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Er muss die Finger von ihr lassen - Und kann ihr doch nicht widerstehen
Als Vaughn Harding sein Leben in der Stadt aufgibt, um den Rennstall seines Großvaters zu übernehmen, ist das Letzte, was er im Sinn hat, sich zu verlieben. Allerdings stellt ihn Billie Black, die neue Pferdetrainerin, auf eine harte Probe. Billie ist leidenschaftlich, klug, talentiert - und verdammt verführerisch. Schon bei ihrer ersten Begegnung geraten sie aneinander, und doch kann Vaughn nicht aufhören, an sie zu denken. Aber Billie ist seine Angestellte und die Einzige, die ihm dabei helfen kann, den Ruf der Gold Rush Ranch und deren Finanzen zu retten. Und das erste Mal in seinem Leben will Vaughn eine Frau mehr, als das nächste Rennen zu gewinnen...
»Elsie Silvers Schreibstil ist eine wahre Offenbarung!« ALI HAZELWOOD
Auftakt der Debütreihe von TIKTOK-Star und SPIEGEL-Bestseller-Autorin Elsie Silver
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2025
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Widmung
Motto
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Bücher von Elsie Silver bei LYX
Impressum
ELSIE SILVER
Off to the Races
GOLD RUSH RANCH
Roman
Ins Deutsche übertragen von Maike Hallmann
Dass sein Großvater, der ihn großgezogen hat, überraschend gestorben ist, trifft Vaughn Harding schwer. Als er dann erfährt, dass dieser in einen Wettskandal verwickelt war, tut er alles, um den Ruf seines großen Vorbilds und den der Gold Rush Ranch zu retten. Er verlässt das Familienunternehmen in Vancouver und zieht nach Ruby Creek, um dem Rennstall zu alter Größe zurückzuverhelfen und Beweise zu finden, die die Unschuld seines Großvaters belegen. Das Letzte, was er im Sinn hat, ist, sich zu verlieben. Doch als er die Trainerin Billie Black anheuert, um seine Galopper für die nächsten Rennen in Form zu bringen, ist er von ihrem ersten Wortgefecht an fasziniert von der jungen Frau. Billie ist leidenschaftlich, klug, talentiert – und verdammt verführerisch. Und obwohl sie sich immer wieder in die Haare kriegen, kann Vaughn nicht aufhören, an sie zu denken. Aber Billie ist seine Angestellte und die Einzige, die ihm dabei helfen kann, den Ruf und die Finanzen der Gold Rush Ranch wiederherzustellen. Vaughn muss sich entscheiden: Gibt er der Liebe eine Chance oder opfert er sein Glück, um den Namen seiner Familie reinzuwaschen?
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr hier eine Contentwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
Wir wünschen uns für euch alledas bestmögliche Leseerlebnis.
Euer LYX-Verlag
Für meine Eltern, die viele Stunden damit verbracht haben, mich zum Stall zu fahren und wieder abzuholen.
»I don’t like people«, said Velvet.
»… I only like horses.«
Enid Bagnold, National Velvet
Billie, vor zehn Jahren
Ein Blitzlichtgewitter geht auf mich nieder, und ich lege schützend den Unterarm über meine Augen. Während ich mich durch die Menge dränge, höre ich das Klicken der Kameras. All die Menschen um mich herum sind beklemmend, sie bedrängen mich von allen Seiten.
Ich muss es einfach nur zum Auto schaffen.
»Wilhelmina! Wilhelmina!«
Ich werde schneller und remple versehentlich Sicherheitskräfte an, während ich blindlings auf das wartende Auto zueile. Es kommt mir vor wie ein Leuchtturm, eine Zuflucht, wo ich endlich meine Maske fallen lassen und weinen kann.
Ich sehe bereits die geöffnete Tür, die mich einlädt, hineinzuschlüpfen und all dem hier zu entkommen.
Ich bin so nah dran.
Ein Stoß gegen meine Schulter. Kühles, gitterartiges Metall wird gegen meine Lippen gedrückt. Ich senke den Arm und sehe eifrige Augen und viel zu weiße Zähne.
»Wilhelmina, verraten Sie uns, ob Sie die Videos von Ihrem Vater schon gesehen haben?«
Der gleichmäßige, schnelle Schlag meines Herzens dröhnt so laut in meinen Ohren, dass er alles andere übertönt. Ich fühle mich wie ein in die Enge getriebenes Tier und wünsche mir nichts sehnlicher, als in dem wartenden Auto zu verschwinden, das ich hinter dem perfekt frisierten blonden Haar der Reporterin sehe.
Mein Verstand übergibt die Zügel an meine Instinkte. Jetzt gibt es nur noch Kampf oder Flucht.
Ich blicke direkt in die Kamera und höre ringsum die Leute aufkeuchen, als ich sage: »Wie wäre es, wenn Sie sich selbst ins Knie ficken?«
Ich entscheide mich für Kampf.
VAUGHN
Mit einem niedergeschlagenen Stöhnen stütze ich den Kopf in die Hände. »Ach, du heilige Scheiße.«
Die E-Mail-Flut hört einfach nicht auf. Ein neugieriger Reporter nach dem anderen, eine Frage jagt die nächste.
Seit Tagen lausche ich dem unaufhörlichen Ping der eintrudelnden Nachrichten, während ich das Büro meines Großvaters auf den Kopf stelle, um irgendetwas zu finden. Seite für Seite durchforste ich die Finanzberichte der Ranch, wühle mich durch sämtliche Aktenschränke auf der Suche nach einem brauchbaren Hinweis. Ich gehe sogar so weit, die Innenwände seiner Schreibtischschubladen abzuklopfen, als wäre dies ein Film und nicht das echte Leben; als würde ich erwarten, dass sich ein verstecktes Fach öffnet und mir genau das offenbart, wonach ich suche.
Was übersehe ich?
Ich muss seine Unschuld beweisen. Ich darf nicht zulassen, dass dies sein Vermächtnis wird.
Als Marketingexperte des Familienunternehmens weiß ich, dass ich einen riesigen Haufen Scheiße aufzuräumen habe – und genau das sollte ich jetzt tun. Ich sollte ein gewinnendes Lächeln aufsetzen und alles wieder in Ordnung bringen: einen Plan schmieden und in die Zukunft blicken, die Medien beruhigen, die Branchenkollegen um Entschuldigung bitten und unseren Aktionären in den Arsch kriechen.
Ich darf nicht zulassen, dass der Skandal hier auf der Ranch das Vertrauen in Gold Rush Resources erschüttert. Sicher, beides sind unsere Unternehmen – aber das eine spült das Geld herein, während das andere im Grunde genommen nur noch kostendeckend arbeitet. Und tief in meinem Inneren weiß ich: Der einzige Weg, das Vertrauen in das Bergbauunternehmen wiederherzustellen, besteht darin, meinen Großvater, einen der wichtigsten und einflussreichsten Menschen in meinem Leben, vor den sprichwörtlichen Bus zu stoßen.
Mit einem tiefen Seufzer öffne ich meinen Posteingang.
Bitte um Stellungnahme bezüglich Rennmanipulation
Ich reibe mir durchs Gesicht und spüre raue Stoppeln unter meinen Fingerspitzen. Ich will keine Erklärung dazu abgeben, aber es sind schon zwei Wochen vergangen. Ich muss aufhören, mich auf der Ranch zu verstecken und den Kopf gegen die Wand zu schlagen.
Vor zwei Wochen ist unser Großvater Dermot Harding an einem Herzinfarkt gestorben – der Mann, der mich praktisch großgezogen hat, nachdem alle anderen mich aufgegeben hatten. Er ist genau hier in diesem Büro zusammengebrochen, und einen Tag später prangten sein Foto und der Name unserer Familie auf sämtlichen Titelseiten im ganzen Land, begleitet von der Story um einen der größten Skandale in der Geschichte des Rennsports, dessen Drahtzieher er gewesen sein soll.
Eine gottverdammte Katastrophe.
Rational gesehen weiß ich, dass er bereits in seinen Achtzigern war und es nicht ungewöhnlich ist, wenn jemand in diesem Alter irgendwann stirbt. Aber trotzdem hat mich sein plötzlicher Verlust tief getroffen. Vielleicht habe ich seinen Tod noch nicht ganz begriffen, denn ich kann an nichts anderes mehr denken als daran, seinen Namen reinzuwaschen. Er ist verleumdet worden – sein hart erarbeitetes Vermächtnis wurde in den Schmutz gezogen –, und er kann sich nicht einmal verteidigen. Für mich ist vollkommen undenkbar, dass dieser Mann, bei dem ich aufgewachsen bin, so etwas getan haben soll. Ich bekomme es einfach nicht in den Kopf.
