Olympisches Feuer - Liza Marklund - E-Book

Olympisches Feuer E-Book

Liza Marklund

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Beschreibung

Ein Bombenattentat erschüttert Stockholm. Nur wenige Monate vor Beginn der Olympischen Spiele wird das neue Stadion komplett zerstört. Sind Terroristen für den Anschlag verantwortlich, der einer Frau das Leben kostete? Das Land ist im Aufruhr und die Polizei fahndet verzweifelt nach den Tätern. Doch auch Annika Bengtzon macht sich auf die Suche nach den Schuldigen. Dabei sieht die Journalistin und Mutter zweier Kinder Verbindungen, die außer ihr niemand erkennen mag. Und bringt sich schließlich selbst in tödliche Gefahr … 

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Das Buch

Ein Bombenattentat erschüttert die schwedische Öffentlichkeit: ein Anschlag auf das Olympiastadion, nur wenige Monate vor Eröffnung der Spiele. In den Trümmern findet die Polizei die Leiche von Christina Furhage, der Direktorin des Olympiakomitees. Annika Bengtzon, seit kurzem Chefin der Polizeiredaktion einer großen Zeitung, beginnt zu ermitteln, und ihre Recherchen fördern Unglaubliches zutage …

»Schweden hat einen neuen Exportschlager: Liza Marklund.«Brigitte über Olympisches Feuer, Liza Marklunds ersten ­Annika-Bengtzon-Krimi

Die Autorin

Liza Marklund, geboren 1962 in Piteå, arbeitete als Journalistin für verschiedene Zeitungen und Fernsehsender, bevor sie mit der Krimiserie um Annika Bengtzon international eine gefeierte Bestsellerautorin wurde. Weitere Informationen zur Autorin:www.lizamarklund.se

Von Liza Marklund sind in unserem Hause bereits erschienen:

Kalter Süden

Liza Marklund

Olympisches Feuer

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Dagmar Mißfeldt

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-taschenbuch.de

Dieser Roman erschien erstmals im Jahr 2000 auf Deutsch.

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Neuausgabe im Ullstein Taschenbuch 1. Auflage März 2012 © für die deutsche AusgabeUllstein Buchverlage GmbH, Berlin 2012 Alle Rechte an der Übertragung ins Deutsche bei Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg © Liza Marklund 1998 Published by agreement with Salomonsson Agency Titel der schwedischen Originalausgabe: Sprängaren (Orduplagget, Stockholm) Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Titelabbildung: Titelabbildung: © FinePic® © Image Source/Corbis (Engel)

Prolog

Die Frau, die bald sterben sollte, öffnete vorsichtig die Haustür und schaute sich geschwind um. Das Treppenhaus hinter ihr lag im Dunkeln, die Stufen hinab hatte sie kein Licht ­gemacht. Ihr heller Mantel schwebte geisterhaft vor dem ­dunklen Holz. Sie zögerte einen Moment, bevor sie einen Fuß auf den Bürgersteig setzte, als fühle sie sich beobachtet. Ihr Atem ging schnell, und für wenige Sekunden umgab der weiße Dunst sie wie ein Heiligenschein. Dann rückte sie den Schulterriemen ihrer Handtasche zurecht und umschloß den Griff ihrer Aktentasche fester. Sie zog die Schultern hoch und lief mit raschen, leisen Schritten in Richtung Götgatan. Es war bitterkalt, rauher Wind umwehte ihre dünnen Nylonstrümpfe. Sie wich einer vereisten Fläche aus und balancierte für einen Augenblick auf der Bordsteinkante. Dann eilte sie aus dem Schein der Straßenlaterne in die Dunkelheit. Kälte und Schatten hüllten sie ein; die Geräusche der Nacht erreichten sie nur gedämpft: das Surren einer Belüftungs­anlage, das Grölen einiger betrunkener Jugendlicher, eine Sirene in weiter Ferne.

Die Frau schritt schnell und zielstrebig voran. Sie strahlte Selbstsicherheit aus und verbreitete den Duft teuren Parfüms. Als plötzlich ihr Handy klingelte, hielt sie irritiert in der Bewegung inne, blieb stehen und schaute sich hastig um. Sie bückte sich, lehnte die Aktentasche gegen ihr rechtes Bein und begann, in ihrer Handtasche zu kramen. Verärgert und verwirrt zugleich, holte sie ihr Handy hervor und hielt es ans Ohr. Trotz Finsternis und Schatten bestand an ihrer Reaktion kein Zweifel: Die Verärgerung wich Verwunderung, um dann in Wut und schließlich in Angst umzuschlagen.

Am Ende des Gesprächs verharrte die Frau für wenige Sekunden mit dem Telefon in der Hand. Sie senkte den Kopf und schien nachzudenken. Ein Polizeiauto fuhr langsam vorbei, die Frau schaute zu dem Wagen auf, abwartend, starrte ihm nach. Sie unternahm nichts, um das Auto anzuhalten.

Offenbar hatte sie eine Entscheidung getroffen. Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging denselben Weg zurück, den sie gekommen war, vorbei an der dunklen Holztür in Richtung der Kreuzung Katarina Bangatan. Sie wartete, während ein Nachtbus vorüberfuhr, hob den Kopf und folgte mit ihren Blicken der Straße über den Vintertullstorget hinweg und weiter am Sickla-Kanal entlang. Hoch über dem Sickla-Kanal lag das Victoriastadion, wo in sieben Monaten die Olympischen Sommerspiele eröffnet werden sollten.

Als der Bus vorbeigefahren war, überquerte die Frau den Ringvägen und schritt die Katarina Bangatan entlang. Ihr ­Gesicht war ausdruckslos, das Tempo ihrer Schritte verriet, daß sie fror. Sie nahm die Fußgängerbrücke über den Hammarby-Kanal und gelangte durch das Multimediadorf auf das Olympiagelände. Mit kurzen und leicht ruckartigen ­Bewegungen eilte sie weiter zum Olympiastadion. Sie schlug den Weg am Wasser entlang ein, obwohl diese Strecke länger und kühler war. Der Wind, der vom Wasser des Saltsjön herüberwehte, war eiskalt, doch sie wollte nicht gesehen werden. Die Dunkelheit war undurchdringlich, und sie stolperte mehrmals.

Beim Gebäude mit der Post und der Apotheke bog sie zum Trainingsgelände ab und rannte die letzten Meter bis zur Arena. Als sie den Haupteingang erreicht hatte, war sie außer Atem und wütend. Sie zog das Tor auf und trat in die Finsternis.

»Sagen Sie, was Sie wollen, und machen Sie es kurz«, verkündete sie und schaute mit kalten Augen die Person an, die sich aus dem Schatten gelöst hatte.

Den erhobenen Hammer sah sie noch, Angst jedoch spürte sie nicht mehr.

Der erste Schlag traf ihr rechtes Auge.

Existenz

Gleich hinter dem Holzzaun war ein Ameisenhaufen von gigantischem Umfang. Als Kind hatte ich die Angewohnheit, ihn mit vollkommener Aufmerksamkeit zu studieren. Ich stand so dicht daneben, daß die Insekten unablässig über meine Beine krabbelten. Mitunter folgte ich einer einzelnen Ameise vom Gras bis hinunter zum Hof, über den Kiesweg hinweg und den Sandstreifen entlang bis zum Haufen. Dort nahm ich mir fest vor, das Insekt nicht aus den Augen zu verlieren, doch das gelang mir nie. Andere Ameisen forderten meine Aufmerksamkeit. Waren es zu viele, wurde mein Interesse in so zahllose Fraktionen gespalten, daß ich die Geduld verlor.

Manchmal legte ich ein Stück Zucker auf den Ameisenhaufen. Die Ameisen liebten mein Geschenk, und ich lächelte, während sie sich darüber ergossen und es mit sich in die Tiefe zogen. Im Herbst, wenn die Ameisen durch den Kälteeinbruch in ihren Bewegungen erlahmten, stocherte ich mit einem Stock im Haufen, um sie wieder zum Leben zu erwecken. Die Erwachsenen waren böse auf mich, wenn sie mein Treiben beobachteten. Sie sagten, ich sabotiere die Arbeit der Ameisen und zerstöre ihre Behausung. Bis heute ist mir dieses Gefühl der Schmähung in Erinnerung geblieben, ich wollte ihnen ja nichts Böses antun. Ich wollte mir nur ein wenig die Zeit vertreiben. Ich wollte die kleinen Tierchen lediglich etwas auf Trab bringen.

Mein Spiel mit den Ameisen verfolgte mich mit der Zeit bis in meine Träume. Meine Faszination für Insekten wandelte sich in unsagbare Angst vor ihrem Gekrabbel. Als erwachsener Mensch habe ich den Anblick von drei Insekten gleichzeitig, ganz gleich welcher Sorte, nicht mehr ertragen können. Sobald ich den Überblick über sie verloren habe, überkommt mich Panik. Die Phobie entstand in dem Augenblick, in dem ich die Ähnlichkeit zwischen mir und den kleinen Wesen erkannte.

Ich war jung und suchte nach der Antwort auf mein Leben, konstruierte Theorien und spielte sie in allen Variationen durch. Daß das Leben eine Laune sein sollte, paßte nicht in mein Weltbild. Etwas hatte mich erschaffen. Ich kam zu keiner Lösung, was dieses Etwas sein mochte: Zufall, Schicksal, Evolution oder womöglich Gott.

Daß das Leben sinnlos sein könnte, erschien mir hingegen wahrscheinlich, und dieser Gedanke erfüllte mich mit Trauer und Wut. Wenn unsere Zeit auf Erden keinen Sinn hatte, wäre unser Leben ein zynisches Experiment. Jemand hatte uns in die Welt gesetzt, um uns zu studieren, wie wir uns bekriegten, wie wir krochen, litten und uns abstrampelten. Bisweilen verteilte dieser Jemand nach dem Zufallsprinzip Belohnungen, wie ein Stück Zucker, das man auf einen Ameisenhaufen legt, und betrachtete unsere Freude und Verzweiflung mit derselben interessierten Gefühlskälte.

