Nur ein Zeichen - Neo Lichtenberg - E-Book

Nur ein Zeichen E-Book

Neo Lichtenberg

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Beschreibung

Einige Zeit möchte Daniel es nicht wahrhaben, aber seine Beziehung zu Michael hat deutliche Risse. Ist ihre Liebe doch nicht perfekt? Daniel erkennt, dass sein komfortables Leben einen Preis hat, den er bisher nicht hatte bedenken wollen. Geschehnisse, die Daniel niemals für möglich gehalten hätte, lassen ihm schließlich keine Wahl. Es gibt keine andere Möglichkeit, als sich auf den Weg zu machen und herauszufinden, was das Leben jenseits der Sonnenseite für ihn bereithält. Gelegentlich braucht es Nur ein Zeichen, um ein völlig neues Dasein beginnen zu lassen.

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Nur ein Zeichen

Die Geschichte einer Entwicklung

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Alones – shutterstock.com

© Andre Helbig – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-468-1

ISBN 978-3-96089-469-8 (epub)

Inhalt:

Einige Zeit möchte Daniel es nicht wahrhaben, aber seine Beziehung zu Michael hat deutliche Risse. Ist ihre Liebe doch nicht perfekt?

Daniel erkennt, dass sein komfortables Leben einen Preis hat, den er bisher nicht hatte bedenken wollen.

Geschehnisse, die Daniel niemals für möglich gehalten hätte, lassen ihm schließlich keine Wahl. Es gibt keine andere Möglichkeit, als sich auf den Weg zu machen und herauszufinden, was das Leben jenseits der Sonnenseite für ihn bereithält.

Gelegentlich braucht es nur ein Zeichen, um ein völlig neues Dasein beginnen zu lassen.

Eins

Die Luft schmeckt nach Sommer. Weich und warm füllt sie meinen Mundraum. Mit der Zungenspitze bewege ich sie an meinem Gaumen, bevor ich sie schließlich hinunterschlucke. Sie hinterlässt Durst nach mehr. Ich strecke mein Gesicht der Sonne entgegen und öffne während der Fahrt immer wieder meinen Mund. Weit, als könne ich nicht genug davon bekommen; vom Sauerstoff, vom Leben.

Zwischen meinen Zähnen knirscht es und ein erdiges Aroma legt sich auf meine Zunge. Die Traktoren, die nahezu pausenlos die Felder bearbeiten, verletzen die Haut der Erde und wirbeln Fetzen auf. Fetzen, die langsam herabschweben und sich auf mir niederlassen.

Die Trockenheit auf der Zunge und der kratzende Hals machen mir jedoch nichts aus, da sich in meiner Tasche zwei Flaschen Wasser befinden. Der Komfort einer guten Versorgung lässt mich die Durststrecke aushalten. Bei nächster Gelegenheit werde ich das staubige Gefühl wegspülen.

Vor mir fährt Michael. Meine Wangen schieben die Sonnenbrille hoch, so sehr grinse ich beim Anblick seiner flatternden Locken. Die dunklen Strähnen wirbeln um seinen Kopf und von der korrekten Frisur, mit der er vor etwa einer Stunde von der Arbeit kam, ist nichts mehr übrig. Ein Umstand, der mir gut gefällt. Es ist lebendiger und weniger geschäftlich. Michael privat. Michael mein.

Mein Freund genießt offensichtlich den Luftzug auf der Haut und im Haar. Leise summt er vor sich hin. Normalerweise trägt er auf unseren Touren einen Fahrradhelm, aber da auch er sich über den Sonnenschein freut, hat er eine Ausnahme gemacht und gegen seine Prinzipien verstoßen. Auf meine stichelnde Bemerkung »Leben am Limit!« hat er lediglich mit einem verächtlichen Schnauben reagiert. Klug, wie ich bin, bin ich nicht weiter auf dem Thema herumgeritten.

Endlich sind die Tage wieder länger. Nach monatelangen Abenden vor dem Kamin und einem zaghaften Frühling zieht es uns nach draußen, woraus die Idee einer spontanen Radtour entsprang.

»Sollen wir am See eine Pause machen?«, fragt Michael und wendet seinen Kopf zur Seite, um zu schauen, wo ich bleibe. »Daniel? Erde an Daniel! Pause am See?«

In Gedanken versunken habe ich getrödelt und schrecke nun auf. Ich trete fester in die Pedale, um aufzuschließen.

»Von mir aus gern!«, rufe ich zurück. »Vielleicht bekommen wir noch einen Rest Sonne ab.«

So schön und hell es zum jetzigen Zeitpunkt auch ist, in einer halben Stunde und im Schatten wird es rasch kühler. Ich schiebe mir meine Sonnenbrille hoch ins Haar. Sie ist ziemlich schmierig, da immer wieder kleine Tiere gegen die Gläser fliegen.

Schweigend fahren wir den Weg entlang. Mein Blick schweift über die weiten Felder. Kurz vor dem See befindet sich ein Parkplatz. Michael wird merklich langsamer. Offensichtlich haben gerade einige Hundehalter ihre Spazierrunde beendet, denn auf dem Platz herrscht ein lebhaftes Treiben von Menschen und Tieren.

»Pass doch auf!«, motzt Michael ungehalten, als ein Auto plötzlich vor ihm ausschert. In letzter Sekunde bremst er ab und verhindert einen Zusammenstoß. Dafür fahre ich ihm beinahe auf. Wir wirbeln einigen Staub auf. Ich huste und reibe mir die Augen, mache es damit jedoch nur schlimmer.

»Hast du das gesehen?« Empört fuchtelt Michael mit der Hand dem davonfahrenden Wagen hinterher.

»Habe ich«, bestätige ich. »Aber ist ja nix passiert. Scheint gerade eine ungünstige Zeit zu sein.«

»Offensichtlich«, sagt Michael. »Schnell weg hier!«

»Wäre doch toll, wenn unsere Bank frei wäre«, sage ich zu Michael, der grinsend nickt. Unsere Bank. Das ist die Bank, auf der wir häufig rasten, wenn wir mit den Rädern unterwegs sind. Die Bank, auf der Michael mich vor einigen Jahren gefragt hat, ob ich bei ihm bleiben und wohnen wollte. Und ich wollte.

