Ordnung ohne Ort - Christoph Hauser - E-Book

Ordnung ohne Ort E-Book

Christoph Hauser

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Beschreibung

Die Diskussionen rund um die Digitalisierung pendeln zwischen riesigen Erwartungen und einer gewissen Ratlosigkeit. Wir erleben eine Zeit, in der sich unsere Ordnung im Sinne geschriebener und ungeschriebener Gesetze zunehmend aus geografischen Orten löst und in den Cyberspace verschiebt. Güter haben neue Eigenschaften, Arbeitsteilung wird neu organisiert, das Vertrauen in Verträge und Beziehungen erhält eine neue Bedeutung. Sukzessive verändert die Digitalisierung das Spiel und die Spielregeln. So auch bei der Führung von Unternehmen, bei Entscheiden von Konsumierenden oder in der Politik. In ökonomisch fundierter und gut nachvollziehbarer Argumentation zeigt Christoph Hauser die grundlegenden Verbindungen zwischen Digitalisierung, Regionalökonomie und institutioneller Ordnung auf und hilft so, die laufend gewonnenen Erkenntnisse über das Potenzial und die Folgen der Digitalisierung in einem grösseren Kontext einordnen zu können.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Christoph Hauser

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Institutionen und Regionalökonomie im digitalen Zeitalter

NZZ Libro

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2017 NZZ Libro, Neue Zürcher Zeitung AG, Zürich

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2017 (ISBN 978-3-03810-235-9)

Lektorat: Rainer Vollath, München

Titelgestaltung: icona basel, Basel

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-03810-301-1

www.nzz-libro.ch

Inhaltsverzeichnis

Vorwort und Dank

1Einführung

1.1Perspektiven dieses Buchs

1.2Die Begriffe «Digitalisierung», «Regionen» und «Institutionen»

1.3Gemeinsamkeiten der Regionen, der Institutionen und der Digitalisierung

1.4Wissensflüsse aufnehmen können

1.5Transaktionskosten im Griff haben

Teil I Digitalisierung, Regionen und Institutionen

2Digitalisierung

2.1Digitalisierung, Revolution durch Symbole

2.2Digitalisierung, nicht verpassen!

2.3Die drei E

2.4Selbstbeschleunigend

2.5Transaktionskosten und Geschäftsmodelle

2.6Digitale Inhalte

2.7Materielle Welt

2.8Nutzen statt Wertschöpfung

2.9Cyberspace als Institutionenraum

3Regionen

3.1Die Region ist, wo wir sind

3.2Standortfaktoren, überlebenswichtig!

3.3Regionalmanagement

3.4Regionale Wertschöpfung

3.5Wertschöpfung am Beispiel eines Busunternehmens

3.6Nutzen, mehr als Wertschöpfung

3.7Finanzielle Zu- und Abflüsse

3.8Strategien zur Förderung regionalen Wohlstands

3.9Regionale Innovationssysteme

4Institutionen

4.1Die Summe aller Regeln

4.2Es sind die Institutionen, du Dummkopf!

4.3Wirkung über Anreize

4.4Ersparnisse bei Transaktionskosten

4.5Institutionenrankings

4.6Institutionen sind nicht messbar

4.7Der Markt als zentrale Institution

4.8Effizienz und Gerechtigkeit

4.9Zur Entstehung von Institutionen

4.10Kosten und Nutzen, mehr als Geld

4.11Institutionen, ubiquitär

Teil II Wo Regionen, Institutionen und Digitalisierung zusammenkommen

5Güter

5.1Ausschlussprinzip

5.2Konsumrivalität

5.3Private und öffentliche Güter

5.4Welche Menge?

5.5Tragik der Allmende

5.6Mautgüter

5.7Einschlussprinzip

5.8Konsumallianz

5.9Diversität der Güter verstehen

6Arbeitsteilung

6.1Die arbeitsteilige Volkswirtschaft

6.2«Quo vadis, Arbeit?»

6.3Arbeitsteilung bis zum Mausklick

6.4Digitale Welt, ein Wilder Westen?

6.5Oder verschwindest du, Arbeit?

6.6Was arbeiten wir morgen?

6.7Mensch und Maschine, nicht oder

6.8Arbeitsteilung der Regionen

7Verträge

7.1Verträge in der institutionellen Ordnung

7.2Unvollständige Verträge

7.3Explizite Verträge

7.4Implizite Absicherung

7.5Vertrauensintermediäre

7.6Mit wem binde ich mich?

7.7Screening und Signalling

7.8Unser digitales Erscheinungsbild

7.9Moral Hazard

7.10Smart Contracting

7.11Blockchain und der Eiermann

7.12Blockchain braucht … Institutionen

8Unternehmensnetzwerke

8.1Warum gibt es noch Unternehmungen?

8.2Hierarchie und Markt im Gleichgewicht

8.3Wer senkt Transaktionskosten besser?

8.4Unternehmen ohne Führung?

8.5Wo sind diese Unternehmen nun eigentlich?

8.6Systeme oder Führung?

8.7Weites Unternehmensnetzwerk – nach aussen eine Einheit

9Präferenzen

9.1Wem vertrauen wir unsere Präferenzen an?

9.2Sichtbar, also diskriminierbar

9.3Wollen wollen, die Metapräferenzen

9.4Filterblasen

9.5Digitaler Kunstrasen

10Selbstbindung

10.1Örtliche Nähe als Restriktion als Institution

10.2Sorry, I don’t skype

10.3Politik in einer Gebietskörperschaft

10.4Warum denn überhaupt eine Politik?

10.5Herausforderung Verteilung

10.6Die Sicherheit und der Leviathan

10.7Widerspruch oder Abwanderung

10.8Bitnation: Abwanderung ohne Wanderung

11Perspektiven

11.1Digitalisierung als Wirtschaftsraum gestalten

11.2Auf Transparenz bestehen!

11.3Regionen als Lebensraum gestalten

11.4Auf Kompetenzen bestehen!

11.5Institutionen für die Zukunft gestalten

11.6Auf Legitimierung bestehen!

11.7Debatte jetzt, nicht später führen

12Literatur

Anmerkung

Der Autor

Vorwort und Dank

Dieses Buch wurde durch seine Entstehungsgeschichte mitgeprägt. Der Hauptteil dieses Textes entstand während eines Sabbaticals, das ich im Frühling 2016 nehmen konnte. Sabbaticals sind für Fachhochschulprofessoren, die normalerweise von Unterricht, Terminen und Projekten getrieben sind, eine wunderbare Möglichkeit, um tiefer in ein Thema einzutauchen. Die sechs Monate Freiheit von Büropräsenz, Unterrichtsverpflichtung und Tagesgeschäft habe ich genutzt, um mit meinem Computer unter dem Arm einige Tage lang an unterschiedlichen Orten zu arbeiten. Mit Vorliebe waren das Orte, an denen ich auf unterschiedliche Unternehmerinnen und Unternehmer treffen konnte. Es waren zum Beispiel der Technopark Luzern, der Co-Working-Space in einem stillgelegten Hallenbad oder in einer Marketingagentur sowie viele andere Orte und Büros. So ganz nebenbei ergaben sich dabei immer wieder Gespräche zu den Thesen in diesem Buch. Ich werde diese Erkenntnisse und Beispiele hin und wieder erwähnen. Es ist nämlich sehr aufschlussreich, arbeitende Menschen zu fragen, was für sie Orte, Regeln und Technologien in ihrer täglichen Arbeit bedeuten. Es fliessen indirekt auch Ideen von Studierenden sowie von Kolleginnen und Kollegen der Hochschule Luzern in den Text ein, mit denen ich in den vergangenen Jahren in Projekten der anwendungsorientierten Forschung und Entwicklung zusammengearbeitet habe. Prägend für das Buch ist jedoch vor allem das halbe Jahr, das ich als digitalisierter Arbeitsnomade verbracht habe. Das war nicht nur, aber doch auch vorwiegend in der Zentralschweiz. Ich lasse, passend zu dem Buch, diese regionale Tendenz hin und wieder durchscheinen.

