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Nippel sind banal – oder erotisch. Normal – oder skandalös. Alltag – oder Gerichtssache. Was den feinen Unterschied macht, ist das (zugeschriebene) Geschlecht des Menschen, zu dem die Nippel gehören. Und es ist auch dieser feine Unterschied, der den Nippel immer wieder zu einem Politikum macht. Als Gabrielle Lebreton sich 2021 an einem Berliner Wasserspielplatz oben ohne neben ebenfalls halbnackten Männern sonnen will, wird sie ermahnt, die Polizei wird gerufen und sie verliert im Nachgang vor Gericht – zumindest in erster Instanz. Im gleichen Jahr erstreiten Aktivist*innen in Göttingen, dass in Schwimmbädern alle Geschlechter oben ohne baden dürfen – allerdings nicht am Wochenende. Und während Social-Media-Konzerne sich beim Eindämmen von Hate Speech und Fake News schwer tun, müssen weibliche Nippel sorgfältig zensiert werden. Aus Angst wovor eigentlich? Julia Fritzsche blickt zurück in die Geschichte der Ver- und Enthüllung menschlicher Körper, um Rückschlüsse auf einen politischen Kampf im Heute zu ziehen. Wann wurde die weibliche Brust erotisch, wann dominierte historisch Scham und wann Befreiungsdrang? Lassen sich weibliche Nippel im öffentlichen Raum entskandalisieren ? Wie die aktuellen Kämpfe um #FreeTheNipple ausgehen, ist offen. Klar ist aber: Der Umgang mit unseren Brüsten ist politisch – und es geht um mehr als um die Badeordnung.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2024
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JULIA FRITZSCHE, geboren 1983 in München, studierte Rechtswissenschaften und arbeitet heute als Journalistin. Für ihr Radiofeature »›Prolls, Assis und Schmarotzer!‹ Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet« (BR) erhielt sie zusammen mit Sebastian Dörfler 2016 den Otto-Brenner-Preis und den Deutschen Sozialpreis. Ihr Radiofeature »Lied vom Ende des Kapitalismus« (BR) wurde 2020 mit dem Andere-Zeiten-Preis ausgezeichnet. 2022 erschien ihr Film »Brauchen wir Wirtschaftswachstum?« (ARTE) und 2023 »Sind wir alle bisexuell?« (ARTE) mit Maria Fedorova. Ihr Buch Tiefrot und radikal bunt. Für eine neue linke Erzählung erschien 2019.
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49 a
D-22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten
© Edition Nautilus GmbH 2024
Originalveröffentlichung
Erstausgabe Mai 2024
Umschlaggestaltung: Maja Bechert
www.majabechert.de
Satz: Corinna Theis-Hammad
www.cth-buchdesign.de
Porträt auf S. 2: © Julia Schärdel
Bildnachweise:
S. 6: »Beach Couple« © Scott Metzger Cartoons
S. 44: Janet Jackson / Damita Jo © picture-alliance / dpa / Fotoreport
S. 62: Brustberg mit Apfel © Instagram @freethenipple, 29.11.2023
S. 82: »They just built a way more powerful telescope«, © Pia Guerra Ian Boothby / The New Yorker Collection / The Cartoon Bank
S. 104: »Monokini« © Modemuseum Hasselt 2018 / Rudi Gernreich 1964
S. 128: »Frau von Willendorf« © Don Hitchcock
S. 172: »Yoga in Lilliput« © Andrés Gamiochipi, www.andresgamiochipi.com
1. Auflage
ePub ISBN 978-3-96054-347-3
Von Strand bis Social Media
Wo wessen Brüste stören
#freethenipple vs. Vielfachkrise
Gibt es nicht Wichtigeres als nackte Brüste?
Gesetze und Blicke
Wer über unsere Brüste bestimmt
Nackt und gleich
Wie Scham über unsere Körper kommt – und uns trennt
Obenrum frei?
Wie das Oben-ohne-Privileg ins Wanken geriet
Male gaze & Money
Wie manche Brüste sexy wurden
Was tun?
Wie wir unsere Nippel befreien
Anmerkungen
Danke
Wessen Brüste stören? Cartoon von Scott Metzger
We live in a culture that allows every inch of a woman’s body to be shown except a nipple. (…) Can’t a man’s nipple be experienced as erotic??!!
MADONNA
AUF UND ÜBER INSTAGRAM, 2021
Wo wessen Brüste stören
Sommer in Deutschland. Ich stehe in der Schlange vor dem Freibad. Und ich möchte schwimmen. Und zwar oben ohne. Schaffe ich das? Schaffe ich es, mich obenrum auszuziehen und vom Handtuch oben ohne bis ins Becken und zurück? Eine kleine Frage für die Menschheit, eine große Frage für mich. Denn ich ahne, dass ich scheitern könnte. Nicht an meinem BH-Verschluss. Sondern an meiner mangelnden Entschiedenheit. Entschiedenheit im Kampf gegen die Cancel Culture.
Und zwar eine Cancel Culture für »weibliche« Nippel. Denn anders als AfD und Trump-Fans behaupten, darf man zwar in unserer Gesellschaft so gut wie alles sagen. Man darf aber in unserer Gesellschaft nicht alles tragen: Wer als Frau gilt, wie ich, darf keine nackten Nippel tragen. »Oben ohne« ist ein Privileg für Typen! Während männlich gelesene Brustwarzen einfach nur zwei banale dunkle Flecken auf ei nem Oberkörper sind, sind weiblich gelesene Brustwarzen zwei Steine des Anstoßes. Sie stören.
