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Was schreibt man seinen Verwandten in die ehemalige Heimat? Man berichtet von seinem Leben in den USA. Dabei wird auf die schweren Zeiten nach der Auswanderung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zurückgeblickt. Man berichtet, dass wohl alle der vielen Auswanderer gesagt hätten: Wir bleiben nicht hier! Aber es ist ihnen unmöglich, anderswo neu zu beginnen und so fügen sie sich in ihr Schicksal. Sie werden gute Amerikaner. Durch Fleiß und Sparsamkeit haben sie allmählich ein gutes Auskommen. Jedoch ist die verlassene Heimat in ihrer Erinnerung fest verwurzelt. Die Briefschreiber unterstützen ihre Verwandten zwischen den beiden und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Geldgeschenke und Päckchen mit Bekleidung und Lebensmitteln. Als ich die Briefe von 1910 bis 1958 aus Massachusetts vor einiger Zeiit las, war für mich klar. daraus ein Buch zu machen.Sie sind eine kleine Geschichtsschreibung - eine Auseinandersetzung mit der "guten, alten Zeit".
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Seitenzahl: 134
Veröffentlichungsjahr: 2019
Schon seit jeher haben Menschen ihr Land verlassen. Sei es, um kriegerischen Befehlen zu gehorchen, sei es, um ein besseres Leben anzustreben. Bereits im frühen 17. Jahrhundert folgten die Pilgrimfathers dem Ziel nach religiöser Freiheit. Freiheit und Eigentum zu erlangen waren für viele Europäer Antrieb, ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um im goldenen Westen neu zu beginnen.
Für viele war es das westliche Europa, wo Arbeit und vermeintlicher Wohlstand durch das Abteufen der Zechen des Ruhrgebiets lockten.
Manche Menschen suchten aber eine neue Zukunft im gelobten Amerika.
Am 27. 7. 1881 betrat die Familie Adam aus dem damaligen Schlesien in New York das amerikanische Festland.
Der Vater Wilhelm war damals einunddreißig Jahre, seine Ehefrau dreiundzwanzig Jahre und ihr Erstgeborener dreieinhalb Jahre alt.
Sie fanden eine neue Zukunft in Adams, Massachusetts.
Der Ort, nach dem Cousin des zweiten amerikanischen Präsidenten - Samuel Adams – benannt, hatte 1880 rund 5.600 Einwohner und 1890 bereits rund 9.200.
Er liegt nord-westlich zwischen New York und Boston am Fuße des Mount Greylock.
Henriette und Wilhelm Adam mit sechs ihrer Kinder um 1907
Aller Anfang ist schwer! Dieses Sprichwort traf besonders für die Auswanderer zu. Sie kannten niemanden und auch die Sprache war ihnen fremd.
Sie erhielten ein Stück Land, das sie sehr gut nutzten.
Henriette trug mit dem jahrzehntelangen Anbau vieler Gartenfrüchte und der Hühnerzucht zum Lebensunterhalt bei. Ihr Ehemann arbeitete bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr in den Webereien des Ortes, wegen wirtschaftlicher Krisen zeitweise in Teilzeit. Henriette hielt das Geld zusammen und so brachten sie es während ihres arbeitsreichen Lebens zu einem gewissen Wohlstand.
Sie unterstützten ihre Verwandten in der alten Heimat Schlesien durch Geldzuwendungen.
Lebensmittel- und Kleidungspakete senden sie nach Europa. Besonders verbunden sind sie der verwitweten Schwester Luise, die 1910 mit ihren Kindern nach Westfalen zog auf der Suche nach Arbeit und Auskommen.
Den Tod dreier ihrer insgesamt sieben Kinder mussten die Eheleute Henriette und Wilhelm verschmerzen.
1917 trat Henriette in die Germania Frauen Loge, Nr. 2 ein und war drei Jahre deren Präsidentin.
Man brachte sich in das amerikanische Leben ein, jedoch war die verlassene Heimat unauslöschlich in ihren Gedanken verwurzelt.
Von ihren Lebensbedingungen und ihren Meinungen zu politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen schrieb sie an ihre Schwester Luise.
Sie lasen deutsche Zeitungen und waren daher stets informiert. Auch Wilhelm hielt den Kontakt zu seiner Schwägerin bis zu deren Tod 1933 aufrecht.