Alleine und ohne geeignete Rahmenbedingungen hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Ein grosser Dank geht an die Hochschule Luzern, die mir ein halbes Jahr lang den Rücken freigehalten und so dieses Buch überhaupt erst ermöglicht hat. Wertvoll waren für mich zahlreiche Kontakte mit Gesprächspartnern und Türöffnern. Stellvertretend und besonders erwähnen möchte ich Hansruedi Lingg vom Technopark Luzern und Charles Coe von der North Carolina State University. Wichtigen Input zu diesem Text erhielt ich von Ursula Sury, Juristin am Departement für Informatik der Hochschule Luzern, von Willy Küchler, Innovationsberater und Regionalentwickler, und von Ökonomen unserer Hochschule, darunter der Regionalökonom Stephan Käppeli sowie Andreas Brandenberg. Letzterer ist zugleich Leiter des interdisziplinären Schwerpunkts Datenwelten der Hochschule Luzern. Hier kommen die verschiedensten Disziplinen der ganzen Hochschule, von der Architektur bis hin zur Musik und von der sozialen Arbeit bis hin zum Design zusammen. Der interdisziplinäre Schwerpunkt Datenwelten erforscht die Wertschöpfung durch Big Data. Aus diesem Umfeld habe ich viele wichtige Impulse erhalten.

Im digitalen Zeitalter ist meine Familie für mich der schönste und wichtigste Rückhalt. Darum widme ich dieses Buch meiner wunderbaren Frau Judith sowie meinen drei Söhnen Jonathan, Lionel und Ramon. Den Kindern gehört die Zukunft. Ich hoffe, dieses Buch kann etwas Positives für unsere Zukunft beitragen.

Christoph Hauser, November 2016

Möchten Sie zu diesem Buch einen Kommentar schreiben? Haben Sie ein Thema, das Sie diskutieren möchten? Dann besuchen Sie meinen Blog zu diesem Buch:

http://blog.hslu.ch/ordnungohneort/

1  Einführung

Wir leben in einer sehr spannenden Zeit. Die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt ist weit fortgeschritten, doch längst nicht abgeschlossen. Vielmehr entwickelt sie sich in grossem Tempo weiter. Es ist selbst für Fachpersonen der Informatik nicht einfach, den Überblick über die neuesten Entwicklungen zu bewahren. Das Stichwort «vierte industrielle Revolution» wird in den Medien und in manchen Sitzungszimmern zunehmend unüberhörbar. «Revolution» ist ein grosses Wort. Es wird erwartet, dass viele Geschäftsmodelle in zehn Jahren völlig anders funktionieren werden als noch in dem Jahr, in dem diese Zeilen geschrieben wurden. Grosse wirtschaftliche Umwälzungen haben in der Vergangenheit die Wirtschaftsgeografie dynamisch beeinflusst. Die Digitalisierung dürfte auch in den regionalen Wirtschaften ihre Spuren hinterlassen.

1.1  Perspektiven dieses Buchs

Blickt man vom Jahr 2017 elf Jahre zurück, dann zeigt sich in Ihrer (Hosen-)Tasche, wie schnell sich die Digitalisierung entwickelt hat. Das Smartphone gab es 2006 noch nicht, und kaum jemand hat sich im Jahr 2006 vorgestellt, dass hierzulande dereinst praktisch alle Menschen mit so einem Gerät in der Tasche herumlaufen würden, das mindestens so rechenstark und vielseitig ist wie ein damaliger PC (Mazzucato, 2015, S. 89). Hardware und Software entwickeln sich derweil weiter. Dieses Buch geht den Auswirkungen auf die Wirtschaft nach, speziell auch in räumlichen Dimensionen. Damit diese Verknüpfung gelingt, basieren die Überlegungen auf praktischen Theorien, und zwar vorwiegend aus jenem Bereich der Ökonomie, der sein Auge auf die Rolle der Spielregeln und der Transaktionskosten wirft. Die Anwendung dieser sogenannten neuen Institutionenökonomie wird uns die Wechselwirkungen zwischen den geografischen und den virtuellen Räumen aufzeigen. Wir werden sehen, wie die Regionen und die Digitalisierung in einer Hinsicht in Ergänzung, in anderer Hinsicht aber auch in Konkurrenz zueinander stehen, da beide das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenleben ordnen und so massgeblich beeinflussen. In letzter Konsequenz bedeutet Digitalisierung, dass sich die Institutionen und damit die Ordnung insgesamt langsam, aber sicher aus ihren örtlichen Verankerungen lösen und sich in den sogenannten Cyberspace verlagern. Ordnung ohne Ort. Diese Verschiebung ist in der Geschichte der Menschheit neu.

Voraussagen in die Zukunft sind immer ein heikles und umfangreiches Unterfangen. Das ist im Fall der Digitalisierung nicht anders. Einerseits ist mit simplen Hochrechnungen Vorsicht geboten, andererseits muss klar sein, auf welchen Grundlagen man eine Prognose wagt. So werden in diesem Buch drei Perspektiven miteinander verknüpft. Erstens die erwähnte Digitalisierung; zweitens die Perspektive der Institutionen im Sinne der geschriebenen und ungeschriebenen Spielregeln, so wie sie auf den verschiedensten Ebenen des menschlichen Zusammenlebens existieren. Die dritte Perspektive ist die des geografischen Orts im Sinne einer Region. All dies soll mit mehrheitlich ökonomischen Ansätzen betrachtet werden. Das bedeutet auch, dass ökonomische Modelle zum Einsatz kommen. Modelle vereinfachen die Welt in vielen Punkten und vermögen dadurch, gewisse Zusammenhänge sichtbar zu machen, die man sonst nicht erkennen könnte. Diese Werkzeuge der Erkenntnis sind sicher nützlich, wenn man drei solch umfassende Themen wie die Digitalisierung, die Institutionen und die Regionen in einen Kontext bringen möchte. Aber keine Angst, es gibt weder mathematische Kurvendiskussionen noch algebraische Umformungen. Es wird stets der praktische Kern einer Theorie gebraucht.

Mit der Gegenüberstellung von regionalen Orten und der Digitalisierung öffnet sich die spannende Fragestellung, ob die räumliche Distanz für das wirtschaftliche und soziale Zusammenleben in Zukunft eine andere Bedeutung haben wird als heute. Unter Fachleuten ist es derzeit umstritten, ob die Wichtigkeit, wo man wohnt und arbeitet, in Zukunft abnehmen oder sogar noch zunehmen wird. Beide Seiten haben gute Argumente, und vielleicht haben auch beide im Sinne des sogenannten Globalisierungsparadoxons recht. Dieses lautet: «Die Distanz mag zwar tot sein, das Bedürfnis nach räumlicher Nähe aber nicht» (Cernavin et al., 2005, S. 23). Konkret könnte das bedeuten, dass im beruflichen Leben die Distanz keine Rolle mehr spielt, während im Privaten menschliche Nähe umso wichtiger wird.

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile. Der erste führt in das Thema mit je einem eigenen Kapitel zur Digitalisierung, zu den Regionen und zu den Institutionen ein. Als Klammerbegriffe für diese drei einführenden Kapitel spielen die Stichwörter «Netzwerke», «Wertschöpfung», «Transaktionskosten» und «Wissensflüsse» eine wichtige Rolle. Im zweiten Teil werden die Verbindungen zwischen den Regionen, den Institutionen und der Digitalisierung anhand verschiedener Themen vertieft. Güter, Arbeitsteilung, Verträge und Unternehmensnetzwerke sind die Stichwörter, mit denen sich wichtige Querbezüge zwischen der Digitalisierung, den Institutionen und den Regionen herstellen lassen. Die Präferenzen und Selbstbindungen von Menschen sind in weiteren Kapiteln abgehandelt, um zum Schluss einige zusammenfassende und weiterführende Perspektiven darzulegen.

Bereits im ersten Hauptteil werden immer wieder Modelle mit Beispielen verknüpft, die hauptsächlich aus der Ökonomie stammen, und hier hauptsächlich aus der neuen Institutionenökonomie, aus der neuen politischen Ökonomie, aus der Regionalökonomie sowie aus der Verhaltensökonomie. Die Modelle sollen nicht Selbstzweck sein, sondern Werkzeuge, mit denen das ökonomische Denken nachvollzogen werden kann. Daher wird jedes Modell nur so weit erklärt, wie es gebraucht wird. Zudem ist die Erklärung jeweils kurz gehalten. Für weiterführende, technische Erklärungen von Modellen und Theorien an sich ist dieses Buch nicht gedacht. Entsprechende Literatur ist zitiert, so sieht man, aus welcher Richtung die jeweiligen Überlegungen kommen (und dass es noch andere gibt, die das Argument schon verwendet haben).

1.2  Die Begriffe «Digitalisierung», «Regionen» und «Institutionen»

Eigentlich wünschte ich mir, die nächsten drei Kapitel könnten parallel gelesen werden, da die These hier ist, dass sie alle miteinander verknüpft sind. Doch ein Buch verläuft – im Gegensatz zu der Lektüre von Websites oder Gratiszeitungen – linear. Daher diese kurze Einführung zu den drei Begriffen «Digitalisierung», «Regionen» und «Institutionen».

