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Kaum ein anderes Musikgenre ist so umstritten wie Gangsta Rap. Der Sound und die Attitude, mit dem hierzulande Künstler wie Bushido oder Kollegah Schlagzeilen machen, entstand in den frühen Neunzigerjahren an der amerikanischen Westküste und war auch damals schon kontrovers: Nirgendwo sonst verband sich eine lebendige, inspirierte und kulturell bedeutsame Musikszene derart intensiv mit dem Verbrechen. Autor Ben Westhoff nimmt den Leser mit nach East Compton, ein Vorstadtviertel in Los Angeles, in dem der Westcoast-Rap geboren wurde: tagsüber ein scheinbar solide Wohngegend mit kleinen Bungalows auf grünen Rasenflächen, nachts Schauplatz gnadenloser Gang-Rivalität. Hier kommen die Jungs, die später mit ihren knallharten Texten und coolen Rhythmen Weltruhm erlangen werden, schon früh in Kontakt mit Drogendealern und Kleinkriminellen. Eazy-E zum Beispiel nutzt das Geld aus dem Verkauf von Crack, um sein Plattenlabel Ruthless aufzubauen. Doch es ging nicht nur um Drogen, auch Mord war in der Szene an der Tagesordnung. 1996 wurde der international gefeierte Rapper Tupac Shakur auf offener Straße erschossen; wenig später traf es seinen Erzrivalen Biggie Smalls. Weitere bekannte Größen wie Snoop Dogg oder Suge Knight wurden wegen Mordes angeklagt. Westhoff behält beim komplizierten Wer-gegen-wen der Bandenkriege stets den Überblick und kann dank seiner guten Kontakte zu den Hauptakteuren viele neue Informationen präsentieren. Mit Original Gangstas ist ihm ein Buch gelungen, das nicht nur als verbindliche Chronik des Westcoast-Rap dienen kann, sondern das sich darüber hinaus spannend wie ein Krimi liest. Für Rap-Fans unverzichtbar, aber auch packende Lektüre für alle Freunde von gutem Sex & Crime.
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Seitenzahl: 721
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Aus dem Englischen übersetzt
von Paul Fleischmann
www.hannibal-verlag.de
Widmung
Für Mom und Dad
Impressum
Der Autor: Ben Westhoff
Deutsche Erstausgabe 2017
Titel der Originalausgabe:
„Original Gangstas – The Untold Story Of Dr. Dre, Eazy-E, Ice Cube, Tupac Shakur, And The Birth Of West Coast Rap“
© 2016 by Hachette Book Group, Inc.
1290 Avenue Of The Americas
New York, NY 10104
ISBN: 978-0-3163-8389-9
Layout und Satz: Thomas Auer, www.buchsatz.com
Cover Design © www.bw-works.com
Cover Fotocredits © Coverfotos: Eazy-E und Dr. Dre: Lynn Goldsmith/CameraPress/picturedesk.com, Tupac Shakur: AP/picturedesk.com, Ice Cube: Al Pereira/Michael Ochs Archives/Getty Images
Übersetzung: Paul Fleischmann
Lektorat und Korrektorat: Hollow Skai
© 2017 by Hannibal
Hannibal Verlag, ein Imprint der KOCH International GmbH, A-6604 Höfen
www.hannibal-verlag.de
ISBN 978-3-85445-621-6
Auch als Paperback erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-620-9
Hinweis für den Leser:
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Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Das Geheimversteck
Kapitel 2: Sir Romeo
Kapitel 3: Kalt wie Eis
Kapitel 4: Original Gangsters
Kapitel 5: Du kannst einen Scheißdreck haben
Kapitel 6: Ein bisschen Gold und ein Pager
Kapitel 7: Und plötzlich brach die Hölle los
Kapitel 8: Ein hartes Geschäft
Kapitel 9: Keine gewöhnlichen Bürgerrechtsaktivisten
Kapitel 10: Jackpot
Bildstrecke
Kapitel 11: Der Vollstrecker
Kapitel 12: L.A. in Flammen
Kapitel 13: Unaufhaltsam auf dem Vormarsch
Kapitel 14: Der Funk hält Einzug
Kapitel 15: Der Erbe und der Hausmeister
Kapitel 16: Zahn um Zahn
Kapitel 17: What’s My Name?
Kapitel 18: Negativer Rap
Kapitel 19: An seiner Seite
Kapitel 20: Zeit für Klartext
Kapitel 21: Ein politischer Prophet
Kapitel 22: Die Vermarktung des Bösen
Kapitel 23: Wichtige Spuren
Kapitel 24: Beklemmung und vorgetäuschter Heldenmut
Epilog
Danksagungen
Quellen
Bibliografie
Videografie
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Er war ein frech daherredender, bewaffneter Gauner, der das Image des jungen Streetkids aus Compton – hart, aggressiv und die Schnauze voll davon, für andere den Fußabtreter zu spielen – salonfähig machte. Sein Aufstieg war rasant und er veränderte die Popmusik nachhaltiger als fast jeder andere, da er nicht nur ein Performer war, der für seine hypnotische Rap-Kadenz bekannt war, sondern auch als Mogul die Strippen zog und somit zu Reichtum gelangte. Sein Ziel war es zu schockieren, doch seine Texte waren nicht krasser als das, was er selbst erlebte. Er war ein Weiberheld und ein Familienmensch, ein treuer Freund und ein brutaler Gegenspieler, dem die Art von Gewalt nicht fremd war, die die musikalische Lawine, die er losgetreten hatte, prägen sollte. Als er 1993 in einer Folge der Arsenio Hall Show auftrat, stellte ihn der Moderator seinem Publikum als den „Paten des Gangster-Rap“ vor.
Aber damals im Jahr 1985, bevor er als Eazy-E bekannt wurde, war er einfach Eric Wright, ein 21 Jahre alter Drogendealer. Während seine Kumpels aus dem Südosten von Compton ihren Kater ausschliefen, war Eric schon oft sehr früh am Start. Er las die Los Angeles Times und streifte sich dann ein weißes T-Shirt und weiße Schlauchsocken über. Die Socken zog er sich weit über seine blauen Leinensneakers. Ein Pager und eine blickdichte Sonnenbrille, sogenannte „Locs“, komplettierten seinen Look. Die Tage auf der South Muriel Avenue, jener baumlosen Straße in Compton, in der er lebte, waren in der Regel von grellem Tageslicht und sengender Hitze geprägt. Er stammte im Gegensatz zu vielen anderen Kids aus der Umgebung aus stabilen Familienverhältnissen. Sein Vater arbeitete im Postamt und seine Mutter an einer Montessori-Schule. Eric war hingegen nicht so rechtschaffen unterwegs.
Bevor er das Haus verließ, dehnte er die elastischen Bänder an seinen Socken und stopfte aufgerollte Geldscheine hinein. „Ständig lief er mit 2.000 Dollar in seinen Socken herum“, erzählt Arnold „Bigg A“ White, ein Freund aus Kindertagen. „Eric hatte überall Geheimverstecke für seine Kohle.“ Er stopfte sich etwas davon in der elterlichen Garage auf und steckte sich sogar ein paar Dollar in die Taschen seiner Levi’s 501. Aber in seinen Socken versteckte er den Großteil seines Bargelds. Wenn ein Obdachloser oder Straßenräuber Geld von ihm wollte, stülpte er einfach seine Taschen nach außen und zuckte mit den Schultern.
In den paar Jahren zuvor war Rap in der Gegend explosionsartig populär geworden und Eric machte sich gelegentlich Gedanken darüber, es mal mit Hip-Hop zu versuchen. Allerdings behielt er das zumeist für sich. Stattdessen konzentrierte er sich auf sein Geschäft. Eric war zwar nicht der größte Drogendealer der Gegend, aber er kam gut über die Runden. Freebase-Kokain war in Los Angeles gerade groß im Kommen. Jeder hatte plötzlich Bedarf: drogenabhängige Mütter, alte Typen mit glasigen Augen, die durch die Straßen irrten, einfach jeder. Die Leute nahmen sogar lange Anreisen nach Compton auf sich, um sich zu versorgen.
Crack sollte schon bald schweren Schaden in der Community anrichten, aber noch ahnte niemand, wohin die Reise gehen sollte. Nicht einmal die Polizei wusste, was sie von diesem scheinbar harmlosen, geruchlosen Zeug halten sollte. „Sie erwischten dich mit Crack und ließen dich mit einer kleinen Strafe davonkommen“, erzählte Mark „Big Man“ Rucker, Eazys Partner beim Dealen.
Das Geld, das das Crack ins Viertel spülte, war überall sichtbar. So mancher protzte mit seinen Goldketten und kurvte im Nissan-Truck durch die Gegend, mit Niederquerschnittreifen als Lowrider getarnt. Doch als sich der Drogenhandel zunehmend als Goldgrube herausstellte, entflammten auch Kämpfe um die territoriale Vorherrschaft. „Als nächstes versuchten alle zu expandieren“, sagt Vince Edwards, ein Rapper aus Compton, auch bekannt als CPO Boss Hogg. „Ein oder zwei Häuserblöcke reichten nicht mehr aus, wir brauchten noch eine zusätzliche Nachbarschaft.“
Eric selbst nahm keine Drogen. Er trank nicht einmal. Seinen Freunden erklärte er, dass er den Geschmack von billigem Starkbier nicht mochte. Er wusste aber auch, dass ihm seine nüchterne Lebensweise einen kognitiven Vorteil verschaffte. Da er nur knapp über einen Meter sechzig groß war, war es wichtig für ihn, dass ihn die Leute ernst nahmen. Er verfügte über Geld und besaß all die feinen Dinge, die man damit kaufen konnte. „Er hatte coole Schlitten, Klamotten und all das“, erzählt etwa sein Nachbar Lorenzo Patterson, später bekannt als N.W.A-Mitglied MC Ren. Doch er achtete darauf, seinen Wohlstand nicht zu offensichtlich zur Schau zu stellen. Er hielt den Ball flach und trug nicht zu dick auf. Er war auch keiner, der zu viele Worte verlor. Der Mann mit der Jheri-Curl-Matte und dem dünnen Schnauzbärtchen, der sich gerne hinter seinen Locs verbarg, war zurückhaltend und scheu. Schließlich verlangte seine Branche von ihm ein Höchstmaß an Diskretion.
