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Viel hat Maya ertragen: die Verwundungen aus Kindertagen, die erste Liebe und ihre Enttäuschungen, dazu die allgegenwärtige Rassentrennung. Doch all das hat sie stark gemacht, Maya ist erwachsen und eine selbstbewusste Mutter geworden. Jetzt ist sie bereit für ihre Leidenschaft. Im San Francisco der 50er beginnt sie zu tanzen, zu singen, steigt auf vom schäbigen Stripclub zum angesagtesten Laden der Stadt. Sie wird Teil des schwarzen Bürgertums, ist plötzlich umgeben von schönen, gebildeten, liebevollen Menschen, die an sie glauben, und kurze Zeit später bereist sie mit der Oper „Porgy and Bess“ die ganze Welt, sieht Paris, Rom, Kairo. Doch bleibt ihre Herkunft auch in der Fremde eine unhintergehbare Wirklichkeit und Maya muss einen Weg finden, die neue Freiheit mit dem Erbe ihrer Vorfahren zu versöhnen.
Nur mit meiner Stimme ist der Ausdruck eines unerschütterlichen Glaubens an sich selbst. Maya Angelou beschwört die Kraft, die es bedeutet, den Ungerechtigkeiten des Lebens die eigenen Träume entgegenzusetzen.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2021
Maya Angelou
Nur mit meiner Stimme
Aus dem Englischen von Gesine Schröder
Suhrkamp
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
Nur mit meiner Stimme
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Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
für Martha und Lillian,Ned und Bey,für das Lachen,die Liebe und die Musik
Mein Dank geht an das Bellagio Study and Conference Center der Rockefeller Foundation und dort an Bill und Betsy Olsen.
Ganz besonders danke ich meiner Freundin und Sekretärin Sel Berkowitz.
Don’t the moon look lonesome shining through the trees? Ah, don’t the moon look lonesome shining through the trees? Don’t your house look lonesome when your baby pack up to leave?
Musik war meine Zuflucht. Ich verkroch mich in die Nischen zwischen den Tönen und kehrte der Einsamkeit den Rücken.
In meinem gemieteten Zimmer (Gemeinschaftsküche auf der Etage) legte ich Platten auf und schlang die Arme um die Schultern eines Songs. Wenn wir dann dicht an dicht miteinander tanzten, schmiegte ich mich an seinen Hals, küsste seine Haut und rieb meine Wange an seiner.
Der Melrose Record Shop auf der Fillmore war ein Zentrum für Musik, Musiker, Musikliebhaber und Plattensammler. Sein Lautsprecher beschallte stoßweise die Straße, mit dem unablässigen Nachdruck eines Klageweibs am Grab. Im dunklen Inneren standen entlang einer der Wände telefonzellenähnliche, offene Kabinen. Kunden spielten dort auf Plattentellern ihre Auswahl und hörten sie über Kopfhörer an. Mir blieben zwischen meinen Jobs zwei Stunden. Hin und wieder ging ich in die Bücherei oder, wenn es zeitlich passte, zu einem kostenlosen Tanzkurs der YWCA. Meistens aber begab ich mich in den wohlklingenden Melrose Record Store, wo ich mich suhlte, in der Musik versackte.
Louise Cox, eine kleine Blondine und die Mitinhaberin des Ladens, huschte von Kunde zu Kunde wie ein flatterhafter Schmetterling in einem Rosengarten. Sie war weiß, trug Parfüm und lächelte offen mit den Schwarzen Kunden, also musste sie kultiviert sein. Kultivierte Leute machten mich nervös, und ich blieb auf Distanz. Mein Musikgeschmack schwankte zwischen John Lee Hookers Blues und den blubbrigen Silberklängen eines Charlie Parker. Seit einem Jahr sammelte ich ihre Platten.
Bei einem meiner Besuche kam Louise zu der Kabine, in der ich gerade Musik hörte.
»Hi, ich heiße Louise. Und Sie?«
Mein erster Gedanken war: »My name? Puddin’ in tame. Ask me again, I’ll tell you the same.« Ein herzloser Kinderreim, der das Gegenüber verletzen sollte.
Die letzte Weiße, die mich etwas anderes gefragt hatte als »Kann ich Ihnen helfen?«, war meine High-School-Lehrerin gewesen. Ich schaute sie mir an, die kleine Frau mit dem Kaschmir-Pullover und den Perlen, dem glatten Haar und den rosa Lippen, und beschloss, dass sie mir nichts anhaben konnte und ich ihr daher den Namen nennen würde, den ich allen Weißen nannte.
»Marguerite Annie Johnson.« Ich war nach gleich zwei Großmüttern benannt.
»Marguerite? Das ist ein schöner Name.«
Ich war überrascht. Sie sprach den Namen wie meine Großmutter aus. Nicht Margarite, sondern Marg-you-reet.
»Letzte Woche ist was Neues von Charlie Parker reingekommen. Ich hab’s Ihnen zurückgelegt.«
Das bewies, dass sie geschäftstüchtig war.
»Ich weiß schon, dass Sie John Lee Hooker mögen, aber da ist noch jemand, den ich Ihnen zeigen möchte.« Sie hielt den Plattenteller an, nahm meine Platte herunter und legte eine andere auf.
Lord I wonder, do she ever think of me, Lord I wonder, do she ever think of me, I wonder, I wonder, will my baby come back to me?
Der Sänger ächzte mit einer Sehnsucht, die ich ein Leben lang zu kennen meinte. Aber das konnte ich Louise nicht sagen. Sie beobachtete mein Gesicht, und ich zwang mich, stillzuhalten.
Well, I ain’t got no special reason here, No, I ain’t got no special reason here, I’m gonna leave ’cause I don’t feel welcome here.
Die Musik passte zu mir wie maßgeschneidert.
Sie sagte: »Das ist Arthur Crudup. Ist er nicht großartig?«, und ihre Augen leuchteten vor Begeisterung.
»Nicht schlecht. Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam machen.«
Es war nie klug, einem Fremden seine Gefühle zu zeigen. Und nichts hätte mir fremder sein können als eine freundliche weiße Frau.
»Soll ich sie Ihnen einpacken? Und auch den Bird?«
Mein Gehalt von dem kleinen Immobilienmakler und dem Kleiderladen in der Innenstadt reichte kaum für die Miete und die Kinderfrau meines Sohnes.
»Ich hole sie mir nächste Woche. Danke, dass Sie an mich gedacht haben.« Höflichkeit kostete nichts, wenn man nur seine Würde wahrte. Das hatte mich meine Großmutter Annie Henderson gelehrt.
Sie wandte sich ab und nahm die Schallplatte wieder mit zum Tresen. Ich beschloss, kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich hatte kein Freundschaftsangebot verschmäht, sondern eine Geschäftsanbahnung auflaufen lassen.
Ich ging ihr nach.
»Danke, Louise. Bis nächste Woche.« Als ich die Schallplatte auf den Tresen legte, schob sie mir ein in Papier eingeschlagenes Päckchen hin.
»Nehmen Sie sie mit, Marg-you-reet. Ich schreibe es Ihnen an.« Sie wandte sich der nächsten Kundin zu. Ich konnte nicht Nein sagen, weil mir keine elegante Möglichkeit dazu einfiel.
Draußen, auf der abendlichen Straße, versuchte ich mir über ihre Motive klarzuwerden. Was hatte ich, was sie haben wollte? Warum ließ sie mich mit ihrem Eigentum ziehen? Sie kannte mich nicht. Selbst den Namen hätte ich mir spontan ausgedacht haben können. Auf eine Freundschaft mit mir konnte sie nicht aus sein, schließlich war sie weiß, und weiße Frauen waren, soweit ich wusste, niemals einsam, außer in Büchern. Sie wurden von weißen Männern geliebt, von Schwarzen Männern begehrt und von Schwarzen Frauen bedient. Für ihre Geste des Vertrauens gab es keine naheliegende Erklärung.