Sie stören Ordnungsdienste, Instagram und Freibadgäste in der Regel mehr als ein Rammstein-Tattoo, schuppiges Haar oder labbrige Pommes. Und wie diese Ordnungshüter*innen sowie weite Teile unserer Gesellschaft mit weiblich oder männlich gelesenen Nippeln umgehen, ist Ausdruck unserer jeweiligen Freiheit. Ausdruck unserer Rolle in der Gesellschaft. Ausdruck unseres Platzes in der Welt.
Ich nähere mich der Kasse. Ich will heute einfach nur baden wie die Typen. Dass mein Versuch in der lokalen Presse und rechten Blogs landen wird, und die Freibadregeln im Stadtrat, ahne ich da noch nicht.
Ich werfe einen Blick ins Bad. Noch 100 Meter bis zum Schwimmbecken. Dieses Schwimmbecken ist mein Ziel. Da möchte ich rein. Bahnen schwimmen. Nur in Badehose. Warum? Weil ich es mag, wenn meine Brüste im Wasser zu schweben beginnen. Und weil ich es mag, wenn hierarchische Ordnungen ins Wanken geraten.
Und in den letzten Jahren gerät in Sachen Nippel einiges ins Wanken. Denn während einige sich an »weiblichen« Nippeln stören, stören andere sich an eben dieser bisherigen Ordnung. Viele Frauen und Nicht-Binäre kämpfen deshalb in den letzten Jahren um ihre nackte Würde. Ein paar Beispiele: Seit 2022 führen Frauen und queere Menschen in vielen deutschen Städten Prozesse für die Gleichberechtigung ihrer Brüste gegenüber Brüsten, die als männlich gelten. So unter anderem die Berlinerin Gabrielle Lebreton, deren Prozess in die Rechtsgeschichte eingehen könnte und die ich deswegen für dieses Buch begleitet habe. Neben Prozessen wie diesen fordert auch eine Petition mit dem Titel Gleiche Brust für alle das Recht auf nackte Brüste überall dort, wo Männer das auch dürfen. Und abseits solch rechtlicher Gegenwehr machen manche ihrem Ärger ganz praktisch Luft und lassen ihre Brüste an die Luft, quasi in Direkter Aktion. In Berlin, Dresden, Freiburg und Hannover radelten Menschen bei Fahrraddemos 2021 und 2022 oben ohne und mit »Free the nipple«-Aufschriften durch die Stadt. In Bremen stürmte 2022 ein Oben-ohne-Flashmob unter dem Motto »Brüste desexualisieren« ein Freibad. Auf Instagram postete Madonna 2021 eine Reihe von Fotos, die ihre nackten Nippel zeigten, und fragte verärgert, nachdem Instagram sie löschte, »Was ist mit dem Arsch einer Frau?«, schließlich würden Fotos von Ärschen nicht entfernt. Die einflussreiche Modebloggerin Chiara Ferragni postete 2023 aus Protest auf Instagram ein Foto von sich im sogenannten Shameless Dress, einem eleganten bestickten Kleid, das ihren nackten Körper nachahmt, vor allem nackte Nippel. Und in Nordspanien ging die Sängerin Eva Amaral 2023 oben ohne auf die Bühne, aus Solidarität mit anderen Sängerinnen, die sich zuvor hatten bedecken müssen, obwohl männliche Musiker seit Jahrzehnten ihre Brüste zeigen – vor Teenies, Volksfesten, Fernsehkameras. Manche Locations gehen, wie einige Bars auf dem Fusion Festival seit ein paar Jahren, den umgekehrten Weg und empfehlen Männern das Tragen von T-Shirts oder liefern mit »No shirt, no beer« Argumentationshilfe für die Männerseele. Sie fordern also Solidarität und tragen damit der Tatsache Rechnung, dass weiblich gelesene Menschen mit nackten Brüsten – auch wenn ein Event es ihnen erlauben würde – dennoch riskieren, belästigt zu werden, beschämt, begafft, gegen ihren Willen fotografiert oder gefilmt. All diese Maßnahmen gegen unser Oben-ohne-Privileg haben in den letzten Jahren einiges in Bewegung gebracht. Medien befassen sich seit ein paar Jahren häufiger damit. So machten Guardian und ARD 2023 mit Recherchen öffentlich, wie Algorithmen bei Instagram und Microsoft die Nacktheit von weiblich gelesenen und männlich gelesenen Menschen bewerten und entsprechend unterschiedlich sanktionieren. Und auch die Politik zog ein My nach. Zumindest was Freibäder angeht, sahen sich einige Verantwortliche auf kommunaler Ebene veranlasst, ihre Badeordnungen zu überdenken. In manchen europäischen Städten wie Barcelona, Grenoble, Berlin, Köln oder Chemnitz ist seit 2021 bzw. 2022 »oben ohne« nun in Freibädern dezidiert für alle erlaubt. Doch abseits von Freibädern stellt sich die Frage, wer sich entblößen darf, weiterhin auch an vielen anderen Orten. Genauer gesagt: an fast allen Orten unseres Lebens.
