Orlando - Virginia Woolf - E-Book

Orlando E-Book

Virginia Woolf.

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Beschreibung

Orlando ist jung, gut aussehend – und seine Schönheit soll niemals vergehen. Ein Wunsch, der ihm zum Schicksal wird: Er durchlebt beinahe vier Jahrhunderte und vier verschiedene Lebensentwürfe, ohne merklich zu altern. In diesem furiosen Roman, als Biographie getarnt, geben sich die literarischen Genres ein lustvolles Stelldichein. Sprachlicher Übermut und Stilsicherheit halten sich unübertroffen die Waage. Eine moderne Neuübersetzung, die erstmals den Ton des Originals trifft. Melanie Walz gelingt es, dieses Paradestück der Kunst Virginia Woolfs zu neuem Leben zu erwecken und ein unvergessliches Leseerlebnis zu schaffen.

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Seitenzahl: 417

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Virginia Woolf

Orlando

Eine Biographie

Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurdevom Deutschen Übersetzerfonds e.V. gefördert.

eBook Insel Verlag Berlin 2012

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2012

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen

Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und

Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch

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Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt

oder verbreitet werden.

Vorwort

Viele Freunde haben mir beim Schreiben dieses Buches geholfen. Manche sind tot und so ruhmbekränzt, dass ich kaum wage, sie zu nennen, doch niemand kann lesen oder schreiben, ohne ständig in der Schuld Defoes, Sir Thomas Brownes, Sternes, De Quinceys und Walter Paters zu stehen – um nur die zu nennen, die einem als Erste durch den Kopf gehen. Andere sind noch am Leben und, wenngleich auf ihre Weise nicht minder ruhmreich, aus ebendiesem Grund weniger einschüchternd. Zu besonderem Dank bin ich Mr. C.P. Sanger verpflichtet, ohne dessen juristische Kenntnisse über Grundbesitz dieses Buch niemals hätte geschrieben werden können. Mr. Sydney-Turners umfassende und spezifische Gelehrsamkeit hat mich, wie ich hoffe, vor einzelnen bedauerlichen Irrtümern bewahrt. Ich konnte von Mr. Arthur Waleys Chinesischkenntnissen profitieren – in welchem Ausmaß, kann nur ich ermessen. Madame Lopokova (Mrs. J.M. Keynes) stand nicht an, mein Russisch zu korrigieren. Dem unvergleichlichen Wohlwollen und Vorstellungsvermögen Mr. Roger Frys verdanke ich das Wenige, das ich von der Malkunst verstehen mag. In anderer Hinsicht war mir, wie ich hoffe, die ausnehmend tiefschürfende, wenngleich strenge Kritik meines Neffen Mr. Julian Bell von Nutzen. Miss M.K. Snowdons unermüdliche Recherchen in den Archiven von Harrogate und Cheltenham waren so mühsam wie vergeblich. Andere Freunde halfen mir in so vielfältiger Weise, dass ich es nicht näher ausführen kann. Ich muss mich damit begnügen, Mr. Angus Davidson zu nennen, Mrs. Cartwright, Miss Janet Case, Lord Berners (dessen Kenntnisse elisabethanischer Musik sich als von unschätzbarem Wert erwiesen haben), Mr. Francis Bir

Inhalt

Vorwort

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel

Abbildungen

Orlando als Knabe

Die russische Fürstin als Kind

Erzherzogin Harriet

Orlando als Gesandter

Orlando bei ihrer Rückkehr  nach England

Orlando um das Jahr 1840

Marmaduke Bonthrop

Kapitel I

Er – denn an seinem Geschlecht konnte kein Zweifel bestehen, selbst wenn die Mode der Zeit dazu beitrug, es zu verbergen – zerteilte gerade den Kopf eines Mauren, der von den Dachbalken baumelte. Der Kopf hatte die Farbe eines alten Fußballs und mehr oder weniger auch dessen Form, abgesehen von den eingesunkenen Wangen und vereinzelten Strähnen groben, strohigen Haars, ähnlich der Behaarung einer Kokosnuss. Orlandos Vater, vielleicht auch sein Großvater, hatte ihn von den Schultern eines ungeheuren Heiden geschlagen, der auf den barbarischen Feldern Afrikas im Mondlicht aufgesprungen war, und nun schaukelte er friedlich und unablässig in dem Lufthauch, der ständig durch die Speicherräume des riesengroßen Hauses des edlen Herrn wehte, der ihn abgeschlagen hatte.