»Ich glaube, wir haben Glück.« Michael wird langsamer und biegt über einen kurzen schmalen Pfad zu unserem Lieblingsplatz ein. Ich steige ab und folge ihm durch die Büsche, während ich mein Rad schiebe. Die Stelle mit der Bank ist nicht direkt versteckt, aber doch genügend abseits des Weges, dass nicht jeder sie auf Anhieb sieht.

»Auch ein Wasser?«, frage ich, nachdem wir die Fahrräder abgestellt haben, und öffne die Tasche, die am Gepäckträger befestigt ist. Ob Michael ebenfalls an Getränke gedacht hat, weiß ich nicht. Ich jedenfalls bin ausgerüstet.

»Gern.« Michael setzt ein verschmitztes Lächeln auf. »Allerdings habe ich auch noch etwas Feines eingepackt.«

Er zieht eine kleine Kühltasche aus seiner eigenen Radtasche und stellt sie auf der Bank, die eher eine geschwungene Liege ist, ab. Nach einem weiteren Griff in die Tasche hält er ein Geschirrtuch in den Händen, aus dem er behutsam zwei Stielgläser wickelt.

»Wow! Du hast Wein dabei?«

»Richtig! Und ein paar Snacks. Nicht viel, nur eine Kleinigkeit.«

Wenige Minuten später entspannen wir auf der Bank, jeder ein Glas Weißwein in der Hand. Immer wieder hält mir Michael eine Pistazie vor den Mund, die ich dankend annehme. Jede Pistazie garniert er mit einem Kuss. Es ist kitschig. Es ist romantisch. Ich mag es.

Wir reden kaum, sondern genießen den Ausblick auf den See, die untergehende Sonne und uns. Nicht mehr lang und wir sitzen bald im Dunkeln. Als mir trotz des Pullovers kalt wird, lehne ich mich an Michaels Brust. Sofort legt er seinen Arm um mich und wärmt somit meine Schultern.

Ich drehe den Kopf ein wenig, schaue auf und betrachte meinen Freund im fliehenden Sonnenlicht. Die sich leicht bewegenden Blätter der Büsche und Bäume um uns herum zaubern surreale Reflexe auf Michaels Gesicht. Kleine dunkle Flecken hüpfen über seine entspannten Züge. Auf Kinn und Wangen liegt ein Bartschatten, den er morgen früh beseitigen wird, bevor er in die Firma fährt. Unter den Augen und in deren Winkeln haben sich frische feine Linien eingegraben. Michael arbeitet zu viel und nimmt sich zurzeit selten Zeit zur Erholung und Pflege. Umso glücklicher bin ich, dass er jetzt eine Pause macht, und das gemeinsam mit mir.

Niemals werde ich es ansprechen, aber ich bin sicher, dass ein paar hellere Haare dazugekommen sind. Mit hell meine ich grau. Es sind wenige, aber in Michaels braunem Haar fällt jede Farbabweichung auf.

Unseren Altersunterschied erkennt man auf Anhieb, was ich nicht schlimm finde. Gute zwanzig Jahre lassen sich kaum verstecken. Warum sollten wir überhaupt irgendetwas verstecken?

Michael ist ein attraktiver Mann. Seine Liebe und Fürsorge sind das Fundament meines Lebens. Ich bin sein Partner und zeige dies gern. Wir führen ein gutes Leben und sind glücklich miteinander.

Mit einem kaum hörbaren Seufzen sinke ich erneut in die Umarmung. Ja, ich bin glücklich und zufrieden.

Zwei

Das Wasser spült den Schweiß und Schmutz von meiner Haut. Was könnte besser sein, als eine Dusche an einem warmen Frühsommerabend?

Ich schaue den hellen Rinnsalen meines Shampoos nach, als diese im Abfluss verschwinden.

Gute Reise! Meine Mundwinkel zucken in einem wehmütigen Lächeln. Als Kind habe ich ständig allem eine gute Reise gewünscht. Dem Wasser im Bach, dem Laub im Herbst, den Vögeln am Himmel. Aber auch unromantischen Dingen wie der ausgespuckten Zahncreme im Waschbecken und dem Abfall, wenn die Müllabfuhr kam. Ist lange her und vorbei. Ich schüttele den Kopf und vertreibe damit die Gedanken.

Erfrischt und munter drehe ich das Wasser ab und greife nach einem Handtuch. Beim Abtrocknen kommt mir eine Idee, einfach aber genial. Sex!

Beschwingt mache ich mich auf den Weg in den Wohnbereich. Michael sitzt auf dem Sofa. Auf dem niedrigen Tisch vor sich hat er Papiere ausgebreitet, was für mich stimmungstötend nach Arbeit aussieht. Außerdem trägt Michael seine Lesebrille, die ihm zwar ausgezeichnet steht und mit der er mehr als heiß wirkt, die jedoch ebenfalls unverkennbar Konzentration und nicht Kuscheln und Knutschen ausstrahlt.

Mein Plan sieht dagegen vor, Michael verrückt zu machen und direkt hier auf dem Sofa – oder meinetwegen auf dem Tisch – zu verführen. Nach dem bisher schönen Abend habe ich mir das leicht vorgestellt. Bei dem Anblick, der sich mir aktuell bietet, ist klar, dass ich mich doch stärker anstrengen muss. Kein Problem.

Ich nähere mich Michael. Ist er wirklich so aufmerksam versunken in seine Zahlenkolonnen, dass er mein Eintreffen nicht bemerkt hat? Kaum zu glauben. Oder lässt meine Wirkung auf ihn nach? Diesen obskuren Gedanken wische ich direkt weg. So ein Quatsch!

»Hey, Baby«, hauche ich meinem Freund ins Ohr, als ich hinter ihm stehe und meinen Mund zu seinem Hals absenke. »Du hast die Wahl: entweder trockene Zahlen oder deinen feuchten Lover.«

Kann ich eindeutiger mit dem Zaunpfahl winken? Wenn er das nicht versteht, haben wir ein ernsthaftes Problem.

Ich drücke einen Kuss auf seine warme Haut, atme seinen vertrauten Geruch ein und registriere zufrieden, dass Michael sich gegen meinen Mund drängt. Allerdings nur kurz, dann nimmt er Abstand zu mir.

