Ole Svensson und die Klasse 1C oder Liebesgrüße aus Lilleholm - Dominik Ehrst - E-Book

Ole Svensson und die Klasse 1C oder Liebesgrüße aus Lilleholm E-Book

Dominik Ehrst

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Beschreibung

Bastian Bielendorfer kann sein Pausenbrot einpacken, hier kommt der neue Star der großen Pause: Dominik Ehrst! Ole Svensson ist Grundschullehrer. Eigentlich will Ole aber berühmter Schriftsteller werden. Und wie jeder weiß, schreibt sich ein erfolgreiches Buch schneller, als man "Fjällräven" rufen kann. Man muss nur so viele skandinavische Elemente wie möglich in die Story einbauen! Doch die Schreiberei entpuppt sich für Ole als echtes Unterfangen. Schuld daran sind die chaotische Klasse 1c, sein verpeilter WG-Mitbewohner Björn und die geheimnisvolle neue Nachbarin Vänntje. Und als wäre das nicht schon Belastung genug für die schmalen Pädagogenschultern, verdreht ihm auch noch die wunderschöne Mutter von Kathi den Kopf. Skurrile Anekdoten mitten aus dem Lehrerleben Dominik Ehrst ist nicht nur Comedy-Autor, Moderator und Poetry Slammer, sondern auch selber Lehrer. Er weiß also genau, wovon er schreibt! Nicht zuletzt dadurch liest sich seine turbulente Geschichte so lebensnah, auch wenn sie vor schrägen Charakteren nur so wimmelt. Für Fans unverzichtbar, aber auch ein ideales Geschenk für Lehrer*innen oder Erziehungswissenschaftler*innen: Dieses Buch bietet hinreißend komische Unterhaltung voller Skurrilität und Selbstironie. Skål! »Äußerst amüsante Grundschulanekdoten« MDR »Helge Schneider im Körper von Owen Wilson« KgB Bremen

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dominik Ehrst

OLE SVENSSON UND DIE KLASSE 1c

oder Liebesgrüße aus Lilleholm!

LAPPAN

Ole Svensson ist Grundschullehrer. Eigentlich will Ole aber berühmter Schriftsteller werden!

Und wie jeder weiß, ist ein erfolgreiches Buch schneller geschrieben, als man „Fjällräven“ rufen kann, wenn man nur so viele skandinavische Elemente wie möglich in die Story einbaut.

Doch durch die chaotische Klasse 1c, Oles verpeilten WG-Mitbewohner Björn oder die geheimnisvolle neue Nachbarin Väntje, entpuppt sich die Schreiberei als echtes Unterfangen. Und als wäre das nicht schon Belastung genug für die schmalen Pädagogenschultern, verdreht ihm auch noch die wunderschöne Mutter von Kathi den Kopf.

Diese turbulente Geschichte, gespickt mit viel Selbstironie und schrägen Charakteren, bietet hinreißend komische Unterhaltung. Skål!

„Selten findet man liebevolle Beobachtungen des Schulalltags in so witzig-ehrlicher Sprache. Ein Silberstreif am Erwartungshorizont!“

Herr Schröder

AM ANFANG WAR DAS WORD

Test. Test. Test.

Schriftgröße passt. Absatz auch. Fußnoten? Brauche ich nicht.

Super. Dies ist nun also der zweite Versuch, mein mit hoher Wahrscheinlichkeit nie zu Ende geschriebenes Buch zu beginnen.

Mein erster Versuch fand bereits gestern zu später Abendstunde statt.

Um das mit dem blöden Absatz hinzubekommen, klickte ich mich durch die einzelnen Symbole der Toolliste von Microsoft Word. Ohne Erfolg. Wie bekloppt schlug ich auf meinen leistungsresistenten Laptop ein, woraufhin dieser sich mit einem eingeschnappten Fiepton verabschiedete.

Es war eine einvernehmliche Trennung.

Mein Name ist übrigens Ole. Ole Svensson.

Eigentlich heiße ich gar nicht wirklich so, aber skandinavische Elemente werten Bücher und Filme meiner Meinung nach erheblich auf.

Ich wohne in einer pompösen Siebenzimmerwohnung in Lilleholm. Die sieben Zimmer sind Flur, Küche, Bad, Wohnzimmer, Balkon und zwei Schlafräume, wobei die Schlafräume streng genommen zu klein sind, um sie als Zimmer gelten zu lassen. Im Sommer kommt dafür inoffiziell immer noch ein kleines Zimmer dazu, wenn ich auf dem Balkon zelte.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass ich nicht allein wohne. Mein Mitbewohner, ein Berufsphlegmatiker, bereichert mein Leben jeden Tag aufs Neue mit seinen sehr kritischen und philosophischen Fragen.

„Machst’n du?“, fragt er, während er gelangweilt Krümel aus der Sofaritze popelt.

„Ich schreibe ein Buch“, sage ich, nicht wenig stolz.

Er schaut auf.