Nach dem Tode der Eheleute Henriette und Wilhelm schreibt deren Schwiegertochter Selma weiterhin in deutsch an Luises Tochter Emilie - ihre angeheiratete Cousine.
So kommen Zeitdokumente von rund 50 Jahren zusammen.
Der Kontakt wurde nur durch die Zeit der beiden Weltkriege unterbrochen.
Er endet 1958, als der älteste Sohn Wilhelm jun., der inzwischen einundachtzig Jahre alt ist, nicht mehr schreiben konnte.
Luise Schroth mit ihren Kindern Ida, Emilie und Paul um 1900
Adams, den 5. Juni 1910
Liebe Schwester!
Deinen Brief und die Karte habe ich erhalten und habe mich sehr über das Foto gefreut. So konnte ich doch wieder einmal die Deutschländer sehen, aber lieber wäre mir, ich könnte einmal mündlich mit euch sprechen.
Liebe Luise, du schreibst, dass ich vielleicht böse wäre, weil du nicht daheim warst, als Frau Stammwitz zu euch kam. Da kann man doch nichts machen. Übrigens hat deine Nichte sie gut aufgenommen. Es hat ihr sehr gut bei Martha gefallen.
Sie erzählte, dass sie so hübsche Töchter hat.
Liebe Luise, ich habe mich gewundert, dass du deine Heimat in Westfalen genommen hast. Meine Liebe, es tut mir sehr leid, dass du von deinen Kindern abhängig bist. Da kann man sich vorstellen, dass eine Mutter alles für ihre Kinder tut, aber die Kinder nicht für die Eltern. Du hättest doch gewiss nach dem Tode deines Mannes wieder heiraten können. Manchmal gibt es doch noch einen guten Mann darunter. Da hättest du es bestimmt besser gehabt.
Natürlich weiß ich von diesen Dingen gar nichts.
Mein Mann war auch immer krank.
In diesem Winter war er 60 Jahre alt und da lässt der Mensch halt nach. Ich fühle mich immer noch gut, bis auf Kleinigkeiten, und die werden nicht gezählt. Mir sieht man meine zweiundfünfzig Jahre nicht an, behaupten die Leute jedenfalls.
Wie sehr wünsche ich, dich und Auguste noch einmal wieder zu sehen. Da würden wir unseren Herzen und Zungen freien Lauf lassen. Unser letztes Wiedersehen ist nun schon 22 Jahre her. Das ist eine lange Zeit! Liebe Schwester, ist denn der Karl noch nicht verheiratet? Ich bin jetzt auch Großmutter geworden. Mein zweiter Sohn, Max, und seine Frau haben ein Mädchen bekommen. Wilhelm, der Älteste, hat noch keine Kinder. Mir ist es egal.
Dank kann man von Kindern nicht erwarten, das weißt du nur zu genau. Beklagen kann ich mich allerdings nicht über meine Söhne.
Die lassen nichts auf uns kommen.
Wenn wir jedoch bei unseren Schwiegertöchtern leben müssten, sähe es schlecht aus.
Bevor ich jetzt beginne zu klagen, werde ich lieber schließen.
Bis zum nächsten Kontakt verbleibe ich deine Schwester Henriette.
Wilhelm lässt auch vielmals grüßen.
Adams, den 28. September 1913
Meine liebe Schwester!
Deinen Brief und die Karte haben wir erhalten und bedauern von ganzem Herzen, dass dich ein solches Unglück getroffen hat. Da haben die beiden guten Kinder den gleichen Tod gefunden. * Wenn beide nun Krüppel wären, was hätten sie dann noch vom Leben? Darum gönnen wir ihnen die ewige Ruhe und lassen sie in Frieden schlafen. Sie sind den Weg bereits gegangen, den wir noch vor uns haben.
Liebe Schwester, du musst dich halt über den Verlust, den du erlitten hast, hinweg trösten. Es hat so sollen sein. Wie hat sich Friedrich über seine Frau ärgern müssen! Sein Leben war vergiftet.