Zu Hause kratzte ich genug von meinem Notfallgeld aus dem Versteck in der Schublade zusammen, um die Platten zu bezahlen. Im Laden nahm Louise die Scheine an und sagte: »Danke, Marg-you-reet. Aber Sie hätten nicht extra herkommen brauchen. Ich vertraue Ihnen.«
»Warum?« Jetzt hatte ich sie am Wickel. »Sie kennen mich gar nicht.«
»Ich mag Sie.«
»Aber Sie kennen mich nicht. Wie können Sie jemanden mögen, den Sie nicht kennen?«
»Weil mein Herz es mir sagt und ich auf mein Herz vertraue.«
Wochenlang beschäftigte mich die Sache mit Louise Cox. Was konnte sie von mir wollen, ausgerechnet von mir? Mein Verstand, so viel stand fest, war ein gut geölter Mechanismus, der rasch und beinahe lautlos vor sich hin schnurrte. Oft maß ich mich bei Quiz-Sendungen im Radio mit den Kandidaten und stach sie in meinem kleinen Zimmer locker aus. O ja, meine Geistesmaschinerie musste jeden begeistern. Jeden zumindest, der sich für Menschen begeistern konnte, die sämtliche Präsidenten der USA in chronologischer Reihenfolge, sämtliche Hauptstädte der Welt, alle wichtigen Mineralien und die Gattungsnamen etlicher Tierspezies auswendig wussten. Allzu viel Nachfrage schien es nach diesen Qualifikationen nicht zu geben, und ich musste mir eingestehen, dass mir beliebtere Eigenschaften wie körperlicher Liebreiz und weibliche Raffinesse vollkommen fehlten.
Von klein auf hatte mein Körper erfolgreich gegen meinen edleren Charakter rebelliert. Ich war zu groß und zu rauhäutig. Meine riesigen, extrovertierten Zähne drängten sich enthusiastisch ins Rampenlicht, und ich, die ich ihnen den Erfolg nicht gönnen wollte, verkniff mir das Lächeln. Ich mochte mir noch so viel Dixie Peach in die Haare schmieren – immer kräuselte und wölbte sich die dichte schwarze Masse, sträubte sich gegen die erstickende Pomade und platzte in alle Richtungen daraus hervor wie ein Schwarm wütender Bienen. Nein, um bei der Wahrheit zu bleiben, musste ich zugeben, dass Louise Cox sich nicht meiner Schönheit wegen mit mir abgab.
Vielleicht war sie aus Mitleid so freundlich. Diese Vorstellung war ein Bindfaden, der sich erst lose und verschlissen wand, sich dann langsam zuzog und mir das Denken einschnürte. Meine Seele scheute vor solchen Zudringlichkeiten zurück. Eine Weiße? Die mit mir Mitleid hatte? Die sollte sich hüten! Ich würde sofort in den Laden marschieren und es ihr zeigen. Ich würde ihre widerliche Rührseligkeit zu einem Klumpen kneten und ihr ins Gesicht schleudern. Würde sie mit der Nase in das ungebetene Bedauern tauchen, bis ihr die Tränen kullerten und sie einsah, dass ich eine Königin war, der Bäuerinnen wie sie sich besser nicht zu nähern wagten, nicht einmal heulend und auf Knien.
Louise beugte sich über den Tresen und redete mit einem Schwarzen Jungen. Durch meine Ankunft ließ sie sich nicht unterbrechen.
»Wie viele Kartons hast du genau gefaltet, J.C.?«, fragte sie in nüchternem Ton.
»Achtzehn.« Die Antwort des Jungen klang genauso sachlich. Sein Kopf reichte nur knapp bis zur Höhe des Tresens. Sie nahm eine kleine Schachtel aus einem Regal an der Rückwand.
»Dann bekommst du achtzehn Cent.« Sie fuhr mit dem Finger durch die Münzen, um sie abzuzählen, und ließ sie in seine geöffneten Hände rieseln.
»Okay.« Er drehte sich auf ungeübten jungen Beinen um und stieß mit mir zusammen. »Danke«, murmelte er.
Louise kam hinter dem Tresen hervor und folgte dem kleinen Stimmchen. Sie stürzte an mir vorbei und erwischte die Ladentür eine Sekunde, nachdem er sie zugeknallt hatte.
»J.C.« Mit in die Hüften gestemmten Armen stellte sie sich auf den Gehweg und hob die Stimme. »J.C., wir sehen uns nächsten Samstag.« Sie kam in den Laden zurück und schaute mich an.
»Hi. Marg-you-reet. Mensch, bin ich froh, Sie zu sehen. Bitte entschuldigen Sie das eben. Ich musste einen meiner Arbeiter ausbezahlen.«
Ich wartete auf die Fortsetzung. Wartete darauf, dass sie sagen würde, was für ein niedlicher, armer kleiner Kerl er sei und was für eine Schande so etwas. Sie ging hinter den Tresen und steckte Schallplatten in ihre Hüllen.
»Als ich hier aufgemacht habe, kamen sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft gelaufen. Entweder haben sie gesagt ›Gi’mir’n Penny‹« – ich hasste es, wenn Weiße den Akzent von Schwarzen nachahmten – »oder sie wollten, dass ich ihnen Platten vorspiele. Ich habe gesagt, Geld bekämen sie nur, wenn sie dafür arbeiten würden, und Platten würde ich nur für ihre Eltern auflegen, bis sie selbst groß genug wären, an die Plattenteller ranzukommen. Seitdem lasse ich sie für einen Penny das Stück die leeren Kartons zusammenfalten.« Dann sagte sie: »Ich bin froh, dass Sie da sind, weil ich Ihnen einen Job anbieten möchte.«
Ich hatte eine Menge Dinge getan, um mich über Wasser zu halten, aber beim Putzen in den Haushalten der Weißen zog ich die Grenze. Ich hatte es ausprobiert und kaum einen Tag lang durchgehalten. Die polierten Tische, die Schnittblumen, die fremde Kleidung in den Schränken verwirrten mich vollkommen. Und ich hasste die gemusterten Teppiche, gefliesten Küchen und Kühlschränke voller fremder Essensreste.
»Ach ja?« So eisig war mein Tonfall, dass er nach der aristokratischen Vivien Leigh klang (vor Vom Winde verweht).
»Bisher hat meine Schwester hier ausgeholfen, aber sie will jetzt studieren. Ich dachte, Sie wären der perfekte Ersatz.«
Meine Entschlossenheit begann unter mir wegzuknicken wie weiche Knie.
»Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, aber ich habe einen großen Kundenkreis und habe mir vorgenommen, jedes einzelne Album jedes Schwarzen Musikers vorrätig zu halten. Und wenn ich doch einmal etwas nicht habe, gibt es einen umfassenden Katalog, aus dem ich es bestelle. Was denken Sie?«
Sie schaute mich mit einem schlichten Lächeln offen an. Ich fahndete in ihrem Blick nach irgendwelchen Hintergedanken und konnte nichts entdecken. Trotzdem musste ich ihr meine Stärke demonstrieren.
»Es gefällt mir nicht, wenn Weiße Schwarze imitieren. Haben die Kinder Sie wirklich mit den Worten gebeten: ›Gi’mir’n Penny‹? Wohl kaum.«
Sie sagte: »Sie haben Recht: Sie haben mich nicht gebeten, sondern es gefordert.« Ihr Lächeln verschwand. »Sagen Sie es mal.«
»Gib mir einen Penny.« Ich modulierte jede Silbe.
Sie griff nach der Schachtel und überreichte mir eine Münze. »Vergessen Sie nicht, dass Sie eine Schulbildung haben, und lassen Sie uns beide nicht vergessen, dass wir Erwachsene sind. Ich würde mich freuen, wenn Sie den Job annehmen.« Sie nannte das Gehalt und die Arbeitszeiten und die Aufgaben, die ich zu erledigen hätte.
