Odysseus - Wolfgang Gast - E-Book

Odysseus E-Book

Wolfgang Gast

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Beschreibung

Welche Anziehungskraft liegt in diesen Geschichten, die ein Grieche namens Homer vor rund 27 Jahrhunderten in 12.109 Verszeilen festhielt? Warum wurden die kruden Erlebnisse einer Fantasiegestalt nicht längst vergessen, sondern durch sehr unterschiedliche Epochen weitergetragen. Die Oberfläche der Erzählung, die Erscheinungsbilder allein erklären den Erfolg nicht. Einige Schichten tiefer ist eine zuverlässige Antwort zu finden: Es sind musterartige Situationen, in denen Leser aller Epochen immer wieder Eigenes entdecken. Der Aufbruch, um ein bestimmtes Ziel zu ereichen. Zwischenfälle unterwegs, die in eine andere, oft in entgegen gesetzte Richtung treiben. Das Eingefangensein in Umstände und die (bisweilen brutale) Befreiung daraus. Verführungen, denen man eine Zeitlang freudig nachgibt. Der nie ganz aufgegebene Traum vom Happy End. Die Odyssee als Lebensform und Lebenslinie: eben dies ist das Thema des vorliegenden Buches. Es liefert hierzu einen philosophischen Essay. Darin aber werden Fragen und Antworten nicht in allgemeinen Aussagen und Grundsätzen diskutiert; der Autor bevorzugt das narrative Philosophieren, das wie jedes Erzählen konkret, anschaulich, tatsachenbezogen bleibt. Ein ideales (und zur Nachahmung empfohlenes) Arbeitsmittel ist hierbei das Tagebuch. Ein Mensch nimmt Tatsachen zu Protokoll, setzt sich mit ihrer Bedeutung - ihrem Zweck und Sinn - auseinander und kann versuchen, seinen Umgang mit der Welt jenen Deutungen anzupassen, die er gewonnen hat.

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wir sind

plötzlich streng geworden.

Jetzt mehr als je.

Aber wichtiger bleibt es zu spielen.

Nur ist das Ernste, das bloß Strenge,

fast bedingungslos schlecht.

Ernst Bloch, Geist der Utopie

Erste Auflage

geschrieben zwischen 1915 und 1917

gedruckt 1918

Seite 19

INHALT

Annäherung

Odyssee

Aufbruch

Spiegel

Strand=Landschaften

Inseln

Neuland

Reisezeit : Zeitreise

Reisen ins Sein

Große Fuge

ANNÄHERUNG

Logbuch (Schiffstagebuch, Journal): auf Seeschiffen gesetzlich vorgeschriebenes Tagebuch, in das alle für die Seefahrt wichtigen Ereignisse und Beobachtungen eingetragen werden müssen.

Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Auflage 1975

Warum so harmlos: ein Logbuch? Und nicht unverblümt: Lügengeschichten! Diesen Odysseus hat man „den größten Lügner des Altertums“ genannt. Am Hof des Königs Alkinoos unterhielt er die Abendgesellschaften mit dem Lobgesang auf seine Heldentaten. Da überlistet er einäugige Riesen und andere Menschenfresser; er bezwingt gefährlichste Wasserstraßen und ihre nach Opfern gierenden Bewacher; sogar den für Stürme und wildes Meer zuständigen Göttern entkommt er… Allein schöne Hetären verstehen sich darauf, ihn zu fesseln und die eigentlich ersehnte Heimkehr nach Ithaka um etliche Jahre zu verzögern.

Welche Anziehungskraft liegt in diesen Geschichten, die ein Grieche namens Homer vor rund 27 Jahrhunderten in 12.109 überlieferten Versen festhielt? Warum wurden die kruden Erlebnisse einer Fantasiegestalt nicht längst vergessen, sondern durch sehr unterschiedliche Epochen weitergetragen. Die Oberfläche der Erzählung, die Erscheinungsbilder allein erklären den Erfolg nicht. Einige Schichten tiefer ist die (jedenfalls eine) zuverlässige Antwort zu finden: Es sind musterartige Situationen (Konstellationen), in denen Leser aller Epochen immer wieder Eigenes entdecken.

Der Aufbruch, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Zwischenfälle unterwegs, die in eine andere, oft in entgegengesetzte Richtung treiben. Das Eingefangensein in Umstände und die Befreiung daraus. Verführungen, denen man eine Zeitlang freudig nachgibt. Der nie ganz aufgegebene Traum vom glücklichen Abschluss („happy end“), und eine schließlich doch noch gelingende Ankunft, die erkämpft werden musste… Dasselbe wie Odysseus kann kein anderer Mensch erleben. Wohl aber erleben wir dies oder jenes Gleiche wie er. Losgelöst von konkreten Erscheinungen, bezogen auf allgemeine Schemata des Daseins, die sich in zahllosen unterschiedlichen Gestaltungen verwirklichen.

Die Odyssee als Lebensform und Lebenslinie: eben dies ist das Thema des vorliegenden Buches. Merkmale odysseehaften Daseins sind im einleitenden Kapitel skizziert. Danach zwei Schlüsselbegriffe: sie betreffen die Ausfahrt (das Anfangen und Heranreifen des odysséischen Typus) und den Spiegel (das Reisen im Ozean der Wörter). Vielseitig vorgestellt werden sodann die typischen Seins=Orte Strand und Insel. Das Meer spielt in Homers Epos eine Hauptrolle als Medium, das den Helden von einem Ort zum nächsten befördert; das Logbuch zeigt Meeresbilder in Verbindung mit konkreten Orten. Auch der odysséische Mensch existiert bewegt und unterwegs; die Rolle des Meeres übernimmt in seinem Alltag die Zeit, dargestellt als Reisezeit=Zeitreise. Und der Reisende strebt allzeit danach, der Welt und sich selbst „auf den Grund“ zu kommen; hiervon handelt Reisen ins Sein. Die Reisewege und Ziele liegen in der Welt von heute; der Zeitraum, den im Logbuch ein Protagonist bewusst durchläuft, beginnt mit den 1950er Jahren. In nahes Jetzt führt das als Fuge komponierte Schlusskapitel, das ab Oktober 2019 Themenstränge zum Finale ordnet.

