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DU SIEHST IHN NICHT. ABER ER SIEHT DICH. Amalia kommt nach London, um neu anzufangen. Weit weg von einer Kindheit voll Gewalt und Schweigen. Sie trifft auf zwei beste Freunde, die sie gleichermaßen faszinieren und deren Vergangenheit dunkler ist, als sie ahnt. Zwischen Anziehung und Geheimnissen, Vertrauen und Lügen, droht Amalia die Kontrolle über ihr Herz und ihr Leben zu entgleiten. Was sie nicht weiß: Die eigentliche Gefahr hat längst begonnen. Ein Mann im Schatten beobachtet jeden ihrer Schritte. Überzeugt davon, dass sie ihm gehört. Und er ist näher, als sie denkt.
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Seitenzahl: 566
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Der Anfang
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Ich sehe dich
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Ich weiß, wer du bist
Kapitel 9
Kapitel 10
Nur du und ich
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Immer bei dir
Kapitel 15
Für dich
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Alles nach Plan
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
In deinen Augen
Kapitel 22
Ich bin kein Monster
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Keine Gefahr
Kapitel 27
Der Moment der Wahrheit
Kapitel 28
Epilog
Für alle, die ihre Liebe schon mal der
falschen Person geschenkt haben.
Liebe:r Leser:in,
in dieser Geschichte werden Themen behandelt,
die emotional herausfordernd sein können.
Wenn du wissen möchtest, welche das sind,
findest du am Ende des Buches
eine detaillierte Triggerwarnung.
(Aber Achtung, diese könnte Spoiler enthalten.)
Pass gut auf dich auf. ♥
That Part – Lauren Spencer Smith
feelslikeimfallinginlove – Coldplay
Figure You Out – VOILÀ
Von dutch – Charli xcx
The Night We Met – Lord Huron
My Endeavour – Ruby Roberts
Tainted Love – Royal Deluxe
Bullet In A Gun – Imagine Dragons
brutal – Olivia Rodrigo
Every Breath You Take – The Police
I Think They Call This Love – Elliot James Reay
Der Anfang
Dich zum ersten Mal zu sehen, war, als könnte ich endlich wieder Farben sehen, wo vorher alles nur schwarz-weiß war. Als hätte jemand entschieden, dass du das Einzige auf dieser Welt bist, das Leuchten darf. Wie auf diesen Fotos, auf denen nur ein einziges Detail eingefärbt ist, damit man gar nicht anders kann, als hinzusehen.
Du dagegen hättest mich nicht bemerken können. Nicht so, wie ich dich bemerkt habe. Selbst wenn dein Blick mich gestreift hat, wäre ich für dich in der Menge untergegangen. Nicht mehr als eine Randnotiz in deinem viel zu komplizierten Leben. Du hättest mich nicht als den sehen können, der ich bin und der ich für dich sein kann.
Für mich war dieser Moment der Anfang von allem. Wie eine Offenbarung. Der Moment, in dem ich gelernt habe, wie sehr ein anderer Mensch meine Dunkelheit mit seiner bloßen Anwesenheit erhellen kann. Du hast mich magisch angezogen, wie eine Motte das Licht. Du warst so anders als jede Frau, die ich bisher gesehen habe. Nicht aus den offensichtlichen Gründen. Nicht, weil du wunderschön bist. Das kann jeder sehen. Nicht, weil du so glücklich und voller Freude warst – denn das warst du nicht. Nein, ich habe den Ausdruck in deinen Augen gesehen und mich selbst darin erkannt. In diesem Moment und in so vielen weiteren danach. In der Art, wie sich deine Schultern manchmal leicht nach vorne neigen, als würdest du eine unsichtbare Last darauf tragen, die dich zu Boden drückt. In deinem Lächeln, das oft nicht ganz echt ist, sondern eine Maske, die du für die Welt aufsetzt, um nicht erklären zu müssen, was wirklich in dir vorgeht. Ich kenne dieses Versteckspiel sehr gut. Wir sind uns so viel ähnlicher als du denkst.
Ich wusste sofort, dass du einmal alles für mich sein wirst. Meine ganze Welt. Aber am Anfang war da nur der Drang, dich zu verstehen.
Ich wollte nur wissen, wer du bist, wo du wohnst, was dich nachts nicht schlafen lässt.
Ich musste verstehen, was dich glücklich macht und was dich zum Weinen bringt.
Ich habe beobachtet, wie du manchmal ziellos durch die Straßen gelaufen bist, als würdest du versuchen, vor etwas zu fliehen. Nur um dann jedes Mal an den gleichen Ort zurückzukehren.
Und dann habe ich es verstanden: Du brauchst mich! Du suchst nach mir! Du weißt es nur noch nicht.
All die anderen Menschen um dich herum – sie sind nichts weiter als Schatten. Freunde, Familie, Menschen, die glauben, sie wüssten was gut für dich ist. Die glauben, sie kennen dich. Sie liegen alle falsch. Sie sehen nicht, was ich sehe. Sie bereiten dir Leid. Sie verstehen nicht, dass du jemanden brauchst, der wirklich für dich da ist. Der deinen Schmerz nachvollziehen und fühlen kann und der dich mit seinem Leben beschützen würde. Doch das ist in Ordnung. Du hast mich. Und ich habe Geduld. Ich weiß, das Schicksal wird uns irgendwann zusammenführen. Die Zeichen sind da. Ich kann sie sehen. Es ist der erste Riss in der Mauer, die du um dich gebaut hast. Und ich werde da sein, wenn sie zerbricht.
Du gehörst mir, Amalia. Schon jetzt.
Kapitel 1
„Morgen“, murmele ich in die Weite des Kursraums mit den holzvertäfelten Wänden, hohen Decken und bodentiefen Fenstern, dessen Anblick mich am ersten Unitag so sehr mit Glück erfüllt hat, doch mittlerweile leider schon zur Gewohnheit geworden ist. Noch hat niemand die Deckenbeleuchtung eingeschaltet und so liegt zu dieser frühen Stunde alles im schummrigen Halbdunkeln.
Genauso wie ich es mir jahrelang immer wieder ausgemalt habe, sitzen wir jede Woche in so klassisch herrschaftlichen Räumen wie diesem in kleinen Kursen beisammen und sprechen über Literatur und ihre Autoren. Die zwei Kommilitonen, die schon an dem langen, altmodischen Konferenztisch aus dunklem, glänzendem Holz sitzen und in ihre Bücher vertieft scheinen, blicken beide nicht auf, erwidern aber zumindest mit verschlafenen Stimmen meinen Gruß. Ich setze mich auf meinen üblichen Platz mit dem Rücken zu den Fenstern, aus denen man bei Tageslicht nur Ausblick auf ein paar, zu dieser Jahreszeit kahle, Bäume hat. Meinen vom Regen durchweichten Mantel ziehe ich aus und hänge ihn über die Lehne des Stuhls, wo er hoffentlich ein wenig trocknet, bis ich ihn das nächste Mal anziehen muss. Jeden Tag bin ich aufs Neue hin und hergerissen zwischen dem Wunsch, nicht vollkommen kalt und nass zu werden und dem Ziel, nicht auszusehen wie eine menschliche Plastiktüte. Ein Regenschirm ist bei dem Wind momentan leider keine Option, aber ich sollte mir vielleicht mal einen Regenponcho zulegen, der nicht so aussieht wie die Einmaldinger, mit denen man auf Festivals geht. Wenn ich darüber nachdenke, könnte ein komplett durchsichtiger Poncho, unter dem man mein eigentliches Outfit noch sehen kann, sogar ziemlich süß aussehen.
Fröstelnd lege ich meine kalten Finger um den großen Becher mit heißem Kaffee, ohne den ich diese frühen Kurse nicht überstehen würde. Leider ist der Mehrwegbecher zu gut isoliert, um viel Wärme an meine Hände abzugeben. Ich vermisse die Zeiten, in denen man noch ohne schlechtes Gewissen aus den Pappbechern trinken konnte, die einem fast die Finger verbrannt haben.
Mein Handy vibriert und ich ziehe es aus der Tasche und werfe einen Blick auf den Bildschirm. Es ist eine Nachricht von meiner Schwester Freya, die gerade irgendwo in den Tropen unterwegs ist und mir zweifelsohne ein weiteres Bild geschickt hat, das mich das Wetter hier umso mehr hassen lässt. Ich mache mir nicht die Mühe, die Nachricht anzuschauen und stecke das Handy wieder weg. Ich bin immer noch sauer auf sie und noch nicht bereit, ihr zu vergeben.