»Daniel«, beginnt er und seufzt vernehmlich. Dieses Seufzen verrät mir, dass er genervt ist. Ich kenne es. »Daniel, hör mal! Ich habe wirklich noch viel zu tun. Und auch wenn dein Angebot verlockend ist, muss ich diese Kalkulationen durchsehen. Du weißt, wie wichtig das neue Projekt ist.«

Damit hat er mich ausgebremst, denn ich weiß wirklich, welchen Stellenwert die neue Daily Soap, bei der Michael als Producer verantwortlich ist, für ihn hat. In meinem Magen rumort es, meine Hände ballen sich. Ich möchte die unumstrittene Nummer eins für meinen Freund sein. Und zwar jetzt. Und immer.

Ich nehme Abstand und gehe um das Sofa herum, damit ich Michael direkt anschauen kann – und er mich. Er soll ruhig sehen, dass ich nur mit einem Handtuch um die Hüften erschienen bin. Ein Handtuch, welches ich nun ganz langsam auseinanderfalte und somit meinem Freund einen Blick auf meine erwartungsvolle Körpermitte gönne.

»Deine doofen Zahlen laufen dir nicht weg«, gebe ich zu bedenken. »Aber ich vielleicht schon …«

Ich fühle mich wie ein knatschiges Kind und klinge auch so. Es fehlt nur noch, dass ich mit dem Fuß aufstampfe. In dem Moment, in dem ich mein unangemessenes Verhalten bemerke, ist es mir bereits unangenehm. Hastig senke ich den Kopf und verberge mein erhitztes Gesicht. Ich bin ein erwachsener Mensch und sollte mich nicht benehmen wie ein verwöhntes Blag. Aber es ist zu spät.

»Daniel!«, braust Michael auf. »Was soll der Mist?! Ich muss arbeiten. Falls es dich interessiert, unser Leben muss unterhalten werden. Das sollte dir klar sein.«

»Ja, aber …«, lenke ich ein, darauf bedacht, möglichst zügig die Wogen zu glätten.

»Nein, kein aber!« Michael ist wütend. Und wird gemein. »Es geht uns gut, was erfreulich ist. Aber machen wir uns nichts vor. Dein Beitrag zu unserem überschaubaren Wohlstand ist eher gering. Versuch erst gar nicht, das abzustreiten! Aber dann lass mich wenigstens meinen Job ordentlich erledigen, wenn du schon keinen vernünftigen hast.«

Mit zusammengekniffenen Augen starrt Michael mich nieder. Er hat mich getroffen, und zwar an einer Stelle, von der er weiß, dass er dort punktgenau einen Treffer platzieren kann. Das schmerzt auf zweifache Weise. Michael hat recht, denn ich trage kaum zum Lebensunterhalt bei. Dass er diese Tatsache jedoch auf diese Art gegen mich verwendet, setzt mir zu.

Schockiert schnappe ich nach Luft und presse gleichzeitig meine Hände auf die Rippen, als hätte ich eine tatsächliche Verletzung erlitten. Dabei lasse ich unbeabsichtigt das Handtuch komplett fallen, was die verfahrene Situation erst recht peinlich macht. Ich könnte heulen.

Verwirrt blicke ich auf meine Hände und kann kaum glauben, dass kein Blut an ihnen klebt. Wie theatralisch!

Ich kneife die Lider fest zusammen, damit die Tränen diese Schotten nicht überwinden können, und gehe in die Knie, um das Handtuch wieder aufzuheben. Nichts wie weg aus diesem Raum!

Mit geschlossenen Augen brauche ich mehrere Anläufe, bis ich den feuchten Lappen zu fassen bekomme. Als es endlich gelingt, wickele ich mich beschämt hinein und fliehe aus dem Wohnzimmer.

Versager! Nichtsnutz! Schmarotzer!

»Daniel!«, ruft Michael mir hinterher, aber ich kehre nicht um.

Das Thema ist noch nicht beendet, das ist mir klar, aber nun werde ich erst meine Wunden lecken.

Wir haben ein ernsthaftes Problem.

Drei

»Hey«, flüstert Michael. »Bist du noch wach?«

Leise schließt er die Tür zu unserem Schlafzimmer hinter sich und nähert sich dem Bett, wahrscheinlich auf Sockenfüßen, denn ich höre kaum ein Geräusch.

Ich liege im Dunkeln auf der Seite und habe die Augen geschlossen. Natürlich schlafe ich noch nicht. Dafür bin ich viel zu aufgewühlt.

Nachdem ich den Wohnbereich, in dem Michael mit seinen wahnsinnig wichtigen Unterlagen saß, verlassen hatte, bin ich in die Küche gegangen und habe eine Banane mit Schokocreme gegessen. Wie ich wohl aussah, als ich wütend in das Obst gebissen habe? Ich grinse und spüre meine Mundwinkel am Kopfkissen. Ich habe mir vorgestellt, dass die Banane der Schwanz meines Freundes wäre. In meiner Enttäuschung habe ich nicht genüsslich daran gelutscht, sondern herzhaft hineingebissen. Immer wieder. Stück für Stück habe ich das Ding vernichtet.

Das hat für einen kurzen Moment gutgetan, aber anschließend war der Frust wieder gegenwärtig. Da ich nichts Sinnvolles mit mir anzufangen wusste, habe ich mich ins Schlafzimmer verkrochen und gelesen, und zwar einen Thriller, einen äußerst brutalen, der eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack ist, mich aber gut abgelenkt hat.

Gerade kann ich mich nicht ablenken. Michael ist im Raum und ich liege hier und stelle mich stümperhaft tot – oder zumindest schlafend. Wie weit ist es mit mir gekommen? Ich bin erbärmlich.

Feigling!

»Nein«, antworte ich endlich auf Michaels Frage und fühle mich wieder einmal kindisch dabei. Wie so oft, besonders in Michaels Gegenwart.

Immerhin nimmt mein Freund es mit Humor. »Nee, ist klar.«

Die Matratze senkt sich auf seiner Seite und Michael rutscht bis zur Mitte des Bettes. Dort verharrt er einen Moment, als zögere er, mir näher zu kommen. Aber dann schiebt er sich zu mir heran, allerdings nicht so weit, dass er mich berührt. Das ist mir zum jetzigen Zeitpunkt mehr als recht und ich bin Michael dankbar für seine Rücksichtnahme, obwohl ich trotzdem angepisst bin.