Der vorliegende Text gehört zur literarischen Gattung Essay. Sein Themenfeld ist die Existenzphilosophie. Hierüber wird nicht, wie üblich, auf der Basis allgemeiner Aussagen diskutiert; der Autor bevorzugt das narrative Philosophieren. Diese Denkform und Schreibweise bewegt sich auf der Ebene des Konkreten, mit Blick auf den Einzelfall, allerdings in exemplarischer Absicht. Ideale Form dafür ist das Tagebuch. Ein Schreiber nimmt Tatsachen zu Protokoll, setzt sich mit ihrer Bedeutung (ihrem Sinn) auseinander und passt seinen Umgang mit der Welt jenen Deutungen an, die er für hier und jetzt gewonnen hatte. So entsteht ein pulsierendes, immer lernendes Modell der Welt – mit Anregungen, für Leser, die je eigen=sinnige Landkarten für ihre individuellen Reisewege entwerfen.

ODYSSEE

1

Unterwegs sein, ohne anzukommen.

Ankommen, jedoch nicht bleiben.

Jede Antwort ein Anstoß zur nächsten Frage.

Ithaka? Jene Insel, die den Reisenden begleitet.

2

Odyssee als Form und Weise des Denkens.

Eines Denkens, das nicht stehen bleibt.

3

Ein Strand, überzogen mit Spuren. Zeichen. Geheimschrift vielleicht. Alles ist entzifferbar.

Bis zur nächsten Flut.

4

Unterwegs sein: Sprung für Sprung, aus wechselnden Bildern und Szenen heraus.

5

Arbeit unterwegs: Aktion und Beschreibung. Schreiben und Agieren sind identisch.

Identität: die Beziehung zwischen Vorbild und Abbild. Objekt und Spiegelbild. Substanz und Zutat.

Die nicht/identische Unterscheidung: ein Entweder // Oder.

6

Denken und Schreiben im Schatten der Dinge. Das „Ding selbst“: unerreichbar für Wörter. Sein Schatten aber ist Zeichen, darum von sich aus der Schrift nahe. Vermittler zwischen dem Ding und dem Wort.

7

Der Abstand zwischen Ding und Satz verändert sich. Unterwegs zwischen beiden droht erneut Irrfahrt.

8

Dinge altern, jedoch auch die Wörter. Und Schatten werden porös. Alte Sätze erscheinen als verjährt im Licht der neuen Wirklichkeiten. Bis ein Denken beide, Satz und Ding, gegeneinander aufhetzt, zu wechselseitiger Provokation.

9

Als typisch für Odysseen gilt: Sie sind Irrfahrten. Wunschziele werden verfehlt. Oder ein erreichter Ort enttäuscht Hoffnung in krasser Weise. Risiko, wie es in jedem Aufbruch liegt.

10

Klüger werden unter Schmerzen. Wider Willen.

11

12

Odysseus als Held eines Epos. Das erzählte literarische Er lebt mitten unter uns. Zum Auflesen.

13

Odyssee als Lebensform. Das umfassende Existenzmuster.

14

Unterwegs sein in allerlei Fassungen:

Von Göttern gejagt. Von Gespenstern verfolgt. Zur Unruhe geboren. Auf der Flucht. Auf Beutezug. Oder glücklos den Heimweg suchend.

Leitmotive: Der Welt entgehen. Oder Welt einfangen; die Beute bergen.

15

So habe ich mein Glück gesucht:

Im Abstand zwischen den Dingen.

Bei steter Berührung mit Wörtern.

Mein Wappen: Das Ginkgoblatt.

16

Aufbruch: Um des Weges willen.

Das Sein? Sei allemal Unterwegs=sein.

Odysseus=Variationen

Homer jagt seinen Helden zehn Jahre hin und her, entlang der Mittelmeerküsten und zu Inseln. Dabei überschüttet er Odysseus mit Abenteuern, realmöglichen wie phantastischen. Wasserwege haben Tücken: immer wieder Stürme; oder Klippen, die ein vom Sirenengesang betörter Steuermann zu spät wahrnähme. Kaum gerettet, gerät das Schiff dann in die Meerenge zwischen den Ungeheuern Skylla und Charybdis. Nicht weniger gefahrvoll sind Landgänge. Die freundlichen Lotophagen laden ihre Gäste zu einem Rauschgift ein, das jeden Gedanken an Abreise erstickt. Feindselig hingegen die Kyklopen: einäugige Riesen & Menschenfresser, sie vergreifen sich mit rohem Appetit an den Seeleuten. Und werden darin übertroffen von den Laistrygonen, die Felsblöcke werfen, fast alle Schiffe der kleinen Flotte zertrümmern und die Mannschaften als Beute an Land ziehen; einzig Odysseus kann mit seinem letzten von einst zwölf Schiffen entkommen. Die längste und angenehmste Zeit allerdings, acht der zehn Reisejahre, ist ausgefüllt mit erotischen Abenteuern. Bei Kirke, der Zauberin, lustwandeln die Überlebenden ein Jahr. Launen des Glücks: Auf der Weiterfahrt vernichtet ein Blitz Schiff und Restmannschaft, nur Odysseus rettet sich auf eine Schiffsplanke und wird zur Insel Ogygia getrieben. Dort lebt er sieben Jahre in Freuden mit der Nymphe Kalypso. Endlich befehlen die Götter Heimkehr. Noch einmal strandet der Held und wird von der Königstochter Nausikaa geborgen. Nach zehn Jahren Krieg um Troia und weiteren zehn Jahren auf gefährlicher Heimfahrt erreicht Odysseus sein Ithaka.