Mit den Jahren wurde ich zuversichtlicher. Schließlich erkannte ich, daß es keine Rolle spielt, ob es einen höheren Sinn im Leben gibt. Selbst wenn es einen gibt, so muß ich ihn nicht unbedingt ergründen. Gäbe es eine Antwort, dann hätte ich sie längst gefunden, weil ich sie aber nicht kenne, ist es zwecklos, weiter darüber zu grübeln.

Das hat mir eine gewisse Form von Frieden beschert.

Samstag, 18. Dezember

Der Laut erreichte ihr Ohr in den Tiefen eines abstrusen, erotischen Traumes. Sie lag in einem Raumschiff auf einer gläsernen Bahre, Thomas war auf und in ihr. Drei Programmchefs der politischen Radiosendung ›Studio 6‹ standen daneben und schauten mit ausdruckslosen Mienen zu. Sie mußte ganz dringend pinkeln.

»Du kannst jetzt nicht aufs Klo, wir sind auf dem Weg ins Weltall«, widersprach Thomas, und sie sah durch das Pan­oramafenster, daß er recht hatte.

Andere Signale zerrissen den Kosmos und ließen sie verschwitzt und mit ausgetrockneter Kehle in der Finsternis zurück. Über ihr schwebte hinter dem Dunkeln die Zimmer­decke.

»Geh endlich dran, verdammt, bevor das ganze Haus wach ist«, grummelte Thomas genervt zwischen den Kissen hervor.

Sie wandte den Kopf und schaute auf die Uhr: 3 Uhr 22. Die Lust war mit einem Atemzug verflogen. Ihr bleischwerer Arm tastete nach dem Telefon auf dem Boden. Jansson war dran, der Nachtchef.

»Das Victoriastadion ist in die Luft geflogen. Es brennt wie verrückt. Der Nachtreporter ist vor Ort, aber wir brauchen dich für die Spätausgabe. Wie schnell kannst du dort sein?«

Sie schnappte kurz nach Luft, ließ die Information auf sich wirken und spürte das Adrenalin wie eine Woge durch ihren Körper bis hinauf zum Herz wallen. Die Olympia-Arena, dachte sie, Feuer, Chaos, so ein Mist. Im Süden der Stadt. Südring oder Skanstullsbron.

»Wie sieht es in der Stadt aus, sind die Straßen okay?«

Ihre Stimme klang rauher als gewollt.

»Der Südring ist blockiert. Die Ausfahrt direkt an der Arena ist eingestürzt, soweit wir wissen. Der Södertunnel könnte gesperrt sein, fahr lieber oben auf der Straße.«

»Wer schießt die Fotos?«

»Henriksson ist unterwegs, und die Freelancer sind schon da.«

Jansson legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Annika hörte noch einige Sekunden das tote Summen in der Leitung, ehe sie den Apparat auf den Boden gleiten ließ.

»Was ist denn los?«

Sie seufzte lautlos, bevor sie Antwort gab.

»Eine Explosion im Olympiastadion. Ich muß hin. Dauert wahrscheinlich den ganzen Tag.« Nach kurzem Zögern fügte sie dann hinzu: »Und den Abend.«

Er brummelte unverständliche Worte.

Vorsichtig machte sie sich von Ellens klebrig-feuchtem Schlafanzug los. Sie sog die Düfte des Kindes ein, den süß­lichen der Haut, den säuerlichen vom Mund, in dem ständig der Daumen steckte, und gab ihr einen Kuß auf die zarte Haut. Das Mädchen räkelte sich wohlig, streckte sich und rollte sich zu einem Knäuel zusammen, drei Jahre und vollkommen selbstbewußt, sogar im Schlaf. Mit schwerem Arm tippte sie die Durchwahl der Taxizentrale, zwang sich dann aus der betäubenden Wärme des Bettes und setzte sich auf den Fuß­boden.

»Einen Wagen in die Hantverkargatan 32, bitte, Bengtzon. Es ist ziemlich eilig. Zur Olympia-Arena. Ja, ich weiß, daß es da brennt.«

Sie mußte auf die Toilette, sonst kam sie um.

Draußen herrschte beißende Kälte, mindestens zehn Grad unter Null. Sie schlug den Mantelkragen hoch und zog die Mütze über die Ohren, ihr zahnpastagesättigter Atem umgab sie wie eine Wolke. Das Taxi glitt in dem Moment heran, in dem die Haustür hinter ihr ins Schloß fiel.

»Hammarbyhamnen, Olympia-Arena«, sagte Annika, als sie sich mit ihrer großen Umhängetasche auf den Rücksitz fallen ließ.

Der Fahrer beäugte sie im Rückspiegel.

»Bengtzon, ›Abendpresse‹, oder?« fragte er und grinste unsicher. »Ich lese immer Ihre Artikel. Ich finde Ihre Meinung über Korea gut, ich habe meine Kinder von da geholt. Ich bin auch oben in Panmunjom gewesen, das war echt toll geschrieben, wie sich da die Soldaten gegenüberstehen, kein Wort miteinander reden dürfen. Das war ’n starker Artikel.«

Wie immer hörte sie dem Lob zwar zu, nahm es aber nicht an, durfte es nicht annehmen, denn dann konnte es sich verflüchtigen: Das magische Moment, das einen Text zum Fliegen bringt.

»Danke, schön, daß er Ihnen gefallen hat, meinen Sie, der Södertunnel ist passierbar? Oder bleiben wir die ganze Strecke oben auf der Straße?«

Er war wie die meisten seiner Kollegen hautnah an den Ereignissen dran. Tat sich im Land um vier Uhr morgens etwas, waren zwei Telefonate zu erledigen: Polizei und Taxi. Das genügte fast immer, um Material für einen ersten Bericht zu bekommen. Die Polizei lieferte die Bestätigung der Vorkommnisse, und ein Taxifahrer war nahezu immer in der Lage, irgendeine Form von Augenzeugenbericht beizusteuern.

»Ich war auf der Götgatan, als es geknallt hat«, erklärte er und vollführte über die durchgezogene Linie eine Kehrtwende um 180 Grad. »O Mann, da haben aber die Straßen­laternen gewackelt. Scheiße, dachte ich, nu ist die Bombe hochgegangen. Die Russen sind da. Ich habe mich über Funk gemeldet, dachte, was verdammt noch mal … Die haben gesagt, es ist das Victoriastadion, das in die Luft geflogen ist. Einer von unsren Jungs ist grad dagewesen, als es geknallt hat, hatte ’ne Tour runter zum illegalen Spielclub in diesen neuen Häusern da, Sie wissen schon …«

Der Wagen raste hinunter zum Stadshuset, dem Stockholmer Rathaus, während Annika Block und Bleistift aus der Tasche fischte.

»Ist ihm was passiert?«

»Geht so, glaube ich, ihm is ’n Stück Metall durchs Seitenfenster geflogen, hat ihn nur um ein paar Zentimeter verfehlt. Schnittwunde im Gesicht, kam über Funk durch.«

Sie fuhren an der U-Bahn-Station Gamla Stan vorüber und näherten sich der Haltestelle Slussen.

»In welches Krankenhaus ist er eingeliefert worden?«

»Wer?«

»Ihr Kollege mit dem Metallstück?«

»Ach so, der, Brattström heißt er, ins Södersjukhus, glaube ich, das ist am nächsten.«

»Vorname?«

»Keine Ahnung, über Funk kann ich mal nachfragen …«

Arne hieß er. Annika holte das Mobiltelefon heraus, steckte die Hörschnecke ins Ohr und drückte Menü 1, die Kurzwahl für Janssons Arbeitsplatz, dem Schreibtisch des Nachtredakteurs in der Zeitung. Noch bevor er den Hörer abgenommen hatte, wußte er, daß Annika am Apparat war, er hatte ihre Handynummer auf dem Display seines Apparates erkannt.

»Ein Taxifahrer ist verletzt, Arne Brattström, ins Södersjukhus eingeliefert«, sagte sie. »Wir sollten ihm vielleicht einen Besuch abstatten, das schaffen wir noch bis zur ersten Auflage.«

»Okay«, erwiderte Jansson. »Wir werden ihn im Daten SPAR suchen lassen.«

Er legte den Hörer neben das Telefon und rief dem Nachtreporter zu: »Such mal einen gewissen Arne Brattström, frag bei der Polizei, ob seine Angehörigen verständigt sind, dann ruf bei der Frau an, ob da jemand ist. Wir haben eine Luftaufnahme organisiert. Wann bist du vor Ort?«

»In sieben, acht Minuten, kommt drauf an, wie das mit den Absperrungen ist. Was macht ihr gerade?«

»Bei uns läuft alles auf Hochtouren, die Polizei liefert ­ihren Kommentar, die Nachtreporter telefonieren mit allen Leuten in den Häusern gegenüber und nehmen die Berichte auf, einer von den Journalisten ist schon vor Ort, fährt aber bald nach Hause. Und dann rekapitulieren wir die früheren Olympia-Anschläge, den Typ, der Chinaböller auf das Stockholmer Stadion geworfen hat und auf das Nya Ullevi, als Stockholm seine Bewerbung eingereicht hat …«

Jemand unterbrach ihn, Annika spürte die hitzige Atmosphäre in der Redaktion bis ins Taxi. Hastig sagte sie: »Ich melde mich, sobald ich mehr weiß«, und schaltete aus.

»Um das Aufwärmgelände herum ist bestimmt abgesperrt«, überlegte der Fahrer. »Ich glaube, ich nehme am besten die Straße hintenrum.«

Das Taxi bog hinunter zur Folkunggatan ab und sauste zum Värmdöleden. Annika tippte die nächste Nummer ins Handy. Während die Rufzeichen ertönten, fielen ihr nächtliche Spätheimkehrer auf, die betrunken johlend und torkelnd heimwärts zogen. Wie immer war sie erstaunt, daß es so viele waren. Wenn sie um diese nächtliche Zeit unterwegs war, war immer irgendwo ein Verbrechen begangen worden. Sie hatte vergessen, daß die Stadt auch für andere Aktivitäten als kriminelle Handlungen und Arbeit genutzt werden konnte, hatte verdrängt, daß auch noch ein anderes Leben existierte, eins, das nur nachts stattfand.