»Vielen Dank für das Angebot. Ich werde es mir überlegen.« Ich verließ den Laden hocherhobenen Hauptes. Ich versuchte Gleichgültigkeit zu verströmen wie Tintenfischtinte, um darunter meine Begeisterung zu verbergen.
Zuallererst musste ich mit Ivonne Broadnax, der Realistin, sprechen. Sie war meine beste Freundin. Ivonne hatte die lästige romantische Verklärung abgeschüttelt, an der ich mein Leben lang krankte. Sie besaß den glasklaren Blick einer geborenen Überlebenskünstlerin. Ich lief zu ihrer Adresse in der Ellis Street, wo sie mit ihren 25 Jahren eine achtjährige Tochter und eine fünfzehnjährige Schwester großzog.
»Vonne, du kennst doch die Frau vom Plattenladen?«
»Die kleine Weiße mit dem schiefen Lächeln?« Sie hatte eine leise, schneidende Stimme, die sich zwischen geraden weißen Zahnreihen hindurchpressen musste.
»Genau.«
»Warum?«
»Sie hat mir Arbeit angeboten.«
»Arbeit als was?« Auf ihren Zynismus konnte ich mich verlassen.
»Als Verkäuferin.«
»Warum?«
»Genau das will ich ja herausfinden. Warum? Und warum ich?«
Ivonne saß ganz still und dachte nach. Sie war eine große Schönheit und ging völlig ungezwungen damit um. Sie schürzte ihre herzförmigen Lippen, und als sie den Kopf hob, überzog der erhöhte Puls ihr Gesicht mit Rot- und Cremetönen.
»Ist sie eine von denen?«
Wir wussten beide, dass das die einzig logische Erklärung war.
»Nein. Ganz sicher nicht.«
Ivonne senkte wieder den Kopf. Hob ihn wieder und sah mich an.
»Hast du sie gefragt?«
»Nein.«
»Ich meine, hast du sie um einen Job gebeten?«
»Nein. Sie hat ihn mir angeboten.« Ich ließ ein kleines bisschen Gekränktheit in meinen Ton einfließen.
Ivonne sagte: »Du weißt ja, wie seltsam die Weißen sind. Ich weiß nicht mal, ob sie selbst wissen, warum sie irgendetwas tun.« Ivonne war in einer Kleinstadt in Mississippi aufgewachsen, ich in einem noch kleineren Kaff in Arkansas. Weiße waren in unserer Vorgeschichte so allgegenwärtig wie die Jahreszeiten und so unvertraut wie der Wohlstand.
»Vielleicht will sie sich etwas beweisen.« Sie überlegte. »Was will sie dir bezahlen?«
»Genug, dass ich die anderen beiden Jobs aufgeben und mein Baby nach Hause holen könnte.«
»Na, dann mach’s.«
»Ich müsste Platten nachbestellen und Inventur machen und all so was.« Der Duft eines besseren Lebens hatte noch kaum meine Nase umweht, da wurde mir schon schwindlig.
»Hör mal, Maya«, (sie benutzte meinen Familienspitznamen). »Wenn du es geschafft hast, einen Puff zu leiten, dürfte ein Plattenladen ja wohl kein Problem sein.«
In San Diego, mit achtzehn, hatte ich einmal einen Prostitutionsbetrieb geleitet, in dem zwei qualifizierte Fachkräfte die Kundschaft versorgten, während ich als Geldgeberin an den Einnahmen beteiligt wurde. Diese Erfahrung hatte ich seitdem unter immer neuen Lagen der Vergebung und der vorgeschützten Unschuld vergraben. Aber es stimmte – ich hatte wirklich ein gewisses Talent für organisatorische Tätigkeiten.
»Nimm die Stelle an, und dann beobachte sie mit Adleraugen. Du weißt ja, wie das ist mit den weißen Frauen. Die ziehen sich den Slip aus, legen sich hin und nennen’s dann Vergewaltigung. Wenn du nicht aufpasst, kriegt sie vielleicht Schwächeanfälle, und ehe du dich’s versiehst, putzt du doch ihre Fenster und wischst die Böden.« Wir gackerten wie zwei alte Weiber in Gedanken an die finsteren Geheimnisse ihrer Vergangenheit. Es war ein bitteres Lachen und richtete sich nicht wirklich gegen weiße Frauen. Unser Gelächter war ein bewährter Trick, um die Schwarze Verletzlichkeit zu verbergen; wir lachten, um nicht zu weinen.
Den Job nahm ich an, ließ Louise aber nicht aus den Augen. Kein Handgriff blieb unbeobachtet, kein Gespräch unbelauscht. Die Frage war nicht, ob sich ihr Rassismus verraten würde, sondern wann und wie. Monatelang lebte ich mitten in einem Krimi. Ich achtete auf ihren Tonfall und folgte jedem ihrer Blicke.
Sonntags, wenn nach dem Gottesdienst die alten Leute in den Laden kamen, um sich Reverend Joe Mays Predigten auf 78-rpm-Platten anzuhören, bebte ich vor kriminalistischer Erwartung. Füllige Korsettträgerinnen versammelten sich mit vor religiösem Eifer geschwelltem Busen um die Plattenteller, während ihre in dunkle Anzüge gewandeten Ehegatten sich mit vor Hingebung an den Heiligen Geist leeren Gesichtern, die schwarzen und braunen Hände auf der mitgebrachten Bibel ruhend, der Musik überließen.
Louise bot den Damen Klappstühle an und kehrte hinter den Tresen zu ihren Büchern zurück. Ich lauerte auf ein Feixen, auf ein einziges Augen-zum-gnadenreichen-Himmel-Heben – den Beweis, dass sie ihr Weißsein für eine überlegene Eigenschaft hielt, die sie und Gott zu ihrem gemeinsamen Vorteil ausgeklügelt hatten.
Nach zwei Monaten begann mich die ständige Wachsamkeit zu ermüden, und ich hatte noch immer keinen Hinweis auf Vorurteile gefunden. Ich entspannte mich allmählich und begann die Fülle einer Welt der Musik zu genießen. Den Morgen widmete ich Bartok und Schoenberg. Am Vormittag schwelgte ich im Gesang von Billy Eckstine, Billie Holiday, Nat Cole, Louis Jordan und Bull Moose Jackson. Eine Piroschki aus dem russischen Feinkostladen nebenan war mein Mittagessen, und dann tanzten die Giganten des Bebop durch die Luft des Ladens. Charles Parker und Max Roach, Dizzy Gillespie, Sarah Vaughan und Al Haig und Howard McGhee. Der späte Nachmittag gehörte dem Blues, und die Worte der Sänger über verlorene Liebe erzählten von meiner Einsamkeit.
Ich bestellte Ware nach und nahm Musikwünsche entgegen, leerte Aschenbecher und staubte die Pappaufsteller im Schaufenster ab. Louise und ihr Geschäftspartner, David Rosenbaum, drückten ihre Freude mit einer Gehaltserhöhung aus, und ich konnte bei aller Dankbarkeit für die Arbeitsstelle und für die erste freundschaftliche Beziehung zwischen Schwarz und Weiß meines Lebens meine Gefühle nur zum Ausdruck bringen, indem ich stets pünktlich kam, tüchtig arbeitete und ihnen einen kühlen, grauen Respekt entgegenbrachte.
Zu Hause dagegen schillerte das Leben in herrlichen Farben. Jeden Abend holte ich meinen Sohn jetzt von der Kinderfrau nach Hause. Er war fünf Jahre alt und so schön, dass sein Lächeln jedem Schlägertypen das Rückgrat gebrochen hätte.
Zwei Jahre lang hatten wir uns wie Wasserspinnen in einem unentrinnbaren Strudel im Kreis gedreht. Ich brauchte Zeit, um für unseren Lebensunterhalt arbeiten zu können, aber die Kinderbetreuung war so teuer, dass ich zwei Jobs brauchte, um sie und die Miete zu finanzieren. Sechs Tage und fünf Nächte pro Woche gab ich ihn weg.
