Ökonomie und das Ganze - Georg Dr. Röttger - E-Book

Ökonomie und das Ganze E-Book

Georg Dr. Röttger

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Beschreibung

Dieses Buch ist das dritte Buch einer Trilogie zum übergreifenden Thema „Die Transformation unserer Gesellschaft“. Das Anliegen des Autors ist es zu zeigen, dass unser rationales Bewusstsein alleine nicht dazu in der Lage ist, unsere globalen Probleme zu lösen. Nur ein erweitertes Bewusstsein, das auch seine Voraussetzungen mit einbezieht, wird uns in die Lage versetzen, den globalen Herausforderungen gerecht zu werden. Die Voraussetzungen unseres rationalen Bewusstseins sind unsere operationalen Strukturen. Unsere individuellen operationalen Strukturen entsprechen auf gesellschaftlicher Ebene den operationalen Strukturen des ökonomischen Systems. Entgegen der soziologischen Systemtheorie operieren sie jedoch in einem anderen Modus. Das Prinzip ihres Operierens ist ihnen jedoch gemeinsam. Genau dies ist es, was ihre Einheit bildet und die Transformation ermöglicht. Die Transformation vollzieht sich in den operationalen Strukturen. In unserem begrifflichen Denken ist eine Transformation unmöglich.

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Seitenzahl: 540

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage Mai 2020

Copyright © 2020 by Ebozon Verlag

ein Unternehmen der CONDURIS UG (haftungsbeschränkt)

www.ebozon-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: media designer 24

Coverfoto: Pixabay.com

Layout/Satz/Konvertierung: Ebozon Verlag

ISBN 978-3-95963-692-6 (PDF)

ISBN 978-3-95963-690-2 (ePUB)

ISBN 978-3-95963-691-9 (Mobipocket)

ISBN der Printausgabe 978-3-95963-693-3

Von Dr. Georg Röttger sind in unserem Haus außerdem folgende Titel

erschienen: Ökonomie ohne Geld?•Ökonomie und Bildung

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors/Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Veröffentlichung, Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Dr. Georg Röttger

ÖKONOMIE

unddas GANZE

Der Weg aus der Magie des Geldes

Ebozon Verlag

1. Einleitung

Wir leben in einer Zeitenwende. Alle wesentlichen Probleme sind globaler Art und machen doch zugleich dem Einzelnen Angst. Wir fühlen uns bedroht von der Klimakatastrophe, von der Migration, vom Terror, vom Zerbrechen der Gesellschaft aufgrund zunehmender sozialer Ungleichheit, von der Digitalisierung, die die Arbeitsplätze bedroht und uns zugleich zu Sklaven der künstlichen Intelligenz zu machen scheint. Das Neuartige an dieser Bedrohungslage ist die Tatsache, dass sie zugleich den Einzelnen berührt wie auch, dass sie ein globales Phänomen ist.

Bisher konnten Probleme vor Ort, regional oder national gelöst werden. Für diese neuartige Problemlage haben wir jedoch keine institutionellen Lösungsmechanismen. Die Tendenzen zum Nationalismus weisen angesichts des globalen Ausmaßes in die vollkommen falsche Richtung. Sie vergrößern die Bedrohungslage eher noch, indem sich die Mächtigsten durchsetzen, ohne dass diese erkennen würden, dass sie sich damit langfristig selbst schädigen. Es fehlt daran, diese neue Problemlage in ihrer Dialektik, d. h. in ihrer Einheit von konkreter Berührung und abstrakter Erkenntnis, in ihrer Ganzheit zu begreifen. Wir benötigen ein „Verfahren“, das zugleich das Konkrete unserer Empfindungen und das Abstrakte unserer Begriffe fassen kann. Es geht um nicht weniger als die Einheit des Sagbaren und des Unsagbaren.

Die eigentliche Problemlage sind daher gar nicht einmal die Probleme selbst, sondern das Fehlen eines „Lösungsverfahrens“, das alle einbezieht und alle anerkennen können. Genau dies ist erforderlich! Hier steht weder auf politischer noch auf wissenschaftlicher Seite etwas „zur Verfügung“. Das, was es anzuerkennen gilt, kann uns jedoch gar nicht zur Verfügung stehen! Es sind die operationalen Strukturen, von denen wir vollkommen abhängig sind. Denn diese operationalen Strukturen machen Veränderungen erst möglich. In ihnen vollziehen sich erst Veränderungen. Dies lässt sich natürlich wiederum begrifflich beschreiben. Aber diese Beschreibung ist nicht der Vollzug der Veränderung selbst. Denn der ist operationaler Art und nicht begrifflicher bzw. kategorialer Art.

Niemals in der Menschheitsgeschichte haben Veränderungen in einer derartigen Geschwindigkeit und Intensität stattgefunden wie heute. Daher sind auch die operationalen Strukturen nie so recht in unser Bewusstsein gerückt. Bisher haben wir mit der Statik der kategorialen Strukturen selbst noch die Bewegung beschrieben. Mit ihnen alleine ist das, was sich heute in uns und um uns herum abspielt, aber nicht zu fassen. Und dieses Nicht-fassen-Können macht uns Angst. Denn wir sind gewohnt, mit unserem Intellekt das Umfeld zu beherrschen. Wir beherrschen aber unser Umfeld nicht mehr. Im Gegenteil, das, was uns bisher geholfen hat, scheint uns zugleich zu bedrohen. Die künstliche Intelligenz ist hierbei nur die zurzeit letzte Bedrohung. Aktuell dominiert jedoch die Corona-Pandemie alles andere. Was sie mit uns macht, ist sprachlich alleine nicht zu fassen. Sie wird allerdings vorübergehen. Jedoch wird sie den Prozess, den ich in diesem Buch beschreibe, beschleunigen. Sie wird uns zeigen und vor allem spüren lassen, dass das, was wir mit dem Begriff Solidarität nur beschreiben, uns alleine helfen kann, diese Krise zu bewältigen. Solidarität ist eine operationale Struktur, sie ist ein körperliches Handeln, nicht nur eine sprachliche Handlung.

Die Lösung kann daher nur von den operationalen Strukturen kommen, die uns jedoch nicht zur Verfügung stehen. In unserer intellektualistisch geprägten Welt ist dies ein Paradoxon und daher nicht lösbar. Wir stehen also aus der Sicht unserer so geprägten Welt vor einem unlösbaren Problem.

Es ist eine global wirkende und zugleich existentielle Angst, die durch die Veränderung entsteht. Etwas Fundamentaleres kann es nicht geben. Es betrifft uns alle, die Menschheit insgesamt. Wir alle empfinden diese Hilflosigkeit, weil wir das Geschehen nicht fassen können. Begrifflich ist dies auch unmöglich. Dies ist es, was es anzuerkennen gilt.

Es geht nicht nur darum, den Anderen anzuerkennen. Es geht um etwas viel Tieferes. Es geht darum etwas anzuerkennen, was uns nicht zur Verfügung steht, von dem wir jedoch vollkommen abhängig sind. Dies sind unsere operationalen Strukturen, die alleine Veränderungen ermöglichen. Mit noch so ausgefeilter Begrifflichkeit können wir nichts verändern. Denn Veränderung ist ein Prozess, der sich vollzieht. Nur der Vollzug selbst ist Wirklichkeit. Wirklichkeit ist etwas, das mich innerlich berührt und damit operationaler Art. Ich kann zwar mein inneres Berührtsein beschreiben, aber das ist nicht mein Gefühl selbst.

Das, was für mein subjektives Empfinden gilt, gilt auch für das Soziale. Wir können die sozialen Beziehungen in der Gesellschaft beschreiben, aber das sind nicht die sozialen Beziehungen selbst, die sind operationaler Art und lebendig. Die Begrifflichkeit und damit die kategorialen Strukturen, also Sprache und Schrift, sind etwas ganz Anderes. Mit ihnen kann ich weder meine subjektiven Empfindungen noch meine sozialen Beziehungen fassen. Es ist schlicht unmöglich. Sie operieren in einem anderen Modus.

Unser reflexives Denken ist eine sehr junge Errungenschaft der Menschheitsgeschichte. Erst seit etwa zweieinhalbtausend Jahren besitzen wir diese kulturelle Fähigkeit. Mit seinen kategorialen Strukturen, seinem begrifflichen Denken, hat es uns theoriefähig gemacht. Philosophie, Wissenschaft und Technik konnten damit entstehen. Seine Basis sind jedoch operationale Strukturen. Alles in unserem Kosmos ist operationaler Art! Unsere kategorialen Strukturen sind aus ihnen erst hervorgegangen. Ohne operationale Strukturen würden wir keinen Gedanken und keinen Begriff hervorbringen können.

Hinzu kommt, dass wir mit unserer definitorischen Begrifflichkeit die Zeit still stellen. Was wir benötigen, ist eine zweite Reflexion, die Reflexion auf unseren Ursprung, auf die operationale Struktur. Diese Reflexion ist eine Integration des eigenen Ursprungs und zugleich seine Anerkennung. Diese Anerkennung erst macht uns frei und damit zukunftsfähig. Es ist die Anerkennung des uns Unverfügbaren, die uns zur Freiheit führt. Wir benötigen auch weiterhin Begriffe und damit die kategorialen Strukturen. Wir müssen sie nur durch eine zweite Reflexion, also durch Integration der operationalen Strukturen, erweitern. Dies ist etwas fundamental Neues in der Menschheitsgeschichte.

Während der von Karl Jaspers so genannten „Achsenzeit“ Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung bildete sich die Fähigkeit, die Gedanken auf die eigenen Gedanken zu beziehen. Damit war das reflexive Denken geboren. Dies bedeutet aber auch, dass die Gedanken in sich selbst kreisen und keinen direkten Bezug mehr zur äußeren Welt haben. Damit hat sich ein neues System ausdifferenziert, das Intellektsystem mit seiner Begrifflichkeit, den kategorialen Strukturen. Ermöglicht haben dies die operationalen Strukturen, die alleine Veränderungen ermöglichen, also Neues entstehen lassen können.