Eine gestreßte Stimme antwortete am anderen Ende der Leitung.

»Ich weiß, Sie können noch nichts sagen«, begann Annika. »Sagen Sie mir, wann Sie Zeit für ein Gespräch haben. Ich rufe Sie an, wenn es Ihnen paßt. Nennen Sie mir eine Uhrzeit.«

Der Mann seufzte.

»Bengtzon, ich weiß es verdammt noch mal nicht. Ich weiß es einfach nicht. Rufen Sie später noch mal an.«

Annika schaute auf ihre Armbanduhr.

»Jetzt ist es zwanzig vor vier. Ich schreibe für die Spätausgabe. Sagen wir halb acht?«

»Jaja, das ist in Ordnung. Rufen Sie um halb acht an.«

»Okay, dann reden wir eben dann.«

Nun hatte sie ein Versprechen in der Tasche, da konnte er jetzt kaum noch einen Rückzieher machen. Polizisten konnten Journalisten nicht ausstehen, die genau in dem Moment anriefen, in dem die Ereignisse eintraten, und sofort alles dar­über wissen wollten. Auch wenn die Polizisten über eine Menge an Informationen verfügten, so war es für sie schwierig zu beurteilen, was sie davon an die Öffentlichkeit dringen lassen sollten. Um halb acht würde sie über eigene Beobachtungen, Fragen und Theorien verfügen, und die Kripo wußte dann, was sie publik machen wollte. So würde es funktionieren.

»Jetzt sieht man den Rauch«, verkündete der Taxifahrer.

Sie lehnte sich über den vorderen Beifahrersitz, guckte nach rechts in die Höhe.

»Ja, ich fasse es nicht.«

Dünn und schwarz stiegen vor dem fahlen Halbmond Rauchschwaden in den Himmel. Das Taxi bog vom Värm­döleden in den Südring ab.

Die Autobahn war mehrere hundert Meter vor der Tunneleinfahrt und der Arena abgesperrt. Etwa zehn andere Fahrzeuge standen bereits an den Straßensperren. Das Taxi reihte sich hinter allen anderen ein, Annika reichte ihre Taxikarte nach vorn.

»Wann wollen Sie wieder zurück? Soll ich warten?« erkundigte sich der Fahrer.

Annika lächelte mit blassen Lippen.

»Nein danke, das wird hier noch etwas dauern.«

Sie klaubte Block, Bleistift und Handy zusammen.

»Fröhliche Weihnachten!« rief ihr der Fahrer zu, ehe sie die Tür zuschlug.

Mein Gott, dachte sie, das ist doch erst in einer Woche. Geht es jetzt schon los mit den Weihnachtsgrüßen?

»Gleichfalls«, sagte sie zur Heckscheibe des Wagens.

Zwischen Autos und Menschen bahnte sie sich den Weg bis zu den Straßensperren. Die Absperrung stammte nicht von der Polizei. Gut. Vor denen hatte sie Respekt. Sie verlangsamte ihren Schritt nicht, als sie über die Sperren des Straßenbauamtes sprang und auf der anderen Seite sofort lossprintete. Sie hörte nicht auf die aufgeregten Rufe hinter sich, sondern blickte hinauf zur großen Anlage. Unzählige Male war sie hier mit dem Auto entlanggefahren und war jedesmal von den enormen Ausmaßen des Bauwerks beeindruckt gewesen. Das Victoriastadion war in den Fels hineingebaut, aus dem Hammarbyer Berg herausgehöhlt worden. Umweltschützer hatten selbstverständlich Krach geschlagen, das ­taten sie immer, wenn ein paar Bäume gefällt wurden. Der Südring verlief geradewegs durch den Felsen und unter dem Stadion hindurch, nun jedoch wurde die Einfahrt durch große Betonbrocken und mehrere Einsatzfahrzeuge blockiert. Die rot-gelben Warnleuchten auf den Dächern der Fahrzeuge blinkten auf dem glatten Asphalt. Die Nordtribüne quoll über die Tunneleinfahrt hinweg wie ein überdimensionaler Pilz, dessen Hut jetzt zerfetzt war. Die Bombe mußte genau an dieser Stelle explodiert sein. Wie Zähne ragten die Reste der Tribüne in den Nachthimmel. Sie lief weiter und erkannte, daß sie wahrscheinlich nicht viel weiter kommen würde.

»Sie da, wo wollen Sie denn hin?« schrie ein Feuerwehrmann.

»Hoch«, schrie sie zurück.

»Da ist abgesperrt!« rief er ihr nach.

»Ach, wirklich?« murmelte sie. »Nehmen Sie mich doch fest!« Sie lief geradeaus weiter und hielt sich dann rechts, so weit sie kam. Der Sickla-Kanal unter ihr war zugefroren. Weiter vorn, am anderen Ende des Eises, begann eine Art Betonsockel, ein Vorsprung für die Fahrbahn, auf dem sie ruhte, bevor die Straße im Berg verschwand. Dort hievte Annika sich auf das Geländer und sprang auf der anderen Seite hinunter, gut einen Meter tief. Die Tasche schlug dumpf auf ihrem Rücken auf, als sie mit den Füßen aufkam.

Einen Augenblick lang blieb sie stehen und blickte sich um. Sie war bisher nur zweimal hier draußen bei der Arena gewesen: bei einer Pressevorführung im letzten Sommer und an einem Sonntagnachmittag im vergangenen Herbst mit Anne Snapphane. Rechts von ihr lag das, was einmal das olympische Dorf werden sollte, die halbfertigen Wohnungen, wo die Wettkämpfer während der Olympiade wohnen sollten. Die Fenster klafften schwarz, alle Scheiben auf dem gesamten Gelände schienen wie weggeblasen. Geradeaus konnte man im Dunkeln die Trainingsanlage erahnen. Links von ihr erhob sich eine zehn Meter hohe Betonwand. Dar­über lag der Platz mit dem riesigen Eingang zum Stadion.

Sie lief den Weg hinunter, versuchte die Geräusche, die an ihr Ohr drangen, einzuordnen, eine Sirene weit fort, ferne Stimmen, das Zischen einer Wasserkanone oder eines großen Gebläses. Die roten Lichter der Einsatzfahrzeuge tanzten auf der Wand. An deren Ende angekommen, lief sie die Treppe hinauf zum Eingang, während sich ein Polizist daranmachte, sein blau-weißes Band auszurollen.

»Wir sperren hier ab«, rief er.

»Mein Fotograf ist da oben«, schrie sie zurück. »Ich hol’ ihn nur schnell.« Der Polizist winkte sie vorbei.

Nun kann ich nur hoffen, daß das keine Lüge war, dachte sie.

Die Treppe hatte man in drei gleich langen Absätzen gebaut. Oben angekommen, rang sie unwillkürlich nach Luft. Der ganze Platz wimmelte vor blinkenden Einsatzfahrzeugen und umherlaufenden Menschen. Zwei der Pfeiler, die die Nordtribüne getragen hatten, waren eingestürzt und lagen zertrümmert am Boden. Zerfetzte grüne Sitze übersäten das gesamte Gelände. Ein Kamerateam vom Fernsehen war gerade eingetroffen, sie entdeckte einen Reporter von der Konkurrenzzeitung und drei Freelance-Fotografen. Sie wandte den Blick nach oben und schaute in einen Bombenkrater. Fünf Hubschrauber kreisten über dem Erdtrichter, minde­stens zwei waren von den Medien.

»Annika!«

Es war Johan Henriksson, ein 23jähriger Fotograf von der ›Abendpresse‹, der vorher bei einem Lokalblatt in Östersund gearbeitet hatte. Er war begabt und ehrgeizig, zwei Eigenschaften, von denen die letztgenannte die wichtigste war. Jetzt kam er mit einem doppelten Satz an Kameras um den Hals und schlenkernder Kameratasche auf sie zugerannt.

»Was hast du rausgefunden?« fragte Annika und holte Block und Bleistift hervor.

»Ich war ungefähr eine halbe Minute nach der Feuerwehr hier. Ich habe gerade noch einen Krankenwagen erwischt, der einen Taxifahrer wegbringen wollte, er hat wahrscheinlich eine Schnittverletzung. Die Feuerwehr hat Probleme gehabt, das Wasser bis oben zur Tribüne zu kriegen, und dann haben sie das Löschfahrzeug mit der fahrbaren Drehleiter direkt ins Stadion gefahren. Ich hab’ den Brand von draußen aufgenommen, kam aber nicht in die Arena rein. Aber vor ein paar Minuten ist was passiert, die Bullen sind hier wie die Irren rumgerannt, ich glaube, da ist was passiert.«

»Oder sie haben was gefunden«, erwiderte Annika und steckte den Block ein. Den Stift wie den Stab bei einem Staffellauf in der Hand, marschierte sie schnell auf den Eingang am gegenüberliegenden Ende des Platzes zu. Wenn die Erinnerung sie nicht trog, dann befand er sich einige Meter weiter rechts, genau unterhalb der zertrümmerten Tribüne. Niemand hinderte sie an ihrem Vorhaben, das Chaos sorgte für Unübersichtlichkeit. Sie schlängelte sich zwischen Beton­trümmern, verbogenen Armierungseisen und grünen Plastiksitzen hindurch. Eine Treppe mit vier Absätzen führte zum Eingang hinauf, sie war außer Atem, als sie oben angekommen war. Direkt vor dem Eingangsportal hatte die Polizei ­soeben alles abgesperrt, aber das tat nichts zur Sache. Mehr brauchte sie nicht zu sehen. Das Portal war unbeschädigt und schien abgeschlossen zu sein. Getreu ihrer Gewohnheit konnten es schwedische Bewachungsfirmen nicht lassen, alberne Aufkleber auf die Außentüren derjenigen Gebäude zu pappen, die unter ihrer Bewachung standen; das Olympiastadion bildete da keine Ausnahme. Annika holte wieder ­ihren Block hervor und schmierte Namen und Telefonnummer hin.

