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Eine deutsch-japanische Familiengeschichte, wie man sie noch nicht gelesen hat. »Zum Heulen schön.« (Doris Dörrie) Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.
Yuko Kuhn
Onigiri
Roman | Hanser Berlin
Für meine Mutter
YASUKO LEBT NICHT MEHR. Sie ist einfach gestorben und wir haben es gar nicht gemerkt. Meine Mutter hat irgendwann aufgehört, ihre Familie in Japan anzurufen, erst war sie zu müde, dann wurde sie über die Jahre zu vergesslich dafür. Es kommen auch schon lange keine Pakete mit getrockneten Algen mehr. Yasuko lebt sicher noch, sagte meine Mutter immer, sonst hätte ihr Bruder sich auf jeden Fall bei ihr gemeldet.
Er habe nicht mehr gewusst, was er wählen müsse, um nach Deutschland zu telefonieren, entschuldigt sich Masayuki am Telefon, als ich mich bei ihm melde. Ich höre die Stimme meines Onkels und wundere mich, dass mir der Abstand zu ihm eben noch so unendlich groß erschien, wie es sein kann, dass ich mich ihm jetzt, wo ich mit ihm spreche, nach all den Jahren, auf einen Schlag so nahe fühle. Ich höre die Stimme meines Onkels und komme mir plötzlich armselig vor. Als ob ich ihm böse sein könnte, wo ich es doch seit Jahren nicht schaffe, einen kleinen Brief zu schreiben, ein paar Fotos zu schicken, seine Nummer zu wählen. Wo ich doch wusste, dass meine Großmutter jederzeit sterben konnte.
Meine Mutter kann sich nicht merken, dass sie keine Mutter mehr hat. Was? Sie ist gestorben? Wann? Das habe ich nicht gewusst, sagt sie, die Stirn in Falten, plötzlich hellhörig geworden. Das hast du mir nicht erzählt, Aki. Sie ist friedlich eingeschlafen, sage ich dann und lege ihr die Hand auf den Arm, mit hundertzwei Jahren. Meine Mutter neigt den Kopf, so alt, sagt sie und lächelt vorsichtig. Ihre Mutter habe gar nicht mehr gewusst, dass sie eine Tochter habe, sagt sie, sie hätten sich so selten gesehen in den letzten fünfzig Jahren, dass sie vergessen habe, dass es sie gibt. Aber meine Mutter klingt gar nicht traurig dabei, ihr Gesicht sieht schon wieder aus wie immer.
Seit ich weiß, dass meine Großmutter nicht mehr lebt, suche ich nach dem passenden Gefühl für ihren Tod, wundere mich darüber, dass wir es nicht gespürt haben, meine Mutter und ich. Es ist kompliziert, um jemanden zu trauern, dessen Tod man verpasst hat, um mehr als ein halbes Jahr. Meine Großmutter Yasuko war klein, ihre Füße waren klein, ihre Beine krumm, ihre Statur etwas dicklich. Sie hat immer gern gegessen, obwohl sie, seit ich mich erinnern kann, fast keine Zähne mehr hatte. Besonders gern aß sie Tori Karaage, sie kaute die frittierten Hühnerteilchen mit den Kieferknochen. Sie trug einen wadenlangen, elastischen Wollrock und eine unauffällige Strickjacke, die grauen Haare waren zu einem Dutt zusammengebunden, die Strähnen seitlich mit Klammern hochgesteckt. Ich schaute gern in ihr liebes, altes Gesicht mit den weichen, herabhängenden Wangen. Interessiert und wohlwollend sah meine Großmutter mich an. Sie sagte nicht viel. Den ganzen Tag saß sie in ihrem Zimmer oberhalb der steilen Treppe an ihrem niedrigen Tischchen, eine uralte Lupe vor dem Gesicht, neben ihr auf der Tatami surrte der Plastikventilator. Die Lupe ließ ihr Auge größer aussehen, das andere kniff sie zu. Sie löste Zahlenrätsel in der Zeitung. Nach unten ging sie nur noch, wenn es unbedingt sein musste. Beim Treppensteigen hörte ich sie ächzen und sich gut zureden, yoisho, yoisho, sagte sie bei jeder Stufe. Fernsehen musste sie mit Kopfhörern, weil sie schwerhörig war und meine Tante den Ton nicht im ganzen Haus hören wollte. Sie lachte laut, wenn ihr etwas gefiel. Ich hörte immer nur ihr Lachen und wusste nie, warum sie lachte, ich lachte einfach mit.