„Ist nicht wahr? Find ich cool, wollte ja auch mal ein Buch schreiben, aber ich hab das mit dem Absatz nicht so ganz hinbekommen.“

Ich nicke verständnisvoll.

Neugierig lehnt er sich über die … ähm … Lehne.

„Dann sag doch mal, komme ich auch drin vor?“, fragt er.

„Jaaahaaa“, sage ich ein wenig genervt. „Aber ich werde alle Namen ersetzen und so.“

„Jo, klar“, meint er. „Wusstest du eigentlich, dass ich mit zweitem Namen Detmold heiße? Wäre echt peinlich, wenn das veröffentlicht werden würde.“

Ich nicke mitfühlend.

„Kann ich Ole heißen?“, fragt mein Mitbewohner. „Skandinavische Elemente werten Filme und Bücher meiner Meinung nach immer auf.“

„Nein, tut mir leid. So heiße ich schon. Ich hätte für dich noch Björn. Oder Thorben.“

„Dann lieber Thorben“, sagt mein Mitbewohner Björn nach kurzer Überlegung.

Es kommt nun vielleicht der Eindruck auf, ich würde mich mit Björn nicht gut verstehen. Doch so ist es nicht. Ich finde nur, wer sich einen ordentlichen Namen in einem nie veröffentlichten Buch verdienen will, könnte wenigstens einmal die Woche den Müll rausbringen.

Ich komme immer erst spät von der Arbeit nach Hause, muss dann noch putzen, kochen, bügeln, das Besteck wienern und die Kinder ins Bett bringen oder wie?

Okay, das mit den Kindern ist natürlich Quatsch gewesen.

Gut, das mit dem Besteck auch.

Schön. Gebügelt habe ich auch noch nie. Obwohl man sagen muss, zu Hause bei Mama bin immer ich derjenige, der das Bügelbrett ins Wohnzimmer trägt.

Aber das soll ja jetzt nicht das Thema sein.

„Übrigens“, ruft Björn.

Ich warte auf Weiteres, doch Björn schaufelt sich noch eine Hand voll Erdnussflips in den Mund. Da er mich gerade aus dem Konzept gerissen hat, bleibt mir nichts anderes übrig als abzuwarten, bis er wieder sprechen kann.

So. Vierzig Minuten später ist die Tüte dann auch alle.

Ich hasse diesen 150g-Extramüll.

„Übrigens“, ruft Björn.

Es scheint, als habe auch er in der ganzen Zeit geistig bei seinem eigenen Cliffhanger verweilt.

„Übrigens ist nebenan jetzt die neue Mieterin eingezogen.“

Das sind durchaus Nachrichten, die der Wartezeit gerecht gewesen wären, hätte Björn diese Neuigkeit nicht erst am Morgen durch mich erfahren.

„Ist nicht wahr“, sage ich mit gespielter Überraschung.

Björn zieht die Augenbrauen zusammen.

„Willst du mich verarschen? Ich weiß das doch überhaupt erst durch dich!“

SCHLAFLOS IN LILLEHOLM

Ich hasse es, wenn ich nicht schlafen kann.

Je mehr man sich der Tatsache bewusst wird, dass es nicht klappt, desto schlimmer wird es. Diesen Gedanken bläue ich mir ein und tue so, als sei ich gerade erst ins Bett gegangen und sei überhaupt schon immer der Beste im Einschlafen gewesen. Doch schnell merke ich, dass ich mich nicht selbst betrügen kann und dieser innere Konflikt auch nicht gerade zur Entspannung beiträgt. Ich drehe das gefühlt 40°C heiße Kopfkissen um und entferne die zwei Taschentücher, die an der Unterseite wohl schon seit Monaten oder gar Jahren hafteten. Ich gucke auf mein Handy.

Juhu, denke ich. Es ist erst halb eins. Noch sechs Stunden, die du schlafen kannst. Von drüben höre ich Björn schnarchen. Mit Björn ist dieser Detmold noch ganz gut weggekommen, finde ich.

Ich lege mich wieder hin, den Arm über der Decke.

Mit dem Arm über der Decke ist es plötzlich so kalt! Als würde man nackt in einem undichten Iglu am Nordpolarkreis den Film ,Ice Age‘ gucken, während man sich als kleinen Snack ein Selbstmach-Eis von ,FruchtZwerge‘ gönnt.

Schnell ziehe ich meinen halb toten Arm zurück unter die Decke. Aber hier stört er irgendwie. Wo hab ich den blöden Arm denn sonst immer?

Ich gucke auf mein Handy. Zwei Minuten nach halb eins. Okay, das war jetzt echt eine sinnlose Aktion.

Ich spüre, dass die Decke an meinen Füßen nur noch aus Laken besteht. Ein grässliches Gefühl. Nachdem ich diesen Umstand auch mit hektischen Fußtritten nicht ändern konnte, wird mir bewusst, dass ich um das Bettschütteln nicht herumkommen werde. Ich drehe und wende mich, klopfe unruhig auf die Bettdecke. Doch auch das hilft nicht wirklich. Ich versuche dem Druck zu widerstehen, erneut auf das Handy zu schauen. Dann halte ich es nicht mehr aus. 2:47 Uhr. Was für eine blöde Zeit.