»Bitte räumen Sie das Gelände. Einsturzgefahr! Ich wiederhole …«

Ein Polizeifahrzeug mit Lautsprecheranlage glitt unten auf dem Platz im Schneckentempo voran. Die Leute zogen sich rasch bis zu der Aufwärmanlage und bis zum olympischen Dorf weiter unten zurück. Annika trottete die Außenwand der Arena entlang und konnte so vermeiden, wieder runter auf den Vorplatz zu gelangen. Statt dessen folgte sie der Rampe, die um das gesamte Gebäude verlaufend in einer sanften Linkskurve endete. Es gab mehrere Eingangsbereiche; sie wollte jeden einzelnen in Augenschein nehmen. Keiner wies Spuren von Beschädigung oder Einbruch auf.

»Entschuldigung die Dame, nun ist es aber Zeit zu verschwinden.«

Ein junger Polizist legte ihr die Hand auf den Arm.

»Wer ist hier der Einsatzleiter?« fragte sie und hielt ihm den Presseausweis unter die Nase.

»Er hat keine Zeit. Sie müssen jetzt gehen. Wir räumen das gesamte Gelände.«

Der Polizist wollte sie fortziehen; offensichtlich stand er unter Streß. Annika entwand sich seinem Griff und blieb ­direkt vor ihm stehen. Sie versuchte ihr Glück: »Was haben Sie im Inneren des Stadions gefunden?«

Der Polizist fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Ich weiß es nicht genau, und ich darf Ihnen darüber auch keine Auskunft geben«, antwortete er.

Volltreffer!

»Wer kann mir darüber Auskunft geben und wann?«

»Ich weiß es nicht, wenden Sie sich an die Kripo. Aber jetzt müssen Sie hier weg!«

Die Polizei sperrte das Gelände bis zum Trainingszentrum ab, das mehrere hundert Meter vom Stadion entfernt lag. Annika traf Henriksson am Fuß des Gebäudes, wo die Restaurants und das Kino Platz finden sollten. Vor der Post, wo die Straße am breitesten war, bildete sich gerade ein provisorisches Medienzentrum. Immer mehr Journalisten strömten herbei, viele lächelten und begrüßten im Vorübergehen ihre Kollegen. Annika hatte Schwierigkeiten mit dieser Art von kollegialem Schulterklopfen, mit Leuten, die an einem Unglücksort umherliefen und von Partys schwärmten, zu denen sie eingeladen gewesen waren. Mit dem Fotografen im Schlepptau zog sie sich zurück.

»Mußt du zur Zeitung?« fragte sie. »Der Druck für die Erstauflage läuft.«

»Nein, ich habe meine Filme den Freelancern mitgegeben. Ich habe es nicht eilig.«

»Gut. Ich habe das Gefühl, daß hier noch einiges passieren wird.«

Der Übertragungswagen einer der Fernsehgesellschaften fuhr neben ihnen hinauf. Sie gingen in die entgegengesetzte Richtung, vorbei an der Bank und der Apotheke hinunter zum Kanal. Unten blieb Annika stehen und schaute zur Arena hoch, Polizei und Löschfahrzeuge standen noch auf der Plattform. Was trieben die dort nur? Vom Wasser wehte eiskalter Wind herüber, weiter draußen auf dem Hammarby-See glitzerte im Eis eine aufgebrochene Fahrrinne wie eine schwarze Wunde. Sie kehrte dem Wind den Rücken zu und wärmte sich die Nase mit der behandschuhten Hand. Durch die Finger hindurch sah sie plötzlich, wie zwei weiße Fahrzeuge auf der Fußgängerbrücke von Södermalm heranglitten. Verdammter Mist, das war ein Rettungswagen! Und ein Notarztwagen! Sie schaute auf die Uhr, genau fünf nach halb fünf. Noch drei Stunden, bis sie ihren Kontaktmann anrufen konnte. Sie stöpselte sich die Hörschnecke ins Ohr und versuchte ihr Glück einstweilen bei der Kripo. Besetzt. Sie rief Jansson an, Menü 1.

»Was willst du?« fragte Jansson.

»Ein Krankenwagen ist auf dem Weg zur Arena«, antwortete Annika.

»Die Deadline ist in sieben Minuten.«

Sie hörte, wie er auf seine Tastatur einhackte.

»Was schreibt die Nachrichtenagentur? Machen sie Angaben über Verletzte?«

»Sie haben was über den Taxifahrer, aber sie haben nicht mit ihm gesprochen. Über die Verwüstung, Bericht von der Kripo, sie sagen noch nichts, ja, eine Menge son Zeug. Nichts Besonderes.«

»Der Taxifahrer ist vor einer Stunde weggebracht worden, das hier ist eine andere Geschichte. Geben sie nichts über ­Polizeifunk durch?«

»Nicht einen einzigen Muckser.«

»Keine Buschtrommeln?«

»Nein.«

»Im Echo?«

»Bisher nichts. ›Rapport‹ bringt um sechs eine Sondersendung.«

»Ja, ich habe den Bus gesehen.«

»Halt dort die Stellung, ich ruf an, wenn wir die erste Auflage in Druck schicken.«

Er schaltete ab. Annika drückte auf »Aus«, behielt aber die Hörschnecke im Ohr.

»Wozu hast du denn dieses Dingsda?« fragte Henriksson und deutete auf die Schnur, die an ihrer Wange herunterhing.

»Die Strahlung von Handys verbrutzelt das Gehirn, wußtest du das nicht?« lächelte sie. »Ich finde es praktisch. Ich kann herumlaufen und schreiben und gleichzeitig telefonieren. Außerdem ist es leise, keiner hört, wenn ich irgendwo anrufe.«

Von der Kälte tränten ihr die Augen, sie mußte blinzeln, um zu sehen, was sich drüben beim Stadion tat.

»Hast du ein Riesentele?«

»Kannst du bei dieser Dunkelheit vergessen«, erwiderte Henriksson.

»Nimm das beste Objektiv, das du hast, und versuch einzufangen, was da drüben los ist«, sagte sie und wies ihm mit der Hand die Richtung.

Henriksson seufzte leise, stellte die Fototasche auf den Boden und schielte durch die Linse.

»Bräuchte ein Stativ«, murmelte er.

Die Wagen waren einen grasbewachsenen Abhang hinaufgefahren und hatten an der Treppe zu einem der großen Eingangsportale haltgemacht. Drei Männer stiegen aus dem Notarztwagen und redeten hinter dem Fahrzeug miteinander. Ein uniformierter Polizist kam dazu, begrüßte sie. Bei dem Krankenwagen rührte sich niemand.

»Eilig haben die es jedenfalls nicht«, sagte Henriksson.

Zwei weitere Polizisten traten hinzu, einer in Uniform, der andere in Zivil. Die Männer redeten und gestikulierten, einer zeigte hoch zum Bombenkrater.

Annikas Mobiltelefon klingelte. Sie drückte auf den Annahmeknopf.

»Ja?«

»Was ist mit dem Krankenwagen?«

»Nichts. Wartet.«

»Was bringen wir in der nächsten Ausgabe?«

»Hat jemand den Taxifahrer im Södersjukhus ausfindig gemacht?«

»Noch nicht, aber wir haben Leute vor Ort. Er ist nicht verheiratet, kein Lebenspartner.«

»Haben wir Christina Furhage, die Olympia-Chefin, gefunden?«

»Nicht erreichbar.«

»Was für ein Wahnsinnsalptraum, gerade für sie, die sich so stark engagiert hat … Wir müssen auch die ganze Olympia-Schiene bringen: Was wird jetzt aus den Olympischen Spielen? Ist bis dahin die Tribüne repariert? Was sagt Samaranch? Und dergleichen.«

»Wir haben uns das Ganze angeguckt. Es gibt Leute hier, die das machen.«

»Dann mache ich die Story nur über die Bombenexplosion. Das war doch bestimmt Sabotage. Drei Artikel: Die Jagd der Polizei auf den Bombenleger, der Tatort heute morgen und …« Sie verstummte.

»Bengtzon …?«

»Sie öffnen die Hintertür des Krankenwagens. Sie rollen eine Trage heraus, damit gehen sie zum Eingang. Verdammt, Jansson, es gibt noch ein Opfer!«

»Okay, Polizeijagd, Reportage und das Opfer. Du kriegst die Sechste, Siebte, Achte und die Mitte.«

Die Leitung war tot.

Sie war aufs Äußerste gespannt, als die Männer sich auf den Weg hinauf zum Stadion machten. Henrikssons Kamera klickte. Außer ihnen waren keine anderen Journalisten auf die Fahrzeuge aufmerksam geworden; die Trainingsanlage versperrte die Sicht.

»Daß es aber auch so verdammt kalt sein muß«, jammerte Henriksson, als die Männer im Inneren der Arena verschwunden waren.

»Wir setzen uns ins Auto und telefonieren«, schlug Annika vor.

Sie begaben sich zurück zum Medienzentrum. Die Menschen standen sich frierend die Beine in den Bauch, Fernsehleute rollten ihre Kabel aus, einige Reporter hauchten ihre Kugelschreiber an. Daß die nie lernen, bei Temperaturen unter Null einen Bleistift einzustecken, dachte Annika und lächelte in sich hinein. Die Radioleute mit ihrer Sendeausrüstung auf dem Rücken sahen aus wie Insekten. Alle traten sie von einem Fuß auf den anderen. Einer der Freelancer von der Abendpresse war von seiner Tour zur Zeitung zurückgekehrt.

»Um sechs Uhr gibt es eine Pressekonferenz«, verkündete er.