Es dauert nicht lange, bis die restlichen Kursteilnehmer mit müden Gesichtern erscheinen und auch unser Professor, der als einziger vollkommen wach und munter wirkt, den Raum betritt. Wie immer trägt er einen eleganten Anzug und sein dichter, rostbrauner Vollbart und sein ebenso üppiges Haupthaar in derselben Farbe, sind ordentlich frisiert, als könnte ihnen der Sturm draußen nichts anhaben. Er hat so eine gewisse Art an sich, bei der ich nie weiß, ob ich ihn nun beeindruckend oder einschüchternd finden soll. Er hat schon in jungen Jahren eine Vielzahl an Büchern geschrieben, nicht wenige davon Bestseller, und ist damit die Personifizierung von allem, was ich und vermutlich auch die meisten anderen hier im Raum, sich je erträumen könnten. Doch er trägt seinen Erfolg nie zur Schau oder gibt uns das Gefühl, er sei etwas Besseres als wir. Was ich definitiv nicht von all unseren Professoren behaupten kann.
„Miss King“, spricht er mich direkt an, nachdem er allen einen guten Morgen gewünscht hat, und ich zucke erschrocken zusammen.
Niemand nach mir hat sich die Mühe gemacht, das Raumlicht einzuschalten und so war ich kurz davor einzudösen. Ich fühle mich ertappt, obwohl ich gar nichts getan habe. Hat er irgendetwas gesagt, was ich nicht mitbekommen habe? Er muss meinen erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn seine Miene wird etwas weicher.
„Ich würde gerne die Hausaufgaben der letzten Woche besprechen und mit Ihrem Text beginnen.“
Ich streiche mir eine Strähne meiner rotbraunen Locken, die aus meinem Dutt gerutscht ist, hinters Ohr und blicke zu ihm auf. Unsere Aufgabe war es gewesen, eine Kurzgeschichte zu einem Thema zu schreiben, das jedem von uns zugelost worden war. Bei mir war es das Thema Umweltkatastrophe im Genre Romance. Keine allzu logische Herleitung würde man meinen, aber wir alle haben eher wilde Thema-Genre-Kombinationen bekommen, die einiges an Kreativität erfordern, aber auch die Chance bieten, etwas Außergewöhnliches zu schreiben. Ich habe die Aufgabe erledigt und fristgerecht eingereicht, aber das war vermutlich auch das Einzige, was ich richtig gemacht habe.
„Anhand Ihres Textes lassen sich gut ein paar grundlegende Dinge über das Storytelling erklären“, beginnt er, scrollt auf seinem Tablet herum und auf dem großen Screen hinter ihm erscheint eine Version meiner Arbeit, die mit vielen farbigen Markierungen und handschriftlichen Anmerkungen versehen ist.
Ich schlucke. Das kann ja lustig werden. Dass er meinen Text als Beispiel nehmen will, könnte theoretisch auch bedeuten, dass ich etwas besonders Gutes geschrieben habe, aber ich sitze schon lange genug in diesem Kurs, um zu wissen, dass dem nicht so ist. Und ich weiß selbst, dass ich ziemlich uninspiriert war und meine Geschichte nicht gerade Potenzial hat, zum nächsten Emily Dickinson Roman zu werden. Doch dass Professor Jenkins sie so auseinandernimmt, wie er es in den nächsten Minuten tut, fühlt sich trotzdem beschissen an. Ich fühle mich vorgeführt und gedemütigt.
Ich höre zu, was er an meiner Erzählweise auszusetzen hat, mache mir Notizen und starre ansonsten auf das Blatt vor mir. Ich habe noch nie sonderlich gut mit Kritik umgehen können und daher war es schon immer mein Bestreben gewesen, sie gar nicht erst aufkommen zu lassen. Aber seit ich das Studium begonnen habe, ist das nicht mehr ganz so einfach, wie noch in der Schule, wo die Erwartungen noch vergleichsweise niedrig waren, und ich habe manchmal das Gefühl ich würde nicht Literatur, sondern eher Raketenwissenschaft oder Atomphysik studieren.
Am Ende des heutigen Kurses habe ich das Gefühl, ich könnte meine Geschichte ohne einen weiteren Blick darauf in den Papierkorb werfen oder am besten direkt verbrennen. Auch zu den Geschichten der anderen hatte Jenkins zwar einige Anmerkungen, aber meine war zweifellos die schlechteste. Ich schiebe meinen Notizblock in meine Tasche, nehme meine Sachen und will wie alle anderen den Raum verlassen, als Professor Jenkins uns zurückhält.
„Warten Sie doch bitte noch einen Moment“, sagt er laut und hebt eine Hand.
Alle halten in dem inne, was sie gerade tun, und blicken ihn verwundert an. Er setzt ein freundliches Lächeln auf.
„Ich möchte Ihnen einen kleinen Rat mit auf den Weg geben. Sie alle sind noch nicht lange an dieser Universität und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Studium ziemlich hart sein kann. Daher möchte ich, dass Sie sich klarmachen, dass allen Lehrkräften hier viel daran liegt, jedem von Ihnen die bestmögliche Unterstützung und Bildung zu geben und das Beste aus Ihnen herauszuholen. Bitte sehen Sie die Kritik, die Sie von mir und auch von Ihren anderen Professoren und Tutoren erhalten, niemals als Kritik an ihrer Person. Konstruktive Kritik ist und war schon immer die beste Möglichkeit, etwas zu lernen. Ich sehe in Ihnen allen viel Potenzial. Seien Sie sich sicher, keiner von Ihnen ist ein schlechter Autor oder eine schlechte Autorin, nur weil nicht jeder Text von Ihnen direkt ein Meisterwerk ist. Auch die besten und berühmtesten Schriftsteller haben mal klein angefangen und auch ich selbst habe vieles geschrieben, mit dessen Papier man allerhöchstens den Kamin füttern kann.“
Mehrere Augenpaare huschen zu mir herüber. Spricht er von mir? Sagt er das, weil man mir so deutlich angesehen hat, dass mich seine Worte verletzt haben? Haben das alle bemerkt? Shit! Ich werde mich in Zukunft mehr zusammenreißen müssen. Ich will auf keinen Fall, dass die anderen mich nur mitleidig ansehen, weil sie denken, dass ich hier ohnehin keine Chance habe oder gleich anfange zu heulen.
„Verabschieden Sie sich von dem Gedanken, jemals einen Text zu schreiben, der beim ersten Versuch perfekt ist. Wenn Sie das täten, wäre ich überflüssig und könnte meinen Job an den Nagel hängen. Und dann wären auch alle anderen Menschen, mit denen Sie zusammenarbeiten werden, wenn Sie mal ein Buch veröffentlichen, überflüssig“, fährt er fort. „Sie werden Texte schreiben und Sie werden sie überarbeiten. Sie werden Lektoren haben, die sehr vieles zu verbessern wissen und Sie werden ihr Werk viele Male überarbeiten, bis es so gut ist, wie es sein kann. Und genau das üben wir hier. Sie alle haben schon etwas geschrieben. Sie haben etwas, worauf Sie aufbauen können. Das Folgende ist keine offizielle, verpflichtende Hausaufgabe. Sie bekommen weder eine schlechtere Note, wenn Sie es nicht machen, noch eine bessere, wenn Sie es tun. Wir haben alle Geschichten ausführlich besprochen. Sie wissen also, was Sie besser machen können. Nehmen Sie sich die Zeit, überarbeiten Sie Ihre Entwürfe nochmals und wenn Sie möchten, reichen Sie sie anschließend erneut bei mir ein. Ich bin mir sicher, Sie alle können noch viel mehr aus ihren Texten herausholen.“
Er blickt in die Runde und lächelt.
„Wir sehen uns übermorgen.“
Damit verlässt er den Raum und ich weiß wieder einmal nicht, ob ich nun beeindruckt oder eingeschüchtert bin. Seine Worte waren auf merkwürdige Weise motivierend und deprimierend zugleich.
Mein nächster Kurs an diesem Tag ist zum Glück erfolgreicher. Die Bücher, die für dieses Semester auf der Leseliste stehen, hatte ich bereits alle gelesen, bevor die Uni überhaupt angefangen hat. Und in den Kursen, in denen es lediglich um die Besprechung und Interpretation eben dieser Bücher geht, kann ich ziemlich viel beitragen. Oder zumindest kann ich hier mit meinen Kommilitonen mithalten, von denen die meisten eben solche Buchnerds sind, wie ich selbst. Solange es nur um schlichtes Wissen und Theorie geht, bin ich gut. Aber die kreative Seite dieses Studiums macht mir langsam immer mehr Sorgen. Dabei hatte ich bisher immer geglaubt, ich wäre gut darin. Vielleicht hatte mein Vater am Ende doch recht und ich lebe nur in der Fantasie, dass ich eine gute Autorin werden kann, während die Realität eigentlich ganz anders aussieht.