Es gibt vielfältige neue digitale Technologien. Im Verhältnis zur Geschichte der Menschheit sind diese Technologien noch sehr jung und entwickeln sich überaus rasch. Bei der Digitalisierung sind diese Technologien mit gemeint. Die Auswirkungen dieser digitalen Technologien auf unseren individuellen Alltag und auf unser Zusammenleben sind aber zentral. Die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und Politik sowie auf unsere Wahrnehmung und Kommunikation sind tief greifend genug, um den starken Begriff des «digitalen Zeitalters» zu verwenden.

In diesem Buch wird die Digitalisierung speziell auch unter Berücksichtigung des geografischen Orts betrachtet. Ort, verstanden als geografischer Raum, innerhalb dessen sich unser Alltag abspielt. Also wo wir zur Arbeit gehen, einkaufen, unsere Freunde treffen und wo wir politische Entscheidungen fällen. Diese funktional relevanten Orte nennen wir auch Region. Regionen machen an politischen Grenzen nur bedingt halt, sie entstehen vielmehr durch das tatsächliche Leben.

Der Begriff «Institution» wird in diesem Buch als handlungsanleitende Spielregel verstanden. Ob eine Spielregel als Gesetz oder als Hausordnung schriftlich vorliegt oder ob sie als Gewohnheit oder als soziale Norm das Handeln von Menschen beeinflusst, ist dabei nicht entscheidend. Institutionen können für uns Menschen einschränkend sein, weil sie gewisse Dinge verbieten und andere gebieten: Schuhe gehören nicht auf das Polster! Einkommen ist zu versteuern! Wir haben daher manchmal ein ambivalentes Verhältnis zu den Institutionen. Im Einzelnen stören sie uns, wir empfinden uns in unserer Freiheit eingeschränkt. Im Ganzen aber sind Institutionen die Voraussetzung für ein friedliches, produktives und gerechtes Zusammenleben. Die Summe all dieser Institutionen ist die Ordnung.

1.3  Gemeinsamkeiten der Regionen, der Institutionen und der Digitalisierung

Im zweiten, dritten und vierten Kapitel werden die Digitalisierung, die Regionen und die Institutionen noch detaillierter eingeführt. Die Begriffe sind in der wissenschaftlichen Literatur ein grosses Thema und füllen ganze Bücherregale. Sie werden leider nicht allzu oft zusammen verwendet, vor allem nicht alle drei gemeinsam. Hier soll das vorliegende Buch eine Lücke füllen. Nein, mehr noch: Es soll eine Chance für ergiebige Erkenntnisse aufzeigen.

Bevor man Unterschiedliches miteinander verbindet, soll klar sein, was mit dem Einzelnen gemeint ist. Dies ist die Absicht der nächsten drei Kapitel. Es wird aber nicht nur bei der Definition bleiben, sondern es wird auch beschrieben werden, warum es sich bei der Digitalisierung, bei den Regionen und bei den Institutionen jeweils um etwas Wichtiges handelt. Auch wenn die drei Perspektiven in den nächsten drei Kapiteln zunächst nacheinander abgehandelt werden, so wird dabei zunehmend deutlich, dass in Bezug auf die jeweiligen Funktionen Parallelen bestehen, die die Regionen, die Institutionen und die Digitalisierung für das Zusammenarbeiten erfüllen. Auf folgende drei Verbindungslinien können Sie bei der Lektüre der folgenden drei Kapitel achten:

Erstens haben sowohl die Regionen, die Institutionen als auch die Digitalisierung sehr viel mit Netzwerken und Investitionen in Ressourcen wie Zeit, Geld und Aufmerksamkeit in diese Netzwerke zu tun. In diesen Netzwerken gibt es unterschiedliche Anreizmuster und mehr oder weniger starke Gründe, damit sich die Akteure in den Netzwerken gegenseitig Vertrauen schenken, entweder über den Markt oder über bestimmte Verträge. Das durch Netzwerke legitimierte Vertrauen wird im gesamten Buch Thema bleiben. Jeder, der sich intensiver mit der Regionalökonomie, der neuen Institutionenökonomie oder auch der Digitalisierung auseinandersetzt, wird eine entscheidende Bedeutung der Netzwerke im jeweils angepassten Sinne beschreiben können. Ein Vergleich drängt sich hier fast auf.

Zweitens werden die drei Begriffe «Region», «Institution» und «Digitalisierung» sehr häufig in Zusammenhang mit der Wertschöpfung im engeren ökonomischen Sinne gebraucht. Sowohl der Digitalisierung, den Institutionen als auch den Regionen wird etwas grundlegend Ursächliches für die Wertschöpfung zugeschrieben. Immer kommt dabei aber auch die Frage auf, wo ein allgemeinerer Nutzenbegriff über die Wertschöpfung hinausgehen müsste. Ein Nutzenzuwachs jenseits der Wertschöpfung erklärt, warum das offizielle Wirtschaftswachstum im digitalen Zeitalter moderat bleibt.

Drittens: Sie können sich als Person weder den Regionen noch den Institutionen noch der Digitalisierung entziehen. Sie befinden sich immer an irgendeinem Ort. Es gibt immer Regeln. Die Digitalisierung kann man nicht ausschalten. Man müsste schon eine Existenz wie Robinson Crusoe im Nirgendwo fristen, wenn man sich all dem total verschliessen wollte. Für die ständige Begleitung gibt es ein schönes Fremdwort: Ort, Regeln und Cyberspace sind ubiquitär. Das erinnert an den jungen Fisch, der seine Mutter im Ozean schwimmend fragt: «Mama, wo ist eigentlich das Meer?» Dieses Buch will die drei Meere namens Regionen, Institutionen und Digitalisierung deutlicher sichtbar machen und aufzeigen, wie sie zu einem Weltmeer verbunden sind.

Das sind ja schon einige, vielleicht sogar überraschend viele Gemeinsamkeiten zwischen den Regionen, den Institutionen und der Digitalisierung. Eine der Folgerungen daraus wird sein, dass das eine das andere in seiner Funktion ergänzt oder ablöst. Wo und wie stark, das ist eine der spannenden Zukunftsfragen: Werden die Regionen im Zuge der Digitalisierung bedeutungsloser? Ruft die Digitalisierung nach neuen Institutionen? Erkennt man die Bedeutung von Institutionen für regionales Wirtschaftswachstum jetzt erst richtig, wo man dazu Big-Data-Analysen machen kann? Kann die Balance unserer Ordnung mit dem rasenden Tempo der Digitalisierung Schritt halten?

1.4  Wissensflüsse aufnehmen können

Es gibt bei der Analyse der Regionen, der Institutionen und der Digitalisierung noch eine andere Variante für einen gemeinsamen Nenner: Wissen als immaterieller Wert. Wissen macht Netzwerke aus, Wissen ist vielleicht die entscheidende Voraussetzung für Wertschöpfung, und: Wissen ist irgendwie doch immer da und nicht einzugrenzen, so wie das Meer für den kleinen Fisch.

Auch wenn es nicht immer so explizit gemacht wird: Es geht in diesem Buch stets um Wissen und um die Übertragung von Wissen, also um Wissensflüsse. Wissensflüsse sind ein wesentliches Geschehen, sowohl durch und in den Regionen, durch und in den Institutionen sowie durch und in der digitalisierten, virtuellen Welt. Überall wird die Weitergabe von Wissen erleichtert oder kanalisiert, überall gilt das Teilen und Erkennen von Wissen als fundamental, entscheidend für Erfolg und Nichterfolg. Dazu je drei kurze Beispiele:

Zu den Regionen: Ein bekanntes regionalökonomisches Muster ist die örtliche Konzentration von bestimmten Branchen. Diese Cluster können viele Unternehmen enthalten, die gemeinsam eine Weltelite bilden. Das Erfolgsrezept des berühmtesten Beispiels dazu, des Silicon Valley, ist in einem Satz erklärt: das dort angesammelte und gern geteilte Wissen über das Unternehmertum und über Hard- und Software. Diese Brutstätte vieler IT-Unternehmen nahe San Francisco beruht vor allem auf Wissen und Wissensflüssen.