Mein Handy wandert vibrierend über den Schreibtisch und lenkt meine Aufmerksamkeit von der E-Mail ab. Auf dem Display blinkt der Name Cole vor dem Hintergrund eines G.-I.-Joe-Spielzeugs – ein Bild, das mich normalerweise zum Lächeln bringt. Aber heute nicht. Ich bin gerade nicht in der Stimmung, mit meinem großen Bruder zu reden.
Ich kann den Blick nicht vom Handy abwenden, bringe es aber auch nicht über mich, den Anruf anzunehmen. Die Mailbox springt an, aber kaum wird der Bildschirm schwarz, leuchtet er erneut auf. Cole ist hartnäckig, und wenn es um meine Familie geht, bringe ich es nicht fertig, zwei direkt aufeinanderfolgende Anrufe zu ignorieren. Es könnte ja etwas passiert sein.
Also nehme ich den Anruf entgegen. »Was ist?«
»Bist du langsam mal fertig damit, Unsere kleine Farm zu spielen?«
Ich verdrehe die Augen. Cole ist so ein Arsch.
Offenbar haben alle ihre ganz eigene Vorstellung davon, wie ich mich nach dem Tod meines Großvaters und der Aufdeckung des Skandals verhalten sollte. Mein Bruder. Meine Mutter. Der Vorstand.
»Kann ich sonst noch irgendwas für dich tun, außer deinen Spott zu ertragen?«
»Du musst deinen Arsch wieder herbewegen. Es gibt gewisse Erwartungen, Vaughn«, brummt er. Ihm ist klar, dass dieses Gespräch nicht in seinem Sinne laufen wird.
Ich bin es gewohnt, das Gesicht des Unternehmens zu sein, aber das hier ist eine völlig andere Sache als sonst, und offenbar erfülle ich nicht die Erwartungen im Hinblick auf Trauer, die sich gut vermarkten lässt. Sie wollen tiefe Erschütterung mit einer Spur Scham – und zwar gut sichtbar für das Auge der Öffentlichkeit.
Aber diesmal bin ich nicht mit an Bord.
»Ich weiß, was von mir erwartet wird, Cole. Es ist mir nur einfach egal.«
Ich höre ihn aufstöhnen. Ich bin der eine lästige Punkt, den er nicht von seiner To-do-Liste streichen kann und wegen dem er vermutlich nachts wachliegt. Allerdings nicht, weil er sich um mich sorgt, sondern weil er will, dass alles sauber und aufgeräumt ist. So hat er es gern.
»Und wie lange wird diese kleine Auszeit dauern, die du dir da gerade nimmst?«
An meinem Kiefer zuckt ein Muskel, während ich überlege, wie ich diese Frage beantworten soll.
Er ist beunruhigt, ebenso wie alle anderen in unserem Dunstkreis, weil ich sie abgewimmelt habe und aus Vancouver in die ruhigen Berge und Täler von Ruby Creek geflohen bin. Ich trauere nicht auf pathetische Art und folge nicht der Firmenlinie, die verlangt, dass ich schockiert und enttäuscht bin und meine Gefühle angemessen zum Ausdruck bringe. Denn das bedeutet offenbar, Pressekonferenzen abzuhalten, sich mit einem passenden Date sehen zu lassen, als gehörte ich einem Elite-Escort-Service an, und schließlich einen emotionalen Leitartikel für die Zeitungen zu schreiben.
Zu schade für sie. Noch bin ich nicht traurig.
Ich bin wütend. Wütend darüber, dass der Mensch, den ich mehr liebe als fast jeden sonst auf dieser Welt, vollkommen allein in seinem Büro gestorben ist. Und zwar nachdem er einen so entsetzlichen Tiefschlag einstecken musste, dass sein Herz einfach aufgab.
Angesichts meiner Wut fühlen sich die Menschen in meinem Umfeld unwohl, und wenn ich in meinen achtundzwanzig Jahren auf dieser Erde eins gelernt habe, dann das: Die meisten Menschen würden fast alles tun, um ihr eigenes Wohlbefinden zu schützen. Sie klammern sich mit verschwitzten Händen daran fest, so verzweifelt, dass die Knöchel weiß hervortreten. Sie zerstören Beziehungen zu Familienmitgliedern, ertragen beschissene Ehen, fallen Freunden in den Rücken – was auch immer nötig ist. Die eigene Behaglichkeit steht über allem anderen.
Im Augenblick kümmert es mich nicht, wie die Presse mein Verhalten aufnimmt oder wie sich mein Schweigen auf die Firma auswirkt. Ich habe mich jahrelang mustergültig benommen, habe mich bereitwillig ausbilden und dann von ihnen vorführen lassen wie ein schickes Show-Pony.
»So lange, wie ich es brauche«, erwidere ich und lege auf. Ich bin es leid, mich für andere Leute zu verbiegen. Ich brauche etwas Zeit für mich.
Ich habe so lange die Gesellschaft von Leuten ertragen, die ich nicht ausstehen kann, habe selbst über die schlechtesten Witze gelacht und einigen der einflussreichsten Menschen Vancouvers die Füße geküsst … alles im Namen des Familienunternehmens. Seit Jahren bin ich ihr Aushängeschild und der begehrteste Junggeselle dieser Stadt. Noch nie habe ich mich beklagt. Also können sie sich jetzt mal zusammenreißen und damit klarkommen, dass ich ein paar Wochen lang das Fell sträube.
Die Welt wird nicht aufhören, sich zu drehen, wenn ich mir eine Pause vom Lächeln gönne oder wenn ich Gold Rush Resources eine Weile den Rücken kehre, um mich der Rettung der Ranch zu widmen.
Aber als ich das geäußert habe, ist Cole sofort in die Luft gegangen. Er meinte, ebenso gut könne ich meine Karriere und meine Zukunft die Toilette hinunterspülen, und mein Ausharren auf der Ranch sei weder gesund noch produktiv für das Hauptgeschäft. Wenn es nach Cole geht, sollte ich mich sofort nach der Beerdigung meines Großvaters wieder auf die Arbeit konzentrieren und mir ansonsten etwas Zeit für die Familie nehmen. Trauern.
Ich schnaube. Das sagt ausgerechnet er – der Mann, der bei der letzten Familientragödie einfach abgehauen ist. Und genau das habe ich ihm auch an den Kopf geworfen, ehe ich hinzufügte, dass ich mir tatsächlich eine Auszeit nehmen würde, um mich um die Ranch zu kümmern. Dann habe ich auf dem Absatz kehrtgemacht und bin aus unserem großzügigen Innenstadtbüro gestürmt.
Gut, dass ich diesen Betondschungel erst mal hinter mir gelassen habe.
Noch am selben Tag habe ich meine Koffer gepackt und bin ins Ranchhaus meines Großvaters eingezogen. Umgeben von glücklichen Kindheitserinnerungen finde ich hier ein wenig Trost.
Die Gold Rush Ranch ist seit Generationen im Besitz unserer Familie. Einst war sie, noch unter meiner Großmutter Ada, eine Rinder-Ranch, heute allerdings gilt sie als einer der besten Rennpferdeställe Westkanadas. Diese Ranch war der Lebenstraum meiner Großmutter – zumindest hat Dermot mir das immer erzählt. Bei ihrem Tod war ich noch recht klein, und meine Erinnerungen an sie sind verblasst. Aber ich weiß, dass mein Großvater ihretwegen hier draußen geblieben ist und sich auf die Ranch konzentriert hat statt auf die Büros der Bergbaugesellschaft in der Innenstadt. Und ich weiß, dass ihre Liebe einem Märchen gleichkam.
Mein Bruder und meine Mutter begreifen einfach nicht, wie sehr ich an der Ranch hänge. Allerdings kennen die beiden mich auch nicht besonders gut und haben sich noch nie allzu sehr für mich interessiert. Sie waren nie wirklich für mich da. Sicher, wir reden miteinander, aber sämtliche Gespräche, die sich nicht um die Leitung des Familienunternehmens drehen, sind kurz und oberflächlich. Ich toleriere die Einmischungen meiner Mutter nur, weil es die einzige Aufmerksamkeit ist, die ich je von ihr bekomme. Und ja, ich weiß, wie erbärmlich das klingt.Hallo, Verlusttrauma!