»Genau zu ›Rapport’s Sondersendung‹ optimales Timing«, murmelte Annika.

Henriksson hatte das Auto auf der Rückseite der Tennisplätze und der Krankenabteilung geparkt.

»Ich bin den Weg gekommen, den sie zuerst abgesperrt haben«, brachte er entschuldigend vor.

Es war ein kurzer Fußweg. Annika spürte, wie ihr Gefühl in den Füßen langsam schwand. Leichter Schneefall hatte eingesetzt, nicht gerade günstig, wenn man mit dem Teleobjektiv im Dunkeln Fotos machen wollte. Die Windschutzscheibe von Henrikssons Saab mußten sie freibürsten.

»Das reicht«, sagte Annika und schaute zur Arena hin­über. »Man hat freie Sicht auf Krankenwagen wie Notarztwagen. Von hier haben wir den perfekten Überblick.«

Sie setzten sich ins Auto und ließen den Motor warmlaufen. Annika gab eine Telefonnummer ein. Sie versuchte es noch einmal bei der Kripo. Besetzt. Sie rief die Notrufzentrale an und erkundigte sich, wer als erster den Notruf gemeldet hatte, wie viele Notrufe eingegangen waren, ob Personen in ihren Wohnungen zu Schaden gekommen seien, als ihnen die Fensterscheiben um die Ohren geflogen waren, und ob man schon einschätzen konnte, auf welche Summe sich der Sachschaden belaufen würde. Wie gewöhnlich konnte die Besatzung in der Notrufzentrale auch diesmal auf einen Großteil der Fragen Auskunft geben.

Dann wählte sie die Nummer, die sie von den Aufklebern am Eingangsportal abgeschrieben hatte und die zu der Wach- und Schließgesellschaft gehörte, die den Auftrag hatte, das Victoriastadion zu bewachen. Sie landete in der Alarmzen­trale von Stadshagen auf Kungsholmen. Sie erkundigte sich, ob die Firma im Lauf der frühen Morgenstunden einen Notruf vom Olympiastadion erhalten habe.

»Wir behandeln die Notrufe, die bei uns eingehen, mit Diskretion«, antwortete der Mann am anderen Ende der Leitung.

»Ja, ich verstehe«, sagte Annika. »Aber ich frage nicht nach einem Notruf, der bei Ihnen eingegangen ist, sondern nach einem, den Sie vermutlich gar nicht erhalten haben.«

»Ähm«, entgegnete der Mann, »wir beantworten keine wie auch immer gearteten Fragen über bei uns eintreffende Notrufe.«

»Ja, ich verstehe«, sagte Annika geduldig. »Die Frage ist nur, ob Sie überhaupt einen Notruf vom Victoriastadion bekommen haben.«

»Sagen Sie«, sagte der Mann. »Hören Sie schlecht?«

»Okay«, sagte Annika. »Sagen wir: Was passiert, wenn ein Notruf bei Ihnen eintrifft?«

»Ähm, der kommt hier an.«

»In der Alarmzentrale?«

»Ja, selbstverständlich. Der geht in unser Computersy­stem, und dann kommt er auf unsere Bildschirme, zusammen mit dem Maßnahmenkatalog, der uns vorgibt, wie wir zu verfahren haben.«

»Für den Fall also, daß ein Notruf vom Olympiastadion kommt, dann erscheint er bei Ihnen auf dem Schirm?«

»Ähm, ja.«

»Und da steht dann genau, welche Maßnahme Sie ergreifen müssen, um den aktuellen Alarm zu beheben?«

»Ähm, genau.«

»Was hat dann Ihr Bewachungsunternehmen heute nacht am Olympiastadion gemacht? Ich habe hier nicht ein einziges Ihrer Fahrzeuge gesehen.«

Der Mann antwortete nicht.

»Das Victoriastadion ist explodiert, soweit sind wir uns wohl einig. Was würde Ihr Bewachungsunternehmen tun, wenn das Olympiastadion brennt oder beschädigt wird?«

»Das steht im Computer«, sagte der Mann.

»Was haben Sie also unternommen?«

Der Mann gab keine Antwort.

»Sie haben nämlich gar keinen Notruf von der Arena bekommen, stimmt’s?« sagte Annika.

Der Mann war für eine Weile verstummt, dann antwortete er: »Ich kann keine Notrufe kommentieren, die nicht bei uns eingegangen sind.«

Annika holte tief Luft und lächelte.

»Danke«, sagte sie.

»Sie schreiben doch nichts von dem, was ich gesagt habe?« fragte der Mann besorgt.

»Gesagt?« wiederholte Annika. »Sie haben doch keinen Ton gesagt. Sie haben doch bloß auf Ihre Diskretion verwiesen.«

Sie schaltete ab. Volltreffer, nun hatte sie ihren Aufmacher. Sie holte tief Luft und starrte aus dem Fenster. Eins der Löschfahrzeuge fuhr ab, aber der Krankenwagen und der Notarztwagen standen noch an Ort und Stelle. Die Sprengstofftechniker waren eingetroffen, ihre Wagen parkten an mehreren Stellen auf der Plattform. Männer in grauen Overalls trugen Sachen in die und aus den Autos. Es brannte nicht mehr, und auch Rauch konnte sie kaum noch ausmachen.

»Vom wem haben wir heute morgen den Tip bekommen?« fragte sie.

»Von Smidig«, sagte Henriksson.

Jede Redaktion hatte einige mehr oder weniger professionelle Informanten, die den Überblick über die Geschehnisse behielten, die sich in ihrem betreffenden Revier ereigneten, die ›Abendpresse‹ war da keine Ausnahme. Smidig und Leif waren die besten Informanten in Sachen Polizei, sie schliefen mit laufendem Polizeifunk neben dem Bett. Sobald etwas passiert war, ob nun in großem oder kleinem Ausmaß, riefen sie bei den Zeitungen an und erstatteten Bericht. Andere Informanten durchwühlten die Archive des Rechtsapparates und verschiedener Behörden.

Annika versank in Grübeleien und ließ den Blick langsam über den Rest der Anlage schweifen: Gegenüber stand ein Gebäude mit zehn Wohnungen, von dem aus die gesamten Olympischen Spiele auf rein technischer Ebene geleitet werden sollten. Vom Dach des Gebäudes führte ein Steg den Berg hinauf. Seltsam, wer sollte wohl da oben rumlaufen? Sie folgte dem Gehsteig mit den Blicken.

»Henriksson«, sagte sie, »es gibt noch ein Foto zu machen.«

Sie schaute auf die Uhr. Halb sechs. Bis zur Pressekonferenz würden sie es noch schaffen.

»Wenn man ganz bis oben auf den Berg klettert, etwa beim olympischen Feuer, dann müßte man doch einen guten Überblick über das Ganze haben.«

»Glaubst du?« sagte der Fotograf skeptisch. »Die haben doch so hohe Mauern gezogen, da kann man bestimmt nichts sehen.«

»Nein, die Wettkampfarena selbst ist bestimmt verdeckt, aber man kann vielleicht die Nordtribüne sehen, und das ist doch, was uns interessiert.«

Henriksson schaute auf die Uhr.

»Schaffen wir das noch? Hat nicht der Hubschrauber die Bilder aufgenommen? Und sollten wir nicht besser den Krankenwagen im Auge behalten?«

Sie biß sich auf die Lippe.

»Der Hubschrauber ist gerade nicht zu sehen, die Polizei hat ihn vielleicht zum Landen gezwungen. Wir sagen einem der Freelancer, er soll die Autos nicht aus den Augen lassen. Komm, laß uns gehen.«

Auch die anderen Journalisten hatten jetzt den Krankenwagen entdeckt, Fragen schwirrten durch die Luft. ›Rapport‹ hatte seinen Bus hinunter an den Kanal verlegt, um die Arena besser ins Bild zu bekommen. Ein verfrorener Reporter bereitete für die Sechs-Uhr-Sendung seine Live-Ansage vor. Nicht ein Polizist war in Sicht. Nachdem Annika dem Freelancer Order gegeben hatte, machten sie sich auf den Weg.

Die Strecke bergauf war länger und beschwerlicher, als Annika es sich vorgestellt hatte. Der Boden war glatt und steinig. Sie stolperten und fluchten in der Kälte. Henriksson schleppte außerdem noch ein großes Stativ mit sich. Ohne eine Absperrung durchbrechen zu müssen, gelang es ihnen schließlich doch, oben anzukommen, wo sie allerdings von einer zweieinhalb Meter hohen Betonmauer empfangen wurden.

»Das darf doch nicht wahr sein«, stöhnte Henriksson.

»Doch, und das ist vielleicht sogar von Vorteil«, sagte Annika.

»Steig auf meine Schultern, ich hieve dich hoch. Dann kannst du auf das Feuer draufklettern. Von da müßtest du was sehen können.«

Der Fotograf starrte sie an.

»Ich soll mich auf das olympische Feuer stellen?«

»Ja, warum nicht? Es brennt doch jetzt nicht, und es ist nicht abgesperrt. Bestimmt kannst du da hochklettern, es ist doch von der Mauer nur ein Meter. Wenn es das ewige Feuer aushält, dann wird es dich wohl auch tragen. Hoch mit dir!«

Annika reichte das Stativ und die Fototasche zu ihm hinauf. Henriksson krabbelte auf das Metallgestell.

»Hier ist alles voller kleiner Löcher!« rief er.

»Gaslöcher«, sagte Annika. »Siehst du die Tribüne?«

Er richtete sich auf und ließ seinen Blick über die Arena schweifen.

»Siehst du was?« rief Annika.

»Ja, verdammt«, antwortete der Fotograf. Langsam hob er die Kamera und begann zu knipsen.

»Was siehst du?«

Er senkte die Kamera, ohne die Arena aus den Augen zu lassen.