»Kaum denke ich an Boulderhallen, denke ich an die Oben-Ohne-Pauls und rege mich auf, als stünde gerade einer vor mir.« Das schreibt die Autorin Sibel Schick 2023 in ihrem Buch Weißen Feminismus canceln und malt sich aus, wie es wäre, als Frau oben ohne an der Kletterwand zu hängen. »Ich stelle mir vor, wie das Personal der Boulderhalle panisch zu uns eilt, um mich zu bitten, mich entweder sofort wieder anzuziehen oder die Halle zu verlassen, was sie bei Paul natürlich nicht getan haben, sonst wäre er ja entweder nicht mehr nackt oder weg. Und wie ich mich wehre, nur um im Anschluss rausgeworfen zu werden und Hausverbot zu bekommen. Oben-Ohne-Paul darf die Boulderhalle weiterhin betreten, schließlich ist er nicht so ›verrückt‹ wie ich. Wenn er in der Öffentlichkeit seinen Körper halb nackt präsentiert, liegt es daran, dass der Tag heiß ist, dass es nackt für ihn angenehmer und bequemer ist. Wenn ich es tue, bin ich exhibitionistisch, unmoralisch, provokant, verrückt, streitlustig, dreist etc. und muss rausgeworfen oder zumindest gemaßregelt werden.«1 Dabei können auch Frauen mit nackten Brüsten eine Wand hochklettern, denke ich. Weibliche Brüste waren nur ein Mal bei einer Bergtour im Weg. Im polnischen Park Ciężkowice war eine üppige Frau während des Kletterns mit ihren Brüsten in einer Felsspalte hängengeblieben und konnte erst nach Stunden befreit werden.2 Eine Boulderwand hingegen komme ich auch so hoch. Und wenn ich mit nacktem Oberkörper runterfalle, bo-donk, fliegen meine Brüste vielleicht durch die Gegend und kullern weg, aber dann sammle ich sie halt wieder ein. Doch aktuell können wir Frauen uns in der Boulderhalle nicht ausziehen. Als eine Freundin von mir deshalb die Betreiber ihrer Boulderhalle bat, sie möchten dann den Typen sagen, dass sie sich anziehen sollen, guckten die sie nur wie ein Auto an. Und auch die Boulderhalle ist nur ein Ort von vielen, wo unsere körperliche Selbstbestimmung sich von der der Männer unterscheidet – zumindest derjenigen mit Normkörpern, doch dazu später mehr. Ich habe für diese Recherche weiblich gelesene Personen in meinem Bekanntenkreis nach weiteren Beispielen gefragt: »Ich lege mich auf Raves ständig mit diesen Typen auf der Tanzfläche an, das macht mich so wütend, wenn die oben ohne sind. Ich erklär denen dann, dass das eine Machtgeste ist, und wenn ich Glück habe, ziehen sie sich das Shirt wieder an – und drei Meter neben mir wieder aus.« Das erzählt mir Jelena aus Augsburg. Julie aus Berlin ergänzt: »Bei mir stand letztens an der Supermarktkasse ein alter Typ oben ohne hinter mir. Ich habe den gebeten sich anzuziehen, aber der ist so sauer geworden und mehrere andere Männer sind ihm zur Seite, dass ich den Ort verlassen musste.« Sabrina ist Mutter zweier Kinder und erzählt: »Auch zuhause ist das ja Thema. Wir hatten letztens andere Kinder zu Besuch und mein Mann hat sein T-Shirt ausgelassen, als die kamen. Wenn ich das machen würde, würden die nicht nochmal zu Besuch kommen dürfen.« Dabei halten sich viele der Oben-ohne-Dads, Boulder-Pauls und Rave-Fans für aufgeklärt, feministisch, lässig – ihre Liberalität sieht man doch gerade an ihrer nonchalanten Freizügigkeit! Sie und wir, wir alle haben uns so an nackte männliche Oberkörper gewöhnt, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen. Ob zuhause oder auf der Straße – Männer tragen Nippel, Frauen tragen Risiken. Wir riskieren Belästigungen, Platzverweise und Strafen an Orten, wo Männer ihre Nippel unbekümmert an die frische Luft lassen. Von Boulderhalle bis Badestrand. Von Pool bis Party. Von Festival bis Facebook. Von Yoga bis Yacht. Von Fußballplatz bis Fußgängerzone. Von Radfahren bis Raven. Von Grillplatz bis Gipfelkreuz. Von Terrasse bis Tennis. Von Basketballplatz bis Beachvolleyball. Von Skatepark bis Social Media. Würden wir die Orte, an denen männlich gedeutete Brüste okay sind und weiblich gedeutete mit Scham behaftet, mit Pins auf einer Google Map markieren, sie wäre rot wie manch Teenie beim Anblick einer nackten Frauenbrust im Schwimmbad.
An all diesen Orten erfahren nicht nur unsere Nippel eine Cancel Culture. Sondern damit auch wir: Frauen und alle, die für solche gehalten werden. Wir dürfen an diesen Orten sein, aber nicht so wie Männer. Das heißt: unterordnen. Denn eine Kleidervorschrift, die nicht für alle gilt, bedeutet Hierarchie. Eine solche Hierarchie ausdrückende Kleidung ist natürlich wichtig, wenn sie zum Beispiel die lebensrettende Funktion hat, Fachpersonal von Laien zu unterscheiden, wie Feuerwehrleute oder medizinisches Personal, nicht aber bei unserer »zivilen« Alltagskleidung. Dann ist Kleiderordnung Ausdruck einer Gesellschaftsordnung. Sie ist dann unterdrückerisch, gewaltvoll und zerstörerisch. Und in der Regelung »Männerbrüste okay, Frauenbrüste obszön« liegt nicht nur eine Hierarchie – Männer sind freier als Frauen –, sondern auch ein Ausschluss – nicht-binäre Menschen sind raus, sie werden verleugnet oder zwangszugewiesen.