Der Dichter Ezra Pound. Tritt um das Jahr 1916 seinen Weg als Odysseus an. Eine lebenslange Wanderung, vor allem (aber nicht nur) durch die von Poeten und Philosophen in drei Jahrtausenden aufgeschriebene Welt. Seine eigene Lebensspur: CXX Cantos, in denen er Beutestücke und den

Zugang zu ihnen beschreibt. Canto I zeigt in einer ekstatischen Szene, wie der kühne Lebende am Hadestor die Weihe zum Weltendurchquerer erzwingt; sie wird erteilt vom blinden Seher Tiresias.

Zehn Jahre Odyssee, vollbracht in weniger als 24 Stunden. Am 16. Juni 1904 verlässt Leopold Bloom, Annoncen=Werber des „Freeman’s Journal“, seine Wohnung um acht Uhr und schlingert durch Dublin bis zum nächsten Morgen gegen drei. Aus Homer wurde James Joyce, sein Roman Ulysses hat in der Übersetzung von Hans Wollschläger (mit erläuternden Randbemerkungen) gut 1.100 Seiten.

Ist das odysséische Sinn=Programm in weniger als einem Tag zu durchlaufen, so wird auch die mittelmeerische Weitläufigkeit hinfällig. Mr. Bloom bewegt sich durch eine Großstadt. Anders Xavier de Maistre. Er unternahm und beschrieb um 1790 Die Reise um mein Zimmer. Der Ort: eine Arrestzelle, „längliches Viereck, 36 Schritt im Umfang“, wenn man dicht an der Mauer entlangging. Die Reise dauerte 42 Tage, ohne dass der Autor die geometrischen Möglichkeiten dieses Bewegungsfeldes schon ausgeschöpft hätte.

Odysseus, ein Archetypus?

Der Archetyp ist keine Schablone, sondern Inspiration. Für Mitschreiber vor allem.

AUFBRUCH

17

Anfang. Der An=Fänger. Bricht auf zu seinem Beutezug. Jetzt einen Gedanken einfangen; festhalten. Einen Satz, der den Tag beleuchtet. Heute: Freitag… aber der Kalender sei bedeutungslos. Der Satzfänger sucht zuallererst ein Loch im Tag. Dort will er den Gedanken einpflanzen. Einen Gedanken. Gerade Platz genug für den Einfall, der austreiben soll.

18

An=Fang. Nur ein Geräusch. Ohne Inhalt und ohne Bedeutung. Aus ihm könnte ein Wort hervortreten.

19

Ein Mal, ein einziges Mal noch dieses Spiel. Mit seinen schönen Illusionen. Und noch immer neuen Splittern der Erkenntnis.

20

Den Anfang im Leeren gibt es nicht! – Klugheit des Realisten. Der blind ist (oder taub) für alles, was im Abstand zwischen den Dingen wartet oder fehlt. Vielmehr: Weder wartet, noch fehlt. Sondern nicht ist. – Aber sein könnte.

21

Etwas schaut dich an.

Ich spüre keinen Blick.

Dann denke ihn!

22

Wechsel. Von der Sprache des Sehens, allgemeiner: der Wahrnehmung, hinüber in die Sprache der anderen Seite. Also den Standpunkt des Betrachters aufgeben, den Standpunkt des Gegen=Standes (zum Beispiel eines Dinges) übernehmen. – Ein Programm, tauglich nur für Lyrik?

23

Ist die Sonne ein Lebewesen? Immerhin: Mit heftig pochendem Puls.

24

Wo? Woher? Wohin?

25

Etwas, das ich aufschreibe. Ausspreche. Also bin ich (auch) dieses Etwas. Eine Übernahme hat stattgefunden. Es selbst ist nur geschrieben, gesprochen… „Nur??“

26

Geburt der Dinge? Ich lege ein Wort über Etwas. Das Wort kommt aus dem Wörterbuch oder Lexikon zu mir.

27

Aber das Wort allein ist nicht mehr als ein Aufruf oder Anruf. Auch Lockruf. Erst wenn das Wort zum Satz ausgereift oder ausgedrückt ist, fängt dieser beschwörende Tanz um Etwas an.

28

Ungesagtes, gar Unsagbares kann einen Menschen immer nur treffen. Betreffen. Sogenanntes blindes Schicksal.

29

Aller Anfang.

Ich habe die Wahl: Aufgehen oder Vergehen.

Im Anfang: Wörter

Der Beginner

Er

kam an einem Tag im Spätsommer, und der Tag war nicht mehr als ein Funke, wie alle Tage Funken sind. Der Tag fragte nicht, wer er war, der da kam – der Tag fragt nie, wer kommt, und er trauert keinem nach, der geht. Denn der Tag ist nur ein Funke, und es kommen viele – und jene, die gehen, sind unwichtig geworden, weil sie gehen.