Am Vorabend meines freien Tages ging ich immer zum Haus der Kinderfrau. Erst packte er meinen Rocksaum, umklammerte dann meine Beine und schrie, während ich die wöchentliche Rechnung bezahlte. Ich machte ihn von mir los, nahm ihn auf den Arm und ging die Straße hinunter. Noch viele Häuserblocks weiter schrie er. Wenn wir weit genug weg waren, lockerte sich der Würgegriff um meinen Hals, und ich konnte ihn absetzen. Den Rest des Abends verbrachten wir in meinem Zimmer. Er folgte mir auf Schritt und Tritt und traute mir nicht einmal zu, aus dem Badezimmer wiederzukommen. Nach dem Abendessen, das ich in der Gemeinschaftsküche kochte, las ich ihm vor und ließ ihn versuchen, mir vorzulesen.
Den Tag darauf verbrachten wir immer im Park, im Zoo, im San Francisco Museum of Art, im Zeichentrickkino oder mit sonstiger preisgünstiger oder kostenloser Unterhaltung. Am zweiten Abend dann kämpfte er gegen den Schlaf an wie ein Greis gegen den Tod. Gegen Morgen, noch nicht ganz wach, zuckte er im Schlaf und gab Schmerzenslaute von sich wie ein verletztes Tier. Ich brachte mein Herz zum Schweigen und weckte ihn auf. Sobald er angezogen war, machten wir uns auf den Weg zur Kinderfrau. Mehrere Häuserblocks vor dem Ziel begann er zu weinen. Meine eigenen Tränen hielt ich zurück, bis seine Schreie durch die geschlossenen Türen drangen und sich mir wie Speerspitzen ins Herz bohrten.
Die ewige Wiederholung dieses Elends machte es kein bisschen besser. Ich erwog Alternativen. Wenn ich verheiratet wäre, würde »mein Ehemann« (Worte, die ebenso unrealistisch klangen wie »mein Bankkonto«) mich in einem schnuckligen Haus einquartieren, das ich mit meinem guten Geschmack in ein Zuhause verwandeln würde. Mein Sohn und ich würden ganze Tage zusammen verbringen, und ich würde zwei weitere Kinder bekommen, Deirdre und Craig, und ich würde Rosen und prächtige Zinnien pflanzen. Ich würde übergroße Gartenhandschuhe tragen, so dass, wenn ich sie auszog, meine Hände zart wären und meine Maniküre top in Schuss. Wir würden alle gemeinsam Schach und Halma spielen und Wer bin ich und Whist. Wir wären eine lärmende, liebevolle, lustige Meute wie die Großfamilie aus Im Dutzend billiger.
Oder ich könnte von der Sozialhilfe leben.
Von einem Heiratskandidaten fehlte in meinem Leben weit und breit jede Spur. Genauer gesagt schienen sich Männer ganz generell nicht für mich zu interessieren. Vielleicht schreckte meine kühle, kontrollierte Fassade sie ab, oder vielleicht war meine vermeintlich sorgsam kaschierte Not so offensichtlich, dass sie sie in die Flucht schlug. Nein, Ehemänner waren ungefähr so verbreitet wie das gewöhnliche Wald- und Wieseneinhorn.
Und die Sozialhilfe kam überhaupt nicht in Frage. Mein gut gesteifter Stolz verdankte sich einer Familie, die ihre eigenen Angelegenheiten stets kompromisslos selbst geregelt hatte. Die Großmutter, die mich, meinen Bruder und ihre eigenen zwei Söhne großgezogen hatte, betrieb einen Kramerladen. Sie hatte ihr Geschäft zu Beginn des Jahrhunderts in Stamps, Arkansas, begründet, indem sie Fleischpasteten an die Arbeiter eines Sägewerks verkaufte und dann vier Meilen quer durch den Ort eilte, um auch die Belegschaft der Egrenierfabrik zu versorgen.
Mein Bruder Bailey, der ein Jahr älter als ich und einen halben Kopf kleiner war, hatte mir in jungen Jahren eingehämmert: »Du bist genauso intelligent wie ich« – dass er ein Genie war, da waren wir uns einig – »und wunderschön. Und du kannst alles erreichen.«
Meine wunderschöne Mutter, die ihre Geschäfte und ihre Männer mit harter Hand regierte, hatte mir beigebracht, mein Boot selbst zu steuern, mein Kanu selbst zu paddeln, selbst die Segel zu setzen. Wörtlich hatte sie gesagt: »Wenn du willst, dass irgendetwas getan wird, tu es selbst.«
Meine Familie konnte ich unmöglich um Hilfe bitten (ich konnte ihre Ablehnung nicht riskieren), und das waren die Menschen, die mich liebten. Keine Notlage der Welt konnte mich je dazu bewegen, gesenkten Hauptes die Unterstützung einer Institution zu erflehen, die mich verachtete, und einer Regierung, die mich ignorierte. Es hatte alles danach ausgesehen, als würde ich in den zwei Jobs und dem wöchentlichen Kinderfrauenterror feststecken bis ans Ende meiner Tage. Jetzt aber, mit dem guten Gehalt, konnten mein Sohn und ich wieder bei meiner Mutter einziehen.
Ein Lächeln erhellte wie ein Blitzschlag ihr Gesicht, als ich ihr erzählte, dass ich meinen Sohn zu mir zurückgeholt hatte und wir heimkehren wollten. Ihre Augen glänzten. Es war beunruhigend. Meine Mutter war alles Mögliche, aber wenn sie eins nicht war, dann sentimental. Ich staunte, wie schnell sie ihr altes Selbst wieder ans Steuer zerrte. Wie immer stellte sie nur direkte Fragen.
»Wie lange bleibt ihr diesmal?«
»Bis ich mir ein Haus für uns leisten kann.«
»Das klingt gut. Dein Zimmer ist noch so, wie du es hinterlassen hast, und Clyde kann das kleine Hinterzimmer bekommen.«
Ich beschloss, ein bisschen Angeberei könne nicht schaden. »Ich arbeite jetzt im Plattenladen auf der Fillmore und habe eine Gehaltserhöhung bekommen. Ich zahle dir Miete und einen Teil der Lebensmittel.«
»Wie viel verdienst du?«
Ich sagte es ihr, und sie rechnete rasch einen Prozentsatz aus. »Okay. So viel zahlst du mir und beteiligst dich einmal die Woche am Einkauf.«
Ich gab ihr Geld. Sie zählte sorgfältig nach. »Schön, das ist die Miete für einen Monat. Ich merk’s mir.«
Sie gab mir das Geld zurück. »Geh in die Stadt und kauf dir was zum Anziehen.«
Ich zögerte.
»Das ist kein Kredit, sondern ein Geschenk. Du solltest doch wissen, dass ich keine unsauberen Geschäfte mache.«
Für Vivian Baxter war das Geschäft eben Geschäft, und ich war ihre Tochter; das eine hatte mit dem anderen nicht das Geringste zu tun.
»Du weißt, dass ich nicht als Kindermädchen tauge, aber Poppa Ford ist immer noch da und hält das Haus in Ordnung. Er könnte Clyde im Auge behalten. Natürlich müsstest du ihm wöchentlich ein bisschen was bezahlen. Nicht so viel wie den Kinderfrauen, aber ein bisschen. Denk dran: Du kriegst nicht immer das, wofür du bezahlt hast, aber du musst immer für das bezahlen, was du kriegst.«
»Ja, Mutter.« Ich war zu Hause.
Monatelang war das Leben ein Bannkreis aus Glück, und wir wandelten innerhalb seiner Grenzen. Mein Sohn ging zur Schule, konnte sehr gut lesen und ließ sich, von mir ermuntert, auf eine Liebesaffäre mit der Literatur ein. Er war gesund. Die alte Angst, ich könnte ihn verlassen, begann sich aufzulösen. Ich las ihm Thorne Smith vor und rezitierte mit einem schweren Südstaatenakzent Paul Laurence Dunbars Gedichte.