»Da läuft ein ganzer Trupp Ärzte rum«, sagte er. »Ungefähr zehn Leute. Die laufen rum und sammeln irgendwas in kleine Plastiktüten. Die Jungs aus dem Krankenwagen sind mit von der Partie. Die sammeln auch. Die machen das anscheinend sehr gründlich.«

Er hob von neuem die Kamera. Annika spürte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Verdammter Mist. War es wirklich so schrecklich? Henriksson baute das Stativ auf. Nach drei Filmrollen war er fertig. Während sie den Berg halb schlitternd hinunterliefen, spürte Annika eine leichte Übelkeit. Was sammeln Ärzte in kleine Tüten ein? Reste von Sprengstoff? Wohl kaum.

Wenige Minuten vor sechs Uhr trafen sie unten wieder mit dem Pulk von Journalisten zusammen. Das bläuliche Licht der Fernsehkameras erleuchtete die Szenerie und ließ die Schneeflocken funkeln. ›Rapport‹ hatte seine Kabel ausgerollt, der Reporter Puder aufgelegt. Eine Gruppe Polizisten, angeführt vom verantwortlichen Einsatzleiter, marschierte auf sie zu. Sie hoben die Absperrung beiseite, kamen aber nicht weiter voran. Die Mauer aus Journalisten war undurchdringlich. Als der verantwortliche Polizist ins Scheinwerferlicht blinzelte, breitete sich Schweigen aus in der Menge. Er schaute auf das Blatt Papier in seinen Händen, hob den Blick und begann seine Meldung zu verlesen: »Um 3 Uhr 17 ist im Stockholmer Victoriastadion eine Sprengladung explodiert«, verkündete er. »Welcher Typus von Sprengstoff verwendet wurde, ist noch unbekannt. Die Explosion hat an der Nordtribüne schwere Schäden angerichtet. Es ist nicht geklärt, ­inwieweit es möglich sein wird, diese Schäden zu reparieren.«

Er legte eine Kunstpause ein und schaute wieder in seine Unterlagen. Die Standbildkamera surrte, das Betaband drehte sich. Annika hatte sich möglichst weit nach links gestellt, um den Krankenwagen im Auge zu behalten, während sie die Pressekonferenz verfolgte.

»Die Arena hat nach der Explosion Feuer gefangen, aber inzwischen ist der Brand unter Kontrolle.«

Wieder Pause.

»Ein Taxifahrer ist durch ein Stück Armierungseisen verletzt worden, das durch sein Wagenfenster gedrungen ist«, fuhr der Polizist fort. »Der Mann ist ins Södersjukhus eingeliefert worden, und ihm geht es den Umständen entsprechend gut. Etwa zehn Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite des Sickla-Kanals weisen Schäden an Fenstern und Fassaden auf. Die Häuser befinden sich im Bau und sind noch nicht bewohnt. Personenschäden sind nicht gemeldet worden.«

Erneute Pause. Der Polizist sah sehr mitgenommen und sehr streng aus, als er seinen Bericht fortsetzte.

»Es war Sabotage. Die Sprengladung, die die Arena zerstört hat, muß sehr groß gewesen sein. Die Polizei sichert zur Zeit am Tatort die Spuren des Täters. Zur Ergreifung des Täters setzen wir alle uns zur Verfügung stehenden Mittel ein. Das ist alles, was wir bisher mitteilen können. Danke.«

Er hatte sich schon umgedreht, um wieder hinter die Absperrung zurückzuklettern. Eine Welle von Stimmen und Rufen brachte ihn zum Stehen.

»… ein Verdächtiger …«

»… andere Opfer …«

»… und die Ärzte vor Ort?«

»Das ist alles«, wiederholte der Polizist und trat aus dem Scheinwerferlicht. Schnellen Schrittes und mit zwischen den Schultern eingezogenem Kopf entfernte er sich im Gefolge seiner Kollegen. Das Medienrudel stob auseinander; der Reporter von ›Rapport‹ stellte sich ins Licht des Scheinwerfers, spulte seinen Text ab und gab zurück ans Studio im Funkhaus; alle drückten auf ihren Mobiltelefonen herum und versuchten, ihre Kugelschreiber zum Schreiben zu bringen.

»Tja«, sagte Henriksson, »das war nicht gerade sehr informativ.«

»Es ist Zeit, daß wir die Fliege machen«, entgegnete Annika.

Sie ließen einen der Freelancer an Ort und Stelle zurück und begaben sich hinauf zu Henrikssons Auto.

»Wir machen einen Abstecher zum Vintertullstorget und schnappen uns ein paar Zeugen«, sagte Annika.

Sie klingelten bei einigen der nächsten Anwohner der Arena, bei Familien mit Kindern, bei Rentnern, bei Alkoholikern und Singles. Sie alle berichteten, wie der Knall sie aus dem Schlaf gerissen hatte, wie tief der Schock ihnen in den Knochen saß und wie entsetzlich ihrer Meinung nach der ganze Vorfall war.

»Das reicht jetzt«, sagte Annika um Viertel vor sieben. »Wir müssen das Ganze auch noch montieren.«

Schweigend fuhren sie zurück zur Zeitung. Im Geiste formulierte Annika Einleitungen und Bildunterschriften, Henriksson blätterte in Gedanken in den Negativen, traf eine Auswahl und verwarf sie wieder, entwickelte und belichtete die Filme.

Jetzt war der Schneefall dichter. Die Temperatur war bedeutend gestiegen und verwandelte die Straße in eine Rutschbahn. Auf dem Essingeleden waren vier Fahrzeuge in eine Massenkarambolage verwickelt, Henriksson hielt an und schoß ein Foto.

Kurz vor sieben Uhr betraten sie die Redaktion. Die Stimmung war angespannt. Jansson war noch im Haus, an Sonn- und Feiertagen hatte sich der Nachtchef auch um die Spätausgabe zu kümmern. Samstags wurde gewöhnlich nur ein einziger Artikel ausgetauscht, aber es bestand jederzeit die Bereitschaft, die Zeitung von der ersten bis zur letzten Seite umzugestalten. Genau das geschah gerade.

»Ist was dabei rausgekommen?« erkundigte sich Jansson und erhob sich hastig in dem Moment, als er die beiden zu Gesicht bekam.

»Ich glaube schon«, sagte Annika. »Ein Toter liegt auf der olympischen Tribüne. In seine Einzelteile zerlegt, da bin ich mir absolut sicher. Noch eine halbe Stunde, dann wissen wir es ganz genau.«

Jansson wippte vom Absatz auf die Schuhspitze und wieder zurück.

»In einer halben Stunde, nicht früher?«

Annika warf ihm über die Schulter einen Blick zu, während sie sich aus ihrem Mantel schälte, und verschwand dann in ihrem Büro.

»Okay«, sagte er und setzte sich wieder.

Zunächst schrieb sie den Nachrichtenartikel, der nur die Arbeit des Nachtreporters in der Erstausgabe vervollständigen sollte. Sie fügte Zitate der Anwohner ein und die Angabe, das Feuer sei unter Kontrolle. Dann begann sie ihre Reportage, schmückte sie mit einigen O-Tönen und Details aus. Zwei Minuten vor halb acht rief sie ihren Kontaktmann an.

»Ich kann noch nichts sagen«, begann er.

»Ich weiß«, sagte Annika. »Ich erzähle, und Sie hören zu und sagen, wenn ich mich irre …«

»Ich kann das diesmal nicht«, schnitt er Annika das Wort ab.

Verdammt. Sie holte Luft und entschied sich, zum Angriff überzugehen.

»Hören Sie mir erst zu«, sagte sie. »Meiner Ansicht nach hat es sich wie folgt abgespielt: Eine Person ist heute nacht im Olympiastadion ums Leben gekommen. Jemand ist auf der Tribüne in tausend Stücke gesprengt worden. Ihre Leute sind gerade dabei, die Einzelteile einzusammeln. Als Täter kommt nur ein Insider in Frage, denn alle Alarmsysteme waren ausgeschaltet. In einer Arena von dieser Größenordnung muß es Hunderte von Alarmmeldern geben, Einbruchalarm, Feuermelderanlagen, Bewegungsmelder: Alle waren ausgeschaltet. Nicht eine Tür ist aufgebrochen. Jemand ist mit einem Schlüssel reinmarschiert und hat das Sicherungssystem ausgeschaltet, entweder das Opfer oder der Täter. Jetzt sind Sie und Ihre Leute gerade dabei rauszufinden, wer von beiden es war.«

Sie verstummte und hielt die Luft an.

»Damit können Sie jetzt nicht an die Öffentlichkeit«, sagte der Polizist am anderen Ende der Leitung.

Schnelles Ausatmen.

»Womit?«

»Mit der Insidertheorie. Die wollen wir unter Verschluß halten. Das Alarmsystem war funktionstüchtig, aber abgestellt. Jemand ist ums Leben gekommen, das stimmt. Wir wissen noch nicht, um wen es sich dabei handelt.«

Seine Stimme klang vollkommen erschöpft.

»Wann wissen Sie es?«

»Weiß nicht. Die Identität ist durch bloßen Augenschein schwer festzustellen, um es einmal so zu formulieren. Obwohl wir auch andere Spuren haben. Mehr kann ich nicht sagen.«

»Mann oder Frau?«

Er zögerte.

»Nicht jetzt«, sagte er und legte auf.

Annika stürzte hinaus zu Jansson.

»Für den Todesfall haben wir die Bestätigung, aber sie wissen noch immer nicht, wer es ist.«

»Hackfleisch?« fragte Jansson.

Sie schluckte und nickte.

Helena Starke wachte mit einem Kater auf, der es in sich hatte. Solange sie im Bett lag, war alles gut, aber als sie aufstand, um sich ein Glas Wasser zu holen, erbrach sie sich auf den Läufer im Flur. Sie stand auf allen vieren und keuchte eine Weile, ehe sie imstande war, ins Badezimmer zu wanken. Dort füllte sie das Zahnputzglas mit Wasser und trank es in gierigen Zügen leer. Lieber Gott, nie mehr würde sie sich volllaufen lassen. Sie hob den Blick und begegnete zwischen den Zahnpastaspritzern auf dem Spiegelglas ihren blutrot unterlaufenen Augen. Daß sie es aber auch nie lernte! Sie öffnete den Badezimmerschrank und drückte zwei Aspirin aus der Folie, schluckte sie mit reichlich Wasser und betete im stillen, sie möge sie bei sich behalten.