Eine Straße

die zur Stadt führt. Er steht am Rand der Straße. Die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er ist groß und schlank. Seinem Gesicht sieht man nicht an, wie alt er sein könnte. Neben ihm, auf der Fahrbahn, liegt sein Schatten. Ein Auto fährt über den Schatten. Er hebt den Kopf. Sein Blick folgt dem Auto. Dort vorne, wo die ersten Häuser stehen, verschwindet es in einer Kurve. Viele Autos fahren über seinen Schatten. Sie alle fahren auf die Stadt zu. Sie verschwinden hinter die ersten Häuser. Die Autos fahren schnell, sehr schnell. Warum, denkt er, haben es die Leute in den Autos so eilig, in die Stadt zu kommen? Dann wendet er den Kopf, sein Oberkörper folgt der Bewegung nach. Er blickt rückwärts. Sein Auge tastet die Straße entlang. Eine lange Strekke, unvorstellbar, dass er sie bis hierher gelaufen war. Die Straße ist kerzengerade, in der Ferne wird sie zum dünnen Faden. Am Ende des Fadens tauchen dunkle Punkte auf. Sie rasen heran, werden größer. Werden zu Autos. Die auf ihn zukommen. An ihm vorbei rasen sie zur Stadt.

Stadtwärts

die ersten, langsamen Schritte. Die Autos überholen ihn. Seine Schritte werden größer. Autos überholen ihn und er geht schneller. Er schaut nicht zurück, starrt auf die Häuser. Die Häuser kommen näher, werden höher. Und schmutziger. Er fängt an, zu hasten. Sein Schatten flackert neben ihm her. Er rennt, erreicht die Häuser, hinter ihnen verschwindet er.

Menschen

dort, wo er steht, kann er keinen von ihnen in Ruhe betrachten. Alle haben es eilig. Also leben sie, denkt er, aber das allein ist es nicht. Sie sehen alle aus, als wüssten sie, wofür sie leben. Denn sie sehen aus, als wüssten sie, warum sie tun, was sie tun. Weil sie so erscheinen, deshalb glaubt er, sie wüssten tatsächlich. Ihr Leben, denkt er, hat Inhalt. Einen Sinn. Nur er, der neu Angekommene, fühlt sich leer. Ohne Sinn. Also macht er sich auf die Suche. Es ist noch immer sein erster Tag in der Stadt. Und er ist voll Hoffnung, dass er bald den passenden Sinn finden werde.

[Aus dem Fragment einer Erzählung. Geschrieben 1957.]

Anfang, total

Im Anfang: Wörter. Sie erzählen von einem Anfang. Vom Versuch, Anfang zu nehmen. Ein Anfänger läuft los, stürzt sich ins Suchen. Er weiß nur das unbedingt Notwendige: Dass er ist; dass er ein Leerling ist. Er will sich finden; oder erfinden; wie könnte ein Mensch die beiden Wege zum Ich so früh schon unterscheiden. Alles ist Aufbruch. Einer läuft los und wird. Er erfährt das Werden, das ihm widerfährt. Später wird er eine Doppelspur erkennen, durchschauen: In jedem Anfang liegt auch die Chance zum Scheitern.

Anfänglich ist nicht nur die Geschichte vom Beginner, die hier erzählt wird. Anfänglich ist auch der erzählende Text. Der Erzähler macht sich an die Arbeit: Erzähler zu werden.

Ein Erzähler und sein Schatten, der Text. Schatten des Textes: Ein Wortmensch, der das Werden versucht. Alles zusammen ergibt Stoff genug (schnell ein Übermaß an Stoff) für den odysseushaften Aufbruch. Ich bin, wo ich schreibe. Und zugleich dort, wohin ich mich schreibe.

Entwurf zu einer Fortsetzung

Sieben Tage und Nächte lang, in sieben Kapiteln der Geschichte, sucht der Beginner („Held der Erzählung“) nach „Sinn“.

Die Stationen seiner Suche:

1. Er findet Geld, lernt den Warenkauf.

2. Enttäuschung über die käufliche Ware.

3. Er wird bestohlen. Sinn der Erleichterung?

4. Er meidet belebte Straßen, kommt in die Vorstadt und an eine Kiesgrube. Stein=Reich?

5. Er will sich bei der Polizei erkundigen: „Ich suche…“ Man schickt ihn zum Fundbüro.

6. Auf der Straße trifft er einen Mann, der ihm wie ein Zwillingsbruder gleicht. Er lockt den Mann zur Kiesgrube, tötet ihn: um den Sinn des anderen an sich zu reißen. Er übernimmt dessen Wohnung.

7. Der Doppelgänger war ein Gauner. Ein Polizist will ihn verhaften. Dem Helden gelingt die Flucht. Auf dem Friedhof schaut er einem Totengräber bei der Arbeit zu. Liegt hier der Ausgang aus der feindlichen Stadt? Oder der Weg ins Da capo anderswo!

Treibsand

Sommer 1958. Der schlingernde, probierend, verwerfend Schreibende – wild um sich schreibend in allen Formen: Lyrik, Schauspiel, Erzählung – findet, wie zur Erlösung, ein Taschenbuch: Ezra Pound, Dichtung und Prosa, Ullstein Bücher 1956.

Ein Ausgriff weit zurück. Bis in die letzten Jahre der Alten Welt – sie tanzt dem Großen Krieg entgegen, wird ihn im August 1914 herbeizündeln. Berstendes jedoch ist schon seit längerer Zeit in den Künsten zu erleben… Die literarische Avantgarde haust in der Lyrik. Ihr Spurensucher, Wegeerfinder ist Ezra Pound. Ein junger Literaturdozent aus Crawfordesville, Indiana, der eine konventionell erstarrte Wissenschaftlichkeit mühsam vier Monate lang ertrug und dann auf dem nächsten erreichbaren Viehtransporter nach Europa floh. Über Venedig, wo sein erster Gedichtband erscheint, nach London. Seit Jahrzehnten ist diese Stadt ein Treibhaus für moderne Poesie.

