Verlag: Knaur eBook Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Oma tanzt auf Wolke 7 - Regine Kölpin

Regine Kölpins Familienroman „Oma tanzt auf Wolke 7“ bietet wunderbar-humorvolle Unterhaltung und jede Menge Nordsee-Feeling. Wie in „Oma zeigt Flagge“ entführt die ostfriesische Autorin ihre Leserinnen und Leser nach Langeoog. Auf der Nordsee-Insel herrscht gewaltiges Chaos, denn die allseits beliebte Oma Jette soll unter die Haube, und dieses Vorhaben hält nicht nur Oma Jette und ihre Familie auf Trab! Oma Jette soll heiraten! Bei ihrem herbstlichen Besuch auf Langeoog werden Jettes quirlige Enkel von Omas Verehrer Günther ins Vertrauen gezogen: Der will Jette einen Antrag machen – und zwar einen spektakulären! Und noch vor dem Winter! Günther fehlt leider noch die zündende Idee, aber daran mangelt es den Kindern bekanntlich nie. Zunächst durchkreuzt allerdings ein neuer Nachbar mit Flirt-Ambitionen die Hochzeitspläne. Die Aktion scheitert und muss auf die Winter-Ferien verlegt werden. Doch hier muss erst ein winterlicher Orkan überstanden werden, und schließlich ist ein ostfriesisches Ski-Fest inklusive eines gewagten Sprungs von der selbst gebauten Ski-Schanze nur einer der Höhepunkte der turbulenten Ehe-Anbahnung … Bald schon steht die Nordseeinsel Kopf – und Oma Jette tanzt auf Wolke 7! „Oma tanzt auf Wolke 7“ ist vergnüglich, warmherzig, perfekt als Urlaubslektüre geeignet und für alle, die Bücher zum Schmunzeln mögen. Weitere humorvolle Familienromane von Regine Kölpin sind: - Oma zeigt Flagge - Oma geht campen - Oma wird Oma

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E-Book-Leseprobe Oma tanzt auf Wolke 7 - Regine Kölpin

Regine Kölpin

Oma tanzt auf Wolke 7

Roman

Knaur e-books

 

 

Über dieses Buch

Günther liebt Oma Jette über alles und will ihr einen spektakulären Heiratsantrag machen. Jettes quirlige Enkel sollen ihm dabei helfen. Gemeinsam werden Pläne geschmiedet, die jedoch von einem neuen Nachbarn mit Flirt-Ambitionen, Günthers schwangerer Nichte und einem verschwundenen Hochzeitstorten-Rezept durchkreuzt werden. Günther gerät kurz ins Wanken, lässt sich aber nicht unterkriegen – selbst als die Insel Langeoog von einem winterlichen Orkan überrascht wird und er vor ganz neuen Herausforderungen steht …

Inhaltsübersicht

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. KapitelRezepteRouladen nach Grete EberleKlöße oder schlesische Kließla nach Oma JetteSchlehenlikör nach Grete EberleDanksagungen
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1. Kapitel

Jette Blümerant sah aus dem Fenster die Straße zum Bahnhof von Langeoog hinunter. Die Inselbahn war gerade angekommen und spuckte farbenfroh gekleidete Menschenmassen aus. Für eine Weile war viel Leben auf der Straße, aber schon bald würde alles wieder seinen gewohnten Gang gehen.

Jette suchte ihren Lebensgefährten Günther in der Menge. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn entdeckt hatte und er auf sie zukam. Ihm folgte eine blonde, junge Frau. Ihre leicht gewellte Mähne reichte bis zum Po, das Gesicht war exakt bemalt. »Wen schleppt er denn jetzt wieder an?«, seufzte Jette. Dass Günther Besuch mitbringen wollte, hatte er ihr nicht erzählt.

Die junge Frau trug eine rosa Rüschenbluse zu hellen Jeans mit weißem Spitzenbesatz, ihre Füße zierten hochhackige Pumps, mit denen sie über die Straße stöckelte und dabei ihr sehenswertes Hinterteil schaukeln ließ. Die sieht aus wie eine Kopie von Marilyn Monroe, dachte Jette. Was auch immer eine solche Person auf die Nordseeinsel verschlagen haben mochte, mit ihren Pumps würde sie jedenfalls nicht weit kommen. Spätestens im Dünensand wäre das Ende eines Spaziergangs mit diesen Fußkorsetts gekommen.

Günther Meilenstein zerrte derweil einen überdimensionalen pinkfarbenen Trolley mit der rechten Hand hinter sich her und balancierte links zugleich ein Necessaire gleicher Farbe aus, das mit langen Schlaufen in seiner Armbeuge hing.

Jette schüttelte resigniert den Kopf und strich sich das dunkle Haar zurück, das sie seit zwei Wochen kurz geschnitten trug. Es war typisch für Günther, ohne Vorwarnung jemanden mitzubringen. Sie vermutete mal wieder einen Notfall, für den sich ihr Lebensgefährte verantwortlich fühlte. Seit Jette und er sich im letzten Sommer nach 30 Jahren wiedergefunden hatten, waren sie eigentlich verliebt wie in jungen Jahren, nur war Günther immer wieder für eine Überraschung gut. Mal sehen, was es mit der Ankunft der jungen Frau auf sich hatte. Im Sommer, als Günther zum ersten Mal vom Festland nach Langeoog gekommen war, hatte er einen großen Metallkäfig dabeigehabt. Darin hockte der Scheidungshamster Emma. Er hatte seiner Nachbarin auf dem Festland gehört, die in Scheidung lebte und eine Zeit lang nicht auf das Tier hatte aufpassen können. Günther, der nie Nein sagen konnte, war deshalb kurzfristig zum Hamstersitter geworden und hatte das Tier samt seinem Luxuskäfig zu Jette auf die Insel geschleppt, bis es wieder nach Hause konnte.

Und diesmal? Das blonde Weibchen würde mehr Platz brauchen als der Käfig. Angesichts des voluminösen Gepäcks sah es nach einer längeren Einquartierung bei Jette aus. Und ihr fiel auf, dass sie längst noch nicht alles entdeckt hatte: Aus der überdimensionalen Handtasche der Blondine schaute ein winziger Hundekopf, der rhythmisch im Takt ihrer Schritte hin und her wackelte.

Jette ging in den Flur und öffnete die Tür ihres kleinen Inselhäuschens. Der Oktoberwind fegte einen kleinen Haufen Blätter herein. Als Günther gleich darauf verlegen vor ihr stand und von der Nachmittagssonne angestrahlt wurde, schwante Jette Übles, denn im Gesicht ihres Lebensgefährten las sie eine Mischung aus schlechtem Gewissen und dem Mut des Verzweifelten.

»Hallo Jettelein«, sagte er mit einem schiefen Grinsen. Wenn Günther schon Jettelein sagte! Ihr wurde warm ums Herz.

»Hallo Günther!« Jette hielt ihm ihre rechte Wange zum Kuss hin.