Am Abend bin ich froh, als ich mich endlich in meinem Zimmer verkriechen kann. Ich schalte die Lichterkette an, die ich um mein Bett geschlungen habe, um eine etwas gemütlichere Atmosphäre zu schaffen, als sie die kargen Wohnheimzimmer in ihrem Urzustand bieten. Schnell drehe ich auch die Heizung hoch, um endlich die Kälte zu vertreiben, die mir schon den ganzen Tag in den Knochen sitzt. Auf dem Flur vor meinem Zimmer kann ich gedämpft die Stimmen der anderen Studenten vernehmen, die mit mir hier in einem der Wohnheime leben, die zu meiner Universität gehören. In den vielen Gemeinschaftsräumen kann man fernsehen, lernen, Billard und Tischkicker spielen oder einfach zusammen abhängen und es gibt auch eine große Küche, in der abends immer einige Leute zusammen kochen. Ich ziehe es allerdings vor, meine warme Mahlzeit mittags in der Mensa zu essen, da ich keine sehr talentierte Köchin bin. Meine Fähigkeiten in diesem Bereich beschränken sich mehr oder weniger auf das Erhitzen diverser Zutaten in einem Topf, weshalb mein Abendessen schon in meiner Kindheit oft aus Nudeln mit Butter und Salz bestanden hat. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater können beide ziemlich beeindruckende Gerichte zaubern, wenn sie denn wollen. Aber meist haben die beiden es vorgezogen, ohne uns Kinder Essen zu gehen. Und so hat entweder meine ältere Schwester irgendetwas für uns zusammengerührt oder eben ich. Und während sie sich vieles selbst beigebracht und ihre Kochkünste weiterentwickelt hat, hat es mir an Interesse dafür gefehlt.
Heute wird mein Abendessen aus einem einfachen Sandwich bestehen, für das ich mir die Zutaten noch aus meinem Fach im Kühlschrank holen muss. Ich gehe also hinüber in die Gemeinschaftsküche und treffe wie erwartet auf eine Gruppe Studenten. Ich verziehe die Lippen zu einem erkennenden Lächeln und mache mich dann am Kühlschrank zu schaffen. Die anderen werfen mir maximal einen kurzen Blick zu, aber das war es dann auch mit der Aufmerksamkeit, die sie mir schenken. Es ist nie jemand unfreundlich oder gar gemein zu mir, aber ich habe auch mit keinem hier je mehr als ein paar Worte gewechselt. Obwohl wir alle zur gleichen Zeit hier eingezogen sind, haben die anderen sich ganz automatisch zu Gruppen zusammengeschlossen, während ich den Anschluss verpasst und nun keine Ahnung habe, wie ich das jetzt noch ändern soll. Gefühlt habe ich mit keinem von den anderen hier irgendwelche Gemeinsamkeiten. Noch weniger als mit den Leuten aus meinem Studiengang. Und die scheinen auch kein großes Interesse an mir zu haben. Wie kann es sein, dass ich so schnell alles versaut habe? Ich bin unfreiwillig zu einem Einzelgänger mutiert und ich hasse es. Warum gelingt es scheinbar allen anderen problemlos, neue Freunde zu finden, und nur mir nicht?
Schweigend mache ich mir mein Sandwich, koche einen großen Becher Kräutertee mit etwas Honig und kehre dann damit in mein Zimmer zurück. Ich schließe die Tür hinter mir und atme erleichtert aus. Obwohl eine gegenseitige Akzeptanz herrscht, hasse ich Situationen wie diese, in denen ich ganz eindeutig spüre, dass ich nicht dazugehöre. Mein kleines Zimmer ist der einzige Ort, an dem ich mich wirklich sicher und nicht fehl am Platz fühle. So gut es geht habe ich diese 12 Quadratmeter so dekoriert, dass ich mich hier zuhause fühle. Ein großer, flauschiger Teppich, Lichterketten, Kerzen, Gardinen und einige kleine Grünpflanzen lassen den Raum beinahe Pinterest-würdig aussehen und ich bin ziemlich stolz darauf.
Seit heute Morgen werfe ich zum ersten Mal wieder einen Blick auf mein Handy. Zu der immer noch ungelesenen Nachricht von meiner Schwester haben sich keine weiteren dazugesellt. Ich öffne den Chat mit ihr und wie erwartet erscheint ein Foto, das mich wünschen lässt, ich wäre nicht hier im grauen, verregneten London, sondern bei Freya, die scheinbar mitten im Dschungel unter einem Wasserfall steht. Sie sieht zufrieden aus. Der Anblick macht mich zugleich glücklich und traurig, und wenn ich daran denke, was sie getan hat, wütend. Da mir nichts Nettes einfällt, was ich darauf antworten könnte, schließe ich den Chat wieder. Stattdessen öffne ich den Gruppenchat mit meinen Freunden mit dem wahnsinnig kreativen Namen Game of Phones, den er trägt, seit wir vor ein paar Jahren allesamt ziemlich besessen von der Serie Game of Thrones waren. Ich hasse es, dass sich diese Menschen, die ich allesamt seit dem Kindergarten kenne, nach unserem Abschluss im ganzen Land verteilt haben, um zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Es wäre so schön gewesen, eine vertraute Person hier bei mir zu haben und nicht vollkommen allein in eine fremde Stadt zu ziehen. Aber es war schon so lange mein Traum gewesen, am King's College, einer der renommiertesten Universitäten der ganzen Welt, zu studieren, dass ich diesen Schritt einfach wagen musste. Egal, ob allein oder in Begleitung.
Ich vermisse euch!
Dieser kurze Satz könnte meine Gefühlslage nicht passender ausdrücken. Danach starre ich einige Minuten auf den Bildschirm, doch es kommt keine Antwort. Wahrscheinlich sind sie alle entweder unterwegs oder müssen für die Uni lernen. Apropos Uni, ich sollte wahrscheinlich die Chance nutzen, die uns Professor Jenkins heute Morgen gegeben hat und meinen Text nochmal überarbeiten. Ich weiß, dass er recht hat und ich weiß auch, dass er es tatsächlich gut mit uns meint und natürlich nicht jede Geschichte von Anfang an perfekt sein kann. Es wäre die reinste Selbstüberschätzung, das zu erwarten. Trotzdem kann ich mich gerade nicht dazu bringen, mich nochmal an den Schreibtisch zu setzen und verschiebe es auf morgen. Stattdessen mache ich mir ein wenig leise Musik an, setze mich auf mein Bett, lege mir meine beige Strickdecke aus überdimensional dickem Garn über die Beine und nehme mein aktuelles Buch zur Hand, um in der Geschichte eines anderen Autors zu versinken und die Realität für den Moment zu vergessen.
Missmutig brummend ziehe ich mir am nächsten Morgen meine kuschelig-dicke Bettdecke über den Kopf, kneife die Augen fest zu und versuche, das nervtötende Schrillen meines Handyweckers zu ignorieren, das nach einer kurzen Pause bereits zum zweiten Mal erklingt. Ich weiß, dass ich selbst diejenige war, die mit Absicht diesen furchtbaren Sound gewählt hat und dass ich auch diejenige war, die dachte, es wäre eine gute Idee, das Handy an der Steckdose neben der Tür zu laden und es außerhalb der direkten Reichweite des Bettes zu platzieren, um mich damit morgens zum Aufstehen zu zwingen. Jeden Abend treffe ich dieselbe Entscheidung, trotzdem bereue ich sie jeden Morgen aufs Neue und mit jedem weiteren Klingeln des Weckers fällt es mir ein kleines bisschen schwerer, aufzustehen und mich dem Tag zu stellen. Aber selbst, wenn ich mir die Finger in die Ohren stecke, höre ich das blöde Klingeln immer noch. Ich bin einfach kein Morgenmensch und werde auch nie einer werden. Am liebsten würde ich mein Handy komplett ausschalten und für immer in meinem Bett bleiben, wo es warm und gemütlich ist und ich mich vor allem verkriechen kann, was da draußen auf mich wartet. So, wie ich es schon als Kind immer gerne getan habe. Nur dass damals meine Schwester noch da war, die mich irgendwann immer mit guter Laune oder der Aussicht auf Frühstück aus dem Bett bekommen hat. Gute Laune, die ich allein gerade nicht aufzubringen vermag. Oft hat sie einfach laut Musik angemacht und angefangen, dazu zu tanzen und mich damit angesteckt, sodass wir schließlich beide ausgelassen durchs Zimmer gehüpft sind. Morgen wie diese habe ich immer geliebt. Unsere Eltern waren längst aus dem Haus und auf der Arbeit und Freya und ich hatten das ganze Haus für uns allein. Wir konnten so laut und so fröhlich sein wie wir wollten und das haben wir ausgenutzt.
Aber noch ist zumindest ein kleiner Fetzen der Motivation übrig, die mich überhaupt erst nach London gebracht hat und mich nun dazu bewegt, die Bettdecke zurückzuschlagen, aufzustehen und die wenigen Schritte durch den kleinen Raum bis zu meinem Handy zu hasten, um endlich den furchtbaren Lärm abzuschalten. Blinzelnd werfe ich einen genaueren Blick auf den viel zu hellen Bildschirm, von dem aus mir mehrere Nachrichten meiner Freunde entgegenleuchten. Antworten auf meinen Text von gestern.