Befreiung des Gedichts

Nämlich von überkommener Phraseologie. Überhaupt von jedem Wörterballast. Hierzu experimentieren Pound und seine Freunde mit längerem Text, der sodann bis an die Grenze der Verstehbarkeit gekürzt wird. Als Modell berühmt geworden ist die Verdichtung eines 28=Zeilers durch Streichung von 26 Zeilen.

Überschrift des Gedichts: In einer Station der Metro.

Zeile 1: „Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge;

28 –> 2: Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.“ Übersetzung von Eva Hesse.

Lehrzeit

Der Fortschritt des 18jährigen Adepten? Blindheit für das eigene Tun, Unwissen über die nachgeahmten Vorbilder, ausgenutzten Quellen – der lächerliche Gestus des Naturgenies wurde abgelöst von der Arbeit am Kunstwerk. Nicht von einem Tag auf den anderen; ein langer Prozess nimmt hier seinen Anfang.

Werkstück des vortizistischen Anfängers:

Ein eigenes Gedicht, 22 Zeilen lang, davon 17 Zeilen als Liste mit Lebensdaten aus Physik („Halbwertzeiten“), Biologie, Mythologie: dieser grobe Klotz wird veredelt.

Gaia, die göttliche Erde, vier Milliarden Jahre alt.

Des Nachts, meine Hand, tastet ins Leere.

Nicht wenige Übungsstücke folgten. Doch irgendwann auch die Frage: Warum den Umweg über so viel Ausschuss? Der vortex=Effekt könnte ohne Vorarbeit ins Grobe zu erschreiben sein. Dass auch der direkte Versuch nicht auf Anhieb einen reifen Zweizeiler einbrachte, ist natürlich. Zehn oder mehr Fassungen entstanden zu manchem Gedicht.

Was bleibt davon übrig, nach Jahrzehnten? Der Autor, eifriger Sammler seiner selbst, zieht aus den Stapeln der späten Fünfziger Jahre einige Bogen: als vorzeigbare Museumsstücke. Typisch für jene Zeit, und Spuren einer damals begonnenen Lebensarbeit, die noch immer nicht am Ziel sein will.

Auf Weltfang. Gezeiten und Wege

Krasse Bilder. Scharfe Schnitte. Vorliebe für Historisches.

Ich war

* ein Saurier

Wasserlilien fraßen mein Aas

* ein sechsarmiger Buddha

den man mit Weihrauch fütterte

* Kloakenreiniger des letzten römischen Tyrannen

im Circus gefeiert, teerbestrichen, als qualmende Fackel.

Ich werde

* Franziskus heißen

der Flöhe küsst

* meiner Demut

einen Obelisken weihen

* die Hand sein Dessen

der an Jenem Tage die Milchstraße

in der Hand zerdrückt.

Ich hörte erzählen, dass alle Götter, als sie jung waren, auf Erden weilten und Wanderer waren.

Ich

komme aus der Schule der Sehnsucht.

So bin ich Titan.

Du lächelst, glaubst mir nicht.

Und du habest gehört, die Sehnsucht sei tödlich.

So will ich sterben an ihr,

damit ich wirklich gelebt habe

und

wie an ihr starben

die Götter.

Nächtlicher Wunsch

Ein Zimmer unter dem schrägen Dach, mit kleinem Balkon südwärts, kaum größer als ein Liegestuhl. Dort läge ich, auf Vollmond wartend, der bald über dem Stadtpark erscheinen wird. Es ist August. Aus der Straßenschlucht weht der verbrannte Tag herauf. Die Häuser werfen ihre Hitze ab wie eine braune, verfilzte Decke. In der Höhe, fern der Dächer, ein gleichgültiges Blau. Noch heiß ist auch der nackt ausgestreckte Körper, der seine Erlöserin ersehnt: Luna, die Mondin. Sie wird ihre Lichthand, weiß und kühlend, auf die Brandmale legen.

Zweifel

Die wahren Wörter wären jene, die mir fehlen?

Still=Leben

KRUG / KANNE / SCHALE / LAMPE

Nebeneinander.

Die Farben ungewiss.

Aber der Zwischenraum.

Ich suche den Sinn des

Abstandes zwischen den Dingen.

/ Klangloses Nichts

verurteilt, nie zu werden

das Verlangen aussichtslos /

Oder

/ Gleichklang

aus dem Zusammenwirken

der Unterschiede /

RAUM: das WAHRE

Wegen der Schönheit

die scheinbar von Dingen ausgeht

aber beschlossen ist

im Dazwischen.

Ein Starkstromfeld

voll tödlicher Gefahr

für den darin Geborenen.

1960

Die Pilze verlassen die Stadt.

Die Ratten verlassen die Stadt.

Die Gräber verlassen die Stadt.

Die Stadt verlässt die Stadt.

Ich bleibe.

30. Juli. Samstag

ansturm

deine stirne

im wind

sprengt flatternd

den bleiernen horizont

jetzt

jetzt

20. November.

Totensonntag

Salon Dorn

Erzählung, handelnd von einem gescheiterten Anfang. Zeit der Handlung: Vorfrühling / Sommer 1958. Später nacherzählt.

„Ich habe meiner Mutter erzählt, was du für ein Theatermensch bist. Sie hat dich eingeladen. Mittwoch Nachmittag zum Tee.“

Klaus Dorn, der Sportmensch in Klasse 7a, überbringt die Nachricht und erwartet als Gegenleistung Nachhilfe in deutscher Grammatik.