Er stellte das Gepäck auf dem Gartenweg ab und wollte Jette eben einen flüchtigen Kuss auf die dargebotene Wange hauchen, als er vom entsetzten Schrei des Blondchens davon abgehalten wurde. »Günther, pass auf, dass mein Necessaire sauber bleibt! Du kannst es doch nicht auf dem dreckigen Weg abstellen!«

Verlegen hob Günther das Täschchen wieder hoch und schaute entschuldigend zu Jette. »Schön, dass ich wieder bei dir bin. Ich habe dich so vermisst! Waren sehr lange drei Wochen, meine Liebe. Aber nun habe ich das Haus endlich verkauft.« Günther hatte in Blersum ein kleines Landarbeiterhaus besessen und sich schon seit einer Weile bemüht, es zu verkaufen, weil er ganz zu Jette nach Langeoog ziehen wollte.

Jette schloss ihn in die Arme. Egal, was er ihr gleich offenbarte, sie war glücklich, dass er endlich zurück war.

»Ich freu mich auch«, sagte sie, »sehr sogar!« Dann aber zog sie ihn zu sich heran und flüsterte ihm über das Necessaire hinweg ins Ohr: »Wer ist das, Günther?«

»Ich wollte mich deshalb bei dir melden, Liebes, aber dann haben sich die Dinge überschlagen, und ich bin einfach nicht dazu gekommen.« Er lächelte gewinnend.

»Hast du mal wieder vergessen, dass wir keine Brieftauben mehr losschicken und auch Rauchzeichen nicht mehr zeitgemäß sind?« Jette stupste ihn liebevoll an, schüttelte aber den Kopf. Günther mit seiner Angewohnheit, alles auf die lange Bank zu schieben! Er war zwar ein Tüftler, aber er mochte mit seinen kräftigen Fingerspitzen keine Handytastaturen bedienen.

»Für einen Brief war es zu spät, Jette! Der wäre gar nicht mehr pünktlich angekommen.«

Das Blondchen schabte ungeduldig mit der Pumpsspitze übers Pflaster.

»Na ja, hab ich jedenfalls alles nicht gemacht. Dir Bescheid gesagt und so.« Günther wirkte zerknirscht, und Jette nahm ihn in den Arm. Sie konnte ihm einfach nicht böse sein. »Aber anrufen hättest du schon können! Dann hätte ich etwas für den zusätzlichen Besuch vorbereitet. Du weißt, dass meine Enkel morgen aus Oldenburg kommen und die Herbstferien über bleiben wollen.«

»Stimmt.« Günther legte beim Grinsen sein Gebiss frei, das wie immer glänzte, als wäre es von einer Zahnpasta-Firma gesponsert worden. »An Fenna, Marie und Kilian habe ich gar nicht mehr gedacht!«

»Wie dem auch sei«, sagte Jette resigniert. Es war eben, wie es war. »Willst du uns einander nicht vorstellen?« Sie nickte der jungen Frau zu.

Günther schleuderte sich beinahe das Necessaire gegen das Gesicht, als er auf die Blondine zeigte. »Aber sicher doch. Das ist Walburga.«

»Walburga«, wiederholte Jette. »Willkommen auf Langeoog. Wo kommen Sie her?«

»Kannst du sagen. Ich komm aus Hamburch«, sagte Walburga. »Das ist eine Großstadt.« Sie ploppte eine rosa Kaugummiblase.

Was du nicht sagst!

»Aus Hamburg«, wiederholte Jette dennoch. Dass Günther Verbindungen in diese Stadt hatte, war ihr neu. Sie blickte fragend zu ihrem Lebensgefährten.

»Später«, flüsterte er. »Ich erkläre es dir später.« Er wandte sich Walburga zu, die inzwischen fassungslos auf ihre Pumps stierte, die in einem bunten Blättermeer versunken waren. »Wind kenn ich so ’n büschen«, sagte sie. »Aber nicht so bannig viel davon wie hier.«

Jette trat beiseite und ließ die beiden ins Haus. Es wurde Zeit, dass Günther diesen lächerlichen Kulturbeutel im pinkfarbenen Vintage-Style von seinem Arm bekam.

»Nehmt doch in der Stube Platz!«, forderte Jette sie auf, noch unsicher, ob der Scheidungshamster von diesem bunt getuschten Weibchen getoppt wurde. »Ich koch uns erst mal einen Tee.« Teekochen war immer gut, um die Gedanken zu ordnen. Sie ging in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Hatte sie Gäste, machte sie stets den guten Ostfriesentee, exakt drei Minuten gezogen, dann schmeckte er am besten. Sie selbst bevorzugte grünen Tee, er war ihrer Meinung nach verträglicher. Das sagte man aber den waschechten Ostfriesen besser nicht. Es würde als Hochverrat gelten.

Während das Wasser im Kocher erwärmte, räumte Jette hastig die Tarotkarten beiseite, die ihr schon am Morgen eine turbulente Zeit vorausgesagt hatten. Diese Information hatte sie auf die Ankunft ihrer drei Enkel bezogen, die eine gehörige Portion Unruhe ins Haus bringen würden. Eine ihr völlig unbekannte Walburga aus Hamburg hatte sie nicht ins Kalkül gezogen.

Als Jette mit dem Tablett in die Stube trat, fiel ihr Blick auf den Taschenhund, den sie bisher erfolgreich missachtet hatte, der aber tatsächlich lebendig war. Sie mochte Tiere durchaus, nur fand Jette es entschieden besser, wenn sie mit ihren Herrchen oder Frauchen draußen herumliefen und nicht in ihrem Inselhaus in Handtaschen hockten. Allerdings hatte dieses Exemplar gar keine andere Wahl, als dort sitzen zu bleiben, denn sein Gefängnis hatte Walburga an die Lehne des Stuhls gehängt, sodass ein Entkommen unmöglich war. Beim Raushüpfen hätte er sich vermutlich das Genick gebrochen, und so blöd, es zu versuchen, schien er nicht zu sein.

Trotzdem hätten wir dann ein Problem weniger, dachte Jette, schalt sich aber gleich selbst. Das war gemein. Sie setzte sich zu den beiden an den Tisch.

»Bevor ich Tee trinke, muss ich noch für lütte Deerns«, Walburga stöckelte hinaus.

Mach mir mit deinen Absätzen bloß keine Dellen in den Holzboden!

Jette wartete, bis Walburga den Raum verlassen hatte. »Also, Günther, was macht die junge Frau hier? Warum hast du sie nach Langeoog gebracht?«

Günther hob beschwichtigend die Hände. »Immer schön sinnig, Jette.«

Keine Ausflüchte, Günther Meilenstein. Ich will nur die Wahrheit wissen. Einfach nur die Wahrheit!

Günther stockte und schenkte sich eine Tasse Tee ein. Der Kandis knackte laut, als die heiße Flüssigkeit darüberlief. Dann nickte er Jette zu. »Ja, da muss ich dir wohl was erklären.«

»Bitte! Ich warte!«

»Bei der jungen Frau handelt es sich um Walburga. Sie ist … meine Nichte. Also eher eine entfernte Nichte, also die Tochter meines Cousins. Ich weiß nicht, wie man den Verwandtschaftsgrad nennt.« Günther sah betreten zu Boden und schwieg.