An dieser Stelle ein Einschub zur Sprache in diesem Buch: Gibt es »Frauenbrüste« und »Männerbrüste«? Brüste sind so vielfältig wie Menschen. Es gibt weibliche, männliche, queere, nicht-binäre, amputierte. Um das zu zeigen und um klarzumachen, dass erst unsere Kultur diese Zweiteilung schafft, schreibe ich hier häufig über Personen oder Brüste, dass sie »als weiblich gelesen« werden oder »als männlich gelesen«. Manchmal aber verwende ich, um die Ideologie der zwei Geschlechter plakativ zu veranschaulichen, auch nur die Begriffe »Frauen« und »Männer« oder »weibliche Brust« und »männliche Brust« oder »Frauenbrüste« und »Männerbrüste«. Im Wissen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Und übrigens, es gibt nicht nur mehr als zwei Geschlechter, es gibt auch häufig mehr als zwei Nippel: Jede fünfzigste Frau und jeder achtzehnte Mann haben drei oder mehr Nippel, diese befinden sich oft wie bei Milchleisten von Säugetieren entlang einer gedachten Zweierreihe unter den anderen Brustwarzen.3 Und manche Menschen haben sogar gar keine Nippel, die sogenannte »Athelie«. Der Duden trennt unsere Brustwarzen außerdem sprachlich: Die vom englischen »nipple« kommenden deutschen »Nippel« meinen laut Duden nur weibliche Brustwarzen, nicht männliche. Ich verwende »Nippel« hier aber für alle Geschlechter.
Doch von der Sprachordnung zurück zur Kleiderordnung. Ob ein Mitglied einer gesellschaftlichen Gruppe entscheiden kann, Hosen zu tragen oder nicht, kurze Röcke zu tragen oder nicht, Kopftücher zu tragen oder nicht, Burkini zu tragen oder nicht, Bikini-Oberteile zu tragen oder nicht, ist Ausdruck davon, welchen Rang diese Gruppe in einer Gesellschaft einnimmt. Und wie ich finden viele in den letzten Jahren: Nichts als eine Hose – das wird man ja wohl noch tragen dürfen!
Doch wie kommen wir da hin? Wie kommen wir zu einer »gleichen Brust für alle«? Können wir »weibliche« Nippel entskandalisieren? Können wir sie entsexualisieren – und wollen wir das? Warum sind überhaupt manche Brüste erotisch, manche nicht? Und ändert sich dieser Blick, wenn »oben ohne« für alle erlaubt wird und wir in Zukunft ständig alle topless Fahrrad fahren? Und selbst wenn das möglich wäre, wie erreichen wir, dass Frauen oben ohne im Gedränge des Festivals oder der Fußgängerzone sicher sind? Oder müssen wir den umgekehrten Weg gehen? Müssen wir »männliche« Nippel sexualisieren – und müssen sie auch alle ins Körbchen?
Das gegenwärtige Oben-ohne-Privileg für Männer hat nicht nur symbolischen Charakter, sondern auch faktische Folgen. Während Männer ihre unschuldigen Nippel auf Instagram zeigen können und in der beschaulichen Restwelt jenseits des Internets, können Frauen und queere Menschen ihre Nippel nur im Privaten rauslassen, und dort auch nur im abgeschirmten Bereich, nicht im Garten oder am Balkon, wenn jemand Anstoß nimmt. An öffent lichen Orten riskieren wir Strafen. In Deutschland können wir eine »Belästigung der Allgemeinheit« nach § 118 des Ordnungswidrigkeitengesetzes darstellen, wenn sich jemand gestört fühlt, und riskieren damit Platzverweise und Bußgeldstrafen bis zu 1000 Euro. Auszuprobieren wäre, ob es nur 500 Euro sind, wenn wir nur eine Brust rausholen. An privaten Orten riskieren wir ebenfalls Platzverweise oder müssen uns der Einschätzung anderer fügen, wenn diese unsere Kleider für unangemessen halten. Weibliche und queere Körper unterliegen also dem Ermessen von Polizei, Sicherheitsdiensten oder Personal. Und neben Strafen und Maßregelungen von diesen »Zuständigen« unterliegen wir auch den Blicken, Urteilen und Reaktionen gänzlich unbeteiligter Umliegender. Lehnen sie es ab, dass wir frei über unseren Körper entscheiden dürfen? Oder sind sie für unsere Selbstbestimmung?
2023 hat das Meinungsforschungsinstitut Kantar tausend Menschen in Deutschland gefragt: »Was meinen Sie, soll künftig in allen öffentlich betriebenen Schwimmbädern das Baden mit freiem Oberkörper für alle Geschlechter erlaubt sein?«4 44 Prozent der Befragten waren dagegen, 47 dafür. Ähnliches ergab eine Umfrage von YouGov im Auftrag der dpa 2022. Auf die Frage »Erste Bäder erlauben nackte weibliche Oberkörper zu bestimmten Zeiten – wie finden Sie das?«, antworteten 28 Prozent mit »negativ«, 37 Prozent mit »positiv«, der Rest war unentschieden oder machte keine Angabe. Alle, die also mit einem weiblich gelesenen Körper oben ohne baden wollen, können davon ausgehen: Ihre Brüste stören, sie erwecken damit bei einem Drittel bis zu der Hälfte der Befragten Ablehnung. Das kann natürlich im Stillen passieren, ohne dass wir davon was mitkriegen, aber es kann eben auch sein, dass Menschen sich äußern, mit Blicken, Worten, Maßregelungen, als Umstehende oder befugtes Personal. Kein Wunder, dass in deutschen Freibädern in der Regel alle weiblich gelesenen Personen angezogen sind. Wer hat schon Bock auf Stress? Es ist schließlich ein Freibadbesuch, Freizeit, Erholung. Viele lassen es deshalb – und bleiben nachvollziehbarerweise obenrum angezogen. Doch das war nicht immer so.