Zu den Institutionen: Institutionen sind Spielregeln im weiteren Sinne. Hätte jeder Mensch auf Erden ohne Weiteres jedes Wissen sofort und absolut zuverlässig verfügbar, dann wären gewisse Institutionen gar nicht nötig. Ein Register der eingetragenen Aktiengesellschaften wird zum Beispiel nach bestimmten Regeln geführt, um allen einen zuverlässigen und berechenbaren Zugang zu diesen Daten zu gewährleisten. Eine friktionslose Welt, in der jede und jeder ohne Weiteres alles über alle Aktiengesellschaften wissen würde, bräuchte kein solches Register.

Zur Digitalisierung: Es liegt auf der Hand, dass die Digitalisierung mit Wissen und Wissensflüssen in Verbindung steht, und zwar so sehr, dass sich die Umstände der Wissensspeicherung, -verarbeitung und -übertragung im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung unserer Welt deutlich verändern. Was uns hierbei noch bevorsteht, ist ein spannendes Thema. Wie sich dies auf regionale Phänomene wie Branchencluster auswirkt oder was dies für Institutionen wie ein Register von Aktiengesellschaften heisst, das ist mindestens ebenso bedenkenswert.

Der Begriff «Wissen» wird in Verbindung mit sehr vielem und sehr gerne gebraucht. Der Begriff hat dabei eine schillernde, zuweilen (ironischerweise) unklare Bedeutung. Ohne zu sehr abschweifen zu wollen, lohnt es sich hier, die Begriffe «Wissen», «Information» und «Daten» zu unterscheiden.

Nehmen Sie an, Sie sitzen mit Ihrem Partner am Frühstückstisch, beide mit einem Teil der heutigen Zeitung in der Hand. Ihr Partner sagt: «Gestern war es in Caracas 31 Grad warm.» Dies ist nett zu wissen, und es ist nett von Ihrem Partner, dass er mit Ihnen das Gespräch sucht. Aber: Hätte es auf Ihr Verhalten einen Unterschied gemacht, wenn es in Caracas 34 Grad Celsius warm gewesen wäre? Falls dem nicht so ist – und dies ist der wahrscheinliche Fall –, dann ist 31 Grad in Caracas für Sie keine Information, sondern nur ein Datum. Die Temperaturangabe ist zwar korrekt mitgeteilt worden, aber nicht handlungsrelevant und daher nur Teil Ihrer nun verfügbaren Daten, aber keine Information (Luhmann, 1987, S. 102 ff.).

Anders liegt der Fall, wenn Sie mit Ihrem Partner eine Reise nach Südamerika planen. Gutes Wetter ist für die Wahl Ihres genauen Reiseziels ein nicht unwichtiger Faktor. Damit werden die Wetterdaten von Caracas zu einer Information, denn Sie stützen eine Handlung oder einen Entscheid zumindest teilweise darauf ab. Damit dies funktioniert, müssen Sie das Datum «31 Grad» auch richtig verstehen, also richtig einordnen können. Das gelingt bei einer Lufttemperaturangabe den meisten Menschen. Schon weniger selbstverständlich ist die Einordnung von «31 Grad und 97 Prozent Luftfeuchtigkeit». Die 31 Grad sind nämlich sehr viel besser zu ertragen, wenn die relative Luftfeuchtigkeit nur bei 50 Prozent liegt. Wenn Sie diesen Unterschied einmal bewusst erlebt haben, besitzen Sie das notwendige Kontextwissen, um mit dem Wetterdatum «97 Prozent Luftfeuchtigkeit» etwas anzufangen. Kontextwissen ist auch für Ihre Partnerschaft wichtig. Sie müssen wissen, ob Ihr Partner warmes Wetter mag oder nicht, damit Sie gemeinsam eine tolle Südamerikareise planen können (Watzlawick, 1990).

Wenn gesammelte Informationen einen Sinn ergeben, entsteht neues Wissen. Wissen ist also mehr als die Summe von Informationen. Wissen benötigt auch die Fähigkeit, verschiedene Informationen richtig zu kombinieren. Sie können sogar Wissen haben und die entsprechenden Informationen gar nicht mehr so genau im Einzelnen kennen. Die gleiche Information kann für verschiedene Empfänger etwas Unterschiedliches bedeuten. Man spricht auch von der Fähigkeit, Information zu absorbieren.

Der Zukunftsforscher Ray Kurzweil hat einmal gesagt, dass ein Kind in Afrika mit einem Smartphone und einem Internetanschluss heute zu mehr Informationen Zugang habe als der Präsident der Vereinigten Staaten im ausgehenden 20. Jahrhundert. Eigentlich müsste Kurzweil jedoch von Daten, nicht von Informationen sprechen, da wahrscheinlich nur ein Bruchteil der zugänglichen Daten für ein afrikanisches Durchschnittskind handlungs- oder entscheidungsrelevant ist. Und wenn diesem Kind das Kontextwissen und die Fähigkeit zur sinnvollen Verknüpfung fehlen, dann schöpft dieses Kind aus dieser Datenflut auch kaum Wissen. Das Kind ist mit dieser Herausforderung nicht allein. Die Herausforderung, wie man aus Unmengen von Daten zu neuem, sinnvollem Wissen kommt, wird im Laufe der Zeit immer grösser. Ein Stichwort dazu ist «Big-Data-Analytics».

Man darf diesen Punkt nicht vergessen, wenn man über die Verbreitung von neuen Ideen, neuen Technologien und dergleichen in regionalen Wirtschaften diskutiert. In den Regionalwissenschaften wird die Verbreitung von Daten überschätzt und die regionale Fähigkeit, Informationen sinnvoll aufzunehmen, unterschätzt (Crevoisier, 2016). Heute können Daten an und für sich mühelos an praktisch jedem Ort der Erde abgezapft werden. Entscheidend ist, was man daraus macht. Die geschriebenen und ungeschriebenen Spielregeln einer Region spielen für solche Prozesse eine wichtige Rolle. Sie erkennen erneut die zentrale These dieses Buchs: Die Regionen, die Institutionen und die Digitalisierung gehören zusammen. Ihr Zusammenspiel verändert sich im Zuge der technologischen Entwicklung und im Zuge der Adaption der neuen Technologien durch die Menschen.

1.5  Transaktionskosten im Griff haben

«Transaktionskosten» ist ein weiterer Begriff, der in den folgenden drei Kapiteln verwendet wird. Transaktionskosten entstehen durch Tauschgeschäfte im weiteren Sinne; beispielsweise bei der Vorbereitung, Durchführung und Durchsetzung von Geschäftsabschlüssen. Man könnte hier vielleicht eine Nebensächlichkeit vermuten, doch nehmen Sie zur Veranschaulichung einmal das Beispiel eines Unternehmens, das einen Lieferanten für ein bestimmtes neues Bauteil braucht. In einem realistischen Szenario gibt es in diesem Unternehmen eine für den Einkauf verantwortliche Person, die sich zuerst einen Überblick über die Spezifikation des erforderlichen Bauteils einerseits und über potenzielle Lieferanten andererseits verschaffen muss. Sie wird dann mit einigen möglichen Lieferanten das Gespräch suchen und in Vertragsverhandlungen übergehen. In diesem Vertrag werden Modalitäten über die Eigenschaften des Bauteils, über die Lieferung, über die Bezahlung und über anderes mehr zu suchen und festzuhalten sein. Mit der Vertragsunterzeichnung ist es aber noch nicht fertig; es folgt die Phase der Vertragsumsetzung, in der vielleicht auch etwas Ungeplantes eintritt. Man wird sehen müssen, was das für die weitere Erfüllung des Vertrags bedeutet. Das Unternehmen und der Lieferant beobachten ihr Verhalten gegenseitig. Aufgrund ihrer Erfahrungen entscheidet sich, ob sich die Geschäftsbeziehung ausweitet oder auflöst und ob die Partner gegenüber Dritten Positives oder Negatives voneinander berichten usw. Es ist an dieser Stelle weder nötig noch möglich, das Anbahnen, das Fixieren und das Umsetzen einer Geschäftsbeziehung auf ein paar Zeilen allgemeingültig und der realen Komplexität entsprechend zu beschreiben. Der Punkt hier ist: Rund um die Transaktion des Bauteils vom Lieferanten an das Unternehmen entstehen vielfältige Kosten. Es sind dies alles Beispiele für Transaktionskosten, wie sie auf dem Markt entstehen. Es gibt auch bei ganz anderen Geschäftsfällen erhebliche Transaktionskosten, so zum Beispiel bei der Gründung eines neuen Unternehmens, bei der Suche und Anstellung von Mitarbeitenden, bei der Kommunikation mit Kreditgebern, beim politischen Lobbying und bei vielen anderen Geschäftstätigkeiten. Transaktionskosten sind die Kosten, die nicht mit der Produktion des Teils und der dazu notwendigen Logistik im engeren Sinne einhergehen. Sie sind in der Summe die Verwaltungskosten oder der Overhead der Volkswirtschaft. In einer Welt, in der alle alles wüssten und in der sich alle an alle Abmachungen halten würden, gäbe es kaum Transaktionskosten. Die Digitalisierung, die Nähe zu den Regionen sowie die Institutionen bieten Lösungsansätze, um Transaktionskosten so weit zu senken, dass Geschäftsabschlüsse überhaupt erst möglich werden. Dass Wissensflüsse erleichtert werden, ist dabei nur ein Teil. Es geht auch um Vertrauen und dessen Absicherung. Es ist in unserem Zusammenhang sehr bedeutsam festzuhalten, dass die Digitalisierung auch bei Letzterem eine immer wichtigere Rolle spielt.