Orlandos Väter waren über Felder voll Asphodelos geritten und über steinige Felder und über Felder, die von fremdartigen Flüssen bewässert wurden, und sie hatten viele Köpfe in vielen Farben von vielen Schultern geschlagen und sie mitgebracht, um sie von den Dachbalken baumeln zu lassen. Und Orlando würde ihnen nacheifern, das gelobte er. Doch da er erst sechzehn Jahre alt und zu jung war, um mit ihnen in Afrika oder Frankreich zu reiten, stahl er sich von seiner Mutter und den Pfauen im Garten davon und ging in seine Dachkammer und durchstieß und durchbohrte und zerteilte die Luft mit seiner Klinge. Bisweilen durchtrennte er die Schnur, und der Schädel polterte auf den Fußboden, und er musste ihn wieder aufhängen, befestigte ihn nicht ohne Ritterlichkeit fast außer Reichweite, und sein Gegner grinste ihn mit eingefallenen, schwarzen Lippen triumphierend an. Der Schädel schaukelte hin und her, denn das Haus, in dessen Obergeschoss Orlando wohnte, war so groß, dass es sogar den Wind einzufangen schien, der winters wie sommers in diese und in jene Richtung wehte. Der grüne Wandteppich mit den Jägern darauf bewegte sich ununterbrochen. Seine Väter waren adelig gewesen von jeher. Sie waren gekrönt aus den Nebeln des Nordens gekommen. Wurden die dunklen Streifen in dem Zimmer und die gelben Lachen, die den Fußboden sprenkelten, nicht von der Sonne bewirkt, die durch das farbige Glas eines großen Wappens im Fenster fiel? Nun stand Orlando mitten im gelben Körper eines heraldischen Leoparden. Als er das Fensterbrett berührte, um das Fenster zu öffnen, färbte seine Hand sich rot, blau und gelb wie ein Schmetterlingsflügel. Und jene, die Symbole schätzen und sie gerne deuten, könnten feststellen, dass die wohlgestalten Beine, der schöne Körper und die stattlichen Schultern zwar allesamt mit verschiedenen Tönungen heraldischen Lichts geschmückt waren, Orlandos Kopf jedoch, als er das Fenster aufstieß, nur von der Sonne beleuchtet wurde. Ausgeschlossen, ein offeneres und trotzigeres Gesicht zu finden. Glücklich zu preisen die Mutter, die ein solches Geschöpf im Leibe trägt, glücklicher noch der Biograph, der dessen Leben nachzeichnet! Nie kennt sie Verdruss, nie muss er die Hilfe von Romanciers oder Dichtern erflehen. Von Tat zu Tat, von Ruhm zu Ruhm, von Amt zu Amt muss es schreiten und muss sein Skribent ihm folgen, bis sie den Platz erreichen, der aus welchem Grund auch immer den Gipfel ihrer Wünsche darstellt. In äußerlicher Hinsicht war Orlando für eine solche Laufbahn wie geschaffen. Pfirsichflaum bedeckte die Röte der Wangen; der Flaum auf den Lippen war kaum dichter als der Flaum auf den Wangen. Die Lippen selbst waren voll und über Zähnen von bezauberndem, beinahe mandelhellem Weiß leicht geöffnet. Nichts unterbrach den kurzen, straffen Flug der pfeilförmigen Nase; das Haar war dunkel, die Ohren waren klein und lagen eng am Kopf an. Doch welches Weh, dass diese Aufzählung jugendlicher Schönheit nicht enden kann, ohne Stirn und Augen zu erwähnen. Welches Weh, dass Menschen nur selten ohne diese drei geboren werden; denn sobald wir zu Orlando blicken, der am Fenster steht, müssen wir uns eingestehen, dass er Augen wie durchnässte Veilchen hatte, so groß, als hätte das Wasser sich in ihnen gestaut und sie geweitet, und seine Stirn war wie das Hervorquellen einer Marmorkuppel, eingezwängt zwischen die zwei leeren Medaillons seiner Schläfen. Sobald wir Augen und Stirn betrachten, schwärmen wir. Sobald wir Augen und Stirn betrachten, müssen wir uns eine Unzahl von Unannehmlichkeiten eingestehen, die zu übersehen das Bestreben jedes guten Biographen ist. Was er sah, verstörte ihn, so wie der Anblick seiner Mutter, einer wunderschönen Dame in Grün, die hinausging, um die Pfauen zu füttern, gefolgt von ihrer Zofe Twitchett; was er sah, verzückte ihn – Vögel und Bäume; und flößte ihm Liebe zum Tod ein – der Abendhimmel, die heimwärts fliegenden Krähen; und all dieses Gesehene wanderte samt den Geräuschen des Gartens – Hämmern und Holzhacken – die Wendeltreppe zu seinem geräumigen Gehirn hinauf und entfachte den Aufruhr und das Durcheinander aus Leidenschaften und Empfindungen, die jeder gute Biograph verabscheut. Doch um fortzufahren: Orlando zog den Kopf langsam zurück, setzte sich an den Tisch und holte mit dem halbmechanischen Tun dessen, der jeden Tag seines Lebens zu dieser Stunde das Gleiche tut, ein Schreibheft hervor, betitelt: Æthelbert: Tragödie in fünf Akten, und tauchte eine alte, fleckige Gänsefeder in die Tinte.