Mit der dadurch möglich gewordenen intellektuellen Durchdringung der äußeren Welt – in objektivierender Einstellung – haben wir Technologien entwickeln können, die uns unseren materiellen Wohlstand beschert haben. Heute bedroht uns diese objektivierende Einstellung, die ja Resultat eines ausdifferenzierten Systems ist, also nicht das Ganze fassen kann. Die soziale Welt und die Welt der subjektiven Empfindungen sind dem Intellektsystem unzugänglich. Das Intellektsystem kann diese Welten lediglich beschreiben, aber nicht vollziehen. Dazu bedarf es der ihm zugrunde liegenden operationalen Strukturen. Diese sind uns aber unverfügbar.

Von diesen operationalen Strukturen wird aber in diesem Kosmos alles getragen, auch unser Denken. Doch unserem Denken selbst sind sie nicht verfügbar. Von ihnen sind wir jedoch vollkommen abhängig. Wie wir mit diesem scheinbaren Paradoxon fertig werden können, zeigt dieses Buch. Es zeigt die Tiefe unserer heutigen globalen Probleme auf. Unser Intellektsystem alleine wird sie aus systembedingten Gründen nicht lösen können. Unser Intellektsystem kann nicht das Ganze, die Einheit des konkret Gefühlten und des abstrakt Gedachten fassen. Unsere Welt ist aber nur eine Welt in ihrer Trinität von objektiver Welt, sozialer Welt und der Welt unserer jeweiligen subjektiven Empfindungen. Erst aus dem einen Ganzen heraus, an dem wir selbst teilhaben, können wir wieder Orientierung finden.

2.Problemfelder der Gegenwart

2.1 Klima

Der Sommer 2018 war ungewöhnlich lang, trocken und heiß. Während ich beginne, dieses Buch zu schreiben, liegen die Temperaturen in Deutschland zwischen 25–30° C. Das Ungewöhnliche ist, dass wir uns schon in der zweiten Hälfte des Oktobers befinden und auf den November zugehen. Am Wochenende waren wir auf dem Feldberg im Taunus. Der Himmel war wolkenlos. Ein wunderschöner Tag in der Natur bei Sonne pur. Wir saßen im T-Shirt draußen auf der Terrasse des Restaurants, auf fast 900 m Höhe, bei Kaffee und Kuchen. Im Anschluss unternahmen wir eine Wanderung und kamen an einer sehr breiten kilometerlangen Schneise vorbei. Sie führte vom Gipfel ins Tal und war zum großen Teil wieder zugewachsen. Wir vermuteten hierin eine ehemalige Ski-Piste.

Am Abend erlebten wir einen traumhaften Sonnenuntergang. Wir waren hungrig und beschlossen, auch im Gipfelrestaurant zu Abend zu essen. Da die Sonne nun untergegangen war, entschieden wir uns, drinnen zu sitzen. Neben unserem Tisch hingen Bilder mit Winterlandschaften: verschneite Wälder, Seilbahn und Ski-Pisten. Über uns hingen ein Hundeschlitten und schräg vorne eine Rettungsrutsche. Im weiteren Umfeld befanden sich alte nostalgische Skiausrüstungen. Wintersport wird hier heute nicht mehr betrieben. Dazu sind die Winter zu mild geworden und damit die Schneesicherheit zu gering, um einen Wintersportbetrieb aufrechterhalten zu können.

Aber in diesem Jahr war es nicht nur ungewöhnlich lange heiß und trocken, sodass das Korn auf den Feldern vertrocknete. Wenn es regnete, war es oft wolkenbruchartig. In wenigen Minuten kamen Wassermassen aus den Wolken wie sonst nur in Monaten oder gar das ganze Jahr über. Der trockene Boden konnte dann die riesigen Wassermassen nicht aufnehmen. Bäche wurden so in minutenschnelle zu reißenden Strömen. Meterhohe Flüsse schossen so durch Dörfer und Städte. Die Wassermassen rissen Autos und ganze Straßenzüge mit sich. Andernorts entstanden Erdrutsche und Schlammlawinen, die ganze Häuser mit sich rissen und/oder unter sich begruben.

Die Wirbelstürme vor der Südwestküste der USA und im pazifischen Raum nehmen an Anzahl und Stärke zu. Durch die Aufheizung der Ozeane konzentrieren sich durch Verdunstung riesige Wassermengen in der Atmosphäre. Gleichzeitig nehmen die Windgeschwindigkeiten durch die höheren Temperaturdifferenzen zu. Riesige Wassermengen bei gleichzeitig gewaltigen Stürmen verwüsten die Küstenregionen.

Durch die Erwärmung des Wassers dehnt sich das Wasser aus und lässt den Meeresspiegel noch zusätzlich ansteigen. Dieser steigt ohnehin schon an durch das Abschmelzen der Polkappen und der Gletscher. Der Klimawandel aufgrund des CO2-Ausstoßes ist heute schon Wirklichkeit. Doch gehen wir systematisch und ganzheitlich vor.

Um den Klimawandel zu verstehen, müssen wir das Ganze verstehen. Etwas ist in Unordnung geraten zwischen Sonne und Erde. Es ist der Energieaustausch zwischen unserer Atmosphäre und dem Weltraum. Wenn mehr Sonnenenergie auf die Erde trifft als in den Weltraum abgestrahlt wird, erwärmt sich die Erde. Ein physikalisch einfacher Zusammenhang. Das System Erde ist nicht mehr in der Lage genügend Energie abzugeben, um die Temperatur konstant zu halten. Natürliche Temperaturschwankungen sind in der Erdgeschichte immer wieder aufgetreten. Sie werden hervorgerufen z. B. durch Änderungen der Erdbahn um die Sonne oder Änderung der Neigung der Rotationsachse der Erde. Andere Ursachen in der Vergangenheit waren aber auch Einschläge von Meteoriten und Asteroiden. Aber auch große Vulkanausbrüche sind in der Lage, Kälteperioden zu erzeugen, das heißt die Sonne wird daran gehindert, ihre Energie auf die Erde zu bringen.

Zunächst müssen wir aber noch die Begriffe Klima und Wetter unterscheiden. Die physikalischen Parameter sind dieselben. Der wesentliche Unterschied ist die Art der Betrachtung der Zeit. Das Wetter bezieht sich auf den aktuellen Zustand der unteren Atmosphäre an einem Ort. Das Klima ist ein statistischer Ausdruck des Wetters über einen Zeitraum. Als Bezugszeitraum wird in der Regel eine Zeitspanne von 30 Jahren herangezogen. So sind z. B. die über unseren Planeten gemittelten oberflächennahen Lufttemperaturen zwischen den Zeiträumen von 1951–1980 und 1981–2010 um fast 0,5° C gestiegen. Heute besteht kein ernstzunehmender Zweifel mehr daran, dass wir Menschen die Hauptverursacher dieser Erderwärmung sind. Ursache sind die Treibhausgase, die wir in die Atmosphäre emittieren. Dahinter steht die riesige Energieumwandlung unseres ökonomischen Systems auf unserem Planeten.

Die wichtigsten Treibhausgase sind Kohlendioxid (CO2) und Methan (CH4). Kohlendioxid wird freigesetzt vor allem bei der Verbrennung von Kohle und Erdöl. Methan entsteht durch Trockenlegung von Mooren, Auftauen von Permafrostböden, aber auch bei den Verdauungsprozessen von Wiederkäuern, vor allem bei Rindern. Die in den Mägen von Rindern erzeugte Menge von Methan ist heute die wichtigste anthropogene Quelle von Methan.

Das Fatale an der Erderwärmung ist, dass die unterschiedlichen Prozesse rückgekoppelt sind und sich dabei gegenseitig verstärken. Die Erde ist – aus menschlicher Sicht – ein gewaltiges System im Kosmos, das wiederum aus Teilsystemen aufgebaut ist, die enge Wechselbeziehungen haben. Unser aus dem Weltraum gesehen „blauer“ Planet ist ein Gesteinsplanet. Im 3. Kapitel werden wir sehen, dass nicht alle Planeten von dieser Art sind. Dort werden wir auch sehen, wie feinabgestimmt alles sein muss, damit überhaupt Leben entstehen und erhalten werden kann. Für den klimatischen Zusammenhang sind folgende Systeme bzw. Sphären von Bedeutung:

Lithosphäre (Gesteinsphäre)

Pedosphäre (Böden)

Biosphäre (Pflanzen und Tiere)

Kryosphäre (Region von Eis, Schnee und Permafrost)

Hydrosphäre (Wasserkreislauf zwischen Ozeanen, 

Kontinenten und Atmosphäre)

Atmosphäre (Verbindet uns mit dem Weltall)

Alle Systeme speichern Wärme und geben Wärme ab in sehr unterschiedlicher Art, Menge und Geschwindigkeit und wechselwirken dabei. Wenn die Temperaturen steigen, schmelzen z. B. Schnee und Eis. Deren Flächenausdehnung nimmt ab und damit die Reflexion der Sonnenstrahlen. Hierdurch nimmt die Temperatur auf der Erde zusätzlich zu. Wenn es noch wärmer wird, tauen die Permafrostböden auf und emittieren dadurch zusätzliches Methan, also Treibhausgas, das nochmals zur Steigerung der Erderwärmung beiträgt. Warme Luft kann mehr Wasserdampf speichern. Wasserdampf ist aber auch ein Treibhausgas, sodass mehr Wasserdampf zu mehr Wasserdampf führt. Alles rekursive Steigerungsprozesse, die die Erderwärmung zusätzlich beschleunigen. Alleine die Wasserdampfrückkopplung erhöht die Wirkung von CO2, um den Faktor zwei bis drei. Daher ist es so wichtig, dass die Ursachen, also unsere extreme Energieumwandlung von Kohle und Erdöl (Benzin) und unsere extensive Viehwirtschaft reduziert werden.