Teil I Digitalisierung, Regionen und Institutionen

2  Digitalisierung

Die Informationstechnologie hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm entwickelt. Vieles, was für uns heute eine totale Selbstverständlichkeit ist, war einmal ein kleines Wunder. Im Jahr 1984 hatte ich als 13-Jähriger so viel Taschengeld zusammengespart, dass ich mir den damaligen Topheimcomputer, den Commodore 64, kaufen konnte. Er hiess so wegen seines 64-Kilobyte-Arbeitsspeichers. Für einen Monitor hatte mein Geld nicht mehr gereicht, aber man konnte das Gerät direkt am Fernseher anschliessen – damals ein Klotz von Röhrengerät, das tiefer als breit war. Der Moment, als ich das brotkastenförmige Ding in Betrieb nahm, hat sich tief in meinem Gedächtnis eingebrannt. Da hatte ich doch tatsächlich eine Tastatur vor mir, und alles, was ich hier schrieb, konnte ich auf dem Fernsehbildschirm sehen! Auf dem Fernseher konnte ich «Hallo, ich bin Christoph» schreiben! – Heute soll es Dreijährige geben, die ein gedrucktes Foto mit zwei sich spreizenden Fingern vergrössern wollen … Ich kann mich auch an die erste E-Mail erinnern, die ich sah. Das war 1989, geschrieben von einem IBM-Mitarbeiter in Raleigh, USA, und geschickt an einen Kollegen von IBM über ein damals noch IBM-spezifisches Übertragungsprotokoll. Die erste E-Mail, die ich selbst schrieb, war im Jahr 1999 eine Praktikumsanfrage nach Florida. Heute ist es ein Ereignis, wenn man einen Brief in Papierform verschickt. Ich kann mich an mein erstes Mobiltelefon im Jahr 2000 erinnern, ein schwerer Klotz mit einem Display für acht Ziffern. Heute schaut ein Durchschnittsbürger im Schnitt 88Mal pro Tag auf sein Smartphone (Markowetz, 2015).

2.1  Digitalisierung, Revolution durch Symbole

Es gibt unterschiedliche Begriffe, um die gegenwärtige rasche technische Entwicklung zu beschreiben. Einige sprechen von der «vierten industriellen Revolution» (Schwab, 2016), andere vom «zweiten Maschinenzeitalter» (Brynjolfsson/McAfee, 2014). Diese Begriffe sind etwas breiter gefasst, die Digitalisierung ist auch bei diesen beiden Konzepten im Kern jedoch enthalten. Ich spreche hier vor allem über die Digitalisierung, weil dieser Begriff die Eigenschaft aller neuen Trends hervorragend trifft. In den Kapiteln zu den Regionen und zu den Institutionen wird noch konkret beschrieben werden, wie wichtig das Wissen und die Weitergabe von Wissen in unserer Wirtschaft sind. Digitalisierung heisst, dass Wissen immer stärker digital verarbeitet wird. Wenn wir um die Bedeutung von Wissen wissen, wissen wir, dass Digitalisierung wichtig sein muss.

Der Begriff «Digitalisierung» stammt ursprünglich von dem lateinischen Wort «digitus», das Finger bedeutet. Es ist im Wesentlichen so zu verstehen, dass der Finger entweder zählt oder nicht. Finger oben oder Finger unten. Der Finger ist damit das Symbol für eine Null oder eine Eins. Auch wenn die wörtliche Übersetzung «Fingerisierung» mit unseren Fingern auf den Touchscreens eine reizvolle und nicht ganz unwichtige Bedeutung hat, so ist für die ökonomische Betrachtung der Digitalisierung doch die Zählbarkeit, die trennscharfe Unterscheidung zwischen ein und aus das Entscheidende. Die Digitalisierung geht mit Symbolen jeder Art um. Das ist perfekt zu messen, es ist immer klar: eine Eins oder eine Null. Die Messbarkeit ist bei der Analyse der Institutionen, teilweise auch der Regionen, wie wir in den folgenden Kapiteln noch sehen werden, ein Problem. Die Digitalisierung öffnet auch hier Tür und Tor zu neuen Messbarkeiten.

Die digitale Idee ist an sich nicht wirklich neu. Den Rechenschieber (auch Abakus genannt) gibt es zum Beispiel seit gut 3000Jahren. Es wurden aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg elektronische Komponenten erfunden, die eine schnelle und damit kostengünstige Verarbeitung digitaler Daten ermöglichten. Entscheidend war einerseits der Transistor, ein auf den halbleitenden Materialien Germanium oder Silizium basierender elektrischer Schalter, der sich seither laufend kleiner bauen liess. Und dann andererseits die Erfindung der integrierten Schaltkreise, wo viele dieser Schalter und vieles mehr in einem Bauteil zusammengefasst wurden. Es gelang und gelingt, diese Bauteile immer kleiner, raffinierter und günstiger herzustellen. Das Zählen, Speichern und Rechnen kostet fast nichts mehr. Es entsteht dadurch eine zunehmende ökonomische Kraft, möglichst viele Aufgaben auf digitalem Weg zu erledigen. Die Digitalisierung bietet sich als sehr günstiges Substitut an, was auch immer damit substituiert werden kann. Die Institutionen und Regionen sind davon grundsätzlich auch betroffen.

Eine herausragende Bedeutung haben heute das Internet und das World Wide Web (WWW). Achtung! Das sind nicht die gleichen Dinge. Das Internet gab es schon sehr lange vor dem World Wide Web. Das Internet ist ein Netz aus Netzwerken zwischen Computern. Wenn Sie so wollen, ist das Internet das Kabelnetz zwischen den Rechnern. Das frühe Internet war lange Zeit eine sperrige Angelegenheit, weil den Computern eine gemeinsame Sprache fehlte. Computer konnten nur über das Internet kommunizieren, wenn sie das gleiche Betriebssystem und eine gemeinsame Software hatten. Nur wenige Freaks hielten es vor dem World Wide Web der Mühe wert, Computer über das Internet zu verbinden. Das World Wide Web brachte dann diese gemeinsame Sprache mit den TCP/IP genannten Protokollen auf den Weg, auf denen weitere Sprachen aufgebaut sind, die bis heute das World Wide Web ausmachen (Friedman, 2006, S. 54 ff.). Als Erfinder des World Wide Web gilt der britische IT-Wissenschaftler Tim Berners-Lee. Er hatte am CERN, an der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf, einheitliche Datentransferprotokolle wie TCP/IP, HTTP und HTML entwickelt. In einer Rede im April 2015 unterstrich Berners-Lee einen Aspekt, der ihm rückblickend für seine Erfindung entscheidend erscheint: «… die Entwicklung, die das Web nahm, nachdem es erst einmal in der Welt war, beruht zu einem grossen, grossen Teil darauf, dass es sich um einen erlaubnisfreien Raum handelt. Niemand muss mich oder sonst jemanden um Erlaubnis fragen, um eine Seite ins Web zu stellen» (Berners-Lee, 2015, S. 69 f.). Das World Wide Web wurde zu dem, was es ist, weil es im institutionellen Sinne frei oder im Sinne der Kosten gratis war. Institutionen im Sinne der Spielregeln haben auch das World Wide Web vom ersten Tage an mitgeprägt.