Sie stolperte in die Küche und setzte sich an den Küchentisch. Die Sitzfläche unter ihren nackten Schenkeln war kalt, der Unterleib schmerzte ihr leicht. Wieviel hatte sie gestern eigentlich getrunken? Der Cognac stand auf der Spüle, leer. Sie legte die Wange auf die Tischplatte und kramte im Gedächtnis nach dem Vorabend. Die Kneipe, die Musik, all die Gesichter, alles verschmolz miteinander. Herrgott, sie konnte sich noch nicht einmal erinnern, wie sie nach Hause gekommen war! Christina hatte sie begleitet, war es nicht so gewesen? Von der Kneipe waren sie gemeinsam aufgebrochen, oder?

Sie stöhnte, erhob sich und füllte eine Kanne mit Wasser, die sie mit zum Bett nahm. Auf dem Rückweg zum Schlafzimmer riß sie den Flurteppich hoch und warf ihn in den Wäschekorb im Wandschrank, sie war nahe daran, sich noch einmal zu übergeben, als ihr der Geruch in die Nase stieg.

Der Radiowecker am Bett zeigte fünf Minuten vor neun Uhr an. Sie stöhnte. Je älter sie wurde, desto früher wachte sie auf, vor allem dann, wenn sie getrunken hatte. Früher konnte sie einen ganzen Tag lang ihren Rausch ausschlafen. Das ging nicht mehr. Nun erwachte sie früh, ihr ging es hundeelend, und sie lag dann für den Rest des Tages schweißgebadet her­um. Für kurze Zeit konnte sie dahindämmern, ohne jedoch richtig einzuschlafen. Mühsam streckte sie sich nach dem Wasser und trank direkt aus der Kanne. Sie stellte die Kissen am Kopfende des Bettes auf und lehnte sich dagegen. Dann entdeckte sie ihre Kleider vom Vortag, wie sie fein säuberlich zusammengefaltet auf der Kommode am Fenster lagen, und ein stechender Schmerz zog ihr Rückgrat entlang. Wer zum Teufel hat sie so zusammengelegt? Vermutlich sie selbst. Das war das Widerlichste am Saufen, immer hatte man ein Blackout, man lief rum wie ein Zombie und tat eine Menge normaler Dinge, ohne die geringste Ahnung davon zu haben. Sie erschauderte und schaltete den Radiowecker ein, ebensogut konnte sie das ›Echo des Tages‹ hören und abwarten, bis das Aspirin seine Wirkung tat.

Die Hauptnachricht an diesem Morgen bewirkte, daß sie sich erneut übergeben mußte. Gleichzeitig wurde ihr bewußt, daß es an diesem Tag für Helena Starke keine Ruhe mehr geben würde.

Als sie das Erbrochene in der Toilette hinuntergespült hatte, hob sie den Telefonhörer ab und rief Christina an.

Die schwedische Nachrichtenagentur »Tidningarnas telegrambyrå«, kurz: TT, veröffentlichte eine Kurzmeldung über Annikas Informationen um 9 Uhr 34. Die Abendpresse brachte also als erste Zeitung die Nachricht, daß es bei der Olympiaexplosion ein Todesopfer gegeben hatte. Die Zeitungsüberschriften lauteten: EIN TODESOPFER DURCH OLYMPIABOMBE und BOMBENLEGER WEGEN MORDES GESUCHT.

Letzteres war eine kühne Behauptung ohne Beweise, von der Jansson hoffte, daß sie hielt, was sie versprach. Die Mitte wurde von Henrikssons Bild dominiert, das er vom olympischen Feuer aus aufgenommen hatte: der erleuchtete Zirkel unterhalb des Bombenkraters, die vorgebeugten Männer, die tanzenden Schneeflocken. Es war unglaublich gruselig, ohne makaber zu sein. Kein Blut, keine Leiche, bloß die Sicht auf die Arbeit der Männer. Es war bereits an Reuters verkauft. In der Zehn-Uhr-Sendung von ›Rapport‹ wurden die Angaben aus der Abendpresse zitiert, während man im ›Echo des Tages‹ vorgab, die Informationen seien auf ihrem eigenen Mist gewachsen.

Als die Hauptausgabe in der Druckpresse rotierte, versammelten sich die Polizeireporter und die Nachrichtenchefs in Annikas Zimmer. Kartons mit ihren Ordnern und alten Zeitungsausschnitten stapelten sich noch immer in einer Ecke. Das Sofa war ein Erbstück, aber der Schreibtisch war eine Neuanschaffung. Seit zwei Monaten war Annika die Leiterin der Polizeiredaktion, genauso lange hatte sie das Büro.

»Natürlich gibt es eine Menge Aufgaben, die wir durchsprechen und verteilen müssen«, erklärte sie und legte die Füße auf den Schreibtisch. Die Müdigkeit hatte sie wie ein Ziegelstein am Hinterkopf getroffen, als die Zeitung in Druck ging und sie im Haus blieb. Nun lehnte sie sich zurück und griff nach ihrem Kaffeebecher.

»Erstens: Wer ist der Tote auf der Tribüne? Die Hauptstory für morgen, die mehrere Storys umfassen kann. Zweitens: die Jagd auf den Mörder. Drittens: die Olympia-Schiene. Viertens: Wie konnte es dazu kommen? Fünftens: der Taxifahrer, bisher hat ihn noch niemand interviewt. Womöglich hat er etwas gesehen oder gehört.«

Sie blickte zu den Menschen im Zimmer auf, las die Reaktionen auf ihre Worte von ihren Gesichtern ab. Jansson war in Halbschlaf versunken, er sollte wohl besser bald nach Hause gehen. Der Nachrichtenchef Ingvar Johansson sah sie mit ausdrucksloser Miene an. Der Reporter Nils Langeby, mit seinen dreiundfünfzig Jahren der älteste in der Polizeiredaktion, konnte wie gewöhnlich seine Feindseligkeit nicht verhehlen. Der Journalist Patrik Nilsson lauschte aufmerksam, um nicht zu sagen begeistert, Annikas Worten. Berit Hamrin, ebenfalls Reporterin, hörte gelassen zu. Das einzige Redaktionsmitglied, das fehlte, war Eva-Britt Qvist, Rechercheurin und Redaktionssekretärin in einer Person.

»Ich finde, wir stellen uns ziemlich beschissen an, so wie wir die Dinge anpacken«, sagte Nils.

Annika seufzte. Nun ging die alte Litanei wieder los.

»Wie sollten wir deiner Meinung nach die Dinge an­packen?«

»Wir legen uns viel zu sehr auf diese spekulativen Gewaltverbrechen fest, denkt doch mal an alle Umweltverbrechen, über die wir nie auch nur eine Zeile berichten. Und die ganze Kriminalität in der Schule.«

»Stimmt, auf diese Themen sollten wir verstärkt ein Auge haben …«

»Allerdings! Diese Redaktion versinkt geradezu in einem klebrig-süßen Sumpf von Artikeln über bemitleidenswerte alte Damen, in Bomben und den Bandenkriegen von Motorradrockern.«

Annika holte tief Luft und zählte bis drei, ehe sie Antwort gab.

»Das ist eine Anregung für eine wichtige Diskussion, Nils, aber jetzt ist vielleicht nicht unbedingt der rechte Augenblick dafür …«

»Warum nicht? Ich werde ja wohl noch selbst beurteilen können, wann ich eine Frage aufs Tapet bringen kann.«

Er setzte sich auf seinem Stuhl gerade hin.

»Umweltverbrechen und Kriminalität in der Schule fallen doch in dein Ressort, Nils«, sagte Annika. »Du arbeitest doch Vollzeit an diesen beiden Fragen. Findest du, wir halten dich von deiner Arbeit ab, wenn wir dich an einem Tag wie diesem dazurufen?«

»Ja, das finde ich!« wetterte er.

Sie betrachtete den wutschnaubenden Mann, den sie vor sich hatte. Wie um alles in der Welt sollte sie diese Sache deichseln. Wenn sie ihn nicht dazugerufen hätte, dann wäre er durchgedreht, weil er nicht auch über den Bombenleger hatte schreiben dürfen. Wenn sie ihm eine Aufgabe übertrüge, dann würde er zuerst die Zusammenarbeit verweigern und sich anschließend als Versager erweisen. Wenn sie ihn als Reserve in der Redaktion mitlaufen ließ, dann würde er behaupten, er sei kaltgestellt worden.

Anders Schyman, der Chefredakteur, der gerade zur Tür hereinkam, unterbrach sie in ihren Grübeleien. Sämtliche Anwesende im Raum, Annika eingeschlossen, begrüßten ihn und setzten sich auf den Stühlen und dem Sofa ordentlicher zurecht.

»Gratuliere, Annika! Und danke Jansson für die verdammt gute Arbeit heute früh«, sagte der Chefredakteur. »Wir haben alle anderen aus dem Rennen geschlagen. Alle Achtung! Das Bild in der Mitte ist absolute Spitze, und wir waren die einzigen. Wie habt ihr das nur angestellt, Annika?«

Er setzte sich auf einen Karton in der Ecke.

Annika erzählte von dem morgendlichen Abenteuer, und ein Beifallssturm brach los: »O Mann, ein Foto vom olympischen Feuer aus! Das wird in die Geschichte der Journalistik eingehen.«

»Was machen wir als nächstes?«

Annika setzte die Füße auf den Boden und lehnte sich auf den Schreibtisch, hakte auf einer Liste Zeile für Zeile ab, während sie weiterhin Aufgaben verteilte.