Interessant ist es nun zu wissen, dass der natürliche Treibhauseffekt das Leben auf diesem Planeten erst ermöglicht. Dieser natürliche Treibhauseffekt ermöglicht erst dieses uns gewohnte gemäßigte Klima von im Mittel +15° C. Ohne diesen Mechanismus wäre es auf der Erde um 33° C kälter. Ein Leben wäre für die meisten Lebewesen unter diesen Bedingungen nicht möglich. Der Treibhauseffekt ist daher für uns überlebenswichtig. Treibhausgase absorbieren Wärmestrahlung (langwellige Strahlung), die von der Erdoberfläche, den Wolken und der Atmosphäre selbst abgestrahlt werden. Sie strahlen die Wärme sowohl in Richtung Weltall als auch in Richtung Erdoberfläche. Sind aber zu viele Treibhausgase vorhanden, wird zu wenig in das Weltall abgestrahlt. Extrapoliert man die Treibhausemissionen der letzten Jahrzehnte in die Zukunft, so wird es bis 2100 gegenüber 1850–1900 um ungefähr 3–5° C wärmer sein. Mit unseren technologischen Fähigkeiten ist es jedoch möglich, den Anstieg auf ca. 1,5–2° C zu begrenzen. Die heutige Technik gibt dies her. Alleine unsere mangelnde globale Kooperationsfähigkeit scheint dem entgegenzustehen. Hier liegt das eigentliche Problem. Was ist das dominierende Prinzip des Lebens, Konkurrenz oder Kooperation? Die Ökonomen gehen von Konkurrenz aus. Das ökonomische System aber ist das System, in dem die Energie umgewandelt wird. Im Prozess der Energieumwandlung entstehen die Treibhausgase. Ist mit dem ökonomischen Prinzip der Konkurrenz unser globales Klimaproblem lösbar? Noch dazu in einer Welt mit zunehmender Konkurrenz der Nationen, also mit Nationalismus. Das Problem liegt eindeutig im Sozialen, nicht im Technischen.

Gegenüber dem Zeitraum von 1850–1900, das ist die Zeit der Industrialisierung, ist die globale Erdoberflächentemperatur um ca. 1° C gestiegen. Für Deutschland liegt der Temperaturanstieg seit 1881 bei 1,4° C. Damit treten nachweislich mehr Dürren und zugleich mehr Starkniederschläge und Überschwemmungen auf. Seit Beginn der Temperaturmessungen liegen von den 14 wärmsten Jahren 13 in diesem Jahrhundert. Das global wärmste Jahr war 2015.

Die im Sommer mit Meereis bedeckte Fläche hat sich seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1979 um ein Drittel reduziert. Der Meeresspiegel ist seit 1900 um ca. 20 cm gestiegen. Davon alleine seit 1993 um 8 cm. Selbst bei starken Maßnahmen wird der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts nochmals um 40 cm steigen. Möglich sind auch 70 cm.

Alleine bei einem Anstieg der globalen Temperatur um nur 0,5° C werden nach dem neuesten Bericht des Weltklimarates IPCC 46 Millionen Menschen dann in Gebieten leben, die von dauerhaften Überflutungen bedroht sind. Dies sind vor allem China, Indien, Bangladesch, Vietnam, Indonesien und Japan. Aber auch Menschen in Brasilien, den USA und den Niederlanden sind betroffen. Dies ist wohl nicht mehr zu verhindern. Wohl aber jeder weitere Anstieg der globalen Temperatur auf über 1,5° C seit der Industrialisierung.

Es ist nicht unser technisches Können, das uns daran hindert, das damit verbundene menschliche Leid zu verhindern. Es sind die Mentalitätsstrukturen der Menschen, die sich im ökonomischen System durchsetzen. Diese haben uns den gewaltigen Wohlstand beschert. Nun bedroht diese Mentalitätsstruktur ihre eigenen Grundlagen. Diese dialektische Entwicklung gilt es in ihrer Tiefe zu verstehen.

So wie die Treibhausgase weder positiv noch negativ zu bewerten sind, ist auch unser ökonomisches System weder gut noch böse. Wir müssen nur seinen Stellenwert im Ganzen und damit seinen Sinn verstehen. Die Ökonomie ist der gesellschaftliche Austausch der Menschen mit der Natur. Sein Sinn ist das gute Leben. Ökonomie, Natur und Gesellschaft sind eine Einheit, ein Ganzes. Der Energieaustausch unseres Planeten mit dem Weltall ist nur global, d. h. kooperativ, wieder einzustellen. Heute befinden wir uns in einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen hat diesen Begriff geprägt. Er verdeutlicht, dass der Mensch durch sein selbst geschaffenes ökonomisches System einen ähnlich großen Einfluss auf die Umwelt ausübt wie die natürlichen Faktoren.

Es gilt daher, die Operationsweise des ökonomischen Systems zu verstehen. Die Ökonomen alleine sind hierzu aus verständlichen Gründen nicht in der Lage. Denn die Ökonomie ist der Austausch der menschlichen Gesellschaft mit der Natur. Es geht also um dieses Ganze.

2.2 Migration

Migration ist ebenfalls ein globales Phänomen. Während jedoch die von Menschen gemachte Erderwärmung ein neues Problem darstellt, ist die Migration schon so alt wie die Menschheit. Heute geht man davon aus, dass sich der homo sapiens vor ca. 200.000 Jahren in Afrika entwickelt hat. Der bisher älteste Fund wird auf 160.000 Jahre geschätzt. Weiter weiß man heute, dass es eine erste Migrationswelle aus Afrika in Richtung Asien vor etwa 100.000 Jahren gab. Diese ist wohl aus klimatischen Gründen gescheitert. Eine zweite gelungene Auswanderungswelle hat vor ca. 60.000 Jahren stattgefunden. Ebenfalls in Richtung Asien. Vor ca. 40.000 Jahren sind die Nachfahren dieser Auswanderer in Australien angekommen. Dieser heute isoliert liegende Kontinent war zu jener Zeit noch über Land zu erreichen. Zwischen 30.000–40.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung sind die ersten Migranten in Europa eingetroffen, das damals von Neandertalern besiedelt war.

Ursache für diese Migrationswelle aus Afrika waren verschlechterte Umweltbedingungen. Der Austausch der menschlichen Gemeinschaften mit der Natur hatte sich aufgrund klimatischer Veränderungen derart verschlechtert, dass sich der homo sapiens dazu entschloss, sein Territorium großräumig zu verlassen.

Wenn wir die globale Erderwärmung nicht in den Griff bekommen, werden sich Migrationsströme wegen Dürren, Wassermangel, Orkanen und unregelmäßiger Monsunregen in Zukunft wieder in Bewegung setzen. Dies hat es in der Menschheitsgeschichte häufiger gegeben. Nur waren die Ursachen natürlicher Art. Heute sind die klimatischen Verschlechterungen von uns Menschen selbst verursacht. Die Grundvoraussetzungen für ein ökonomisches Handeln (der Austausch mit der Natur) sind dann nicht mehr gegeben. Oder sie haben sich derart verschlechtert, dass ein Überleben in den Strukturen unserer heutigen globalen Ökonomie unmöglich ist. Dies gilt heute insbesondere für die Südhalbkugel. Besonders in Afrika droht der Klimawandel die Böden unfruchtbar zu machen. Im Sudan und im Norden Nigerias verlassen Tausende Bauern und Viehhirten ihre Dörfer. Dies ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass sich die Terrormiliz Boko Haram in der Region ausbreiten konnte.

Während die Zahl der Hungernden auf der Welt zurückging, insbesondere in Süd- und Ostasien, ist die Zahl der Unterernährten in Afrika gestiegen. Im Jahr 2015 waren es 220 Millionen. Bezogen auf den Kontinent ist das ein Anteil von 20 %. Das Durchschnittsalter der Menschen südlich der Sahara liegt bei 25 Jahren. Wenn sie überhaupt etwas besitzen, dann besitzen sie ein Smartphone. Hierüber sind die jungen Menschen bestens über die Lebensverhältnisse in Europa informiert. Dies ist neu. Ist es da ein Wunder, dass sich diese Menschen auf den Weg nach Europa machen?

Insbesondere in Afrika gibt es neben dem Klimawandel noch zwei wichtige Ursachen für Migration. Der eine Grund liegt in den Strukturen unseres ökonomischen Systems. Es sind die diskriminierenden Handelsbeziehungen der reichen Ökonomien Europas mit den armen Staaten Afrikas.

Trotz der Migration Zehntausender vor allem junger Menschen aus Afrika möchte die EU über ihre skandalöse Landwirtschafts- und Handelspolitik nicht sprechen. Mehr als 40 % des EU-Haushaltes fließen in Agrarsubventionen. 2014 waren dies über 40 Milliarden Euro an Direktzahlungen. Dazu kommen weitere Ausfuhrprämien. Auf diese Weise werden die Entwicklungsländer mit konkurrenzlos billigen Agrarprodukten überflutet. In Westafrika lagen die Produktionskosten für Geflügelfleisch 2014 bei 1,80 €. Das EU-Fleisch wurde dort für die Hälfte des Preises angeboten. Am bekanntesten wurde die europäische Subventions- und Dumpingpolitik durch das Milchpulver. Vor einigen Jahren führte der Import von Milchpulver dazu, dass in Burkina Faso die Mehrzahl der nomadischen Kleinbauern ihre Existenz verloren. Sie fanden für ihre Milch keine Abnehmer mehr. In Ghana führte der Import von Tomatenmark aus der EU zum Niedergang der einheimischen Tomatenproduktion. 46.500 Kleinbauern aus Ghana verdingen sich heute als billige Arbeitskräfte in Italien in der Landwirtschaft. Dies sind ebenfalls durch ökonomische Strukturen selbst erzeugte Migrationsströme. Nur hier wirken sie direkt aus der Ökonomie selbst. Bei der über den Klimawandel erzeugten Migration wirkten die ökonomischen Strukturen als Erzeuger dieses Klimawandels und daher indirekt.