Institutionell frei, aber geordnet: Berners-Lee erzählte auch von den gegenwärtig «harten Gefechten», um den gemeinsamen Standard zu verteidigen. Verschiedene private Unternehmen versuchten und versuchen immer wieder, eigene Standards (das heisst zum Beispiel spezifische HTML-Codes) durchzudrücken, um einen individuellen Konkurrenzvorteil zu erlangen (Berners-Lee, 2015, S. 71). Der Erfolg des World Wide Web von 1991 bis heute beruht auf geschickten Anreizen. Frei im Benutzen, aber reguliert bezüglich Standard. Das Motto war also nicht, so frei, wie es nur geht, sondern so offen und zugänglich, wie es geht. Das gilt auch für die Regulierung des World Wide Web selbst. Das World-Wide-Web-Konsortium W3C erhält die Webtechnologien standardisiert. Das W3C ist an sich eine Art Verein mit Mitgliedern aus der Wirtschaft, aus Non-Profit-Organisationen und aus staatlichen Gremien.

Das Internet, also die «Verkabelung», wurde dank der institutionalisierten Offenheit des World Wide Web mehr und mehr genutzt. Zwischen den Kontinenten gibt es enorme Bandbreiten. Verantwortlich dafür ist interessanterweise ein Blasenphänomen. Ende des vergangenen Jahrtausends entstand ein riesiger Hype um die Dotcoms. Ein grosser, plötzlicher Siegeszug des World Wide Web wurde erwartet. An sich ja nicht völlig grundlos, aber die Erwartungen von Investoren hüben und drüben hatten sich derart gegenseitig aufgepeitscht, dass der Bezug zur Wirklichkeit verloren ging. Das Motto lautete: Investiere ins Internet oder ins World Wide Web, was auch immer es ist, was auch immer es kostet. Eine Zeit lang konnte so etwas noch gutgehen, weil die Börsen tatsächlich steigende Aktienkurse meldeten und die Investoren in ihrem Investieren noch zusätzlich bestärkten. Die Erwartungen erfüllten sich aber selbst und verloren immer mehr den Bezug zur Realität. Eigentlich wusste man, dass sich selbst aufblähende, spekulative Blasen existieren können und dass es dabei immer nur eine Frage der Zeit sein muss, bis sie platzen würden (Aschinger, 1995).

Sie fragen sich jetzt vielleicht, was das mit der Vernetzung zu tun hat. Vor der Dotcomblase wurde nicht nur in Software investiert, die inzwischen zumeist überholt oder vergessen ist. Es wurde auch um den ganzen Globus herum massiv in die Glasfaserinfrastruktur investiert. Dieser Irrationalität verdanken wir es eigentlich, dass wir seither über hochleistungsfähige, weltumspannende Datenautobahnen verfügen (Friedman, 2006, S. 57 ff. und 106 ff.).

Ähnlich wichtig wie diese irrationalen Investoren war für viele Schlüsseltechnologien der durchaus rationale Staat auf der Suche nach Innovationen. Oft war das Militär die treibende Kraft, aber nicht nur. Mariana Mazzucato zählt in ihrem Buch The Entrepreneurial State ein Dutzend Schlüsseltechnologien auf, die gezielt von staatlichen Stellen gefördert und entwickelt wurden und ohne die ein I-Phone im Jahr 2007 nicht hätte gebaut werden können. Das CERN in Genf und die dortige Entwicklung der Webstandards ist dafür nur ein Beispiel. Eine wichtige Rolle spielte die DARPA, eine Behörde des Verteidigungsministeriums der USA mit der Aufgabe, neue Technologien zugunsten der US-Streitkräfte zu fördern. Die DARPA hat entscheidenden Anteil an der Entwicklung von Speichermedien wie dem DRAM-Cache oder dem Micro Hard Drive, aber auch am Internet an sich, an kleinen Mikroprozessoren und an der künstlichen Intelligenz, die heute etwa von Apples Siri verwendet wird. Das US-amerikanische Verteidigungsministerium war, zusammen mit dem Ministerium für Energie, für die Entwicklung von Lithium-Ionen-Batterien, von LCD-Displays und später auch von Multi-Touch-Screens verantwortlich. Auch die Mobilfunktechnologie und das GPS wurden ursprünglich vom US-amerikanischen Militär entwickelt. Darüber hinaus haben viele universitäre, staatlich finanzierte Forschungseinrichtungen entscheidenden Anteil daran, dass Apple im Jahr 2007 auf all die Technologien zurückgreifen konnte, die im I-Phone auf geschickte Weise kombiniert wurden (Mazzucato, 2015, S. 87 ff.).

An diesen Technologien sieht man, dass neben der Rechen- und Speicherkapazität auch die Geräte und Sensoren, mit denen sich die Computer mit dem Menschen und mit der Umwelt austauschen, immer raffinierter und billiger wurden und werden. Damit werden immer mehr Daten generiert. Dort ist die geschickte Kombination mindestens so bahnbrechend wie jene von mehreren Technologien in den Smartphones.

Eine bemerkenswerte Geschichte gibt es dazu aus meiner Heimat Luzern. Stefan Muff, ursprünglich Bauingenieur und Raumplaner, hatte als einer der Ersten realisiert, dass man mit dem Übereinanderlegen von unterschiedlichen Landkarten zu spannenden Ansichten und Einsichten kommt. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst für die Schweizer Bundesverwaltung und fügte dort die unterschiedlichsten geografischen Informationen zusammen. Konkret legte er Landkarten mit verschiedensten Informationen übereinander. Für die Bundesverwaltung eine tolle Sache – aber nicht nur. Wenn Ihnen nun Google Maps in den Sinn kommt, so ist das kein Zufall. Stefan Muff gründete nach seiner Zeit beim Staat 1989 in Luzern die Symplan Map AG, expandierte, taufte sie 2001 in Endoxon AG um und expandierte weiter, nicht ohne von Google beobachtet zu werden. Im Jahr 2006 schliesslich ging die Firma und vor allem deren Technologie an Google und verbreitete sich so über den Globus. Die ursprüngliche Idee zu Google Maps entsprang eigentlich – damals – einem Verwaltungsangestellten im Berner Bundeshaus.

Die Digitalisierung ist längst nicht vorbei, vieles fängt erst richtig an. Während ich 2016 an diesem Buch arbeitete, hat auch die künstliche Intelligenz einen weiteren Meilenstein erreicht. Ein von Google entwickeltes Programm namens AlphaGo konnte in dem Strategiespiel Go den weltbesten Spieler schlagen. Beim Schach wurde dieser Meilenstein 20 Jahre früher erreicht, als der IBM-Computer Deep Blue den damals amtierenden Weltmeister Gary Kasparov schlug. Beim Schach liegt die Grössenordnung der möglichen Kombinationen bei 10 hoch 43. Bei dem im östlichen Asien beliebten Brettspiel Go liegt diese Zahl bei etwa 10 hoch 170. Das ist eine unglaublich grosse Zahl. Zum Vergleich: Die Erde besteht aus knapp 10 hoch 50Atomen, das ganze Universum vermutlich aus nicht mehr als 10 hoch 89Atomen. AlphaGo kann natürlich nicht mehr Kombinationen durchrechnen, als es Atome im Universum gibt. Vielmehr hat AlphaGo eine Eigenschaft, die an sich zu den Stärken des Menschen gehört: AlphaGo kann aus Erfahrung lernen und so eine Art Intuition formen.

Schon fast Promistatus hat das Computerprogramm Watson, eine Entwicklung von IBM. Watson hatte seinen ersten öffentlichen Auftritt in der US-amerikanischen Quizsendung Jeopardy. Es gilt hier, in Prosa gestellte Wissensfragen zu beantworten. Watsons Gegner waren reale Menschen, aber nicht irgendwelche, sondern solche, die zuvor bei Jeopardy hohe Summen gewinnen konnten. Watson hatte sie beide geschlagen. Watsons Fähigkeit, Sprache und Bilder zu erkennen, wird gegenwärtig auch für produktive Zwecke eingesetzt, etwa um Röntgenaufnahmen auszuwerten oder um für den Schweizer Rückversicherer Swiss Re Risiken zu analysieren (NZZam Sonntag, 2016).

Man könnte jetzt fast beliebig lange mit weiteren Beispielen von bahnbrechender Hard- und Software fortfahren. In diesem Kapitel soll vor allem durch die ökomische Brille geblickt werden und die Digitalisierung in ihren hierbei wesentlichen Eigenschaften umschrieben werden. Wir tun das mit der vorläufigen Feststellung, dass digitalisierbare Daten immer günstiger, immer schneller und immer umfangreicher verarbeitet, kombiniert, ausgetauscht, kopiert und gespeichert werden können. Die Daten- und Rechenschleusen gehen weit auf.