»Können wir reden?«, fragt Michael. »Ich möchte mich entschuldigen.«

Meine Lider zittern. Es wird anstrengend, so zu tun, als schliefe ich. Nach einem letzten Zögern öffne ich die Augen. Mein blödes Getue bringt uns doch nicht weiter. Ich drehe mich sogar herum, so dass wir uns gegenüberliegen und unsere Blicke sich finden können. Wobei wir uns in der Dunkelheit des Zimmers mehr ahnen als wirklich erkennen.

Sollte ich vielleicht näher rücken? Nach kurzem Nachdenken entscheide ich mich dagegen. Ich bevorzuge die Distanz zum Zuhören und Denken. Wenn Michael mich berührt, ist mein Verstand rasch dahin. Mein Partner weiß genau, welche Knöpfe er bei mir drücken muss und nutzt es gern schamlos aus.

»Es tut mir leid, dass ich vorhin nicht auf dich eingegangen bin«, eröffnet Michael das Gespräch. »Aber ich hatte wirklich viel zu tun und die Zahlen schauen sich nicht von selbst durch. Ich hatte gedacht, dass du dafür Verständnis hättest.«

Er hätte nach dem ersten Satz aufhören sollen zu reden. Das soll eine Entschuldigung sein? Bei der eine Einschränkung auf dem Fuße folgt?

»Es tut dir doch überhaupt nicht leid«, flüstere ich resigniert.

»Doch natürlich«, gibt Michael stur zurück.

Schon nach wenigen Sätzen geht es nicht mehr um die Sache selbst, sondern um die Entschuldigung und ihren mangelhaften Stil.

Michael und ich führen eine harmonische und glückliche Beziehung, aber an diesem Punkt waren wir bereits öfter. Streiten können wir nicht gut. Ich fühle mich meist nach kurzer Zeit unterlegen und gebe nach. Michael umgarnt mich dann noch eine Weile und damit ist das Thema erledigt. Bis zum nächsten Mal.

»Ach, lass gut sein«, lenke ich ein – wie von mir selbst erwartet. Auseinandersetzungen sind anstrengend. Dafür bin ich nicht gemacht. »So wichtig ist es nicht. Kein Grund, sich in die Haare zu kriegen.«

»Da hast du recht. Dafür lohnt sich kein Streit«, nimmt Michael dankbar den Faden auf. Er hat es gern friedlich und ruhig bei uns.

Wir liegen eine Weile schweigend auf dem Bett. Michaels Geruch ist mir vertraut. Allein dadurch fühle ich mich bei ihm geborgen.

»Gilt dein Angebot noch?«, fragt Michael einschmeichelnd.

»Welches? Ich kann mich nicht erinnern.« Es klingt in meinen Ohren koketter, als ich mich fühle. Ich bin erschöpft und möchte eigentlich schlafen, aber …

»Na, das Angebot mit dem feuchten Liebhaber oder so ähnlich.« Bei diesen Worten legt Michael seine Hand auf meine Hüfte und will mich zu sich ziehen, was nicht auf Anhieb gelingt.

»Ja, gilt noch«, lenke ich mit einem kaum vernehmbaren Seufzen ein. »Allerdings bin ich nicht mehr ganz so feucht wie vorhin.«

»Kein Problem. Da weiß ich Abhilfe«, schnurrt Michael mir ins Ohr. Hat er das Zögern in meiner Stimme nicht gehört? Erkennt er die Erschöpfung nicht? Interessiert sie ihn nicht?

Die Hand an meiner Seite packt fester zu und drückt mich nach unten, so dass ich auf dem Bauch liege. Zärtliche Küsse rieseln auf meinen Nacken hinab. Michael weiß, was ich mag und verwöhnt mich entsprechend. Sein Mund wandert langsam meinen Rücken hinunter, knabbert am Bund meiner Boxershorts und zieht diese mit dem Zähnen ein Stück hinunter. Ich quietsche kurz auf, als Michael mich sanft beißt. Mein Hintern ist rund und prall. Ich schaue oft genug in den Spiegel, um sicherzugehen, dass dem so ist. Mein Freund steht darauf, ihn anzufassen und zu küssen. Daher verwundert mich der Biss nicht, auch wenn ich kurz aufschrecke. Ich mag es.

Mit beiden Händen greift Michael nun nach dem Stoff und zieht daran. Ich hebe das Becken an, um beim Ausziehen zu helfen. Mein Kopf liegt auf der Seite, so dass ich beobachten kann, was Michael macht. Er dreht sich um und legt die Shorts weg. Rasch zieht er sein eigenes Shirt über den Kopf und lässt Hose und Socken folgen. Er knipst seine Leselampe an und dimmt sie auf sanftes Licht hinunter. Dann entledigt er sich seiner wuchtigen Uhr, legt sie auf den Nachttisch und greift nach der Gleitgelflasche.

Vorhin, also nach der Dusche und vor meiner gescheiterten Verführungsaktion, habe ich mir eine Gelkapsel eingeführt. In dem Moment war ich davon überzeugt, unwiderstehlich zu sein. Das waren Zeiten. Jedenfalls ist es gut, dass Michael sich großzügig an dem Gleitgel bedient. Erstens kann er nicht wissen, dass ich eine Kapsel in mir habe, auch wenn ich das häufiger mache und er es mag. Zweitens kann eine weitere Portion Gel nicht schaden. Im Gegenteil, ich mag es nass.

Als Michael sich einschmiert, spüre ich wohlbekannte Wärme in mir. Er sieht heiß aus, besonders wenn er sich selbst anfasst. Wie er seinen Schwanz packt und mit dem Gel benetzt, ist natürlich und obszön zugleich. Der Anblick verfehlt seine Wirkung bei mir nicht, so dass ich meinen Arsch hochhalte und mich anbiete. Michael versteht die Signale, die ich sende, und lässt mich nicht warten.

Unsere Vereinigung ist lustvoll und vertraut. Wir wissen, was wir mögen und agieren entsprechend. Ich genieße Michaels Hände, die mich mit Kraft an meinen Hüften halten, so wie ich es mag. Nicht zimperlich. Nicht zaghaft.