Beeinflusst durch die Idee der sexuellen Selbstbestimmung der 68er und der anschließenden Frauenbewegung war es lange üblich, immer auch ein paar oder sogar viele Frauen oben ohne an Stränden, Seen oder in Schwimmbädern zu sehen. Meine Mutter und ihre Freundinnen beispielsweise badeten in den 70ern und 80ern häufig oben ohne an europäischen Stränden oder in deutschen Freibädern. Und meine ostdeutsche Verwandtschaft war FKK gewohnt, also beim Baden komplett nackt zu sein. Doch wie mir eine Leipzigerin berichtet, »bedrohen« – so drückte sie es aus – am dortigen Cospudener und Kulkwitzer See immer mehr junge Frauen im Bikini die Alten und »ihre Freiheit«, und die eben erwähnte YouGov-Umfrage zeigt, auch im Osten sind nur 44 Prozent für »oben ohne« (im Westen 35 Prozent). Die Liberalität der FKK-Kultur ist also nicht mehr gesichert und das Feiern der Freiheit durch die 68er ist lange her. Wir erleben seit den 90ern einen Backlash, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann zeigt. Er hat 1995 eine groß angelegte Studie an französischen Stränden zum Thema »oben ohne« veröffentlicht. Sie heißt Frauenkörper – Männerblicke und trägt im Französischen noch den Untertitel Socio logie de seins nus, »Soziologie der nackten Brüste«. Viele, die Kaufmann befragt hat, waren damals in den 90ern zum Bikinioberteil zurückgekehrt. Sie hatten zu einem früheren Zeitpunkt »oben ohne« gemacht, von da an aber nicht mehr. Und seit den 2000er Jahren prägt uns noch eine ganz neue Prüderie: die Prüderie der Plattformen. Mit den großen Digitalunternehmen wie Meta und Google haben die USA für unseren digitalen Alltag im Netz ein Meinungsmonopol – und das heißt auch: ein Zensurmonopol –, und im Falle von Nippeln lassen sie uns Frauen und Queere fallen, denn sie setzen stärker als jede Rechtsordnung im physischen Alltag es kann, ein Oben-ohne-Privileg für Männer durch. Von Facebook bis Instagram sind Fotos kenntlicher »weiblicher« Nippel abseits von Bildern von Stillenden verboten, »männliche« Nippel sind okay. Unsere Sittenvorstellungen bezüglich Nacktheit werden, wie auch in anderen Themenbereichen, von der Moral des Silicon Valley geprägt, das heißt: von der Moral meist weißer männlicher Experten für IT(!). Online-Dienste bewerten Bilder von Frauen generell als anzüglicher als Bilder von Männern, wie Recherchen mit 3000 Testfotos 2023 dokumentierten.5 Und ein Bilderkennungs-Algorithmus von Microsoft schätzt im gleichen Jahr ein Foto eines Moderators des ARD-Instagram-Kanals News-WG zu 29 Prozent als »sexuell anzüglich« ein, wenn er oben ohne ist, und zu 99 Prozent, wenn er auf dem Bild einen BH trägt.6 Expert*innen fürchten deshalb, dass Bilder von Frauen und queeren Menschen – selbst wenn sie nicht ganz oben ohne sind – schneller geblockt, gelöscht oder eingeschränkt werden. Die deutsche Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman fordert in diesem Zusammenhang, dass der Einsatz dieser Algorithmen stärker reguliert und dokumentiert wird. Aktuell prägt also auch noch die Silicon-Valley-Sittenpolizei unseren Alltag. Und da wir schon lange mehr Stunden unseres Tages im Netz verbringen als an einem liberalen Strand, ist es kein Wunder, dass für Frauenbrüste somit auch in unserer Restrealität gilt: Verhüllung ist the new normal. Während Männer ihre Brüste auf Plattformen, auf Partys, am Pool oder im Park weiterhin zur Schau stellen, verhüllen die meisten Frauen ihre lieber. Selbst an Orten zum Baden oder Sonnenbaden wie dem Strand, dem See, dem Schwimmbad.
Hinzu kommt ja auch die Angst vor Belästigungen. Unsere Kultur erklärt bestimmte Nippel für erotisch – dazu später mehr –, und wegen dieser erotischen Aufgeladenheit denken manche, eine Frau, die sich das Oberteil ausziehe, meine das auch erotisch, und verstehen es als Einladung zum Gaffen, Anquatschen, Anfassen oder Filmen. Again, kein Wunder, dass »oben ohne« heute zur Ausnahme geworden ist. Viele Menschen mit weiblich gelesenen Brüsten kommen gar nicht mehr auf die Idee, sich auszuziehen wie die Männer. Andere wollen nicht die aufsehenerregende Ausnahme sein.