Als wir eines Abends die Fillmore entlangspazierten, hörten Clyde und ich lautes Geschrei und sahen auf einer gegenüberliegenden Straßenecke, wie sich eine Gruppe von Menschen um einen Einzelnen scharte. Wir blieben stehen, um zu lauschen.
»Herr, wir, deine Kinder. Wir kommen zu dir wie neugeborene Babys. Silber und Gold haben wir keines. Aber o Herr!«
Clyde nahm meine Hand und versuchte mich in die Gegenrichtung wegzuzerren.
»Komm schon, Mom, komm mit.«
Ich beugte mich zu ihm herunter. »Warum?«
»Der Mann ist verrückt.« Sein kleines Gesicht zog sich vor lauter Widerwillen zusammen.
»Warum denkst du das?«
»Weil er mitten auf der Straße so rumschreit.«
Ich hockte mich zu meinem Sohn, ohne auf die anderen Passanten zu achten. »Das ist eine von vielen Möglichkeiten, Gott zu loben. Manche tun das in der Kirche, andere auf der Straße und wieder andere in ihrem Herzen.«
»Aber Mom, gibt es Gott wirklich? Und was macht Er die ganze Zeit?«
Diese Frage verdiente eine bessere Antwort, als sie mir aus dem Stegreif eingefallen wäre. Ich sagte: »Darüber reden wir später, aber jetzt lass uns hingehen und zuhören. Stell dir die Predigt als Gedicht vor und den Gesang als tolle Musik.«
Er folgte mir, und ich bahnte uns einen Weg durch die Menge, bis er etwas sehen konnte. Meinem Sohn waren die Verrenkungen des Predigers und die Reaktionen der Zuhörer peinlich. Ich war erschüttert. Ich war in einer Bischöflichen Methodistenkirche aufgewachsen, in der mein Onkel als Superintendent der Sonntagsschule fungierte und meine Großmutter als Mutter der Kirche. Bis ich mit dreizehn Jahren von Arkansas nach Kalifornien umzog, verbrachte ich jeden Sonntag mindestens sechs Stunden in der Kirche. Montagabends nahm mich Momma mit zum Treffen der Gottesdiensthelfer; dienstags versammelten sich die Mütter der Kirche; mittwochs wurden Gebetstreffen abgehalten; donnerstags kamen die Diakone zusammen; freitags und samstags bereitete man den Gottesdienst am Sonntag vor. Und mein Sohn fragte, ob es einen Gott gab. Zu wem hatte ich denn mein Leben lang gebetet?
Am selben Abend sang ich mit ihm »Joshua Fit the Battle of Jericho«.
Mein Leben bestand aus einer Ansammlung von Bestrebungen, und ich verwandte meine Kraft darauf, mehr zu erreichen als das Lebensnotwendige. An den konsumfreudigen, sicherheitsbewussten Fiftys hatte ich nicht weniger Anteil als die weißen schüchternen jungen Frauen, die ihr pastellfarbenes Peter-Pan-Kragen-Leben in den Wohnvierteln der Mittelschicht zubrachten. In den Schwarzen Communitys ließen die Mädchen mit den leuchtend bunten Kleidern und dem Gelächter, das die Luft kräuselte, ihr Straßengrinsen aufblitzen und träumten von Gartenzäunen. Wir schockierten mit unseren weithin sichtbaren Flirts und sehnten uns danach, »für einen die eine« zu werden. Allzu oft blieben wir ledig, ertrugen einsame Schwangerschaften und wünschten uns je zweieinhalb Kinder, die hinter jenem Gartenzaun fröhlich glucksen sollten, während wir unsere Ehemänner im netten Kombi zur Arbeit fuhren.
Einen Mann hatte ich geliebt und seinen Verlust mit der geballten Inbrunst einer betrogenen Siebzehnjährigen beklagt. Nach anderen hatte ich mich voller wilder Verzweiflung gesehnt, im festen Glauben, dass mich die Ehe in eine Welt ohne Gefahr, Krankheit oder Mangel versetzen musste.
Im Plattenladen fantasierte ich mir aus den rührseligen Texten der Vierziger und Fünfziger ein Traumleben zusammen.
You’d be so nice to come home to.
Egal, wer »you« war.
I’m walking by the river ’cause I’m meeting someone there tonight.
Einfach irgendwen. Hauptsache, größer als ich und bereit zu heiraten. Und zwar mich. Billy Eckstine sang:
Our little dream castle with every dream gone Is lonely and silent, the shades are all drawn My heart is heavy as I gaze upon A cottage for sale.
Das war mein Haus, das da leer stand. Wenn nur der Richtige des Weges käme, könnten wir dort einziehen, und das wahre Leben finge an.
Louise Cox und ihre Mutter waren Mitglieder der »Kirche Christi, Wissenschafter«. Ich nahm ihre Einladung an, den Gottesdienst zu besuchen. Die Strenge der Inneneinrichtung, die vielen schweigsamen, gut gekleideten Weißen und die Emotionslosigkeit des Ganzen beunruhigten mich. Ich schaute mir besonders die wenigen Schwarzen in der Gemeinde an. Sie wirkten ebenso gediegen wohlhabend und so emotional zurückhaltend wie die weißen Leute neben ihnen. Ich kannte Kirchen als Tempel, in denen man dem Herrn jauchzte und frohlockte, und zwar lautstark.
In der Kirche Christi, Wissenschafter pries die Gemeinde den Allmächtigen ohne Worte. Kein Füßetrampeln und kein Klatschen begleiteten die Gebete. Den ganzen Gottesdienst über stand die Zeit still, und die Realität blieb draußen vor der schlichten und teuren, schweren Tür.
»Hat es dir gefallen?«
Wir saßen in Louises Küche und knabberten die selbstgebackenen Kekse ihrer Mutter.
»Ich weiß nicht. Ich habe es nicht verstanden.«
Nach einem Jahr unablässiger Beobachtung traute ich ihr zu, das als Zeichen der Unerfahrenheit, nicht der Dummheit zu begreifen.
Ihre Mutter schenkte mir ein Exemplar von Mary Baker Eddys Wissenschaft und Gesundheit. Ich begann mich mit ungewohnten Vorstellungen auseinanderzusetzen.
Die Härte der Armut war in meinem Leben nicht weniger spürbar gewesen als Sand zwischen den Zähnen, doch Mary Baker Eddy legte mir nahe, mich als wohlhabend zu betrachten. Abends kehrte ich in ein Haus mit vierzehn Zimmern zurück, in dem mein Sohn und der 75-jährige Poppa Ford mich erwarteten. Mutter war meist noch zum Abendessen bei Freunden, auf einen Drink bei Bekannten oder mit Wildfremden am Spieltisch. Wäre sie daheim gewesen, hätte ihre Anwesenheit meine Einsamkeit nicht wesentlich gemildert. Mein Bruder, mein Verbündeter und erster guter Freund, hatte das Zuhause verlassen und sich mir verschlossen. Als Kinder hatten wir einander beigestanden, aber das Erwachsenwerden hatte unsere Bande gekappt, und wir drifteten auf tiefen, tückischen Gewässern voneinander fort.
Im Haus meiner Mutter las ich meinem Sohn zum Einschlafen vor und ging in die Küche. Dort brütete der Alte meist noch über einem großen Becher stark gezuckerten Kaffees. Ich betrachtete eine Weile sein elfenbeinernes, von einer geisterhaften Vergangenheit zerfurchtes Gesicht und ging dann auf mein Zimmer, wo die Einsamkeit ihr Walfischmaul aufriss und mich verschlang.
In Wissenschaft und Gesundheit hieß es, ich sei nie allein. »Kein Ort, an dem Gott nicht ist.« Aber ich konnte diese Zusicherung nicht spüren.
