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Masterarbeit aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug, Note: 2,7, Ruhr-Universität Bochum (Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik & Polizeiwissenschaft), Sprache: Deutsch, Abstract: Die Terrorismusforschung gewinnt als eigenes Forschungsfeld zunehmend an Bedeutung. Nach dem 11. September 2001 wurden insbesondere im angelsächsischen Teil der Welt unzählige Veröffentlichungen vorgenommen. Heute beschäftigen sich vor allem Politik- und Sozialwissenschaften mit diesem Thema. Im deutschsprachigen Raum existiert eine zunehmende Anzahl von Beiträgen, die sowohl traditionell positivistische als auch kritische, konstruktivistische und interdisziplinäre Ansätze verfolgen. Neuere kriminologische Ansätze, die auch eine Sicht der Wirtschaftswissenschaften zulassen, fehlen indes. Dabei scheint gerade bei diesem Thema die Schere zwischen subjektiver Wahrnehmung der Bedrohung durch den Bürger und objektive Gefährdungslage erheblich verzerrt. Viele Industrienationen haben zur Bekämpfung des Terrorismus durchgreifende Rechtsänderungen vorgenommen, um der neuen Bedrohung zu begegnen. Es wurde erkannt, dass koordinierte internationale Zusammenarbeit bis hin zu überstaatlichen Militäreinsätzen notwendig ist, um den Frieden im eigenen Land zu sichern. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Ursachen und der Berechenbarkeit von Terrorismus. Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht gilt das Phänomen als störender exogener Faktor. Es mindert den volkswirtschaftlichen Nutzen und behindert das friedliche, gedeihliche Zusammenleben. Diese Arbeit begründet gleichzeitig den Versuch der interdisziplinären Forschung. Zur Entwicklung eines Analysekonzepts sind Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten miteinander zu verknüpften. Die These basiert auf politischen, soziologischen und rechtswissenschaftlichen Grundannahmen. Aus diesen werden verschiedene betriebswirtschaftliche, mikro- und makroökonomische Modelle entwickelt, berechnet und grafisch veranschaulicht. Terrorismus wird als Anreiz basierend betrachtet. Durch das Hinterfragen der Anreize lassen sich theoretische Erklärungsansätze entwickeln, die letztlich eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit von terroristischen Aktivitäten innerhalb eines Landes zulassen. Zielstellung ist die Übertragung der Ansätze in die Praxis. Die ganzheitliche Betrachtung des Autors basiert auf drei wissenschaftlichen Studien und einer fast 20jährigen Erfahrung im Bereich der polizeilichen Exekutive.
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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„Der Mensch ist das religiöse Tier.
Er ist das einzige Tier, das seinen Nächsten wie sich selber liebt
In dankbarer Anerkennung an alle, die mir in den schweren Zeiten die Freundschaft gehalten haben.
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Abbildungsverzeichnis Abb. 2-1: Stufenaufbau Extremisierung ................................................................. 6 Abb. 2-2: Glockenprinzip der -Ismen ..................................................................... 7 Abb. 2-3: angepasste Theorie der Ausdehnung ...................................................... 9 Abb. 3-1: Grenzkosten und Produzentenrente ...................................................... 23 Abb. 3-2: Angebot-Nachfrage-Schema ................................................................ 24 Abb. 3-3: Angebot-Nachfrage-Schema Terrorismus ............................................ 25 Abb. 3-4: gegliederter terroristischer Nutzen ....................................................... 26 Abb. 3-5: ursprünglicher Führungsaufbau ............................................................ 27 Abb. 3-6: neuer Führungssaufbau ......................................................................... 27 Abb. 4-1: Motivation & Nutzen ........................................................................... 32 Abb. 4-2: terroristisch-medialer Nutzen ............................................................... 38 Abb. 4-3: medialer Nutzen ................................................................................... 40 Abb. 4-4: terroristisches Monopol ........................................................................ 42 Abb. 4-5: Clusterung Al Qaida ............................................................................. 44 Abb. 4-6: Break-Even-Effekt ................................................................................ 47 Abb. 4-7: terroristisches Polypol .......................................................................... 48 Abb. 4-8: Präventionsverhaltenseffekt ................................................................. 50 Abb. 5-1: Sorgfaltsmaß ......................................................................................... 