Und noch etwas kommt hinzu: Wer trotz all der Gefahren von Maßregelungen, Belästigungen und Ablehnung nur mit Unterteil unterwegs ist, riskiert mindestens inneren, gedanklichen Stress. Das fängt schon mit der Entscheidung an: Ziehe ich mich überhaupt wie die Typen obenrum aus?
Vor mir an der Freibadkasse steht nur noch eine Person.
Soll ich das hier alles machen? Wozu das Ganze? Es ist das Bad, in das ich immer gehe. Ich habe keinen Bock, hier über die Maßen Aufsehen zu erregen. All die De batten und Umfragen über »oben ohne« in Freibädern liegen erst noch in der Zukunft. Denn mein Freibadbesuch hier ereignet sich 2019, vor den rechtlichen Änderungen und den ganzen Medien berichten darüber. Die Ablehnung ist also hier sicher nochweit über der der späteren Umfragen. Und noch dazu bin ich in Bayern. Erzkonservativ. In der Schule hängt in jedem Raum ein Kreuz mit einem Typen dran – oben ohne –, aber Frauen im Freibad? Das könnte schwierig werden.
Die aktuelle Badeordnung sagt, was damals alle und später noch die meisten deutschen Badeordnungen, mit einigen Ausnahmen, sagen: »Oben ohne« ist, wenn überhaupt, nur auf der Wiese okay, aber im »Nassbereich« brauche es »geeignete Badebekleidung«, und was geeignet ist, obliegt meist »dem Personal«.
Ich sehe von der Kasse aus lauter Typen oben ohne auf der Wiese. Warum tragen die eigentlich keine Bikinioberteile? Klar, es ist Konvention, aber nicht verboten. Und da gäbe es doch reizvolle Möglichkeiten. Rüschen, Glitzer, Streifen, Neonfarben. Warum haben wir keinen Bikini für den Mann? Keinen Mankini?
Es gäbe so viele Möglichkeiten, sich in Szene zu setzen. IT-Stefan würde vielleicht nur so ein labbriges Teil mit SAP-Logo drauf tragen. Und Onkel Heinz ein Bikinitop aus der Grabbelkiste vom letzten Malle-Urlaub mit dem Aufdruck: »Bier formte diesen schönen Busen«. Aber vielleicht überrascht Werner aus dem Nachbarbüro mit einem Mankini mit Federschmuck. Und Andi von der Antifa trägt schlicht Schwarz mit Kapuze dran, und »ACAB« drauf, denn all cops are boob owners.
Jetzt bin ich an der Freibadkasse dran. Gehe ich rein oder lasse ich das Ganze? Ich denke: Wir haben ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir ziehen uns alle an. Oder wir ziehen uns alle aus. Und solange Antifa-Andi, IT-Stefan und Onkel Heinz sich nicht anziehen, werde ich mich ausziehen. Ich will auch definieren, was für meinen Oberkörper angemessen ist.
Entschieden trete ich auf die Kassiererin zu. Vielleicht ein bisschen zu entschieden. Als würde ich den Sittenwächtern eines theokratischen Regimes die Stirn bieten. Dabei ist es nur die Mitarbeiterin der Städtischen Bäderbetriebe.
»Guten Tag«, sagt sie freundlich. Der Endboss sieht anders aus.
»Äh, guten Tag«, sage ich. »Einmal erwachsen, bitte.« Schließlich kauft man in Deutschland für die Revolution eine Eintrittskarte.
»4,60«, sagt sie. Das ist mir der Aufstand wert. Ich reiche ihr das Geld. Sie wünscht mir viel Spaß. Und ich trete nach vorne, als würde ich eine magische Pforte durchschreiten. Dabei gibt es nicht mal ein Drehkreuz. Aber jede Freiheitsbewegung hat eben mal klein angefangen. Ich blicke auf die Wiese und sehe vor mir nur Frauen mit Bikinioberteil. Muss die Bewegung ausgerechnet mit mir anfangen?
Ich hätte jetzt gern einen Oben-ohne-Flashmob dabei, wir würden laut schreiend vom Dreimeterbrett springen und danach beim Volleyball alles bimmeln und bommeln lassen.
Na, gut, ich ziehe das jetzt durch, also: aus.
Noch 90 Meter bis zum Becken. Jetzt heißt es: einen Platz finden und dort dann T-Shirt aus. Doch wo lege ich mich hin?
Lieber nicht zu den Halbstarken da, die gaffen oder fotografieren vielleicht. Lieber nicht zu dem alten Herrn da, der braucht am Ende wen zum Reden. Lieber nicht zu der Familie da, die Eltern könnten vor Schreck ihre Kinder einpacken. Lieber nicht zu dem Pärchen da, sonst denkt sie, er würde gucken.
Gedanken wie diese haben viele, beobachtet der Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seiner Studie. Er hat mit einem Forschungsteam 300 Menschen an Stränden der Bretagne und der Normandie befragt. Eine Geschäftsfrau sagte ihm, sie lege sich oben ohne nirgends hin, wo Kunden sein könnten, das ruiniere das Geschäft. Wow, denke ich, »oben ohne« birgt also das Risiko einer finanziellen Einbuße, jenseits von Geldstrafen. Eine andere Frau berichtet in der Studie, sie lege sich auch nicht zu entfernten Bekannten, die wüssten dann nicht, wo sie beim Begrüßen hingucken sollen. Und ein Mann sagt auch tatsächlich, er gehe zu befreundeten Frauen nur, wenn sie Oberteil trügen, sonst winke er ihnen aus der Ferne.7 Über die letzte Aussage, denke ich, werden sich einige Frauen freuen, denn damit wäre »oben ohne« ja eine gute Firewall gegen unsouveräne Männer, quasi ein Dating-Tipp.