Schon bald hatte er zehn Seiten oder mehr mit Poesie bedeckt. Er schrieb flüssig, gewiss, doch zugleich dunkel. Laster, Verbrechen, Elend waren die Figuren seines Dramas; es gab Könige und Königinnen unvorstellbarer Gebiete; grauenhafte Verschwörungen waren ihr Verderben; edle Gefühle durchdrangen sie; kein Wort wurde gewechselt, wie er es gesprochen hätte, sondern alles war mit einer Gewandtheit und Lieblichkeit formuliert, die angesichts seines Alters – er zählte kaum siebzehn Lenze – und angesichts dessen, dass das sechzehnte Jahrhundert bis zu seinem Ende noch einige Jahre zu vollenden hatte, mehr als beeindruckend waren. Doch schließlich hielt er inne. Er beschrieb gerade die Natur, wie es zu allen Zeiten die Art junger Dichter ist, und um die genaue Grünfärbung zu erfassen, betrachtete er (wobei er sich kühner erwies als die meisten) den Gegenstand selbst, zufällig ein Lorbeerbusch, der unterhalb des Fensters wuchs. Danach konnte er selbstverständlich nicht weiterschreiben. Grün in der Natur ist das eine, Grün in der Literatur etwas anderes. Natur und Literatur sind offenbar von Natur aus unvereinbar; bringt man sie zusammen, zerreißen sie einander. Die Grünfärbung, die Orlando in diesem Augenblick sah, zerstörte seinen Rhythmus und spaltete sein Versmaß. Damit nicht genug, hat die Natur ihre eigenen Marotten. Man muss nur aus dem Fenster sehen und die Bienen in den Blumen betrachten, einen gähnenden Hund, einen Sonnenuntergang, denken: »Wie oft wird mir die Sonne wohl noch untergehen?«, usw. usf. (der Gedanke ist zu breitgetreten, um weiter ausgeführt zu werden), und schon legt man die Feder hin, greift zum Umhang, schreitet aus dem Zimmer und verfängt sich dabei mit dem Fuß an einer bemalten Truhe. Denn Orlando war ein klein wenig ungeschickt.

Er hütete sich davor, anderen zu begegnen. Stubbs, der Gärtner, kam den Weg entlang. Orlando versteckte sich hinter einem Baum, bis der Gärtner vorbeigegangen war. Er verließ den Garten durch ein Türchen in der Mauer. Er machte einen Bogen um alle Stallungen, Hundezwinger, Brauereien, Zimmermannswerkstätten, Waschhäuser, die Orte, wo Talglichter gezogen wurden, Ochsen geschlachtet, Hufeisen geschmiedet, Wämser bestickt – denn das Haus war eine Stadt voll Widerhall der verschiedenen Arbeiten, die Männer verrichteten –, und erreichte unbehelligt den farnbeschatteten Weg, der hügelan durch den Park führte. Vielleicht besteht Verwandtschaft zwischen Eigenschaften; die eine führt die andere mit sich; und der Biograph sollte hier darauf hinweisen, dass Ungeschicklichkeit oft mit Liebe zur Einsamkeit einhergeht. Orlando, der über eine Truhe gestolpert war, liebte von Natur aus einsame Orte, weite Ausblicke und das Gefühl, sich für alle Zeiten und alle Ewigkeit allein zu wähnen.

Und nach langem Schweigen flüsterte er zuletzt: »Ich bin allein«, und er öffnete zum ersten Mal in diesem Bericht den Mund. Schnellen Schritts war er hügelan durch Farne und Weißdornbüsche, aufgescheuchtes Wild und Wildvögel zu einer Stelle gewandert, die eine freistehende Eiche krönte. Sie lag hoch, so hoch, dass man von dort aus neunzehn englische Grafschaften überblicken konnte – bei klarer Sicht dreißig oder gar vierzig, vorausgesetzt, das Wetter war besonders günstig. Manchmal sah man den Ärmelkanal, Welle um gleichförmige Welle. Flüsse waren zu sehen und Lustboote darauf und Galeonen, die zum Meer hinausfuhren, und Armadas mit Rauchwolken, aus denen das dumpfe Dröhnen von Kanonendonner erklang, und Forts an der Küste und Burgen zwischen den Wiesen und hier ein Wachturm und dort eine Festung und vereinzelt gewaltige Herrenhäuser, dem von Orlandos Vater vergleichbar, wie Städte zusammengedrängt in dem von Mauern eingefassten Tal. Im Osten sah man die Kirchtürme Londons und den Rauch der Stadt, und wenn der Wind aus der richtigen Richtung wehte, zeigten sich wahrhaftig der zerklüftete Gipfel und die gezackten Kanten des Snowdon, die hinten am Horizont aufragten. Eine Augenblick lang stand Orlando da, mit Zählen, Betrachten, Wiedererkennen beschäftigt. Da das Haus seines Vaters, dort das seines Onkels. Jene drei gewaltigen Türme zwischen den Bäumen drüben besaß seine Tante. Die Heide gehörte ihnen ebenso wie der Wald, wie die Fasane und das Rotwild, Fuchs, Dachs und Schmetterling.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus und warf sich – seine Bewegungen waren von einer Leidenschaftlichkeit, der dieses Wort zukommt – am Fuß einer Eiche auf den Boden. Es beglückte ihn, in dieser sommerlichen Vergänglichkeit das Rückgrat der Erde unter sich zu spüren, denn so empfand er die harte Wurzel der Eiche, oder – denn ein Bild folgte dem anderen – sie war der Rücken eines großen Pferdes, das er ritt, oder das Deck eines schlingernden Schiffs – ja sie war alles Mögliche, solange es hart war, denn er sehnte sich nach etwas, woran er sein unstetes Herz heften konnte, das Herz mit dem schmerzlichen Ziehen in seiner Brust, das Herz, das jeden Abend um diese Zeit, wenn er sich draußen erging, gewürzduftende und liebessüchtige Brisen zu erfüllen schienen. An die Eiche heftete er es, und als er dort lag, legte sich allmählich die Unruhe in ihm und um ihn herum; die Blättchen hingen schlaff, das Wild blieb stehen; die blassen Sommerwolken verharrten am Himmel; auf dem Boden wurden seine Glieder schwer, und er lag so reglos, dass das Wild nach und nach näher trat und die Krähen ihn umwirbelten und die Schwalben hinunterstießen und ihre Kreise beschrieben und die Libellen vorbeiflitzten, als wäre alle Fruchtbarkeit und alles liebessüchtige Treiben eines Sommerabends wie ein Netz um seinen Körper gesponnen.