„Das ist unser Göthe“. So stellt Klaus ihn der Mutter vor und verschwindet in Richtung Sportplatz. „Sie oder du?“, fragt Frau Dorn. „Du“, antwortet er. Zum Zeichen, dass er richtig verstanden habe, fügt er artig hinzu: „Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit.“

Von Februar bis zum Ende des Schuljahres wird er in jedem Monat einen Nachmittag lang Frau Dorn gegenübersitzen. Tee, Kuchen, Gespräche und die Nähe der Frau, zwischen ihr und ihm ein Grenzgebiet, Niemandsland vom Durchmesser eines runden Tisches für Zwei, dies alles erfüllt zwei Stunden mit wärmender Wirklichkeit. Frau Dorn kommt dem Bild nahe, das er schon im Komödientext von einer Dame in Salonverhältnissen entworfen hatte. Sie ist Mitte vierzig, und was ihn einfängt, ist die weiche (er denkt: venushafte) Weiblichkeit mit maßvoll mütterlichem Anteil. Göthes Rolle steht von Beginn an fest: Er soll erzählen, von Aufführungen im Städtischen Theater und im Opernhaus; von Filmen, die er gesehen hat und von Büchern, die er liest.

Müget ir schouen, waz dem meien wunders ist beschert?

Was liest du jetzt? – Mickey Spillane. Die Mike Hammer Romane. – Und woher hast du solche Bücher? – Aus der Leihbücherei. Tante Mali holt sie für mich. Fräulein Schneider, die Schwester meiner Großmutter. – Eine harte Lektüre. Gemein bis zum Sadismus. – Ja. Über die Gemeinheit der Gangster siegt die noch gröbere Gemeinheit des Privatdetektivs. – Kann das ein Weltbild sein? – Nicht mehr als die halbe Welt, hoffe ich. Der Teufel, an die Wand gemalt.

Juni. Tante Mali hat mir ein anderes Buch mitgebracht. Thomas Mann: Felix Krull. Der feine Bürgersohn und sanfte Gauner, Frau Dorn und Göthe malen füreinander die Romanfigur aus. – Könntest du Felix sein? – Die Frage trifft ihn überraschend und er antwortet beinahe hektisch: Ich weiß nicht. – Ein verkehrter Satz, über den die Dame sanft lächelt und über den der Blamierte, so fühlt er sich, auf dem Heimweg grausam mit sich hadern wird.

Juli. Ich hatte gezögert. Warum noch einmal hingehen! Aber feige zu fliehen? So steht er an seinem Platz; statt sich zu setzen, deutet er auf die Wand gegenüber: Dieses Bild hinter Ihnen, eine Sommerlandschaft, nicht wahr? Es ist ziemlich kitschig. – Ich gebe zu, sagt Frau Dorn, es hat ein paar Schwachstellen. Und es ist ein Stück seiner Zeit. 1935. Ich war Studentin an der Akademie, im dritten Semester, als ich es malte. – Davon haben Sie mir nie erzählt. – Es war interessanter, Ihnen zuzuhören. Aber ich sehe, wir sind am Ende. Oder am Ziel? Schade. Hoffentlich werden Sie nicht vor allem an das kitschige Bild denken, wenn Sie sich an mich erinnern.

Ein Mann schaut auf die Uhr Erzähl=Collage

Für einen Augenblick bleibt er stehen. Der Blick auf die Armbanduhr. Die Armbewegung für nichts. Es kommt nicht darauf an, den Zeitpunkt zu wissen. Aber doch eine kleine Aufführung vor Publikum: Hier läuft einer, der wissen muss, wann. Und mehr noch ein Spiel für ihn selbst. Wer auf die Uhr schaut, hat ein Ziel. Welches? Vielleicht: Zehn Uhr abends, also 22 Uhr? Ankommen. Ein Zeitwort. Keines für eine Adresse.

Jetzt. Der Geruch nach Verwesendem, süß, schwer, wie die Orchideen am Fluss. Aber Er lebt noch. In den Hütten ist die Verwesung zu Hause, unter einem Dach mit der Unsterblichkeit. Zwischen wurmstichigen Decken erkämpft eine wurmstichige Mumie in mühevollem Takt das Leben. Eine vertrocknete Hand legt sich auf die Stirn des Sterbenden. Die Hand ist gütig, der Sterbende spürt das, wird unruhig. Die Hand weicht zurück. Verwesung überall. Das Gesicht über der Hand sieht aus, als werde es loskeifen, in einer schrillen, fremden Sprache. Aber es richtet den starren Blick auf die Erde. Ein erschreckend uraltes Gesicht hat die Erde. Abfälle verstreut, dazwischen Würmer und die Pest. Beim Blick hinunter in diesen Spiegel grinst das Gesicht über der Hand.

ich verstehe nichts davon. ist dieser sessel billig oder teuer? die neonröhre zuckt, man kann es auf der haut spüren. die röhre muss ersetzt werden. wozu ein lila sessel passt? ich weiß es nicht. im schaufenster daneben fotoapparate. das gefiele mir: fotografieren. ausgefallene motive. eine sammlung anlegen. wie beneidenswert sind briefmarkensammler. sie sammeln. briefmarken. ich möchte briefmarken sammeln können.