Kurze Zeit später hängt der Sandmann sich dann doch so schwer an meine Augenlider, dass mein Körper endlich nachgibt und ich in einen tiefen Schlaf falle.

„FLIEHT, IHR NARREN!“, reißt es mich dann plötzlich aus dem Traumland. Ich bin hellwach! Meine Schockstarre löst sich erst, als ich erkenne, dass Björn im Schlaf mit sich selbst spricht. Er scheint mal wieder davon zu träumen, wie er als großer Zauberer Gandalf das Auenland beschützt, Orks schnätzelt und einen auf gut Kumpel mit den Hobbits macht. Mein Kopf ist jedenfalls wieder putzmunter und denkt über weitere völlig irrelevante Dinge nach. Wann ist Gandalf der Graue eigentlich zu Gandalf dem Weißen befördert worden? Und in welcher Gandalf-Phase hat sich Björn befunden?

Ich versuche es zunächst noch mit dem Klassiker „Schäfchenzählen“. Es klappt zunächst ganz gut, ich werde wieder müde, doch nach dem siebten Schaf komme ich ins Stutzen. Hüpft da doch ein weißer Pudel völlig unbekümmert über den Zaun.

Ähm und jetzt? Zähle ich den nun einfach mit?

Nachdem ich mich an die Pudel beim Schäfchenzählen gewöhnt hatte, tauchten sie plötzlich auf, die Fragen, die dir wirklich keine Ruhe lassen, die selbst dem müdesten Gesellen keine Ruhe gönnen. Zum Beispiel:

Wurde eigentlich jemals aufgelöst, wer die Kokosnuss geklaut hat? Und warum hat das keiner bemerkt? So ein Ding ist doch groß. Und ist der Begriff „Stehlen“ überhaupt angebracht, wenn die Kokosnuss von einer in der Öffentlichkeit stehenden Palme heruntergefallen ist?

Oder: Wieso darf jeder hinein, solange es kein Schneider ist? Der arme Kerl! Das macht keinen Sinn. Ich meine, stellt euch das mal vor:

„Hallo, wer ist da?“

„Ich bin ’s, ein Mörder.“

„Ach, Gott sei Dank, ich dachte schon, es wäre ein Schneider.“

Und warum konnten Urzeitkrebse Millionen Jahre überleben und die aus dem Mickey-Mouse-Heft sterben nach zwei Tagen?

Viele Fragen und einige Kämpfe mit der Decke später steht endlich die Sechs vor dem Doppelpunkt.

Juhu, denke ich. Jetzt darf ich gleich aufstehen.

DER RÄCHER DER UNTERDRÜCKTEN

Björn hat mein Auto kaputt gefahren. Darum muss ich heute die S-Bahn zur Schule nehmen. Wie sich herausstellte, hat Björn nicht einmal einen Führerschein, weshalb ich so tun musste, als hätte ich am Steuer gesessen, während der Wagen gegen den einzigen Baum im Umkreis von 200 Metern gedonnert war. Da Björn sich bei dem Unfall einige Prellungen zugezogen hatte, fragte er mich, ob ich der Polizei nicht sagen könne, dass ich ihn vorher angefahren habe. Nur der Glaubhaftigkeit wegen natürlich. Daraufhin fügte ich ihm noch überall da Prellungen zu, wo ihn Wagen und Baum verfehlt hatten.

Nun stehe ich also vor dem Fahrscheinautomaten, überfordert mit der unendlichen Anzahl an Tarifen. Einzelfahrkarte, Tageskarte, Vier-Fahrten-Karte, Premiumkarte, Premiumkarte-Gold, Premium-Vier-Fahrten-Karte. Ich entscheide, wie ich bei solch lebenswichtigen Dingen immer entscheide. Ich zeige mit dem Finger auf den Schalter und rufe dabei laut: „Eine kleine Mickey-Mouse zog sich mal die Hosen aus, zog sie wieder an und du bist dran.“

Ich erwische die Premiumkarte, die ich aber nicht kaufen kann, da ich leider kein Premiummitglied bin. Ich kaufe also eine Einzelfahrkarte. Verdammte Maus ohne Hose!

Dann setze ich mich auf einen freien Platz ganz hinten am Ende des Waggons. Dass der Platz frei war, auf den ich mich gesetzt habe, erklärt sich dabei jedoch von selbst.

Ich träume vor mich hin, als mich plötzlich eine Stimme aus den Gedanken reißt.