Nach etwa einer Stunde – die Sonne sank schnell, die weißen Wolken hatten sich gerötet, die Hügel waren violett, die Wälder purpurn, die Täler schwarz – ertönte eine Trompete. Orlando sprang auf. Der grelle Klang erscholl aus dem Tal. Er kam von einer dunklen Stelle dort unten, einer Stelle, die massiv und unterteilt war, einem Labyrinth, einer Stadt, doch ummauert; er kam aus dem Herzen Orlandos eigenen Herrenhauses im Tal, eben noch dunkel, doch während er hinsah und der einzelne Trompetenschall sich in weiteren, grelleren Tönen verdoppelte und reduplizierte, verlor es seine Dunkelheit, von Lichtern durchdrungen. Kleine, hastige Lichter waren darunter, als eilten Bedienstete Flure entlang, weil nach ihnen geläutet worden war; und üppige, strahlende Lichter, die wirkten, als leuchteten sie in leeren Festsälen, vorbereitet für Gäste, die nicht gekommen waren; und wieder andere funzelten und flackerten und erstarben und flammten auf, als hielten Scharen von Dienern sie in Händen, die sich verneigten, das Knie beugten und sich erhoben, indes sie eine vornehme Fürstin, die ihrem Triumphwagen entstiegen war, mit aller Würde empfingen, beschützten und ins Haus geleiteten. Kutschen wendeten und drehten sich im Hof. Pferde schüttelten ihre Federbüsche. Die Königin war gekommen.

Orlando sah nicht länger hin. Er rannte den Hügel hinunter. Er betrat das Haus durch eine kleine Nebentür. Er raste die Wendeltreppe hinauf. Er erreichte sein Zimmer. Er warf seine Strümpfe in die eine Ecke des Zimmers, sein Wams in die andere. Er tauchte seinen Kopf in Wasser. Er schrubbte seine Hände. Er schnitt sich die Fingernägel. Mit Hilfe von nichts weiter als sechs Zoll Spiegelglas und einem Paar alter Kerzen war er in weniger als zehn Minuten nach der Uhr am Dachreiter der Stallungen mit karmesinroten Kniebundhosen, Spitzenkragen, Taftweste und Schuhen bekleidet, deren Rosetten so groß waren wie gefüllte Dahlien. Er war bereit. Er hatte hochrote Wangen. Er war erregt. Aber er war schrecklich spät dran.

Über vertraute Abkürzungen bewegte er sich nun durch die weiten Fluchten von Räumen und Treppen zum Festsaal, der fünf Morgen weit weg am anderen Ende des Hauses lag. Doch auf halbem Weg hielt er bei den Dienstbotenquartieren inne. Die Tür von Mrs. Stewkleys guter Stube stand offen – sicherlich war sie mit all ihren Schlüsseln zu ihrer Herrin gegangen, um sie zu bedienen. Doch am Esstisch der Dienstboten saß mit einem Deckelkrug neben sich und Papier vor sich ein ziemlich dicker, abgerissener Mann, dessen Halskrause ein wenig schmutzig war und dessen Kleidung bäuerlich braun war. Er hielt eine Feder in der Hand, schrieb aber nicht. Er schien damit beschäftigt zu sein, innerlich einen Gedanken auf- und ab-, hin- und herzuschieben, bis dieser zu der Form oder Bewegung fand, die ihm zusagte. Seine Augen, rund und umwölkt wie grüner Stein von merkwürdiger Textur, starrten vor sich hin. Orlando sah er nicht. Trotz seiner Eile blieb Orlando abrupt stehen. War das ein Dichter? Dichtete er? »Erzählt mir«, hätte er am liebsten gesagt, »alles, was es auf der Welt gibt« – denn er hegte die verstiegensten, lächerlichsten, ausgefallensten Vorstellungen von Dichtern und Dichtkunst –, aber wie jemanden ansprechen, der einen nicht sieht?, der stattdessen Menschenfresser sieht, Satyrn und vielleicht die Abgründe des Meeres? Und Orlando stand da, gebannten Blicks, während der Mann die Feder hin und her drehte und vor sich hin blickte und nachsann und dann ganz schnell ein Halbdutzend Zeilen schrieb und den Blick hob. Worauf Orlando, von Schüchternheit überwältigt, fortsprang und den Festsaal gerade rechtzeitig erreichte, um auf die Knie zu sinken und mit vor Verwirrung gebeugtem Kopf der erhabenen Königin eine Schale mit Rosenwasser darzureichen.