Da stimmt doch etwas nicht, dachte Jette, fragte aber erst einmal nicht weiter nach. Sie würde schon noch herausfinden, wie es sich wirklich verhielt. »Lass mich raten: Deine sogenannte Nichte steckt in Schwierigkeiten.«

»Ja, so kann man das nennen.« Günther wirkte erleichtert. »Und da kam sie auf mich, weil sie ja sonst keinen hat.«

»Ist sie auch ein Trennungsopfer wie der Hamster? Oder ein Findelkind wie die Schnappschildkröte, die du nach Bayern bringen musstest?« Jette schüttelte den Kopf. Günther Meilenstein war einfach zu gutmütig und spielte ständig den Retter der Verlassenen. Auch das Hüten dieser Schnappschildkröte war eine Folge seiner Großmut gewesen. Günther zog herrenlose Geschöpfe nahezu an und kümmerte sich rührend um sie. Ein Grund dafür, warum sie ihn so liebte.

Günther lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander.

»Nun erzähl schon!«, forderte Jette ihn schließlich mit warmer Stimme auf.

Günther entspannte sich merklich, als er feststellte, dass Jette nicht sauer war. »Es ist ziemlich kompliziert.«

Das klang nicht gut. Das klang nach Chaos.

»Ich bin gespannt.«

»Stell dir vor, Jettelein«, begann Günther, »Walburga ist schwanger, noch ganz am Anfang, und das arme Ding mag nicht erzählen, von wem.«

Jette schluckte. »Und nun sag mir bitte, wie lange sie hierbleiben soll. Aber bitte gaaaanz langsam, damit ich keinen Herzinfarkt bekomme.«

Günther tätschelte Jettes Unterarm mit seiner kräftigen Hand. »Jettelein, ich kenne dein großes Herz und dachte, ich bring das Mädchen besser mit. Ich hätte ja auch mit ihr auf dem Festland in Blersum bleiben können, bis der neue Besitzer einzieht, weil ich ja ohnehin alles noch weiter ausräumen muss, aber ich wollte zu dir. Außerdem ist es dort mittlerweile sehr ungemütlich. Ich habe schon fast alle Möbel verkauft und … na ja, ich dachte …«

»Günther, wie lange?«, unterbrach Jette ihn.

Er rieb sich das Kinn. »Nun, eben so lange wie nötig.«

»Was heißt das?« Jettes Stimme war jetzt gefährlich ruhig.

»Also, nicht endlos lange. Nur bis das Kind da ist.«

»Günther, ich weiß, dass du keine eigenen Kinder hast. Aber wie lange eine Schwangerschaft dauert, das ist dir bekannt, oder?«

Über Günther Meilensteins Gesicht glitt wieder ein breites Grinsen. »Und ob ich das weiß, Jette. Neun Monate. Ein Pferd trägt etwa elf und ein Elefant sogar zweiundzwanzig lange Monate. Wahnsinn, oder?«

Zum Glück war Walburga kein Elefant.

»Neun Monate sind ziemlich lang. Und danach? Wenn sie keine Familie hat?«

»Danach sehen wir weiter. Schau, Liebes, weil ich nun bald ganz bei dir wohne, habe ich durchaus Kapazitäten für meine schwangere Nichte und ihren Nachwuchs. Das ist wie Opasein um die Ecke gedacht.«

So konnte man das natürlich sehen, nur verspürte Jette gerade keine große Lust auf eine weitere Großelternschaft. Ihre Enkel hatten das Schlimmste schließlich fast hinter sich. Sie pubertierten nur noch zum Teil, Fenna war sogar schon im Endstadium dieses Zustands.

Günther aber hatte alles genau durchgeplant. »Die Kemenate ist doch frei, jetzt, wo ich bei dir im Zimmer schlafe. Ich habe sie ja zusammen mit Marie im letzten Sommer renoviert, es ist das optimale Zimmer für eine junge Frau. Mir waren immer zu viele Spiegel darin.«

Jette winkte ab. Die Kemenate, die sich unten im Anbau ihres kleinen Inselhäuschens befand, hatte sie in diesen Ferien eigentlich für Fenna und Marie vorgesehen, denn das kleine Dachzimmer, in dem sie im letzten Sommer während des Urlaubs gewohnt hatten, war für zwei junge Mädchen recht eng. Kilian aber konnte nach wie vor in seinem kleinen Raum im Dachgeschoss schlafen, dort war er ungestört. Aber nun musste es für die zwei Wochen eben wieder so gehen wie im letzten Sommer, wenn Walburga in der Kemenate untergebracht werden sollte.

Walburga stolzierte gerade wieder Kaugummi ploppend in die Stube, glitt auf den bereitgestellten Stuhl und streichelte dabei das Köpfchen des Hundes, dem ein wohliges Seufzen entglitt. Er schien zumindest kein Kläffer zu sein – falls er überhaupt bellen konnte, so klein, wie er war.

Die junge Frau sah sich interessiert in der nostalgisch eingerichteten Stube um. »Ist sehr friesisch hier.« Sie zupfte an der weißen Spitzentischdecke. »Aber sonst ist es ja fein auf so einer Insel. Wenn man mal vom Wind absieht.« Aus der aufgehängten Tasche tönte nun doch ein leises Fiepen. Walburga beugte sich zu ihrem Hund hinunter und zog ihn heraus. »Das ist übrigens Mimi, die habe ich euch noch gar nicht vorgestellt. Ein waschechter Chihuahua! Ich habe sie aus Bayern. Aber sie kann nicht jodeln. Bayrische Hunde bellen genauso wie die aus Hamburch.«

Ja nee, is klar …

Der Hund erinnerte Jette eher an eine zu groß geratene, hell gefleckte Ratte. Doch sie biss sich auf die Zunge, wollte es sich nicht gleich zu Beginn mit Walburga verscherzen. Außerdem war es nicht ihre Art, Günther in den Rücken zu fallen. Wohl oder übel mussten sie nun eine Weile miteinander auskommen.

Vielleicht entpuppte sich Günthers entfernte Nichte ja noch als nette, umgängliche Frau, wenn sie ihre Rüschen und Pumps abgelegt hatte. Irgendwann würde sie begreifen, dass ein Spaziergang durch die sandigen Dünen mit Pfennigabsatz kein Vergnügen war. Das hatte noch jede Frau auf der Insel eingesehen, selbst ihre Enkelin Marie.

Jette lächelte Walburga deshalb gewinnend an. Darin war sie gut, immerhin bespaßte sie in ihrem Lädchen täglich die Urlauberkundschaft. »Ich habe eben von Günther gehört, warum du hier bist. Da lassen wir dich natürlich nicht im Stich. Ich habe eine Kemenate, in der kannst du unterkommen. Da hast du Platz und ausreichend Spiegel.«

Ausreichend Spiegel? Was erzählst du denn da?

