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Weg von bundesweiten Inzidenzwerten und Infektionszahlen geht es auf eine Reise in verschiedene Alltagssituationen im Corona Jahr 2020. Wir erleben Franz, der im Altenheim von der Pflegerin Marianne versorgt wird, Helmut, der seine Gastronomie schließen muss und die Schüler, Marten und Keno, die wieder eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben. Sie alle sind nur einige der Protagnisten, die uns in ihr Leben schauen lassen und uns so auffordern wollen, über all das nachzudenken, was auch in Krisenzeiten zählt, was wir uns bewahren und worauf wir achten müssen. Denn es geht um so viel mehr, als um ein Virus. Es geht um uns.
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Reiner Brinkmann
"Opa, wann ist Corona vorbei?"
Szenen aus einer ostfriesischen Kleinstadt, die überall sein könnte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
001.1
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001.3
001.4
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Epilog
Impressum neobooks
In einer Krise fängt man oft mit den Problemen an, die sich einem aufdrängen. Sie wollen zunächst beachtet werden. Sie lassen einen nicht in Ruhe, bis man sich endlich den Quälgeistern zuwendet. So wird in diesem ersten Band der Finger in die Wunde gelegt. Dabei soll es nicht bleiben. Es gibt auch Hoffnungsschimmer als Begleiterscheinungen der Corona Krise. Abnehmende Umweltbelastung, ein blauer, streifenloser Himmel, Delphine im Canale Grande in Venedig. Es gibt gedankliche Rückbesinnung und Fragen: „Wieviel Konsum tut uns gut? Was bedeutet in dieser Zeit Familie? Welche Hoffnungen schauen hervor unter dem großen Vorhang der Krise?" Es geht nicht um Schuldzuweisungen, Voranstellen von Lösungsvorschlägen oder Polarisierung. Es geht auf eine Reise in Alltagssituationen im Corona Jahr 2020. Franz, der im Altenheim von der Pflegerin Marianne versorgt wird, Helmut, der seine Gastronomie schließen muss und die Schüler, Marten und Keno, die wieder eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben. Sie alle sind nur einige der Protagnisten, die uns in ihr Leben schauen lassen und uns so auffordern wollen, über all das nachzudenken, was auch in Krisenzeiten zählt, was wir uns bewahren und worauf wir achten müssen. Denn es geht um so viel mehr, als um ein Virus. Es geht um uns.
Reiner Brinkmann
Impressum
Texte: © Copyright by Reiner BrinkmannUmschlag: © Copyright by Jan-Ubbo BrinkmannVerlag: Reiner Brinkmann
Rathausstraße 4a, 26789 [email protected]
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in German
„für unsere Kinder“
In einer Krise fängt man oft mit den Problemen an, die sich einem aufdrängen. Sie wollen zunächst beachtet werden. Sie lassen einen nicht in Ruhe, bis man sich endlich den Quälgeistern zuwendet. So werde ich denn in diesem ersten Band den Finger in die Wunde legen. Dabei soll es nicht bleiben. Es gibt auch Hoffnungsschimmer als Begleiterscheinungen der Krise. Abnehmende Umweltbelastung, ein blauer, streifenloser Himmel, Delphine im Canale Grande in Venedig. Es gibt gedankliche Rückbesinnung und Fragen: „Wieviel Konsum tut uns gut? Was bedeutet in dieser Zeit Familie? Welche Hoffnungen schauen hervor unter dem großen Vorhang der Corona Krise?" Auch davon sollen meine Protagonisten später noch erzählen.Doch zunächst geht es mir um eine Sammlung, eine Bestandsaufnahme. Es geht mir auf keinen Fall um Schuldzuweisungen, Voranstellen von Lösungsvorschlägen oder Polarisierung. In der Beschreibung der