Mein Mann Felix sagt, es sei sinnlos meiner Mutter immer wieder und wieder zu sagen, dass ihre Mutter nicht mehr lebe, aber ich schaffe es nicht, sie anzulügen, und mit wem sollte ich über Yasuko sprechen, wenn nicht mit ihr. Als ich meine Mutter frage, ob Yasuko ihre Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, verstanden habe, zieht meine Mutter die Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf. Das sind doch alte Geschichten, wie lange soll das her sein, Aki, das weiß ich doch nicht mehr. Es ist so schade, dass meine Mutter sich nicht an Yasukos völlig aus der Form geratene und mehrfach mit Klebstreifen fixierte Brille erinnert. Wie gern würde ich mit ihr gemeinsam über die Situation beim Optiker lachen, als wir Yasuko bei einem unserer Besuche eine neue Brille machen ließen. Der Optiker ließ meine Großmutter durch eine ganze Reihe verschiedener Gläser blicken, fragte jeweils, mit welchem sie besser sehen würde. Vornübergebeugt saß Yasuko auf dem Drehstuhl, blickte angestrengt senkrecht nach unten durch das Gerät und gab sich alle Mühe, sie wusste es nicht. Über die neue Brille freute sie sich am Ende trotzdem.
Am Morgen machte Yasuko uns Frühstück: heißen, schwarzen Tee mit Milch und Zucker, ich saß am Tisch und achtete auf das leise Geräusch, wenn sie die schmalen Papierröhrchen aufriss und den Zucker in die Tassen rutschen ließ, staunte über das japanische Toastbrot, riesige und vor allem besonders dicke Scheiben. Meine Großmutter stellte uns Butter hin, in einer rosafarbenen Plastikdose mit Katzen darauf, das kleine Messerchen darin wanderte mit in den Kühlschrank. Dazu Erdbeermarmelade, kleine Tomaten oder Gurke, ein paar Salatblätter, irgendetwas Frisches. Mit Sojasoße und Mayonnaise. Yasuko sah mir aufmerksam beim Essen zu und wollte gern immer mehr Toastbrot für mich in den kleinen Ofen schieben, aber ich war satt und schüttelte den Kopf. Nur zwei Scheiben, sagte sie ungläubig und zuckte mit den Schultern, als sei mir eben nicht zu helfen, während sie selbst gar nichts aß.
Bei vielen Gerichten, die wir im Restaurant essen oder zu Hause kochen, sogar bei Bratkartoffeln, sagt meine Mutter neuerdings, so etwas kenne sie nicht, in Japan habe es das nicht gegeben. Sie hat ständig etwas noch nie gesehen, gehört oder gegessen. Während ich antworte, Mama, natürlich hast du das schon gegessen, strahlt mein Mann sie an und sagt mit sanfter Stimme, dann probier doch mal Keiko, schmeckt wirklich gut, und sie isst mit Freude eine große Portion. Felix sagt, von ihm aus könne meine Mutter jeden Tag zum Essen kommen, sie störe nie. Wenn ich sie mit dem Auto im nahe gelegenen Wohnstift abhole, folgt ihr Monolog immer dem gleichen Muster. Den ersten Teil der Strecke, eine Sorgenfalte im Gesicht, ist sie mit der Frage beschäftigt, ob sie ihre Wohnung auch abgeschlossen hat, dabei beruhigt sie sich selbst, dass sie das doch immer gewissenhaft tut und, im Fall eines Einbruchs, bei ihr kein Geld zu finden ist. Dann kommentiert sie die langen Reihen parkender Autos, die links und rechts den Randstein säumen, bei uns in Japan, sagt sie kopfschüttelnd, ist für so viele Fahrzeuge kein Platz. Sie bewundert ausgiebig die orange und rot aufleuchtenden Rücklichter der anderen Autos, deren geschwungene moderne Form sie noch nie gesehen hat. Sie zählt Etagen, staunt über die Farben der Häuser, beurteilt Baugerüste, bis wir um die Ecke biegen und sie die dunklen Metallbalkone, die aus unserem Wohnhaus ragen, erkennt. Seit neuestem übernachtet meine Mutter hin und wieder bei uns. Sie will zwar jedes Mal doch lieber nach Hause, aber ich lasse sie einfach nicht gehen, bitte sie darum, mir zu helfen, die Wäsche aufzuhängen, mache ihr das Bett und sie bleibt. Sie zupft ewig an der Wäsche herum, zieht die Kanten gerade, bis alles symmetrisch und optimal platzsparend auf dem Wäscheständer hängt. Wenn meine Mutter im Sofakissen ein kleines Loch entdeckt, bringe ich ihr Nadel und Faden, Aki, kannst du mir mal helfen, fragt sie mich, und ich fädle für sie den Faden durchs Nadelöhr. Meine Mutter sitzt lange und zufrieden mit ihrer Handarbeit in unserem Schaukelstuhl, um mir am Ende ein äußerst seltsam oder unfertig repariertes Teil zurückzugeben. Früher stand ihr Nähzeug, ein runder Korb mit Henkel und einem gepolsterten Stoffdeckel, neben ihrem Fernsehsessel, ich mochte die farbigen Filzreste, Knöpfe und Garnrollen und ich mochte die Ruhe, die meine Mutter bei der Handarbeit ausstrahlte. Meinen Lieblingsschal besserte sie aus, indem sie das Loch darin ließ und nur dessen Rand säumte, damit es nicht größer wurde. Wenn wir Flecken in unserer Kleidung hatten, die nicht mehr herausgingen, bestickte sie sie mit hübschen kleinen Motiven. Aus weißer Spitze nähte sie mir zu Fasching ein wunderschönes Tanzkleid mit wallendem Tüllrock, befestigte für mein Clownskostüm in stundenlanger Arbeit unzählige Kreise aus buntem Filz auf einer schwarzen Cord-Latzhose. Mein Bruder Kenta bekam Batman-Ohren aus dunkelgrauem Wollstoff, ein Rest vom Kürzen einer Winterhose.