Die Aussage entsprach zwar der Wahrheit, weil Marie sich dort mit ihren Einrichtungsvorstellungen ausgetobt hatte, nur klang es merkwürdig, das so anzupreisen.

Walburga schien jedoch hocherfreut. Sie setzte Mimi ab, die sich sofort schnüffelnd in der Stube umsah. »Spiegel? Große und kleine? Schminkspiegel?«

»Ja, alles da«, sagte Günther. »Sogar einer mit Vergrößerungsfunktion für den ganzen Körper, nicht nur für das Gesicht. Den habe ich für Marie besorgt, als sie mich darum gebeten hat. Die Kemenate ist also wie für dich gemacht!«

Ein Spiegelkabinett für eine Schwangere! Wie mochte sie mit dem Vergrößerungseffekt wohl am Ende der neun Monate aussehen? Jette wollte nicht darüber nachdenken.

»Kemenate, das ist eigentlich ein Frauengemach auf einer Burg«, stellte Walburga freudig fest. »Da fühle ich mich wie eine Prinzessin. Wenn man bedenkt, wie ich zuvor leben musste!«

Mit Mimi in der Hundehütte?

»Wie hast du denn gewohnt?«

Walburga stöhnte auf. »In einer Einzimmerwohnung mit Etagenklo. Stell dir das vor!« Sie schüttelte sich, und gleich darauf ploppte es wieder. »Aber ein Badezimmer hatte ich. Da war allerdings nur ein Spiegel, furchtbar!«

Günther tätschelte Walburgas Wange. »Du hast freie Hand, wenn du noch etwas verändern möchtest. Schließlich sollst du dich wohlfühlen bei uns! Platz ist genug da.«

Jette biss sich erneut auf die Zunge. Im Prinzip hatte Günther recht: Schwangere, die sich nicht wohlfühlten, mutierten aus Hormongründen zu Bestien. Es war also besser, sie beugten dem vor. Sollte sie doch Samtvorhänge und Troddeln in der Kemenate verteilen, wenn das gut für ihr Seelenheil war.

»Wir müssen vermeiden, dass du unter Druck stehst, das schadet dem Ungeborenen«, klugscheißerte Günther.

Wie viele Schwangerschaften hat der Mann wohl schon hinter sich?, dachte Jette grimmig.

Walburga hüpfte derweil aufgeregt auf und ab wie ein kleines Kind, das auf den Weihnachtsmann wartete. »Kannst du mir die Kemenate schnell zeigen? Ich müsste mal die Füße hochlegen. Die Waden schwellen immer so an, wenn man in anderen Umständen ist.« Sie strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Schwanger sein ist echt anstrengend. Man hat ja auch mehr Gewicht!«

Aber wo?, fragte sich Jette und musterte den flachen Bauch, der bislang keine schwangeren Anzeichen aufwies. Auch die geschwollenen Beine waren nicht vorhanden. »Wie weit bist du denn inzwischen?«, fragte sie.

»Zwölfte Woche, sagt der Arzt. Und der muss es wissen. Er hat ja Baby-TV gemacht.«

»Baby-TV?«, hakte Jette nach.

»Ja, das mit dem ekeligen Gel auf dem Bauch und dann das Ding zum Reinleuchten.« Walburga ploppte.

»Ultraschall, meinst du?«

»Genau, so hieß das. Ich habe eine kleine Bohne im Bauch, in der ein Herz schlägt!«

»Gut, also zwölfte Woche«, wiederholte Jette. Innerlich aber frohlockte sie: Neun Monate weniger drei machte nur noch sechs. Das klang doch schon besser.

»Ich bekomme bestimmt bald einen Bauch, und man kann es nicht mehr übersehen. O Mann, dann brauche ich so viele neue Klamotten! Man passt ja nirgends mehr rein!« Walburga fasste sich theatralisch an die Stirn. »Und wie man dann aussieht! Ich plane aber, mich bis zum Ende der Schwangerschaft zu pflegen.«

»Das ist eine wunderbare Idee«, sagte Günther. »Du hast es wirklich nicht leicht, aber wir sind für dich da.«

Kann der nicht mal wieder in der Günther-Tonlage reden?

»Ja, das weiß ich zu schätzen.« Walburga seufzte. »Der Vorteil später, wenn man es sieht, wird aber sein, dass andere mehr Rücksicht auf mich nehmen. Wenn man sieht, was ich so mitschleppe, meine ich.«

Jette verkniff sich wieder einen Kommentar. »Dann komm mal mit in die Kemenate!«, forderte sie Walburga auf. Günther schleifte den Trolley und das Necessaire hinterher.

»Das ist ja ganz entzückend!«, trällerte Walburga, als sie den Raum sah. Sie ließ ihr Hündchen zu Boden und stellte sich gleich vor die beiden großen Spiegel. Walburga drehte und wendete sich und fiel in einen leisen Singsang, der eindeutig Wohlbefinden ausdrückte.

»Um sechs mache ich was zu essen«, unterbrach Jette sie. »Gibt aber nur Brot, Butter, Wurst und Käse. Morgen früh kommen übrigens meine Enkel für die Herbstferien zu Besuch.«

»Ach wie süß! Wie alt sind sie denn?«

»Achtzehn, siebzehn und zwölf.«

Walburga stutzte kurz. »Dann wohl eher nicht süß. Aber Leben in der Bude!«

Dem hatte Oma Jette nichts entgegenzusetzen. Gar nichts.

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2. Kapitel

Grete Eberle reckte neugierig den Hals. Da hatte Jette Blümerant doch tatsächlich Besuch bekommen!

Wen hatte Günther Meilenstein denn bloß angeschleppt? Dem Umfang des Gepäcks nach blieb die junge Dame wohl etwas länger. Von Weitem wirkte die Besucherin äußerst attraktiv, und wie niedlich dieser Hundekopf aus der großen Tasche lugte!

Junge, offenbar ungebundene Frauen (ob das mit dem »ungebunden« zutraf, galt es natürlich noch herauszufinden, aber außer Günther Meilenstein war schließlich kein Kerl in ihrer Nähe gewesen) waren für Frau Eberle stets von großem Interesse. Schließlich war ihr Sohn Eberhard noch ledig. Und der hatte für bald sein Kommen angesagt. Welch Glückes Geschick. Frau Eberle rieb sich die Hände.