So verlegen war er, dass er nicht mehr von ihr erspähte als ihre beringten Hände im Wasser; doch das genügte ihm. Es war eine denkwürdige Hand, eine dünne Hand mit langen Fingern, die sich ständig krümmten wie um Reichsapfel oder Szepter, eine nervöse, kratzbürstige, schwächliche Hand und zugleich eine imponierende Hand, eine Hand, die nur erhoben werden musste, damit ein Kopf fiel, eine Hand, verbunden, wie er vermutete, mit einem alten Körper, der wie ein Schrank roch, in dem Pelze in Kampfer aufbewahrt werden, der jedoch noch immer mit Brokat und Edelsteinen aufgezäumt war, der sich sehr aufrecht hielt, vielleicht der Ischiasschmerzen wegen, der nie zusammenzuckte, obwohl tausend Ängste ihn zusammenhielten, und die Augen der Königin waren von hellem Gelb. All das bemerkte er, als die großen Ringe im Wasser glitzerten, bevor etwas seine Haare berührte – was vielleicht der Grund ist, dass er nichts mehr sah, was für einen Historiker von Nutzen sein könnte. Und sein Inneres war wahrhaftig ein solches Gewirr von Gegensätzen – der nächtlichen Dunkelheit und der schimmernden Kerzen, des abgerissenen Dichters und der vornehmen Königin, der stillen Gefilde und des Getrappels der Dienerschaft –, dass er nichts sehen konnte oder höchstens eine Hand.

Und ebenso wird die Königin nicht mehr als einen Kopf erblickt haben. Doch wenn man von einer Hand auf einen Körper schließen kann, versehen mit allen Eigenschaften einer großen Königin, ihrer Kratzbürstigkeit, Tapferkeit, Zerbrechlichkeit und Angst, dann kann ein Kopf sich gewiss als ähnlich fruchtbar erweisen, wenn eine vornehme Dame, deren Augen immer weit geöffnet waren, sofern man den Wachsfiguren in Westminster Abbey Glauben schenken darf, von einem Prunksessel zu ihm hinunterblickte. Das lange gelockte Haar, der dunkle Kopf, so ehrfürchtig, so unschuldig vor ihr gebeugt, verrieten ein Paar der schönsten Beine, auf denen je ein junger Edelmann aufrecht stand; dazu violette Augen und ein Herz aus Gold und Redlichkeit und männlicher Liebreiz – Eigenschaften allesamt, welche die alte Frau umso mehr schätzte, als sie ihrer verlustig ging. Denn sie war alt und verbraucht und gebückt vor der Zeit. Der Klang von Kanonen dröhnte ihr immer in den Ohren. Immer sah sie den glitzernden Gifttropfen und das lange Stilett vor sich. Bei Tisch lauschte sie; vom Ärmelkanal hörte sie die Kanonen; sie fürchtete – einen Fluch, ein Flüstern? Unschuld und Arglosigkeit waren ihr um so teurer angesichts des finsteren Hintergrunds, vor den sie sie rückte. Und in selbiger Nacht, so lautet die Überlieferung, vermachte sie, als Orlando in tiefem Schlaf lag, das große klösterliche Gebäude, das dem Erzbischof und danach dem König gehört hatte, Orlandos Vater als Geschenk, indem sie die Urkunde unterzeichnete und mit ihrem Siegel versah.

Orlando schlief die ganze Nacht ahnungslos. Eine Königin hatte ihn geküsst, ohne dass er es wusste. Und vielleicht – denn die Herzen der Frauen sind kompliziert – lag es an seiner Unschuld und an seinem Aufschrecken, als ihre Lippen ihn berührten, dass die Erinnerung an ihren jungen Cousin (denn sie waren Blutsverwandte) ihr unvergesslich blieb. Jedenfalls waren kaum zwei Jahre dieses beschaulichen Landlebens vergangen und Orlando hatte nicht mehr als vielleicht zwanzig Tragödien und ein Dutzend Chroniken und zwei Handvoll Sonette geschrieben, als ihn die Botschaft erreichte, er solle der Königin in Whitehall seine Aufwartung machen.

»Hier«, sagte sie, als sie zusah, wie er die lange Galerie zu ihr entlangging, »kommt mein Argloser!« (Immer war eine Heiterkeit sein Merkzeichen, die wie Arglosigkeit wirkte, auch wenn dies längst nicht mehr zutraf.)