Doch was die Frauen betraf, war Eric ein quicklebendiger Verführer. Er war bereits Vater eines kleinen nach ihm benannten Jungen mit seiner Freundin Darnettra, die darüber hinaus schon wieder schwanger war. Außerdem erwartete gleichzeitig noch eine weitere Frau namens Linda ein Kind von ihm. I’m Eazy-E I got women galore / You might have a lot of women but I got much more, sollte er später mal rappen.
Binnen kurzem sollte Eric sich mit einer neuen festen Freundin namens Joyce zusammentun, die ihm seinen vierten Sohn schenken sollte, als er gerade einmal 23 war. Sie war aber nur mäßig erfolgreich darin, Eric bei der Stange zu halten. Schließlich fing sie an, ihn als „Nachbarschaftsstecher“ zu bezeichnen, da sie ihn immer wieder mit anderen Frauen erwischte. Einmal wurde Joyce so wütend auf ihn, dass sie Eric eine Lunchbox an den Schädel knallte. Tracy Jernagin war später auch eine von Erics Gespielinnen. Doch als er sie und schon wieder eine weitere Frau zur gleichen Zeit schwängerte, war Jernagin außer sich vor Wut: „Jeder sagte, dass er, obwohl er mein Freund war, dieses andere Mädchen ebenfalls geschwängert hätte!“ Eric und Rucker, sein Co-Dealer, standen in einem langjährigen Wettbewerb miteinander, wer die meisten Frauen schwängere. Dieses sogenannte „Baby-Race“ gewann schließlich Eric, der insgesamt zehn Kinder haben sollte.
Immerhin kaufte Eric Jernagin teure Geschenke wie Gucci-Uhren und einen neuen 1989er Acura Legend. Doch als sie eines Abends vor Erics Haus aufkreuzte und er sich nicht blicken ließ, war sie sich sicher, dass sie ihn wieder einmal beim Betrügen ertappt hatte. Sie setzte daraufhin mit ihrem Acura einen halben Block zurück, um Schwung zu holen, und nahm Erics neuen BMW 750 iL, der auf der Straße parkte, ins Visier. Damit wollten sie ihn bewegen, auf die Straße zu kommen und „sich mir zu stellen“, wie sich Tracy Jernagin erinnert. Doch ihr Vorhaben verlief nicht nach Plan. „Irgendwie hob mein Auto vorne ab, als würde es nur auf zwei Reifen fahren“, erzählt sie. Als es wieder landete, war es schrottreif. Dann eskalierte die Situation: Erics andere Frau kam auf die Straße und wollte sich mit Jernagin prügeln. Doch schließlich rief diese Erics Schwester an, um sich von ihr abholen zu lassen.
Gangs
Eric Wright verwöhnte seine Kinder und fuhr mit ihnen regelmäßig nach Disneyland oder zu Chuck E. Cheese. „Wenn wir einen Ausflug machten oder ein gemeinsames Wochenende verbrachten, waren wir alle mit von der Partie“, erinnerte sich Eric Wright Jr. „Für uns war er der allergrößte, abgefahrenste Typ unter der Sonne.“
Er konnte aber auch ein sadistisch veranlagter Spaßvogel sein. So lockte er etwa Erdhörnchen aus ihren Löchern in seinem Garten, indem er Feuerzeugbenzin hineinsprühte. Sobald es dann an der Erdoberfläche erschien, steckte er es in Brand und sah zu, wie es panisch herumlief. Oder er hielt ein paar Crackheads einen Mordsbrocken Crack unter die Nase und verhöhnte sie. „Warum tut man sich das nur an?“, stichelte er, bevor er auf seine eigentümliche Weise zu lachen begann, ohne seinen Mund dabei weit zu öffnen. Er konnte gleichzeitig witzig und bedrohlich sein. „Ich fand seine Stimme echt irre“, sagt etwa MC Ren. „Er rief meinen Bruder an und sagte mit seiner Stimme ‚Heeeyyy Charlie‘.“
Bevor er sich dem Dealen verschrieb, hatte Eric ein paar perspektivlose Jobs. Er zog auch in Betracht, in die Fußstapfen seines alten Herrn bei der Post zu treten und unterzog sich sogar einem Eignungstest für den öffentlichen Dienst. Aber dieses Leben war nichts für ihn. „Ich hasse es, für andere Leute zu arbeiten“, sagte er. Eric und seine Familie hatten zwar nicht viel Geld, aber es mangelte auch an nichts. Seine Eltern erzogen ihn dazu, selbst Initiative zu ergreifen – obwohl sie damit vermutlich nicht meinten, dass er Drogendealer werden sollte.
Er wollte unbedingt Erfolg haben, also ließ er in Bezug auf seine Drogengeschäfte nichts anbrennen. Er arbeitete nur mit Leuten zusammen, denen er vertraute. An einem für ihn typischen Arbeitstag präparierte er in der Garage erst einmal sein Kokain, bevor er es in seinen bootslangen 1973er Chevy Caprice verfrachtete. Sein Schlitten war kastanienbraun, hatte ein weißes Vinyldach und wurde wegen der verspiegelten Seitenverkleidung „Glashaus“ genannt. Es war nicht das einzige heiße Gefährt, das Eric besaß. In den Achtzigerjahren fuhr er einen Nissan-Truck, einen Suzuki-Jeep in Metallic-Pink und ein paar VW-Käfer, darunter einer aus den Sechzigerjahren, dessen Heckscheibe als Hommage an den gleichnamigen Hit der Brooklyner Rap-Gruppe Whodini mit dem Slogan „The Freaks Come Out at Night“ verziert war.
Eric fuhr den Caprice weniger als eine Meile weit über den Atlantic Drive und hielt dort, wo die East Caldwell Street in einer Sackgasse verlief. Dies war ein besonders gefährlicher Knotenpunkt für Gang-Aktivitäten, der unter der Kontrolle der Atlantic Drive Compton Crips stand. Aber auch andere Untergruppen der Crips trieben unweit von dort ihr Unwesen: die Neighborhood Crips, die Kelly Park Crips und die Southside Crips – und alle wollten ihre Drogengeschäfte ausbauen. „Es war ein Pulverfass“, erklärt CPO Boss Hogg.
Die Crips wurden 1969 in South Central von einem muskelbepackten Teenager namens Raymond Washington gegründet, der sogleich seinen gefürchteten High-School-Freund Stanley „Tookie“ Williams rekrutierte. Sie formten eine Allianz, um sich gegen andere lokale Gangs zur Wehr zu setzen. „Ich dachte, dass ich die Straßen von all diesen plündernden Gangs säubern könnte“, sagte Williams später. „Aber da lag ich total falsch. Vielmehr wurden wir irgendwann selbst zu einem Monster, gegen das wir eigentlich hatten vorgehen wollen.“ 1979 wurde Williams wegen Mordes verurteilt und 2005 schließlich mittels einer Giftspritze hingerichtet. Washington verabscheute zwar Knarren, liebte es jedoch sich zu kloppen. „Raymond zog sich sein Shirt aus und prügelte sich den ganzen Tag lang den Arsch ab“, berichtete ein Bekannter einmal. Er wurde 1979 ermordet.
Nachdem sie die Farbe Blau zu ihrem Markenzeichen erklärt hatten, versuchten die Crips in den frühen Siebzigerjahren ihren Einflussbereich nach Compton auszudehnen, wo es eigene Gangs gab. Die Jungs von der Piru Street und Umgebung, nahe der Centennial High School, hatten sich zu den Pirus zusammengeschlossen. Zu ihnen zählten auch Sylvester Scott und Benson Owens, denen nachgesagt wird, die Bloods gegründet zu haben, zu denen auch die Brims und die Bounty Hunters aus dem Sozialbau Nickerson Gardens in Watts gehörten. Sie wählten Rot als ihre Farbe, da die Pirus auch „Roosters“ – also „Hähne“ – und die Bounty Hunters „Blobs“ – wie das rosafarbene Ungetüm aus dem Film The Blob – genannt wurden beziehungsweise die Brims rote Streichhölzer an ihren Kopfbedeckungen trugen.
Diese beiden großen Gangs splitterten sich auf und wucherten über das ganze Land. Die Rivalitäten zwischen Bloods und Crips – sowie unter ihren eigenen Untergruppierungen – wurden zunehmend blutig. Als Eric schließlich ein junger Mann war, hatten die Crips und die Bloods sowie die Latino-Gangs Compton unter sich aufgeteilt und versuchten, die ganze Region zu kontrollieren. Der Anreiz dafür war leicht verständlich. In den benachbarten Gegenden gab es keine Arbeit, hohe Kriminalität und zerbröckelnde Familienstrukturen. Der Schulterschluss mit anderen desillusionierten Kids konnte einem somit Stolz und ein Gefühl der Einheit vermitteln. Begleitet wurden all der Stolz und die Einheit jedoch auch von Gewalt. 1984 gab es in den Gang-Gebieten in L.A.-County circa 200 Todesfälle zu beklagen. 1988 waren es fast 500. Und Anfang der Neunzigerjahre gab es über das ganze Land verteilt bereits geschätzte 100.000 Gang-Mitglieder.