Mit den Kindern sitzen wir im Schneidersitz auf dem Teppich und legen gemeinsam Wäsche zusammen. Meine Mutter hält unsere zerknitterten Geschirrtücher hoch und sagt stirnrunzelnd, die müsse man doch bügeln, und ich antworte, wir bügeln nichts. Sie fragt, wie soll ich das nur falten, und ich antworte, wie du willst, falte es irgendwie. Während ich eine ganze Maschinenladung Kinderkleidung in Stapeln neben mir liegen habe, hat sie zwei dieser Handtücher geschafft, aber sie hilft mir bei der Arbeit und es ist schön, eine gemeinsame Tätigkeit zu haben. Ich kann sanfter sein zu meiner Mutter, sobald sie etwas für mich tut, es kann etwas ganz Kleines sein.
Durch den Türspalt zum Wohnzimmer sehe ich meine Mutter. Sie sitzt auf dem Sofa, die Beine angezogen, die Hände vor ihrem Gesicht. Ich stehe lautlos im Flur, aber sie bemerkt mich und ruft nach mir. Sie fragt, ob ich mich nicht ein bisschen zu ihr setzen könne, aber ich sage nein, ich will nicht zu ihr ins Zimmer gehen. Ich will, dass sie mit offenen Augen in die Welt blickt. Wenn sie in der U-Bahn die Hände vors Gesicht nimmt, ziehe ich an ihren Ellenbogen. Oft sagt meine Mutter, sie wolle doch nur die Augen ausruhen, sie würde sie mit den Händen wärmen, ihnen Energie geben, aber für mich sieht es trotzdem aus, als weinte sie. Wenn ich Schmerzen habe, fragt meine Mutter, wo genau es wehtut, und hält ihre Hände mit etwas Abstand vor die Stelle. Ich schaffe es nie, stillzuhalten, rasch laufe ich in ein anderes Zimmer. Ich bekomme niemals Medikamente von meiner Mutter, sie hat eine starke Abneigung dagegen und ich habe nie die Windpocken oder andere ernste Kinderkrankheiten. Das Einzige, was meine Mutter benutzt, ist eine japanische Mentholsalbe. Egal mit welchem kleinen Leiden ich zu ihr komme, blauen Flecken, Mückenstichen, Kopfschmerzen, jedes Mal holt sie die runde Dose mit der Abbildung eines puppenähnlichen westlichen Mädchens darauf hervor, in Kittel, ein Krankenschwesterhäubchen auf dem Lockenkopf. Während ich den Geruch der Salbe tief einatme und meine Mutter mich damit einreibt, singt sie leise den japanischen Werbejingle, Mentholetam areba, itsudemo anshin. Wenn man Mentholetam hat, kann man immer beruhigt sein, verstehe ich und bin beruhigt.
Das Kanji »kyū« bedeutet retten, sagt meine Mutter, und im Schriftzeichen »sei« stecke das Leben. Wenn sie über meine Großmutter spricht, geht es immer um Sekai Kyūsei Kyō. Yasuko gehört dieser religiösen Gruppe an, sie praktiziert Jōrei, das heilende Licht. Medikamente gelten als Gift. Wenn wir in Japan sind, beschwert sich mein Onkel Masayuki bei meiner Mutter, weil Yasuko ihre Witwenrente in diese Gemeinschaft steckt, anstatt sich an den Haushaltskosten zu beteiligen. Sie geht regelmäßig zu den Treffen der Gruppe, nie sieht sie gepflegter aus, als wenn sie dafür das Haus verlässt. In ihrem Zimmer hängt eine gerahmte Abbildung, sie zeigt den »Meister des Lichts«. Seinen Schutz, das Omamori, legt Yasuko auch beim Schlafen nicht ab.