»Kommt!«, sagte sie. Kerzengerade saß sie neben dem Feuer. Und sie hielt ihn auf einen Fuß Entfernung von sich und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Verglich sie ihre seinerzeitigen Mutmaßungen mit dem, was sie nun sah? Erachtete sie ihre Vermutungen als gerechtfertigt? Augen, Mund, Nase, Brust, Hüften, Hände – sie ließ ihren Blick darübergleiten; ihre Lippen zuckten dabei sichtlich; doch als sie seine Beine erblickte, lachte sie laut auf. Er war der Inbegriff eines vornehmen Edelmannes. Aber in seinem Inneren? Sie richtete den kühnen Blick ihrer gelben Falkenaugen auf ihn, als wollte sie seine Seele durchdringen. Der junge Mann widerstand ihrem Blick und errötete nur damaszenerrosenfarben, wie es sich für ihn gebührte. Kraft, Anmut, Romantik, Torheit, Poesie, Jugendlichkeit – sie konnte ihn lesen wie ein offenes Buch. Sogleich zog sie einen Ring von ihrem Finger (dessen Gelenk merklich geschwollen war), steckte ihn Orlando an den Finger und ernannte ihn dabei zu ihrem Schatzmeister und Großhofmeister, legte ihm darauf die Ketten seiner Ämter um den Hals, forderte ihn auf, das Knie zu beugen, und knüpfte um dessen schmalste Stelle den juwelengeschmückten Hosenbandorden. Danach wurde ihm nichts mehr verweigert. Wenn sie in der Staatskarosse ausfuhr, ritt er neben ihrem Wagenschlag. Sie entsandte ihn nach Schottland mit einem traurigen Auftrag für die glücklose Königin. Er war im Begriff, zu den polnischen Kriegen aufzubrechen, als sie ihn zurückrief. Denn wie sollte sie den Gedanken ertragen, dieses zarte Fleisch zerrissen und diesen lockigen Kopf im Staub rollen zu sehen? Sie hielt ihn in ihrer Nähe. Auf dem Höhepunkt ihres Triumphs, als die Kanonen des Towers dröhnten und die Luft so voller Schießpulver war, dass man niesen musste, und das Hurrageschrei der Leute unter den Fenstern erklang, zog sie ihn in die Kissen hinunter, in die ihre Dienerinnen sie gebettet hatten (sie war so alt und so verbraucht), und drückte seinen Kopf in die verblüffende Mischung – sie hatte seit einem Monat das Gewand nicht gewechselt –, die, wie ihm scheinen wollte, wenn er sich seiner Kindheit entsann, ganz genau wie die alte Kleiderkammer zu Hause roch, in der die Pelze seiner Mutter aufbewahrt wurden. Er richtete sich auf, von der Umarmung schier erstickt. »Dies«, flüsterte sie, »ist mein Sieg!«, im selben Augenblick, in dem eine Rakete aufstieg und ihre Wangen scharlachrot überhauchte.

Denn die alte Frau liebte ihn. Und die Königin, die wusste, wann sie es mit einem Mann zu tun hatte, wenn auch nicht, wie gemunkelt wird, im üblichen Sinn, plante eine glanzvolle, ruhmreiche Laufbahn für ihn. Ländereien wurden ihm geschenkt, Häuser ihm übereignet. Er sollte im Alter ihr Sohn sein, Stütze ihrer Gebrechlichkeit, die Eiche, an die sie sich in ihrer Hinfälligkeit lehnen konnte. Dieses Versprechen und die befremdlichen herrischen Zärtlichkeiten krächzte sie hervor (sie weilten nun in Richmond), indes sie kerzengerade in ihrem steifen Brokat an dem Feuer saß, das sie nie wärmte, wie hoch der Holzstoß auch geschichtet sein mochte.

Unterdessen zogen die langen Wintermonate sich dahin. Jeder Baum im Park war vom Raureif überzogen. Mürrisch floss der Fluss. Eines Tages, als Schnee lag und die Zimmer mit ihrer dunklen Täfelung voller Schatten waren und die Hirsche im Park röhrten, sah sie in dem Spiegel, den sie aus Furcht vor Spionen immer bei sich hatte, durch die Tür, die sie aus Furcht vor Mördern immer offen hielt, einen Knaben – etwa Orlando? – ein Mädchen küssen – wer zum Teufel war dieses unverschämte Weibsbild? Sie zückte ihren Degen mit dem goldenen Heft und führte einen heftigen Schlag gegen den Spiegel. Das Glas zersplitterte; Leute kamen herbeigelaufen; sie wurde emporgehoben und wieder in ihren Sessel gesetzt; doch danach war sie gramgebeugt, und als ihre Tage sich dem Ende zuneigten, sprach sie oft seufzend von der Männer Perfidie.