Es ist nicht ganz klar, zu welcher Untergruppe der Crips Eric sich zählte. Die Gang hatte sich noch nicht ganz aufgegliedert – und eigentlich mochten ihn die meisten Crips-Fraktionen in seinem Teil der Stadt. Es war auch sicher kein Fehler von ihm, ihnen hochqualitatives Coke zu Spitzenpreisen zu verkaufen. Das alles machte ihn aber nicht zu einem waschechten Gangbanger. Zwar trug er manchmal Blau, doch beteiligte er sich weder an Drive-by-Schießereien, noch forderte er Vergeltungsschläge gegen andere Gangs. So war er nicht gestrickt. Ihm ging es ums Geld, so einfach war das.
Atlantic Drive war der Name eines Apartmentgebäudes, das er manchmal als Stützpunkt für seine Unternehmungen verwendete, und auch der Name der Straße, in der es sich befand. Das einstöckige Stuck-Haus beherbergte ein paar Dutzend Familien, erwies sich aber als besonders effektiver Drogenmarkt, der rund um die Uhr geöffnet war. Der C-förmige Grundriss bedingte, dass man von der Straße aus nur in ein paar der Wohneinheiten Einblick hatte. Dies hatte zur Folge, dass potenzielle Käufer vorstellig werden konnten, ohne von der Polizei beobachtet zu werden. Hier erhielten sie alles von Crack und Angel Dust über Weed bis hin zu in Angel Dust getunkten, mit Sherman-Zigarrenpapier gedrehten Joints. Obwohl ständig Leute ein und aus gingen, gelang es irgendwie, das Gebäude „undercover“ zu halten. Nachdem die Transaktionen über die Bühne gegangen waren, wurden die Käufer rasch zurück auf die Straße eskortiert. Vor Ort herrschte Rauchverbot. Hier ließ es sich perfekt dealen.
Auch die Gangs waren in den Drogenhandel verwickelt, aber es gab keine wirklich etablierte Hierarchie. „Wenn jemand mitbekam, dass du ein Gangster warst, dann bekamst du immer etwas vorab“, erzählt Rapper J-Dee, der in der Poinsetta Avenue in Compton dealte. „Das lief immer auf Kommission ab. Jeder hatte einen Beeper und eines dieser schweren Ziegelstein-Telefone. Wenn du dir das in die Hose geschoben hast, rutschte sie dir runter.“
Dealer bunkerten ihre Vorräte in einem Geheimversteck. Dabei handelte es sich meistens um die Bleibe eines Drogensüchtigen, den man mit Crack bezahlte, vielleicht mit einem Gramm pro Tag. „Wir nannten sie Hausmann oder Hausfrau“, erklärt J-Dee und fügt hinzu, dass ihn keine Schuldgefühle plagen, Leuten eine so schädliche Droge verkauft zu haben. „Wir hielten ihnen schließlich keine Knarre an den Schädel.“
J-Dee, der als Mitglied von Ice Cubes Gruppe Da Lench Mob berühmt werden sollte, spezialisierte sich darauf, den Leuten direkt auf der Straße ihren Stoff wie bei einem Drive-Thru-Schalter von Taco Bell zu verchecken. Zu den Abnehmern zählten Angestellte einer nahegelegenen Flugzeugfabrik in Long Beach ebenso wie Suchtkranke aus der Nachbarschaft. Die Kohle versteckte er unter der Einlagesohle in seinem Schuh – „auf diese Weise konntest du zu Fuß flüchten“. Sobald er einmal 1.000 Dollar eingesackt hatte, trug er das Geld nachhause, um dann wieder zu seinem Standort zurückzukehren.
Eric dealte nicht mit jedem auf der Straße, sondern verkaufte im großen Stil, aber eben nur an Kunden, die er kannte, zum Beispiel seine Cousins, die vom Atlantic-Drive-Gebäude aus arbeiteten. Wenn er eine Nummer auf seinem Pager wiedererkannte, rief er von einem Münztelefon aus zurück. Natürlich musste man sich an Codes halten. Für einen 8-Ball (eine Achtel Unze Koks) musste die Pager-Nachricht die Ziffer „8“ enthalten. Für eine halbe Unze lautete der Code „12“. Wenn Eric ein Deal komisch vorkam, ließ er sich einfach nicht darauf ein. Ein Fehler hätte gereicht und alles wäre vorbei gewesen. Die Dealer aus Compton ließen sich auf keinen Bockmist ein – dafür erinnerte sich Eric zu gut an den Namen Horace Butler.
Die Goldmine
Horace Butler war Erics Onkel zweiten Grades – und das absolute Ebenbild des Rappers Buffy von den Fat Boys. Seine Schulkameraden zogen Butler ständig wegen seines Gewichts auf. „Also war er schon ziemlich abgehärtet“, erzählte sein Freund Mark Rucker. „Wenn du ihm einen Tritt gabst oder ihm ein Bein gestellt hast, schlug er dir einfach ins Gesicht.“ Er wohnte in der Nähe auf der Poinsettia Avenue und war so etwas wie Erics Mentor in Bezug auf die Drogen. Wenn man sich gut mit ihm stellte, gab sich Butler durchaus großzügig. Er war jedoch recht verschlossen und man musste sich sein Vertrauen erst einmal verdienen. Allerdings vertraute er seinem Blutsverwandten Eric. Als er ein Teenager war, machte Butler ihn zu seinem Boten, der die Kunden mit Stoff versorgte, nachdem Butler die Deals abgeschlossen hatte.
Eric, der die Dominguez High School geschmissen hatte, hatte bis dahin nicht viel Ahnung vom Drogengeschäft. Als Teenager hatte er ein paar Spritztouren mit gestohlenen Autos unternommen. Auch hatte er schon den einen oder anderen Einbruch auf dem Kerbholz. Er stahl Farbfernseher und Videorecorder. „Einmal wollte er seiner Mom einen gestohlenen Fernseher schenken“, erinnerte sich Bigg A mit einem Lachen. Doch was das Dealen betraf, so war Eric noch ein Neuling. Deshalb kam es für ihn auch überraschend, als Butler ihn eines Tages im Jahr 1984 einlud, mit ihm eine Runde in seinem Truck zu drehen.
Eric kletterte in Butlers Wagen, einen GMC mit Metallic-Lackierung und Chromfelgen an den Geländereifen, der eigentlich nicht Butler gehörte, sondern einem anderen Typ aus der Gegend, der aber inzwischen im Knast saß. Die Karre war beschlagnahmt worden und Gerüchten zufolge waren in ihr immer noch einige Lagen Sherman-Joints verstaut. Niemand traute sich, Anspruch auf den Wagen zu erheben, da jeder fürchtete, schließlich selbst im Kittchen zu landen. Doch Butler war das egal. Ihm gelang es, sich den Wagen zu sichern – und nun saß er hinter dem Steuer dieses großen, schönen GMC.
Mit Eric an seiner Seite fuhr Butler den Schlitten zu einer geheimen Location in der Nachbarschaft, fernab von neugierigen Blicken. Butler blickte sich um und wollte auf Nummer sicher gehen, dass ihn auch niemand beobachtete. Dann kramte er an der Seite eines verlassenen Hauses eine Einkaufstüte aus Papier hervor. Er öffnete sie und zeigte Eric ihren Inhalt: sorgfältig geschichtete Geldbündel, die von Gummibändern zusammengehalten wurden. „Pass für mich darauf auf“, sagte er, bevor er die Tüte wieder versteckte. Eric wusste nicht, was er davon halten sollte, willigte jedoch prompt ein.
Ungefähr zur gleichen Zeit benahm sich Butler auch sonst seltsam. Rucker fiel das schon am Anfang der Woche auf, als er an seinem Drogenspot in der Glencoe Street stand, nur einen Steinwurf entfernt vom Haus eines gemeinsamen Freundes, Emil Moses, der sich gerade erst in seiner Garage erhängt hatte. Nachdem die Polizei eingetroffen war und der Gerichtsmediziner sich um den Körper kümmerte, versammelte sich eine Menschenmenge. Butler und Rucker unterhielten sich und beklagten ein paar Minuten lang den Tod des Freundes, bevor Rucker wieder Geschäftliches ansprach. Er war auf der Suche nach Ware: „Hast du etwas?“
„Nein“, antwortete Butler, der die Umgebung mit seinen Augen abtastete. „Ich lass es locker angehen und gönne mir eine Auszeit.“
„Warum denn?“
„Die Lage ist irgendwie komisch zur Zeit.“
Die beiden Männer gingen daraufhin ihrer Wege und verabredeten sich zur Beerdigung von Moses, bei der Rucker als Sargträger fungieren sollte. Für diesen Anlass hatte er sich sogar einen Anzug ausgeliehen. Doch Butler sollte es nicht mehr dorthin schaffen. Ein paar Tage später, kurz nach Mitternacht, fuhr er seinen Truck durch Mid-City in Los Angeles und wollte gerade auf den Freeway 10 auffahren. Als er vor einer Ampel zum Stillstand kam, wurde er von insgesamt sieben Kugeln getroffen, die offenbar von seinem Beifahrer abgefeuert wurden, der anschließend aus dem Wagen gesprungen war.
Da sein Fahrer nun tot war, begann der Truck langsam rückwärts zu rollen, bis er mit einem Masten kollidierte und stehenblieb. Dieser Mord warf eine Reihe von Fragen auf: Wer steckte hinter dieser Tat? Warum wurde Horace Butler ermordet? Ging es dabei um Geld? Oder um den Truck? Um Drogen? Nur eines war klar: Es würde in dieser Woche noch ein zweites Begräbnis in Compton geben.