Und es hätte solange kein Ende gefunden, bis eine endgültige Lösung erfolgt wäre. Selbst, wenn er geschieden und wieder verheiratet gewesen wäre, gäbe es keine Garantie für ein glückliches Leben. Liebe Schwester, du schreibst, dass Karl ein Säufer ist und dass du dich über ihn ärgern musst. Das tut mir sehr leid. Ich bin doch seine Patin.
Trinken tun meine Söhne nicht! Der Älteste, Wilhelm, der noch bei uns lebt, trinkt gar nichts. Die anderen drei trinken ein Glas Bier, aber betrinken sich nicht. Genau wie mein Mann. Jetzt schon gar nichts, weil er sich zurzeit nicht wohl fühlt.
Nun, liebe Schwester, muss ich dir mitteilen, vielleicht hast du es ja in der Zeitung gelesen, dass Augustes Neffe am 5. April seine vier Kinder und sich selbst erschoss. Er hatte die Schwindsucht. Und weil er nicht mehr arbeiten konnte, musste seine Frau das tun. Um seine Leiden zu vergessen, ging er manchmal aus.
Zwei Tage vor der Tat sollen sie sich sehr gestritten haben und die Frau soll ihm vorgehalten haben, dass sie seine schwindsüchtige Brut erhalten muss.
Das soll ihn zur Tat getrieben haben.
Ich wollte zur Beisetzung fahren, aber wir wären zu spät gekommen.
Es muss doch herzbrechend gewesen sein, wenn eine Mutter alles auf einmal verliert. Es waren zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter vom fünf bis zwölf Jahren. Ein Freund von uns hat uns alles genau geschrieben.
Die einen geben ihr die Schuld, die anderen ihm. Als Trinker ist er nicht bekannt. Er hat stets, solange er konnte, gearbeitet.
Als ich von der Tat hörte, war ich fast eine Woche lang krank. Es tut einem schon so weh, wenn man ein Kind verliert. Wie viel schlimmer ist es in diesem Fall.
Der Mann muss halb von Sinnen gewesen sein, um eine solche Tat auszuführen.
Nun, liebe Schwester, schreibe ich dir etwas von unserem Wetter.
Die Monate März und April waren schön warm. Die Bäume blühten in voller Pracht.
Dann wurde es wieder kalt und in einer einzigen Nacht war die Blüte erfroren. So gab es keine Früchte. Keine Kirschen, Pflaumen, Äpfel und Aprikosen, nur ein Baum trägt ein paar Birnen. Den ganzen Sommer hat es zu wenig geregnet.
Die Kartoffeln sind enorm teuer und Fleisch kann man bald gar nicht mehr bezahlen.
Wir sind ja keine großen Fleischesser, aber um acht Mark muss ich für Fleisch rechnen. Die Butter kostet nach eurem Geld 1,70 Mark. Alles andere ist ebenfalls so teuer geworden. Durch die Trockenheit gibt es auch kein Heu. Das Wasser ist jetzt so knapp, dass es halbe Tage lang abgestellt wird.
Ich war vor zwei Wochen auf einer Farm.
Die hatten gar kein Wasser und mussten das Vieh eine Meile weit zur Tränke treiben. Sie hatten kaum genug zum Kochen. Wäsche konnte die Frau schon vier Wochen lang nicht waschen. Aber jetzt hat es zwei Tage lang geregnet.
Liebe Schwester, ich habe mich über dein Bild gewundert. Du siehst dir ja gar nicht mehr ähnlich! Ich glaubte, die Auguste vor mir zu sehen.
Du bist so stark geworden! Du wirst dasselbe auch von mir denken. Man verändert sich halt.
Du bist jetzt siebenundfünfzig Jahre alt und ich fünfundfünfzig.
Ich will nun schließen und sende dir und deinen Kindern viele Grüße.
Auch von Wilhelm beste Grüße.
*13. 4. 1913 verunglückte Friedrich Schroth, Sohn von Luise Schroth. tödlich auf der Zeche in Dorsten. Auch ein Sohn von Henriette Adam, Walter Adam, verunglückte am 8. 9. 1912 tödlich bei einem Autounfall.
Adams, den 27. November 1914
Meine liebe Schwester und Verwandten, euren lieben Brief haben wir am 23. November erhalten. Ich hatte fast die Hoffnung aufgegeben, Post von euch zu bekommen.