Das Omamori meiner Mutter ist ein unscheinbarer runder Anhänger aus Messing, er ist ungefähr so groß wie ein Fünfmarkstück und hat ein geometrisches Muster. Dieser Talisman verleiht seiner Trägerin Heilkraft, man kann sich selbst und andere damit heilen. Meinem Vater konnte sie damit leider nicht helfen, sagt meine Mutter und hat plötzlich einen abwesenden Ausdruck im Gesicht. Sie erzählt mir, wie sie als Kind mit Yasuko zu den monatlichen Zusammenkünften der Sekte ging. In einem kleinen Zimmer versammelten sich die Hilfsbedürftigen, hintereinander in einer Reihe auf dem Boden kniend. Vorne saß ein vom »Meister des Lichts« ausgebildeter Heiler und sandte mit der geöffneten Handfläche reinigende Energie durch alle hindurch. Die Ältesten durften in der Nähe der Quelle sitzen, meine Mutter saß ganz hinten und fragte sich, von was sie gereinigt werden müsse. Mit den anderen Kindern fuhr sie aufs Land, das Stammhaus der Gruppe war einfach gebaut, die Nächte waren kalt, tagelang paukte sie die Grundsätze der Gemeinschaft, in den Pausen verrichtete sie Arbeiten im Garten. Vom Oberhaupt der Sekte kannte sie nur die Abbildung aus Yasukos Zimmer, bis er eines Tages zu Besuch kam und für sie das Wort »Hikari« auf ein Stück feines Papier schrieb. Mit Herzklopfen nahm sie es entgegen, faltete es andächtig, wickelte es in eine Plastikfolie ein, damit es nicht riss. Sie trug dieses »Licht« an einer langen Kette um den Hals, unter ihrer Kleidung, möglichst nah am Körper. Sie trug das Omamori immer, hütete es wie einen Schatz.
In unserem Flur steht ein dreieckiges Holzregal in der Ecke. Meine Mutter bewahrt dort ihren Geldbeutel auf. Sie sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, die Hände vor ihrem Gesicht. Als sie mich hört, erhebt sie sich und kommt in den Flur, fragt, ob ich etwas Geld brauche für den Nachmittag, eine Freundin wartet auf mich, wir wollen auf den Jahrmarkt in der Ami-Siedlung. Erst will ich den Zwanzigmarkschein nicht annehmen, im Geldbeutel meiner Mutter sind immer nur wenige Scheine, nicht ganze Bündel wie bei meinen deutschen Großeltern. Ich bilde mir ein, es sei ein großes Opfer für sie, mir den Schein zu geben, und ich möchte sie nicht allein auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzen lassen. Auf dem Jahrmarkt fahre ich mit meiner Freundin Kettenkarussell, fliege höher und schneller. Der Wind weht mir die Haare aus dem Gesicht und es kribbelt in meinem Bauch. Die Schwere in mir lässt langsam nach, so als habe das Kreisen in der Luft sie außer Kraft gesetzt. Aus dem Geld ist ein Zeichen geworden, für die Liebe meiner Mutter.
Zweimal die Woche geht meine Mutter abends zur Chorprobe und lässt mich mit meinem großen Bruder allein. Ich will sie nicht gehen lassen, blockiere die Wohnungstür, behaupte, dass Kenta gemein zu mir sei, wenn sie geht. Die Kirche ist nur wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt, aber ich starre aus dem Fenster in die Dunkelheit und zähle, wie oft die Ampel von Grün auf Rot und von Rot auf Grün schaltet. Erst wenn ich in der Stille die Schritte meiner Mutter auf dem Pflaster näher kommen höre, ihr Innehalten an der Eingangstür unten, dann das Geräusch des Schlüssels, kann ich mich schlafen legen. Das Singen ist eine Gabe meiner Mutter, die Schwere in ihr verschwindet dann für kurze Zeit. Wenn sie in ein Konzert geht oder selbst einen Auftritt hat, trägt sie einen langen schwarzen Rock, eine weiße Bluse mit Rüschenkragen, schwarze Lackschuhe. Ich mag es, wenn sie sich vor dem runden Spiegel im Flur die Lippen nachzieht und Rouge aufträgt, und ich mag es, auf der harten Kirchenbank zu sitzen und ihr zuzusehen, wie sie in einer Reihe mit den anderen eleganten Menschen heraustritt und sich aufstellt. Ich beobachte, wie ihr Mund sich immer wieder öffnet und schließt. Und wie die Arme des Dirigenten dazu auf und ab hüpfen. Meine Mutter kennt eine unglaubliche Anzahl an Liedern auswendig: japanische, deutsche und englische. In allen möglichen Situationen fällt ihr eines ein und sie stimmt es an. Wenn sie bei der Hausarbeit oder an der Bushaltestelle singt, weiß ich, es ist alles in Ordnung.
Jedes zweite Wochenende verbringen Kenta und ich bei unserem Vater. Einmal ist eine Frau dort, ich verstehe nicht, warum sie da ist, und warte darauf, dass sie endlich geht, draußen wird es schon dunkel. Ich flüstere meinem Vater ins Ohr, dass sie nicht bei uns übernachten soll. Er steht auf, um das Fenster zu kippen. Ich weiche ihm nicht von der Seite und wiederhole meine Worte wieder und wieder, bis die Frau sich ohne sein Zutun von uns verabschiedet.