einzelnen Szenen soll sich am Ende Gegensätzliches wiederfinden, um eine lebendige, vielseitige und tolerante Diskussionskultur zu erhalten. Das Schreiben gibt mir die Kraft, meinen Gefühlen Ausdruck zu geben, diese Gefühle in Worte zu kleiden und an andere weiterzugeben. Nachdem wir Fakten, Meldungen, Nachrichten, Einschätzungen und Vorschriften durch Fernsehen, Radio, Internet und Zeitung über Monate in uns aufgenommen haben, die immerzu in uns rumoren, geht es am Ende des Tages um die Gefühle, die in unseren Herzen übrigbleiben und jeden Einzelnen von uns letztendlich entscheiden lassen, was für ihn in dieser undurchsichtigen Zeit das Richtige ist. Reiner Brinkmann, Dezember 2020
Der Fernseher fühlt sich kalt an.Der Laptop fühlt sich kalt an. Ich habe ihn gestern umarmt. „Opa, was machst du da", hört Franz Kristine noch kichern. Es muss komisch für sie in der Webcam ausgesehen haben, mein Pullovermuster. Meine Tränen hat sie zum Glück nicht gesehen. ☆Marianne zögert. Ihre Hand liegt schon auf der kalten Alutürklinke, bereit in das Zimmer zu treten. Sie sieht den Flur hinunter, kein Mensch. Der Zeigefinger ihrer Hand schiebt sich unter den an ihrem Ohr befestigten Gummizug ihrer Mund-Nasen-Bedeckung. Unschlüssig, die Maske zu entfernen. Sie darf es nicht tun. Es ist verboten. Es kann sie ihren Job kosten nach fünfunddreißig Jahren. Aber wieso? Franz kommt nicht aus seinem Zimmer heraus. Alle Mahlzeiten bringt sie ihm. Sein Toilettengang, seine Körperpflege - alles geschieht in seinem Zimmer. Er würde keine Infektion weitertragen. „Unverantwortlich. Unverantwortlich.“ Die Worte hämmern in ihrem Kopf. Und dann sieht sie ihn. Er erscheint in ihren Gedanken, sein Gesicht, seine traurigen Augen, seit 7 Monaten. Franz sitzt am Fenster. Die regennasse Scheibe lässt das Bild verschwimmen. Er sieht nicht hinaus. Nicht wirklich. Schon lange nicht mehr. Stattdessen sieht er Gerd. Auch Auslieferungsfahrer, wie er es 26 Jahre lang war. Er sieht, wie Gerd im Auslieferungslager um fünf Uhr wie jeden Morgen mit einem breiten Lächeln im Gesicht auf ihn zukommt und ihn mit einem kräftigen Handschlag begrüßt. Franz fühlt ihn noch, diesen kräftigen, warmen Händedruck, der ihn durch manch schwierige berufliche Lebenslage getragen hat. Das wird ihm erst jetzt bewusst. Jetzt, wo er hier sitzt. Er hätte es ihm jetzt gern gesagt, diesen Händedruck noch einmal gefühlt. Sie haben Franz verabschiedet. Nach 26 Jahren Dienst standen sie morgens mit allen Auslieferungswagen vor seinem Haus. Einer nach dem anderen gratulierte ihm zum Ruhestand. Sie machten ein gemeinsames Foto. Franz in der Mitte. Und zuletzt kam Gerd, und ein letztes Mal spürte er seinen warmen, kräftigen Händedruck. Er erinnert sich an jede Falte seines breiten Lächelns. Nie hätte er geglaubt, dass sich dieser Moment, dieser Augenblick so tief in ihm eingraben würde. Jetzt war es ihm klar. Manches aus seinem Leben hätte Franz hergegeben, wenn es nun von ihm verlangt würde, manches, aber nicht diesen Moment.☆„Es darf nur einer hinein. Nur eine Bezugsperson aus der Familie", Cornelia bemüht sich um ein verständnisvolles Lächeln. „Es geht doch um seine Gesundheit". Verständnislos schaut Margret zurück. Kristine, die kleine Enkelin von Franz, zerrt an ihrer Hand. „Können wir jetzt zu Opa?" Margret ringt um Worte: „Aber sie ist doch ein Kind. Er hat sie seit Monaten nicht mehr gesehen. In seinem Alter kann jeder Tag der letzte sein. Er darf seine Enkelin nicht sehen? Er möchte es doch unbedingt. Er hat es uns gesagt." „Ich kann sie ja verstehen. Aber die Regelung ist so. Es geht auch um den Schutz der anderen." Cornelia hat ihr verständnisvolles Lächeln immer noch aufgesetzt. „Es ist doch nur zu seinem Besten", setzt sie nach. „Ist Opa krank?" Kristine hört auf zu zerren und blickt besorgt zu ihrer Mutter auf. „Nein, mein Kind", erwidert Margret und ringt um Fassung, „er ist eingesperrt."