Meine Stirn reibt auf den Laken, während ich stöhnend den wuchtigen Stößen standhalte und mich ihnen entgegen dränge.

Michaels Handlungen sind zielführend. Der Orgasmus rauscht heran und schlägt über uns zusammen. Wir verharren auf dem Scheitelpunkt und surfen die Welle, bis wir an Land gespült werden. Dort sinken wir ausgelaugt ineinander zusammen. Das vertraute Gewicht ruht auf mir. Michaels Körper umfängt und schützt mich. Nimmt mir aber auch Luft zum Atmen. Ich drücke mich etwas hoch und kippe zur Seite, so dass Michael von mir hinunterrutscht und wir auf der Seite liegen bleiben. Ein Arm umfängt meinen Oberkörper, während wir ruhen.

Beklemmung steigt in mir auf, die eindeutig nicht mehr von der körperlichen Nähe stammen kann. Raum habe ich nun ausreichend.

Warum schießen mir Tränen in die Augen? Was stimmt nicht mit mir? Zum ersten Mal habe ich nach dem Sex mit Michael das Gefühl, dass sich unsere Körper vereint haben, jedoch nicht unsere Seelen.

Das Gefühl, benutzt worden zu sein, hat keine Berechtigung. Ich kann Michael in dieser Richtung keinen Vorwurf machen. Oder habe vielmehr ich Michael benutzt und fühle mich deshalb schuldig? Haben wir miteinander geschlafen um unseretwillen? Oder haben wir Sex benutzt, um uns gut zu fühlen und unsere ungeklärte Streitigkeit auszublenden?

Das sind eindeutig zu viele Fragen und zu wenig Antworten in der letzten Zeit.

Obwohl ich hier in der warmen Umarmung meines Liebhabers liege, fühle ich mich einsam.

Wir haben Probleme, ernsthafte Probleme. Das ahne ich bereits länger. Ich muss herausfinden, ob Michael es ebenfalls bemerkt. Denn sie werden größer, diese ernsthaften Probleme. Weil wir sie füttern. Mit unserem Schweigen. Mit unserer Ignoranz.

Vier

Schwer ausatmend lasse ich die Hanteln sinken. Sie einfach fallen lassen, das wäre es jetzt. Aber ich bin fertig mit dem Freihanteltraining, das ich nicht mag und nur aus Pflicht absolviere, und muss die Geräte nun wegräumen. Lägen sie erst einmal auf der Matte unter mir, könnte ich mich kaum überwinden, sie erneut in die Hand zu nehmen. Daher trage ich sie direkt zu der langen Reihe Kurzhanteln zurück und sortiere sie ordentlich ein.

Kaum dass ich die Griffe loslasse, schweben meine Arme regelrecht nach oben wie schwerelos. Wahrscheinlich habe ich es heute mit dem Training übertrieben. Meine Muskeln sind jedenfalls eindeutig durcheinander und wissen nicht, was sie nun machen sollen.

Beim Training bin ich sehr leise, womit ich zwischen den anderen Typen in der sogenannten Eisen-Ecke auffalle. Die meisten hier sind richtige Pumper, die in knappen Hosen und eingerissenen Shirts trainieren. Das Ganze in grellen Farben, was das Outfit erst recht ins Lächerliche zieht. Aber da es auf der sonnenbankbraunen Haut gut aussehen soll, greifen die Muskelmänner häufig zu pink und neongelb. Hauptsache es entsteht ein deutlicher Kontrast.

Damit jeder mitbekommt, wie erbarmungslos sie sich knechten, werden beim Training laute Geräusche ausgestoßen. Und wenn die Jungs nach der letzten Wiederholung die Hantel krachend auf den Boden knallen lassen, wird dies von einem lauten Stöhnen oder einem animalischen Brüllen begleitet. Wer mit der Langhantel trainiert, lässt diese mit einem unüberhörbaren Scheppern in die Halterung krachen.

Auch wenn ich dieses Gebaren innerlich belächele, sind einige Männer, die mit mir hier trainieren, wirklich in Ordnung. Mehr als Small Talk halten wir nicht miteinander, aber ich erwarte schließlich nicht, im Fitness-Studio Freundschaften zu schließen. Daher reicht mir das.

Freundschaften? Seit es zwischen Michael und mir Missstimmungen gibt, fällt mir auf, dass mir jemand zum Reden fehlt. Normalerweise bespreche ich alles, was mir bemerkenswert erscheint, mit Michael. Aber was mache ich, wenn es um meinen Partner selbst geht? Wenn ich jemanden bräuchte, der einen Blick von außen auf unsere Beziehung wirft?

Mir hat es stets gefallen, dass Michael und ich eine extrem enge Beziehung führen. Wir haben uns und das reicht. Nie hat mir etwas gefehlt. Bis jetzt. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, wie es dazu gekommen ist, dass Michael und ich …

»Hey, Daniel«, begrüßt mich Gebre, einer der Trainer der Muckibude. »Hast du dermaßen gepumpt, dass du nicht mehr laufen kannst? Oder was stehst du da rum?«

Der neckische Unterton verfehlt seinen Zweck nicht. Ein Grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit, das ich selbst aus der Entfernung auf den Spiegeln neben mir erkennen kann.

»Ich sterbe hier den Erschöpfungstod«, antworte ich empört. »Wäre da nicht etwas Mitleid angebracht?«

»Ha! Mich kannst du nicht verarschen. Du siehst zu gut aus, als dass du jeden Moment krepieren würdest.« Bei diesen Worten mustert mich Gebre unverhohlen von oben bis unten. Was mir nicht unangenehm ist. Ich sehe gut aus und weiß es.

»Bloß kein Neid. Ich habe die hübschere Visage, du dafür die beeindruckendere Statur.« Mit Mühe halte ich mich davon ab, Gebre ebenso von oben bis unten zu betrachten. Das ist mir zu platt. Oder …? Nein! Ich glotze ihn nicht an.

Gern würde ich seinen Bizeps befühlen, um meine Behauptung zu untermauern, aber das würde eine Distanz, die wir bisher stets gewahrt haben, zwischen uns überbrücken.