Ein weiterer schon oben angekündigter Grund für die Migration ist die koloniale Vergangenheit. Dies betrifft vor allem Afrika, aber auch die Kriege von Afghanistan über den Irak bis Syrien. Hierhinter standen ökonomische Interessen. Im Nahen Osten war es vor allem das Öl, das die jungen Industrien des Westens benötigten. In Afrika waren es vor allem neue Absatzmärkte für die Industrie. Daneben natürlich auch die Rohstoffe, die es galt, billig zu erwerben. Die heute häufig anzutreffenden korrupten „Eliten“ in Afrika haben die Positionen eingenommen, die die Kolonialherren zurückgelassen haben.

Ein Verständnis für Demokratie konnte daher in Afrika kaum entstehen. Viele afrikanische Politiker versuchen heute mit illegalen Mitteln, an der Macht zu bleiben. Sie halten ihre Ämter für ererbt. So sahen es schon die Gründungsväter, die das Erbe ihrer Kolonialherren angetreten haben. Ein Bewusstsein dafür, was politische Gegnerschaft bedeutet, fehlt ihnen. So sieht es Asfa-Wossen Asserate, ein Großneffe von Haile Selassie, dem letzten Kaiser Äthiopiens. In fast allen Ländern fehlen daher auch die für eine Demokratie notwendigen Institutionen und Strukturen. Das Wirtschaften in die eigene Tasche ist weit verbreitet.

Ein einträgliches Geschäft dieser „Eliten“ ist das Landgrabbing durch ausländische Investoren. Internationale Konzerne und ebenso Finanzinvestoren haben den Boden als lukratives Investment entdeckt. In den letzten Jahren haben so über fünf Prozent der gesamten afrikanischen Ackerfläche den Besitzer gewechselt. Derzeit werden bereits Verhandlungen über weitere zwanzig bis dreißig Prozent des Ackerlandes geführt. Besonders betroffen sind hiervon ausgerechnet die ärmsten Länder Afrikas wie Südsudan, Sudan, Demokratische Republik Kongo, Äthiopien, Mosambik, Tansania und Sierra Leone.

Die Investoren propagieren den Erwerb des Ackerlandes als Maßnahme im Kampf gegen den Hunger. Das Gegenteil ist der Fall. Nur acht Prozent des gegenwärtigen Landerwerbs dient der Lebensmittelproduktion. Die einheimische Bevölkerung profitiert praktisch nicht von diesen Investitionen. Die Konzerne suchen gezielt nach korrupten Regierungen, um ihre Interessen durchzusetzen. Der Preisanstieg für Nahrungsmittel beschleunigt den Prozess des Verkaufs von billigem Land an Investoren. Zugleich macht es die herrschenden Cliquen in Afrika auf Kosten der Ärmsten reicher. Der Präsident der Welternährungsorganisation FAO, José Graziano da Silva, verglich das Landgrabbing in Afrika 2012 mit den Zuständen im Wilden Westen.

Im Frühjahr 2016 tauchten die sogenannten Panama Papers auf. In ihnen werden nicht nur eine Vielzahl führender Vertreter international tätiger Firmen aufgeführt, die in Afrika Geschäfte machen, sondern ebenso einflussreiche afrikanische Politiker. Hierunter amtierende und ehemalige Staatschefs, Senatspräsidenten, Vorsitzende der höchsten Gerichte sowie ihre Familienangehörigen. Jährlich fließen nach vorsichtigen Schätzungen mehr als 50 Milliarden Euro in Form illegaler Finanzströme aus Afrika ab. Die Summen, die sich aus Korruption, Goldwäsche und Steuerflucht zusammensetzen, übertreffen die Entwicklungshilfe bei weitem.

Vor diesem Hintergrund von Ausbeutung und Armut ist in Bezug auf die Auswanderung aus Afrika die Bevölkerungsentwicklung von Bedeutung. Wie schon oben erwähnt, ist Afrika ein Kontinent mit sehr jungen Menschen. Mehr als 50 % ist jünger als 25 Jahre. Etwa 40 % sind sogar jünger als 15 Jahre. Die Weltbevölkerung wird von heute 7,4 Mrd. auf 9,7 Mrd. in 2050 ansteigen. Bevölkerungsexperten schätzen, dass die Zahl dann weiter auf etwa 11,2 Mrd. anwachsen wird. Da mit zunehmendem Wohlstand und besserer Bildung die Geburtenraten abnehmen, wird die Weltbevölkerung sich auf 11–12 Mrd. einpendeln und dann wieder abnehmen. Für die Ernährung und das Leben auf unserem Planeten sind 12 Mrd. Menschen eine Herausforderung. Es ist aber eine lösbare Aufgabe. Dies ist also nicht das eigentliche Problem.

Dieses liegt in der sehr unterschiedlichen Zunahme der Bevölkerungszahlen bis 2050. Während die Weltbevölkerung, ohne Afrika, nur um 18 % zunehmen wird, liegt die Zunahme in Afrika bei 110 %. In Afrika leben heute 1,2 Mrd. Menschen. Ihre Anzahl wird sich bis 2050 mehr als verdoppeln und auf über 2,5 Mrd. zunehmen. Vor dem Hintergrund der heutigen geringen ökonomischen Leistungsfähigkeit ist abzusehen, dass Millionen von Menschen vor allem nach Europa auswandern werden. Bisher hat Europa sich hierauf nicht eingestellt. Im Gegenteil, die ökonomische Ausbeutung Afrikas geht weiter. Europa schafft sich seine eigenen Probleme.

Nun ist es das Normalste der Welt, dass sich die Menschen ihre eigenen Probleme schaffen. Wer sollte dies sonst tun? Aber nur wir Menschen können auch die Lösungen zur Beseitigung schaffen. Und dies vor allem rechtzeitig. Durch Abwarten, wie dies heute die Politiker tun, werden Herausforderungen nicht bewältigt.

Wir Menschen müssen noch lernen in Prozessen zu denken. Dazu bedarf es der Zeit. Ingenieure wissen, dass Maschinen und Prozesse gewartet und gegebenenfalls auch geändert werden müssen. Ansonsten kommt es zum Stillstand oder Zusammenbruch. Es gilt also schon vorher – bevor es zu Problemen kommt – einzugreifen, und nicht erst, wenn sie da ist. Politiker scheinen dies nicht zu wissen. Was Politiker offensichtlich auch nicht wissen ist kooperativ auch über Staatsgrenzen hinweg, also global, zu denken, wenn man es mit globalen Problemen zu tun hat. So hat Deutschland die südlichen EU-Staaten alleine gelassen, als schon Zehntausende über das Mittelmeer zu uns kamen. Jetzt bekommt Deutschland die Quittung. Das Gleiche gilt für die Eurokrise. Ich komme hierauf zurück.

Im Jahr 2015 kam die größte Zahl von Migranten nach Deutschland bzw. Europa. Mit Abstand kamen davon die Meisten aus Syrien, nicht aus Afrika. Die Ursache ist der Krieg in Syrien. Kriege waren schon immer wesentliche Ursachen für Vertreibung und Flucht. Der Krieg in Syrien ist ein grausames Geschehen. Jeder Krieg bringt Tod und unsägliches Leid. Dennoch ist festzustellen, dass Tod und Gewalt durch Kriege im Laufe der Menschheitsgeschichte abgenommen haben. Die Welt ist sicherer und die Menschen sind gewaltfreier und einfühlsamer geworden, entgegen aller subjektiver Wahrnehmung. Dies hat vor allem Steven Pinker in seinen beiden ausführlichen und umfangreichen Büchern (s. Literaturverzeichnis) zeigen können. Dieser Trend ist eindeutig. Von daher ist davon auszugehen, dass Migration durch Kriege verursacht zurückgehen wird. Hingegen wird die Migration aus klimatischen und ökonomischen Gründen zunehmen. In welchem Ausmaß sich dies ereignen wird, haben wir jedoch selbst in der Hand. Hier sind keine höheren Mächte im Spiel.

Im Jahr 2015 kamen ca. 1 Million Migranten nach Deutschland/Europa. Auf 80 Millionen Deutsche bezogen bedeutet dies: 80 Menschen kümmern sich um einen Neuen. Ist das ein Problem? Oder ein anderes Verhältnis. In Europa leben 76 Millionen Menschen, die nicht hier geboren sind. Wenn es jetzt 1 Million mehr wären, also nicht 76 Millionen, sondern 77 Millionen? Hätten wir dann in Europa ein Problem? Doch nicht wirklich! Man kann aber eines daraus machen. Migration ist ein globales Problem. Globale Probleme lassen sich nur global, d. h. kooperativ lösen.

Aber verbleiben wir noch kurz im Jahr 2015 und in Deutschland. Das Verhältnis 80 : 1 ist nur dann ein Problem, wenn man eines daraus macht. Wenn selbst der damals oberste politische Verantwortliche, Innenminister de Maizière, von Flüchtlingswellen spricht, die unser Land überfluten, hat er nicht das Ganze im Blick. Ein Migrant kann keine 80 Einheimischen überschwemmen. 1 Million Migranten ist zwar eine große Zahl, aber 80 Millionen auch. Die Relation ist entscheidend. Es sind dann pro Tag im Mittel 2140 Migranten gekommen. Wenn diese auch alle zur selben Zeit am gleichen Ort angekommen wären, ist das eine logistische und humanitäre Herausforderung, aber darauf kann man sich einstellen. Diese Aufgabe wurde auch gelöst, aber vor allem von freiwilligen Helfern.

Unser damaliger Innenminister hat keine gute Figur abgegeben. Er hat nur immer von Problemen gesprochen und ständig eine abwehrende Einstellung den Migranten gegenüber signalisiert. Aber wie will man jemanden integrieren, dem man signalisiert, dass er eigentlich unerwünscht ist? Die Voraussetzungen für eine gelingende Integration zu schaffen, wäre seine vornehmliche Aufgabe gewesen. Denn sind diese nicht gegeben, haben wir wirklich ein Problem, aber ein selbst geschaffenes.

