Sam vermied es, ihm in seine kalten Augen zu blicken, neigte den Kopf zur gewünschten Respekterweisung. »Ich würde mir nie anmaßen, Euch warten zu lassen.«

Lagerfeld sparte sich eine Antwort und schritt voraus. Zum Konferenzraum, wo die Lagebesprechung des GSK stattfand. Dass er an seinen Geburtstag dachte, ihm geschweige denn gratulierte, hatte Sam nicht erwartet. Und er wurde nicht enttäuscht.

An der Seite des GS-Oberhauptes betrat Sam den Konferenzraum. Ein Dutzend Truppenführer diskutierten gerade angeregt über einen an die Wand projizierten Plan, der die Grundrisse eines Gebäudes zeigte. Als sie Lagerfeld bemerkten, brachen sofort alle Gespräche ab. Die Männer nahmen Haltung an und überließen Lagerfeld das Wort.

Sam hörte nur mit halbem Ohr zu, ließ dabei seinen Blick über die schwarzen Mäntel und goldglänzenden Embleme auf der Brust jedes einzelnen Mannes schweifen. Das Zeichen ihrer unantastbaren, grausamen Macht.