2.2  Digitalisierung, nicht verpassen!

Selbstverständlich hat ein Machertyp wie Stefan Muff nach dem Verkauf seiner Firma an Google inzwischen eine neue Firma gegründet. In einem Luzerner Strassencafé habe ich einen Kollegen von ihm getroffen und mit diesem natürlich über Digitalisierung gesprochen. Er erzählte: «Es geht so viel ab im Moment. Wir haben uns gesagt, wir wollen nicht in 20 Jahren dasitzen und sagen, wir haben es verpasst!» Auf den Seiten oben könnte man den Eindruck gewonnen haben, dass die Digitalisierung in den letzten zehn oder 20 Jahren passiert sei, und jetzt seien wir in der digitalisierten Welt angekommen. Aber so ist das nicht, wir sind mittendrin. Die Entwicklung geht in einem ungeheuren Tempo weiter. Ein Freund, der für IBM Datenübertragungsprotokolle entwickelt, sagte mir neulich, dass es selbst für ihn als Experten eine enorme Herausforderung sei, bei der Entwicklung stets Schritt zu halten. Innerhalb von zwei Monaten könnten neue Entwicklungen schon wieder an einem anderen Ort stehen.

Es scheint sogar ein gewisser Weckruf nötig zu sein, damit Verantwortliche die Bedeutung des gegenwärtigen Wandels sehen. Zwei Professoren des Massachusetts Institute of Technology haben in ihrem Buch mit dem Titel Das zweite Maschinenzeitalter darauf hingewiesen, wie tief greifend der Wandel in der Wirtschaft noch sein kann (Brynjolfsson/McAfee, 2014). Wie ihr Buchtitel schon verrät, erwarten sie nichts weniger als eine grosse industrielle Revolution. Ihre zentrale These lautet: Dampfmaschinen und später weiterentwickelte Motoren haben die Industrialisierung ermöglicht. Das hat viele Jobs grundlegend umgestaltet. Insbesondere jene der Pferde: Diese waren vor der Industrialisierung noch als Arbeitskraft im engeren Sinne gefragt. Heute wird die mechanische Arbeit durch Maschinen verrichtet. Die Pferde sind von ihrem Arbeitsdienst weitgehend befreit worden. Weiter nach der These von Brynjolfsson und McAfee werden gegenwärtig Maschinen entwickelt, die nicht die Muskeln, sondern das Denken ersetzen sollen. Daraus leiten sie die schockierende Frage ab: Werden die Denkmaschinen der menschlichen Arbeit das gleiche Ende bereiten so wie die Kraftmaschinen der Arbeit von Pferden ein Ende gesetzt haben?

Um es klarzumachen: Ich sehe natürlich einige fundamentale Unterschiede zwischen Pferden und Menschen, und ich sehe noch kein Ende der Arbeit. Aber es wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wahrscheinlich zu einigen grösseren Umwälzungen kommen, auch bezüglich der Fragen rund um die Arbeit. Wir konzentrieren uns in diesem Kapitel zunächst aber darauf, was die Digitalisierung gerade jetzt so einflussreich macht, und nehmen diesen Punkt im sechsten Kapitel detailliert wieder auf.

Entscheidend ist nicht eine einzige, bestimmte technische Entwicklung, sondern die Kombinierbarkeit von mehreren Technologien. Ähnlich, wie man mit Google Maps verschiedene thematische Karten übereinanderlegt, werden digitale Technologien durch ihre Kombination potenziert. Viele Technologien sind stark komplementär. Wenn davon etwas billiger oder vor allem besser wird, dann werden auch die anderen Technologien attraktiver. Das sieht man zum Beispiel gut beim Smartphone. Dutzende von Technologien sind in einem Smartphone verbaut und unterstützen sich gegenseitig. Der Touchscreen in Kombination mit dem World Wide Web und dem Global Positioning System, unterstützt von schnelleren Prozessoren und grösseren Speichern, sowie viele Technologien mehr in Kombination führen zu diesem uns stets begleitenden Allrounder. Die Komplementarität der Technologien ist dabei der entscheidende Trick (Friedman, 2006, S. 203 ff.). Das hat Steve Jobs gut bemerkt, als er das I-Phone auf den Markt brachte (Mazzucato, 2015). Und die Technologien machen weitere Fortschritte. Als ob diese Fortschritte nicht schon schnell genug vorangehen würden, führen Kombinationen von komplementären Fortschritten zu einer Vervielfachung der Möglichkeiten.

2.3  Die drei E

Gehen Sie gedanklich bitte kurz zu den Transaktionskosten am Ende des Einführungskapitels zurück. Wir haben dort gesehen, dass ökonomische Transaktionen nicht vom Himmel fallen, sondern eben auch mit Kosten verbunden sind. Am Beispiel einer Produktionsfirma, die ein neues Bauteil beschaffen soll, sieht man, wie mögliche Lieferanten zu suchen und zu evaluieren sind, wie dann ein Entscheid zu fällen ist und wie sodann die korrekte Durchführung dieses Entscheids zu überwachen ist. Dies entspricht einer gängigen dreiteiligen Untergliederung der bei der Marktnutzung entstehenden Transaktionskosten: Such- und Informationskosten, Verhandlungs- und Entscheidungskosten sowie Durchsetzungskosten (Richter/Furubotn, 2003, S. 51). Wenn man ein Geschäft irgendwelcher Art abschliesst, macht man sich zuerst ein Bild über die Optionen, dann entscheidet man sich, und schliesslich wird der Entscheid festgehalten. Lassen Sie mich dies mit den drei E noch weiter abkürzen: Erkenntnis, Entscheidung und Ergebnissicherung. Für jedes Einzelne dieser drei E gibt es eine umfangreiche technologische Entwicklung.

Erkenntnis wird durch Big Data getrieben. Big Data spiegelt zunächst die immer umfangreicheren Datenmengen, die gespeichert vorliegen oder in Echtzeit greifbar sind (Batch- oder Streamprozesse, wobei das zweite wichtiger wird). Big Data heisst dann weiter, dass der Umgang mit diesen riesigen Datenmengen ab einem bestimmten Punkt nicht mehr mit hergebrachter Soft- und Hardware möglich ist, sondern neue Ansätze erfordert. Softwareseitig werden beispielsweise Muster und Korrelationen weitgehend unabhängig von Anfangsvermutungen gefunden. Hardwareseitig werden dazu viele Rechner zu einem Netzwerk zusammengeschaltet, und die darin nicht für andere Aufgaben benötigte Prozessorkapazität wird für komplexe Berechnungen genutzt. Dazu dient wiederum Software wie zum Beispiel Apache Hadoop. So können nicht nur sehr viele Daten sehr schnell verarbeitet werden, sondern auch Daten, die wenig strukturiert sind. Nicht nur Zahlenreihen und -tabellen, sondern auch Texte und Bilder kommen so in statistische Zusammenhänge. Das kann alles auch in Echtzeit geschehen. Wie ein Radar kann Big Data das Verhalten von Einzelnen, von mehreren Personen oder von gar der ganzen Gesellschaft live verfolgen. Big-Data-Anwendungen sind im Marketing schon heute weitverbreitet. Die weitgehend automatisierte Markterkenntnis (im Sinne der Transaktionskostenökonomie) ist längst keine Science Fiction mehr, doch dürfte diese Entwicklung erst am Anfang stehen. Immer mehr Dinge ähneln in dieser Hinsicht einem Smartphone, da sie Sensoren eingebaut haben und mit dem Internet verknüpft sind. Man spricht vom Internet der Dinge, dem Internet of Things, kurz IoT genannt. Hier einige Beispiele dazu, die es heute schon gibt: In einem Produktionsbetrieb erkennt das Regal, wie viele Büchsen an Schmiermittel noch vorhanden sind. Wenn es von einem bestimmten Typ nur noch zwei Stück gibt, wird automatisch nachbestellt. Oder stellen Sie sich vor, Sie stecken während einer ärztlichen Untersuchung in einem grossen Röntgengerät. Sie möchten vermutlich nicht, dass dieses ausgerechnet jetzt kaputtgeht. Sensoren nehmen in dem Gerät viele unterschiedliche Daten auf: die Temperatur an verschiedenen Orten, Ströme, Strahlungswerte und was auch immer noch gemessen werden kann. Das ergibt einen kontinuierlichen Datenstrom, der dann in Echtzeit auf Unregelmässigkeiten hin geprüft wird. So kann ein Problem entdeckt werden, bevor es tatsächlich entsteht. Sie können daher sicher sein, dass diese Röntgenröhre, während Sie darin liegen, nicht kaputtgehen wird. Das funktioniert umso besser, je mehr Daten zum Vergleich vorliegen, auch Daten aus der Vergangenheit und von anderen Röntgengeräten. Big-Data-Anwendungen entwickeln sich rasch weiter. Das E für Erkenntnis befindet sich in voller Beschleunigung.