Wie sollen sich Menschen, die sich nicht angenommen fühlen, integrieren? Dies kann nicht gelingen! Zu einer gelingenden Integration gehören Herz und Verstand. Menschliches Einfühlungsvermögen und sachliche Effizienz. An Beidem hat es an entscheidenden staatlichen Stellen gemangelt. Dies rächt sich langfristig. Eine Gesellschaft, in der es Gruppen gibt, die sich nicht angenommen fühlen – und dies sind nicht nur die Migranten – sondern die große Zahl der Harz-IV-Empfänger und unser modernes Prekariat, einer solchen Gesellschaft fehlt der Zusammenhalt. Denn jetzt werden noch die einen gegen die anderen ausgespielt. So erzeugt man selbst Rechtsextremismus. Eine solche Gesellschaft ist unfähig, den globalen Problemen gerecht zu werden. Denn um diese anzugehen, bedarf es noch zusätzlich der Kooperationmit anderen Staaten. Dies ist aber unmöglich, wenn die Solidarität schon im Inneren fehlt. Wenn wir nicht das Ganze sehen und dabei zugleich jeden Einzelnen, werden wir unsere globalen Probleme nicht meistern können. Und unsere wirklichen Probleme sind global, auch wenn unsere Berliner Politiker sich zurzeit lediglich mit sich selbst beschäftigen. Und unser Innenminister Seehofer spielte dabei noch die Hauptrolle. Er hätte wahrlich anderes zu tun.

2.3 Terror

Das Ziel der Terroristen ist Verunsicherung und das Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist schon heute gefährdet, wie wir oben gerade gesehen haben. Durch eigenes Handeln bzw. Nichthandeln. Es bedarf daher nicht mehr viel und die Strategie der Islamisten geht auf. Es spielt den Rechtsextremisten in die Hände. Beide haben das gleiche Ziel: Verunsicherung und die Spaltung der Gesellschaft. Auch hier zeigte sich unser Innenminister den Herausforderungen nicht gewachsen. Wegen eines möglichen Terrorangriffs wurde das Fußball-Länderspiel in Hannover am 17. November 2015 abgesagt. Auf die Frage nach Einzelheiten antwortete Thomas de Maizière: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ (Theveßen. 2016: 3). Damit hat er aber genau das erreicht, was er vorgab zu vermeiden. Die Zuschauer erhielten damit den Eindruck, dass alles wohl viel Schlimmer ist, als die Bilder hergaben. Am folgenden Tag hätte er in der ZDF-Sendung Was nun? die Möglichkeit gehabt, der selbsterzeugten Verunsicherung entgegenzuwirken. Ein einfühlsamer Minister hätte niemals diese Verunsicherung noch verstärkt. Doch der Innenminister sagt: „Wir haben auch Fälle, wo wir gar nicht informieren, das Risiko eingehen, einen Hinweis nicht für wichtig zu nehmen, und hoffen, dass die Veranstaltung gut zu Ende läuft. Und niemand weiß Bescheid. Das muss auch möglich sein“ (Theveßen. 2016: 24).

Eine solche Erläuterung verunsichert noch mehr. „Risiko eingehen“, „hoffen, dass es gut läuft“, „niemand weiß Bescheid“. Solche Formulierungen zeugen nicht von hoher Sensibilität bezüglich der Gefühlslage der Bevölkerung bei einem drohenden Terrorangriff. Es geht nicht darum, die Bevölkerung mit Lügen zu beruhigen. Der Innenminister hätte ganz einfach die Arbeitsweise und Maßstäbe der Sicherheitsbehörden darstellen können, wie Elmar Theveßen treffend kommentiert. Thomas de Maizière hat jedoch die Zweifel an den Fähigkeiten staatlicher Strukturen weiter verstärkt. Und damit den Rechtsextremisten wie den Islamisten in die Hände gespielt.

Dem Rechtsextremismus geht es darum, Unsicherheit zu erzeugen und die Unfähigkeit demokratischer staatlicher Strukturen zu beweisen, um an deren Stelle autoritäre zu installieren. Dem Islamismus geht es um das Gleiche. Er will durch Terror Unsicherheit und Chaos stiften und damit eine Situation schaffen, in der ein „normales“ Leben nicht mehr gewährleistet ist. Beide müssen also erst die Atmosphäre schaffen – der Glaube, demokratische Strukturen seien heute nicht mehr geeignet –, um an deren Stelle autoritäre einzurichten.

Bei der Migration 2015 haben sich die Politiker zerstritten, anstatt beherzt und effizient zu reagieren. Und dies tun sie noch heute. Man darf in einer Demokratie unterschiedlicher Meinung sein. Aber wenn eine Aufgabe da ist, muss man sie anpacken und nachhaltig lösen. Wenn dies nicht erfolgt, spielt man den antidemokratischen Kräften in die Hände. Migration wird uns auch in Zukunft begleiten, wie wir oben gesehen haben. Darauf muss sich unsere Gesellschaft einstellen. Wenn wir aber diejenigen, die zu uns kommen, nicht unterstützen und ihnen nicht das Gefühl geben, angenommen zu sein, sehen wir nicht das Ganze. Ökonomie, Klimaveränderung, Migration und Terror lassen sich nicht voneinander isolieren. Auch wenn unsere Politiker uns das glauben machen wollen.

Die Anzahl junger Männer und Frauen, die von Deutschland aus in den Dschihad gezogen sind, wird offiziell mit ca. 700 angegeben. Wahrscheinlich ist die Zahl aber mehr als doppelt so hoch. Und dies sind nicht nur Kinder bzw. Jugendliche eingewanderter muslimischer Familien, sondern stammen auch aus deutschen Familien. In der Hauptsache stammen die Jugendlichen aus muslimischen Familien aus der zweiten und dritten Migrationsgeneration. Es sind Jugendliche ohne Orientierung und Halt. Ihnen fehlt es an Anerkennung und Orientierung. Daher ist es ein leichtes, sie in den Bann des Islamismus zu ziehen. Dort wird ihnen dieses gewährt. Er bietet ihnen die einfache, absolute und einzige Wahrheit. Jugendliche ohne Selbstwertgefühl können auf diese Weise leicht und gezielt gewonnen werden. Ahmad Mansour, ein arabisch-israelischer Diplom-Psychologe, der sich in Deutschland mit dem Extremismus beschäftigt, meint hierzu: „Im Augenblick sind die Salafisten die besseren Sozialarbeiter. Sie bedienen die Bedürfnisse der Jugendlichen. Sie holen sie dort ab, wo sie zuweilen verloren und orientierungslos stehen. Sie machen sich die Mühe, in einer Sprache zu sprechen, die diese Jugendlichen verstehen“ (Mansour. 2017: 39). Dann stellt er die entscheidende Frage an uns selbst: „Warum tun wir das nicht?“

Wir benötigen gesamtgesellschaftliche Konzepte und eine neue Pädagogik. Wir benötigen ein vollkommen neues Verständnis, von dem, was Bildung eigentlich bedeutet. Bildung ist nicht nur ein Begriff, Bildung ist ein Prozess, der gelebt werden muss, nur dann vollzieht sie sich wirklich und ist nachhaltig. Dann lebt auch der Begriff und für die Jugendlichen entsteht Wirklichkeit. Wirklichkeit ist etwas Ganzes und erschöpft sich nicht nur in Sprache. Kinder und Jugendliche benötigen mehr als nur nach dem Trichtermodell Wissen eingeflößt zu bekommen. Das ist eine technische Vorgehensweise. Dazu weiter unten mehr.

Auch das Vorgehen bei der Migration scheint für Innenminister Seehofer auf Verwaltungstechnik reduzierbar zu sein. Das Wichtigste bei der Migration scheint bei ihm die Abwehr zu sein, nicht die Integration. An seinem 69. Geburtstag lobt er sich selbst, 69 Flüchtlinge abgeschoben zu haben. Sinnvoll ist es sicherlich, straffällig gewordene Personen abzuschieben. Aber per se stolz darauf zu sein, Migranten abzuschieben, zeugt nicht von hoher Empathie. Wohl kein Migrant setzt sein Leben aufs Spiel, um an einem „Flüchtlingstourismus“ teilzunehmen. Dahinter steckt immer Armut, Hunger, Verfolgung oder Krieg. Daher ist mit einer Abschiebung in aller Regel menschliches Leid verbunden. Dieses technische Vorgehen bei der Migration entspricht nicht dem Lebensgefühl der heutigen Menschen in Deutschland. Daher werden solche Politiker bei Umfragen von der Mehrheit auch abgestraft. Dies sollte uns optimistisch stimmen. Unsere Gesellschaft ist offensichtlich schon weiter als unsere Politiker.

Es gibt Dinge, die man technisch lösen kann. Allerdings bedarf es dazu der Kooperationsbereitschaft der beteiligten Stellen. Der NSU-Prozess hat aufgedeckt, wie mangelhaft die Kooperation zwischen den staatlichen Sicherheitsbehörden ist. Wegen dieser mangelhaften Kooperation sind auch die Datensysteme und damit die Datenbestände nicht integriert. Es gibt keine Ganzheit. Es gibt kein einheitliches Netzwerk. Was schon auf nationaler Ebene technisch vollkommen unzulänglich ist, ist international eine „Farce“. So nennt es Elmar Theveßen. „Der Kampf gegen den Terrorismus in Europa ist in weiten Teilen eine Farce, gescheitert an nationalen Egoismen, naiven und unfähigen Politikern, überforderten und unterbesetzten Sicherheitsbehörden . . .“ (Theveßen. 2016: 31). Die Farce finde seinen Boden, so fährt er fort, in den sozialen und politischen Rahmenbedingungen. Er nennt denn auch den Terrorismus in Europa „hausgemacht“. Die in Deutschland verantwortlichen Innenminister stellen sich als die großen Wissenden dar, die aber der Bevölkerung nichts zutrauen können. Für Seehofer ist das Wichtigste die Abschiebung und die Schließung der Grenzen. Die Wirklichkeit des Problems und seine Ursachen kommen so nicht in den Blick. Kooperation und Solidarität wird benötigt bei der sozialen Integration der Gesellschaft wie bei der technischen Integration der Datensysteme.