Der Matrose schlenderte durch den Laden. Er überflog die Werbetafeln und las die Plakate. Sein dunkles Haar und das ovale, sinnliche Gesicht erinnerten mich an Gemälde der italienischen Renaissance. Es war ungewohnt, einen weißen Militärangehörigen am helllichten Tag in einem Schwarzen Stadtviertel zu sehen. Ich beschloss, er müsse sich verlaufen haben. Er kam zum Tresen.
»Guten Morgen.«
»Haben Sie ›Cheers‹?«
Vielleicht hatte er sich doch nicht verlaufen, sondern war irgendwie in diese Gegend geraten und hatte beschlossen, ein paar Platten zu kaufen. »Cheers«? Ich ging im Kopf lauter weiße Interpreten durch – Jo Stafford, Helen O’Connell, Margaret Whiting, Dinah Shore, Frank Sinatra, Bob Crosby, Bing Crosby und Bob Eberle. Tex Beneke. Keiner von denen hatte einen Song namens »Cheers«. Ich überlegte weiter: Anita O’Day, Mel Tormé, June Christy. Kein »Cheers«. Er sah eigentlich nach Gesang aus, aber vielleicht suchte er ja ein Instrumentalstück von einer weißen Bigband. Stan Kenton, Neal Hefti, Billy May. Auch in ihrem Repertoire kam nichts namens »Cheers« vor.
»Ich weiß nicht, ob wir das dahaben. Wer hat die Platte gepresst?« Ich lächelte. Der Ausdruck »pressen« bewies, dass ich Insiderin war und das Wort »aufnehmen« hinter mir gelassen hatte.
Der Mann schaute mich an und sagte trocken: »Charlie Parker.«
Zwar lebte ich in einer großen Stadt, aber in Wirklichkeit bewohnte ich ein kleines Dorf innerhalb ihrer Grenzen. Die wenigen Weißen in meinem Umfeld, die Charlie Parker kannten, waren Freunde meines Bruders und in irdischer Entlegenheit von mir abgeschieden. Ich beeilte mich, die Platte herbeizuholen. Als ich die Hülle abnahm, sagte er: »Sie brauchen Sie mir nicht vorzuspielen.« Er fügte hinzu: »Ich nehm dann noch ›Well You Needn’t‹ von Thelonius Monk und ›Night in Tunisia‹ von Dizzy Gillespie.«
Mein Hirn weigerte sich, den Ohren ihre Bürde abzunehmen. Sprach da wirklich ein Weißer? Ich schaute näher hin, ob er Kreole sein könnte. Viele Schwarze aus dem Bayou Country konnten als Weiße durchgehen, wenn sie wollten. Auch sie hatten schwarzes, strähnig-glattes Haar, dunkle Augen und cremeweiße Haut.
Es ging doch nichts über eine direkte Frage: »Sind Sie aus Louisiana?«
»Nein, aus Portland.«
Schwarze Stimmen besitzen eine raue Textur, die bei ihm nicht mitschwang. Ich packte seine Auswahl ein, und er zahlte und ging. Mich beschäftigte, dass er weder nett noch unhöflich gewesen war und dass er niemandem ähnelte, dem ich je begegnet war.
Meine zwei Chefs und Louises gutaussehender Freund, Fred E. Pierson, Taxichauffeur und Maler, waren die einzigen Weißen, die ich kannte, mochte und teilweise verstand. Als ich Fred kennenlernte, hatte seine Freundlichkeit meine alten Überlebensmechanismen in Gang gesetzt. Ich vermutete (oder hoffte), er hätte ein persönliches (sprich: romantisches) Interesse an mir. Er half mir, die sieben ebenerdigen Zimmer im Haus meiner Mutter zu streichen, und erzählte von seiner großen und tragischen und vergangenen Liebesgeschichte und wie nett es sei, dass wir befreundet waren.
Eine Woche darauf kam der Matrose wieder. Er stöberte eine Weile, dann kam er zum Tresen und unterbrach mich bei meiner Beschäftigung mit dem Papierkram.
»Hi.«
Ich blickte scheinbar überrascht auf. »Hallo.«
»Haben Sie was von Dexter Gordon?«
»Ja, ›Dexter’s Blues‹.« Wieder ein Schwarzer Musiker.
»Das nehme ich.«
Ich fragte: »Wie wäre es noch mit Dave Brubeck?«
»Nein. Trotzdem danke.« Brubeck war weiß. »Aber vielleicht was von Prez? Haben Sie ›Lester Leaps in‹?«
»Ja.«
Er schwieg einen Moment. »Finden hier in der Gegend irgendwo Jam-Sessions statt?«
»Ach, Sie sind Musiker.« Das hätte alles erklärt. Die Mitglieder großer weißer Jazz-Orchester besuchten manchmal Schwarze Nachtclubs. Dort wollten sie bei den Jam-Sessions mitmischen. Schwarze Musiker wiesen sie oft ab, mit der Begründung: »Die weißen Jungs kommen hier an, rauchen unser Pot auf, klauen Akkordfolgen und kehren zu ihren gut bezahlten Jobs zurück, wo sie uns Schwarze dann aus der Gewerkschaft fernhalten.«
Er sagte: »Nein, ich höre bloß gern Jazz. Ich heiße Tosh, und Sie?«
»Marguerite. Was ist Tosh für ein Name?«
»Die griechische Version von Thomas – Enistasious. Tosh ist die Kurzform. Gibt es hier gute Jazzclubs? Wo sich coole Leute treffen?«
Es gab das Jimbo’s, ein blau beleuchteter Keller, wo sich die Gäste im zähfließenden Dunst bewegten wie die Bewohner eines großen Aquariums; schwerelos glitten sie durch ihr natürliches Element.
Ivonne und ich trafen uns dort so oft wie möglich. Sie bediente sich aus den Einnahmen ihres Cateringservice und ich mich aus meinem Ersparten; wir warfen uns in unsere besten Klamotten und betraten mit würdevoller Miene den stets vollen Raum. Leider hatte sich unsere Haltung längst als kontraproduktiv erwiesen: Wir gaben uns gleichmütig und distanziert, dabei hatten wir nichts anderes im Sinn, als einen gutaussehenden, alleinstehenden, intelligenten und interessierten Mann zu finden.
Zu Tosh sagte ich, mir wäre in der Nachbarschaft nichts dergleichen bekannt. Als er ging, war ich überzeugt, dass er sich gleich in die Innenstadt aufmachen würde, wo er den Leuten willkommener wäre.
Louise versuchte mich weiterhin zur Christlichen Wissenschaft zu bekehren. Ich stocherte unentschlossen in ihren Grundsätzen herum und hatte wenig Antrieb, tiefer darin einzutauchen, weil es letztendlich eine intellektuelle Religion war und der Gott, den ihre Anhänger verehrten, mir wie dünne Suppe ohne Knochen vorkam. Der Gott meiner Kindheit war ein alter, weißer, Van-Dyke-bärtiger Gevatter Zeit, der den Donner herbeibrüllte und Seine dicken Backen aufblies, um Hurricanes wider Seine verirrten Kinder auszusenden. Besänftigen ließ er sich nur, indem man sich bäuchlings zu Boden warf und winselnd um Gnade flehte. Gemocht hatte ich diesen Gott nie, aber Er kam mir greifbarer vor als ein nur aus Geist und Seele bestehender Schöpfer. Am liebsten wäre mir ein Zwischending gewesen.
Louises Geschäftspartner war Jude, also gestand ich ihm meine Not und befragte ihn zum jüdischen Glauben. Er lächelte, bis ihm klar wurde, dass es mir ernst war, dann erzählte er, dass er zur Beth-Emanu-El-Gemeinde zählte. Dort gebe es einen neuen Rabbi, der sehr jung und ausgesprochen modern sei. Von »Eli Eli« gab es eine Aufnahme eines Schwarzen Sängers, der ich aufmerksam lauschte. Der Wechsel aus überirdischen hohen Tönen und tiefem Ächzen war den Kirchenliedern meiner Kindheit ähnlich. Vielleicht war ja das Judentum die Antwort auf meine Fragen. Die Tora konnte mir wohl kaum fremder sein als Wissenschaft und Gesundheit.