Meine Lieben, ja es ist ein wahrer Jammer, dass so viele Menschen hingeschlachtet werden. Mir bleibt manchmal fast das Herz stehen, wenn wieder so viele Tausende gefallen und verwundet worden sind. Das „New-York-Morgen-Journal“ ist wohl die einzige Zeitung, der man etwas glauben kann. Die englischen Zeitungen bringen meist lauter Siegesmeldungen von den Verbündeten. Ein paar Tage später sieht es dann schon wieder anders aus.
Da habt ihr Recht, der Krieg bringt so manches Unheil mit sich! Auch hier in Amerika geht es der Wirtschaft sehr schlecht!
Meine Leute haben den ganzen Sommer hindurch nur vier Tage wöchentlich gearbeitet. Aber jetzt, wo der Winter vor der Tür steht, wird nur drei Tage lang gearbeitet. Da kannst du dir denken, dass es auch in Amerika schlecht geht.
Das kommt alles vom Krieg!
Und zudem wird man von vielen englischen Familien, die früher immer freundlich zu den Deutschen waren, gemieden. Sie lassen es uns spüren, dass Krieg herrscht.
Dass wir stets Partei für die deutsche Seite beziehen, ist wohl selbstverständlich. Obwohl wir schon seit dem Jahr 1887 amerikanische Bürger sind, fühlen wir deutsch.
Liebe Schwester, in Amerika gibt es nicht viele Soldaten.
Sie können nicht ein so gut ausgebildetes Heer wie Deutschland stellen. Meine Jungen sind keine Soldaten so wie deine. Sie haben dem Werben nicht nachgegeben, denn es ist kein Zwang. Wer zum Militär möchte, geht freiwillig. Nur mein Zweitältester, der Max, hat sich freiwillig ohne unsere Erlaubnis gemeldet.
In Adams gibt es eine Kompanie. Da wird zwei Mal im Monat abends zwei Stunden exerziert und jedes Jahr eine Übung abgehalten. Nach drei Jahren sind sie mit dem Militärdienst fertig. Das hat den Vorteil, dass sie ihrer Arbeit weiterhin nachkommen können.
Daran kannst du sehen, welch geübtes Heer Amerika hat.
Unser Max war Sergant. Aber er hat schon mit dem Englischen keine Schwierigkeiten gehabt und kann gut lernen. Er liest viel. Sein Interesse gilt geschichtlichen Themen.
Auf dem Gebiet kann er alle übertrumpfen.
Die Kinder können doch alle besser englisch als deutsch.
Lesen und schreiben können sie gar kein deutsch.
Sie haben doch nur das gelernt, was wir zu Hause gesprochen haben. Ich spreche mit den Kindern sehr viel englisch, denn mein Schwiegersohn ist doch kein Deutscher. Seine Mutter war Engländerin und sein Vater Franzose.
Aber er sagt niemals, was er denkt. Er hält sich aus allen politischen Diskussionen heraus.
Ja, liebe Schwerster, wir glauben gern und alle in Amerika Lebenden hoffen, dass ihr zu Weihnachten die Siegesglocken läuten hören möget.
Es ist des Elends genug!
Unsere englischstämmigen Nachbarn können manchmal gar nicht glauben, dass die Deutschen und Österreicher immer so siegreich aus den Kämpfen hervorgehen. Gerade habe ich wieder die Zeitung bekommen und kann lesen, dass die Österreicher 40.000 Russen bei Lodz gefangengenommen haben.
Wie viele von den tapferen Soldaten mögen ihr Leben eingebüßt haben, frage ich mich.*
Ja, liebe Schwester, auch wir denken und sprechen täglich von euch.
Wir wünschen, dass alle deine Lieben die Heimat wieder sehen mögen. Es ist für alle schwer, ihre Angehörigen in Feindesland begraben zu müssen.
Aber wir können es nicht ändern.
Langsam wird es Winter. Wir haben bereits eine Schlitterbahn gehabt, aber gestern war es so warm, dass der Schnee schnell taute.
Unser deutschstämmiger Postmeister sagte, dass es zu gefährlich sei, Geld nach Deutschland zu schicken und es besser wäre, es zu unterlassen.
Gesund sind wir noch alle und hoffen das Gleiche auch von euch.