„Guten Tag. Ihre Fahrscheine bitte.“

Ein rundlicher Mann mit Schnauzbart und Cappy war vorne eingestiegen und hält nun seinen Ausweis empor. Auf einmal bricht ein großer Tumult aus. Die Kinder zeigen angsterfüllt auf den Mann, Mütter halten ihren Babys die Augen zu, beten leise. Männer, die ihrem Alter nach zu urteilen beide Weltkriege erlebt haben, flitzen in ungeahnter Schnelligkeit zu den Türen und drücken sich an den Halteknöpfen die Daumen wund. Mir bricht der Schweiß aus, fieberhaft durchsuche ich meine Taschen nach meiner Fahrkarte. Musste die Karte vorher entwertet werden? Verlor sie durch das Eselsohr ihre Gültigkeit? Darf ich hier überhaupt ein öffentliches Verkehrsmittel nutzen als Besitzer eines Führerscheins? Nehme ich dadurch nicht gesellschaftlich gebeutelten Menschen wie etwa Björn einen Platz weg? Dürfen Nicht-Premium-Mitglieder überhaupt in dieser Bahn atmen?! Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen. Angsterfüllt muss ich mit ansehen, wie sich der Kontrolleur Stück für Stück zu mir durchkämpft, die anderen Fahrgäste mit einem abschätzigen Nicken bescheidet, ganz sicher schon längst auf mich fixiert.

Nur noch eine Haltestelle. Wieso fährt die Bahn plötzlich so langsam?

„Guten Tag. Ihre Fahrscheine bitte“, wiederholt der Kontrolleur, nur noch wenige Schritte von mir entfernt. Wieso sagt er das schon wieder? Muss er uns einfache Menschen so fertig machen mit diesen Psychospielchen? Der ist doch krank! Ich bin entsetzt über so viel Hass, den man seinen Mitmenschen gegenüber aufbringen kann.

Vor mir sitzt ein zitternder Junge, in der Hand sein klitschnasses Ticket. Als der Kontrolleur vor ihm steht, fällt ihm die Karte aus der Hand. Die Türen gehen auf. Ich weiß, was zu tun ist.

„Lauf!“, rufe ich ihm zu und schmeiße mich zwischen den Kontrolleur und den Jungen. Ich hebe seine Karte auf, gebe dem verdutzten Kontrolleur meine noch dazu und verlasse unter großem Applaus die Bahn.

Da sieht man einmal wieder, dass wir stark sein können, wenn wir zusammenhalten – die Starken, die Schwachen, die Jungen und Alten.

DIE KINDER DER KLASSE 1c

Ich betrete die Astrid-Lindgren-Grundschule.

Auf dem Weg zu meinem Klassenzimmer treffe ich den Hausmeister, der gerade die funktionierenden Glühbirnen mit den Energiesparlampen austauschen möchte, die er von zu Hause mitgebracht hat.

„Guten Morgen. Wie geht es Ihnen?“, frage ich höflich.

„Wie es einem nach so einer originellen Frage halt geht“, raunt er genervt.

Ich nicke mit einem charmanten Lächeln.

Unser Hausmeister ist wie die meisten Hausmeister ein wenig speziell. Jeder soll tun und lassen, was er will, wir sind jedoch alle froh, dass er nach einem Gespräch mit der Direktorin eingesehen hat, dass die Bilder seiner Mutter an den Wänden der Schulflure nichts zu suchen haben, mögen sie noch so barbusig sein.

Mein Praktikum während meiner Studienzeit hatte ich ebenfalls an dieser Schule absolviert. Da meine Arbeit zu allgemeiner Zufriedenheit führte oder weil ich einer von nur zwei Männern an dieser Schule bin, habe ich bereits jetzt meine eigene Klasse bekommen, die ich nun schon seit drei Tagen unterrichte.

Die Klasse 1c wartet bereits voller Vorfreude auf mich.

Voller Vorfreude und mit einem Haufen voller Schwämme.

Ich halte meine Schultasche schützend vor mein Gesicht und kämpfe mich zum Lehrerpult durch. Solche Situationen muss man aussitzen. Ich weiß nicht, wie viele Räume diese Knirpse durchklappert haben, aber ich schätze, dass es im gesamten Schulgebäude maximal dreißig Schwämme gibt und der Beschuss noch ein Weilchen dauern dürfte.

Der letzte Schwamm fliegt, ich fange ihn noch in der Luft und schleudere ihn dem Angreifer ins Gesicht. Der kleine Jonas fällt rückwärts vom Stuhl und schlägt mit dem Kopf auf den Parkettboden.

„Ha!“, rufe ich triumphierend.

In der Klasse ist es plötzlich totenstill.

Lisa meldet sich.

„Ja, Lisa?“, frage ich.

„Herr Svensson, ist der Jonas jetzt tot?“

Ich schüttele heftig den Kopf.

„Nein, Lisa, du hörst ihn doch wimmern. Leute, die tot sind, können nicht mehr wimmern. Nein, Ida, das brauchst du nicht mitschreiben. Außerdem hältst du deinen Bleistift noch immer falsch herum.“

Lisa meldet sich erneut.

„Ja, Lisa?“, frage ich.