Nachdenklich schaut Gebre mir nach einem grunzenden Lachen direkt ins Gesicht. »Aber mal ernsthaft. Geht es dir gut? Du wirkst bedrückt, nicht so unbekümmert wie sonst.«

Das ist interessant. Das hat er bemerkt? Gebre und ich sind keine Freunde. Wir sind Bekannte, die gelegentlich ein paar mehr oder weniger bedeutungsvolle Worte wechseln, sich freundlich grüßen und versuchen, sich nicht gegenseitig auf den Schwanz zu starren, falls unsere Begegnung unter der Gemeinschaftsdusche stattfindet. Trotzdem hatte ich immer den Eindruck, dass wir uns mögen. Ist nun ein passender Zeitpunkt, diese oberflächliche Beziehung zu intensivieren? Habe ich überhaupt mit irgendjemandem eine andere Beziehung als eine oberflächliche? Wobei wir wieder bei den Gedanken zum Thema Freundschaft sind. Habe ich Freunde?

»Kennst du das Gefühl, dass es dir nicht schlecht, aber auch nicht richtig gut geht? Nix Konkretes, nur der flaue Eindruck, dass sich etwas nicht oder nicht mehr perfekt anfühlt … Ach, vergiss es einfach!« Ich wende mich ab. Warum spreche ich mein Gedankendurcheinander laut aus? Und das zudem vor einem Menschen, mit dem ich genau genommen nichts zu schaffen habe. Bloß weil ich plötzlich beginne, mehr von mir preiszugeben, muss das nicht bedeuten, dass andere ganz erpicht auf meine Gedankenwelt sind. Was hat mich da nur geritten?

Gebre packt mich am Oberarm. Perplex starre ich auf die dunkle Haut, die bei Gebre nicht wie bei vielen anderen vom häufigen Besuch des Solariums stammt, sondern seiner eritreischen Herkunft, von der er mal erzählt hat, geschuldet ist. Die schlanken Finger mit den gepflegten Nägeln liegen auf dem mäßig gebräunten Untergrund meines Körpers. Was ist nur los mit mir? Warum fallen mir solche Kleinigkeiten plötzlich auf? Der feste Druck der Hand lockert sich und geht über in eine sanfte Berührung.

»Nein, ich vergesse es nicht einfach«, widerspricht Gebre. Mit der Hand, in der er seine Fitnesshandschuhe hält, deutet er auf den Eingangs- und Thekenbereich. »Lust auf eine Apfelschorle inklusive Gespräch?«

Soll ich das Angebot annehmen? Ich zögere nicht lange. »Na gut. Aber musst du nicht arbeiten?«

»Bin noch eine halbe Stunde privat hier. Danach muss ich ran.«

Mit einem Lächeln dreht sich Gebre um und geht voran in den vorderen Bereich des Sportstudios.

Von mir selbst aus hätte ich Gebre nicht angesprochen. Niemals. Aber ich bin dankbar, dass mir jemand ein Gespräch anbietet und bin gespannt, wohin es mich führt.

Gebre ordert bei der Thekenkraft zwei Gläser Apfelschorle und deutet mir mit der Hand, mich an einen der kleinen Tische, die den Bistroteil der Einrichtung bilden, zu setzen. Ich reibe mit meinem Handtuch über mein Gesicht und die Haare, bevor ich den feuchten Lappen auf den Sitz meines Stuhles lege. Ich möchte nicht alles vollschwitzen, auch wenn die Kunstlederbezüge bestimmt leicht zu reinigen sind. Vielleicht bringt die Aktion mit dem Handtuch nichts oder verstärkt das Problem eher, aber ich habe Hemmungen, mich mit verschwitzter Sportkleidung auf den Möbeln niederzulassen. Darüber, wie ich wohl rieche, denke ich besser gar nicht nach.

Als ich gerade sitze, kommt Gebre mit zwei Gläsern an den Tisch. Ungeniert lässt er sich auf den Stuhl mir gegenüber fallen und schiebt seine Beine unter der Tischplatte zurecht. Er ist groß und athletisch. Die Sitzposition kann kaum bequem für ihn sein, aber für ein kurzes Gespräch wird es wohl gehen.

»Also, was ist los? Ärger auf der Arbeit?«, fragt Gebre ins Blaue und spricht direkt weiter. »Schlechte Phasen hat jeder mal im Job. Da würde ich nicht direkt das Handtuch werfen. Aber wenn es schon länger hakt, dann solltest du über kurz oder lang über einen Wechsel nachdenken. Treffer?«

Unangenehm berührt starre ich auf meine Hände. Wahrscheinlich sind Frust und Probleme im Job ein Thema, das häufiger beim Sport besprochen und durch exzessives Training kompensiert wird. Aber bei mir liegt der Fall anders.

Vor einigen Wochen hatte Gebre Geburtstag und es wurde im Foyer lauthals gratuliert. Gebre ist Anfang zwanzig und damit ein paar Jahre jünger als ich. Deswegen fühle ich mich gerade neben ihm wie ein Verlierer, wie ich mich neben vielen Menschen fühle. Ein Loser.

»Nee, das ist es nicht. Ich … Ähm … Ich habe gar keinen richtigen Job«, druckse ich herum.

»Studierst du noch?«, fragt Gebre interessiert nach. »Ist doch nicht schlimm.«

»Nee, auch nicht. Habe ich mal, habe ich aber abgebrochen.«

»Aha«, gibt Gebre nun ratlos zurück. »Wovon lebst du denn und was machst du so? Das Studio kostet Geld. Deine schicken Klamotten, das Auto oder der coole Elektroroller, mit dem du schon mal kommst … Kostet alles!«

Offensichtlich bekommt Gebre eine Menge mit über die Kundschaft, auch wenn er im Normalfall keine Kommentare darüber abgibt. Ich hätte niemals gedacht, dass er meine Kleidung oder mein Auto bemerkt.

»Ich lebe mit meinem Freund zusammen. Der verdient ganz gut und bezahlt … Ähm … für mich mit«, antworte ich. Hätte ich etwa beinahe ›bezahlt mich‹ gesagt? Ist das so? Denken das andere?

»Ui, klingt komfortabel.«

Diese Worte klingen nicht unfreundlich, aber in Gebres Stimme findet sich keine Anerkennung. Wofür auch? Sein nachdenklicher Blick macht mir zu schaffen. Daher rede ich hastig weiter, bevor er mir unangenehme Fragen stellt.