Mein Vater steht im Flur und ruft nach mir, ich sitze im Kinderzimmer auf unserem dicken Teppich mit dem breiten Rand aus dunkelbrauner Wolle und stecke mir einen Legostein in die Nase. Er verschwindet in ihr und ich erschrecke, aber wir müssen zum Bahnhof, wir fahren unsere deutschen Großeltern besuchen. Ich umarme meine Mutter zum Abschied und frage mich, was sie so lange machen wird, ohne uns. Am Bahnhof bekommen Kenta und ich eine Zeitschrift und später im Zugrestaurant eine Bockwurst. Während die Schienen uns immer mehr von unserer Mutter und der Welt, in der wir mit ihr leben, entfernen, bleibt ein Teil von mir immer bei ihr. Ich male mir aus, was der Legostein in meinem Körper anrichten wird.
Mein Großvater holt uns am Bahnhof ab, schon von weitem sehe ich ihn vor seinem dunkelblauen eckigen Mercedes stehen, Ludwig hält sich aufrecht und sieht dadurch noch größer aus, als er ohnehin ist, er trägt Anzug und Krawatte. Vor dem Haus meiner Großeltern angekommen, öffne ich das weiße Metallgittertor und laufe die breite Einfahrt hinab, mein Schritt auf den rötlichen Steinplatten wird durch die Neigung beschleunigt. Unten geht schon die Haustür auf und meine Großmutter Gesine tritt heraus und winkt. Durch die milchige Glasscheibe hindurch schimmert der Umriss des massiven Sockels, auf dem im Eingangsbereich eine dunkle Keramik thront. Sie sieht aus wie eine riesige aufgerichtete Raupe. Achtlos lasse ich zu ihren Füßen mein Gepäck auf den Boden fallen, ziehe rasch die Schuhe aus, werfe meine Jacke auf meine Tasche. Meine Tante Anne und ihre Kinder sind schon da und wollen begrüßt werden. Wenn ich meine Sachen später dort liegen sehe, merke ich, mein Chaos passt nicht zu den akkuraten Linien dieses Hauses. Der Boden im Eingangsbereich und den weitläufigen Fluren ist aus großen rechteckigen hellgrauen und weißlichen Steinplatten, glatt und kühl. Rasch trage ich meine Sachen ins Grüne Zimmer. Dort sind die Wände mit grüner Seide bespannt, passend zu den Vorhängen und dem französischen Bett, wie Gesine es nennt. Hier schlafen meine Cousine und ich. Zwei dunkelblaue eckige Ledersessel stehen unter dem Fenster an einem Glastischchen. Wir verstreuen unsere Kleidung auf dem Teppichboden und lümmeln in den eleganten Sesseln, lassen die Beine quer über die Armlehne baumeln. Mein Cousin, der mit meinem Bruder in einem Zimmer schläft, ist oft gemein zu mir. Ich weine deshalb bitterlich im Grünen Zimmer. Meine Tante hört es und kommt, um mich zu trösten. Im großen Haus meiner Großeltern muss man laut und lange weinen, bis endlich jemand kommt.
Unter ihren Blusen, Röcken und Kleidern trägt Gesine einen hautfarbenen engen Body, der ihren Körper in Form bringt. Fasziniert beobachte ich sie durch den Türspalt zu ihrem Schlafzimmer dabei, wie sie sich nach ihrer morgendlichen Schwimmeinheit in dieses Ding hineinzwängt. Sie bemerkt mich und sagt nur, Älterwerden ist kein Zuckerschlecken. Trotz Body ist Gesine ein wenig rundlich, ihr kinnlanges Haar ist schon grau. Wenn sie zum Schlafen in eines ihrer langen geblümten Nachthemden schlüpft, fühlt sich ihr Körper darin ungewohnt weich an. Ihre Pullover verstaut Gesine einzeln in Plastikhüllen verpackt im Schrank, wegen der Motten, erklärt sie mir, die lieben Kaschmir. Wenn Gäste kommen oder sie mit Ludwig zu einer Abendeinladung geht, holt sie ein elegantes Kostüm aus dem Schrank, sucht dazu ein passendes Seidentuch heraus, zu den schlichten meist hellgrauen Röcken für zu Hause trägt sie Blusen und Strickjacken in Zitronengelb, Violett, Hellblau, dazu dunkle Lederschuhe mit flachen Absätzen, auch im Haus. Man hört sie auf dem Steinboden klappern, wenn sie den langen Flur entlangläuft.
Wenn wir das Auto nehmen, Gesine fährt einen blauen Mercedes so wie ihr Mann, holt sie die schwarze rechteckige Lederhandtasche mit der glänzenden metallenen Schnalle aus dem Schrank, wo auch die Pässe, Schlüssel und Geldbörsen aufbewahrt werden. Die Schnalle schnappt laut zu. Die Tasche baumelt an einer kurzen Schlaufe an Gesines Handgelenk, sie umgreift sie fest, wie eine Waffe. Im Städtchen werden wir überall mit Namen begrüßt. Wenn wir außerhalb der Öffnungszeiten in einen ihrer Lieblingsläden wollen, ruft Gesine die Inhaberin an. Gesine zeigt auf die Kleidungsstücke, die ihr gefallen, und sie werden mir in meiner Größe in die Umkleide gereicht. Es geht alles sehr schnell und schon sitzen wir wieder im Auto, die große Papiertüte trage ich an ihren Henkeln aus rosa Stoff stolz ins Haus. Meinem Großvater Ludwig führe ich später meine neuen Sachen vor, er sitzt im Opasessel und sieht kurz von seiner Zeitung auf.