„Herr Svensson, hat der Jonas eine Gehirnerschütterung?“

„Wow, so ein schwieriges Wort kannst du schon sagen“, lobe ich Lisa.

Ich gucke kurz zu Jonas, der wie in Trance hin und her wankt.

„Und ja, ich denke, der Jonas hat wirklich eine Gehirnerschütterung.“

Lisa strahlt selbstzufrieden.

Die Schulklingel läutet.

„So, dann wollen wir mal mit dem Unterricht beginnen. Guten Morgen, Kinder!“

„Guten Morgen, Herr Svensson“, antwortet die Klasse.

Die „Gute Nacht, Herr Dumpfbacke“-Sprüche der ersten Tage sind nur noch vereinzelt zu hören. Irgendwann wird jeder Witz unlustig.

Ein Mädchen meldet sich. Ich weiß leider ihren Namen nicht.

„Ähmmmmmm“, versuche ich die Zeit zu überbrücken und suche den Sitzplan.

„Was ist denn, Moritz?“, frage ich, ohne den geringsten Zweifel an meiner Aufzeichnung zu hegen.

„Ich bin nicht Moritz“, sagt das Mädchen.

„Das kann ja jeder sagen“, behaupte ich trotzig.

„Ich bin Moritz“, sagt Jenni.

„Du bist Jenni“, kontere ich.

„Nein, ich bin Jenni“, sagt – okay, hier scheint wirklich etwas mit der Liste nicht zu stimmen.

„Wer bist du dann?“, frage ich das Mädchen, das wohl doch nicht Moritz ist.

„Kathi, Herr Svensson.“

„Und warum sitzt du da, wo sonst Moritz sitzt?“, frage ich Kathi.

„Weil Paul auf meinem Platz sitzt.“

Ich verfolge meinen Sitzplan, der immerhin noch gewisse Rückschlüsse zulässt.

„Und warum sitzt du nicht hier vorne, Paul?“

„Weil Sarah stinkt.“

Die Klasse lacht. Auch ich kann mir ein Schmunzeln kaum verkneifen, erkenne aber den Ernst der Lage und bleibe professionell.

„Soooo schlimm ist es ja auch wieder nicht“, entgegne ich und kann glaubhaft auch nicht mehr zur Verteidigung von Sarah beitragen.

Unser Minigrufti entschied sich schließlich aus freien Stücken zum Einsatz von Knoblauch und Ammoniak und, was-weiß-ich, für Teufelszeug, um Vampire (aber im Endeffekt auch uns Sterbliche) auf Abstand zu halten. Ich selbst glaube ja nicht an so einen Hokuspokus, frage mich aber schon, ob es Teil von Murphys Gesetz ist, dass ausgerechnet solche Kinder immer in der ersten Reihe sitzen wollen.

„Herr Svensson?“, ruft Kathi dazwischen. „Ich muss jetzt aber wirklich mal aufs Klo.“

„Jetzt schon?“, frage ich ungläubig. „Warum bist du denn nicht vor dem Unterricht gegangen?“

Kathi zuckt mit den Schultern.

„Da musste ich noch nicht.“

Ein schlagfertiges Argument, wie ich finde.

„Na gut, dieses EINE Mal noch“, sage ich so, als ob ich bei den nächsten Malen standfester wäre.

„Hmplf?“, stammelt Jonas, noch immer benommen.

„Nein, du wartest, bis Kathi wieder da ist“, sage ich entschieden.

Alle anderen Kinder heben nun die Hände.

„So, aber nur wenn es nicht um den Toilettenbesuch geht“, warne ich vor.

Alle Hände gehen nach unten. Nur Malte hält die Hand weiter empor.

„Ja, Malte?“, frage ich.

„Herr Svensson, ich muss auch mal aufs Klo.“

Ich seufze.

„Na schön, aber erst nach Jonas.“

Malte verzieht das Gesicht.

„Aber ich muss ganz dolle. Ich kacker mir gleich in die Hose.“

Seine Stimme wird brüchig. Vollkommen entnervt nicke ich.

Breitbeinig versucht sich Malte nun Schritt für Schritt durch die Stuhlreihen zu kämpfen und als er an mir vorbeiläuft, finde ich, dass ich Sarah Unrecht getan habe.

„So, jetzt mal wieder zurück zum Unterricht“, sage ich. „Wer hat Lust auf ein Spiel?“

Allgemeines Jubeln erfüllt den Raum.

Auch Malte kämpft sich nun in das Klassenzimmer zurück, doch ich schicke ihn wieder in Richtung Toilette.

Bevor ich nun endlich mit dem einleitenden Reimspiel beginnen kann, werde ich durch einen Schrei vom Klo aufgehalten.

„Ich bin feeeeeeeeeeeertig“, brüllt die kleine Kathi.

Das kann doch nicht wahr sein, denke ich. Doch da Kathi die Tochter der schönsten Frau der Welt ist, mache ich eine Ausnahme.