Ihr fehlt mir auch!
Jaaa, schon viel zu lange her!
Wann sehen wir uns?
Wie ist London? Hast du schon irgendwelche süßen Nerds kennengelernt?
Ich freue mich über die Nachrichten, gleichzeitig machen sie die Traurigkeit nur noch schlimmer, weil ich nichts dagegen tun kann, dass ich hier allein bin. Die Kälte in meinem Zimmer lässt mich am ganzen Körper zittern und ich werfe mir hastig meinen Morgenmantel über und ziehe ein Paar dicke Wollsocken an. Ich muss nicht nachsehen, um zu wissen, dass es draußen schon wieder in Strömen regnet. Ich kann die dicken Regentropfen durch das einen Spalt geöffnete Fenster, hinter dem es noch dunkel ist, deutlich auf die Fensterbank, die Straße und die Dächer der umliegenden Gebäude prasseln hören. Um diese Jahreszeit in England nicht weiter verwunderlich. Sonst hat mich der Herbst mit seinem Wind, der Kälte und den ständigen Regenfällen nie so groß gestört. Im Gegenteil, ich habe ihn oft sogar genossen. Was gibt es schließlich Schöneres, als sich zusammen mit seinem Lieblingsmenschen im Haus zu verkriechen und mit einem guten Buch und einer Tasse Tee auf dem Sofa unter einer Decke zu sitzen, während es draußen vor den Fenstern stürmt und wie aus Kübeln gießt? Zumindest so lange wie man weiß, dass die Eltern nicht zuhause sind, um einen für diese „Faulheit“ zu bestrafen. Doch diesen Herbst ist es irgendwie anders. Freya ist nicht hier, der graue Himmel trägt nur noch mehr zu meiner ohnehin schlechten Laune bei und wenn ich daran denke, dass ich mich gleich aus der Geborgenheit meines Zimmers herausbewegen muss, könnte ich losheulen. Dabei sollte ich eigentlich glücklich sein. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich mich nicht davor fürchten, dass meine Mutter ins Zimmer gestürmt kommt und mich anblafft, warum ich noch nicht fertig bin. Oder davor, dass mein Vater mich keines Blickes würdigt, weil ich ihn mal wieder allein durch meine bloße Existenz enttäuscht habe. Vielleicht ist es gar nicht Motivation, die mich gerade aus dem Bett getrieben hat, sondern viel mehr der Gehorsam und das Pflichtbewusstsein, die mir mein ganzes Leben lang eingeprügelt wurden und mir in Fleisch und Blut übergegangen sind. Ganz so, als würden meine Eltern noch immer jeden meiner Schritte überwachen und verurteilen.
Ich öffne meine Zimmertür und spähe in den noch dunklen Flur hinaus. Der Vorteil an dieser Uhrzeit ist, dass außer mir meist noch niemand wach ist und ich die Gemeinschaftsräume des Studentenwohnheims für mich allein habe. Die meisten Kurse an der Uni fangen erst später an und die anderen Studenten, die mit mir zusammen hier wohnen, schlafen noch ihren Rausch der letzten Nacht aus oder sind einfach Langschläfer.
Nachdem ich mich rasch geduscht, dezent mit ein wenig Mascara, Blush und Lipliner geschminkt und mir warme Kleidung angezogen habe, trete ich mit meiner Unitasche über der Schulter aus dem großen Gebäudekomplex, der das Wohnheim beherbergt. Sofort schlägt mir eine kalte Windbö entgegen und wirbelt mir die ersten Regentropfen ins Gesicht, sodass ich mich beeile, zur nahegelegenen U-Bahn-Station und damit zurück ins Trockene zu kommen. Im Gegensatz zum Wohnheim herrscht in der Bahn um diese Zeit bereits reger Betrieb. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein und sich zusammen mit mir in die Blechbüchse quetschen zu wollen, die durch Londons Untergrund rauscht.
Kapitel 2
Mein Handy meldet sich mitten in der Vorlesung. Es vibriert zwar nur in meiner Tasche und klingelt nicht laut, trotzdem schauen einige Kommilitonen genervt in meine Richtung, als würde das leise Summen sie maßlos dabei stören, sich auf die Vorlesung zu konzentrieren. Dabei schaffen sie es schon selbst gut genug sich mit ihren eigenen Handys oder irgendwelchem Kram auf ihren Laptops abzulenken.
Ich ziehe es hervor und erblicke leider keine weitere Nachricht von einem meiner alten Freunde, der mir sagen will, dass er mich auch vermisst, sondern sehe gerade noch den Namen meiner Mutter aufleuchten, bevor der Anruf abgebrochen und das Display wieder schwarz wird. Mit Entsetzen stelle ich fest, dass das nicht der erste, sondern bereits ihr zehnter Versuch war, mich während der letzten halben Stunde zu erreichen. Warum habe ich die ersten neun Anrufe nicht gehört? Möglicherweise gucken die anderen deshalb so böse, weil zumindest sie es gehört haben. Meine Mutter wird gar nicht begeistert sein, dass ich nicht ans Telefon gehe! Ich kenne sie zu lange, um zu glauben, dass aufgrund der Anruffrequenz irgendetwas schlimmes passiert ist. Wahrscheinlich würde sie mich tatsächlich in dem Fall eher gar nicht anrufen. Aber sie kommt natürlich überhaupt nicht auf die Idee, dass ich gerade keine Zeit haben könnte. Sie ist einfach ein sehr ungeduldiger Mensch und wenn sie etwas will, dann sofort.
Hastig stehe ich von meinem Platz im Hörsaal auf, quetsche mich durch die Reihe, vorbei an mehreren Leuten, die aufstehen und ihre Sachen in die Hand nehmen müssen, um mich durchzulassen, gehe vor die Tür und nehme den elften Anruf an, der soeben eingeht.
„Wieso gehst du nicht an dein verdammtes Telefon?“, zischt die wütende Stimme meiner Mutter, bevor ich irgendetwas sagen kann, so laut, dass ich das Handy ein Stück von meinem Ohr weghalten muss.
„Sorry Mum, ich war mitten in einer Vorlesung und hab das Klingeln nicht gehört“, sage ich entschuldigend.
„War ja klar. Deine dämlichen Bücher waren dir schon immer wichtiger als deine Familie“, sagt sie kalt und ich zucke zusammen.
Sie hat überhaupt keine Ahnung, was sie da sagt. Man sollte meinen, über die Jahre hätte ich mich daran gewöhnt, wie sie mit mir redet, aber der ständige anschuldigende Unterton in ihrer Stimme trifft mich trotzdem jedes Mal aufs Neue. Ich schlucke, versuche ihn so gut es geht zu übergehen und bereue jetzt schon, überhaupt ans Telefon gegangen zu sein.
„Warum rufst du an?“, frage ich so freundlich wie möglich und ohne dem genervten Unterton in meiner Stimme zu viel Raum zu geben.
„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, gibt sie zurück. „Ist nicht mal ein Guten Morgen drin?“
Ich bin immer wieder aufs Neue verblüfft, wie unglaublich verzerrt die Wahrnehmung meiner Mutter manchmal sein kann.
„Guten Morgen Mum“, sage ich, da ich eine Diskussion mit ihr ohnehin nur verlieren kann und meine Nerven dafür gerade auch nicht ausreichen würden. „Warum rufst du an?“
„Du musst für mich mit deinem Vater sprechen.“
Ich lasse mich mit dem Rücken gegen die Wand des Flurs sinken und rutsche daran herunter. Ich wünschte, ich hätte das verdammte Handy einfach ausgeschaltet. Seit meine Eltern sich vor kurzem getrennt haben, nutzen die beiden mich regelmäßig als Vermittler in ihren Streitigkeiten. Und dabei hatte ich immer gedacht es könnte nicht noch schlimmer werden als damals, als die beiden ihren Frust gemeinsam an mir und meiner Schwester ausgelassen haben. Mittlerweile fühle ich mich wie ein Boxsack, auf den von beiden Seiten immer wieder eingeschlagen wird und der dadurch wild und unkontrolliert durch die Luft trudelt, ohne eine Chance, sich wieder zu fangen. Wahrscheinlich sollte ich glücklich sein, dass diese Schläge nicht wirklich von Fäusten, sondern nur von Worten stammen und ich viele Meilen von meinen Eltern entfernt sicher hinter meinem Telefon sitze.
„Hast du mich gehört, Amalia?“, schreit meine Mutter in mein Ohr, weil ich nicht sofort antworte.
„Ja, ich habe dich gehört“, sage ich betont ruhig und schließe die Augen. „Was soll ich denn…“
„Sag ihm, er soll endlich die blöden Papiere unterschreiben“, unterbricht sie mich. „Danach kann er mit seiner Schlampe machen, was er will.“
„Du willst, dass ich ihn darum bitte, die Scheidungspapiere zu unterschreiben?“, frage ich vorsichtig nach.