Wenn Cole nach dem Tod unseres Vaters zur Armee fliehen durfte, darf ich mich jetzt ja wohl auf die Ranch flüchten. Das ist nur fair.
Es ist mir egal, was er davon hält. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten fürchte ich mich nicht vor ihm. Seine selbstgefällige Arschlochattitüde jagt mir keine Angst ein. Er hat sich nie großartig um mich geschert, also muss er jetzt auch nicht mehr damit anfangen.
Mein Großvater hat Jahrzehnte damit zugebracht, sein Imperium aufzubauen, und zwar aus dem Nichts. Ich bin es ihm schuldig, mich jetzt darum zu kümmern.
Für diese beiden Firmen hat er alles gegeben. Allein sein Blut, sein Schweiß, seine Tränen und ein wenig Glück haben unser Familienerbe zusammengehalten. Selbst in tiefster Trauer hat Großvater Dermot der Ranch seine volle Aufmerksamkeit gewidmet, und unter seiner Leitung ist sie zu einem erfolgreichen, angesehenen Rennstall aufgeblüht, der jede Menge Siege vorzuweisen hat. Die ganze Gold Rush Ranch ist eine lebende, atmende Ode an seine verstorbene Frau und seinen Sohn.
Wenn ich an meine Familiengeschichte denke … nein. Ich schüttle den Kopf. In diesem Kaninchenbau von Erinnerungen will ich mich jetzt nicht verirren.
Nur Idioten suhlen sich im Selbstmitleid.
Ich zupfe meine Ärmel zurecht, lehne mich zurück und stoße einen Seufzer aus, wie so oft in letzter Zeit. Einen tiefen, schweren, hoffnungslosen Seufzer. Es geht mir selbst auf die Nerven.
Ich blicke aus dem Bürofenster und fühle mich … überwältigt. Voller Bewunderung betrachte ich die weißen Zäune, die in präzisen Quadraten angeordnet sind. Jedes dieser Quadrate beherbergt ein Pferd. Ich schätze es sehr, wie gut organisiert die ganze Anlage ist. Jeweils ein Pferd in einer ordentlichen Box mitsamt Umzäunung. So unkompliziert. So logisch. Diese Schlichtheit beruhigt mich, und ich wiederhole wie ein Mantra, was mein Großvater oft zu mir gesagt hat: »Du kannst nur das kontrollieren, was direkt vor deiner Nase ist, Vaughn.«
Oh Gott. Ich klinge, als würde ich aus einem dieser albernen Selbsthilfebücher zitieren, die mir meine Mutter empfohlen hat – kurz bevor sie schon wieder irgendein Date für mich arrangieren wollte. Als würde es mich ebenso glücklich machen wie sie, wenn ich heirate und ein Enkelkind nach dem nächsten für sie produziere.
Sie ist durch und durch das typische reiche Stadtmädchen, das sich in einen Jungen vom Lande verliebt hat, und ich glaube, Cole und ich wussten nie so recht, wohin wir eigentlich gehören. Sie liebt mich, aber sie versteht mich kein bisschen – sie versucht es nicht mal.
»Sie meint es gut, aber sie ist so verdammt auf dem Holzweg.«
»Was sagst du, mein Sohn?«, schnauft Hank atemlos in meinem Rücken, und ich fahre herum. Er steht vor der offenen Tür, eine Hand am Türrahmen, als hätte er mich rein zufällig im Vorbeigehen gehört.
Ich muss wirklich mit diesen Selbstgesprächen aufhören.
»Nichts«, antworte ich schroffer, als ich eigentlich wollte. Wenn ich ehrlich bin, passiert mir das in letzter Zeit leider viel zu häufig.
»Sicher, dass alles in Ordnung ist?«
Diesen alten Adleraugen entgeht nichts.
»Ja. Wir sehen uns um elf.« Ich versuche, meine Schroffheit wiedergutzumachen, indem ich ihm lächelnd zuwinke, aber vermutlich funktioniert es nicht, und ich sehe einfach nur gestört aus. Ich fühle mich einfach … taub.
Hank grinst, zwinkert mir zu und geht, offenbar völlig unbeeindruckt von meiner Grantigkeit. Die ständige gute Laune dieses Mannes ist mir ein Rätsel. Er ist auf geradezu widernatürliche Weise unerschütterlich.
Was immer er einschmeißt, ich brauche auch was von dem Zeug.
Bei meiner Ankunft auf der Ranch habe ich als Allererstes gründlich klar Schiff gemacht. Manch einer würde vielleicht sagen, ich hätte das sprichwörtliche Schiff eher versenkt, aber mit einer unzuverlässigen oder sogar bestechlichen Crew kann ich nicht dafür sorgen, dass der gute Ruf des Rennstalls wiederhergestellt wird.
Jetzt steht die Gold Rush Ranch unter neuer Leitung, und das bedeutet auch, dass hier ein neuer Moralcodex herrscht.
Ich hatte es mir zur Mission gemacht, Hank Brandt ausfindig zu machen und ihn einzustellen. Der Mann war damals, als Dermot vor vielen, vielen Jahren nach Ruby Creek gezogen ist, sein bester Freund, liebt dieses Tal und kennt sich außerdem bestens mit Rennpferden aus. Er hat einen sehr erfolgreichen Renn- und Zuchtstall an der Ostküste geleitet, ehe er vorzeitig in den Ruhestand ging.
Als ich ihn fragte, ob er vielleicht aus dem Ruhestand zurückkehren wolle, war er Feuer und Flamme für die Idee, noch mal dorthin zurückzukehren, wo alles begonnen hatte. Dass sich die Ranch auf einem absteigenden Ast befindet, was ihre Erfolge auf der Rennbahn angeht, und ihr Ruf nun schwer angeschlagen ist, schreckte ihn nicht ab.
»Ich freue mich auf die Herausforderung«, sagte er stattdessen und ließ sein inzwischen so vertrautes strahlendes Grinsen aufblitzen, als wüsste er etwas, das ich nicht wusste.
Hank und ich haben uns auf eine Partnerschaft mit klarer Aufgabenteilung geeinigt: Er nimmt bei allem rund um die Pferde die Zügel in die Hand, während ich mich ums Geschäftliche kümmere. Neue Mitarbeiter stellen wir gemeinsam ein. Mir ist es wichtig, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, mit dem wir beide gut klarkommen, aber ich bin nicht bereit, die Kontrolle über das Vermächtnis meines Großvaters abzugeben.
Zumindest nicht, bevor alles wieder rundläuft.
Deshalb haben wir heute Morgen gemeinsam ein Vorstellungsgespräch mit einem potenziellen neuen Trainer anberaumt: Billy Black, ein junger Typ, den Hank von der Ostküste kennt. Er hat bereits mit ihm zusammengearbeitet und schwärmt regelrecht von ihm. Seine Ausbildung hat er im Vereinigten Königreich absolviert, unter der Leitung eines dort sehr bekannten Trainers, der mir überhaupt kein Begriff ist. Laut Hank steckt Black »voller neuer Ideen und Strategien«.
Das klingt nicht gerade wie die Attribute für meine Traumbesetzung für den Posten während dieser schwierigen Situation – nämlich sicher und zuverlässig –, aber ich will den alten Mann bei Laune halten. Ein Vorstellungsgespräch kann nicht schaden, und vielleicht ist jemand, der hier in der Gegend in der Branche noch ganz unbekannt ist, genau der Neuanfang, den wir brauchen.
Den ich brauche.
Ich schaue aus dem Fenster meines Büros auf die perfekt gepflasterte kreisrunde Einfahrt. Direkt dahinter sprudelt ein Springbrunnen mit einer Bronzestatue von meinem Vater als Jockey auf einem galoppierenden Pferd.
Hier gibt es so viele Erinnerungen, die mich einholen und in Tagträume verwickeln. So viele Fallstricke für meinen Verstand, über die ich stolpern kann.
Das Geräusch von Gummireifen, die leise über den Asphalt rollen, reißt mich aus meinen Gedanken, und das ist auch gut so, denn ich habe jetzt keine Zeit für Sentimentalitäten. In zwanzig Minuten beginnt das Vorstellungsgespräch.