»Patrik kümmert sich um die Jagd nach dem Mörder, um die technischen Beweise, hält Kontakt mit den diensthabenden Polizisten und den Ermittlern. Bis zum Nachmittag wird es wohl eine Pressekonferenz geben. Find heraus, wann, und besorg jetzt schon mal Fotos. Wir werden bestimmt Grund haben, alle hinzugehen.«

Patrik nickte.

»Berit verfolgt die Opferschiene: Wer war es und warum? Dann haben wir da noch unseren alten Olympia-Bombenleger, Tiger wird er genannt. Zum Kreis der Verdächtigen muß er immerhin gehören, auch wenn seine kleinen Bomben der reinste Kinderkram waren im Vergleich zu dieser hier. Was treibt er jetzt, und wo war er vergangene Nacht? Ich kann versuchen, ihn aufzustöbern, ich habe ihn damals interviewt. Nils kann den Sicherheitsaspekt übernehmen. Wie um alles in der Welt kann so etwas sieben Monate vor den Olympischen Spielen passieren? Wie sahen die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Gelände bisher aus?«

»Ich finde, das ist eine relativ irrelevante Fragestellung«, erwiderte Nils Langeby.

»Wirklich?« warf Anders Schyman ein. »Das finde ich nicht. Das ist eine der wichtigsten und grundlegendsten Fragen, die wir an einem Tag wie diesem zu klären haben. Der Sache auf den Grund zu gehen beweist, daß wir diese Art von Gewaltverbrechen in einen sozialen und globalen Zusammenhang stellen. Inwiefern schadet das hier dem Sport generell. Das ist einer der wichtigsten Artikel des Tages, Nils.«

Der Reporter wußte nicht, wie er sich verhalten sollte, ob er sich geschmeichelt fühlen sollte, daß ihm die wichtigste Aufgabe des Tages übertragen wurde, oder ob er sich vor den Kopf gestoßen fühlen sollte, weil er zurechtgewiesen worden war. Er entschied sich – wie immer – für die unangemessene Reaktion und plusterte sich auf.

»Klar, es kommt immer nur darauf an, wie man die Sache anpackt«, sagte er.

Annika warf Anders Schyman einen dankbaren Blick zu.

»Die Kommentare der Olympia-Funktionäre und den Taxifahrer kann vielleicht die Abendschicht übernehmen«, schlug sie vor.

Ingvar Johansson nickte.

»Unser Team ist gerade dabei, den Taxifahrer zu einem Hotel in der Stadt zu fahren. Eigentlich wohnt er in einer Einzimmerwohnung in Bagarmossen, aber da kommen ja auch alle anderen an ihn ran. Wir verstecken ihn bis morgen im ­Royal Viking. Janet Ullberg kann Christina Furhage auf­stöbern, ein Bild von ihr vor dem Bombenkrater würde was hermachen. Leute von der Journalistenschule sind dazu verdonnert worden, für unsere Meinungsumfrage auf der Leser-Hotline Telefonate anzunehmen.«

»Wie lautet die Frage?« wollte Anders Schyman wissen und streckte die Hand nach einer Zeitung aus.

»Sollen wir die Olympischen Spiele stoppen? Rufen Sie heute zwischen 17 und 19 Uhr an.«

»Das ist doch klar, das ist ein Anschlag vom Tiger oder einer Gruppe, die verhindern will, daß Schweden die Spiele ausrichtet.«

Annika zögerte einen Moment lang, bevor sie mit ihrer Meinung rausrückte: »Klar, gehen wir darauf ein, aber ich bin mir nicht so sicher, daß es tatsächlich so ist.«

»Warum nicht?« fragte Ingvar Johansson. »Das ist eine Möglichkeit, die wir nicht außer acht lassen dürfen. Neben dem Opfer ist doch die Terrorschiene der Aufhänger für morgen.«

»Ich glaube, wir sollten uns davor hüten, uns zu sehr auf die Sabotagetheorie zu versteifen«, sagte Annika und verfluchte ihr Versprechen, nichts von der Insiderspur zu ver­raten. »Solange wir noch nicht einmal wissen, wer das Opfer ist, können wir keine Spekulationen darüber anstellen, gegen wen oder was die Bombe gerichtet war.«

»Das können wir wohl«, protestierte Ingvar Johansson. »Wir müssen natürlich die Polizei dazu bringen, einen Kommentar über ihre Theorie abzugeben, aber das dürfte nicht allzu schwer sein. Im Moment können sie weder ein Dementi noch eine Bestätigung abgeben.«

Anders Schyman fiel ihm ins Wort.

»Ich finde, wir sollten im Moment weder die eine Theorie verwerfen noch die andere favorisieren. Wir halten uns alle Türen offen und arbeiten weiter, bevor wir die Aufhänger für morgen festlegen. Andere Vorschläge?«

»Nein, keine, bisher wissen wir einfach noch zu wenig. Sobald das Opfer identifiziert ist, müssen wir zu den Angehörigen Kontakt aufnehmen.«

»Das muß man aber mit Fingerspitzengefühl angehen«, empfahl Anders Schyman. »Ich will keine Diskussion dar­über vom Zaun brechen, wir würden uns aufdrängen und die Betroffenen belästigen.«

Annika lächelte kaum merklich.

»Das nehme ich selbst in die Hand.«

Nach dem Ende der Besprechung rief Annika zu Hause an. Kalle, der Fünfjährige, war am Telefon.

»Na, mein Kleiner, wie geht es dir?«

»Gut. Wir essen bei McDonald’s, und weißt du was, Ellen hat Orangensaft auf ›Pongo und die Welpendiebe‹ geschüttet. Das war ganz schön blöd, find ich, nu können wir das nicht mehr gucken …«

Der Junge verstummte, und ein Schluchzen drang an Annikas Ohr.

»Ja, das ist ganz schlimm. Aber wieso hat sie den Saft draufgeschüttet? Warum lag der Film denn auf dem Küchentisch?«

»Nee, der lag im Fernsehzimmer auf dem Boden, und Ellen ist gegen mein Saftglas gestoßen, als sie Pipi machen gehen wollte.«

»Aber warum hast du dein Saftglas im Fernsehzimmer auf den Boden gestellt? Ich habe doch gesagt, du sollst dein Frühstück nicht mit ins Fernsehzimmer nehmen, das weißt du doch!«

Annika spürte, daß sie wütend wurde. Verdammt, daß sie nicht zur Arbeit fahren konnte, ohne daß die Routine ins Wanken geriet und alles zu Bruch ging!

»Das war nicht meine Schuld!« heulte der Junge. »Das war Ellen! Ellen hat den Film kaputtgemacht.«

Nun weinte er lauthals, ließ den Hörer fallen und lief davon.

»Hallo, Kalle, Kalle!«

Verdammter Mist, daß es soweit kommen mußte, sie wollte doch nur zu Hause anrufen, um ein paar Streicheleinheiten zu verteilen und ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Thomas kam an den Apparat.

»Was hast du zu dem Jungen gesagt?« fragte er.

Sie seufzte und spürte schleichende Kopfschmerzen aufkommen.

»Warum haben sie im Fernsehzimmer gefrühstückt?«

»Das haben sie nicht«, antwortete Thomas mit erzwungener Gelassenheit. »Kalle durfte nur sein Glas mitnehmen. Das war mit Hinblick auf die Konsequenzen nicht sehr clever, aber ich werde sie mit einem Mittagessen bei McDonald’s und einem neuen Film vom Kaufhaus Åhléns bestechen. Du mußt nicht glauben, daß hier alles mit dir steht und fällt. Konzentrier dich lieber auf deine Storys. Wie läuft es denn bei dir?«

Sie schluckte.

»Ein ekeliger Todesfall. Mord, Selbstmord oder vielleicht ein Unfall, das wissen wir noch nicht.«

»Ja, das habe ich gehört. Du kommst spät, oder?«

»Wir sind erst am Anfang.«

»Liebe dich«, sagte er.

Seltsamerweise spürte sie, wie ihr die Tränen in die Augen traten.

»Liebe dich auch«, flüsterte sie.

Ihr Informant hatte Nachtschicht gehabt und war schon nach Hause gegangen, so daß sie auf die offiziellen polizei­lichen Kanäle zurückgreifen mußte. Im Verlauf der Vormittagsstunden hatten sich keine neuen Erkenntnisse ergeben, die Identifizierung der Leiche war noch nicht abgeschlossen, die Löscharbeiten waren beendet, die technische Untersuchung dauerte noch an. Sie entschied, mit einem neuen Fotografen, einem Volontär namens Ulf Olsson, nochmals zur Arena hinauszufahren.

»Ich finde, ich bin für diese Art von Auftrag falsch angezogen«, sagte Ulf im Fahrstuhl hinunter zum Auto.

Annika schaute zu dem Mann hoch.

»Was willst du damit sagen?«

Der Fotograf trug einen dunkelgrünen Mantel, Halbschuhe und einen Anzug.

»Ich bin eigentlich fürs Shooting von den VIPs, die heute zur Premiere ins Theater Dramaten gehen, angezogen. Ich finde, du hättest mir früher Bescheid sagen können, daß wir zu einer Mordstelle rausfahren, das hast du doch schon vor Stunden gewußt.«

Er sah sie herausfordernd an. Irgendwo in Annikas Kopf setzte etwas aus, die Müdigkeit forderte ihren Tribut.

»Erzähl mir verdammt noch mal nicht, was ich zu tun und zu lassen habe, du bist hier der Fotograf und solltest überall Fotos schießen können, vom Verkehrsunfall bis zur Gala­premiere. Wenn du keine Lust hast, in einem Armanianzug Hackfleisch abzulichten, dann mußt du eben verdammt noch mal einen Overall in der Fototasche dabeihaben.«

Sie trat die Fahrstuhltür auf und marschierte in die Garage. Verfluchte Amateure.

»Mir gefällt die Art nicht, wie du mit mir sprichst«, brüllte der Fotograf ihr hinterher.

Annika explodierte und wirbelte herum.