„Ja Amalia, genau das habe ich doch gerade gesagt, oder?“, blafft sie. „Er hat die seit über einer Woche vorliegen und sie sind immer noch nicht unterschrieben und zurück beim Anwalt. Es kann doch nicht so schwer sein, eine Unterschrift zu setzen! Und es kann vor allem nicht sein, dass ich da noch hinterherrennen muss.“
Ich gebe ihr recht, dass das unter den gegebenen Umständen nicht ihre Aufgabe sein sollte. Aber meine noch viel weniger. Das ist eine Angelegenheit zwischen meinen Eltern.
„Nein, natürlich nicht“, sage ich.
„Klär das!“, sagt sie, dann legt sie ohne ein weiteres Wort oder eine Verabschiedung auf.
Ich lasse das Handy in meinen Schoß sinken und schlinge die Arme um meinen Oberkörper. In meiner Brust ist wieder dieser Schmerz. Die Art Schmerz, der keine körperlichen Ursachen hat, sondern allein von Worten und Gedanken ausgelöst werden kann. Auch das Schlucken tut auf einmal weh. So fühlt es sich jedes Mal an, wenn ich krampfhaft versuche, die Tränen zurückzuhalten, die sich schon hinter meinen Augen sammeln. Ich hasse es, dass meine Eltern noch immer solch eine Macht über meine Emotionen haben, obwohl ich doch eigentlich hierhergekommen bin, damit ich endlich frei von ihnen bin.
Ich will meinen Vater genauso wenig anrufen, wie sie es will. Ich bin selbst unglaublich wütend auf ihn und würde mich noch nicht mal mit ihm unterhalten wollen, wenn es nur auf ein angenehmes Gespräch hinauslaufen würde. Aber noch viel weniger will ich ihn anrufen und versuchen, ihn dazu zu überreden, sich offiziell von meiner Mutter scheiden zu lassen. Welches Kind tut so etwas?
Ich zucke zusammen, als die Tür des Hörsaals von innen geöffnet wird und sich eine Schaar Studenten auf den eben noch menschenleeren Flur vor mir ergießt. Ohne es zu bemerken, muss ich hier bis zum Vorlesungsende gesessen und vor mich hingestarrt haben. Ich rappele mich auf und bemerke eine feuchte Stelle am Kragen meines Pullovers. Scheinbar habe ich auch geweint, ohne es zu merken. Oder es zu wollen. Rasch wische ich mir mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen und gehe mit gesenktem Blick in den Hörsaal zurück, um meine Sachen zusammenzupacken. Ohne hinzusehen, stopfe ich alles von meinem Tisch in meine Tasche, werfe sie mir über die Schulter und mache mich auf den Weg zum nächsten Kurs. Mir ist übel und mein Kopf schmerzt. Ich weiß, dass meine Mutter erwartet, dass ich alles stehen und liegen lasse und meinen Vater jetzt sofort anrufe. Und am besten tue ich das auch. Bis das nicht erledigt ist, werde ich mich nicht auf meinen Kurs konzentrieren können, das weiß ich. Trotzdem kann ich mich nicht dazu überwinden, das Handy in die Hand zu nehmen und seine Nummer zu wählen. Weil ich genau weiß, was mich dann erwarten wird.
Die nächsten zwei Stunden bin ich zwar in der Vorlesung körperlich anwesend, doch meine Gedanken befinden sich ganz wo anders. Sie wirbeln wild durcheinander. Wie immer, wenn ich aufgeregt bin oder irgendetwas Beängstigendes tun muss. Ich muss all meine Kraft und Konzentration dafür aufwenden, mich nicht auf den Tisch vor mir zu übergeben. Zum Glück spricht mich niemand an. Ich könnte auch beim besten Willen nichts von dem Reproduzieren, was gesagt wurde. Sobald die Dozentin das Ende der Stunde verkündet, springe ich auf und verlasse als erste den Raum. Ich muss es jetzt tun.
In einer ruhigen Ecke auf dem Außengelände der Universität öffne ich meine Kontakte im Handy und scrolle zum Namen meines Vaters. Mein zitternder Finger schwebt über dem Display, doch ich kann ihn nicht dazu bewegen, auf das Hörersymbol zu drücken. Unangenehme Gespräche mit meinem Vater zu führen war schon immer mein Endgegner. Weshalb ich es immer so gut wie möglich vermieden habe, ihm einen Grund für ebensolche zu geben. Deswegen habe ich ihn auch nie um irgendetwas gebeten, egal wie sehr ich es wollte. Aber manchmal ging es trotzdem nicht anders. Zum Beispiel an dem Tag, als ich ihm beibringen musste, dass mir meine Handtasche samt Inhalt gestohlen worden war, als ich mit ein paar Freunden unterwegs gewesen war. Der Dieb hatte mir die Tasche einfach aus der Hand gerissen und war schneller mit ihr davongelaufen, als dass irgendeiner von uns etwas dagegen hätte machen können. Ich konnte absolut nichts dafür und doch hinderte das meinen Vater nicht daran, mir dir Schuld dafür zu geben, dass wir unter anderem das Schloss unserer Haustür hatten austauschen lassen müssen, weil auch mein Schlüssel in der Tasche gewesen war. Er sprach wochenlang kein Wort mit mir und ließ mich auch sonst sehr deutlich spüren, dass ich die größte Enttäuschung in seinem Leben war. Ein Posten, auf dem mich lediglich ab und zu meine Schwester abgelöst hat.
Ich fokussiere mich aufs Ein- und Ausatmen und gehe noch einmal im Kopf die Worte durch, die ich mir während der letzten zwei Stunden zurechtgelegt habe. So wie ich es immer tue, wenn ich Gespräche dieser Art führen muss. Dann gebe ich mir einen Ruck und starte den Anruf. Ich presse mir das Handy ans Ohr und kann das Klingeln über meinen eigenen lauten Herzschlag und das Rauschen meines Blutes in meinen Ohren kaum hören. Ein Teil von mir wünscht sich, dass er einfach nicht abnimmt. Aber das würde meine Mutter niemals als akzeptable Ausrede hinnehmen. Eher würde sie mich zwingen, persönlich zu ihm zu fahren, ihm eigenhändig den Stift in die Hand zu drücken und seine Hand zu führen.
„Ja?“, dringt die tiefe Stimme meines Vaters aus dem Telefon.
Ich versuche klar zu denken und Worte zu formen.
„Was willst du?“, setzt er genervt hinterher.
„Hallo Dad“, sage ich und bemühe mich, so fröhlich wie nur möglich zu klingen, obwohl sich alles in mir dagegen sträubt. „Ich ähm… wie geht's dir?“, frage ich zunächst, um nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen.
Er brummt. Das kann alles bedeuten.
„Ich wollte mich nur mal erkundigen, wie es bei dir ist“, sage ich vorsichtig. „Ich meine, mit der ganzen Scheidungssache und so. Ist die Scheidung schon durch?“
Vielleicht kann ich das Problem ja lösen, ohne ihn überhaupt direkt darauf anzusprechen.
„Hat deine Mutter dich auf mich angesetzt?“
Selbst durch das Telefon kann ich die Eiseskälte spüren, die plötzlich in seiner Stimme liegt. Ich schließe die Augen und kralle die Finger meiner freien Hand krampfhaft in den Arm, mit dem ich das Handy halte. So doll, dass es wehtut.
„Nein“, versuche ich zu lügen, obwohl ich genau weiß, dass das eine ganz schlechte Idee ist. „Ich hab mich nur gefragt, ob… Ich wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht. Ich meine, das ist bestimmt nicht einfach für dich.“
Ich versuche ihn irgendwie zu beschwichtigen, dabei ist es mir eigentlich vollkommen egal, wie es ihm damit geht. Er hat sich das selbst eingebrockt, jetzt muss er mit den Konsequenzen leben.
„Erzähl mir doch keinen Scheiß, Amalia! Du hast noch nie angerufen, nur um dich über mein Wohlbefinden zu erkundigen. Das hat dich schließlich noch nie interessiert. Sag mir was du willst oder ich lege jetzt sofort auf.“
„Mum hat mich gebeten, dich zu fragen, ob du die Scheidungspapiere jetzt unterschreiben und an den Anwalt schicken kannst“, bringe ich atemlos und viel zu schnell hervor und bin unglaublich froh, dass ich gerade nicht mit meinem Vater im selben Raum sein und seine Reaktion am eigenen Körper spüren muss.
Ein bitteres Lachen ertönt und ich kann seine Wut nahezu durchs Telefon fließen und sich neben mir verfestigen fühlen.