Die Antworten in Kaufmanns Studie erscheinen drastisch. Und sie ist schon von fast 30 Jahre alt. Ich halte sie dennoch für relevant. Zum einen ist sie die größte wissenschaftliche Studie zu dem Thema »oben ohne«. Zum anderen ist der soziologische Ansatz hilfreich, heute könnte man sich fragen, wie die Antworten lauten könnten, wenn man die Fragen nicht an französischen Stränden, sondern am deutschen Nord- und Ostseestrand stellen würde. Wenn nicht nur Punks mit dem 9-Euro-Ticket Sylt stürmen, sondern weiblich gelesene Personen mit nackten Brüsten. Doch seit den 90ern hat das ohnehin kaum mehr wer gefragt – und gewagt.
Deswegen stehen heute weiblich gelesene Menschen, die sich oben ohne sonnen möchten, bei der Ankunft am Strand, Badesee oder Freibad vor der Frage: Wo lege ich mich hin? Nicht zu Typen, die alleine da sind, nicht zu Typen in Gruppen, nicht zu Typen mit Freundin. Bleiben nur Plätze, wo einzelne Frauen oder Frauengruppen liegen, sagt Kaufmann. Idealerweise solche, unter denen auch welche kein Oberteil tragen. Denn »oben ohne« am Strand tummele sich gern, beobachtet er, genauso wie »oben mit«. Ob bewusst oder unbewusst, wo eh schon eine Frau oben ohne läge, werde mit weniger Beobachtung gerechnet. Dabei müsse das ganze Scannen allerdings in wenigen Sekunden ablaufen. Denn Oben-ohne-Badende wollen ja so aussehen, als ob es ihnen egal wäre, wo sie liegen – und was die anderen von ihnen halten.
Was halten wir als Gesellschaft also von »oben ohne«? Die Zahlen haben wir uns schon angeguckt, aber was sind die Gründe für eine Ablehnung oder Befürwortung? Darüber sagen die aktuellen Erhebungen nichts, wohl aber Kaufmanns Studie. Wer ohne Oberteil ging, nannte als Grund meist das »streifenfreie Bräunen«. Manche sagten auch, es sei für sie Ausdruck einer »Rückkehr zur Natur«, wir seien schließlich »alle ohne Klamotten geboren«. Andere antworteten, es sei »einfach hübsch«.8 Weitere sagten, dass das Wasser schön über die Haut gleite oder dass nach dem Baden nicht so viel nasser Stoff am Körper klebe und man sich so weniger erkälte. Gegen »oben ohne« waren die Befragten bei Kaufmanns Studie auch aus verschiedenen Gründen. Manche sagten, Frauen, die »oben ohne« trügen, wollten sich nur zur Schau stellen. Von sich selbst sagten einige Frauen, sie wollten keinen Brustkrebs, wobei Sonne korrekterweise Hautkrebs verursachen kann, nicht Brustkrebs, und manche der Krebs-Argumentierenden ihren restlichen Körper stundenlang in der Sonne brutzeln ließen, wie Kaufmann beobachtet. Sehr viele nannten auch diesen Grund: »wegen der Kinder«. Bei der Nachfrage, was Kinder an Brüsten störe, notiert Kaufmann aber eine gewisse »Müdigkeit unter der Sonne, die Antwort läßt auf sich warten; die Leute, die glaubten, hier ein entscheidendes Argument zu haben, werden nervös«.9 Laut Kaufmann zeigt die Tatsache, dass die Eltern auf die Kinder verweisen, dass »oben ohne« ihrer eigenen »Ansicht nach an Immoralität und Obszönität grenzt, (…) weshalb die jungen Geister davor geschützt werden müssen«. Einige Oben-ohne-Gegner*innen machen sich mehr Mühe und sagen, manche Kinder würden schließlich keine nackte Brust kennen, weil ihre Mütter das zuhause nicht täten. Aha! Guter Punkt, denke ich. Lasst uns demnächst auch Glatzen bedecken, denn nicht alle Kinder haben Väter mit Glatzen. Die nackte Haut könnte Kinder schockieren! Die müden »wegen der Kinder«-Überlegungen in Kaufmanns Studie gehen noch weiter: Manche Befragten sagten, es könnte die Kinder verwirren, dass »oben ohne« am Strand möglich sei, aber 50 Meter weiter weg nicht. Gute Frage, Kinder. Falls ihr wirklich darüber nachdenkt und nicht über Eis und Pommes, falls also nicht eigentlich eure Eltern verzweifelt nach einer Logik hinter dem Oben-ohne-Privileg für Männer suchen.
Abseits der »Kinder«-Antwort bestehen die meisten Gründe gegen nackte Frauenbrüste bei Kaufmanns Befragung aber schlicht aus bodyshaming. Denn wie sich herausstellt, ist für die Gegner*innen fast keine Brust so akzeptabel, dass sie gezeigt werden könnte. Einige meinen, »bis zum Alter von 40« ginge das ja noch (damit ist meine Brust leider raus). Andere meinen, große Brüste gingen auch nicht (damit bin ich doppelt raus), das sei »wirklich Exhibitionismus« und wie die »Auslage einer Metzgerei«.10Kleine Brüste gingen aber auch nicht, hängende auch nicht, eine Interviewte meint, »wenn ich so Waschlappen oder Raketen hätte, würde ich es lassen«.11 Hm. Zwischen Waschlappen und Raketen bleibt alles in allem also nicht viel. Nur noch die Germknödelform.