»Ich mache viel Sport und lese gern. An den Wochenenden und schon mal in der Woche gehe ich mit meinem Partner auf Partys. Oder wir verreisen über das Wochenende. Oh, ich hatte mal ein Ehrenamt. Ich war Lesepate in der Bibliothek«, berichte ich stolz. »Einmal in der Woche habe ich eine Stunde lang Kindern vorgelesen.«

»Ehrenamt? Einmal die Woche?« Feiner Spott schwingt in Gebres Stimme mit. »Das füllte dich bestimmt total aus, oder?«

»Das machte mir wirklich viel Freude«, gebe ich trotzig zurück und verschränke meine Arme vor meinem Oberkörper. »Und den Kindern übrigens auch. Sie mochten mich.«

»Natürlich taten sie das. Sie dachten, dass du einer von ihnen bist.« Gebre hält sich die Hand vor den Mund. »Sorry, ich wollte nicht so herumätzen. Ich kenne dich ja kaum. Aber ich hätte nicht gedacht, dass …«

»Dass was?!«, frage ich. Meine Stimme ist lauter und schriller geworden.

»Du machst auf mich einen aufgeweckten Eindruck.« Gebre schaut sich um, als suche er nach den richtigen Worten. »Also, ich hätte nicht gedacht, dass du nichts machst und dich … Boah, das ist doch absolut nicht zeitgemäß, dass du dich von deinem Freund aushalten lässt. So, jetzt ist es raus!«

Gebres unsicherer Blick trifft mich. Ist er zu weit gegangen? Keine Ahnung, wahrscheinlich schon. Aber ich wollte schließlich einen ehrlichen Blick von außen. Wenn nicht er, jetzt und in diesem Gespräch, wer dann? Da ist sonst niemand.

Die Wahrheit sticht gnadenlos zu und ich schnappe verletzt nach Luft. Tränen sammeln sich in mir. Schnell presse ich die Lider aufeinander, aber durch die Nase finden trotzdem ein paar Tropfen ihren Weg. Ich wische sie fort und hinterlasse einen ekeligen Streifen aus Rotz auf meinem Unterarm. Aber wenn ich doch angeblich ein Kind bin, darf ich mich so benehmen und so aussehen.

»Wir führen ein gemeinsames Leben, bei dem wir uns gegenseitig unterstützen. Das ist völlig in Ordnung«, rechtfertige ich mich. »Und es ist ein schönes Leben. So! Ein Leben, von dem manch einer nur träumen mag. Natürlich gibt es Menschen, die mir das nicht gönnen, aber die können mich mal …«

Meine Stimme schraubt sich weiter in die Höhe, quietscht und schmerzt in der Kehle.

Gebre lässt die Tirade schweigend über sich ergehen, was mich erst recht auf die Palme bringt.

Als ich mich wieder etwas gefangen habe, nehme ich einen Schluck meiner Apfelschorle. Und noch einen. Schließlich trinke ich das Glas in einem Zug leer und stelle es zu laut auf die Tischplatte zurück. Ich möchte nicht bleiben. Hier gefällt es mir nicht mehr.

Laut schabt der Stuhl über den Fußboden, als ich ihn abrupt zurückschiebe. Ich stehe auf und greife nach meinem Handtuch.

»Es tut mir leid, Daniel«, sagt Gebre leise und eindringlich. »Dein Lebensstil geht mich nichts an. Du bist ein guter Typ und kannst leben, wie du willst.«

»Ja, das kann ich.«

Damit lasse ich Gebre und das Bistro hinter mir und verschwinde in dem Umkleideraum. Für heute bin ich fertig mit dem Training!

Erschöpft falle ich auf eine Bank zwischen den Metallspinden. Mein Kopf sinkt in meine Hände. Am liebsten möchte ich mich für einen Moment vor der Welt verstecken.

Immerhin habe ich es geschafft, rechtzeitig aus diesem unangenehmen Gespräch zu verschwinden. Davon abgesehen, dass ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich ziehen will, möchte ich auch nicht, dass es zu Unannehmlichkeiten für Gebre kommt. Er arbeitet hier und da wird es bestimmt nicht gern gesehen, wenn Trainer die Kunden vergrätzen. Auch wenn ich gerade sauer auf Gebre bin und er Dinge gesagt hat, die ich nicht hören wollte, möchte ich nicht, dass er einen Anpfiff von seinem Vorgesetzten bekommt.

Viel zu fest reibe ich mir über die Augen, die nicht aufhören, zu jucken. Gleich sehe ich aus, als hätte ich geheult. Dabei möchte ich genau das verhindern. Mein vorsichtiger Blick in den bodentiefen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand bestätigt mir meinen verquollenen Anblick. Na toll!

Was sehe ich? Was sehen andere? Was davon ist wirklich?

Sport. Lesen. Ehrenamt. Meine Worte von vorhin hallen in meinem Kopf wider. Sie erscheinen mir nun schwach und kraftlos. Als hätte ich mit ihnen nur wild um mich geschlagen, statt mich ernsthaft und entschieden zu behaupten.

Im Spiegel schaut mich ein junger Mann an. Hübsch und gepflegt, auch wenn er gerade mit der geröteten Haut und den wundgeriebenen Augen eher verschwitzt und verstrubbelt wirkt. Der derangierte Zustand kann nicht über sein schönes Gesicht hinwegtäuschen. Wahrscheinlich sieht dieser Typ unwiderstehlich aus, wenn er sein Lächeln zeigt und seine Augen leuchten. Ich sehe Locken, die der junge Mann im Spiegel gar nicht so gern an sich mag, aber trotzdem auf diese Weise trägt, da der Freund diese an ihm schätzt.

Gleich wird der Mann duschen und sich Kleidung anziehen, in der er umwerfend aussieht. Selbst ausgesucht hat er seine Chino-Hosen und das Poloshirt jedoch nicht. Früher mochte er Jeans und Band-Shirts, aber daran kann er sich kaum noch erinnern. Das ist lange her. Zeiten ändern sich.