„Ich wusste es, dass ihr unter einer Decke steckt. Natürlich kann meine eigene Frau mich nicht selbst anrufen und muss stattdessen ihre Tochter vorschicken. Hör mir zu, Fräulein. Deine Mutter ist diejenige, die diese Scheidung wollte und die damit alles durcheinanderbringt. Ich hatte noch keine Zeit, ihre beschissenen Unterlagen zu unterschreiben, ich habe gerade erstmal andere Sorgen. Ich werde sie unterschreiben, wenn ich Zeit dafür finde.“
„Dad, bitte“, sage ich verzweifelt und habe Mühe, mir den Kloß in meinem Hals nicht anhören zu lassen. „Kannst du sie nicht einfach jetzt schnell unterschreiben?“
„Dann willst du also auch, dass wir uns scheiden lassen?“, fragt er vorwurfsvoll. „Du bist auf ihrer Seite?“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Ich weiß nur, dass meine Mutter mich nicht in Ruhe lassen wird, bis das Thema abgehakt ist und wenn ich mich entscheiden müsste, dann wäre ich bei dieser Sache tatsächlich auf ihrer Seite. Im Hintergrund meines Vaters ist ein lauter Knall zu hören, so als hätte er etwas durch die Gegend geworfen oder auf etwas eingeschlagen. Ich zucke zusammen und ziehe reflexartig den Kopf ein. Dann herrscht lange Stille. Ich wage nicht, noch etwas zu sagen oder auch nur zu laut zu atmen.
„Du kannst deiner Mutter ausrichten, dass ich unterschrieben habe“, sagt mein Vater schließlich ohne jegliche Emotion. „Jetzt seid ihr mich los. Ich hoffe du bist zufrieden.“
Jedes Wort ist so scharf wie ein Messer, das sich in meinen Magen bohrt. Zufrieden ist so ungefähr die unpassendste Beschreibung aller Zeiten.
„Es tut mir leid“, höre ich mich selbst flüstern.
Es raschelt, dann ertönt ein Tuten und der Anruf ist beendet. Ich nehme das Handy vom Ohr und stecke es mit zitternden Fingern in meine Manteltasche. Ich muss mich auf eine Bank setzen, um nicht umzukippen. So viel Adrenalin flutet meinen Körper, als wäre ich gerade mit einem Fallschirm auf dem Rücken aus einem Flugzeug gesprungen. Oder vielleicht auch ohne den Fallschirm. Ich presse mir eine Hand auf die Brust und versuche, gegen die aufkommende Panikattacke anzuatmen, die eigentlich viel zu spät kommt, wenn man bedenkt, dass jetzt alles vorbei ist. Meine Lunge fühlt sich so winzig an wie eine Walnuss und es scheint unmöglich, genug Luft zu bekommen. Diese Anfälle sind schon so lange mein ständiger Begleiter, dass sie beinahe zu meinem Normalzustand geworden sind. Trotzdem habe ich das Gefühl, zu ersticken. Aber wenigstens weiß ich mittlerweile, was gerade passiert und glaube nicht mehr, dass ich tatsächlich sterbe. Ich dränge das vergangene Gespräch in den Hintergrund, konzentriere mich auf meinen Atem und die Umgebung um mich herum, schaue auf die rauen Steine zu meinen Füßen und die Rasenfläche, die kurz dahinter beginnt, fühle den Wind in meinem Gesicht, lausche dem Krächzen von ein paar Krähen, die in den Bäumen sitzen.
Als ich nach einigen Minuten wieder einigermaßen normal atmen kann, schicke ich meiner Mutter eine kurze Nachricht, um sie über meinen Erfolg in Kenntnis zu setzen, wenn man es denn so nennen möchte. Dann schalte ich das Handy aus. Noch so ein Telefonat heute würde ich nicht überleben. Eher würde ich aus dem Stand einen Marathon laufen. Das wäre für meinen Körper vermutlich weniger anstrengend.
Ein Regentropfen trifft mich mitten im Gesicht und setzt den kreisenden Gedanken ein Ende. Ich wische ihn mit der Fingerspitze weg und stehe von der Bank auf. Außer mir hält sich niemand mehr hier draußen auf und auch ich werde nach drinnen flüchten müssen, wenn ich nicht komplett vom nun wiedereinsetzenden Regen erwischt werden möchte. Mein nächster und letzter Kurs für heute müsste um diese Zeit schon angefangen haben und eigentlich sollte ich mich beeilen, um nicht allzu viel zu verpassen. Aber ich weiß, dass das gerade keinen Sinn hat. Meine Gedanken sind so durcheinander, dass ich ohnehin kein Wort mitbekommen würde.
Ich hasse es, dass mich ein Streit mit meinen Eltern jedes Mal so sehr aus der Bahn wirft. Wobei man es noch nicht mal einen Streit nennen könnte. Das würde voraussetzen, dass beide Seiten eine realistische Chance hätten, die Auseinandersetzung für sich zu entscheiden.
Eigentlich bin ich von zuhause weggezogen, um ihnen endlich zu entkommen, aber scheinbar ist diese Distanz noch nicht weit genug weg. Meine Schwester hat es schlauer gemacht. Sie ist so weit weggereist, dass allein der fehlende Handyempfang scheinbar dazu führt, dass unsere Mutter sie nicht mehr belästigt.
Gerade will auch ich einfach nur weg. Viel weiter weg als London. Und wenn ich schon nicht bis ans andere Ende der Welt oder auf den Mond reisen kann, dann will ich zumindest für einen Moment in eine andere Welt entfliehen.
Eine Angestellte begrüßt mich mit einem flüchtigen Lächeln, als ich die Buchhandlung betrete, die ich vor ein paar Wochen entdeckt habe. Der Duft von neuen Büchern und frischem Gebäck, das im vorderen Teil des Ladens verkauft wird, schlägt mir entgegen. Diese Buchhandlung ist zu meinem neuen Lieblingsort geworden, an dem ich gerne Zeit verbringe, wenn ich gerade keine Kurse habe. Und auch, wenn ich mal wieder den Drang verspüre, vollkommen in die Welt der Fantasie einzutauchen. Das Konzept, gleichzeitig Bücher und Kuchen, Kaffee und Tee zu verkaufen ist genial.
Das ist einer der großen Vorteile daran, jetzt in einer Großstadt zu wohnen. Im Gegensatz zu dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und von dem aus man erst in die nächste größere Stadt fahren musste, um überhaupt einen einzigen Buchladen oder eine Bücherei zu finden, ist die Auswahl hier in London nahezu unendlich. An beinahe jeder Ecke gibt es kleinere oder größere Geschäfte, die tausende von Büchern anbieten.
Ich lasse mir Zeit dabei, die Regale entlangzuschlendern, die Buchrücken in Augenschein zu nehmen und über die Cover der Werke in den Auslagen zu streichen. Die unzähligen Welten, die zwischen den Buchdeckeln nur darauf warten, von mir entdeckt zu werden, geben mir jedes Mal ein seltsames Gefühl der Sicherheit. Egal wie schlimm mein eigenes Leben gerade ist, ich kann jederzeit in das Leben einer Figur eintauchen und meine eigenen Probleme vergessen. Die Bücher haben mir schon mehr als einmal das Leben gerettet.
„Kann ich helfen?“, werde ich von einer Verkäuferin mit stacheligen, kurzen Haaren und Brille angesprochen.
So oft wie ich hier bin, kommt mir ihr Gesicht bereits sehr vertraut vor, doch sie scheint mich entweder nicht zu erkennen oder lässt es sich zumindest nicht anmerken. Als ich vor wenigen Monaten hergezogen bin, hatte ich die verrückte Vorstellung, ich würde hier in der Stadt problemlos neue Menschen kennenlernen. Vorzugsweise Menschen, die meine Leidenschaft für Bücher teilen. So wie diese Frau. Oder wie die Leute in meinem Studiengang. Aber das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Ich bin nicht gut darin, die Brücke ins Private zu schlagen.
„Ähm“, ist das Einzige, was ich spontan herausbringe.
Ich würde mich gerne mit der Verkäuferin über Bücher unterhalten, eines meiner liebsten Gesprächsthemen, aber sie ist schließlich nicht dazu da, um mir die Zeit zu vertreiben und sie sucht wahrscheinlich auch keine neue Freundin, die halb so alt ist wie sie.
„Können Sie mir ein Buch empfehlen?“, füge ich daher zu meinem eloquenten Satzanfang hinzu.
„Gerne! In welche Richtung soll es denn gehen?“, will sie wissen.
Ich überlege kurz.
„Überraschen Sie mich“, sage ich dann. „Am liebsten keinen Bestseller, sondern irgendein Geheimtipp. Ich entdecke immer gerne neue und noch unbekanntere Autoren.“
Die Frau lächelt so zufrieden, dass ich wohl das Richtige gesagt habe. Wahrscheinlich ist auch sie irgendwann genervt davon, wenn jeden Tag dreißig Leute nach dem neusten Buch von Colleen Hoover oder Stephen King fragen. Sie bedeutet mir, ihr zu folgen, und führt mich in eine etwas abgelegenere Ecke des Ladens. Vor einem Regal bleibt sie stehen, mustert mich einen Moment, zieht dann ein Buch hervor und streckt es mir entgegen.