Butlers Tod traf Eric schwer. „Er und ich trafen uns jeden Tag“, sagte er. „An diesem Abend musste ich zufällig etwas mit meiner Mutter machen. Deshalb war ich nicht dabei. Wahrscheinlich wäre ich ebenso tot wie er, wenn ich dort gewesen wäre.“
Auf Eric sollte schon bald der nächste Schock warten. Als er zum verlassenen Haus zurückkehrte, wo Butler sein Geld versteckt hatte, fand er nicht nur die Geldtüte, sondern auch ein Paket mit Kokain. Eric begriff rasch, dass er auf einer Goldmine saß. Ganz abgesehen von der Kohle war ihm nun Stoff im Wert von zehntausenden Dollar in den Schoß gefallen. Er musste es nur auf die Reihe bringen, das Zeug zu verticken.
Eric machte sich sofort an die Arbeit. Als Rucker wenig später bei ihm zu Hause aufkreuzte, staunte dieser nicht schlecht, als er Eric vorfand, wie dieser über einem kleinen Elektroherd kauerte und versuchte, Crack zu kochen. „Mann, wo hast du den Stoff her?“, fragte Rucker.
„Ich wollte das Geld holen“, sagte Eric, „und das hier war auch noch da.“
Erics mangelnde Erfahrung war offensichtlich. Er hielt Rucker ein Stück unter die Nase und spekulierte über dessen Wert: „Das hier geht für zwanzig, oder?“
„Teufel, nein!“, sagte Rucker. Der Brocken war eher sechzig Dollar wert. Rucker gab ihm daraufhin einen Crashkurs darin, wie man den Preis von Crack-Körnern berechnete. Von da an begann Rucker sein Kokain bei Eric zu kaufen. Seine Preise waren sehr gut – 1.000 Dollar pro Unze, eine Menge, für die andere 1.500 Dollar verlangten. Eric überließ ihm sogar Pakete auf Kommission. Er konnte es sich ja leisten, da die Ware, die ihm in den Schoß gefallen war, nichts als reinen Profit einbrachte.
1985 schien Eric auf einer Welle des Erfolgs zu schwimmen. Nachdem er die Profite, die sich aus Butlers Vorräten ergaben, in Nachschub investiert hatte, lief er in feinem Zwirn herum und düste in schneidigen Karren durch die Gegend. Aber er war noch nicht zufrieden. Tief drinnen wusste er, dass das nicht das richtige Leben für ihn war. Und so beschloss er, etwas zu unternehmen.
Ein gefährlicher Ort
Der Alltag in Compton entsprach nicht wirklich dem Bild, das Hollywood von der Welt der Straßengangs verbreitete. In den Achtzigerjahren war die Stadt, die sich ungefähr 15 Kilometer von Downtown L.A. befindet, zumindest tagsüber immer noch eine typische Mittelschicht-Vorstadt. Hier gab es gut ausgestattete, farbenfrohe Bungalows mit großen Gärten, Eisenstäben vor den Fenstern und schmiedeeisernen Zäunen. Kinder fuhren auf ihren Fahrrädern, Kleider hingen zum Trocknen auf Wäscheleinen und braune wie schwarze Mitbürger gingen ihren Working-Class-Jobs nach. Spätabends fuhren Teenager in ihren Suzuki-Trucks und VW Käfern gegeneinander Autorennen um Geld. Aber die Gegend wirkte nicht wie ein Kriegsgebiet.
Unter der Oberfläche jedoch schwelte eine urbane Katastrophe – hohe Arbeitslosigkeit, hohe Armutsrate, hohe Säuglingssterblichkeit und eine steigende Anzahl von Gangmorden. Die Rezession der Siebzigerjahre hatte sich durch Präsident Nixons Comprehensive Employment and Training Act entspannt, ein staatliches Jobprogramm, das den Leuten im Viertel Arbeit verschaffte. 1982 setzte Präsident Reagan das Programm außer Kraft, wodurch es Ortsansässigen erschwert wurde, Jobs zu finden.
Auch die Polizei war keine große Hilfe. Bis sie im Jahr 2000 aufgelöst wurde, hatte Compton seine eigene Polizeieinheit – und zwar eine der korruptesten im ganzen Land. Die Stadt mit ihren gerade einmal 93.000 Einwohnern verzeichnete 1986 insgesamt 66 Morde und 1987 sogar 85, was der dreifachen Pro-Kopf-Rate von ganz Los Angeles entsprach, das damals selbst als notorisch gefährlicher Ort galt. In L.A. ereigneten sich in den Achtzigerjahren fast 3.000 Tötungen, die im Zusammenhang mit Bandenkriminalität standen. Ein schwarzer Teenager lief sechsmal größere Gefahr als Mordopfer zu enden als ein Weißer gleichen Alters.
In Los Angeles legten die meisten Soldaten ab, die im Zweiten Weltkrieg in Richtung Südpazifik in See stachen. Im Anschluss an den Krieg zogen die vielen Jobs in der Flugzeugbaubranche Leute aus dem ganzen Land an. Und das wunderbare Wetter war sicher kein Störfaktor. Erics Eltern zählten zu den ersten schwarzen Familien in Compton und waren von Greenville in Mississippi aus nach Comptongezogen und Teil einer großen Migrationswelle. Im 20. Jahrhundert war die Stadt größtenteils weiß gewesen. Für kurze Zeit hatten 1949 sogar George und Barbara Bush dort in einem Apartmentkomplex gelebt, als der spätere Präsident noch Ölbohrausrüstung verkaufte.
Compton war außerdem berüchtigt für seinen Rassismus. Obwohl der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten Rassentrennung in Bezug auf das Wohnungswesen bereits 1917 untersagt hatte, verfolgten Bauunternehmer und Banken weiterhin dieses System. Ein Immobilienmakler konnte seine Lizenz verlieren, wenn er Integration begünstigte – und Compton war von diesem Trend stärker betroffen als jeder andere Teil von Los Angeles. Brutale Bürgerwehren versuchten schwarze Familien am Betreten der Stadt zu hindern, was sie mit ihrem Slogan „Keep the Negroes North of 130th Street“ untermauerten. Marvin Kincy, ein 1950 in Compton geborener Schwarzer und Veteran der Piru-Gang, erinnerte sich daran, dass ihm eingebläut wurde, aus Angst vor Übergriffen durch „Niggerjäger“ die Wilmington Avenue nicht mehr nach 19 Uhr zu überqueren. Er fügte noch hinzu, dass er als Neunjähriger von vier jungen Weißen in einem 57er-Ford unter dem Vorwand zu ihrem Wagen gelockt wurde, ihn nach dem Weg fragen zu wollen. Als er nahe genug war, hatten sie ihn mit faulen Eiern und Tomaten beworfen.
Nach einem Beschluss des Obersten Gerichtshofs im Jahr 1949, der systematische Diskriminierung zusehends erschwerte, wurden die Restriktionen im Wohnungswesen gelockert. Die Wrights ließen sich daraufhin in Compton nieder, wo Eric 1964 das Licht der Welt erblickte. Unweit von ihrem Wohnort ereigneten sich im Folgejahr die Unruhen von Watts, ausgelöst durch eine Verkehrskontrolle eines schwarzen Autofahrers, der von einem weißen Highway-Cop kontrolliert wurde, weil der vermutete, der Fahrzeuglenker sei betrunken. Daraufhin kam es zu Krawallen mit Dutzenden Toten und Sachschäden in bis dahin ungekannter Höhe. In der Folge begann die Gegend sich aufgrund der Abwanderung der weißen Bevölkerung und der Stilllegung von Betrieben zu verändern. Die ehemalige Heimat der Bushs zog nun Drogendealer, Hausbesetzer und Prostituierte an – und Compton verwandelte sich in eine der gefährlichsten Städte des Landes.
Jeder in Los Angeles, der sich während der frühen Jahre der Regierung Reagan nach einem billigen Rauschzustand sehnte, musste nur dem riesigen Drogenumschlagplatz namens The Track in South Central, der sich in der 81st Street zwischen Hoover und Vermont befand, einen Besuch abstatten. Vor allem die Shermans waren zunächst beliebt als billige Methode, um sich zuzudröhnen, bevor sie von Crack abgelöst wurden. Wenn man Crack schnupfte, bekam man davon relativ schnell Nasenbluten – allerdings konnte man es den ganzen Tag lang rauchen und immer noch Bock auf mehr haben. „Du konntest mitverfolgen, wie sich respektable Männer in Crackheads verwandelten“, sagte Ice Cube. „Du konntest beobachten, wie sich die Krankenschwester mit Familie, die in derselben Straße lebte, in eine ‚Strawberry‘, eine Erdbeere, verwandelte.“ Damit meinte er eine Frau, die ihren Körper verkaufte, um die Droge beschaffen zu können.
Die Preise für Crack, ursprünglich bekannt unter dem Namen „Ready-Rock“, da es mit Backpulver aufgekocht war und man es sofort rauchen konnte, waren anfangs noch ziemlich hoch. Allerdings änderte sich das aufgrund der Bemühungen von Dealern wie Freeway Rick Ross aus South Central. Er schickte Typen auf Mopeds los, um den Stoff überall in der Gegend auszuliefern. Mitte der Achtzigerjahre verschob er auf diese Weise buchstäblich Tonnen von Kokain.