Hunderte Jahre lang hatten Schwarze amerikanische Sklaven Parallelen zwischen ihrer Unterdrückung und der Behandlung der Juden in biblischen Zeiten wahrgenommen.
Go down Moses Way down in Egypt land Tell old Pharaoh To let my people go.
Die Propheten Israels bevölkerten unsere Lieder:
Didn’t my Lord deliver Daniel? Then why not every man?
Ezekiel saw the wheel up in the middle of the air.
Little David play on your harp.
Die jungen Judäer im glühenden Feuerofen erweckten stets das Mitleid der Schwarzen Communitys, weil unsere Erfahrungen in den USA ihre damaligen Leiden widerzuspiegeln schienen. Bei so vielen Gemeinsamkeiten, dachte ich, wäre der Übertritt ein Kinderspiel!
Die Beth-Emanu-El-Synagoge sah aus wie eins von Tyrone Powers Filmsets. Hohe lachsrosa Bögen erhoben sich über dem maurischen Innenhof. Ordentlich gekleidete Kinder kamen aus dem Gotteshaus und flitzten die breite Treppe hinunter.
Ich erklärte einer Dame am Empfang, ich wolle Rabbi Fine sprechen.
»In welcher Angelegenheit?« Ihre eigentliche Frage lautete: Was haben Sie in meinen heiligen Hallen zu suchen? Sie wiederholte: »In welcher Angelegenheit?«
»Ich möchte mit ihm über das Judentum sprechen.«
Sie nahm ihr Telefon ab und sprach hastig hinein.
»Hier entlang.« Steifbeinig und kerzengerade geleitete sie mich einen Flur hinunter. Einen Moment lang ließ sie schweigend den Blick auf mir ruhen, ehe sie die Tür aufmachte.
Rabbi Alvin I. Fine sah aus wie ein junger Sportlehrer beim Elternsprechtag. Ich hatte gedacht, alle Rabbis wären alt und bärtig, ebenso wie alle Priester irisch waren, ein Kollar trugen und aussahen wie eine Kreuzung von Bing Crosby und Barry Fitzgerald. Er bat mich herein und bot mir einen Stuhl an.
»Sie möchten über das Judentum diskutieren?« In seiner Stimme lag nicht einmal die Andeutung eines Kicherns. Er klang, als redete er mit einem Kollegen. Das gefiel mir.
»Ich weiß nichts darüber, also kann ich nicht darüber diskutieren.«
»Möchten Sie zum Judentum konvertieren?«
»Das weiß ich nicht. Ich würde gern mehr über Ihren Glauben lesen, kenne aber keine Bücher darüber.«
»Welchem Glauben gehört Ihre Familie an?«
»Sie sind Methodisten.«
»Und was fehlt Ihnen an diesem Glauben, was das Judentum Ihnen bieten könnte?«
»Ich weiß nicht, was es mir bietet.«
»Können Sie von sich sagen, dass Sie sich mit den Glaubenssätzen der Methodistischen Kirche eingehend befasst haben?«
»Nein.«
»Würden Sie sagen, Sie hätten alle Gebote Ihres Glaubens strikt befolgt?«
»Nein.«
»Und jetzt wollen Sie das Judentum kennenlernen, den uralten Glauben eines fremden Volkes?«
Er trieb mich systematisch in die Defensive. Wenn er debattieren wollte, würde er seinen Willen bekommen.
Ich sagte: »Ich möchte mich einlesen, ich habe nicht gesagt, dass ich zu Ihrem Glauben übertreten will. Mir gefällt die Musik in der Methodistischen Kirche, und die Gebete auch. Was mir nicht gefällt, ist die Vorstellung eines Gottes, der so furchterregend ist, dass ich Angst hätte, Ihm zu begegnen.«
»Warum haben Sie denn solche Angst vor Ihrem Gott?«
Es hätte kindisch geklungen, zu sagen, dass ich jedes Mal, wenn der Pfarrer mit dem Fegefeuer drohte, mein eigenes angesengtes Fleisch roch und meine Haut knusprig werden sah wie geröstete Schweineschwarte. Ich erzählte ihm eine weniger persönliche Wahrheit. »Weil ich Angst vor dem Tod habe.«
Ich erwartete eine Plattitüde von ihm: Wer ein gutes Leben ohne Sünde lebte, brauchte den Tod nicht zu fürchten.
Rabbi Fine sagte: »Das Judentum kann Sie nicht vor dem Tod bewahren. Besuchen Sie mal einen jüdischen Friedhof.«
Als ich ihn ansah, erwischte mich die Dummheit, die mich zu diesem Besuch getrieben hatte, mit voller Wucht.
Er sagte: »Ich werde Ihnen ein paar Bücher aufschreiben. Lesen Sie sie. Denken Sie darüber nach. Setzen Sie sich mit den Autoren und ihren Vorstellungen auseinander, und dann kommen Sie wieder zu mir.« Er beugte sich über seinen Schreibtisch und schrieb. Ich wusste, dass es Spaß machen würde, mit ihm über die Liebe, das Leben, den Hass und vor allem den Tod zu sprechen. Er reichte mir die Liste und lächelte zum ersten Mal, wodurch er noch jungenhafter wirkte. Ich bedankte mich und ging im festen Glauben, dass wir das Gespräch bald fortsetzen würden. Es dauerte ein Jahr, bis ich die Bücher gekauft oder ausgeliehen und gelesen hatte, aber bis zum Wiedersehen mit Rabbi Fine vergingen zwanzig.
Tosh kam so regelmäßig wieder, dass bei seinen Besuchen bald niemand mehr mit der Wimper zuckte und die Schwarze Kundschaft ihn sogar grüßte, was er allerdings nur mit einem Nicken quittierte. Er war aus der Navy entlassen worden und arbeitete in einem Elektronikladen für Haushaltsgeräte. Er hatte in der Schwarzen Wohngegend ein Zimmer angemietet und kam jeden Tag in den Plattenladen. Wir führten über kreiselnden Plattentellern lange Gespräche. Er sagte, es gefiele ihm, mit mir zu reden, weil ich nie log.
Ich fragte ihn, wie es gekommen war, dass er Schwarze so mochte.
»Ich mag Schwarze überhaupt nicht«, sagte er todernst. »Und Italiener oder Juden oder Iren oder Orientale genauso wenig. Ich selbst bin Grieche, und Griechen mag ich auch nicht.«
Ich beschloss, er müsse verrückt sein. Introvertiert zu sein war das eine, aber mir ins Gesicht zu sagen, dass er keine Schwarzen mochte, war etwas ganz anderes.
»Was hast du denn gegen Menschen?«
»Ich sage gar nicht, dass ich was gegen sie habe. Sie nicht zu mögen ist was anderes als was gegen sie zu haben.«
Das klang tiefsinnig, und ich brauchte Zeit, mich mit diesem Gedanken auseinanderzusetzen.
Ich fragte ihn, ob er Kinder mochte. Manche Kinder schon, antwortete er.
Ich erzählte ihm von meinem Sohn, wie klug er war, wie schön und witzig und süß.
»Spielt er Baseball?«
Ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, welche Sportarten Clyde von einem Vater hätte lernen können. Mit dieser Frage tat sich eine ganze neue Welt auf. Wenn ich das nächste Mal meine Traumschlösser baute, würde ich mir einen Ehemann vorstellen, der mit unseren Söhnen in den Park ging und ihnen Baseball, Football, Basketball und Tennis beibrachte, während ich mit der Tochter für ihre Heimkehr Kekse bakte und Erfrischungen bereitstellte.