„Ich denke, dieses hier könnte Ihnen gefallen“, sagt sie freundlich. „Ich habe die Autorin vor kurzem selbst erst entdeckt und ihr Stil ist echt schön und besonders.“
Ich greife nach dem Buch, nehme es ihr aus der Hand und sie stößt unvermittelt ein Geräusch aus, dessen Bedeutung ich nicht ganz zuordnen kann.
„Ich möchte nicht übergriffig klingen, aber… ist bei Ihnen alles in Ordnung?“, fragt die Frau.
„Ja, ich… warum?“, frage ich verwirrt.
Sie deutet mit dem Kopf auf meinen Unterarm der Hand, mit der ich nach dem Buch gegriffen habe. Mein Ärmel ist ein Stück hochgerutscht und offenbart die Spuren, die meine Fingernägel in meiner Haut hinterlassen haben, als ich mich vorhin verzweifelt daran festgekrallt habe, um irgendwo Halt zu finden. Es ist mir gar nicht aufgefallen, wie stark ich mich verletzt habe, so sehr stand ich unter Adrenalin. Unter den Nägeln der Finger meiner anderen Hand klebt Blut. Rasch schiebe ich den Ärmel zurück an seinen Platz und zwinge mich zu einem Lächeln.
„Ach das“, sage ich und überlege fieberhaft, was ich sagen kann, damit die Frau nicht denkt, ich würde mich selbst verletzen, obwohl natürlich genau das der Fall ist.
Mir fällt nichts ein. Keine noch so dumme Ausrede.
„Sieht schlimmer aus, als es ist“, sage ich daher nur lahm und schiebe die Finger der Hand mit den blutigen Nägeln schnell in meine Jackentasche. „Danke für die Empfehlung“, sage ich dann. „Ich schaue noch ein bisschen weiter, aber das hier werde ich auf jeden Fall kaufen.“
Die Frau lächelt etwas unsicher, nickt dann aber und lässt mich allein.
Wie peinlich!
Eigentlich sagt mein Kontostand eindeutig, dass ich gerade keine weiteren Bücher kaufen sollte, aber darauf kann ich heute keine Rücksicht nehmen. Da lasse ich lieber mal ein paar Mittagessen ausfallen. Die Bücher brauche ich dringender. Die Geschichten waren schon immer und sind bis heute mein Safe Space, an den ich kommen kann, wenn die Welt um mich herum wieder einmal zu überwältigend wird. Zumindest in meiner Fantasie kann ich eine der starken, mutigen Hauptfiguren sein, die alles schaffen können und am Ende auch noch den superheißen Kerl abbekommen.
Ich verbringe noch eine ganze Stunde zwischen den Regalen der Buchhandlung und stöbere in der riesigen Auswahl, bevor ich mit dem empfohlenen und einem weiteren Buch zur Kasse gehe, wo mich die Verkäuferin von vorhin bedient. Sie scannt die Bücher, schiebt sie anschließend in eine kleine Tüte und reicht mir diese über den Tresen.
„Haben Sie einen schönen Abend“, sagt sie mit einem herzlichen Lächeln.
„Danke, Sie auch“, erwidere ich und verlasse den Laden.
Ich weiß, dass sie nur versucht hat, nett zu sein, aber ich will nicht so mitleidig angesehen werden, wie sie es gerade getan hat. Es reicht, dass ich mich selbst beschissen fühle. Das muss nicht auch noch die ganze Welt mitbekommen.
Die Sonne verschwindet gerade erst zwischen den Häusern, als ich zurück ins Wohnheim komme, aber ich schlüpfe trotzdem schon in meinen Pyjama und krieche unter die Bettdecke. Ich will heute niemanden mehr sehen und nichts mehr tun. Es ist beinahe ein Kunststück, dass meine Eltern es sogar aus hunderten Kilometern Entfernung schaffen, mir mit ein paar wenigen Worten den kompletten Tag zu vermiesen. Die beiden könnten eine eigene Show daraus machen, sozusagen als das Gegenteil von den ganzen Motivationscoaches.
Stell dich nicht immer so an, sagt meine innere Stimme, die sich manchmal viel zu sehr wie mein Vater anhört. Es gibt Menschen, die haben echte Probleme. Hör auf zu Jammern!
Ich ziehe die Tüte aus der Buchhandlung zu mir heran und leere den Inhalt auf der Bettdecke aus. Dabei fällt neben den zwei Büchern auch eine Postkarte heraus. Werbung, denke ich zunächst. Doch dann fällt mir die handschriftliche Notiz auf der Karte auf. Verwundert schaue ich genauer hin. Die Vorderseite der Karte zeigt zwei gezeichnete Figuren. Scheinbar eine dieser Charakterkarten, die es neuerdings manchmal in Romanen zu finden gibt und mit denen ich immer wenig anfangen kann. Auf die weiße Rückseite hat jemand geschrieben:
Egal, wie verlockend es für uns Bücherwürmer ist, uns zwischen den Seiten eines Buches zu verstecken und in eine Welt einzutauchen, die schöner ist als unsere eigene, sollten wir nie vergessen, dass auch unsere eigene Welt schöne Seiten und gute Menschen hat. Wir dürfen nur nicht die Hoffnung verlieren.
Verwirrt starre ich auf die Zeilen. Was soll das bedeuten? Ist das irgendeine kryptische Botschaft mit tieferer Bedeutung, die ich nicht verstehe? Hat die Verkäuferin das geschrieben? Wer sonst? Wütend knülle ich das dicke Papier der Karte so gut es geht zusammen und werfe sie in Richtung meines Mülleimers. Die Frau hat es vorhin selbst schon sehr gut beschrieben: Ihr Verhalten ist übergriffig. Was fällt ihr ein, mich dafür zu verurteilen, dass ich Bücher nutze, um mich ein wenig von meinen Problemen abzulenken? Vielleicht würde es ihr besser gefallen, wenn ich stattdessen drogenabhängig werden würde? Was maßt sie sich an, Rückschlüsse über mich zu ziehen, nur weil sie die Spuren meiner Nägel auf meinem Arm gesehen hat? Wie lächerlich! Es kann ja wohl mal passieren, dass man sich aus Versehen selbst weh tut! Ist ja nicht so, als hätte ich hunderte verräterische Streifen auf meinen Armen.
Jetzt bin ich nur noch genervt und habe keine Lust mehr, eines meiner neuen Bücher zu lesen. Ich rolle mich auf dem Bett zusammen, starre die Wand an und fühle mich elend. Nichts ist so, wie ich es mir vorgestellt habe. Nicht mein Studium, nicht die Stadt, nicht die Leute hier. Oder bin eigentlich ich es, die einfach nur nicht hierher passt und sich utopische Ziele gesetzt hat, in dem Glauben, sie könnte sie jemals erreichen?
Kapitel 3
Erst als Professor Jenkins den Raum betritt, fällt mir ein, dass ich etwas vergessen habe. Er hat uns so großzügig die Chance gegeben, unsere Geschichten zu überarbeiten und sogar nochmal eine Beurteilung dafür zu erhalten. Und ich habe es verpennt. Die Gespräche mit meinen Eltern gestern haben mich so durcheinandergebracht, dass ich es schlichtweg vergessen habe. Nachdem ich lange Zeit nur vor mich hingestarrt und die Maserung der Tapete betrachtet habe, bin ich schließlich viel zu früh eingeschlafen. Nur um dann mitten in der Nacht aufzuwachen und mich stundenlang in meinem Bett hin und her zu wälzen, immer wieder kurz wegzudämmern und grässliche Träume zu haben, sodass ich mich am Morgen so elend gefühlt habe, dass ich mich hätte übergeben können.
Der Professor erwähnt zum Glück nur am Rande, dass wir ihm unsere überarbeiteten Texte am Ende der Stunde mitgeben können, kommt aber sonst nicht mehr weiter darauf zu sprechen, sondern fährt ganz normal mit dem Stoff fort. Trotzdem bleiben mein schlechtes Gewissen und das Gefühl, ihn enttäuscht zu haben.
„Wir machen jetzt eine kleine Gruppenarbeit“, verkündet Jenkins schließlich. „Finden Sie sich bitte in Dreiergruppen zusammen.“
Früher in der Schule hatte ich immer Mitleid mit den Leuten, die im Sportunterricht oder in Gruppenarbeiten als letzte gewählt wurden und habe immer versucht, sie miteinzubeziehen, ohne dass sie sich dabei bemitleidet fühlten. Ich selbst hatte damals immer eine tolle Freundesgruppe und nie ein Problem damit, jemanden zu finden, der mit mir in einer Gruppe sein wollte. Hier im Studium bin ich selbst diejenige, die als letzte gewählt wird und das fühlt sich genauso mies an wie erwartet.