☆„Aber was machst du denn?" Manfred versucht sich Margret in den Weg zu stellen, die mit Möbelteilen beladen an ihm vorbeiläuft. „So geht das nicht. Er kann nicht zu uns. Wer soll sich kümmern. Wir arbeiten beide. Was ist denn in Dich gefahren? Er hat es doch gut." Jetzt bleibt sie stehen. „Er hat es gut?" Sie starrt ihn ungläubig an und lässt den Bücherstapel vor ihn auf den Boden krachen. „Deine beschissene Yuccapalme trägst du in der Wohnung umher. Suchst täglich einen neuen besseren Platz für sie aus und stehst nachts nochmal auf, wenn du vergessen hast, sie zu gießen. Vater ist eingesperrt in diesem Heim. Sie lassen uns nicht zu ihm. Uns, die engste Familie. Ich lasse ihn dort nicht verkümmern. Ich werde mich um ihn kümmern und keine Macht der Welt kann das
verhindern. Kümmere Du Dich um Deine Palme oder hilf mir." Sie steht jetzt ganz dicht vor ihm. Mit offenem Mund steht Manfred vor ihr, sieht die Tränen und die Verzweiflung in ihren Augen. Er macht einen kleinen Schritt auf sie zu, nimmt sie in den Arm, drückt sie an sich, fühlt ihre Wärme. „Was ist nur passiert mit unserer Welt. Ich verstehe nicht, was geschieht. Aber ob ich es verstehe oder nicht, ich helfe Dir."☆Ihre Hand liegt schon eine Weile auf der Türklinke. Sie fühlt sich jetzt schon nicht mehr so kalt an, erwärmt durch Mariannes Hand. Sie blickt den Flur hinab. Der hintere Teil verdunkelt sich automatisch. Bewegungsmelder, auch wieder so ein neuer Spartick der Heimleitung. Und dann weiß sie es. Mit sicherer Hand entfernt sie ihre Gesichtsmaske, die in ihrer Kitteltasche verschwindet. Sie öffnet die Tür und tritt in das Zimmer.Franz sitzt immer noch am Fenster. Inzwischen ist es draußen dunkel geworden. Er selbst und das erleuchtete Zimmer spiegeln sich in der Scheibe. Er hört, wie Marianne hereinkommt. „Abendessen, Franz, aber diesmal müssen Sie etwas mehr essen." Franz kennt den immer fröhlichen Ton ihrer Stimme. Er ist für ihn zu einer kleinen Sinfonie geworden, die ihn jedes Mal innerlich aufmuntert, wie das Vogelgezwitscher auf einem Waldspaziergang. Aber irgendwas ist anders. Es hört sich anders an. Irgendwie heller, lebendiger. Franz dreht sich ihr zu. Sie beugt sich zu ihm herunter und dann sieht er in ihr Gesicht. Die kleinen Fältchen in den Schläfen, lächelnde Augen, die Mundwinkel, die sich die Wangen hinaufziehen und ein warmes Lächeln freigeben. Ein Lächeln, das Franz seit Monaten nicht mehr gesehen hat und ihm einen Stich ins Herz gibt. Jetzt spürt er, wie sehr er es vermisst hat. Er spürt, wie seine Melancholie verfliegt, ergreift ihre Hand und sie lächeln einander zu wie zwei Verliebte. Nach einem kurzen Moment, der Franz wie eine Stunde vorkommt, löst sie sich, schüttelt das Bett auf, zieht die Vorhänge zu und ordnet die herumliegenden Kleidungsstücke. „Ich komme gleich wieder. Guten Appetit, Franz. Ach ja, Ihre Tochter kommt übrigens morgen. Sie hat sich auch bei der Heimleitung angemeldet." Franz blickt ihr erstaunt nach. Sie zwinkert ihm zu und verlässt den Raum. Während sie sich ihre Gesichtsmaske wieder aufsetzt, ist sie sicher, alles richtig gemacht zu haben. Franz sieht auf seinen Abendbrotteller vor sich. Heute wird er nichts übriglassen.