Ihr Eberhard war schon viel zu lange Junggeselle und sie als seine Mutter mittlerweile der Ansicht, er müsse endlich unter die Haube kommen. Frau Eberle wünschte sich Enkel, und das, so rasch es ging. Es gab aber noch einen zweiten Grund für ihren Wunsch, Eberhard bald verheiratet zu wissen: Sie liebte Hochzeiten! Die Planung, die Vorbereitung des Festmahls, Brautkleider, die Roben der Trauzeugen … Allein die Vorstellung: ihr Sohn im schwarzen Anzug neben seiner wunderschönen Braut, natürlich ganz in Weiß mit einer langen Schleppe …

Das alles hatte Frau Eberle bei ihrer Hochzeit nicht gehabt. Sie hatten nur mit zwei Trauzeugen und ihren Schwiegereltern in Bad Urach in der Schwäbischen Alb geheiratet. Ein kleines Essen, und dann war alles auch schon beendet gewesen. Keine neckischen Spielchen wie »Wadenraten«, wo die Braut mit verbundenen Augen und auf allen vieren aus den Waden der verschiedenen männlichen Gäste die ihres Gatten erraten musste.

Das Spiel musste damals schon mangels Masse ausfallen, es gab ja nur vier Wadenpaare. Die von August, die ihres Schwiegervaters, der rechts zudem eine Prothese trug, die dürren Stelzchen des einen Trauzeugen und die fleischig behaarten des anderen. Da wäre nicht viel Stimmung aufgekommen. Grete hatte sogar das gebrauchte Brautkleid einer entfernten Cousine tragen müssen. August, Gott habe ihn selig, war ein Sparfuchs gewesen, aber auch vor zehn Jahren von ihr gegangen. Er konnte Eberhard also die Hochzeit nicht mehr verderben. Es hatte manchmal auch sein Gutes, rechtzeitig Witwe zu werden. Das sagte Grete Eberle natürlich nicht laut.

Aber für ihren Sohn würde sie, sollte er denn endlich eine Braut nach Hause bringen, eine Hochzeit sondergleichen arrangieren! Eine mit den besten Gerichten der schwäbischen Küche und sämtlichen Ritualen ihrer Heimat. Sie experimentierte schon seit geraumer Zeit an einer Kreation der perfekten Hochzeitstorte herum. Ihr Geheimrezept, das sie erst bei Eberhards Hochzeit zu lüften gedachte. Und dann natürlich alle anderen Köstlichkeiten!

Grete lief beim Gedanken an die schwäbische Hochzeitssuppe schon das Wasser im Mund zusammen. Das konnten die hier im Norden nicht. Diese feine Fleischbrühe mit Brätknödeln, Maultaschen und Geigenknödeln aus Grieß und Mutschelmehl! Oder eine Flädlesuppe mit Pfannkuchenstreifen. Hier in Norddeutschland gab es ständig Fisch und im Winter Grünkohl oder »Updrögt Bohnen«. Oder Hüdel mit Speck und Birnen. Lauter komische Sachen.

Frau Eberle beschlich bei diesen Gedanken eine schier unerträgliche Sehnsucht nach schwäbischem Essen. Und nach den Bergen, den Bächen und den Fachwerkhäusern in Bad Urach.

Wenn es ihrer Lunge hier nicht besser gehen würde, wäre sie längst wieder dort, wo die Sommer noch echte Sommer und die Winter noch echte Winter waren. Na ja, meistens jedenfalls. Da sie nun aber auf dieser Insel lebte, musste sie sich die Situation schönreden, und mit dem Gedanken an eine bevorstehende Hochzeit ging dies erheblich leichter.

Und jetzt bestand die Möglichkeit, dass die zukünftige Braut ihres Sohnes gerade nebenan bei Frau Blümerant Quartier bezogen hatte!

Wieder reckte Grete den Kopf, doch die Herrschaften waren ins Innere des Hauses verschwunden. Sie musste unbedingt einen Weg finden, die junge Frau näher in Augenschein nehmen zu können. Bis zum Eintreffen ihres Sohnes sollte sie alle wichtigen Informationen zusammengetragen haben. Dann konnte sie alles so hinbiegen, dass Eberhard sich nur noch zu verlieben brauchte.

Grete schlüpfte in ihre Strickjacke. Sie würde sich unauffällig in Richtung Nachbarhaus bewegen. Die junge Frau hatte ihr schon rein optisch gut gefallen. Ansonsten war es schwierig, auf der Insel eine attraktive Frau zu finden. Die Urlauberinnen und Inselfrauen durchlebten hier nämlich binnen kürzester Zeit eine Art Mutation. Oft kamen sie durchgestylt an, und schon am nächsten Tag erkannte man sie gar nicht wieder. Es gab fast ausschließlich Frauen in Turn- oder Wanderschuhen auf Langeoog. Alle trugen wetterfeste Wind- oder Fleecejacken! Dazu hatten sie Tücher oder Stirnbänder in ihrem Haar, und das war immer, wirklich immer vom Wind zerzaust. Auf dem Rücken schleppten fast alle einen Rucksack. Aber niemand trug eine so hübsche Tasche, aus der auch noch ein Hundekopf schaute.

Grete knöpfte die Strickjacke zu. Wenn sie sich drüben etwas ausborgte, konnte sie sich unauffällig ein Bild von Frau Blümerants und Herrn Meilensteins Besuch machen.

Draußen wehte Grete der typische kräftige Nordseewind entgegen, an den sie sich nie gewöhnen würde. Jetzt im Herbst war er besonders unangenehm. Sie stemmte ihren rundlichen Körper gegen die Windböen an und huschte über den schmalen Gehweg zu Jette Blümerant. Dort drückte sie entschieden auf den Klingelknopf.

Kurz darauf öffnete ihre Nachbarin die Tür. Frau Blümerant machte einen gehetzten Eindruck, den man normalerweise nicht von ihr kannte. Schließlich hockte sie ständig über ihren Tarotkarten, flößte sich irgendwelche Wellness-Tees ein und wirkte stets tiefenentspannt. Jette Blümerant war wirklich eine Frau für sich. Allein die Klamotten, die zwar bequem aussahen, aber für Gretes Geschmack doch eine Spur zu farbenfroh und zu alternativ waren. Immer diese bunten Leinenhosen und diese weiten Kasacks! Jette Blümerant war keine Frau von Welt, aber zumindest eine, der es ziemlich egal war, was andere von ihr dachten.

»Frau Eberle, was für eine Überraschung! Was kann ich für Sie tun?«, flötete ihre Nachbarin, die heute ausnahmsweise eine Jeans trug. »Brauchen Sie mal wieder etwas Mehl oder Zucker?«

Grete nickte, obwohl es ihr für einen Augenblick unangenehm war, dass sie so oft zum »Leihen« rüberkam. Sie nutzte die Ausrede stets, wenn sie Lust auf ein Schwätzchen hatte.

»Was fehlt Ihnen denn diesmal, Frau Eberle?«, fragte Jette Blümerant mit dem immer gleichen Lächeln im Gesicht.

Grete strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Es ist mir tatsächlich äußerst unangenehm. Aber mir ischt das Mehl knapp gworden.« Sie verbesserte sich. »Mir ist das Mehl knapp geworden.« Schließlich wollte sie verstanden werden. Verstohlen linste Grete ins Haus, doch von Frau Blümerants Besuch war nichts zu sehen.