„Wie heißt du nochmal?“, fragt mich eine der beiden Mädels, die mich schließlich mit in ihre Gruppe nehmen mussten, weil ich als einzige noch übrig war.
Sie hat blonde lange Haare, die ihr glatt auf den Rücken fallen, trägt dezente silberne Ohrringe mit kleinen Perlen daran und ebenso dezentes Make-Up.
„Amalia“, antworte ich. „Und du bist Lira, oder?“, erinnere ich mich.
Sie nickt.
„Und Sarah?“, frage ich und schaue die andere Frau an, die mit ihren dunklen, voluminösen Locken und dem starken Lidschatten und Lippenstift optisch das genaue Gegenteil von Lira ist.
Wie das Negativ und Positiv einer Fotografie.
„Ja“, sagt diese kurzangebunden, ohne mich überhaupt richtig anzusehen.
Mir ist schon öfter aufgefallen, dass die beiden scheinbar immer zusammenhängen, und ich habe sie in meinem Kopf heimlich Engelchen und Teufelchen getauft, weil sie mich irgendwie an das Klischee erinnern. Die beiden sind zwar nicht unfreundlich zu mir, aber dennoch distanziert. Sie scheinen kein Interesse daran zu haben, eine richtige Unterhaltung mit mir zu führen und ich wüsste sowieso nicht, wie ich eine in Gang bringen sollte. Ich nicke und werfe dann einen Blick auf den Aufgabenzettel, den wir bekommen haben.
„Ich glaube, dafür müssen wir uns mal außerhalb des Kurses treffen“, stelle ich fest.
Lira nickt erneut.
„Wie wäre es morgen Abend?“, schlägt sie vor.
Sarah stupst sie an und schüttelt vielsagend den Kopf.
„Morgen Abend geht nicht“, sagt sie leise zu Lira.
Lira zuckt mit den Schultern.
„Der Abend ist doch lang. Wir könnten uns früh treffen und erst die Aufgaben machen und dann kann sie doch auch mitkommen.“
Sarah sieht sie ungläubig an. Verwirrt hebe ich eine Augenbraue. Reden die beiden über mich, während ich direkt vor ihnen sitze, oder was geht hier gerade ab? Lira wendet sich wieder mir zu.
„Wir sind morgen Abend auf einer Party“, erklärt sie. „Aber davor könnten wir uns treffen und die Aufgaben machen. Und wenn du willst, kannst du bestimmt auch mit auf die Party kommen.“
„Okay, klar“, sage ich mehr aus Reflex als aus willentlicher Zustimmung.
Lira lächelt zufrieden, während Sarah eher unbeteiligt bis leicht genervt wirkt.
Nach der Mittagspause, in der ich wie fast immer in der Mensa mit einem Buch in der Hand mein Essen genossen habe, kehre ich ins Wohnheim zurück. Heute habe ich wie jeden zweiten Donnerstag schon jetzt frei und somit theoretisch den ganzen Nachmittag für mich. Allerdings stehen noch einige Hausaufgaben auf meiner To-do-Liste, die ich gerne noch abarbeiten würde. Unter anderem sollen wir eine Outline für einen Roman entwerfen, den wir uns vorstellen könnten zu schreiben. Diese Aufgabe schiebe ich schon seit Tagen vor mir her und ich muss mich regelrecht dazu zwingen, mich an den kleinen Schreibtisch in meinem Zimmer zu setzen und mir Gedanken zu machen. Ich nehme mir ein Blatt Papier und schreibe auf, was mir einfällt. Was zugegeben nicht sehr viel ist. Vor Beginn dieses Studiums bin ich immer davon ausgegangen, ich sei ein sehr kreativer Mensch. Früher habe ich mir ständig Geschichten ausgedacht und sie aufgeschrieben. Doch jetzt sitze ich regelmäßig vor einem weißen Blatt, mein Kopf ist wie leergefegt und ich habe keine Ahnung wie man schreibt.
„Schreib über etwas, das dich bewegt“, rät mein Tutor, als ich ihm am nächsten Tag gegenübersitze und meine wenigen Ideen präsentiere, die ich zu Papier gebracht habe.
„Tue ich das nicht?“, frage ich verwirrt.
Er schüttelt den Kopf und überlegt einen Moment.
„Deine Ideen sind nicht per se schlecht, Amalia“, erklärt er dann. „Aber sie wirken… uninspiriert. Langweilig.“
Ich blinzele. Na vielen Dank auch.
„Ich habe das Gefühl, du schreibst nur über Sachen, die du selbst gern lesen würdest. Oder vielmehr schreibst du dir die Welt so, wie du sie gerne hättest.“
Genau, wie Pipi Langstrumpf.
„Ist das nicht genau der Punkt beim Schreiben?“, frage ich verständnislos. „Dass man sich eine Welt erschaffen kann, wie man sie gerne hätte?“
„Schon. Aber wenn alles immer nur toll ist, ist das ja für den Leser nicht spannend. In den Büchern, die du gern liest, passieren den Charakteren ja mit Sicherheit auch unvorhergesehene Dinge, mit denen sie klarkommen müssen, oder nicht?“
„Ja“, gebe ich zu.
„Und denkst du, das ist etwas Schlechtes? Oder sind es vielleicht gerade die Probleme, die die Figuren haben, die ein Buch spannend machen? Weil man ihnen dabei zuschauen kann, wie sie diese Probleme schließlich meistern und daran wachsen?“
„Vielleicht möchten manche Menschen ja auch einfach mal nur etwas Schönes lesen“, halte ich etwas trotzig dagegen.
Mein Tutor wirft mir einen mitleidigen Blick zu und ich kann mir ein Augenrollen nur schwer verkneifen. Er hatte bestimmt eine tolle Kindheit.
„Ja, wahrscheinlich sind es die Hindernisse, die die Figuren überwinden, die ein Buch spannend machen“, ändere ich etwas missmutig meine Antwort.
Ich weiß, dass er recht hat.
„Es fällt oft am leichtesten, über Dinge zu schreiben, die wir selbst erlebt haben“, fährt er fort.
Ich antworte nicht.
„Meinst du, du hast bereits Dinge erlebt, über die du schreiben könntest?“, will er wissen.
Das ist erst das zweite Mal, dass ich ihn sehe, da uns unsere Tutoren erst vor kurzem zugeteilt wurden. Er ist nur ein paar Jahre älter als ich, vielleicht Mitte 20 und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht auch selbst noch studiert. Ich kenne ihn definitiv nicht gut genug, um ihm von den Dingen zu erzählen, die ich erlebt habe. Vor allem nicht von den schlimmen Dingen, die es wert wären, als Inspiration für eine Geschichte zu dienen. Vielleicht werde ich auch niemals jemandem davon erzählen wollen. Ich will sie lieber vergessen.
„Ich weiß nicht“, sage ich daher.
Er mustert mich nachdenklich. Dann nickt er.
„Deine Idee ist an sich nicht schlecht, aber wenn ich dir etwas raten darf… Es ist sehr viel einfacher, die Sachen, über die man schreibt, in gewisser Weise wirklich erlebt zu haben, um glaubhaft davon erzählen zu können. Die wenigsten Menschen sind so kreativ oder empathisch, dass sie sich komplett in eine Situation hineindenken können, ohne jemals vergleichbares erlebt zu haben. Versuch mal etwas Neues außerhalb deiner Komfortzone zu unternehmen und das in deine Idee einzubauen. Egal was. Hauptsache du kommst erstmal ins Tun.“
Ich nicke nur. Aktuell ist so ziemlich alles, was sich außerhalb meines Zimmers befindet, auch außerhalb meiner Komfortzone. Zählt es dann also auch als aufregendes Erlebnis, wenn ich mich einfach fünf Minuten in einen Gemeinschaftsraum im Wohnheim setze und versuche, mich mit jemandem zu unterhalten? Denn schon das fühlt sich gerade ziemlich überwältigend an.
„In Ordnung, wir sehen uns nächste Woche. Bis dahin überarbeitest du bitte deinen Entwurf und versuchst ein bisschen mehr Tiefe hineinzubringen.“
Damit lässt er mich allein in dem kleinen Raum zurück, in dem wir unsere Besprechungen abhalten und ich lasse verzweifelt die Stirn auf die kühle Tischplatte sinken.
Den Rest des Nachmittags lassen seine Worte mich nicht mehr los. Viel Aufregendes habe ich noch nicht erlebt. Dafür viel Schmerzhaftes. Von Problemen kann ich ein Lied singen. Mein ganzes bisheriges Leben war ein einziges großes Problem, das sich mir in den Weg gestellt hat. Aber darüber kann ich nicht schreiben. Oder eher, darüber will ich nicht schreiben. Ich bin hierhergekommen, um über meine Vergangenheit eben genau nicht mehr nachdenken zu müssen und sie endlich hinter mir lassen zu können. Und nicht, um sie auszuschlachten und daraus ein Buch zu machen. Also sollte ich wohl doch mal etwas Neues erleben.