Vielleicht war Orlando daran schuld, doch müssen wir Orlando wirklich tadeln? Das Zeitalter war elisabethanisch, die Moral jener Epoche war nicht die unsere, so wenig wie ihre Dichter oder ihr Klima, ja nicht einmal ihre Gemüse. Alles war anders. Selbst das Wetter – Hitze und Kälte in Sommer und Winter – war, wie wir annehmen dürfen, von gänzlich anderer Beschaffenheit. Der strahlende, liebeshungrige Tag war von der Nacht so deutlich geschieden wie das Land vom Wasser. Sonnenuntergänge waren röter und eindringlicher; Tagesanbrüche waren weißer und rosiger. Unser schattenhaftes Zwielicht und trübes Dämmerlicht waren jenen völlig unbekannt. Es regnete heftig oder gar nicht. Die Sonne schien gleißend, oder es herrschte Dunkelheit. Die Dichter übertrugen dies, wie es ihre Art ist, in innerliche Bereiche und sangen bezaubernd davon, wie Rosen verblühen und Blütenblätter fallen. Kurz währt der Augenblick, sangen sie; schon ist er vorbei; und aller harrt dann die eine lange Nacht des Schlafs. Was künstliche Hilfsmittel wie Gewächshäuser oder Treibhäuser angeht, um die frischen Nelken und Rosen länger blühend oder am Leben zu erhalten, gehörte dies nicht zu ihren Gepflogenheiten. Die schalen Raffinessen und Mehrdeutigkeiten unseres bedächtigeren und unschlüssigeren Zeitalters waren ihnen unbekannt. Leidenschaftlichkeit war das einzig Wichtige. Blumen blühten und welkten. Die Sonne ging auf und unter. Der Liebende liebte und entschwand. Und was die Dichter in Versen sagten, übersetzten die jungen Leute in die Praxis. Mädchen waren Rosen, und ihre Zeit währte so kurz wie die der Blumen. Vor Einbruch der Nacht mussten sie gepflückt werden, denn der Tag war kurz, und der Tag war das einzig Wichtige. Und wenn Orlando dem Beispiel des Klimas, der Dichter, der Epoche selbst folgte und seine Blume auf dem Fenstersitz pflückte, auch wenn Schnee lag und die Königin im Flur auf dem Posten war, bringen wir es nicht recht übers Herz, ihn zu tadeln. Er war jung; er war ein Knabe; er tat, was zu tun ihm die Natur eingab. Was das Mädchen angeht, wissen wir so wenig wie die Königin, wie es hieß. Vielleicht Doris, Chloris, Delia oder Diana, denn nacheinander widmete er ihnen allen Verse, und ebenso kann es sich um eine Hofdame oder um ein Dienstmädchen gehandelt haben. Denn Orlando war nicht wählerisch; er liebte nicht allein die Gartenblumen; Wildblumen und sogar Unkräuter waren immer reizvoll für ihn.

An dieser Stelle decken wir unzart, wie es einem Biographen erlaubt ist, eine sonderbare Eigenheit Orlandos auf, die daher rühren mag, dass eine ganz bestimmte Großmutter einen Bauernkittel getragen und Milcheimer ausgetragen hatte. Einige Krumen Erde aus Kent oder Sussex waren mit der dünnen, edlen Flüssigkeit vermischt, die er aus der Normandie geerbt hatte. Er war der Ansicht, dass es eine gute Mischung aus brauner Erde und blauem Blut sei. Gewiss ist, dass er stets eine Vorliebe für schlechten Umgang hatte – vor allem mit Gebildeten, die so oft durch ihren Verstand gelenkt sind –, als fühlte beider Seiten Blut sich gegenseitig angezogen. Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens, als sein Kopf vor Versen überquoll und er nie zu Bett ging, ohne vorher das eine oder andere manierierte Bild aus dem Ärmel geschüttelt zu haben, waren für ihn die Wange einer Wirtstochter blühender und der Geist einer Wildhütersnichte funkelnder als die der Damen bei Hofe. Daher begab er sich nunmehr nächtens häufig nach Wapping Old Stairs und in die Gartenlokale, in einen grauen Umhang gehüllt, um den Stern an seinem Hals und den Hosenbandorden an seinem Knie zu verbergen. Inmitten der sandbestreuten Wege und der Kegelbahnen und aller schlichten Baulichkeiten solcher Orte lauschte er, einen Krug vor sich, den Geschichten der Seeleute von Entbehrungen und Schrecknissen und Grausamkeit in der Karibik, wie manche ihre Zehen und andere ihre Nase verloren hatten – denn mündliche Erzählungen waren nie so ausgefeilt oder farbig wie niedergeschriebene. Besonders gern hörte er sie lautstark ihre Lieder von den Azoren anstimmen, indes die Papageien, die sie aus jenen Landstrichen mitgebracht hatten, an ihren Ohrringen pickten, mit ihren harten, habgierigen Schnäbeln nach den Rubinen an ihren Fingern hackten und genauso unflätig fluchten wie ihre Herren. Die Weibsbilder waren von kaum weniger losem Mundwerk und lockerem Betragen als die Vögel. Sie setzten sich Orlando auf den Schoß, schlangen ihm die Arme um den Hals, und da sie errieten, dass sich etwas Außergewöhnliches unter seinem groben Wollmantel verbarg, war ihnen nicht minder als ihm daran gelegen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Und an Gelegenheiten mangelte es nicht. Von früh bis spät wimmelte es auf dem Fluss von Lastkähnen, Leichtern und Schiffen jeder Art. Jeden Tag segelte ein schönes Schiff auf dem Weg nach Südostasien zum Meer, und hin und wieder mühte sich ein geschwärztes und abgerissenes Schiff mit unbekannter behaarter Besatzung flussaufwärts, um vor Anker zu gehen. Knaben oder Mädchen, die nach Sonnenuntergang noch ein wenig auf dem Wasser herumtrödelten, wurden von niemandem vermisst, und niemand runzelte die Stirn, wenn böse Zungen sie in enger Umarmung friedlich zwischen den Säcken voller Schätze schlafen gesehen haben wollten. Genau dies widerfuhr Orlando, Sukey und dem Grafen von Cumberland. Es war ein heißer Tag; sie hatten fleißig der Liebe gepflegt; sie waren mitten unter den Rubinen eingeschlafen. Spät des Nachts kam der Graf, dessen Geschick und Wohlstand eng mit den karibischen Abenteuern verbunden war, allein mit einer Laterne, um die Beute zu begutachten. Er ließ das Licht auf ein Fass fallen. Mit einem Fluch fuhr er zurück. Um das Fass schlangen sich zwei schlafende Geistererscheinungen. Der Graf, von Natur aus abergläubisch und mit einem von so mancher Untat belasteten Gewissen, hielt die beiden – sie waren in einen roten Umhang gehüllt, und Sukeys Busen war fast so weiß wie der ewige Schnee aus Orlandos Gedichten – für ein Gespenst, den Gräbern ertrunkener Matrosen entstiegen, um ihm die Leviten zu lesen. Er bekreuzigte sich. Er gelobte Buße. Die Reihe von Armenhäusern, die heute noch in der Sheen Road steht, ist die sichtbare Frucht des Schreckens dieses Augenblicks. Zwölf bedürftige alte Frauen des Kirchspiels trinken heutigen Tages Tee und danken des Abends seiner Lordschaft für ein Dach über dem Kopf, und man könnte meinen, dass verbotene Liebe auf einem Schatzschiff – aber lassen wir die Moral.