Der Opasessel ist ein sogenannter Ohrensessel, er könne darin besonders gut hören, sagt Ludwig und zwinkert mir zu, der Sessel ist aus braunem Leder, dazu gehört ein passender runder Polsterhocker für die Füße. Im Opasessel, der im Wohnzimmer steht, in der Ecke neben dem Kamin, in dem nie ein Feuer brennt, sitzt Ludwig und hört klassische Musik, seine Plattensammlung füllt viele Meter im Regal, er zeigt mir die farbigen Punkte, mit denen er seine Platten markiert, die roten seien für die Sinfonien und die blauen für die Streichquartette, sagt er. Wenn er eine Passage besonders mag, dreht er die Lautstärke hoch und bewegt die Arme wie ein Dirigent, er singt mit tiefer Stimme pampampam. Gesine schimpft und schiebt die breite Schiebetür zum Esszimmer zu. Widerwillig stellt Ludwig leiser und holt sich ein Stück Schweizer Schokolade. Er nascht gern, zum Kaffee am Nachmittag gibt es immer etwas aus dem Schränkchen, Kekse in durchsichtigen Tüten, die mit roten Schleifen zusammengebunden sind, oder in goldschimmernde Folie eingewickeltes Marzipan. Bei schönem Wetter wird der Kaffee auf der Terrasse serviert, sonst im Wohnzimmer, auf einem rechteckigen Steintisch mit geschwungenen Metallfüßen. Gesine und Ludwig sitzen auf einem zierlichen Ledersofa oder den dazu passenden Ledersesseln.
Fürs Schuhekaufen ist mein Großvater zuständig. Ich mag es, in seinen Wagen zu steigen und mit ihm ins Städtchen zu fahren. Er wählt mit Kennermiene die Schuhe für mich aus, prüft sie ausgiebig auf ihre Qualität. Ich möchte lieber rote Lack-Ballerinas mit schmalen Riemchen haben, aber für ihn müssen es richtige Lederschuhe sein. Zum Geburtstag wünscht Ludwig sich von mir, dass ich mir die Haare ordentlich kämme. Zu Hause begutachten die großen Mädchen im Turnverein meine Sachen. Sie nehmen in der Umkleidekabine meine Jacken und Kleider vom Garderobenhaken und lesen die Namen der Marken laut vor: Oilily, Chevignon, Princess goes Hollywood. Aki weiß gar nicht, was sie da trägt, sagen sie.
Am Nachmittag erkunden Kenta und ich unser Viertel, treiben uns auf dem Spielplatz oder im Park herum. Meinen Schlüssel trage ich an einem roten Spiralgummianhänger mit Karabinerhaken an der Gürtelschlaufe meiner Hose, die anderen Kinder haben so etwas nicht. Wir gehen allein zur Schule, wir müssen nur ein Stück Richtung Kirche laufen, dann über den Zebrastreifen. Wenn Kenta und ich von der Schule nach Hause kommen, ist unsere Mutter immer da und kocht für uns. Es fühlt sich seltsam an, wenn sie nicht da ist, weil sie im Supermarkt etwas besorgen muss. Unsere Wohnung ist mir nur vertraut, wenn sie darin ist. Ihre Spaghetti Meat sauce schmecken einer Mitschülerin von mir so gut, dass sie noch Jahre später von ihnen spricht. Das macht mich stolz. Lange denke ich, meine Mutter meint mit Meat sauce »mit Soß«, aber es ist der japanische Name für Bolognese. In aufwändiger Handarbeit macht sie für uns Gyōza, mit dem Löffel setzt sie einen Klecks Hackfleisch auf die kleinen runden Teigblättchen, wischt zum Verkleben mit ihrem nassen Zeigefinger über den Rand, faltet sie kunstvoll. Wenn ich es versuche, stehen meine Teigtaschen zerquetscht neben ihren auf dem mit Mehl eingestäubten Brett. Die Gyōza werden genau abgezählt, damit es gerecht ist. Meine Mutter macht rechteckige Omeletts mit kleinen rot gefärbten Ingwerstückchen darin. Sie brät dafür in der Pfanne das gerührte Ei nach und nach in dünnen Schichten und wickelt es zusammen, sodass am Ende ein Barren entsteht, den sie in Streifen geschnitten serviert. Besonders liebe ich das in Sojasoße und Ingwersaft über Nacht eingelegte dünn geschnittene Fleisch, sie wendet es in einem ganz feinen Mehl vor dem Braten. Als Beilage gibt es immer Reis und Misosuppe mit mariniertem Rettich oder anderem eingelegten Gemüse. In den Biergarten nimmt meine Mutter unsere Beilagen in einer Obentōbako mit, sie umwickelt die drei übereinanderliegenden eckigen Kästen aus lackiertem Holz mit einem Furoshiki, der Knoten dient als Griff zum Tragen. Mit Stäbchen isst sie den Steckerlfisch dann auf ihre eigene Art. Mich ärgert das dumme Lächeln der Leute, ich weiß nicht, ob meine Mutter nur so tut oder ob sie die Blicke wirklich nicht bemerkt.