Wie unter Hypnose starre ich diesen jungen Mann an. Diesen Jungen, der ich bin. Und plötzlich fließen die Tränen aus meinen Augen, entsprungen einer Quelle, die nicht aufzuhalten ist. Der Strom ist sanft und dennoch gewaltig. Er lässt sich nicht durch nun geschlossene Lider beeinflussen und spült das Bild im Spiegel fort. Was bleibt übrig von mir? Was ist in meinem Leben echt und haltbar an mir? Was hat Bestand? Wo ist Entwicklung?

Als meine Sicht sich wieder klärt, zeigt sich mir ein anderes Bild im Spiegel. Eines, in dem ich mich nicht erkennen kann. Noch nicht?

Irgendwo unter der Haut mit dem salzigen Film und hinter den getrübten Fenstern der Augen steckt jemand. Jemand, der langsam begreifen sollte, dass er handeln muss, um etwas zu ändern. Eine Persönlichkeit, die ich sein könnte, versteckt sich, obwohl sie weiß, dass ihr irgendwann in ihrer Höhle der Sauerstoff ausgehen wird. Sie wird sterben, wenn sie sich nicht bald befreit.

Das Gespräch mit Gebre betrachte ich nun in einem anderen Licht. Einiges davon verstehe ich nun. Meine Worte zu Gebre waren zaghaft, ohne Wucht und Kraft. Weil er recht hat. Und ich weiß es.

Fünf

Noch während ich mir die Schuhe abstreife, werfe ich den Schlüsselbund mit Schwung auf die Kommode im Eingangsbereich. Mit lautem Geschepper rutschen die Schlüssel über die polierte Oberfläche und werden letztendlich von der Wand gebremst. Zahlreiche feine Kratzer bilden dunkle Striche in dem Holz. Michael mag es überhaupt nicht, wenn ich mit viel Gepolter heimkomme, aber das habe ich bisher erfolgreich ignoriert und werde dies auch weiterhin machen. Im Gegensatz zu Michael finde ich ein paar Schrammen auf einem Möbelstück nicht schlimm. Außerdem hat es das Personal bisher stets geschafft, die kleinen Beschädigungen zu beseitigen.

Meine Sporttasche lasse ich auf den Boden gleiten. Ich packe sie später aus. Und wenn nicht, wird Elvira, unsere Hausangestellte, spätestens morgen diese lästige Aufgabe für mich übernehmen und die schmutzige Sportkleidung waschen. Personal macht faul, ist aber äußerst angenehm.

Mit einem Fuß schiebe ich meine schicken Sneakers neben Michaels feine Lederschuhe. Dann gehe ich auf Sockenfüßen einige Schritte ins Innere des Hauses.

»Hallo Baby, ich bin wieder da!«, rufe ich in Richtung Wohnbereich.

In der breiten Einfahrt habe ich einige Autos gesehen, daher gehe ich davon aus, dass wir Besuch haben. Obwohl ich keine Lust habe, den Gastgeber zu spielen, sondern lieber vor dem Fernseher herumhängen würde, setze ich ein perfektes Lächeln auf. Ich werfe einen Blick in den Spiegel und strecke mir selbst die Zunge heraus. Meine Mimik ist unecht, aber das können Besucher nicht erkennen. Fremde Menschen werden nichts anderes von mir zu sehen bekommen. Sie werden mein Verhalten und meine Ausstrahlung für die Wahrheit halten. Und ich lasse sie in ihrem Glauben.

Ich entspanne die Muskulatur des Gesichtes, indem ich ein paar Mal die Wangen aufpuste und wieder entspanne. Wer weiß, wie lange ich heute das Dauergrinsen beibehalten muss.

Da ich gerade vom Sport komme, bin ich frisch geduscht, habe saubere Kleidung an und sollte auch unvorbereitet keinen schlechten Eindruck machen.

Showtime, Schlampe! Mach deinen Job!

Es fällt mir schwer, die lauter werdende Stimme in mir zu ignorieren, aber ich bin geübt und weiß, wie ich eine gute Performance liefere.

Je weiter ich gehe, desto deutlicher werden die Stimmen, die an mein Ohr dringen. Lautes Gelächter tiefer Stimmen mischt sich mit einem Gespräch über eine Daily Soap, die demnächst anlaufen soll und für die die Besetzung bisher nicht komplett ist. Damit ist klar, dass es sich um Besuch aus Michaels beruflichem Umfeld handelt.

»Ah, die Da… Ähm, der zweite Herr des Hauses«, begrüßt mich Colin.

Die Scheinheiligkeit, mit der er vorgibt, sich beinahe versprochen zu haben, widert mich an. Colin ist ein Mitarbeiter Michaels, der vor kurzem erst zum Team gestoßen ist. Er ist aalglatt und kaum greifbar. Ich traue ihm nicht über den Weg. Daraus, dass wir uns nicht leiden können, machen wir beide keinen Hehl.

Neben Colin, der mit überschlagenen Beinen auf dem Sofa sitzt und nun gelangweilt durch die Fensterfront in den Garten schaut, erheben sich zwei Herren und betrachten mich neugierig. Beide habe ich noch nie gesehen. Wahrscheinlich sind es irgendwelche Geldgeber, aber warum bringt er die beiden zu uns nach Hause? Meistens regelt er Geschäftliches in seinem Büro oder bei Verabredungen zum Essen.

»Daniel, schön, dass du da bist.« Michael steht auf und begrüßt mich mit einem gehauchten Kuss auf die Wange. Merkwürdige Geste. Vor Gästen muss er mir nicht die Zunge in den Hals stecken, aber etwas verbindlicher als dieses höfliche Getue darf es ruhig sein.

»Guten Tag zusammen. Wie ich sehe, wurden Ihnen bereits Getränke angeboten.« Mit diesen Worten und einem charmanten Lächeln, das bisher noch nie seine Wirkung verfehlt hat, wende ich mich an die Männer in perfekt sitzenden Anzügen. »Ich bin Daniel Gerber, der …«

»Daniel«, unterbricht Michael mich. »Das sind Georg Biesig und Tom Steffens.«

Während Herr Biesig mich eher abschätzig von oben bis unten anschaut, begrüßt mich Herr Steffens freundlich. »Schön, Sie kennenzulernen, Herr Gerber. Mein Geschäftspartner und ich beabsichtigen, viel Geld in das neue Projekt Leben jetzt zu stecken. Daher gibt es Einiges zu besprechen. Hoffentlich stören wir nicht in Ihrem Haus.«