Ein Zimmer wie durchsichtig. Geruch von Arzneien klebt an der Decke, in den Vorhängen, gallig und süß. Der Kaplan faltet die Stola. Sein Gesicht ist starr, spiegelt nichts. Man muss die Angehörigen trösten. Es wird nicht viel Mühe machen, sie sind gut katholisch. Die Kerzen flackern, über das tote Gesicht huschen Schatten, tanzen auf der wachszarten Haut und sind musikalisch und atmen und lachen. Wie leicht es ist, tot zu sein. Gesalbt, zwischen den geweihten Kerzen. Draußen ist Frühling.

Gesichter. Er geht und bleibt stehen und geht weiter. Was ist ein Gesicht. Etwas Menschliches. Der Wind hat keine Augen. Aber die Köpfe, die im Wind treiben und nicken und baumeln, käsige Bälle mit rotem Loch? Vielleicht quietschen und hupen sie. Sie, nicht die Straßenbahn oder die Autos. Sie könnten etwas Verschönerndes tragen. Einen Heiligenschein; Nylonnetz aus Stille und Trauer, fein verästelt über die Stirn gelegt.

ich bin müde. der espresso ist bitter. die musikbox hämmert. gerade so ist das nichts. eine leere, die bitter schmeckt, von synkopen durchsetzt. in der straßenbahn waren menschen und die stanken. hier ist es kühl. keiner ist mehr da. das nichts ist gut.

Der Uniformierte drückt seine Zigarette an der Mauer, neben der Türe aus. Natürlich, drinnen im Leichenhaus ist das Rauchen verboten. Draußen beim Rundgang ist eine Zigarette gut. Trübes Licht zuckt auf. Die Särge in einer Reihe. Man muss sie nicht nachzählen. Aber Vorschrift ist, sie nachts zu bewachen. Friedhöfe sind ein beliebtes Ziel für ulkige Einfälle von Betrunkenen. Wenn einmal ein Sarg gestohlen würde – man muss die Gesellschaft vor den Toten schützen. Ja, er würde jeden Toten niederschießen, der es wagen sollte, wieder aufzustehen. Heute steht ein kleiner Sarg dabei. Warum Kinder sterben müssen? Arme Eltern. Oder einer der Alten hat das unschuldige Würmchen umgebracht. Davon liest man oft in der Zeitung. Der Uniformierte geht in den kleinen Nebenraum, wo er Kaffee kochen kann.

Vor dem Fahrstuhl, wartend. Ein Blick auf die Uhr. Sie zeigt an: Zehn, also 22 Uhr, es bedeutet ihm nichts. Er fährt hinauf zum sechsten Stock. An einer Wohnungstüre bleibt er stehen. Horcht durch Türe und Wand. Ins Leere. Er spürt die leere Wohnung, sie zuckt ihm in den Nerven. Der Schlüssel in seiner Hand zögert.

Neanders Erfindung

Neander: Warum arbeitet ihr? Ihr wollt leben. Wer nicht auf die Jagd geht, muss verhungern. Wer keine Felle schabt, muss nackt umherlaufen. Wer sich keine Höhle bequem einrichtet, muss unter freiem Himmel schlafen und friert nachts. Hört ihr? Überall – ein Muss. Die Arbeit ist ein Zwang für euch. Stellt euch aber vor, ihr beschäftigt euch in eurer – äh: Freizeit! Ihr grabt ein Loch neben dem Höhleneingang. Warum tut ihr das jetzt? Das Graben! Es macht euch glücklich. Ihr freut euch, ein eigenes Loch zu haben.

Nuku: Was fange ich mit einem Loch neben der Höhle an? Hineinfallen?

Neander: Das war nur ein Beispiel. Ich will euch den Unterschied zeigen. Dieser Unterschied macht eure Arbeit zum Vergnügen.

[Aus: Das Geisterspiel. Komödie. 1957.]

Musischer Moment

1960. Manchen Abend, nach dem Theater oder Kino, im Espresso. Er hockt an der Bar, karger Sommerbetrieb, kaum jemand stört ihn beim Versuch, bloß da zu sein. Zur Sicherheit hat er irgendein Reclamheft in der Tasche; wenn es sein muss, wird er sich zurückziehen in die Darstellung des versunkenen Lesers. – Geblieben ist ihm auch der Heimweg durch die Nacht und der Gedanke, dass ihm etwas Wunderbares begegnen könnte.

Und keine Begleiter?

Den Schatten. Wachsend und schwindend unter Laternen.

Der Berg

Die Nacht über Pompeji ist keine wirkliche Nacht. Wenn die Sonne hinter dem Meer verschwunden ist – ihre giftige Glut bleibt zurück. Kennen Sie diese Art Dunkelheit, die durch eine Stadt wuchert, schwer atmend, wie ein Geschwür? Die Nacht in Pompeji hat Fieber, sie hat die Pest. Nein, sie ist die Pest. Die Krebsscheren des Feuermonats August greifen nach der Stadt, den Häusern, den Menschen.

ER ist mitten unter uns. Allgegenwärtig. Der Berg.

Sie sehen den roten Schein, der über dem Krater schwebt? Unbeweglich, im schwarzen Nachthimmel. Es sieht beinahe harmlos aus, nicht wahr? Denn das Feuer sitzt tiefer, unter den Häusern, unter unseren Füßen. Es zieht seine Adern durch die Erde, der wir jeden unserer Schritte anvertrauen. Das Feuer ist zu spüren, bei jedem Schritt. Eines Tages wird es hervorbrechen, wie aus Springbrunnen.

Ist Ihnen aufgefallen, wie leer die Straßen Pompejis sind, so früh nach Sonnenuntergang? Wo sind die Menschen geblieben? Sie sitzen in ihren Häusern. Und sie warten. Wie in Käfigen hocken sie da und warten: Denn heute Nacht könnte es geschehen. Endlich. Heute Nacht.