54 Abb. 5-2: Kostenverteilungsmodell Prävention ................................................... 58 Abb. 5-3: Verhaltensmotive .................................................................................. 61 Abb. 6-1: Grenznutzen der Exekutive .................................................................. 63 Abb. 6-2: Gesellschaftliche Kosten von Straftaten ............................................... 68 Abb. 6-3: Verdrängungseffekt .............................................................................. 70 Abb. 6-4: Verhaltensmotive .................................................................................. 73 Abb. 6-5: Schadensanreizreduktion ...................................................................... 74 Abb. 7-1: Dimensionsbetrachtung balanced scorecard ....................................... 79 Berechnungsverzeichnis Berechnung 6-1: Optimum der Kosten ................................................................ 67 IVPage 5
Aufzählungsverzeichnis
Aufz. 1-1:Auswirkungen von Terror ..................................................................... 1Aufz. 2-1:Fundamentalismus ................................................................................. 3Aufz. 2-2:Definition Fundamentalismus ............................................................... 4Aufz. 2-3:Definition Terrorismus ........................................................................ 12Aufz. 2-4:Faktoren globaler Dimension .............................................................. 13Aufz. 2-5:Fünf Säulen des Islam ......................................................................... 14Aufz. 2-6:Strategien und Kennzeichen ................................................................ 17Aufz. 2-7:Feindbild .............................................................................................. 19Aufz. 3-1:Terroristischer Nutzen ......................................................................... 25Aufz. 4-1:terroristische Alleinstellungsmerkmale ............................................... 45Aufz. 5-1:Reaktion auf Dissonanz ....................................................................... 53Aufz. 5-2:Gründe der Reaktion ............................................................................ 53Aufz. 5-3:Ideologische Beispiele ......................................................................... 55Aufz. 5-4:Dreigeteilte Aufgaben ......................................................................... 56Aufz. 7-1:Betrachtungsargumente ....................................................................... 77Aufz. 7-2:Betrachtungsdimensionen .................................................................... 79
Formelverzeichnis
Formel 5-1:fallende Durchschnittskosten ........................................................... 60Formel 6-1:Gesellschaftliche Kosten .................................................................. 67Formel 6-2:Opportunitätskosten der OK ............................................................. 69Formel 7-1:ArgumenteStaatsvolk...................................................................... 80Formel 7-2:ArgumenteStaatsgebiet................................................................... 81Formel 7-3:ArgumenteStaatsgewalt.................................................................. 81Formel 7-4:balanced scorecard ........................................................................... 82
Tabellenverzeichnis
Tab. 5-1:Verkehrstote vs. Terroropfer ................................................................. 52Tab. 6-1:Präventionseffekt .................................................................................. 65Tab. 6-2:Vergleichstabelle .................................................................................. 65
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Abkürzungsverzeichnis
A
B
Bundesamt für FinanzdienstleistungsaufsichtBaFinBandBd.
Bundesagentur für AußenwirtschaftbfaiBürgerliches GesetzbuchBGBBundesgesetzblattBGBl.BruttoinlandsproduktBIPBundeskriminalamtBKABundesrepublik DeutschlandBRDBundesverfassungsgerichtBVerfG
BundesverfassungsgerichtentscheidBVerfGEbeziehungsweisebzw.
Ccircaca.ceteris paribusc.p.
Ddas heißtd.h.deutschdt.des Monatsd.M.
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EEuropäische GemeinschaftEGenglische Schreibweiseengl.
Euskadi Ta Askatasuna (baskische Terrorgruppe)ETAEuropäische UnionEUEuropäisches PolizeiamtEuropol
Statistische Amt der Europäischen GemeinschaftenEurostat
Ffolgendef.fortfolgendeff.
Freiheitlich Demokratische GrundordnungFDGO
Ggemäßgem.
Groupe Islamique Combattant MorrocainGICMGrundgesetzGGgegebenenfallsggf.grundsätzlichgrds.
Groupe Salafiste pour la Prédication et le CombatGSPC
Gesetz über das Aufspüren von Gewinnen ausGwG
schweren Straftaten (Geldwäschegesetz)
HHuman Development ReportshdrHandelsgesetzbuchHGBherrschende Meinungh.M.home-grown-terrorismhgtHerausgeberHrsg.