Ein schwarzer Geländewagen fährt auf den Parkplatz. Ich habe ein brennendes Gefühl in der Brust und fühle mich gereizt. Im Moment habe ich einfach keine Lust, mich mit Menschen auseinanderzusetzen.
Die Tür auf der Fahrerseite wird geöffnet, und ein polierter schwarzer Damenhalbschuh schiebt sich heraus. Es folgt ein langes, schlankes Bein in einer schmal geschnittenen burgunderroten Anzughose. Mein Blick wandert das Bein hinauf, und ich nehme die Frau in Augenschein, die aus dem Fahrzeug steigt. Die helle Frühlingssonne lässt den dicken kastanienbraunen Zopf auf ihrem Rücken so hell aufleuchten, dass ich beinahe geblendet bin.
Sie steigt aus und richtet den Kragen ihrer schwarzen Bluse, ehe sie mit einer Hand die Augen abschirmt, sich langsam um die eigene Achse dreht und sich umsieht. Mein Blick bleibt für einen Moment an der sanften Kurve ihrer Taille hängen.
Ein fast wehmütiges Lächeln umspielt ihre wohlgeformten Lippen, während sie völlig gelassen dasteht und mit sanften Rehaugen ihre Umgebung mustert.
Sie sieht aus wie eine Puppe und außerdem viel zu selbstgefällig – als wäre sie einzig und allein hier, weil sie ihre Chance bei Vaughn Harding ergreifen will. Ich habe diesen Blick schon tausendmal gesehen … von Emporkömmlingen in voller Fahrt, von Goldgräberinnen, die ihr Sieb bereithalten. Frauen sehen mich ständig so an, und es hat längst seinen Reiz verloren.
Sie ist wunderschön. Natürlich ist sie das, denn das sind sie immer. Aber diese Frau ist wirklich eine klassische Schönheit, auf eine reizvolle, gesunde Art – offenbar ein Strategiewechsel.
Ich schüttle den Kopf, und mir wird ganz heiß vor Wut. Diese Spielchen sind das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Warum hört mir denn niemand zu? Meine Zündschnur ist kurz, und ich bin kurz davor zu explodieren.
Diesmal werde ich nicht lächeln und nicken. Diesmal sage ich meine Meinung, laut und deutlich.
Diesmal ist meine Mutter zu weit gegangen.
BILLIE
Hier.
Hier ist mein Wohlfühlort.
Kein Drama. Ich muss niemandem etwas vormachen. Es gibt nur mich und die Pferde.
Kein Mensch, so weit das Auge reicht. Genau so, wie ich es mag.
Ich habe schon immer am liebsten dort Zuflucht gesucht, wo es Pferde gibt, und dieses Anwesen bildet keine Ausnahme. Es ist makellos. Idyllische weiße Zäune malen Quadrate auf das perfekte grüne Gras ringsum, und in jedem steht ein wunderschönes Pferd mit glänzendem Fell.
In der Luft liegt der herrliche Stallduft, den ich so sehr liebe. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Ganz egal, wie perfekt man seinen Stall führt, gegen diesen Geruch kann man nichts tun, auch nicht im Freien – selbst wenn man alles Geld der Welt investieren würde, um seine protzige Anlage sauber zu halten, es würde immer noch nach Pferdemist riechen.
Das bringt mich jedes Mal zum Lächeln. Pferde: 1. Menschen: 0.
Ich schwelge in diesen Gedanken, da schlägt hinter mir eine Tür zu. Ich zucke zusammen und drehe mich um, in der Hoffnung, dass es Hank ist, der mich gleich in die beste Umarmung der Welt zieht. Aber hinter dem Brunnen in der Mitte der Einfahrt taucht nicht Hanks vertraute Gestalt auf, sondern ein Mann, der in natura noch viel fantastischer aussieht als auf all den Fotos, die ich im Internet gefunden habe.
Groß? Check.
Dunkelhaarig? Check.
Gut aussehend? Check.
Sieht er aus, als wollte er mich umbringen? Ebenfalls check.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, als dieser große, geschmeidige Typ in seinem verdammt perfekt sitzenden dunklen Anzug auf mich zukommt. Schokoladenbraunes Haar, am Oberkopf länger und ein wenig zerzaust, als wäre er gerade mit den Fingern hindurchgefahren. Genervter Blick. Bartstoppeln unter rasiermesserscharfen Wangenknochen. Er bleibt direkt vor mir stehen und mustert mich über seine gerade Nase hinweg, die fast zu maskulin ist für die wohlgeformten vollen Lippen, die im Moment allerdings zu einem dünnen Strich zusammengepresst sind.
Gut, dass ich mich nicht so leicht ins Bockshorn jagen lasse, denn mit seinen über eins neunzig ist dieser Mann wirklich imposant.
Lodernde mahagonibraune Augen schauen auf mich herab. »Du schaffst jetzt deinen süßen Arsch zurück ins Auto und verschwindest von hier. Und zwar sofort.«
Wow, was für eine Begrüßung.
Ich lege den Kopf schief und suche in seinem Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass das irgendein Scherz sein soll. Als ich nichts dergleichen finde, lache ich unwillkürlich auf. Denn wer bitteschön redet so mit jemandem, den er gerade erst kennengelernt hat?
Okay, es war eigentlich eher ein lautes Schnauben als ein Lachen, aber normale Leute müssen über so ein Schnauben lachen. Oder? Ich muss sogar selbst ein bisschen kichern und denke, hey, vielleicht steckt ihn das ja an. Aber nein, keine Chance, nicht bei diesem Feuer speienden Drachen. Er verschränkt die Arme vor der breiten Brust und starrt mich an, als wäre ich Dreck unter seinen teuren Schuhen. Typisch.
»Hübsch und sehr langsam, wenn es darum geht, Anweisungen zu befolgen. Also genau wie all die anderen Mädchen, die sie mir ständig auf dem Silbertablett präsentiert. Dieser natürliche Look ist allerdings neu«, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger an mir hinauf und hinunter, als wäre ich eine Zuchtstute. »Das muss ich ihr lassen. Wenn du meiner Mutter Bericht erstattest über deinen gescheiterten Versuch, mich in eine atemberaubend langweilige arrangierte Beziehung zu verwickeln, richte ihr dafür bitte meine Anerkennung aus. Aber trotzdem würde ich lieber was mit einer aufblasbaren Puppe anfangen.«
Ich zucke zurück. Mit einer aufblasbaren Puppe? Uff. Hat er das wirklich gesagt? Der Mann hat mir gerade die Mutter aller Steilvorlagen geliefert. Mir würden so viele blöde Witze einfallen. Nur mit Mühe reiße ich mich zusammen und ermahne mich, professionell zu bleiben. Ich atme tief durch und wappne mich, denn das hier wird gleich ziemlich unangenehm werden. Er weiß offensichtlich nicht, wer ich bin, aber ich habe meine Hausaufgaben gemacht und weiß genau, wer er ist.
Vaughn Harding.
Ich habe Hank wie verrückt vermisst. Als ich vor zehn Jahren auf seiner Schwelle stand, auf der Suche nach einem Job, hat er mich aufgenommen und mir sehr viel mehr gegeben als nur einen Job: Arbeit, tausend gute Ratschläge, eine Wohnung und auch das eine oder andere intensive Gespräch, wenn ich gerade jemanden zum Reden brauchte. Er war die Vaterfigur, die ich mir mein Leben lang gewünscht habe. Als er mich kürzlich gefragt hat, ob ich mir vorstellen könne, an der Westküste wieder mit ihm zusammenzuarbeiten, konnte ich es kaum erwarten, in den Flieger zu steigen. Mein Arbeitsvisum war gerade abgelaufen, und ich musste meinen Trainerposten in Irland sowieso aufgeben. Ich wusste nicht mehr als den Namen und die Adresse der Ranch, aber das reichte, um ein paar Nachforschungen anzustellen.
Meine Internet-Stalking-Fähigkeiten sind so hervorragend, dass ich sie fast als besondere Stärke in meinen Lebenslauf aufgenommen hätte. Während meiner Recherchen habe ich im Netz zwei Sorten Fotos des Mannes gefunden, der jetzt vor mir steht. Die eine Hälfte der Bilder zeigt den professionellen Vaughn, gepflegt und ernst, wie er die Firma seiner Familie vertritt. Die andere Hälfte zeigt Party-Vaughn, charmant und herausgeputzt, auf irgendwelchen glamourösen Veranstaltungen, im Arm eine schöne Frau.