☆
Helmut löscht das Licht. Der Gastraum mit seinen großen Tischen, dem gemauerten Kamin und der erst kürzlich neu aufgebauten modernen Thekenanlage verdunkelt sich. Eigentlich wäre hier jetzt Hochbetrieb gewesen. Helmut sieht es innerlich vor sich. Die voll besetzten Tische mit üppigen Fleisch- und Gemüseplatten, gut gelaunte Gäste vor Wein und gezapftem Bier. Er hört das Gemurmel, Lachen, Gesprächsfetzen, das Klimpern von Besteck und Geschirr, eine Anweisung aus der Küche an die Kellner, das Summen des Bondruckers, alles vermischt zu einem Rauschen von Geselligkeit und Gastlichkeit. Das ist sein Leben seit 36 Jahren. Helmut hat den Betrieb damals gekauft, ist aus seinem sicheren Job bei der Stadtverwaltung ausgestiegen und hat sich selbstständig gemacht. Die ersten fünf Jahre war es ein Kampf ums Dasein.
Jeder Tag war Arbeit. Jeder Tag, nicht jeder Werktag, wirklich jeder Tag, vor allem Sonn- und Feiertage, die Hauptarbeitstage in der Gastronomie. Helmut geht durch die Flure dem Ausgang entgegen. Beim Empfangstresen neben der Garderobe fällt sein Blick auf das Reservierungsbuch. Jede Seite ist voll beschrieben. Jeder Tag ausgebucht. Zweitausend Euro hat er investiert, um das Hygienekonzept umzusetzen. Getrennte Ein- und Ausgänge waren schon vorhanden. Er hat alles erarbeitet, abgestimmt mit dem Landkreis und dem Gesundheitsamt. Was hat es genützt? Es ist aus! Sie haben ihm die Tür zugemacht. Berufsverbot. Helmut wendet sich um, geht durch die Küche in den Personalraum. Von dort führt auch eine Tür nach draußen. Sein Blick schweift durch den Raum über die Türen der Spinde mit den Namen seiner Angestellten. Eigentlich sind sie eine Familie. Die meisten sind mehr als fünf Jahre am Stück dabei. Einige schon zehn Jahre. Die meisten hat er auf Karte das ganze Jahr beschäftigt, obwohl vier Monate im Jahr Flaute ist. Doch die Überstunden der guten Monate hat sie immer durch die schwache Zeit gebracht. Ein gutes Konzept war das. Alle waren trotz Saisonbetrieb das ganze Jahr angestellt, bekamen ihr Geld in den Flautemonaten weiter, zahlten durchgehend Sozialversicherungsbeiträge, waren abgesichert. Erst mit diesem Konzept konnte auch so etwas wie eine Familie entstehen. Es wurde sein Motto: ‘Nimm deinen Leuten die Angst, gib ihnen Sicherheit, steh zu ihnen und sie stehen zu Dir‘. Helmut geht an den Spinden entlang. Sieht die Namensschilder. ‘Anna‘, sechs Jahre dabei, immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wurde, auch spontan, wenn es mal sein musste. Sie hat noch eine andere Arbeit und konnte nur als Aushilfe angestellt werden. Der Zuverdienst plus Trinkgeld war für ihre Familie das Salz in der Suppe. Das bisschen Extra, das sie hatten, um sich mal zu gönnen, was für andere selbstverständlich ist. Jetzt hat sie nichts. Kein Ersatz, keine Kurzarbeit, keine Entschädigung, nichts. Durch