Um überhaupt mit geeignetem Handeln gegen den Islamismus vorgehen zu können, bedarf es eines wesentlich erweiterten Blickes auf diesen Fundamentalismus. Der Blick unserer Politiker ist sowohl räumlich wie zeitlich viel zu eng. Mit kurzfristigen nationalen Maßnahmen ist dem Terrorismus nicht beizukommen. Grenzschließungen und das Installieren eines Überwachungsstaates sind genau die Reaktionen, die die Terroristen erreichen wollen.

Der islamische Fundamentalismus ist eine Verherrlichung der idealisierten Frühzeit des Islam, also des 7. Jahrhunderts. Es ist das Bestreben einer Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur und Politik auf der Grundlage der Werte und Normen jener Zeit. Dies will auch die Mehrheit der Muslime nicht. Dessen muss man sich zunächst einmal gewiss sein. Mit diesem Wissen – nicht in jedem Muslim einen Fundamentalisten oder gar Terroristen zu sehen – kann man auch entspannter an das Thema herangehen. Richtig ist aber auch die allgemeine Vorstellung der Muslime, dass politische Autorität religiös legitimiert sein muss. Die Trennung von Politik und Religion hat sich im islamisch dominierten Raum noch nicht durchgesetzt. Daher ist die Instrumentalisierung der Religion in diesem Raum ein zentrales Problem. Aber machen wir uns nichts vor, trotz Trennung von Religion und Politik im sogenannten Westen, wird auch bei uns noch die Religion instrumentalisiert. Siehe Söders Maßnahme, Kreuze in Behörden und öffentlichen Einrichtungen aufzuhängen oder ganz einfach das „C“ bei politischen Parteien. Oder aber auch die Aussage der Islam gehöre nicht zu uns. Aber – bei uns kann darüber diskutiert werden. Aber auch – von einer Neutralität und gleichberechtigten Anerkennung aller Religionen zeugt diese Ablehnung in unserem Gemeinwesen nicht. Offensichtlich gibt es Menschen in unserem Staatswesen, die nicht wirklich dazu gehören. Was müssen Menschen empfinden, die dies täglich wahrnehmen? Doch wohl: eigentlich gehöre ich nicht wirklich dazu. Lässt sich so in einer Gesellschaft leben? Ein glückliches Leben zu führen, heißt doch vor allem, angenommen zu werden und nicht abgelehnt zu werden.

Festzuhalten bleibt, dass auch bei uns unsere vom Christentum geprägte Geschichte noch tief in der Gesellschaft eingeschrieben ist. Dies ist im Grundsatz d. h. bei anderen Religionen in anderen Weltregionen ebenso. Frei ist davon niemand. Das ist das Natürlichste der Welt. Die Geschichte prägt die jeweilige Gegenwart. So ist es auch im islamisch geprägten Nahen Osten. Daher eine kurze Geschichte dieses Teils der Welt, aus dem der islamistische Terror zu uns kommt. Es ist eine Geschichte von Demütigungen einer Vielzahl von Völkern.

Es lassen sich drei islamische Weltreiche unterscheiden. Alle drei waren sunnitisch-islamisch. Die beiden ersten wurden von arabischen Kalifen beherrscht. Kalif heißt „Nachfolger“. Der Kalif war der Nachfolger des Religionsgründers Mohammed. Seine Aufgabe war es, die Glaubensfundamente des Islam zu wahren und durchzusetzen. Zum anderen sollte er die politische Ordnung und Einheit der islamischen Gemeinschaft schützen. Er war also sowohl religiöser wie auch politischer Herrscher. Ihm oblag es, die Gültigkeit der Scharia, des islamischen Gesetzes, zu gewährleisten. Andere Religionen wurden geduldet und nicht verfolgt. Teilweise unterlagen sie jedoch besonderer Abgaben.

Das erste der beiden arabisch geführten Reiche, das Omayyaden-Reich (661–750) hatte seine Hauptstadt in Damaskus. Danach wechselte das Herrschergeschlecht. Das nach ihnen benannte Abbasiden-Reich (750–1258) verlegte die Hauptstadt nach Bagdad. Die arabischen Kalifen wurden ab dem 9. Jahrhundert immer abhängiger von den Kommandeuren der Palastwachen. Diese bestanden aus Kriegern und Anführern türkischer Seldschuken-Stämme. Seldschuken sind Angehörige eines Turkvolkes, das aus der zentralasiatischen Steppe in die heutige Türkei eingewandert war. Die Anführer der Palastgarden bekamen vom Kalifen den Titel „Sultan“ (Herrscher). Sie übten schließlich die wahre Herrschaft aus und degradierten den Kalifen zur Marionette. Zur Legitimation ihrer eigenen Macht benötigten sie allerdings den Kalifen. Er stand für die religiöse und politische Einheit der islamischen Gemeinschaft, der umma.

1258 eroberte Dschingis Khan Bagdad. Das arabische Abbasiden-Reich konnte dem Sturm der Mongolen nicht standhalten. Es zerfiel in eine Vielzahl von kurzlebigen Kleinstaaten mit zumeist mongolischen und türkischen Herrschern. Ab dem 13. Jahrhundert hatten die islamischen Araber nichts mehr zu sagen. In ihrer Welt hatte sich die höchste kulturelle und intellektuelle Blüte der damaligen Zeit entwickelt. Bei uns herrschte zu dieser Zeit noch „tiefes Mittelalter“. Das Buch bzw. der Film „Medicus“ zeigt diesen Unterschied der kulturellen Entwicklung sehr deutlich. Auf der einen Seite der mittelalterliche „Bader“ und auf der anderen Seite der hochkulturelle philosophierende „Mediziner“ Dieser Philosoph ist im übrigen Ibn Sina, in Europa bekannt unter dem Namen Avicenna. Er ist einer der islamischen Philosophen, von denen die bedeutendsten christlichen Kirchenlehren stark beeinflusst sind. Arabischsprachige Philosophen haben uns den „ganzen“ Aristoteles übergeben. Kirchenlehrer wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin sind tief geprägt von der arabischen Philosophie. Einem Araber, Mohammed, hatte Gott den Koran, die heilige Schrift des Islam, offenbart. Die islamisch-arabischen Menschen müssen die Vernichtung ihres Reiches als große Demütigung empfunden haben.

Den beiden arabisch-islamischen Reichen folgte das Osmanische Reich (1302–1922). Regiert wurde es von sunnitischen Sultanen aus der türkischen Herrscherdynastie des Reichsgründers Osman. Turkvölker haben ab dem 11. Jahrhundert Anatolien erobert und besiedelt. Osman I war dort Herrscher eines sehr kleinen Territoriums. Seine Vorfahren waren um 1230 von Zentralasien nach Anatolien eingewandert und haben allmählich den sunnitisch-islamischen Glauben angenommen.

Die osmanischen Sultane waren ebenfalls kämpferische Verfechter des orthodoxen sunnitischen Islam. Dabei wurden sie allerdings herausgefordert von den schiitischen Safawiden-Schahs. Sie eroberten 1501 den Iran und bekehrten dessen Bevölkerung zum schiitischen Islam. Das Schisma des Islam entstand durch die Auseinandersetzung bei der Bestimmung des Nachfolgers ihres Propheten Mohammed, der 632 starb. Sein Tod stürzte die umma, die islamische Gemeinde, in existentielle Schwierigkeiten. Zwei Fraktionen standen sich gegenüber. Die eine, die Minderheitsfraktion, vertrat das Prinzip der engsten Blutverwandtschaft. Sie wollten Mohammeds Vetter Ali zum Nachfolger bestimmen. Die Mehrheitsfraktion konnte sich schließlich durchsetzen. Ihr Prinzip war die Wahl des Nachfolgers durch die Genossen des Propheten. Ihre Anführer waren die beiden Schwiegerväter Mohammeds Abu Bakr und Omar.

Das kurze Kalifat Alis gilt den Schiiten bis heute als die einzige Phase rechtmäßiger Herrschaft nach Mohammeds Tod. Als religiöse Konfession sind die Schiiten allerdings erst greifbar als Folge des verlorenen Kampfes von Alis Sohn Hussein gegen die Omayyaden. Hierum rankt der zentrale Gründungsmythos der Schiiten. Husseins Martyrium im Kampf gegen die siegreichen Sunniten ist Dreh- und Angelpunkt ihrer zentralen Riten. Ihr religiöses Zentrum ist heute der Iran. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde dort durch die siegreichen Safawiden-Schahs das Glaubensbekenntnis der Schiiten zur Staatsreligion.

Die Schiiten waren der zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert ausgeprägten rationalistischen Denkströmung stärker zugeneigt als die Sunniten. Sie beruht vor allem auf dem Studium der griechischen Philosophie, deren Interpretation und Weiterentwicklung. Von hier kamen sie ins mittelalterliche christliche Abendland. Wilfried Buchta, ein intimer Kenner der islamischen Welt schreibt hierzu Folgendes: „Nach Ansicht der Schia-Gelehrten unterschieden sich menschlicher und göttlicher Intellekt wesensmäßig nicht, sodass der Mensch die wesentlichen Prinzipien der von Gott gesetzten Weltordnung zu erfassen vermochte. Im Gegensatz zu den Sunniten glaubten die schiitischen ulama, dass die menschliche Ratio sehr wohl in der Lage sei, auch in Glaubensfragen Erkenntnisse zu erlangen. Auch deshalb sind schiitische Religionsgelehrte im Allgemeinen kreativer, innovativer und flexibler als ihre sunnitischen Kollegen, nicht zuletzt, was den Umgang mit Problemen und Herausforderungen angeht, die sich bei der Begegnung mit der westlichen Moderne ergeben“ (Buchta. 2016: 70). Von den 1,6 Milliarden Muslimen stellen die Schiiten mit etwa 10–15 %, also ca. 200 Millionen, nur eine Minderheit.