Wer all diesen Blicken und Urteilen trotzt und sich dennoch obenrum auszieht, für die gibt es noch weitere »Spielregeln«, wie Kaufmann es nennt. Vor allem, was unseren Bewegungsradius angeht. Denn dass wir uns entkleiden, ist eh schon für viele verstörend, aber wenn wir dabei auch noch rumlaufen, ist es obszön. Wer als Frau oben ohne ans Wasser geht, sollte das auf direktem Weg tun, fasst Kaufmann die Ansichten am Strand zusammen, »Blick nach unten oder aufs Meer gerichtet«. Während Typen auch oben ohne ins Café oder auf die Strandpromenade können, bleiben Frauen am besten auf ihrem Handtuch. Im Liegen ist die Brust flacher und wirkt fester und wir zeigen, dass wir nicht gesehen werden wollen, am besten schließen wir die Augen, so Kaufmann, und demonstrieren so, dass wir völlig in uns ruhen und uns die anderen wirklich gar nicht interessieren. Liegen und still sein, liebe Frauen! Artikel 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik sieht zwar vor, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind und dass der Staat »auf die Beseitigung bestehender Nachteile« hinwirkt. Aber man sollte doch bitte auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Und das heißt, auf dem Boden der Liegewiese. »Aufrecht ist es Exhibitionismus«, sagt eine Frau dem interviewenden Kaufmann.12 Und eine andere, die selbst oben ohne ist, meint: »Jede Vorstellung eines Spaziergangs« sei »undenkbar«. Eine Interviewte bei Kaufmann sagte über eine Frau ohne Oberteil in einer Bäckerei am Rande des Strandes, das sei problematisch, »was die Hygiene angeht«.13 Aha, denke ich, unsere Nippel sind unhygienisch. Gut, das deutsche Wort »Brustwarze« bringt wirklich reizende Assoziationen wie Wucherungen und Viren mit sich, aber an sich halte ich klebriges Eis ja nicht mit den Brüsten, und bakterienübersäte Geldscheine auch nicht. Doch immerhin eine Sorge der Hygiene-Bedenkenträgerin werde ich ernst nehmen und im letzten Kapitel erörtern: Sind unsere nackten Brüste ansteckend?
Doch zurück zur Bewegungsfreiheit: Die geht umso mehr hops, je mehr wir aus der Norm fallen. Wer sehr große Brüste hat, sollte stillhalten, »wenn schon, dann in Ruhelage«14; auch wer schlaffe Brüste hat, denn »mit Waschlappen-Brüsten rennen« sei »schrecklich«; wer zu schöne Brüste hat, möchte nur, »daß sie bemerkt werden, das spürt man«; wer »flach ist wie ein Brett« sollte wirklich stillhalten; und auch, wer unsportlich ist – über eine Anfängerin auf einem Surfbrett urteilt eine Interviewte, das »wackelte in alle Richtungen hin und her, also das ist nicht schön«.
Diese Urteile nach Körperbau und körperlichen Fähigkeiten passen ins große Ganze. Besonders inspiziert werden nur am Strand, sondern generell alle Körper, die aus der Norm fallen: Körper mit Behinderungen, queere Körper, dicke Körper, sehr dünne Körper, nicht-weiße Körper. Die Betroffenen kennen die Beurteilung. Und gerade Orte, an denen auch noch üblicherweise wenig Kleidung getragen wird, wie Badeorte, meiden viele von ihnen. Sie stellen sich lieber ein Planschbecken in den Garten oder baden sehr früh oder sehr spät am Tag, wenn niemand da ist. Eine nicht-binäre Person aus meinem Bekanntenkreis erzählte mir, dass sie zu einem Junggesellinnenabschied in eine Therme eingeladen war. Die Person überlegte, wie sie sich in der Therme kleiden sollte. Mit einem hautfarbenen sogenannten »Binder«, der die Brust abbindet? Dann würden andere Personen in der Frauenumkleide erschrecken, weil sie dächten, es handele sich um einen Mann. Mit einem Bikini-Oberteil? Dann würden andere die betroffene Person als Frau lesen, was sie nicht ist. Am Ende wurde einvernehmlich eine andere Aktivität für den Junggesellinnenabschied gewählt, wo die Einteilung nicht so binär ist. Für die betroffene Person eine gute Lösung für den Moment – das »A« in »JGA« stand halt schon immer für »Avantgarde« –, doch natürlich keine Lösung auf Dauer. Nicht-binäre Menschen können ja nicht einfach nicht baden und sonnenbaden. Und auch nicht nur zu Sonderzeiten an einem Nachmittag die Woche, auch wenn Extra-Schwimmzeiten für Transpersonen, Intersexuelle, Nichtbinäre und queere Menschen, wie es sie in Hallenbädern in München oder Essen gibt, hilfreich sind.
Der fragende oder verurteilende Blick trifft viele Körper eh schon den ganzen Tag. Viele haben Jahrzehnte von Ausgrenzung und shaming hinter sich. Und viele haben die Scham auch internalisiert. Die Schwarze und feministische Autorin Roxane Gay, die sich selbst als dick beschreibt, analysiert in ihrem Buch Hunger: »Ich wünschte, ich würde meinen Körper nicht als etwas betrachten, für