Marvin Kincy wurde Augenzeuge der Auswirkungen, die Crack auf Compton hatte. Er war jedenfalls fassungslos, als er eines Tages ein prominentes Mitglied der Gemeinde, einen Bankier und Inhaber einer Autowaschanlage, einen Einkaufswagen die Straße entlang schieben sah. „Er hatte sein ganzes Imperium in Rauch aufgehen lassen.“
Den Crack-Konsumenten war auch nicht bewusst, dass sie dabei halfen, einen Krieg in Mittelamerika zu finanzieren. Einer von Ross’ nicaraguanischen Lieferanten, Oscar Danilo Blandon, stand nämlich unter dem Schutz der CIA, da er mit seinen Profiten die Contra-Rebellen in seiner Heimat unterstützte, deren Ziel es war, die linksgerichtete Sandinista-Regierung zu stürzen. Die Regierung Reagan unterstützte die Rebellen ebenfalls und finanzierte sie durch Waffenverkäufe an den Iran, was schließlich im Rahmen des Iran-Contra-Skandals ans Licht kommen sollte. Blandon wurde schließlich verhaftet, arbeitete fortan verdeckt für die US-Regierung und half dabei, Rick Ross dingfest zu machen, der daraufhin für 13 Jahre hinter Gitter musste.
1989 veröffentlichte der Senatsausschuss für Auswärtige Beziehungen unter Führung von John Kerry, der damals seine erste Amtszeit als Senator von Massachusetts absolvierte, einen Report, der zu dem Schluss gelangte, hochrangige US-Politiker seien „nicht gegen die Vorstellung immun, dass Drogengelder die perfekte Lösung für die Finanzierungsprobleme der Contras darstellten“. Die CIA mag zwar nicht direkt Crack in die Stadtgebiete geliefert haben, wie manchmal behauptet wird, doch scheint sie mitunter beide Augen zugedrückt zu haben, solange es ihren geopolitischen Zielen nützte.
In der Zeit vor der Crack-Ära war Gang-Kriminalität kein besonders profitables Geschäft. Allerdings erkannten ihre Mitglieder schon bald, wie viel Geld sich mit den Drogen machen ließe. „Plötzlich hieß es: ‚Ich kann mir tolle Autos, ein Haus und coole Klamotten leisten‘“, sagt Freeway Rick Ross. „Deshalb stiegen sie ins Geschäft ein.“ Ein Zeitlang tappte die Polizei im Dunkeln. Sie suchten bei ihren Razzien nicht nach Kokain, sondern nach PCP. Aber 1986 wurden verpflichtende Mindeststrafen festgelegt – und der Besitz von Crack wurde dabei viel schärfer geahndet als jener von Kokain. Schwarze dröhnten sich nicht mehr zu als Weiße, doch war es für die Polizei viel leichter, eine Gruppe von Dealern an der Straßenecke einzukassieren als eine Haustür in Beverly Hills einzutreten.
Die Polizei von L.A. ging äußerst brutal gegen das aufkommende Bandenwesen, den Drogenmissbrauch und Gewaltverbrechen vor. Die CRASH-Einheit des LAPD – CRASH stand dabei für „Community Resources Against Street Hoodlums“ – begab sich unter dem Codenamen „Operation Hammer“ in South Central auf einen weitreichenden Kreuzzug, in dessen Verlauf tausende angebliche Gang-Mitglieder verhaftet wurden. Viele davon waren jedoch, wie sich herausstellte, absolut unschuldig. Die CRASH-Polizisten trugen nicht selten eine Extra-Knarre oder etwas Dope bei sich, um es gegebenenfalls einem Verdächtigen unterzuschieben. „Sie schlucken den Stoff runter oder werfen ihn schnell weg, also verprügeln wir sie und stecken ihnen unseres zu“, gestand einer. „Sie verstoßen gegen das Gesetz, verkaufen Drogen, also warum sollten wir ihnen Respekt schulden? Das war falsch, aber so dachten wir nun mal.“ Im Januar 1988 wurde eine 27-jährige Frau namens Karen Toshima in Westwood Village getötet, als sie versehentlich ins Kreuzfeuer zweier rivalisierender Gangs geriet. Obwohl Gang-Morde nichts Neues waren, beschlossen Bürgermeister Tom Bradley und der Stadtrat als Reaktion auf Toshimas Tötung, die in einem begüterten Viertel passiert war, Millionen von Dollar für zusätzliche Patrouillen locker zu machen.
Präsident Reagan erklärte 1982 seinen „War on Drugs“ und der Chef der Polizei von Los Angeles, Daryl Gates, ging besonders hart gegen Drogenkonsumenten vor. 1990 erklärte er vor einem Senatsausschuss, dass auch diejenigen, „die sich gelegentlich Pot reinpfeifen“, am besten „vor die Türe gebracht und abgeknallt werden sollten“. Ein besonders drastisches Instrument, das Gates einsetzte, war die Batterram, ein sechs Tonnen schwerer gepanzerter Rammbock, der mit einem über vier Meter langen Stahlarm ausgestattet war, mit dem die Türen von Häusern plattgemacht wurden, in denen man Crackhöhlen vermutete. Dieses Gerät inspirierte auch den gleichnamigen Hit des Comptoner Rappers Toddy Tee, den der junge Dr. Dre produzierte.
Im April 1989 schlüpfte die frisch als First-Lady abgelöste Nancy Reagan, die nun mit ihrem Ronald in Bel Air residierte, in Tennisschuhe und eine Windjacke der LAPD, um der Razzia in einem mutmaßlichen Drogenhaus in South Central, nahe Main Street Ecke 51st, beizuwohnen. An der Seite von Chief Gates beobachtete sie, wie ein SWAT-Team sich seinen Weg bahnte. Reagan, die den Slogan „Just Say No“ geprägt hatte, erklärte, dass sie das spärlich eingerichtete Haus als „sehr deprimierend“ empfand. Ebenso deprimierend war vermutlich der Umstand, dass zwar nur eineinhalb Gramm Crack sichergestellt werden konnten, aber dafür immerhin 14 Leute festgenommen wurden. Die Medien berichteten, dass noch im selben Jahr eine Drogenentzugsklinik im San Fernando Valley, die Nancy Reagans Namen tragen würde, eröffnet werden sollte. Allerdings sollte es nie dazu kommen, da Reagan im Sommer dem Projekt ihre Unterstützung entzog, wodurch Spendengelder in Höhe von fünf Millionen Dollar in den Sand gesetzt wurden. Ihr Sprecher erklärte gegenüber der Los Angeles Times, dass sie sich schlicht zu viel aufgehalst hätte.
Die meisten Bürger von South Los Angeles fürchteten die Cops nicht weniger als die Kriminellen. Greg Mack vom Hip-Hop-Radiosender KDAY berichtet etwa von Pistolenschüssen, die so regelmäßig zu hören waren wie die „Ghetto-Birds“ – Hubschrauber, die über seinem Zuhause in South Central kreisten, um nach Übeltätern zu fahnden. „Da meine damalige Frau eine Latina war, wurden wir ständig angehalten“, erinnert sich Mack, der selbst schwarz ist. „Sie dachten immer, ich würde Übles im Schilde führen, beziehungsweise dass ich vermutlich ein Zuhälter sei, weil ich mit einem Mädchen unterwegs war, das einen anderen ethnischen Hintergrund hatte.“
„Sie schossen Leuten in den Rücken“, weiß MC Ren zu berichten. „Sie traten einem für nichts in den Arsch.“ Fast jeder schwarze Mann aus L.A., den ich für dieses Buch interviewt habe, hat solche Geschichten auf Lager – Verkehrskontrollen wegen Lappalien oder aus reiner Willkür, Erniedrigungen, unfaire Verhaftungen. Es gehörte einfach zum Leben dazu.
Inmitten dieses Chaos’ entstand die Hip-Hop-Szene von Los Angeles. Die Musik selbst war warm und einladend, zumindest oberflächlich betrachtet. Lokale MCs rappten zu sanften, tanzbaren Beats. In den Clubs und auf Hauspartys spielten DJs die Platten von Rappern aus New York. Aus den Nissans und VW-Käfern der Mitglieder von Auto-Clubs dröhnten Mixtapes. Breakdancer aus Venice Beach vollführten Kunststücke auf Kartonunterlagen. Und manche Drogendealer investierten ihre Profite in lokale Könner wie den Hip-Hop-Titan Mixmaster Spade, der das DJ-Handwerk während seiner Schulzeit in New York gelernt hatte und nach L.A. zurückgekehrt war, um ortsansässige Nachwuchstalente wie King Tee, Toddy Tee, Coolio und DJ Pooh zu fördern – zumindest bis 1987, als er nach einer Schießerei mit der Polizei verhaftet wurde, nachdem diese eine gigantische Menge PCP bei ihm zu Hause gefunden hatte.
Eine Hip-Hop-Show, die im Sommer zuvor in der Long Beach Arena stattgefunden hatte, war im Chaos versunken. Die Headliner Run-DMC waren um ihren Auftritt gebracht worden, als eine Prügelei ausgebrochen war. KDAY-Programmgestalter Greg Mack hatte von der Bühne aus gesehen, wie ein Mann von einem der Balkone geschubst wurde, was der aber irgendwie überlebte. Angreifer hatten abgebrochene Tischbeine zu Waffen umfunktioniert und jungen Mädchen die Ketten vom Hals gerissen. Die Sicherheitskräfte waren überfordert gewesen und Dutzende hatten sich Blessuren eingehandelt.