Die heute in Saudi-Arabien maßgeblichen Sunniten gehen auf Mohammed ibn Abd al-Wahhab (1703–1792) zurück. Er verbreitete seine Lehre in Saudi-Arabien Anfang des 18. Jahrhunderts. Für die Wahhabiten sind alle Neuerungen Irrlehren. Rationale Theologie sowie sufistische Mystik, beides Formen im schiitischen Islam, lehnt er ab. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelang es ihm, den Stammesclan der Saud zu seiner Lehre zu bekehren. Der wahhabitische Islam ist die offizielle Staatsreligion Saudi-Arabiens. Die Salafisten, ebenfalls Sunniten, sind ebenso konservativ wie die Wahhabiten. Sie wollen eine gesellschaftliche und staatliche Ordnung, wie sie die idealisierte islamische Urgemeinde zu Mohammeds Zeiten hatte, einrichten. Teile von ihnen wollen dies mit Gewalt durchsetzen. Sein Mittel ist der Dschihad (= Kampf auf dem Wege zu Gott).

Dieses Schisma des Islam wird nun im Nahen Osten instrumentalisiert. Ähnlich war es im christlichen Europa in der Nachfolge der Reformation. Im 30-jährigen Krieg wurde die daraus resultierende Trennung des Christentums in zwei große Konfessionen von den europäischen Mächten instrumentalisiert. Dass es den Machthabern nicht wirklich um Religiöses ging, erkennt man schon daran, dass in den kämpfenden Heeren beide Seiten jeweils Söldner beider Glaubensrichtungen Seite an Seite kämpften. Den Söldnern ging es um Geld (zum Leben), den Kriegsherren um Macht und Einfluss in Europa.

In Europa entwickelten sich jedoch ab dem 16. Jahrhundert aus Reformation und 30-jährigem Krieg Nationalstaaten und die Idee ihrer Souveränität. Darüber hinaus setzte sich das Prinzip der Trennung von Staat und Religion durch. Im Osmanischen Reich hingegen galt im Zweifel der Islam als maßgebliches Prinzip für die gesellschaftliche und staatliche Ordnung. Verkörpert wurde dies im türkischen Sultan-Kalifen. Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat. Es reichte im Osten bis zum Kaspischen Meer und zum Persischen Golf im Süden über Ägypten bis zum Horn von Afrika und im Westen bis Algerien im Süden und zum Balkan im Norden. Die sunnitisch-islamischen Völker machten jedoch keinen Versuch eine eigene Staatlichkeit aufzubauen. Andererseits waren die Sultan-Kalifen auch keine sunnitisch-islamischen Missionare. Sie forderten von ihren Untertanen Steuern, militärische Dienste und Loyalität. Ein Flickenteppich aus verschiedenen religiösen, regionalen und ethnischen Gesetzescodices überzog das Reich. Ein sunnitisch-islamisches Bekenntnis wurde nicht gefordert. Jedoch waren es nicht mehr die Araber, die im dritten islamischen Weltreich das Sagen hatten. Dies war die zweite tiefe Demütigung nach der Eroberung von Bagdad durch die Mongolen und dem Zerfall ihres Reiches.

Die dritte tiefe Demütigung, die bis heute anhält, begann mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg. Alle arabischen Provinzen wurden den europäischen Siegermächten zugeordnet. In den Folgejahren entstand einerseits durch Kemal-Atatürk die türkische Republik auf laizistisch-nationaler Grundlage. Aus den übrigen Regionen entstand ein neues Staatensystem, dessen Grenzen durch Frankreich und Großbritannien festgelegt wurden. Die beiden Siegermächte teilten sich im sogenannten „Sykes-Picot-System“ (nach den Verhandlungspartnern benannt) den Nahen Osten ein. Dies geschah buchstäblich mit dem Lineal auf der Landkarte, ohne Rücksicht auf historisch gewachsene Beziehungen. Dem Völkerbund diente dies als Grundlage für die Einrichtung von Mandaten. Dies bedeutete die Übertragung der Vormundschaft über Völker, die sich vermeintlich nicht selbst zu regieren vermochten. Großbritannien bekam 1920 den Irak, Palästina und Jordanien zugesprochen. Frankreich bekam die Kontrolle über Syrien und den Libanon zugewiesen.

In den Folgejahren führten Frankreich und Großbritannien nach ihren Vorstellungen nationalstaatliche Strukturen ein. Ihr Einfluss währte auch nach ihrer Unabhängigkeit zwischen 1932 und 1948. Gegen diesen Imperialismus wehrten sich die schon zur osmanischen Zeit entstandenen arabisch-nationalistischen Bewegungen. Sie forderten uneingeschränkte Freiheit und Unabhängigkeit und lehnten die willkürlich gezogenen Grenzen ab. Ihr Kampf galt der Zerstückelung Arabiens. Ihr Ziel war eine arabische Nation. Bei allen arabisch-nationalistischen Parteien war dies der Kern ihres Gründungsmythos. Geboren wurde dies aus der Sehnsucht nach der glanzvollen Epoche der arabisch-islamischen Großreiche.

In Wahrheit gibt es jedoch gewaltige Unterschiede zwischen den 22 Staaten. Außer einer islamisch geprägten Identität gibt es jedoch kaum Gemeinsamkeiten. Selbst das jeweils gesprochene Arabisch kann nicht zur Verständigung beitragen. Ein Iraker kann sich nicht mit einem Marokkaner, ein Algerien nicht mit einem Omani verständigen, wenn sie nicht beide des Hocharabischen mächtig sind. Auch ihre eigenen historisch gewachsenen Kulturen sind sehr unterschiedlich. So entstanden schon ab 1940 in einzelnen Staaten jeweils eigene nationalistische Ideologien. Der zugkräftigste wurde der arabische Sozialismus Ägyptens.

Wie im letzten Kapitel schon über die nachkoloniale Zeit in Afrika beschrieben, griffen jetzt auch die westlich orientierten Eliten nach den Machtpositionen im zerfallenden arabisch-islamischen Raum, den die Europäer hinterlassen hatten. In opportunistischer Weise heuchelten sie nach außen Begeisterung für die arabisch-nationalistische Ideologie und dämonisierten den imperialistischen Westen. In den 1950-er und 1960-er Jahren entwickelten sich alle arabischen Staaten zu autoritär geführten „Präsidialrepubliken“ oder wie Gaddafis Libyen in einen „Volksrätestaat“. Das Volk jedoch darbte und die Eliten wurden reicher. Nur vor dem Hintergrund dieser Demütigungen ist die Orientierungslosigkeit der Menschen verständlich. Bei vielen ist die idealisierte islamische glorreiche Vergangenheit die einzige Identifikationsmöglichkeit. Dies ist der Nährboden für Fundamentalismus bis zum Terror. Ein solcher Terrorist weiß sich nach seinem Tod in einem besseren Leben. Die Sehnsucht der Menschen ist überall die gleiche, Menschen möchten ein gutes, glückliches und sinnvolles Leben führen. Fundamentalistische Prediger vermitteln diesen Sinn und versprechen Glück.

Wohin in Deutschland solche fundamentalistische „Predigten“ nach Erstem Weltkrieg und Versailler Vertrag führten, ist bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg halfen uns die USA, einen demokratischen Staat aufzubauen. Die arabischen Staaten erlebten nach dem Ersten Weltkrieg bis heute weiter Demütigungen.

2.4 Ungleichheit

Wir haben gesehen, dass sich auch in den vorangehend dargestellten Problembereichen letztlich ökonomische, im Medium Geld getriebene Dynamiken zu erkennen geben. Zerstörung des Ökosystems mit ihrer Atmosphäre durch kostenlose Aneignung. Ausbeutung der Ärmsten in der Dritten Welt durch ökonomische Machtstrukturen. Verlust ihrer Subsistenzgrundlage mit der Folge von Hunger und Elend führen dort zur Migration. Die erlittenen Demütigungen der Staaten im Nahen Osten im Zuge der Durchsetzung ökonomischer Interessen des Westens seit dem Ersten Weltkrieg, die bis heute anhalten, sind der tiefe Grund der Hoffnungslosigkeit, die zu Gewalt und Terror führt.

Wenn ich hier von ökonomischen Strukturen und Dynamiken spreche, meine ich das neoliberale ökonomische System. Dies ist jedoch nur eine Möglichkeit, wie sich die menschliche Gesellschaft mit der Natur austauschen kann. Heute dominiert sie allerdings unsere globale Ökonomie. Weil sie nicht das Ganze fasst, kann sie nicht nur Reichtum erzeugen, sondern zugleich auch Armut. Insgesamt hat sie die Welt wohlhabender gemacht. Aber sie spaltet die Welt in wohlhabende Staaten und arme Staaten. Das Besondere ihrer Dynamik ist, dass sie auch die Einwohner wohlhabender Staaten in Arme und Reiche spaltet. Diese Schere nimmt zu. Damit gefährdet sie aber den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und dies nicht nur innerhalb der Nationalstaaten, sondern auch zwischen den Nationen, also den globalen Zusammenhalt. Das Interessante an dieser Entwicklung ist, dass das ökonomische System, das also spaltet, zugleich dabei ist – wie ich weiter unten zeigen werde – sich zu einem global operierenden System zu schließen.

Es sind daher zwei Tendenzen festzustellen, die die gleiche Grundlage haben. Spaltung der Nationen dieser Welt und der daraus resultierende neue Nationalismus und die Spaltung der Gesellschaft innerhalb der Nationalstaaten, der zugleich den Nationalismus befeuert. Denn die Abgehängten sehen sich bedroht durch das Fremde. Dieses Fremde wiederum können anonyme unverstandene (ökonomische) Kräfte sein oder auch konkrete fremde Menschen, in denen sich das Unverstandene und Bedrohliche verkörpern kann.