„So, ihr überlegt euch einmal, was sich alles auf das Wort ‚Maus‘ reimt. Ich komme gleich wieder.“

Auf dem Weg zur Toilette begegne ich Malte, dessen Schritte immer bedächtiger werden. Dann stehe ich vor der Mädchentoilette. Mist.

„Ähm, Kathi, wie sieht’s aus?“, frage ich unbeholfen.

„Hmm. Ganz groß, Herr Svensson. Und braun. Aber an der einen Stelle auch …“

„Nein, nein. Kathi, das meine ich nicht. Ähm, soll ich mal reinkommen?“

„Ja, dann können sie ja mal nachschauen, wie es aussieht.“

Ich schüttele missmutig den Kopf. Zum Glück kommt Frau Jansen den Flur entlang.

Sie hebt die Augenbraue, als sie mich an der Mädchentoilette sieht.

„Kathi ist fertig“, sage ich nur.

Ich übrigens auch.

Ein dickes Grinsen huscht über ihr Gesicht.

„Verstehe, mein Guter. Ich kümmere mich mal um die kleine Prinzessin.“

„Hallo, Frau Jansen“, ächzt Malte schwer atmend und läuft in Cowboyhaltung ins Bad.

Frau Jansen schaut mich fragend an, ich zucke ratlos mit den Schultern und gehe zurück ins Klassenzimmer. Dort steht der Hausmeister und balanciert einen Besenstiel auf seiner Nase. Als er mich sieht, fällt ihm vor Schreck der Besen herunter, direkt auf den Kopf von Jonas. Zumindest habe ich das Jonas Mutter erzählt, als sie ihren Sprössling in der Frühstückspause abholen kommt.

AUF DEN SPUREN VON BJÖRNS TRÄUMEN

Nach diesem anstrengenden Tag komme ich endlich nach Hause, völlig durchnässt und übermüdet.

„Oh, guck mal“, ruft Björn. „Du bist ja völlig durchnässt.“

Er selbst steht in Boxershorts und mit Spielzeuggitarre im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

„Oh nein!“, rufe ich mit übertriebenem Entsetzen und untermale dieses, indem ich mir in hektischer Hysterie die Tropfen vom Körper puste. Björn legt den Kopf schief.

„Hat wohl geregnet draußen“, meint er nachdenklich.

„Ein bisschen“, entgegne ich knapp und schaue durch das Fenster auf das Weltuntergangsszenario. Hoffentlich steht das Zelt nicht mehr auf dem Balkon.

„Warum bist du denn so spät wiedergekommen? Es ist ja bereits vier Uhr!“

„Ach, ich hatte auf dem Rückweg doch nicht so viel Lust, nochmals mit der Bahn zu fahren. Wollte lieber die frische Luft genießen und bin die zwölf Kilometer dann gelaufen.“

„Warum hast du denn nicht das Auto genommen?“

Ich ignoriere diese äußerst gewagte Frage von Björn.

„Na?“, frage ich stattdessen und deute auf ihn. „Und warst du heute erfolgreich?“

„Kann man wohl sagen“, sagt Björn zufrieden. „Also das mit dem Ausbildungsplatz für den Tierpfleger hat nicht so gut geklappt. Da ist kurz vor dem Gespräch so ein Frauchen mit ihrem Dackel gekommen und da war es vorbei mit mir. Ey, der war aber auch groß, bestimmt so groß wie ein zwei Meter großes … öhm … Kaninchen. Brauchst du gar nicht so die Augen verdrehen. Na ja, jedenfalls bin ich dann erst mal nach Hause gegangen.“

So viel Dummheit in so wenigen Sätzen.

„Na schön“, sage ich. „Und was erzählst du mir da von wegen ,erfolgreicher Tag‘?“

„Deswegen“, sagt Björn und deutet auf den Fernseher. „Ich habe jetzt endlich bei Guitar Hero III Stevie Ray Vaughans Song Pride and Joy auf Profi durchgezockt.“

Ich schweige kurz und versuche mich zu sammeln.

„Und“, beginne ich im Tonfall eines nachsichtigen Grundschullehrers, „du möchtest jetzt ernsthaft damit versuchen, Geld zu verdienen, um endlich auch einmal etwas zur Miete beizusteuern?“

„Nein“, winkt Björn lachend ab. „Ich bin doch nicht dumm. Mein großer Traum ist es ja eigentlich, Astronaut zu werden.“

Ich starre ihn unverwandt an.

„Ich werde jetzt ins Bett gehen.“

Den Schlaf habe ich ohnehin nötig.

„Jo, mach das. Ich kenn das. Manchmal muss man sich einfach auch mal ausruhen. Ich hatte letzte Nacht übrigens einen voll komischen Traum. Ich war ein Zauberer und habe einen Kampf geführt gegen das dunkle Heer und das feurige Gemächt Saurons. Das stand in riesigen Flammen auf einem schwarzen Turm. Was der Traum wohl zu bedeuten hat?“

„Möglicherweise, dass du dir die ,Herr der Ringe‘-Filme noch einmal anschauen solltest. Was hattest du eigentlich an in deinem Traum?“, frage ich.