I
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in der Regeli.d.R.Islamische Dschihad-UnionIDUim engeren Sinnei.e.S.insbesondereinsb.im Rahmeni.R.im Rahmen desi.R.d.im Sinne desi.S.d.
Internationale Organisation für NormungISOin Verbindung miti.V.m.im weiteren Sinnei.w.S.im Zusammenhang miti.Z.m.
KKriminelle GlobalplayerKGPs
M
maximalmax.MillionMio.mindestensmind.Mindermeinungm.M.MilliardeMrd.
N
North Atlantic Treaty OrganizationNATO
Ooben angeführto.a.oder Ähnlicheso.ä.
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und EntwicklungOECDoben genannto.g.Organisierte KriminalitätOK
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PPolizeiführungsakademiePFA
RRoyal Bank of ScottlandRBSRandnummerRdnr.
SSeiteS.so genanntsog.StückSt.StrafgesetzbuchStGBStrafprozessordnungStPO
TTabelleTab.
Uunter anderemu.a.und Ähnlichesu.ä.
Vereinigte Staaten von Amerika (engl.)USAunter Umständenu.U.
Vvergleichevgl.vermutlichvmtl.
Zzum Beispielz.B.zuzüglichzzgl.
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Das Bild der Rechtswissenschaften von der Ökonomie ist generell von dem Ansatz der Nutzenmaximierung geprägt. Unter dem Nutzen wird dabei die Höhe des geldwerten Vorteils einer Investitionsentscheidung verstanden. Dies steht im Widerspruch zur Auffassung der Ökonomie selbst. Die Wirtschaftswissenschaften sehen in der Maximierung der Zielvorstellung den eigentlichen Nutzen, der auch so genannte (sog.)weiche Zieleumfassen kann.1
In der vorliegenden Arbeit soll Terrorismus als schwerkriminelles strafrechtlich relevantes Verhalten im Nutzen analysiert und den marktwirtschaftlichen Folgen gegenüber gestellt werden. In diesem Zusammenhang wird hinterfragt, welche Anreize für die Straftäter gegeben sind, um ein solches Leid über ihre Opfer zu bringen. Die Betrachtung des ökonomischen Nutzens als Anreizfaktor ist nicht neu. Dieser Anreiznutzen wird regelmäßig monetär ausgedrückt. Die vorliegende Arbeit geht über die monetäre Betrachtung hinaus. Nutzen hat nicht mehr zwingend in materieller Form vorzuliegen, sondern ist persönliche Motivation der intrinsischen Gefühlsmaximierung.2
Die Auswirkungen durch terroristische Anschläge lassen sich in vier Kategorien mit Einfluss auf die Ökonomie unterteilen:3
1. Verlust von Menschenleben und Zerstörung der Infrastruktur 2. Reduktion von ausländischen Ressourcezuflüssen 3. Erwartungswertänderung durch Unsicherheit 4. indirekte KostenAufz. 1-1:Auswirkungen von Terror4
Der Verlust von Menschenleben ist verursacht zunächst Schmerz und Trauer als wohl schlimmste Folge. Ökonomisch wird von der Zerstörung des Humankapitals sowie Infrastruktur gesprochen.5Das Ausbleiben von Direktinvestitionen in einer Region und rückläufige Tourismuszahlen in belasteten Gebieten spiegeln die Reduktion von Ressourcezuflüssen wider. Als Folge des Terrors ändern sich die
1siehe hierzu z.B. KIRCHGÄSSNER, G., Homo oeconomicus (2000, S. 15f.)
2siehe hierzu Altruismus, z.B. bei RUCHT, D. (2001: 962-983)
3vgl. FREY, B. / LÜCHINGER, S. / STUTZER, A. (2005a: 4ff)
4vgl. FREY, B. / LÜCHINGER, S. / STUTZER, A. (2005a: 5)
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Erwartungshaltungen der Bevölkerung. Dies führt zu Veränderungen der makroökonomischen Parameter, wie Konsum, Spar- und Investitionsquoten. Die Ressourceallokation wird verzerrt.6Letztlich werden politische und wirtschaftliche Interessen, getragen von der zukünftigen Sicherheitserwartung der Bürger, verändert. Es kommt, bei finanzieller Möglichkeit, zu einer erhöhten Investition in die Sicherheit. Die Sicherheitsmaßnahmen generell als unproduktiver Einsatz von Ressourcen zu bezeichnen7erscheint fragwürdig. Vielmehr ist für die Entscheidung zur Investition in Sicherheit der Faktor des subjektiven Sicherheitsgefühls mitbestimmend.