„Es war ein Rassenkonflikt“, erzählte der populäre DJ Rodger Clayton, der die Show promotet hatte und selbst vor Ort gewesen war. „Die Long Beach Insanes hatten einem mexikanischen Mädchen ihre Handtasche geklaut und ein paar Mexikaner brachen in die Besenkammer ein, bewaffneten sich und mischten die Long Beach Insanes auf. Sie verprügelten sie mit Besenstielen und scharfkantigen Stöcken. Dann taten sich alle schwarzen Gangs zusammen und fingen an, alle mexikanischen und weißen Jungs zu verdreschen. Sie warfen sie aus dem ersten Obergeschoss, traten ihnen in den Arsch, einfach alles.“
„Manche Kritiker wie die Kreuzritterin in den Reihen des Parents Music Resource Centers, Tipper Gore“, schrieb das People-Magazine, „glauben, dass Rap-Musik eine unterschwellige Botschaft verbreite – dass es in Ordnung sei, Leute zu verprügeln.“
Aber die Wirklichkeit war komplizierter. Für viele Kids stellte Rap einen Ausweg dar, einen konstruktiven Ansatz, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Performer Alonzo Williams entkam etwa einer brenzligen Situation, gerade weil er DJ war. „Ich war in East L.A. und trat bei einer Gartenparty auf, wo sich zwei Latino-Gangs in die Wolle gerieten“, erzählt er. „Allerdings legten sie eine Auszeit ein: ‚Lasst den DJ nachhause fahren, er hat nichts mit dem Scheiß hier zu tun!‘ Beide Gangs halfen mir daraufhin, meine Ausrüstung auf meinen Truck zu laden.“
Als großgewachsener, breitschultriger High-School-Schüler war Andre Young bereits in den frühen Achtzigerjahren ein Frauenheld, der die Mädchen zum Lachen brachte und sie mit seinen Hip-Hop-Skills in Staunen versetzte. Seine DJ-Gruppe Freak Patrol lieferte heiße Jams bei Partys und seine Tanzeinlagen während der Halbzeitpausen der Football-Matches der Fremont High School wurden stürmisch gefeiert. Dabei vollführte er zu einem Elektrobeat einen roboterhaften Tanz voller mechanisch anmutender Schritte, abrupter Pausen und Bewegungsabläufe, die aussahen, als würde er seine Gliedmaßen zuerst auskugeln und dann wieder zurück in die Gelenke bugsieren, das sogenannte Pop-Locking. Sein Outfit bestand aus Bruce-Lee-Tretern mit Gummisohlen sowie einer an Batman erinnernden Spezialanfertigung von Jacke inklusive kleinem Cape und seinem darauf aufgebügelten Spitznamen „Sir Romeo“, der sich von seinem zweiten Vornamen Romell ableitete.
Ein anderer bevorzugter Hotspot, um sich in Szene zu setzen, war der Club Eve After Dark, der sich in der Nähe von Compton in Willowbrook befand und von schick gekleideten jungen Erwachsenen frequentiert wurde. Der Name des Clubs war nicht leicht zu erklären, hatte jedoch etwas mit Evas paradiesischem Sündenfall zu tun – und die Gäste standen Schlange, um hineinzugelangen. Die Disco-Ära lag noch nicht allzu lange zurück und so drehte sich über der Tanzfläche eine Discokugel, während die DJs groovenden R&B, Funk, Rap und Electro auftischten.
Es war wie ein Garten Eden, bevor die Schlange alles ruinierte. Es wurde kein Alkohol serviert, nur Limonade. Der Besitzer des Clubs, Alonzo Williams, erlaubte auch keine Gang-Aufmachung und bevorzugte es, wenn seine männliche Klientel sich von der Eleganz eines Morris Day inspirieren ließen: lange Freizeithosen, Schuhe mit festen Sohlen und schmale Krawatte. Zwar betraten die Mädchen den Club manchmal mit einem Dutt, schüttelten sich die Haare dann aber auf der Toilette aus. „Bevor sie dann wieder nachhause aufbrachen, drehten sie ihre Haare wieder zusammen und sagten, wenn sie daheim ankamen, ganz locker: ‚Hi, Mom!‘“, erzählt Lonzo.
Andres Mutter setzte ihn mitsamt seinem Bruder Tyree und ihren Freunden ab, fuhr dann wieder nachhause, stellte sich den Wecker auf ein Uhr und legte sich ins Bett, bis es Zeit war, sie wieder abzuholen. Im Club gelang es Andre mitunter, Unterhaltungen mit zwei oder drei Frauen gleichzeitig zu führen. Ein Baggerpartner übernahm dann kurz in den Gesprächspausen, damit keine Verdacht schöpfte.
Bereits im Alter von 16 bekamen er und Cassandra Joy Greene ein gemeinsames Kind, einen Jungen namens Curtis, den er erst Jahrzehnte später anerkannte. Auch begann er, sich für eine hübsche 14-jährige Schülerin namens Lisa Johnson zu interessieren. Sie war in South Central aufgewachsen, lebte aber mittlerweile im Westen von Los Angeles. Ihr Dad hatte sich aus dem Staub gemacht und ihr Bruder war der Bandenbrutalität zum Opfer gefallen. Andre verführte sie, als sie die neunte Klasse besuchte, wie sie selbst sagt, doch ihre Beziehung war von Anfang an umstritten gewesen. Johnsons Mutter fand, sie wäre zu jung, um einen Freund zu haben, also schwänzten sie die Schule und trafen sich heimlich.
„Dann erhielt ich eines Tages diesen einen Anruf – den Anruf, den alle Mütter von Teenagern fürchten“, schrieb Andres Mutter Verna Griffin. Lisa Johnson war schwanger.
Sie begann noch die zehnte Klasse an der Fremont, hielt aber nur wenige Wochen durch. „Ich war schwanger und sie wollten mich nicht auf dem Schulgelände“, berichtete sie. Noch schlimmer: Johnson zerstritt sich mit ihrer Mutter, die fuchsteufelswild wegen der Schwangerschaft war und ihre Tochter vor die Tür setzte.
Im Januar 1983 gebar Johnson ihre erste Tochter namens La’Tanya. Johnson war 15 und Andre 17 Jahre alt. „Er war damals ein echt stolzer Vater“, erklärte Johnson. Andres Mutter ließ Johnson und das Baby eine Weile bei sich wohnen. Johnson schlief in Andres Zimmer, während der im Wohnzimmer übernachtete. Sie wohnten auch bei seiner Großmutter in Willowbrook, unweit des Eve After Dark. Dann wiederum nächtigten sie in trostlosen Motels wie dem Snooty Fox Motor Inn an der South Western Avenue, wo Zimmer stundenweise vermietet wurden. Jedoch dauerte es nicht lange, bis Andre eine weitere junge Frau namens LaVetta Washington schwängerte. Ihre Tochter Tyra kam im Mai 1984 zur Welt. Johnson war außer sich. Schließlich war auch sie erneut schwanger.
Andre Youngs ebenso patente wie elegante Mutter Verna Griffin startete ihre eigene Modelinie und veröffentlichte sogar ihre Memoiren. Außerdem war sie beinhart und nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Eines Nachts in Los Angeles überfielen zwei junge Männer die junge Mutter und verlangten ihre Handtasche. „Ohne zu zögern zog ich meine Pistole und zielte auf sie“, schrieb sie. „Schon liefen sie davon.“
Sie und Andres Vater, Theodore Young, besuchten noch die High School, als er zur Welt kam, nur wenige Monate vor den Watts-Unruhen von 1965. Auf Vernas Mutters Drängen hin heirateten die beiden schnell und mieteten von Theodores Stiefvater ein Apartment in der 135th Street. Die wöchentliche Miete, 18 Dollar, war in Ordnung, doch die Arbeitslosigkeit zwang Theodore, mit Drogen zu dealen. Sehr zu Vernas Leidwesen, berauschten sich seine Klienten bei ihnen zu Hause. „Der abgestandene Marihuana-Geruch war so intensiv, dass es nicht einmal half, jeden Tag zu putzen“, schrieb sie. Nur kurze Zeit später zogen sie und Andre zurück zu ihren Eltern in ein gemeindefreies Gebiet im L.A. County nahe Compton. Theodore wurde hingegen schon bald bei einer Drogenrazzia festgenommen.
Sie behauptete, er hätte sie während ihrer turbulenten Ehe geschlagen. „Wenn ich in den Laden an der Ecke ging und zu lange fort blieb, ging er auf mich los“, schrieb Verna. „Wenn ich eine – wie er fand – ausgedehnte Unterhaltung mit einem seiner Kumpel führte, ging er auf mich los.“ (Leider konnte ich Theodore Young nicht für eine Stellungnahme erreichen.) Verna fügte noch hinzu, dass er sie auch schlug, als sie mit ihrem zweiten Kind, Jerome La Vonte Young, schwanger war, der als Kleinkind an einer seltenen Darmerkrankung starb. Er begann, ihr so heftig nachzustellen, dass sie Angst hatte, das Haus zu verlassen.
Obwohl sie nach der neunte Klasse von der Schule abgegangen war, war Verna smart und erfinderisch. Sie arbeitete in schlecht bezahlten Jobs für Handelsketten wie National Dollar, Sears und K-Mart. Ihre junge Familie bewegte sich stets scharf an der Armutsgrenze und hatte nicht immer Zugang zu Telefon, Auto oder Gas. Ein weiterer Sohn Vernas starb als Kleinkind, und nach der Geburt von Andres Bruder Tyree wäre sie fast selbst gestorben, als es den Ärzten misslang, ihre Plazenta zu entfernen. Später gebar sie noch ein gesundes Mädchen namens Shameka.