Soweit ich feststellen konnte, war es nie zweimal dieselbe Frau. Und ich schwöre, ich habe sehr gründlich hingeschaut.
Ein animalisches Knurren reißt mich aus meinen Gedanken. »Ich habe gesagt, du sollst verschwinden.«
Meint dieser verdammte Typ das ernst? Eigentlich bin ich nicht auf den Mund gefallen. Ich war schon als Kind vorlaut und lasse mich normalerweise nicht davon aus der Ruhe bringen, wenn irgendwer mir gegenüber verbal ausfallend wird. Aber das hier? So was ist mir noch nie passiert. Entgeistert starre ich ihn an und bleibe weiter stumm.
Bevor ich etwas Höfliches sagen kann, um die Lage zu entschärfen, breitet er die Arme aus und sein Blick aus diesen lodernden Augen scheint zu sagen: Hallo? Warum zum Teufel bist du immer noch da?
Und dann … stampft er allen Ernstes mit dem Fuß auf.
Wie ein wütendes Kleinkind.
Ich muss kichern und versuche gar nicht erst, es mir zu verkneifen. Mit Männern wie Vaughn Harding bin ich gut vertraut. So unbeständig die Welt auch ist, auf eins ist Verlass: Treuhandfondserben wie er sind immer und überall völlige Obertrottel.
Ich hebe eine Hand, um ihn zu stoppen, und sage: »Okay. Zunächst einmal: faszinierend, Ihre Vorliebe für aufblasbare Puppen, wirklich. Aber könnten wir das Thema vielleicht verschieben und später darauf zurückkommen?« Seine Mundwinkel zucken verächtlich. Ha, Treffer. »Zweitens: Ich bin eine erwachsene Frau, also nennen Sie mich nicht Mädchen. Und drittens: Wenn Sie mit diesem beeindruckenden kindischen Wutanfall fertig sind«, ich deute an ihm rauf und runter, so wie er es eben bei mir getan hat, »würden Sie dann bitte Hank Bescheid sagen, dass Billie Black wegen des Vorstellungsgesprächs hier ist?«
Und damit strahle ich ihn mit einem breiten Lächeln an, das mir von einem Ohren zum anderen reicht.
Zu seiner Ehrenrettung sei erwähnt, dass er sichtlich erbleicht, bevor er seine Anzugjacke glattstreicht und die Schultern strafft.
»Billie Black?«, wiederholt er.
»Das bin ich.«
»Ich …« Er schüttelt den Kopf. »Aber Sie sind kein Mann?«
»Scharf beobachtet, Mr Harding«, antworte ich lächelnd.
Eine solche Situation ist nicht neu für mich. Mein Name verwirrt die Leute oft, aber das stört mich nicht. Es ist nur ein Spitzname, und ich könnte mich auch anders nennen, wenn ich wollte, aber ich finde die daraus entstehende Verwirrung meist sehr amüsant. Diese Begegnung ist keine Ausnahme.
»Hey, Billie-Girl!«, erklingt eine vertraute tiefe Stimme hinter mir. »Da bist du ja!«
Hank Brandt. Mann, allein der Klang seiner Stimme zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich wirble herum, lasse Vaughn einfach stehen und schaue dem freundlichsten, sanftesten Mann entgegen, den ich je gekannt habe. Breite Schultern, kurzes sandfarbenes Haar und ein verwittertes Gesicht, dem man die jahrelange Arbeit unter freiem Himmel deutlich ansieht.
Ich habe ihn vermisst. Man wird zwar in eine Familie hineingeboren, aber manchmal sucht man sie sich auch selbst aus. Und wenn man sie sich aussucht, weiß man immerhin, dass sie genau richtig für einen ist. Und exakt das ist Hank für mich: die Familie, die ich mir selbst ausgesucht habe.
Hank rennt fast auf mich zu und reißt mich in eine starke, feste Umarmung, in die ich mich voller Freude hineinfallen lasse. Dann packt er mich an den Schultern, hält mich auf Armeslänge von sich und betrachtet mich. »Du bist ja noch schöner als das letzte Mal, als ich dich gesehen habe«, sagt er.
Errötend verdrehe ich die Augen. »Du musst dich doch nicht bei mir einschleimen, alter Mann, ich bin ja schon hier. Jetzt zeig mir alles.«
Hank ist seit meiner Jugend sowohl menschlich als auch beruflich eine wichtige Stütze für mich, ein Freund, eine Vaterfigur … und jetzt hoffentlich erneut mein Arbeitgeber.
Vorausgesetzt, ich habe es mir nicht völlig mit diesem Geldsack hier verdorben. Plötzlich fängt mein Magen nervös an zu flattern. Ich werde diesen schlechten Start wiedergutmachen müssen, wenn ich den Job wirklich haben will.
»Verlier bloß niemals deine Courage, Kleines«, sagt er kopfschüttelnd und legt mir den Arm um die Schultern. Dann zieht er mich mit sich zu Mr Hübsch-und-durchgeknallt, der sich anscheinend wieder halbwegs gefangen hat.
»Billie, das ist Vaughn Harding, der neue Besitzer der Gold Rush Ranch. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, weil er sich zusätzlich auch noch um den Bergbaubetrieb der Familie kümmert, aber erst einmal bleibt er vor Ort und leitet die geschäftlichen Angelegenheiten der Ranch.« Vaughn starrt mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten kann. »Er ist heute beim Vorstellungsgespräch dabei. Ich hoffe, das geht für dich in Ordnung.«
Ich schlucke schwer. Großartig. Einfach großartig.
Ich befreie mich aus Hanks Arm und strecke Vaughn die Hand hin. Er ergreift sie und drückt fest zu. Prüfend betrachte ich sein Gesicht, suche nach Anzeichen für Verlegenheit und finde nichts. Sein Gesicht ist ausdruckslos und verschlossen. Der leidenschaftliche Zorn, den er eben noch versprüht hat, ist spurlos verschwunden.
Unwillkürlich checke ich die Lage, indem ich ihm kurz zuzwinkere und seinen festen Händedruck erwidere. Und mit fest meine ich meinen Todesgriff, der seinem in nichts nachsteht. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Pferden und bin weitaus stärker, als ich aussehe.
Ich glaube zu hören, wie er leise ächzt, als ich zudrücke. »Je mehr, desto lustiger«, sage ich. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mr Harding.«
Er nickt, lässt meine Hand abrupt los und richtet den Blick auf einen Punkt irgendwo über meinem Kopf. »Ich bin dann in meinem Büro, wenn ihr so weit seid«, sagt er zu Hank, macht auf dem Absatz kehrt und marschiert mit hoch erhobenem Kopf davon, als hätte er sich nicht gerade eben bis auf die Knochen blamiert.
Ich sehe Hank an. Seine Augen funkeln, und auf seinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. Tadelnd schüttelt er den Kopf. »Billie, Billie, Billie. Was hast du mit dem armen Jungen nur angestellt?«
Lachend werfe ich den Kopf zurück. Armer Junge? Ich kenne Männer wie Vaughn Harding nur allzu gut, denn ich bin unter solchen Leuten aufgewachsen. Reiche und verwöhnte Männer wie er lassen ihre arrogante Anspruchshaltung niemals hinter sich – sie tragen sie stattdessen demonstrativ vor sich her wie eine Art Ehrenabzeichen.
Mein Vater ist dafür das reinste Musterbeispiel, ebenso wie die Jungs im Internat und überhaupt praktisch alle Männer aus diesen Kreisen. Sie wirken allesamt wie Kopien von ein und demselben Original: geschliffen, berechnend und gefühllos.
Um nicht zu sagen: todlangweilig.
Und falsch. Von Kopf bis Fuß nur falsch.
Lächeln voller Falschheit, Freundschaften voller Falschheit, Familie voller Falschheit. Und der letzte Punkt ist der Ausschlaggebende. Irgendwann war mein ganzes hübsches, perfekt organisiertes Leben einfach in sich zusammengefallen.
Erstaunlicherweise reicht es nicht aus, ein beschissener, fehlgeleiteter Vater zu sein, um die Liebe seiner kleinen Tochter zu verlieren. Aber es hat gereicht, dass ich jeglichen Respekt vor ihm verlor. Und jemanden zu lieben, den man nicht respektieren kann – das tut wirklich verdammt weh.