»Dinkel oder Weizen? Welche Sorte brauchen Sie? Ich habe beides da.«

»Ich bin Schwäbin, das wissen Sie doch«, antwortete Grete im besten Hochdeutsch, um einen guten Eindruck zu machen, falls die junge Frau gleich um die Ecke bog. »Ich koch und back noch richtig nach alter Manier. Also Weizenmehl, bitte.« Sie folgte Frau Blümerant in die Küche, die modern war und gleichzeitig einen Hauch von friesischer Gemütlichkeit hatte. Grete war schon ein paarmal hier gewesen, war aber immer wieder aufs Neue überrascht, wie Jette Blümerant es verstand, mit wenigen Kleinigkeiten eine solche Behaglichkeit zu verbreiten. Eine Kaffeemühle hier und eine Teekanne da. Ein Blumenstrauß an der richtigen Stelle platziert und die Farben von Gardinen und Wand perfekt aufeinander abgestimmt.

»Brauchen Sie sonst noch was, Frau Eberle?« Jette Blümerant war in der Speisekammer verschwunden, die direkt an die Küche grenzte.

»Nein, nur das Mehl.« Grete dachte rasch nach. Sie musste den Besuch noch etwas hinauszögern, damit sie was über die junge Frau erfuhr. Sie entschied sich für die Gut-Wetter-Taktik.

»Hübsch haben Sie es hier, Frau Blümerant. So gemütlich.« Grete biss sich auf die Zunge – das hatte sie beim letzten Mal auch schon gesagt.

»Danke, ich brauche einfach ein solches Umfeld.« Ihre Nachbarin tauchte mit der Tüte Mehl in der Hand wieder aus der Speisekammer auf. Sie schaute Grete abwartend an. Ihrer Haltung nach plante sie allerdings kein Schwätzchen, sondern sah sich immer wieder um, als erwarte sie jemanden. Das konnte ja nur der Besuch sein, es galt also, noch ein paar Minuten hierzubleiben.

Grete stellte sich Frau Blümerant direkt in den Weg. Vor lauter Aufregung vergaß sie, im reinen Hochdeutsch zu schwätzen. »Wissen Sie, ich möchte so ein richtig schwäbisches Essen zaubere. Mein Eberhard kommt bald, und ich muss ein paar Rezepte ausprobiere. Extra aus Bad Urach kommt er gereist. Von so weit. Da ischt er ja lange unterwegs, der Bub. Also soll er was Gescheites zu essen bekomme.« Kurze Pause, dann hatte sie sich wieder gefangen. »Wissen Sie was, Frau Blümerant? Ich lade Sie für morgen Abend zu mir zum Essen ein. Um sieben Uhr?«

Ihre Nachbarin überlegte kurz. »Morgen kommen meine Enkel, und außerdem haben wir heute unverhofften Besuch erhalten. Eine entfernte Nichte von meinem Lebensgefährten ist da.«

Grete runzelte die Stirn. Sie hatte es sich gerade so schön vorgestellt, den Abend mit ihren Nachbarn und nicht allein zu verbringen. Sie wohnte erst seit zwei Monaten hier und hatte noch nicht allzu viele Bekanntschaften geschlossen. »Geht es denn wirklich gar nicht?«

Jette Blümerant sog die Luft ein. »Also gut. Wir kommen. Muss ja kein allzu langer Abend werden, und meine Enkel kennen sich hier bestens aus!«

Grete schaute zum Flur. »Sie haben also Besuch von Herrn Meilensteins Nichte?«

»Ja, sie kommt aus Hamburg.«

»Aus der Großstadt. Das ist ja interessant.« Grete nahm ihrer Nachbarin die Mehltüte aus der Hand. »Wie lange bleibt das Mädel denn?«

»Sechs Monate«, sagte Frau Blümerant.

»Das ist aber lange! Wie wunderbar für Sie: ein bisschen Leben im Haus, nicht wahr?« Grete lachte laut auf.

Frau Blümerant komplimentierte sie in Richtung Haustür. Schade, sie hätte Günther Meilensteins Nichte gern kennengelernt, wo er selbst doch auch eine so stattliche und überaus freundliche Erscheinung war. Aber wenn das junge Mädchen sechs Monate blieb … Sie würde schon einen Weg finden.

 

Jette ging in die Stube und goss sich ein Glas Wein ein. Dann wählte sie den Sessel, der am Fenster stand, und setzte sich. Vor dem Abendessen trank sie sonst nie, aber besondere Vorkommnisse erforderten besondere Maßnahmen. Ab morgen würden ihre drei Enkelkinder und eine schwangere Walburga, die offenbar nicht mit dem Hirn, sondern mit den Fingernägeln dachte, ihr kleines Inselhaus bevölkern. Super Aussichten für die nächste Zeit. Hätte Günther sie zuvor doch wenigstens mal gefragt, ob sie Kapazitäten für eine Schwangere hatte!

Für eine, die einfach nur schwanger war, bestimmt. Aber für ein Wesen wie Walburga mit ihrem rosa Kaugummi … Jette trank am besten noch einen Schluck!

Sie hatte für diesen Herbst ganz andere Pläne gehabt. Zum einen wollte sie neuen Schmuck entwerfen, denn die schönsten Modelle in ihrem kleinen Lädchen gingen zur Neige. Sie plante, in Kürze die Kollektion zu erweitern. Jette hatte zudem ihre Leidenschaft fürs Stricken und Häkeln wiederentdeckt, und bis zum nächsten Frühjahr wollte sie eine kleine Ecke in ihrem Laden für handgefertigte Modelle einrichten. Kleine Tücher, Mützen, Schals, Pullunder. Alles in speziellem maritimem Design. Oder auch ganz kunterbunt, so wie sie es selbst gern trug. Sollte das funktionieren, hätte sie auf der Insel ein Alleinstellungsmerkmal. Es spukten ihr unendlich viele Ideen durch den Kopf, denen sie sich jetzt, da sie zwei Tage in der Woche im Laden eine Aushilfe hatte, die zudem überaus flexibel war, widmen konnte. Der Herbst und frühe Winter war die ideale Zeit dafür.

Doch seit zwei Wochen wurde sie von dieser Frau Eberle verfolgt! Nachdem sie sich eingelebt und eingerichtet hatte, war ihre Nachbarin offenbar auf Kontaktsuche. Nun hatte sie auch noch Walburga gesehen, und neugierig, wie sie war, würde sie die Besuche intensivieren, um alles über Günthers Nichte herausfinden.

Jette seufzte. Frau Eberle war im Grunde eine liebenswerte Person, aber sie steckte ihre Nase in alle Dinge ein wenig zu tief hinein. Und dann ihre Schwärmerei vom Ländle mit all seinen Hügeln! Es musste nach ihren Aussagen wahrlich das Paradies sein. Doch da Jette schon das Erklimmen von Deich und Dünen reichte, hatte Frau Eberle vermutlich eine andere Vorstellung vom Garten Eden als sie.