Mit meiner Mutter fahre ich in die Stadt. Auf dem Weg zur Bushaltestelle ruft uns eine Gruppe Kinder Ching Chang Chong hinterher und ich fauche zurück, wir seien nicht aus China. Meine Mutter sagt nichts. Im Laden wird sie auf Englisch angesprochen und ich antworte, man könne ruhig Deutsch mit uns sprechen, wir seien keine Touristen. Im Kaufhaus sehe ich ein rechteckiges rosafarbenes Kästchen, darin eine kleine Schere, Kleber und Lineal, alles in dem gleichen Rosa. Meine Mutter will es mir nicht kaufen, aber ich muss es haben und stecke es ein. Als meine Mutter es in der U-Bahn unter meinem Pullover entdeckt, schimpft sie mich vor allen Leuten aus und wir fahren zurück, um meine Beute zu bezahlen.
Einmal kommen wir aus der Stadt und meine Mutter hat plötzlich Mühe zu laufen, sie hat einen Hexenschuss. Beim U-Bahn-Ausgang bittet sie mich auf der Treppe, sie von hinten zu schieben, so habe sie weniger Schmerzen. Stattdessen laufe ich ein paar Stufen vor, meine Mutter bleibt unten stehen und sieht mich verärgert an. Ich hasse sie in diesem Augenblick, ich bin mir sicher, alle starren uns an.
In Rekordzeit macht meine Großmutter Gesine eine lange Tafel zurecht, mit allen Schikanen. Sie wirft die steifen, rechteckig gefalteten Tischdecken entschlossen in die Luft, genau mit dem richtigen Maß an Schwung, sodass sich der Stoff im Flug aufspannt und in der richtigen Position auf dem langen Tisch landet. Zuerst die dickere weiße Unterdecke, die Flecken aufsaugt, dann eine aus feinerem Stoff, Leinen in Waldgrün, Zitronengelb oder Himbeerrot. Ich versuche mit der Hand die Linien, die von der Faltung bleiben, glattzustreichen, sie sollen verschwinden, und wundere mich gleichzeitig darüber, wie sauber der Stoff ist, die Bratensoße hat über die Jahre nirgendwo bleibende Flecken hinterlassen. Die Regeln bei Tisch atmen wir von klein auf ein: die Stoffserviette, die bestickt ist mit den verschlungenen Initialen meiner Großeltern, aus dem gravierten Silberring nehmen und auf den Schoß legen, einen guten Appetit wünschen und erst mit dem Essen beginnen, wenn alle etwas haben. Die Servietten sind so glatt und hübsch, dass ich es schade finde, sie zu verwenden, nach dem Essen bleiben sie wie zerstört zurück. Das große geschwungene Silber liegt mir schwer in der Hand, erneut blicken mich die Initialen meiner Großeltern an. Aki, Kenta, heute seid ihr mit dem Abwasch dran, sagt mein Vater und geht schon mal vor in die Küche. Kommt jetzt bitte abtrocknen, ruft er etwas später, weil wir immer noch nicht da sind. Widerwillig nehme ich mir ein Geschirrtuch und überlege, während ich die Silbermesser poliere, ob ich meinen Großvater Ludwig jemals in der Küche gesehen habe. Die Silbermesser, wurde uns eingebläut, dürfen auf gar keinen Fall in die Spülmaschine. Das Silber wird in einer Kommode aus Kirschholz im Esszimmer aufbewahrt, in niedrigen, mit dunkelgrünem Samt ausgekleideten Schubladen. Ordentlich sortiere ich das Besteck in die für sie vorgesehenen Rillen ein. Die Messer sehen aus wie kleine Soldaten. Wenn ich lange bei meinen deutschen Großeltern bin, kommt mir das normale Besteck in der Küchenschublade meiner Mutter danach lächerlich leicht und unwürdig vor.