„Ähm, einen Hut, echt nice Zauberstiefel und mein grünes Converse-T-Shirt. Wieso?“

Ich zucke die Schultern. Björn war also nicht der Weiße und nicht der Graue. Er war Gandalf, der Grüne.

Zumindest eine Frage aus der vergangenen Nacht konnte ich klären. Aber ein paar habe ich noch.

Wieso heißt es zum Beispiel: Ausnahmen bestätigen die Regel? Das macht keinen Sinn. Ich meine, stellt es euch vor:

‚Alle Autos sind rot.‘

‚Aber mein Auto ist grün.‘

‚Tja, Ausnahmen bestätigen die Regel.‘

Ist doch Quatsch.

Oder auch dieser Spruch ,Das sieht aus wie bei Hempels unterm Sofa‘ wirft doch so manche Fragen auf.

Wie sieht es unter den anderen Möbeln der Hempels aus? Woher weiß man überhaupt, wie es unter dem Sofa dieser Familie aussieht? Und wenn es einem schon unangenehm auffällt, wieso macht man nicht einfach selbst unter dem Hempelsschen Sofa sauber – oder spricht die Familie einfach mal darauf an, statt sie in aller Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg zu verunglimpfen? Traurige Gesellschaft, in der wir leben. Null Fehler- und Sofabodentoleranz.

DIE DOKTOREN GUSTAFSSON UND SCHIESS-MICH-TOT

Ich weiß nicht, wie spät es ist. Es müsste irgendwann Samstag in der Früh sein.

Die Klingel läutet Sturm. Ich schlüpfe schnell in meinen Morgenmantel, verwuschele meine Frisur, die durchs Schlafen immer glatt und gekämmt aussieht, und renne eilig zur Wohnungstür.

Zwei Männer stehen im Flur, sie tragen dunkelblaue Anzüge und eine geschäftige Miene.

Auf ihren Plaketten steht der Schriftzug „Psychiatrische Klinik Lilleholm“.

Niemanden sonst hätte ich an einem frühen Samstagmorgen in Anzug und munterem Zustand erwartet. Die können schon nicht mehr alle Vögel im Käfig haben.

„Guten Tag“, kräht der eine von ihnen und reicht mir seine Hand.

Ich gucke auf sie herab und zähle die Finger. Es sind fünf, ich kann sie also schütteln. Bei Psychiatern muss ich nämlich immer an den irren Hannibal Lecter denken, der aufgrund eines Gendefekts sechs Finger an einer Hand hatte.

„Mein Name ist Professor Doktor honoris causa Diplom-Psychologe und Gesundheitsökonom Gustafsson und das ist mein Partner, kurz Professor Doktor H&M Diplomat abc Mettwurst Schieß-mich-tot.“

Tut mir leid, ich kann den Namen nicht mehr ganz rekonstruieren. Es war schon schwierig genug, sich die Titel vom ersten Doktor zu merken. Ich habe ja nicht immer meinen Laptop dabei.

„Oh, na ja, wo die Liebe hinfällt, nicht wahr“, lächele ich freundlich.

„Wie bitte?“, fragt Herr Gustafsson. „Nein, nein, ich spreche hierbei von einem Arbeitspartner, nicht von einem Lebenspartner.“

„Verstehe schon“, sage ich und zwinkere ihm zu.

Herr Gustafsson scheint ein wenig säuerlich, weshalb sein Herzensblatt nun für ihn in die Bresche springt.

„Herr Svensson, wir sind im Auftrag des Lilleholmer Instituts für Psychiatrie und Psychotherapie unterwegs. Dürften wir kurz eintreten?“

Ich seufze.

„Ich habe mir bereits gedacht, dass dieser Moment kommen würde. Leider muss ich Sie enttäuschen. Björn ist außer Haus.“

Auch Doktor Schieß-mich-tot scheint nun verdutzt.

Ist aber auch wirklich noch früh am Morgen.

Ich lasse die beiden Herren dennoch eintreten und mache ihnen einen Kaffee. Dann stelle ich ihnen eine gemeinsame Tasse auf den Tisch. Fragend schauen sie mich an. Ich hebe abwehrend die Hände.

„Tut mir sehr leid. Mein Mitbewohner hat mir eigentlich versprochen, die Spülmaschine anzuschalten. Darum habe ich jetzt kaum Geschirr. Ich kann ihnen aber für die Tasse zumindest zwei Strohalme anbieten. Welche Farbe möchten Sie denn gerne haben?“

Herr Gustafsson schaut mich an, als wäre ich von einem anderen Stern.

„Rot. Oder lila“, sagt Herr Schieß-mich-tot sofort.

„Interessant“, denke ich. Also ist er der Gefühlvolle mit Hang zum Ästhetischen in der Beziehung.