das System gefallen. Es ist nicht ihre Schuld. Berufsverbot. Sie sucht gerade nach einer Putzstelle, wie alle. Helmut geht der Tür entgegen. Viele seiner Festangestellten sind auf Kurzarbeit. Helmut stockt ihre Gehälter auf 90% auf, schließlich steht der Weihnachtsmonat vor der Tür. Da brauchen alle ihr Geld besonders. Ist wahrscheinlich von der Regierung noch keinem aufgefallen. Sein Blick fällt auf die letzten beiden Spinde. ‘Carola‘ und ‘Ines‘. Helmut fühlt, wie Wut in ihm aufsteigt. Er musste ihnen zum Jahresende kündigen. In den Flautemonaten des ersten Quartals kann er nicht für alle Angestellten Arbeitsbedarf nachweisen. Sie haben sonst ja immer von ihren Überstunden gezehrt. Also keine Kurzarbeit, es blieb nur die Kündigung. Das haben die beiden nicht verdient. Aber sie haben es verstanden, hingenommen. Sie wussten, dass es Helmut unendlich schwerfiel, ihnen das Papier zu überreichen. Es ist so ungerecht. Warum trifft es immer die Falschen? Helmut ballt die Hände zur Faust. Dann tritt er raus ins Freie, atmet die kühle Luft des Novemberabends tief ein, schließt ab und macht sich auf den Heimweg. Die Straße ist leer. Nur wenige sind unterwegs. Ein einsamer Fahrradfahrer kommt ihm auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegen. Er hat sein Gesicht mit einer Mund-Nasen-Bedeckung verhüllt, hebt seine Hand, grüßt und ruft ihm zu: „Bleib gesund". Helmut sieht ihm schweigend hinterher. Dann setzt er seinen Gang fort, entschlossen, zügig, will nur noch nach Hause. „Hallo Helmut", die Ansprache bremst ihn aus. Erwin und Amelie, ein befreundetes Ehepaar haben ihn erkannt. Erwin und Helmut haben beide damals bei der Stadtverwaltung gelernt. Erwin ist bei der Stadt geblieben und mittlerweile im Vorruhestand. „Wie geht's denn so?" Gemütlich schlendern beide Arm in Arm auf ihn zu. „Naja, es geht", gibt Helmut zurück. „Ist ja schlimm für Euch im Moment", sagt Amelie, „die ganze Sache. Wir haben einen Gang durch die Stadt gemacht. Ist nichts los. Irgendwie blöd". „Ich bin nur froh, dass ich Rentner bin", lässt Erwin raus, „mein Geld läuft ja weiter". Das stimmt, denkt Helmut. Die Solidarität mit der Risikogruppe der Alten zahlen andere. „Ich muss weiter, wünsche Euch noch einen schönen Abend", Helmut wendet sich ab. Schließlich hat er seine Wohnung erreicht. Erleichterung überkommt ihn, als die schwere Holztür hinter ihm ins Schloss fällt. Später, im Schein der Küchenlampe bei einem Glas Rotwein, sitzt Helmut vor seinem Abendbrot. Ihm geht das Bild nicht aus dem Kopf. Der vermummte Fahrradfahrer, der ihm zuruft: „Bleib gesund", „Bleib gesund". Helmut greift zu Zettel und Papier. Er muss es loswerden. Warum nicht ein Gedicht? Bleib gesundSo alt kann man scheint's nicht werden,als dass das Leben immer neu,was Du als wahr geglaubt auf Erden,vor Dir zermalmt wie Katzenstreu.