Wenn Jette Zeit hatte, hielt sie zwischendurch dennoch gern mit ihrer Nachbarin ein Schwätzchen, vor allem, weil sie deren Dialekt so mochte. Wenn Frau Eberle sprach, klang das immer so weich wie ein Teller voll Spätzle. Und die von Frau Eberle waren hervorragend. Letzte Woche hatte sie Jette eine Portion vorbeigebracht, und damit war ihre gute Nachbarschaft aus Grete Eberles Sicht vermutlich auf ewig besiegelt.

Jettes Blick schweifte zum Fenster. Auf der Straße tummelten sich etliche Feriengäste, doch es war schon erheblich ruhiger als in den Sommermonaten. Die Bollerwagen rumpelten über das Pflaster, vorbei an den Pferdekutschen, die auf Kundschaft warteten. Es war ein Erlebnis, mit der Kutsche zur Meierei zu fahren und dort einzukehren, bevor man sich zu Fuß weiter in Richtung Osterhook aufmachte. Jette liebte die kargen Dünenlandschaften Langeoogs, die sich über die gesamten vierzehn Kilometer der Insel erstreckten und nur vom Schloppsee kurz hinter dem Ort durchbrochen wurden. Sie mochte aber auch das Wattenmeer, das sowohl bei Flut als auch bei Ebbe seinen Reiz hatte.

Ein kräftiges Hämmern unterbrach Jettes Gedanken. Im Nebenhaus zur Linken wurde gearbeitet. Auch dort zog ein neuer Nachbar ein. Gestern waren die Möbelkisten mit der Fähre gekommen, nachdem sich in den letzten Wochen die Handwerker die Klinke in die Hand gegeben hatten.

»Wonach hältst du Ausschau?« Günther war hinter Jette getreten und massierte leicht ihren Nacken. Sie schloss die Augen. Das tat gut.

»Mal sehen, was der neue Nachbar für ein Mensch ist. Ist ja immer wieder spannend«, sagte Jette und deutete mit einer leichten Kopfbewegung hinüber. »Möchtest du auch ein Glas Wein?«

»Gern!«

Jette holte ein bauchiges Glas und schenkte ihrem Lebensgefährten Wein ein.

Günther setzte sich ebenfalls und prostete ihr zu. Dann sah er wieder aus dem Fenster. »Bin gespannt, ob er sich mal vorstellt.«

Jette stimmte ihm zu. »Das wäre nur schicklich. Wir leben hier auf engstem Raum, da finde ich es schon gut zu wissen, mit wem man es zu tun hat. – Schau, da ist er!«

Aus dem Nachbarhaus trat ein stämmiger Glatzkopf. Er sah sich mit einem Gehabe um, als kontrolliere er sein Königreich.

Jette schüttelte den Kopf und schob Günthers Hand von ihrem Nacken. »Das gibt es doch gar nicht!«

»Was denn?«

»Guck dir den Mann mal an!«

Der gab gerade den Bodybuilder und ließ die Muskeln spielen. Trotz der Kälte trug er nur ein sehr knappes T-Shirt, das die Oberarme freigab.

»Der könnte glatt Horstis Bruder sein«, entfuhr es Jette. »Dein Kumpel spielt doch auch ständig Tarzan.«

»Ach was! Horsti ist ein ganz anderer Typ. Er hat doch so wunderbare, silbergraue Locken. Der Kerl da hat eine Glatze«, entgegnete Günther abfällig.

»Ich rede doch von dem Affengehabe. Du siehst nur die Äußerlichkeiten, wir Frauen hingegen schauen genauer hin. Guck ihn dir doch an!«

Der Mann ballte nun die Faust und blähte den tätowierten Schiffsrumpf am Oberarm vom Segelboot zum Tanker auf.

»Sag nicht so gemeine Sachen über Horsti! Er ist mein Freund.«

Jette zog die Brauen hoch. Ja, Horsti war Günthers Freund, und er war so ziemlich der einzig echte Streitpunkt zwischen ihnen. Jette hielt ihn für einen Angeber. Horsti hatte reich geerbt, trug seinen Reichtum gern offen zur Schau und hielt sich zudem für unwiderstehlich. Er kreuzte die gesamte Sommersaison über mit seiner protzigen Motorjacht zwischen den Ostfriesischen Inseln herum. Was Günther derart an ihm faszinierte, würde sie wohl nie verstehen.

»Mein Freund Horsti aus alten Kindertagen«, begann Günther, »weiß echt viel und ist sehr gebildet.«

»Horsti hat sämtliche Zitate, die er immer von sich gibt, auswendig gelernt und tut so, als hätte er die Weisheit mit Löffeln gefressen«, konterte Jette. »Als Intelligenz würde ich das nicht bezeichnen, aber er ist mit allen Wassern gewaschen, das stimmt.« Sie legte ihre Hand beschwichtigend auf Günthers Unterarm. Obwohl dessen Freund Horsti ein Schlawiner war wie aus dem Bilderbuch, stand ihr Lebensgefährte immer hinter ihm. Egal, was Horsti tat oder sagte: In Günther hatte er den treusten Freund der Welt.

»Hast du von ihm eigentlich mal wieder was gehört? Er war in den letzten zwei Monaten gar nicht mehr auf Langeoog.«

Zum Glück!

Günther lief rot an. Seine Finger huschten über die Lehne des Sessels und fummelten einen Fussel herunter.

»Sag schon! Ich sehe doch, dass du etwas weißt.«

»Nun ja …«

»Hm?«

»Also, das ist wirklich ein Zufall.«

»Was ist ein Zufall, Günther?«

»Nun, wir reden gerade über ihn und …«, druckste er herum.

»Und?«

Günther schluckte und schien dann seinen ganzen Mut zusammenzunehmen. »Der Zufall ist: Horsti hat sich tatsächlich gestern bei mir gemeldet. Er war lange unterwegs.«

»Komm auf den Punkt!«

»Ja, Jette, was ich sagen will, ist: Er kommt mit der nächsten Flut. Die Saison ist ja bald vorbei, da möchte er noch einmal Langeoog besuchen.«

Jette pustete die Luft aus. Walburga war noch nicht das Ende der Fahnenstange, es kam noch dicker! Sie hätte es wissen müssen! Ihr blieb wirklich gar nichts erspart.

Günther schenkte sich ein zweites Glas Rotwein ein. »Horsti sagt, er habe eine Überraschung für uns. Die werde uns alle aus den Socken hauen«, erklärte er und küsste Jette auf die Wange. »Egal, was es ist, er hat seine Jacht und muss nicht bei dir wohnen wie Walburga. Mit Horsti hast du gar keine Last!«

Wer’s glaubt, wird selig. Mit Horsti von Hinten hatte man immer seine Last.

»Ich mache jetzt mal was zu essen. Nicht, dass unsere Schwangere noch unterzuckert wird und womöglich vom Fleisch fällt.«

Doch Günther hielt Jette zurück. »Ich wollte dir noch etwas sagen …«

»Noch etwas? Findest du nicht, dass es für heute schon ausreichend Mitteilungen waren? Viel mehr hält mein Nervenkostüm nicht aus.«

In Günthers Augen schimmerte es verdächtig. »Ist was ganz anderes. Eher persönlich, wenn man das so nennen will.« Er nahm Jettes Hand.