„Wissen Sie, was das Lustige an der Sache ist?“, frage ich lachend. „Ich habe hier zwei Nervendoktoren am Tisch sitzen und habe selbst keine Tassen mehr im Schrank.“

Herr Schieß-mich-tot stimmt in mein Lachen ein, nur Herr Gustafsson ist wohl noch nicht so ganz aufgetaut.

„Herr Svensson, ich muss Sie doch sehr bitten. Einen etwas seriöseren Auftritt darf ich bei der Gelegenheit wohl schon verlangen.“

Ich nicke und denke an den Tod meiner Uroma, um die nötige Ernsthaftigkeit zu erlangen.

„Was ist denn nun schon wieder?“, fragt Herr Gustafsson entnervt, als mir plötzlich Tränen die Wangen herunterrinnen. Herr Schieß-mich-tot schlürft derweil durch seinen lila Strohhalm den lauen Kaffee und scheint mich nicht zu bemerken.

Ich beruhige mich wieder.

„Verzeihung. Ich habe meine Uroma halt wirklich lieb.“

Darauf ernte ich nur weiteres Kopfschütteln von Herrn Gustafsson.

„Ich habe meine Uroma auch lieb“, wirft Herr Schieß-mich-tot ein.

„Ja, das ist schön. Ich würde dennoch gern wieder zurück zum eigentlichen Grund unseres Besuches kommen“, meint Herr Gustafsson, sichtlich um seine Beherrschung bemüht. Ich will nicht, dass er einen Nervenzusammenbruch erleidet und als Patient seines Lebenspartners endet und nehme deshalb seinen Vorschlag an.

„Wenn Sie nicht wegen Björn da sind, womit kann ich Ihnen denn dann weiterhelfen? Hat sich Jonas Gehirnerschütterung verschlimmert? Ich hatte damit nichts zu tun. Das weiß auch Jonas Mutter. Fragen Sie sie ruhig, wenn Sie mir nicht glauben.“

„Nein, Herr Svensson“, kräht Herr Gustafsson. „Es geht hier weder um einen Jonas noch um einen Björn oder irgendeine Uroma. Wir sind hier wegen Ihrer neuen Nachbarin.“

DAS MÄDCHEN VON NEBENAN

„Unsere Nachbarin?“

Björn geht unruhig auf und ab.

„Was ist denn nun, wenn sie nachts kommt und mich erdrosselt?“

Dann lade ich sie einmal ins Kino ein, denke ich, verwerfe den Gedanken jedoch wieder, als mir mein Kontostand einfällt. Grundschullehrer und Möchtegern-Schriftsteller eben.

„Nein, ich habe dir doch erzählt, was die Professoren meinten. Sie ist höchstens eine Gefahr für sich selbst. Man hatte sie früh einweisen lassen, weil sie unter einer besonderen Form einer dissoziativen Identitätsstörung litt. Aber nun ist sie geheilt und entlassen worden und führt jetzt zum ersten Mal ein selbstständiges Leben. Sie entdeckt die Welt neu, fast wie ein kleines Kind, verstehst du?“

Björn nickt, doch bei dem medizinischen Fachwort hat er geistig irgendwie abgeschaltet.

„Sag mal, wie viele Finger hatte eigentlich der Psychodoktor?“, fragt er stattdessen.

„Fünf“, sage ich, froh, dass ich nicht der einzig paranoide Mensch auf dieser Welt bin.

„War es denn auch die linke Hand?“, fragt Björn skeptisch.

Ich bin mir unsicher, nicke dennoch.

Björn schaut auf seine eigenen Hände.

Er betrachtet sie eine Weile und wieder einmal bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die nächste Interaktion zu warten.

„Sag mal, wo kommen eigentlich die Fingernägel her?“, fragt Björn.

Manchmal ist so eine Grundschulklasse schon einfacher.

Der Nachmittag plätschert dann so vor sich hin. Nur einmal verlasse ich die Wohnung und das auch nur, um die Post zu holen.

Und dabei begegne ich dann auch ihr.

Lange rotblonde Haare fallen ihr wie ein Vorhang über die Schultern, ihre blassgrünen Augen heben sich leicht von ihrem hellrosa Teint ab.

Sie sieht aus, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nur Bioprodukte gegessen und doch wirkt ihr unspektakuläres Erscheinungsbild recht hübsch und anziehend.

Gleichzeitig erkenne ich sofort, dass sie das Mädchen sein muss, das mir die Professoren Gustafsson und Schieß-mich-tot beschrieben hatten.

Barfuß steht sie im Treppeneingang, leicht wacklig auf den Beinen. Ihr transparentes Kleidchen sitzt etwas schief und ihre Minnie-Mouse-Unterwäsche blickt durch.

Dazu trägt sie rote Kirschen an den Ohren und summt vor sich hin.

„Hallo“, sage ich freundlich und schließe meinen Briefkasten auf.

„Hallo?“, säuselt sie verwundert. „Kennt der Herr mich denn?“

Ich drehe mich zu ihr um.

„Äh nee. Aber man grüßt sich halt hier im Haus.“