Selbst ein Jahrzehnt später und obwohl ich längst erwachsen bin, raubt mir dieser Schmerz noch immer den Atem.
Auf das Wort meines Vaters ist kein Verlass, aber für mich selbst gilt das nicht. Ich habe das Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe, gehalten: Ich bin gegangen und habe mich ein für alle Mal von dieser Art Leben abgewandt. Ich habe mich mit einem Paukenschlag verabschiedet, und seitdem baue ich mir mein neues Leben auf. Ich konzentriere mich voll und ganz auf meine Karriere, und diese Gelegenheit hier ist der perfekte nächste Schritt.
Vaughn, diese Verkörperung all dessen, dem ich den Rücken gekehrt habe, betritt das Haus, und ich sehe ihm hinterher und bewundere seinen Körperbau: schlanke Taille und ein ganz und gar unglaublicher Hintern in dieser maßgeschneiderten Anzughose. Zehn von zehn Frauen würden sofort zugreifen.
Aber ich ganz sicher nicht. Denn ich kenne diese Art Mann. Ein völliger Albtraum, wenn man mit ihm zu tun hat, und es ist brandgefährlich, sich mit so jemandem einzulassen. Aber ihn anzusehen ist trotzdem erfreulich. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch, und der Mann ist sündhaft heiß.
Ja, ich werde diesen Anblick in vollen Zügen genießen – aber aus sicherer Entfernung. Denn Männer wie Vaughn sind eine Falle, in die ich niemals hineintappen werde.
VAUGHN
Was für ein verdammtes Desaster.
Ich lasse mich auf meinen Schreibtischstuhl sinken, starre an die Decke und wünsche mir, der Boden würde sich auftun und mich verschlingen.
Ich kann nur über mich selbst den Kopf schütteln.
Was habe ich mir nur dabei gedacht, da rauszumarschieren, als hätte ich keinen Funken Selbstbeherrschung? Ich bin aus der Haut gefahren wie ein bockiges Kleinkind. Die ständige Einmischung meiner Mutter in mein Liebesleben verwandelt mich in eine verdammte menschliche Abrissbirne.
Sie setzt mir ständig Frauen vor die Nase wie perfekt eingewickelte Geburtstagsgeschenke, die ich auspacken soll. Ich weiß, dass die Ehe mit meinem Vater ihr größtes Glück war, und dasselbe Glück wünscht sie sich für mich. Ich weiß auch, dass mein Bruder Cole in dieser Hinsicht ein hoffnungsloser Fall ist … was bedeutet, dass sie ihre ganze romantische Energie allein auf mich konzentriert.
Ich Glückspilz.
Selbst wenn meine Mutter Billie geschickt hätte, wäre mein Verhalten völlig unangemessen gewesen. Und Hanks Begeisterung darüber, dieses Mädchen – diese Frau – einzustellen, macht alles nur noch schlimmer.
Bei dem Gedanken daran, wie sie sich verbeten hat, Mädchen genannt zu werden, zuckt mein Mundwinkel.
Wie auch immer.
Sie sah jung aus und ganz und gar nicht wie der Mann, den ich zum Vorstellungsgespräch erwartet habe.
Billie, nicht Billy.
Wer hätte das denn ahnen können?
Hätte ich mir ihren Lebenslauf angesehen, wäre mir dieser winzige Unterschied vielleicht aufgefallen. Aber Hank hätte mich auch wirklich warnen können. Stattdessen hat er nur gesagt: »Ich kenne da jemanden für den Posten. Internationale Erfahrung, aber keine festgefahrenen Routinen. Könnte frischen Wind in den Stall bringen. Hat es geschafft, einen ziemlich bedeutungslosen irischen Rennstall zu einer festen Größe im Rennsport zu machen.«
Er hat so begeistert geklungen, und seine Beschreibung hat sich gut angehört. Vor allem aber vertraue ich ihm, also habe ich ihm einfach grünes Licht für ein Vorstellungsgespräch gegeben, ohne weitere Fragen zu stellen.
Wenn ich so darüber nachdenke, beschleicht mich fast das Gefühl, dass er absichtlich nicht erwähnt hat, dass es sich bei diesem vielversprechenden Trainerkandidaten um eine Frau handelt. Natürlich spielt es gar keine Rolle, denn ich habe überhaupt kein Problem damit, eine Frau einzustellen. Sie ist nur noch so verflixt jung. Folglich ist sie unerfahren – zu unerfahren für ein Spiel mit so hohem Einsatz.
Und sie riskiert eine viel zu dicke Lippe.
Diese Lippen. Sinnlich, weich, herzförmig.
Yeah. Genau das kann ich nämlich überhaupt nicht gebrauchen.
Ich brauche jemanden, der zuverlässig und organisiert ist und auf den ich mich verlassen kann. Jemanden, der sich mit vollem Einsatz der Aufgabe widmet, die Gold Rush Ranch zum Erfolg zu führen. Das ist kein Spiel.
Sie hat mich einfach weiterreden lassen wie der letzte Idiot, obwohl sie wahrscheinlich genau wusste, wer ich bin … Und dann besaß sie auch noch die Dreistigkeit, mich auszulachen.
Unfassbar.
Als ich unsere Begegnung noch einmal Revue passieren lasse, kocht erneut Ärger in mir hoch.
Im Laufe der Jahre habe ich Frauen die unterschiedlichsten Reaktionen entlockt: Begehren, Lust, Stöhnen und Wimmern. Oft sogar Wut, wenn unsere gemeinsame Zeit eines Tages unweigerlich endete.
Doch keine dieser Frauen hat mir jemals in die Augen gesehen und mich einfach ausgelacht.
Nein, das ist neu.
Wie ausdrucksvoll sich ihre leuchtenden bernsteinfarbenen Augen geweitet haben, als ich ihr sagte, sie solle verschwinden. Dazu haben ihre üppigen rosa Lippen leicht gezuckt, während der Wind ihr sanft einige lose Strähnen des kastanienbraunen Haars über die Wangen wehte.
Sie hat so stark und frei ausgesehen. Die pure Herausforderung.
Unter anderen Umständen würde ich sie am liebsten fest an ihrem dicken Zopf packen und ihr zeigen, wer hier das Sagen hat. Ich würde ihren Kopf in den Nacken ziehen und mit den Zähnen an ihrem Kiefer entlanggefahren, während ich ihr all die schmutzigen Dinge zuflüstere, die ich mit ihr vorhabe, bis ihr das herablassende Grinsen vergeht.
Ich stoße ein unterdrücktes Lachen aus und schiebe meinen Schritt zurecht.
Ich ahne dunkel: Bei ihr würde ich mir mit der Nummer einen kräftigen Tritt in die Eier einhandeln und sonst gar nichts. Sie hat echt Biss, das muss ich ihr lassen.
Sie ist unberechenbar und furchtlos wie eine Wildkatze und damit das Allerletzte, was ich gerade gebrauchen kann.
Die Rennsaison startet bald voll durch, aber man hat uns gezwungen, alle Anmeldungen zurückzuziehen. Wir mussten uns mit eingezogenem Schwanz auf die Ranch zurückziehen und sind drei Monate lang von sämtlichen Rennen ausgeschlossen. Bis Mitte der Saison darf keins unserer Pferde starten.
Ich brauche keine Wildkatze, ich brauche ein verdammtes Wunder.
Helles weibliches Lachen hallt durch den Flur vor meiner Bürotür und lenkt meine Aufmerksamkeit von dem vollen Posteingang ab. Ich starre seit einer Stunde auf den Bildschirm, ohne vorwärtszukommen, und verliere mich in Gedanken.
Gedanken, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen würde.
»Ladies first«, höre ich Hank sagen, und Billie kommt herein.
Ich verdrehe die Augen. Muss er so übertreiben?
In der Annahme, dass sie mit der Besichtigungstour fertig sind, drehe ich mich um und suche in der Schublade mit den Ordnern nach den Unterlagen für das Vorstellungsgespräch. »Und wie gefällt es Ihnen hier?«, frage ich, während sie sich setzt.
»Sehr gut«, antwortet Billie enthusiastisch. »Ihre Ranch ist wirklich Weltklasse, Mr Harding.«
Als sie in diesem bewundernden Ton Mr Harding sagt, zuckt mein Schwanz.