»Nein, bis jetzt noch nicht.«
»Lass uns an deinem freien Tag in den Park gehen. Dann bringe ich ihm bei, was ich kann.«
Ich hatte mir Tosh noch nicht näher angesehen. Er hatte dichtes schwarzes Haar und die trägen dunklen Augen der Mittelmeeranwohner. Seine sanften Gesichtszüge strahlten Zurückhaltung aus. Er war gutaussehend, blieb aber unter der Messlatte, die ich für Heiratskandidaten anlegte. Er war eine Handbreit kleiner als ich und ein Weißer. Mein Ehemann sollte schön sein, einen Meter neunzig groß und Schwarz. Ich riss mich von diesen Gedanken los, und wir verabredeten uns zu einem Treffen im Golden Gate Park.
Mein Sohn und Tosh verstanden sich auf Anhieb. Sie spielten Ball, und nach einem Picknick packte Tosh ein tragbares Set aus und begann meinem Sohn Schach beizubringen. Am Ende des Tages landeten wir bei mir zu Hause, und ich stellte Tosh meiner Mutter vor. Sie war gastfreundlich, aber gerade so eben.
»Wo haben Sie Maya kennengelernt? Woher kommen Sie?« und »Wann gehen Sie dorthin zurück?«. Tosh hielt sich wacker angesichts dieser Naturgewalt von einer Frau. Er schaute ihr in die Augen, ignorierte alle impliziten Fragen und beantwortete nur, was offen auf den Tisch kam. Als er gegangen war, fragte meine Mutter, was ich mit ihm vorhabe.
»Er ist nur ein Freund.«
Sie sagte: »Tja, vergiss nicht, dass Weiße es seit Jahrhunderten gewohnt sind, Schwarze auszunutzen.«
Ich wandte ein: »Du kennst doch auch viele Weiße. Tante Linda und Tante Rosie und Onkel Blackie. Mit denen bist du befreundet. Und Bailey mit Harry und mit Paul, dem Tischtennis-Experten.«
»Das sage ich ja. Befreundet. Mehr nicht. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man miteinander lacht oder sich liebt.«
Ein paar Tage darauf erlaubte ich Tosh, mit Clyde allein etwas zu unternehmen. Sie kamen in den Laden, als ich Feierabend hatte, und Clyde sprudelte von den Erlebnissen des Nachmittags über.
»Wir sind mit der Kabelbahn gefahren und waren in Fisherman’s Wharf. Wenn ich groß bin, werde ich Kapitän oder Kabelbahnschaffner.« Seine Augen sprangen wie Kugeln beim Murmelspiel. »Nächste Woche geht Mr Angelos mit mir in den Zoo. Da darf ich die Tiere füttern. Vielleicht werde ich Löwenbändiger, wenn ich groß bin.« Er schaute mich prüfend an und fügte hinzu: »Er hat gesagt, das geht.«
Zu mir hatte Tosh zwar nichts Romantisches gesagt, aber ich begriff, dass er durch meinen Sohn nicht weniger um mich warb als Abealard um Héloïse. Er durfte nicht wissen, dass ich es wusste. Die Erkenntnis musste in mir verborgen bleiben, denn sonst hätte ich eine Entscheidung treffen müssen, und diese Entscheidung war längst ohne mich gefallen – durch Jahrhunderte der Sklaverei, durch die Ausbeutung von meinesgleichen, die Gewalttätigkeit der Weißen. Schon vor meiner Geburt hatten Zorn und Schuld darüber entschieden, dass Schwarz immer Schwarz blieb und Weiß immer Weiß und dass sie zwar Affären miteinander haben, einander aber nicht lieben konnten. Aber das menschliche Herz ist so unberechenbar wie das Wetter im Frühling. Da mögen noch so viele Vorzeichen auf einen Regenguss hinweisen, und plötzlich scheint die Sonne.
Tosh war unter Griechen aufgewachsen, die selbst Italiener als fremd ansahen. Sein Kontakt mit Schwarzen beschränkte sich auf die Schwarzen Matrosen an seinem Marinestützpunkt und die Musik der Erfinder des Bebop.
Ich wiederum würde niemals die Geschichten über die Sklaverei vergessen und meine Kindheit im Süden, wo jeder Weiße, und sei er noch so arm und ungebildet, sich das Recht herausnahm, jeden beliebigen Schwarzen zu beleidigen oder körperlich zu verletzen. Ich kannte weiße Überlegenheitsgefühle und ihre hässlichen Folgen. Ganz offensichtlich konnte es für Tosh und mich keine gemeinsame Basis geben.
Inzwischen erwartete ich seine Besuche im Plattenladen mit sorgsam kontrollierter Freude. Wir unternahmen Ausflüge in Parks, an den Strand oder zum Essen. Er liebte W.C. Fields und bewunderte Mae West, also heulten wir alle drei unser Gelächter in die dunkle Stille der Lichtspielhäuser.
Eines Abends, als ich meinen Sohn zu Bett gebracht hatte, saßen wir in der großen Küche beieinander und tranken Kaffee. Er fragte, ob ich Handlinien lesen könne, und legte seine Hand in meine.
Ich sagte: »Ja, natürlich, du wirst ein berühmter Musiker werden und sehr reich sein und ein langes, erfülltes Leben haben.« Ich legte seine Hand mit der Handfläche nach oben auf dem Tisch ab.
Er fragte: »Kannst du auch erkennen, dass ich heiraten werde?«
Mich durchfuhr eine tiefe Enttäuschung. Zwar hatte ich ihn nie in der Rolle als »mein Ehemann« gesehen, aber seine Aufmerksamkeiten hatten meine Einsamkeit gelindert. Und jetzt hatte er Heiratspläne. Irgendeine Schulhofliebe würde auf den Plan treten. Von mir würde er erwarten, freundlich und wohlwollend zu ihr zu sein.
Ich starrte auf die schattigen Kerben in seiner Handfläche und sagte trotzig: »Deine Liebeslinie ist schwach ausgeprägt. Eine glückliche Ehe sehe ich nicht voraus.«
Er nahm meine Hand und hielt sie fest. »Ich werde aber heiraten. Ich heirate nämlich dich.«
Was er sagte, wollte partout keinen Sinn ergeben. Ich heirate dich. Damit musste ich gemeint sein, denn er redete mit mir, aber die Worte »dich« und »heiraten« hatte noch nie jemand zu mir gesagt.
Selbst als ich eingesehen hatte, was er meinte, konnte ich nichts dazu sagen.
»Einen Weißen? Einen Weißen, der kein Geld hat? Wie kannst du da überhaupt überlegen?« Schierer Unglaube furchte ihre Züge. Mutters Brillantring blitzte auf, als sie wild gestikulierte. »Ein weißer Mann, der keinen Nachttopf besitzt und kein Fenster, um ihn auszuleeren.«
Sie war für ihre Temperamentsausbrüche berüchtigt, aber auf mich war sie nie wütend genug gewesen, mich die volle Wucht ihres Furors spüren zu lassen. Als ich ihr jetzt von Toshs Heiratsantrag erzählte, steigerte sie sich rapide von einem »Koller« (so nannte sie kleinere Aufwallungen) in einen ausgewachsenen Wutanfall hinein. In beängstigendem Tempo wurde ihr hübsches butterfarbenes Gesicht rot und hart.
»Denk an die Zukunft. Du bist jung. Was meinst du, was dir bevorsteht?«
Nicht viel mehr, als ich ohnehin schon durchgemacht hatte, hoffte ich. Mit drei Jahren hatte man mich, nur von meinem vierjährigen Bruder begleitet, in einen Zug von Kalifornien nach Arkansas verfrachtet; mit sieben war ich vergewaltigt worden und mit dreizehn nach Kalifornien zurückgekehrt. Meinen Sohn hatte ich mit sechzehn geboren und hatte, um ihn zu versorgen, als Shake Dancer in Nachtclubs, als Burger-Bräterin im Imbiss, als Köchin in einem kreolischen Restaurant und in einer Werkstatt gearbeitet, wo ich mit den Händen den Lack von Autokarosserien schälte.
»Überleg doch mal. Was zur Hölle hat er dir zu bieten? Die Verachtung seiner Leute und das Misstrauen von deinen. Was für eine Mitgift.«