Zunächst zur Ungleichheit zwischen den Nationalstaaten – zur globalen Ungleichheit. Ungleichheit auf der Welt kann es nur geben, wenn die Menschheit insgesamt reich ist. Und dies ist heute der Fall, ökonomisches Wachstum hat es erst ab ca. 1700 gegeben. Nach Piketty wird bis dahin ein Wachstum des BIP pro Kopf und Jahr von ca. 0,02 % angenommen. Erst im 18. Jahrhundert begann das Wachstum dann langsam, Fahrt aufzunehmen. Zwischen 1700–1820 lag es erst bei etwa 0,1 %. Dann steigerte es sich von 1820–1913 auf 0,9 % und lag dann von 1913–2012 bei 1,6 % pro Jahr (Piketty. 2014: 106).

Danach hat sich das BIP pro Kopf seit 1700 auf etwa das 13-fache erhöht. Wohlgemerkt, es handelt sich um einen Durchschnittswert aller Menschen dieser Welt. Weil sich der Wohlstand in den letzten 300 Jahren so enorm erhöht hat, kann es auch zu enormer Ungleichheit kommen. Denn der durch das enorme wirtschaftliche Wachstum erzeugte Reichtum hat sich sehr unterschiedlich verteilt. So sind nach Branko Milanović, dem ehemaligen Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank, die ärmsten US-Amerikaner wohlhabender als zwei Drittel der Weltbevölkerung (Milanović. 2017: 127). Trotz des weltweit steigenden Wachstums leben ca. eine Milliarde Menschen in Armut. Sie leben in knapp sechzig Ländern, vor allem in Afrika. Diese Länder stecken in einer Falle, aus der sie nach Paul Collier, der sie jahrelang systematisch untersucht hat, alleine nicht herauskommen. Auch Entwicklungshilfe im alten Stil durch Geben von Geld hilft hier nicht. „Wenn nichts unternommen wird, werden sich diese Länder in den kommenden Jahrzehnten noch weiter von der Weltwirtschaft abkoppeln und ein Ghetto des Elends und der Unzufriedenheit bilden“ (Collier. 2017: 11).

Globales Wachstum führt nicht automatisch zur Beseitigung von Armut. Nach neoliberaler Anschauung sickern die Einkommenszuwächse der Reichen wie auch der reichen Staaten automatisch zu den Armen durch. Nach dieser gängigen sogenannten „Trickle-Down-Theorie“ dürfte es keine Armen auf dieser Welt geben. Tatsächlich ist ein gegenteiliges Faktum festzustellen: Ein „Rent-Seeking“ im Finanzsektor der Ökonomie. Hier kann aus Geld-Reichtum noch mehr Reichtum gemacht werden, ohne Werte zu schaffen. Ich komme hierauf zurück. Vor allem auf die Frage, warum dies überhaupt möglich ist. Vom Mainstream der Ökonomen wird dies bis heute nicht wirklich verstanden.

In den letzten 30 Jahren hat es eine extreme Umverteilung des Nationaleinkommens gegeben. Und dies in fast allen Industriestaaten. Am extremsten fand dieser Prozess in den USA statt. Die Deregulierung des Finanzsystems machte es möglich, dass der gemeinsam erwirtschaftete Reichtum, das ist das Nationaleinkommen, von den ärmsten 90 % auf die reichsten 10 % umverteilt wurde. Piketty nennt dies in seiner Studie „bestürzend“, was seit 1980 in den USA stattgefunden hat. „Betrachtet man das gesamte Wirtschaftswachstum während der dreißig Jahre vor der Krise, also von 1977 bis 2007, stellt man fest, dass die reichsten 10 % sich drei Viertel dieses Wachstums angeeignet haben. Allein die reichsten 1 % haben fast 60 % des Gesamtwachstums des amerikanischen Nationalvermögens innerhalb dieses Zeitraums an sich gerissen. Für die übrigen 90 % hat sich dadurch die Wachstumsrate des Durchschnittseinkommens auf weniger als 0,5 % jährlich reduziert. Diese Zahlen sind unbestreitbar, und sie sind bestürzend [. . .] Es fällt schwer, sich eine Wirtschaft und eine Gesellschaft vorzustellen, die mit einer derart extremen Divergenz zwischen sozialen Gruppen auf Dauer leben könnten“ (Piketty. 2014: 392).

Der Reichtum der Welt verschiebt sich immer mehr von den Vielen ganz unten auf die Wenigen ganz oben. Anfang der 2010-er Jahre besaßen die reichsten 10 % der Erde 80–90 % des Weltvermögens. 1 % der Reichsten besaßen etwa 50 %. Und 0,1 % besaßen bereits 20 % des Weltvermögens. Die unteren 50 % besitzen weniger als 5 % des Gesamtvermögens. Dass dies so ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass das ökonomische System im Medium Geld operiert, und dies bei der empirisch gesicherten Tatsache von r > g. Beides gemeinsam führt systemisch bedingt dazu, dass das gemeinsam erwirtschaftete Vermögen von den Armen zu den Reichen fließt. D. h. also es fließt von den Vielen zu den Wenigen. Tendenziell führt dies mit beschleunigtem Tempo – wegen der exponentiellen Wachstumsfunktion – dazu, dass in wenigen Jahrzehnten das Weltvermögen in den Händen von Oligarchen ist. Wie schon oben angesprochen gibt es 2018 etwa 2200 Milliardäre, dies sind 0,0000003 % der Weltbevölkerung. Bei Fortdauer dieses Trends wird der gesellschaftliche Zusammenhalt zerstört werden.

Die Anzahl der Armen auf der Welt lag nach Angaben der Weltbank 2015 bei 700 Millionen. Arm sind nach der Definition der Weltbank Personen, die von weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben müssen. 1981 lag die Zahl noch bei 2 Mrd. Nach der neuesten Erhebung steigt die Zahl jedoch wieder. 2018 liegt sie bei über 800 Millionen. In Deutschland gilt eine Person als arm, die im Monat mit weniger als 900 € netto auskommen muss. D. h. die Armen in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, besitzen etwa das 15-fache der Armen in den ärmsten Ländern der Welt. Gemessen am Einkommen der Ärmsten in den ärmsten Ländern müsste man die Armen in Deutschland als reich bezeichnen. Aber ist das richtig?

Entscheidend sind das Lebensgefühl und die Lebenssituation der Menschen. Und dies hängt von dem Umfeld ab, in dem sie leben. Wenn alle Menschen auf der Welt ein Einkommen von 900 € hätten und überall die gleichen sozioökonomischen Bedingungen herrschen würden, wäre dieses Einkommen kein Problem. Erst wenn wir das Ganze sehen, erkennen wir überhaupt, dass es ein Problem ist.

Heute wird in Deutschland nach Zahlung der Miete von den 900 € noch etwa die Hälfte für den täglichen Bedarf übrigbleiben. An ein Auto oder eine Urlaubsreise ist dabei nicht zu denken. Auch werden Theater-, Konzert- und Museumsbesuche kaum möglich sein, ebenso Sport- und Freizeitveranstaltungen. Schicke Kleidung, Bücher, Geschenke für Freunde werden problematisch sein. Selbst das Zusammensein mit Freunden wird aus finanziellen Gründen zurückgehen, weil man sich selbst Kleinigkeiten nur eingeschränkt leisten kann. So ist an Restaurant- oder selbst Kneipenbesuche kaum zu denken. Kurz, die Lebenssituation ist prekär. Man muss nicht hungern, ist aber vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt.

In die Lebenssituation rutschen immer mehr Menschen ab, solange das ökonomische System im Medium Geld operiert bei r > g. Das Geld wird von unten nach oben „abgesaugt“ und dies systemisch und das exponentiell, d. h. mit beschleunigtem Tempo. Mit 20 und 30 Jahren mögen diese Menschen noch Hoffnung haben, ihr Einkommen zu steigern. Spätestens mit 40 oder 45 wird diese zarte Hoffnung in Hoffnungslosigkeit umschlagen. Denn ihre Rente wird weniger als die Hälfte ihrer jetzigen 900 € betragen. D. h. selbst wenn sie heute 1.200 € netto haben würden, kämen sie aus dieser prekären Lebenslage nicht heraus. Aufgrund des „Staubsaugereffektes“r > g gerät ein immer größerer unterer Teil der Gesellschaft in diese prekären Verhältnisse, obwohl im Durchschnitt unsere Gesellschaft z. Z. jährlich um mehr als 2 % reicher wird. Oliver Marchart spricht von einer Zone der Prekarität, die etwa ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung umfasst (Marchart. 2013: 14).

Die Situation ist jedoch noch deprimierender, wenn wir die Kinder mit berücksichtigen. In einem Wirtschaftssystem, dessen einziges Medium Geld ist, verursachen Kinder lediglich Kosten. Kinder haben keine Lobby. Jedes 5. Kind in Deutschland lebt auf Sozialhilfeniveau. Der „Paritätische Wohlfahrtsverband“ geht von einer höheren Zahl aus. Danach leben in Deutschland 3,2 Millionen Kinder auf bzw. unter dem Sozialhilfeniveau, da viele aus Scham nicht zum Sozialamt gehen. D. h. ein immer reicher werdendes Land ist nicht in der Lage, dass seine Kinder in Würde aufwachsen können. Im Armutsbericht 2014 heißt es hierzu: „Kinder sind und bleiben in Deutschland ein Armutsrisiko. Die Kinderarmut in Deutschland stellt sich statistisch zunehmend als eine Armut von Alleinerziehenden, kinderreicher und/oder arbeitsloser bzw. langzeitarbeitsloser Eltern dar, und zwar, ohne dass man in den letzten zehn Jahren von irgendeiner signifikanten Verbesserung der Situation sprechen könnte“ (Armutsbericht. 2014: 18 z. nach März. 2017: 140).