Und nun, meine Lieben, wünsche ich euch ein gesundes Weihnachtsfest und hoffe, dass bald Frieden sein wird.
Mit herzlichen Grüßen schließe ich mein Schreiben deine Schwester und Schwager Wilhelm und Henriette Adam.
* Am 6. Dezember 1914 gaben die russischen Truppen die zuvor verbissen verteidigte Stadt Lodz auf.
Renfrew/Adams, den 20. Juni 1919
Liebe Schwägerin und Kinder!
Mit Freuden ergreife ich heute die Feder, um euch, meinen Lieben, wieder einmal ein paar Worte des Trostes nach so langer Leidenszeit übersenden zu können.
Hoffentlich seid ihr alle noch am Leben.
Sobald wir wissen, dass du, liebe Schwägerin, noch in Westfalen wohnst, werden wir dir ein paar Dollar schicken. Du wirst das Geld sicher nötig gebrauchen.
Wir hatten alle nicht gedacht, dass es so kommen würde. Aber glaube mir, liebe Schwägerin, aus der unsäglichen Zeit, aus den Trümmerhaufen des Unglücks wird auch wieder etwas Gutes, Besseres entstehen. Das Alte fällt und neues Leben wächst aus den Ruinen.
Liebe Luise, schreibe uns, was aus allen geworden ist, ob deine Kinder alle glücklich heimgekehrt sind, ob sie verwundet wurden oder in Gefangenschaft gerieten.
Hat die Influenza bei euch auch so viele dahingerafft? Bei uns waren es meistens junge Leute, die an der Krankheit starben.
In den Soldatenunterkünften war es auch sehr schlimm!
In den Krieg musste nur unser Jüngster.
Er war ein Jahr im Frankreich. Fast an allen Kriegsschauplätzen von Nord bis Süd. Er hat niemanden erschießen müssen, da er Fahrer war. Vom Automobil aus hat er Frankreich kennengelernt.
Viele Grüße von deinem Schwager Wilhelm.
Henriette schreibt weiter:
Liebe Schwester,
nun auch ein paar Zeilen von mir! Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren an dich denken müssen. Du hattest ja so viele Söhne im Feld! Wenn der Krieg noch länger gedauert hätte, so wären die anderen sicher auch noch rekrutiert worden.
Ich habe mich so abgehärmt, dass meine Haare schneeweiß geworden sind. Es ist wirklich hart, wenn Deutsche gegen Deutsche gehen müssen!
Mein Sohn hat mit vielen Gefangenen gesprochen. Darunter waren viele aus Schlesien. Er hat ihnen immer Tabak gegeben.
Was müsst ihr Lieben nicht alles während der letzten viereinhalb Jahre durchgemacht haben! Es wird jetzt doch wohl alles ein wenig besser werden bei etwas sinkenden Lebensmittelpreisen. Aber die Abgaben für die Kriegsschuld sind sehr hoch.
Auch bei uns ist alles sehr teuer geworden.
Ein Pfund Butter kostet 3 Mark, eben soviel 15 Pfund Kartoffeln.
Für Fleisch und Mehl muss man die Geldbörse auch weit öffnen.
Der Preis für Schuhe und Garderobe hat sich vervierfacht im Gegensatz zu Vorkriegszeiten!
In unserem Ort streiken die Arbeiter für mehr Lohn.
Bleibt zu hoffen, dass die Arbeitsniederlegungen erfolgreich sein werden.
Liebe Schwester und Kinder, seid so gut und schreibt uns recht bald und viel.
Seid nun tausend Mal gegrüßt von deiner Schwester Henriette und Schwager Wilhelm Adam.
Adams, den 8. 9. 1919
Liebe Schwägerin und Kinder! In bestem Wohlsein haben wir deinen so lieben Brief und die Karte erhalten. Wir freuen uns sehr, dass ihr noch alle am Leben seid bis auf deinen lieben Sohn Karl.
Ich habe an meine Schwestern in Schlesien geschrieben, habe aber bis jetzt noch nichts von ihnen erfahren können. Ob sie noch am Leben sind, frage ich mich oft. Sie werden wohl in dieser schweren Zeit gestorben sein. Ich werde nächstes Jahr siebzig und sie sind vier und acht Jahre älter als ich.