Ich bin Gaius. Ich laufe gern durch die leeren Straßen. Ich liebe diese Nacht, sie ist in mir. Sie füllt mich aus.

Ich liebe den Berg. Seine köstlichen Gaben: die Glut, die wuchernde Pestnacht.

Seit Octavia mich verlassen hat, liebe ich den Berg.

[Anfang eines szenischen Monologs. 1960.]

Ins kalte Wasser geworfen

Ins stürmische, klare und zugleich undurchschaubare, spiegelnde und schwarze Wasser der Philosophie.

1958. Philosophiekurs. Drei Schüler und der alte Schuldirektor; sein letztes Jahr im Amt. Er weiß, was wir lesen müssen (was uns gut täte, sagt er): Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit. Jeden Mittwoch Nachmittag. Wir sitzen zu dritt dem alten Mann gegenüber, er hat für uns Stellen im Buch ausgesucht. Wir lesen uns gegenseitig Absätze vor. Der Lehrer erklärt. Allmählich lernen die Schüler, Fragen zu stellen oder sogar den Text zu parieren.

Die drei Dimensionen des Menschen sind:

was einer ist

was er hat

was er vorstellt.

Was ich bin? Die Frage kommt zu früh.

Was ich habe (besitze)? Spontan geantwortet: nichts. Dann jedoch: Ich habe Wörter. Sie sind Werkzeuge für „ich bin“.

Was ich vorstelle, das heißt: darstelle. Also aufführe; vorspiele? Doch Schopenhauer meint nicht, was ich im stillen Kämmerlein oder vor dem Spiegel vollbringe. Sondern was andere Menschen, Zuschauer, davon halten. Ich weiß nicht, ob ich Publikum habe. Gewiss hätte ich es gern.

Eine 1958 beginnende Zettelsammlung bekommt irgendwann den Titel Mein philosophisches System und im Frühjahr 1960 eine erste Endfassung.

Was ich bin, habe, mir vorstelle

Das Fortschreiten vom Wort zur Tat. Für einen Autor, der Theaterstücke schreibt, etwas Selbstverständliches. Das Textbuch schreibt vor, die Schauspieler spielen nach. Wörter werden zu Fleisch. Ist dieser biblische (göttliche) Mechanismus nicht auch verwendbar für das tägliche Leben? Ein Mensch wünscht, er zögert und ist verzagt. Doch er schreibt eine Geschichte; darin handelt eine Person („Er“) so, wie der Erzähler handeln wollte. Nun ist alles gesagt; ihm selbst auf Kopf und Körper zu gesagt. Kerl, folge dir, spiele nach!

Aber ist das der Sinn des Schreibens?

Ich will schreiben. Ich will den Text. Seine Sätze. Die Bilder, die in ihm zustande kommen. Er ist meine Wirklichkeit.

Die prägenden Begriffspaare

Das Daß – Das Wie.

Das Sein – Das Seiende.

Das Etwas – Das Nichts.

Das Absolute – Das Relative.

Die Autonomie – Das Gesetz.

Die Form – Die Materie.

Die Gestalt – Das Unförmige.

Das System

Das

Daß

. Es ist Ursprung von Allem. Die Ursache, aber noch ohne Sache. Allein das Ur. Es ist der Wille oder Trieb zu etwas überhaupt. Das Wozu ist ein nächster Schritt. Erst wenn Daß losläuft, hat es auch eine Richtung und vielleicht schon ein Ziel. Selbst ist Daß frei. Ihm ist alles möglich. – Wenn ich an Samstagnachmittagen loslaufe, für drei Stunden, rund um die Altstadt oder über die Felder, will ich reines Daß sein. Auf manchen Ausgängen behalte ich diesen Zustand. Ich bleibe im Daß, bis ich wieder zuhause ankomme.

Das

Wie

. Es ereignet sich oder wird vollbracht. Sein Dasein verdankt es dem Daß. Aus dem Daß können zahllose unterschiedliche Wie hervorgehen. Das Wie selbst ist Erscheinung, Vorbild oder Abbild. Oder es ist Tat. Oder Gedanke. Tagtraum. Einbildung. Oder leeres Wie: Wie sieht Gott aus?

Das

Sein

. Es bedeutet, dass etwas überhaupt

ist

. Auch das Daß ist; es hat Sein, wenngleich es nichts anderes hat. Es ist es selbst und es ist wirksam (wie bei 1. beschrieben). Erst recht und offenkundiger finden wir Sein in jedem Wie. Nur wo wir nichts vorfinden, nicht einmal ein Daß am Werke sehen, bleibt Sein eine Leerstelle. Ein leeres Wort.

Das

Nichts

. Das Fehlen von Sein. Allerdings können wir beschreiben, was uns fehlt. Darin steckt ein Ruf nach Sein. Ein Verzweifeln am Nichts.

Das

Etwas

. Es ist die allgemeinste, noch leere Form des Seienden. So wie das Daß die noch leere Vorgeschichte des Wie ist.

Das

Seiende

. Das Wie als Gegenstand, mit Gestalt und Substanz. Die Substanz ist geistiger oder materieller Art. Geistig ist die mit Inhalt ausgestattete Idee. Materiell sind die erfahrbaren Dinge und Lebewesen.

Das Absolute und das Relative. Absolutes findet statt in der Form des Kreises. Es hat den Rang des Seienden, doch ohne bestimmbaren Anfangs=/Endpunkt. (Beispiel: Mathematik?) – Das Relative findet statt in Form von Linien. Jeder relative Punkt steht in Beziehung(en) zu anderen Punkten. Unser Leben: ein relatives Etwas.