»Ach Günther! Hast du einen weiteren Rasenmähroboter erstanden? Einen Regenwurmschreck gebaut, oder ist dir eine elektronische Lösung für das Raustragen der Mülleimer eingefallen?« Jette schob seine Hand sacht fort und stand auf. »Ich gehe jetzt mal in die Küche.«

»Nein, Liebes. Mein Plan sah so aus, dass ich eigentlich …«

Jette überkam Mitleid, und sie drehte sich im Türrahmen noch einmal um. Dieser Blick! Nein, sie konnte ihm nicht böse sein. Am liebsten hätte sie ihn jetzt schon wieder geknuddelt. »Nun sag schon, was du loswerden willst.«

Günther stellte das Glas ab und folgte ihr. »Nun, wir beide haben uns im Sommer wiedergefunden, nach all der langen Zeit, und nun ist mir …«

Eilige Schritte unterbrachen seine Ausführungen. »Günni, Jette! Mir ist schlecht!« Walburga stürzte in die Stube und beugte sich über die Sofalehne.

»Ich glaube, wir müssen unser Gespräch verschieben.« Jette drängte Günther beiseite und stürzte in die Abstellkammer, um einen Eimer zu holen. Nicht, dass Walburga sich auf den Teppich übergab!

»Ihr kommt sicher ohne mich klar. War ohnehin nicht so wichtig. Ich wollte dir nur auch noch sagen … Ach, ein anderes Mal.« Günther verschwand mit gesenktem Kopf aus der Stube.

Jette sah ihm gedankenverloren nach, während sie Walburga den Eimer reichte. Doch der ging es ganz plötzlich besser. »Geht schon wieder. Ich muss wohl mal an die frische Luft!« Sie verschwand durch die Terrassentür in den Garten.

»Ja, mach nur«, murmelte Jette und bekam Günthers Gesichtsausdruck nicht aus dem Kopf. Hätte er Blumen in der Hand gehabt, hätte sie gedacht … Aber ohne Blumen? Nein, Günther würde so etwas niemals ohne Blumen machen. Ach was: Günther und ein Heiratsantrag, das war so wahrscheinlich wie die Vorstellung, sie würde ein Pfeifchen rauchen, um dem Ganzen hier Herr zu werden. Außerdem war da dieser eine Satz gewesen. Ich wollte dir nur auch noch sagen … Jette winkte ab. Aus Günther wurde man manchmal nicht schlau.

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3. Kapitel

Jette war sehr früh aufgestanden und hatte allein in aller Frühe ihren grünen Tee genossen. Die Tarotkarten sagten für diesen Tag nichts als Unruhe vorher. Nachdem sie Günther und Walburga das Frühstück in der Küche bereitgestellt hatte, machte sie einen Abstecher zur Kemenate. Die junge Frau war bereits im Bad. Jette stieß die Tür mit der Fußspitze auf, kam aber nicht weit, weil ein Schuh das weitere Öffnen verhinderte.

Jette hob ihn auf und schlüpfte in den Raum. Sie rümpfte vor Entsetzen die Nase, als sie sah, was Günthers Nichte in so kurzer Zeit aus dem renovierten Zimmer gemacht hatte. Walburga hatte es wirklich nach ihren eigenen Vorstellungen zum Schloss umgebaut.

Auf dem sonst blauen Sofa lag eine Mohairdecke in undefinierbaren Quietschfarbtönen – eine Mischung aus Pink und Rosa, aber auch andere Rottöne waren zu erkennen. Auf der Decke wiederum hockten rosa Fellhasen. Auf dem kleinen runden Tischchen und den zwei Kommoden lagen rosa Tüllstücke, gespickt mit glitzernden Kerzenständern. Kurz gesagt: Das Zimmer bestand nur noch aus rosa Tüll und Plüsch, was das Auge des Betrachters echt an die Schmerzgrenze führte.

Jette betrachtete Walburgas Koffer und fand es trotz dessen unglaublicher Größe sensationell, wie es Günthers Nichte gelungen war, derart viel unnützen Kram zusätzlich zu den Anziehsachen in den einen Koffer zu quetschen.

Jetzt blieb Jettes Blick an einem Märchenschloss hängen, das seitlich von Walburgas Bett aufgebaut war. Wo auch immer Günthers Nichte die zusammenklappbare Hundebox im Design von Neuschwanstein aufbewahrt hatte! Aus dem Schlosstor, das mit Kunstrosen umrankt war, schaute der kleine Mimikopf.

Hinzu kam das unvorstellbare Durcheinander in der Kemenate. Der Fußboden hatte über Nacht einen neuen Belag aus Kleidung, Papier und anderen undefinierbaren Dingen erhalten, der nur darauf wartete, dass sich alles festtrat. Jette, die überladene Räume nicht ertragen konnte, sollte nunmehr monatelang mit dieser Zumutung leben. Da blieb nur eins: die Tür zu schließen.

»Schön, mein Zimmer, oder?« Walburga war unbemerkt hinter Jette getreten. Es umschmeichelte sie schon wieder dieser süße Kaugummiduft. Zum Glück unterließ sie das Ploppen. »Ist jetzt ein Schloss. So liebe ich es zu wohnen. Romantisch und kuschelig!«

»Es ist etwas unordentlich, Walburga. Ich glaube, wir kommen besser miteinander aus, wenn du aufräumst. Entschuldige bitte, dass ich hier einfach so reingeplatzt bin, aber …« Jette wusste selbst, dass sich ihr Eindringen nicht gehörte.

Walburgas Unterlippe begann zu zittern. »Ich bin schwanger und muss es mir doch passend machen, Oma Jette. Bitte schimpf nicht mit mir! Ich brauche einfach heimelige Atmosphäre. Ich habe doch niemanden mehr auf der Welt. Außer dir und Günther. Und Mimi.« Ihre Augen leuchteten wieder. »Schau nur, wie hübsch ich dekoriert habe!«

»Ich rede vom Fußboden und was da alles rumliegt!«

Walburga winkte ab. »Das stört doch nicht.«

»Ich fände es dennoch gut, wenn du ein wenig Ordnung hältst, Walburga.« Jette fehlte jetzt allerdings die Zeit zum Streiten, deshalb wechselte sie das Thema und sagte: »In der Küche steht Frühstück für dich und Günther. Ich muss jetzt zur Bahn und meine Enkel abholen.«

»Bin schon gespannt auf sie!« Walburga lächelte, und Jette war es unmöglich, ihr böse zu sein.

Sie schnappte sich ihre Jacke und trat vor die Tür. Ein Junge rannte mit einem Bollerwagen, auf dem der Name einer Pension angebracht war, an Jette vorbei. Immerhin zeigte sich der Inselhimmel in einem klaren Blau. Das Leben könnte so wunderbar und einfach sein!