Durch einen kriminellen Akt in großem Ausmaß wird dieses Sicherheitsgefühl regelmäßig geschädigt. Zur Wiederherstellung bedarf es eines erhöhten Ressourceneinsatzes. Trotz allen Leids erfordert die wirtschaftswissenschaftliche Analyse daher eine abstrahierende Betrachtung. Grundlage einer terroristischen Abstrahierung ist die Definition des Begriffs „Terrorismus“, der das Kapitel 2 gewidmet ist.
Wie die Ökonomie eine tragende Rolle in terroristischen Entscheidungen spielt, skizziert das 3. Kapitel. Der Einfluss der Motivation auf die terroristische Nutzenmaximierung und die dadurch bedingte ökonomische Veränderung der terroristischen Verhaltensweisen ist Gegenstand des 4. Kapitels. Soweit terroristische Verhaltensweisen mit wirtschaftswissenschaftlichen Maßstäben messbar werden, liefert die Ökonomie Erklärungsansätze. Kapitel 5 umfasst hierzu Auswirkungen und eine allokative Betrachtung. Die Fortentwicklung dieses Gedankens kann seinerseits zu einer Basis der koordinierten Planung von Entscheidungen in Nationalstaaten führen. Hieraus erklärbare Ansätze werden im Kapitel 6 aufgezeigt.
Die Grenzen der Arbeit finden sich in den Wechselwirkungen international agierender Staaten. Um einen Weltfrieden zu schaffen erscheinen weltweite gesamtgesellschaftliche Anstrengungen notwendig.8
5Im Falle der Anschläge vom 11. September 2001 z.B. ca. 25 bis 60 Mrd. Euro.
6so FREY, B. / LÜCHINGER, S. / STUTZER, A. (2005a: 5) richtig weiter
7wie FREY, B. / LÜCHINGER, S. / STUTZER, A. (2005a: 5)
8siehe hierzu „3. Weltkrieg“ LINDLAU, D.(2007), aber auch schon KRANZ, U. (2002)
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Der Begriff desFundamentalismuswird zum einen als Schlagwort und zum anderen als Kampfbegriff mit verschiedenen Bedeutungen genutzt. Er umfasst regelmäßig religiöse, politische und kulturelle Weltanschauungen. Die sprachliche Unterscheidung zwischen religiösem Fundamentalismus und religiösem Fanatismus ist schwierig. Der beschriebeneFanatismuswird teilweise als extremer Teil des Fundamentalismus verstanden. Er definiert sich aber auch als gesellschaftlicher Erklärungsversuch des Begriffs Fanatismus selbst.
In der gesamtdeutschen Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ findet sich ebenso ein Versuch der Begriffserklärung. Mit ihren zwei Gruppierungen, den „Fundis“ (Fundamentalisten) und den „Realos“ (Realisten), begründet sie ihre Hauptströmungen. Verstanden sich „Die Grünen“ vor allem in den Jahren nach ihrer Gründung als „Fundamentalopposition“, vertraten die „Fundis“ noch extremere Positionen innerhalb ihrer Organisation. Die „Realos“ warfen den „Fundis“ hingegen vor, Ideologen zu sein, die keinen Bezug zur Realität hätten.9
Damit ergibt sich die Notwendigkeit der Begriffsdefinition des Fundamentalismus. Hierzu lassen sich drei unterschiedliche Ansätze skizzieren:
1.aus philosophischer Sicht
2.aus gesellschaftswissenschaftlicher Sicht3.mittels theologischer ErklärungAufz. 2-1:Fundamentalismus10
Im Wörterbuch der Philosophie ist Fundamentalismus bezeichnet als:
„[heißt] Fundamentalismus … zunächst die amerikanische Variante eines in der Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts verschiedentlich zutage getretenen antimodernistischen Affektes. Der als Verfallserscheinung interpretierte Säkularisierung, für den Darwinismus und naturwissenschaftliches Denken verantwortlich gemacht werden, wird
9vgl. KIENZLER, K. (1990, S. 69)
10vgl. GRÜNSCHLOß, A. (1999: Einleitung)