*
Als ich meine Großmutter Yasuko das letzte Mal gesehen habe, vor über sechs Jahren, saß sie an einem großen Tisch, um sie herum viele andere uralte Menschen. Yasuko blickte auf, als wir kamen, lächelte mich an, mit ihrem zahnlosen Mund. Um den Hals trug sie ihr Omamori. Akemi hatte sie auf unsere Begegnung vorbereitet, ihr Fotos von uns gezeigt. Yasuko wusste, dass ich ihre Enkelin aus Deutschland war mit ihrem kleinen Urenkel auf dem Arm. Sie war noch schwerhöriger geworden und ich musste laut sprechen, damit sie mich verstand, ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte, in meinem nicht mitgewachsenen Japanisch. Alle bestaunten uns. Yasuko teilte sich ein kleines Zimmer mit drei anderen Frauen. Sie war froh darüber, allein wollte sie nicht sein. Sie saß im Rollstuhl und verließ das Heim nie, ihre Welt bestand aus nur zwei Räumen. Als wir Yasuko wenige Tage später erneut im Heim besuchen wollten, ergriff mich in ihrem alten vertrauten Zimmer über der Stiege eine so große Schwermut, dass ich am liebsten ins Flugzeug gestiegen und nach Hause geflogen wäre, zu Felix. Ich musste heftig weinen, legte mich zu meinem kleinen Sohn und verschlief mit ihm den Nachmittag. Am nächsten Tag sagte meine Großmutter, sie habe auf uns gewartet, und ich schämte mich, dass wir ihr nicht einmal abgesagt hatten. Beim Abschied stand ich vor ihr und wusste nicht, ob wir uns jemals wiedersehen würden.
Meine Mutter verbringt ihr Leben mittlerweile fast ausschließlich ruhend, die Hände vor dem Gesicht, ihr Omamori um den Hals. Sie schläft und schläft und liegt und liegt, ihr Tag beginnt einfach nicht. Sie isst kein Frühstück mehr, macht sich allein nicht einmal mehr einen heißen Tee. Um etwas Abwechslung vom Bett zu haben, legt sie sich tagsüber auf den Boden, auf ein paar zusammengeschobene Zabuton. Sie steht erst auf, wenn sie runter in den Speiseraum zum Mittagessen muss, es ist, wenn sie nicht bei uns oder mit Kenta im Restaurant zu Abend isst, ihre einzige richtige Mahlzeit am Tag. Es rührt mich, dass sie sich noch nie über das Kantinenessen beschwert hat. Nach dem Essen legt sie sich wieder hin, um auszuruhen. Ihre beste Zeit hat meine Mutter am Abend. Sie liegt dann im Bett oder sitzt in einem kleinen Ohrensessel und liest, manchmal bis zwei Uhr morgens. Auf dem Boden neben ihrem Bett stapeln sich die Bücher, sie klemmen in der Ritze zwischen Matratze und Wand, meine Mutter liegt und schläft direkt an ihrer Seite. Manchmal, wenn ich sie spätabends mit schlechtem Gewissen anrufe, weil ich es nicht geschafft habe, sie zu holen, sagt sie, Aki, ich möchte heute gar nicht mehr raus, ich lese gerade. Wenn ich ihr Bücher auf Japanisch besorge, fragt sie, warum ich das gekauft habe, sie könne doch genauso gut auf Deutsch lesen. Und es stimmt, dass sie sogar japanische Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto immer auf Deutsch gelesen hat. Sie lebt schon so lange in Deutschland, dass sie auf Japanisch viele Ausdrücke nicht mehr richtig weiß. Oft muss sie lange überlegen, wenn ich sie nach einem Wort frage. Windel heiße Oshime, sagte sie mir vor meiner Reise nach Japan mit meinem kleinen Sohn, und als ich in einem Laden danach fragte, wurde ich belächelt. Oshime sind die alten Stoffwindeln.
Deine Mutter führt das Leben einer Katze, Aki, sagt Felix, es geht ihr dabei vermutlich nicht so schlecht, wie du immer glaubst.
Der Arzt befragt meine Mutter zu ihrer Gesundheit und den Krankheiten in ihrer Familie. Ich sitze schweigend daneben und bete, dass er nicht merkt, wie vergesslich sie bereits ist. Als er fragt, wie viele Kinder sie habe, hält meine Mutter länger inne, bevor sie antwortet, zwei. Das Gespräch geht über Japan, und ich komme aus dem Staunen nicht heraus, wie lange und gut meine Mutter sich ganz ohne mein Zutun unterhalten kann. Mit keiner Silbe erwähnt sie, wie kraftlos und inaktiv sie ihre Tage verbringt, ganz im Gegenteil gratuliert der Arzt ihr am Ende zu ihrer guten Gesundheit, keine Operationen, keine Schmerzen, das sei doch bemerkenswert, nur ein bisschen mehr Bewegung verordnet er ihr. Als wir wieder auf der Straße stehen, fragt meine Mutter, das unterschriebene und gestempelte Dokument in der Hand, was eine Patientenverfügung denn überhaupt sei, und als wir zu Hause ankommen, hat sie den Besuch beim Arzt schon ganz vergessen. Als ich meiner Freundin Vera davon erzähle, wie seltsam es für mich war, meine Mutter so viel reden zu hören, lacht sie und sagt, deine Mutter hat bei mir früher auch immer geplappert wie ein Wasserfall.