Andre Youngs Kindheit war von ständigen Umzügen geprägt. Einmal lebte die Familie nahe des Flughafens von Compton in der Sozialwohnsiedlung Wilmington Arms, die die L.A. Times später einen „berüchtigten Drogenbasar“ nannte, der laut einem Stadtrat am besten „plattgemacht werden sollte“. Verna und ihre Sprösslinge zogen über ein Dutzend Mal um und wohnten in Häusern und Apartments in South Central, Watts, Carson, Long Beach und Compton, wo sie in der Thorson Avenue nur ein paar Blocks entfernt von Eric Wright lebten. Diese Viertel waren ein raues Pflaster. Brutale Grobiane trieben dort ihr Unwesen und Einbrecher lauerten vor der Tür. Einmal wurde ein Mann direkt vor ihrem Haus ermordet. Ein anderes Mal, so erinnerte sich Verna, führte ein Streit zwischen zwei Kindergartenkindern zu einem Messerkampf zwischen ihren Müttern. Manchmal bezogen sie Notstandshilfe und als Andre 11 war, geriet die Familie in einen schweren Autounfall. Andres Gesicht war von Glasscherben übel zerschnitten worden. Er jammerte nur wenig, obwohl über einen Monat später festgestellt wurde, dass er sich auch noch das Schlüsselbein gebrochen hatte. „Er ging so tapfer mit dem Schmerz um“, schrieb Verna. „Ich fragte mich, ob es daran lag, dass ich ihm beigebracht hatte, wie wichtig es war, Schmerz zu ertragen.“
Tyree und Little Warren
Nach der endgültigen Trennung von Theodore traf Verna ihren zukünftigen Ehemann Curtis Crayon bei einer Strandparty. Doch auch diese Beziehung verlief schon bald in unrunden Bahnen. Nach ihrer Scheidung „drangsalierte er mich mit Gewaltandrohungen“, schrieb sie und erreichte schließlich eine einstweilige Verfügung.
Doch das Resultat ihrer Ehe, der gemeinsame Sohn Tyree Du-Sean Crayon, der drei Jahre jünger als Andre war, sollte dessen größter Unterstützer und Vertrauter werden. Tyree spielte Football, Basketball und betrieb Leichtathletik – und wurde schließlich das erste Familienmitglied, das die High School abschloss. Er fand Arbeit in einem Raumfahrtunternehmen und wurde Vater eines Jungen. „Mein Bruder war mein bester Freund und wir unternahmen alles zusammen. Es war einfach immer lustig mit ihm. Wenn er zur Tür hereinkam, nahm die Party Schwung auf“, erklärte Andre einmal. Verna heiratete noch ein drittes Mal, einen Angestellten eines Luftfahrtkonzerns aus Long Beach namens Warren Griffin Jr. Ihre Familien zogen unter ein Dach, ganz im Stil von Drei Mädchen und drei Jungen, nur dass hier nun gleich acht Kids sich ein Zuhause teilten. In dieser Kinderschar befand sich auch Warren Griffin III, ein ruhiger Junge mit Brille, der später als Rapper und Produzent Warren G zu Ruhm gelangen sollte.Warren Griffin Jr. war Freimaurer und ein Karate-Meister, der Andre, Warren und Tyree in Selbstverteidigung unterwies. An manchen Wochenenden lud Big Warren die ganze Rasselbande in seinen Ford-Kombi und führte sie ins Autokino aus. Verna entwickelte hingegen ein Interesse an Modedesign und rekrutierte die Kids für ihre Präsentationen. Zurechtgemacht in Klamotten à la Miami Vice alberte Tyree über den Laufsteg, während Andre R&B und Jazz auflegte. „Wir alle modelten“, erzählt Warren G. Verna eröffnete schließlich ihre eigene Boutique in der Mall von Carson und Andres neue Freundin, die aufstrebende R&B-Sängerin Michel’le, kamen, um sie zu bewerben und Autogramme zu schreiben.
Die Familie hielt zusammen, auch in schwierigen Zeiten, etwa während eines Streiks beim Flugzeughersteller in Long Beach, als des Öfteren Eipulver auf dem Speiseplan stand. Warren G verehrte seine älteren Stiefbrüder. Andre und Tyree nannten ihn „Kibbles“, weil sein Haar sie an das Hundefutter Kibbles ’N Bites erinnerte. Sie trieben sich auch im nahegelegenen Kelly Park herum, der zum Stammesgebiet von Eric Wrights Gang zählte. Die Kids zogen den kleinen Warren auf, weil er ursprünglich aus Long Beach war – und so zeigten ihm seine Stiefbrüder, wie er sich wehren konnte. Nicht nur ein wenig balgen, nein, richtig kämpfen, wie er betont. „Sie ließen mich auf die kleinen Jungs los, wenn einer von ihnen mal wieder losplapperte“, sagt Warren G. „‚Hol ihn dir, Kibbles!‘“
Rap Talker
Wegen seiner schlechten Noten verließ Andre die Centennial High School in Compton und wechselte an die Fremont in South Central. Doch auch nach dieser Luftveränderung verbesserten sich seine schulischen Leistungen nicht, weshalb er auch aus dem Team für Wasserspringen flog. Und doch sahen seine Pädagogen etwas in ihm. „Sein Englischlehrer sagte: ‚Ich weiß, dass er kein Dummkopf ist. Ich sehe ihn in der Mittagspause beim Schach und er schlägt jeden‘“, schrieb Verna. Als begabter Zeichner fand er auch Gefallen an technischem Zeichnen. Ein Lehrer ermutigte ihn, sich intensiver damit zu beschäftigen, aber letzten Endes brach er die Fremont ab. Er stritt sich mit seiner Mutter über seine Zukunft. Sie bestand darauf, dass er zurück an die Schule gehen oder sich einen geregelten Job suchen sollte.
Aber Andres große Leidenschaft war die Musik. Auf alles andere pfiff er. Verna hätte es besser wissen müssen, schließlich war das ihre größte Gemeinsamkeit. Sie trat als Mitglied der Gruppe Four Aces auf, die selbst Kompositionen fürs Klavier schrieben, und Andres zweiter Vorname Romell bezog sich auf die Gesangsgruppe seines Vaters, The Romells. Verna hatte eine überbordende Plattensammlung und schon als Kind setzte Andre bei ihren Partys die Nadel auf die Vinyl-Scheiben. Noch bevor er lesen konnte, wusste er die einzelnen Singles anhand der unterschiedlichen Label-Farben zu unterscheiden. „Jeder in meinem Viertel liebte Musik“, erzählte er einmal. „Wenn ich über den Zaun hinterm Haus sprang, war ich schon im Park, wo es überall Ghettoblaster gab.“
Verna fuhr besonders auf den Funk der Siebzigerjahre ab: Earth Wind and Fire, Parliament-Funkadelic, James Brown, Isaac Hayes und so weiter. Und so wuchs auch Andre damit auf. Ein Konzert von Parliament-Funkadelic, das er als 14-Jähriger im L.A. Coliseum besuchte, haute ihn total aus den Socken. Er stand mit offenem Mund da, als ein Funk-Raumschiff von oben herabschwebte und George Clinton seine Band auf seine extravagante, ausgeflippte Weise auf die Bühne führte. An Ort und Stelle beschloss Andre, sein Leben der Musik zu widmen. „Bevor ich von ihnen gehört hatte, wollte ich noch technischer Zeichner werden“, schrieb er später in der Los Angeles Times. „Aber die Musik von P-Funk [Parliament Funkadelic] öffnete meinen Verstand für die Idee, dass es keine Grenzen gab, außer jenen, an die man glaubte.“ Der Funk wurde zum prägenden Sound seines Lebens, zur Grundlage seines Schaffens.
Andre lernte Klavier zu spielen und Noten zu lesen. Doch vor allem war er mit einem ausgezeichneten Gehör für zusammenpassende Sounds gesegnet. Als er zu Weihnachten ein Mischpult geschenkt bekam, brachte er sich bei, Komponenten verschiedener Songs miteinander zu verbinden. „Das war das ultimative Geschenk“, sagte Andre. „Wer braucht schon ein Fahrrad, ich habe ein Mischpult!“
In den Siebziger- und Achtzigerjahren waren die DJs die Stars im Hip-Hop. Wenn ein Rapper auf den Plan trat, dann hauptsächlich, um den Mann an den Turntables hochleben zu lassen. Einer der ersten populären Rapper in L.A. war Ice-T. Sein Song „Reckless“ war im Grunde genommen ein ausführlicher Shout-out an seinen DJ, Chris „The Glove“ Taylor: The DJ named Glove has reigned supreme / As the turntable wizard of the hip-hop scene. „Reckless“ erschien auf dem Soundtrack zu Breakin’, einem Hip-Hop-Film aus dem Jahr 1984, in dem es auch jede Menge Pop-Locking zu sehen gab. Die MCs spielen nur eine untergeordnete Rolle. Im Abspann wird Ice-T als „rap talker“ angeführt.
Früher Hip-Hop wurde in erste Linie live aufgeführt, etwa auf Partys, und als Gruppen anfingen, ins Studio zu gehen, versuchten sie das dort vorherrschende gesellige Ambiente nachzuahmen. Doch schon bald wandten sich Gruppen wie Grandmaster Flash and the Furious Five mit Nummern wie „The Message“ (1982) soziopolitischen Themen zu und ab Mitte der Achtzigerjahre war Hip-Hop mit aggressiven Backing-Tracks ein großes Ding in New York. Run-DMC und LL Cool J rappten zu harten Beats und der MC begann den DJ als dominante Figur abzulösen.