Vaughn, du bist echt ein Wrack. Es gelingt mir, das nicht laut zu sagen – immerhin ein kleiner Erfolg an diesem Tag. Aber dann sehe ich sie an, und sie raubt mir den Atem. Sie leuchtet vor Begeisterung und ist so aufgeregt, dass sie fast auf dem Stuhl vibriert.
Ich starre sie an und staune darüber, wie offen sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringt. Wie muss das wohl sein?
Ich zermartere mir das Hirn, kann mich aber nicht entsinnen, wann ich zum letzten Mal so glücklich war, wie Billie gerade aussieht. Wenn ich sie anschaue, ist das, als würde ich in die Sonne blicken, die mich zwar blendet, aber zugleich so herrlich warm ist, dass ich einfach die Augen schließen und diese Wärme genießen möchte.
»Ja, hm, danke. Das waren meine Großeltern – sie haben aus der ehemaligen Rinder-Ranch das gemacht, was Sie heute hier sehen. Eine Menge Familiengeschichte«, sage ich und senke rasch den Blick.
»Mein Beileid wegen Ihres Großvaters. Ein schrecklicher Verlust«, sagt sie mit den allerschönsten Rehaugen.
»Danke. Wir sollten weitermachen«, erwidere ich schroffer als beabsichtigt.
Ich war auf eine Auseinandersetzung gefasst, nicht auf wohlerzogenes Benehmen und Rehaugen. Sie verpasst mir noch ein Schleudertrauma. Zum Glück mischt sich Hank ein und rettet mich.
»Okay, Billie«, sagt er. »Legen wir los.«
Ich lehne mich zurück, verschränke die Finger ineinander und beobachte die beiden. Hank stellt gezielte Fragen, und Billie beantwortet sie eloquent und gestikuliert dabei, als wollte sie jeden Moment abheben und fliegen.
Natürlich redet sie mit den Händen.
Sie diskutieren über Trainingstechniken, Rennstrategien, Blutlinien und Gott weiß was noch alles. Um ehrlich zu sein, verstehe ich größtenteils nur Bahnhof.
Als Kind habe ich mich viel in den Ställen herumgetrieben und mit den Leuten geredet, auf dem Hof geholfen und hier auch meine Schulaufgaben erledigt – nach dem Tod meines Vaters hatte mein Großvater mich am liebsten ständig in seiner Nähe –, aber ich hatte mehr mit den Leuten zu tun als mit den Pferden.
Deshalb bin ich auf Hanks Fachwissen angewiesen. Er ist einer der Besten in der Branche, und seine zufriedene Miene lässt deutlich erkennen, dass er diese Frau im Geiste praktisch schon eingestellt hat.
Ich muss behutsam vorgehen. Diplomatisch. Sonst endet das hier in einem Fiasko, als würde man einem Kind am Weihnachtsmorgen das Spielzeug wegnehmen. Ich bin nicht blöd – mir ist völlig bewusst, dass ich es mir nicht leisten kann, Hank zu verärgern. Ich habe nicht gewusst, wie nahe sie sich stehen. Aber darüber können wir uns ein andermal unterhalten.
Jedenfalls habe ich nicht vor, mir bei dieser ganzen Angelegenheit die Zügel aus den Händen nehmen zu lassen. Wenn Hank glaubt, er könnte mich bei dieser Entscheidung einfach übergehen, und wenn diese Frau glaubt, sie könnte mich auslachen und bekommt dann trotzdem einen netten neuen Job, dann werden sie sich beide noch wundern.
Es ist meine Ranch. Und das bedeutet, dass ich die endgültige Entscheidung treffe.
»Warum wollen Sie diesen Job?«, falle ich ihr ins Wort.
Sie mustert mich eindringlich, und eine leichte Röte zeigt sich auf ihren blassen Wangen, während sie nachdenkt. Ich warte darauf, dass sie mich zurechtweist, weil ich sie unterbrochen habe, damit ich einen Grund habe, sie vom Hof zu werfen.
Stattdessen beugt sie sich vor, reibt sich mit beiden Händen über die schlanken Schenkel und beißt sich auf die Unterlippe. Scheiße, ich wünschte, sie würde das nicht tun.
»Um ehrlich zu sein, Mr Harding …«
Du lieber Himmel. Wie soll ich sie denn mit einschüchternden Fragen bombardieren, wenn sie mich in diesem Ton Mr Harding nennt und sich dabei unschuldig auf ihre verdammte Unterlippe beißt? »Nennen Sie mich Vaughn.«
»Okay, Vaughn. Um ehrlich zu sein, habe ich mir einen Posten als Cheftrainerin verdient.«
Ich schnaube. Sie ist ziemlich von sich überzeugt.
»Nein, warten Sie. Das kam falsch rüber. Ich meine damit nicht, dass mir ein solcher Posten zusteht. Ich meine, ich habe es mir erarbeitet. Ich habe ohne jede Unterstützung angefangen, und zwar bei null, und jede sich mir bietende Gelegenheit gerne ergriffen.« Sie seufzt und gestikuliert wieder mit beiden Händen, während sie fortfährt: »Ich habe mir den Arsch abgearbeitet und so lange in drittklassigen Ställen mit drittklassigen Pferden geschuftet, bis ich gut genug war, um in mittelmäßigen Ställen mit mittelmäßigen Pferden zu arbeiten. Dann habe ich jeden Tag alles darangesetzt, endlich ein Praktikum in einem erstklassigen Stall zu bekommen, den ich schon seit meinem fünfzehnten Lebensjahr im Auge hatte. Ich habe es geschafft. Im Vereinigten Königreich habe ich mit den Allerbesten zusammengearbeitet, mich verdient gemacht und war irgendwann so gut, dass sie mich fest eingestellt haben. Ich habe Blut, Schweiß und Tränen vergossen, um selbst eine der Allerbesten zu werden, damit ich mein Wissen und meine Fähigkeiten hier in meiner Heimat anwenden kann.« Sie legt die Hände auf die Brust und sieht mich so eindringlich an, dass ich ihrem Blick kaum standhalten kann. »Geben Sie mir eine Chance. Ich kann das Schicksal dieses Stalls zum Besseren wenden, das weiß ich.«
Das war eine ausgezeichnete Antwort, das muss ich ihr lassen, und zudem völlig ungekünstelt, sondern voller Stolz und Entschlossenheit.
Ich lege die Zeigefinger aneinander und mustere sie eingehend. Sie hält meinem Blick stand, ganz offen. Mein Plan, sie kalt zu erwischen, ist voll nach hinten losgegangen. Anfangs kam es mir so vor, als wäre das alles hier für sie ein einziger großer Witz, daher habe ich nicht mit solch einer Ernsthaftigkeit gerechnet, mit so viel Stolz auf ihre eigene Arbeit und einem derartigen Vertrauen in ihre Fähigkeiten.
Selbstvertrauen und Hingabe gehören zu den Eigenschaften, die ich am meisten an einem Menschen schätze. Auch ich habe mir den Arsch abgearbeitet. Davon abgesehen habe ich ja nicht tagtäglich mit ihr zu tun. Wenn sie also gut ist in ihrem Job, was macht es da schon, dass sie mir auf die Nerven geht, wenn wir uns ohnehin kaum über den Weg laufen?
»Sie sind noch sehr jung«, sage ich.
»Ich habe viel Energie«, entgegnet sie.
»Sie sind unerfahren.«
»Und ich brenne darauf, mich zu beweisen.« Sie grinst.
Klingt sie absichtlich irgendwie zweideutig? Ich kann diese Frau nicht einschätzen. Ich beuge mich vor und schiebe ihr meine vorbereiteten Mappen zu.
Mal sehen, ob du das hier hinkriegst, Süße.
»Okay, Billie, ich habe hier fünf Dossiers. Eins für jedes Pferd, das in der nächsten Saison sein Debüt geben wird im Bell Point Park, der Rennbahn in Vancouver. Schauen Sie sie mal durch und suchen Sie sich einen Favoriten aus.«
Sie mustert mich misstrauisch. »Ich müsste diese Pferde laufen sehen, um so eine Entscheidung treffen zu können. Ganz gleich, was manche Leute denken, Statistiken und Blutlinien sind nicht alles. Ein Pferd braucht Entschlossenheit, um zu siegen. Das richtige Mindset.«
Kluges Mädchen.