Kommen wir zum zweiten E, zur Entscheidung. Natürlich ist dafür die Erkenntnis eine Grundlage, doch geht es bei der Entscheidung noch um mehr: Welche Konsequenz soll nun aus den Erkenntnissen gezogen werden? Der Entscheid, ein paar Büchsen Schmiermittel zu bestellen, ist ja noch nicht so wahnsinnig komplex, er kann durchaus automatisiert erfolgen. Aber wann ist es Zeit, das Röntgengerät aus dem Betrieb zu nehmen und die Techniker zu rufen? Welchen Vertrag soll die Produktionsfirma mit welchem Teilelieferanten eingehen? Die künstliche Intelligenz wird in der Domäne der Entscheidungen eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Wir haben oben schon Watson erwähnt, der Entscheide für Ärzte oder für Rückversicherungsexperten mindestens vorbereitend treffen kann. Und der damit die Frage aufwirft, ob die Menschen ihr Vertrauen lieber einem digitalen oder einem menschlichen Entscheidungsträger schenken wollen. Natürlich hat man den Reflex, dass doch lieber eine menschliche Fachperson entscheiden sollte, wenn es zum Beispiel um einen chirurgischen Eingriff geht. Aber bedenken Sie auch Folgendes: Laut einer Schätzung von IBM müssten Ärztinnen und Ärzte jede Woche etwa 160 Bücher lesen, um mit dem weltweiten medizinischen Wissenszuwachs Schritt zu halten (Brynjolfsson/McAfee, 2014). Watson kann so schnell lesen, er hat also durchaus seine Stärken. Wenn wir skeptisch bleiben, so hat das nicht zuletzt damit zu tun, dass wir Watsons Begründung für seinen Entscheid wahrscheinlich nicht folgen können. Wir müssten dem System vertrauen.

Auch wurden schon AlphaGo und dessen Lernfähigkeit sowie intuitive Spielzüge in dem Brettspiel Go auf höchstem Level vorgestellt. Und die Forschung geht natürlich auch in diesem Bereich weiter. Um die Begriffe «tief gehendes Lernen» («deep learning») oder «kognitives Lernen» («cognitive learning») mag momentan ein gewisser Hype entstanden sein, doch eines ist sicher: Sowohl an der Soft- als auch an der Hardware wird eifrig gearbeitet, um die künstliche Intelligenz weiter voranzutreiben. Auf der Entwicklerkonferenz I/O von 2016 hat Google überraschend einen neuen, selbst entwickelten Prozessortyp vorgestellt, die sogenannte Tensor Processing Unit (TPU). Dieser Prozessor ist speziell für Anwendungen der künstlichen Intelligenz konzipiert. Das Besondere daran ist: Die Tensor Processing Unit verzichtet bei ihren Berechnungen auf ein gewisses Mass an Präzision, im Gegenzug können mehr Rechenoperationen ausgeführt werden. Der Prozessor funktioniert daher wie unser Gehirn, das sehr viel parallel arbeitet, aber im Einzelnen halt nicht immer so präzise ist. Aber auch die Tensor Processing Unit ist nichts gegen einen Quantencomputer, der dereinst einmal die fast magischen Eigenschaften der Quantenzustände und deren Verschränkungen nutzen wird (Zeilinger, 2005). Lassen wir hier noch offen, ab welcher Rechenleistung die Menschen der künstlichen Intelligenz bei Entscheidungen über chirurgische Eingriffe oder vertragliche Vereinbarungen eher trauen werden als einer Ärztin oder einem Juristen. Sicher ist, dass zumindest die Vorbereitung von komplexen Entscheidungen durch die künstliche Intelligenz ein sehr bewegtes und bewegendes Forschungsfeld darstellt.

Auch zum dritten E, stehend für Ergebnissicherung, gibt es potenziell revolutionäre Technologien. Die Ergebnissicherung hat zunächst (wieder) mit Wissensaustausch zu tun, und dieser wird über das Internet bereits effizient abgewickelt. Das Problem der bisherigen Technologie ist dabei, dass Daten beliebig kopiert oder verändert werden können. Eine Unterschrift oder ein mit Tinte gedruckter Text auf einem guten alten Stück Papier ist in dieser Hinsicht besser als ein elektronisches Dokument, da sein Aufdruck nicht so einfach ohne Spuren manipuliert werden kann als etwas Digitales. Zudem kann alles, was digital ist, prinzipiell mehrfach kopiert werden, was zum Beispiel bei Geld und anderen Inhabertiteln ein Problem ist. Jedoch gibt es mit Bitcoin als bekanntestem Beispiel trotzdem digitalisierte Währungen. Die Technologie dahinter heisst Blockchain. Die Blockchain kombiniert Kryptografie mit einem öffentlichen Peer-to-Peer-System derart, dass Informationen gleichzeitig digital und unabänderlich werden. Währungen, Unternehmensregister oder Verträge können über eine Blockchain fälschungs- und kopiersicher festgehalten werden. Die Möglichkeiten gehen über sogenannte Papierlösungen insofern hinaus, als auch dynamische Elemente wie Bedingungen oder Zeitlimits in eine Blockchain eingebaut werden können. Man kann einen auf einer Blockchain festgehaltenen Vertrag zum Beispiel so festschreiben, dass er sich nach einer gewissen Zeit sozusagen von alleine wieder auflöst. In dem Kapitel zu den Verträgen werden wir noch ausführlicher auf die Technologie der Blockchain eingehen. An dieser Stelle halten wir erst einmal fest, dass auch beim dritten E, der Ergebnissicherung, ebenfalls eine digitale Revolution versprochen wird (Swan, 2015).

Für die drei E sind die entsprechenden Technologien auf einem bemerkenswerten Niveau. Deren wertschöpfende Anwendungen finden ihren Weg zunehmend in die Wirtschaft. Sie bilden für manches Start-up die Basis. Noch nicht voll absehbar ist die Entwicklung, wenn die Technologien zu den drei E so kombiniert und potenziert werden können, wie dies Apple mit anderen Technologien beim Smartphone gelungen ist. Wenn Big Data, künstliche Intelligenz und Blockchain eine gewisse Anwendungsreife erreichen, wird es zu deren Kombination kommen. Aus den drei E wird dann vielleicht sogar E hoch 3, eine wundersame Formel zur Senkung der Markttransaktionskosten.

2.4  Selbstbeschleunigend

Die übrigen Strukturen müssen sich im Zuge dessen an die neuen technologischen Möglichkeiten anpassen. Es gibt aus der Wirtschaftsgeschichte ein schönes Beispiel, wie solche strukturellen Anpassungen ihre Zeit brauchen. In der Ära der Wassermühlen und der Dampfmaschinen hatten die Fabriken eine zentrale Quelle für die mechanische Krafterzeugung. Es war sehr viel effizienter, eine grössere Dampfmaschine zu betreiben als mehrere kleinere. Die zentrale mechanische Kraft wurde dann über Wellen, Ketten, Laufbänder und Zahnräder in der Fabrik räumlich verteilt. Dabei galt es, die Übertragungswege kurz zu halten, damit Reibungsverluste und Verschleiss nicht zu gross wurden. Die optimale Fabrik wurde demnach kompakt um die Dampfmaschine oder um ein Mühlenrad herum gebaut und zählte nicht selten mehrere Stockwerke. Um 1880 wurde der Elektromotor erfunden. Die Grössenvorteile sind bei Elektromotoren ganz anders. Mit diesen Motoren kann man ohne grosse Einbussen auch viele kleinere und folglich dezentrale Kraftquellen installieren. Wellen, Ketten, Laufbänder und Zahnräder sind zur mechanischen Kraftübertragung nicht mehr nötig. Technologisch gesehen war ab 1880 der Weg frei, um die Fabriken nach neuen Kriterien zu optimieren. Einstöckig und entlang einer Produktionskette, die der Logik der Warenflüsse und der Arbeitsschritte folgt. Tatsächlich aber wurden die Fabriken eine ganze Weile lang noch nach dem alten, kompakten Muster konzipiert. Architekten, Ingenieure und Manager mussten die neuen Möglichkeiten erst gemeinsam entdecken. Diese Anpassung an die neue Technologie der Elektromotoren brauchte seine Zeit. Der Effizienzvorteil wurde erst nach etwa vier Dekaden realisiert (David, 1989).