Aber die Message hatte sich nicht bis L.A. herumgesprochen. Dort war die Party noch im vollen Gange. Ein flotterer, von starkem Synthie-Einsatz geprägter Electro-Dance-DJ-Sound inklusive maschineller Vocoder-Stimmen regierte nach wie vor die Dancefloors. Die Leute interessierten sich weniger für gepflegten Sprechgesang als dafür, ordentlich einen drauf zu machen. Angesagte DJs wie Egyptian Lover produzierten Sounds, die sich heutzutage eher nach Techno anhören. An den Turntables manipulierte er Schallplatten so, dass sie einen Drumbeat oder eine bestimmte Stelle eines Songs dreimal hintereinander spielten – boom, boom, boom! Egyptian Lover tat sich mit einer mobilen DJ-Crew zusammen, die sich Uncle Jamm’s Army nannte und ihr Audio-Equipment stets mitbrachte, wenn irgendwo eine Party abgehen sollte. Der Leader der Gruppe, Rodger Clayton, verfügte über jede Menge Swag und hatte ein Händchen für Vermarktung. Kids konnten ihre Adressen in Versandlisten eintragen und wurden von ihm durch Postkarten auf dem Laufenden gehalten.Uncle Jamm’s Army waren beeinflusst von Afrika Bambaataa, einem DJ-Pionier aus New York und ehemaligen Mitglied einer brutalen Gang aus der Bronx, den Black Spades, der schließlich die auf Hip-Hop ausgerichtete Bewegung Universal Zulu Nation aus der Taufe hob. Sein Song „Planet Rock“, der sich musikalisch bei den deutschen Electronic-Urvätern Kraftwerk bediente, wurde gleich nach seiner Veröffentlichung 1982 zu einem Dancefloor-Hit. Uncle Jamm’s extravagante Electronic-Eskapaden orientierten sich stark an Bambaataa und erfreuten sich in den frühen Achtzigerjahren großer Beliebtheit. Die Gruppe trat zunächst noch an Orten wie dem Veterans Memorial Auditorium in Culver City auf, irgendwann aber sogar auch in der L.A. Sports Arena – vor über 5.000 Bandana-Girls in Miniröcken und afroamerikanischen Mods, die in Trenchcoats skankten. Nach dem Vorbild von Run-DMC und den Fat Boys trugen die anwesenden B-Boys übergroße Cazal-Brillen und geflochtene Goldketten, sogenannte „Dookie-Ropes“.
Das ohrenbetäubende Arsenal spielte auch in der Werbung für die Veranstaltungen eine Rolle. Der Flyer, mit dem 1983 eine Show von Uncle Jamm’s Army in der Sports Arena angekündigt wurde, versprach etwa „100 Lautsprecher“, die in Pyramidenform übereinander gestapelt wurden. In mit Nieten besetzten Lederoutfits und mit Waschbärkappen geizten sie bei ihren Gigs auch nicht mit Nebel und Flammen. Die DJ-Crew umfasste Egyptian Lover, DJ Pooh, Keith Cooley (den Halbbruder des innovativen Turntable-Künstlers Joe Cooley) und Bobcat, der von der Ostküste zurückgekehrt war und sich dort den für Philadelphia typischen „Transformer-Sound“ zu eigen gemacht machte, dessen Bezeichnung sich von den gleichnamigen Actionfiguren herleitete. Diese Shows ähnelten weniger Konzerten, sondern eher dem, was wir heute unter einem Rave verstehen, auf dem ein DJ ohne Unterbrechung die Musik und somit die Party am Laufen hält. Obwohl Uncle Jamm’s Army Rap-Songs spielten, fanden sich keine Rapper in ihren Reihen (mit Ausnahme von Ice-T). „Es wurde öde“, erklärte Rodger Clayton. „Wir können Rapper nicht länger als zwei Minuten einsetzen, weil sie den Energielevel stören.“
Disco Lonzo
Obwohl kaum jemand noch weniger Gangsta als er war, ist Alonzo Williams wohl der unbesungene Architekt der Gangsta-Rap-Ära. Williams, ein angepasster Typ, der acht Jahre älter als Dre und in Willowbrook aufgewachsen war, hatte eine katholische Schule besucht. Als mobiler DJ legte er nun Disco und R&B auf und machte unter seinem Künstlernamen Disco Lonzo auch dank seiner extravaganten Outfits von sich reden. Er trug ein Superman-Shirt, eine Trillerpfeife und einen Bauarbeiterhelm mitsamt Sirene. Um seinen Hals hing eine Goldkette, die mit dem Wort „Lonzo“ verziert war und an der noch eine Rasierklinge baumelte, die er brauchte, um sein Kokain in Lines aufzuteilen. „Er war wie Disco Stu von den Simpsons“, beschrieb ihn Unknown DJ. Lonzo organisierte sich Helfer, die ihn allabendlich dabei unterstützten, seine Ausrüstung auf- und abzubauen und auch als Namensspender für seine Gruppe aus DJs Pate standen: World Class Wreckin’ Cru.
Lonzos Dad hatte ihn mit dem jungen Besitzer des Eve After Dark bekanntgemacht, der 1979 begann, dort Partys zu schmeißen. Er veranstaltete zum Beispiel einen „Super Freak Contest“, bei dem Frauen 100 Dollar gewinnen konnten, wenn sie „extrem erotische Moves“ hinlegten, um das Publikum anzutörnen. Er ließ auch männliche exotische Tänzer in einem Schaufenster auf Straßenebene auftreten, weil die „viel weniger zickig als die Tänzerinnen“ waren.
Andre Young fing an, das Eve After Dark an Wochenenden zu frequentieren. Der Club ermöglichte ihm auch seinen ersten Durchbruch, als er sich 1982 eines Abends auf die Bühne manövrierte, wo er an den Turntables einen Doo-Wop-Klassiker aus dem Jahr 1961, „Please Mr. Postman“ von den Marvelettes, mit Afrika Bambaataas „Planet Rock“ kombinierte. Die Clubgäste waren schwer beeindruckt, lange bevor Computer-Software solche Manöver alltäglich machte. „Die eine Platte war doppelt so schnell wie die andere. Also passten die Beats nicht alle genau, aber es funktionierte“, sagte Lonzo. „Es war eine Meisterleistung.“
Andre nahm manuell Songs direkt aus dem Radio auf, um sie mit einem Vierspurrekorder miteinander zu verweben. Diese krude Technik half ihm, die Mash-ups zu bewerkstelligen, die er sich ausgemalt hatte. „Du hörtest zwar ‚Oh Sheila‘ von Ready for the World, aber der Gesang stammte von einem Prince-Song und die Harmonie wiederum von jemand ganz anderem“, erinnert sich Greg Mack. „Die Leute meinten, dass er gar kein richtiger DJ sei, aber ich sagte, dass es mir egal wäre, wie sie es nannten. Der Shit klang gut!“
„Statt einfach in einem Club einen Hit nach dem anderen aufzulegen, versuchte ich eine richtige Show abzuziehen“, sagte Andre später. Er begann auch, sich selbst Dr. Dre zu nennen, wozu er sich vom Basketball-Star Julius „Dr. J“ Erving inspirieren ließ. Manchmal fügte er auch noch den Titel „The Master of Mixology“ hinzu. Lonzo zahlte ihm 50 Dollar pro Abend und lud ihn ein, sich der World Class Wreckin’ Cru anzuschließen. Auch ermöglichte er ihm den Zugang zu hochwertigem Aufnahmeequipment, inklusive eines erstklassigen Drumcomputers mit Bass-Soundeffekten.
Der frisch promovierte Dr. Dre knüpfte Kontakte zu KDAY, einem in Echo Park beheimateten AM-Radiosender, der zwar nur über ein leicht rauschendes Signal verfügte, aber dennoch der erste Sender der Welt war, der vorrangig Hip-Hop spielte. Er und DJ Yella, sein Kollege bei der Wrecking Cru, kreierten Mixes, die ideal für den Verkehrsstau waren, und Dre performte im Auftrag des Senders bei „Noon Dances“ in High Schools, die über das ganze Stadtgebiet verteilt waren. Während Schulkinder ihre Milch schlürften und ihre Sandwiches verschlangen, spielte er die aktuellsten Rap-Songs und mitunter sogar Parliament-Funkadelic, bis er sie soweit hatte, dass sie aufstanden.
Er wurde zu einem Fixstarter im Eve After Dark, ein Teenager hinter den Turntables, der wusste, was die Leute wollten, aber nicht immer bereit war, es auch zu spielen. So brachte er ein paar lokale Bloods gegen sich auf, weil er sich weigerte, den Bar-Kays-Song „Freak Show“ zu spielen, wie Stammgast Anthony Williams weiß. „Die Bloods liebten es, zu diesem Song zu pop-locken“, sagt er, „aber er ließ sich von niemandem sagen, was er spielen sollte.“
„Als ich anfing, meine Skills zu entwickeln, musste ich es auf die harte Tour lernen“, ergänzt Dre. „Es war praktisch wie learning by doing.“
Er nahm sich einfach alles
Während Andre beruflich expandierte, wurde sein Privatleben zunehmend kompliziert. Lisa Johnson behauptete, er hätte sie zweimal geschlagen, als sie mit ihrer zweiten gemeinsamen Tochter schwanger war – Anschuldigungen, die durch einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen ihn Substanz erhielten. Beim ersten Mal, als sie im sechsten Monat war, stieß er sie um und sie knallte mit ihrem Kopf gegen die Wand, woraufhin er sie „mehrmals“ schlug, wie im Protokoll ihrer Anzeige vom 7. Mai 1985 nachzulesen ist. Darin beschuldigt sie ihn auch, sie noch einmal geschlagen zu haben, als sie im achten Monat schwanger war. Sie gab an, er sei wütend darüber gewesen, dass sie seine Mutter über die neuerliche Schwangerschaft informiert hatte.
(Dr. Dre ließ mir über seinen Anwalt ausrichten, dass er zu Johnsons Vorwürfen keine Stellung beziehen möchte. Und falls Dre den Behauptungen, die gegen ihn in der einstweiligen Verfügung erhoben worden waren, schriftlich widersprochen haben sollte, so waren mir diese Unterlagen leider nicht zugänglich.)
Auch die Geburt von