»Im Sinne dieser Übung wählen Sie bitte allein nach dem aus, was Sie auf dem Papier sehen können.«
Sie erwidert meinen herausfordernden Blick. Eindeutig ahnt sie, dass ich sie zur Schlachtbank führen will, ich sehe es ihr an der Nasenspitze an. Sie ist misstrauisch, aber sie wird es trotzdem versuchen, da bin ich sicher. Denn wenn ich heute eines über Billie Black gelernt habe, dann, dass sie verdammt stur ist.
Hank ist ebenfalls misstrauisch und wirft ein: »Vaughn, ich glaube, dass …«
Billie hebt eine zierliche Hand und zieht die Mappen zu sich heran. »Hank, bitte. Ich komme schon klar.«
Sie beugt sich über meinen Schreibtisch und öffnet das erste Dossier.
Jede der fünf Mappen enthält die Canadian-Racing-Club-Anmeldung des jeweiligen Pferdes, das seine Abstammung über mehrere Generationen aufschlüsselt und auch Daten wie Größe und Geschlecht enthält. Zusätzlich habe ich jeweils einige Informationen über die Elterntiere beigefügt, was oft hilfreich ist, um die Erfolgsaussichten eines Pferdes vorherzusagen. Genetik eben.
Allerdings habe ich Hanks Beurteilungen weggelassen. Ich habe ihn gebeten, mit einem kleinen Team durch den Stall zu gehen und mir für jedes Pferd ein Profil zu erstellen. Ehrlich gesagt sind die Informationen, die ich ihr zur Verfügung stelle, ziemlich dürftig. Mir ist klar, dass es ein unfairer Test ist.
Aber das ist alles Teil meines Plans.
Ich mustere sie prüfend. Sie hat die Stirn konzentriert in Falten gelegt, und während sie aufmerksam liest, huscht ihr Blick rasch über die Zeilen. Dunkle Wimpern umrahmen goldene Iriden mit dunkleren Flecken. Es erinnert mich an diese Edelsteine, die man Tigeraugen nennt. Ihre Augen verleihen ihr etwas Katzenartiges. Ich sehe Mascara und vielleicht eine Spur Rouge, ansonsten erkenne ich keinerlei Make-up. Auf der Nase hat sie Sommersprossen, wie man sie nur vom Aufenthalt unter freiem Himmel bekommt.
Als ich sie jetzt betrachte, weiß ich selbst nicht mehr, wie ich auf die Idee kommen konnte, dass meine Mutter sie mir auf den Hals gehetzt hat. Nie im Leben würde eine der Frauen, die meine Mutter mir schickt, das Haus verlassen, ohne ihre Sommersprossen abzudecken.
Billie Black kleistert sich nicht mit Schminke zu, um heiß auszusehen, sie ist einfach von Natur aus umwerfend. Ich bin sicher, dass Männer sie oft anstarren, ohne genau den Finger darauf legen zu können, weshalb diese Frau sie so fasziniert. Auch auf die Gefahr hin, wie ein New-Age-Anhänger zu klingen: Sie hat einfach eine besondere Aura. Eine anziehende, energiegeladene Ausstrahlung.
Jetzt gerade summt sie vor sich hin und ordnet die Dossiers in drei unterschiedliche Stapel. Unwillkürlich rutsche ich auf meinem Stuhl weiter nach vorn, um besser zu sehen, was sie da macht. Ich stütze die Ellbogen auf den Schreibtisch und lehne mich vor wie ein aufdringlicher Freak.
Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, sagt sie: »Sie sehen aus, als wollten Sie heimlich bei mir abschreiben, Vaughn.«
Ich räuspere mich und richte mich auf. Als ich Hank einen raschen Blick zuwerfe, hebt er nur wortlos eine Augenbraue, als wollte er fragen: Was machst du denn da, du Idiot?
Ich hole so tief Luft, dass sich meine Nasenflügel blähen, aber Billie beachtet mich nicht. Gedankenverloren tippt sie mit dem Zeigefinger an ihre Unterlippe.
Ich habe das Warten satt.
»Okay. Die Zeit ist um«, sage ich barsch.
Billie wirft mir exakt denselben Blick zu wie Hank eben, und ich weiß jetzt schon, dass es für mich der blanke Horror sein wird, wenn die beiden sich gegen mich verbünden.
»Okay«, beginnt sie, »ich habe sie in drei Kategorien eingeteilt. Die im ersten Stapel hier sind allesamt großartige Pferde, die bereit sind, dieses Jahr zum ersten Mal in einem Rennen zu starten. Sie werden erfolgreich sein. Wir können mit ihnen wahrscheinlich ein paar gute Rennen liefern, um sie als aussichtsreiche Kandidaten zu etablieren, und dann eins oder auch zwei für ein hübsches Sümmchen verkaufen, ohne vorher viel in sie investieren zu müssen.«
Das klingt ganz nach meinem Geschmack.
»In meine zweite Kategorie fällt diese eine Stute: Brite Lite. Ich finde sie sehr ansprechend – sie ist früh im Jahr geboren, weshalb sie trotz ihrer Jugend bei ihrem ersten Rennen schon über eine gewisse Reife verfügen wird. Außerdem hat sie einen wunderschönen Stammbaum und mehrere berühmte Deckhengste in ihrer Ahnenreihe, die sehr erfolgreiche Blutlinien hervorgebracht haben. Sie könnte in der Zukunft auch eine ausgezeichnete Zuchtstute für Ihre eigene Zucht abgeben.«
Hank nickt und wirft ein: »Sehe ich genauso.«
Kurz sieht sie ihn an, dann wieder mich. »Sie könnte mein Favorit sein.«
Ich warte ab und verziehe keine Miene. Auf keinen Fall werde ich ihr irgendeinen Hinweis geben.
Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, tippt Billie mit zwei Fingern auf das letzte Dossier. Mit stählerner Stimme fragt sie: »Was stimmt nicht mit Double Diablo?«
»Keine Ahnung, was Sie damit meinen«, erwidere ich trocken.
Hank stöhnt hörbar auf. Verdammter Verräter.
»Ich meine damit, dass er bereits drei Jahre alt ist, aber noch keinerlei Erfahrungen vorzuweisen hat. Sein Stammbaum ist zum Niederknien. Seine Papiere lesen sich wie eine Liste der berühmtesten Rennpferde der Welt. Ich weiß, was es kostet, ein solches Pferd zu züchten. Sie müssen mindestens schon eine Viertelmillion Dollar in ihn investiert haben.« Billie schnauft und schüttelt den Kopf, als könnte sie es nicht fassen. »Selbst wenn er nur mit mäßigem Erfolg laufen sollte, wäre dieser Hengst Ihre goldene Eintrittskarte für die Zucht und würde Ihnen hohe Decktaxen einbringen. Eigentlich hätte er letzte Saison schon starten sollen, aber das war nicht der Fall.« Sie lehnt sich zurück und fixiert mich mit ihrem scharfsinnigen Blick. »Also … was ist los mit ihm?«
Kluge Frau.
Sie sieht mich erwartungsvoll an. Aber das hier ist mein Test, und ich werde mir nicht in die Karten blicken lassen. »Das war nicht meine Frage. Ich habe gefragt: Welches Pferd ist auf dem Papier Ihr Favorit? Nach dem, was Sie mir gerade gesagt haben, ist die Antwort offensichtlich.«
Sie wirft einen Blick auf das letzte Dossier und streicht sich nervös eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ist er verletzt?«, fragt sie leise und blättert erneut darin, als würden plötzlich neue Informationen auftauchen, wenn sie nur genau genug hinsieht.
»Nein«, antworte ich ehrlich.
Es ist mir ein Fest, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich windet. Zugegeben, ich sollte es nicht so genießen, sie zu verunsichern.
Sie stößt die Luft aus, so dramatisch, als fände sie mich wahnsinnig anstrengend. Dann begegnet sie meinem Blick mit neuer Entschlossenheit.
»Okay«, sagt sie. »Er ist mein Favorit.« Damit schiebt sie mir die Mappe wieder zu, so wie ich es eben bei ihr getan habe, und verschränkt die Arme vor der Brust.
Spiel. Satz. Sieg.
Gegen meinen Willen breitet sich auf meinem Gesicht ein verschmitztes Lächeln aus.
»Ausgezeichnete Wahl, Ms Black.«