Doch schon bald empfand Orlando Überdruss, nicht nur an dem Ungemach einer solchen Lebensweise und der verwinkelten Straßen der Umgebung, sondern auch an den groben Umgangsformen der Leute. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Verbrechen und Armut für die Menschen der elisabethanischen Zeit keineswegs den Reiz hatten, den sie für uns haben. Bildung war ihnen keineswegs etwas zum Schämen, wie heute uns, sie teilten keineswegs die heute von uns gehegte Überzeugung, es sei eine Auszeichnung, als Sohn eines Metzgers geboren zu sein, und eine Tugend, Analphabet zu sein; sie machten sich keine Vorstellung davon, dass das, was wir »Leben« und »Wirklichkeit« nennen, mit Unwissen und Brutalität zu tun hat, und sie besaßen nicht einmal irgendeine Entsprechung für diese zwei Begriffe. Nicht auf der Suche nach »Leben« begab Orlando sich unter sie, und er verließ sie nicht auf der Suche nach »Wirklichkeit«. Doch als er oft genug zu hören bekommen hatte, wie Jakes seine Nase und Sukey ihre Ehre verloren hatte – und um der Wahrheit die Ehre zu geben, erzählten sie ihre Geschichten ganz großartig –, wurde er der Wiederholung ein ganz klein wenig überdrüssig, da eine Nase nur auf die eine Art und Weise abgeschnitten und die Jungfräulichkeit nur auf die andere Art und Weise abhandenkommen kann – zumindest war das seine Ansicht –, wohingegen Kunst und Wissenschaft von einem Abwechslungsreichtum waren, der größte Neugier in ihm weckte. Und deshalb verließ er die Gartenlokale und Kegelbahnen, obwohl er sich gern an sie erinnerte, hängte seinen grauen Umhang in den Kleiderschrank, ließ seinen Stern am Hals und seinen Hosenbandorden am Knie funkeln und ließ sich wieder am Hof König James' blicken. Er war jung, er war reich, er sah gut aus. Niemand hätte begeisterter aufgenommen werden können.

Es ist mehr als gewiss, dass viele Damen bereit waren, ihm ihre Gunst zu gewähren. Die Namen dreier von ihnen wurden offen mit dem seinen in Heiratsdingen verbunden: Clorinda, Favilla und Euphrosyne, wie er sie in seinen Sonetten nannte.

Um sie der Reihe nach zu behandeln, war Clorinda eine durchaus liebenswerte, sanfte Dame, und wahrhaftig war Orlando sechseinhalb Monate lang sehr von ihr eingenommen, doch sie hatte weiße Wimpern und konnte kein Blut sehen. Ein gebratener Hase, der am Tisch ihres Vaters aufgetragen wurde, ließ sie in Ohnmacht fallen. Und sie stand stark unter dem Einfluss der Priester und sparte an ihrer Unterwäsche, um den Armen zu spenden. Sie machte sich daran, Orlando von seinen Sünden zu bekehren, und das war ihm zuwider, und er nahm von der Heirat Abstand und war nicht allzu traurig, als sie bald darauf an den Blattern starb.

Favilla, die Nächste in der Reihe, war von völlig anderer Wesensart. Sie war die Tochter eines armen Edelmanns aus Somersetshire, hatte sich bei Hofe durch schiere Beharrlichkeit und offene Augen hochgedient, wo ihre Eleganz im Sattel, ihr vornehmer Spann und ihre Anmut im Tanz ihr allseitige Bewunderung verschafft hatten. Einmal war sie jedoch so unklug, unterhalb Orlandos Fenster einen Spaniel, der einen ihrer Seidenstrümpfe zerfetzt hatte (wobei zu ihren Gunsten eingeräumt werden muss, dass Favilla nur wenige Strümpfe besaß und hauptsächlich solche aus grober Wolle), halb totzupeitschen. Orlando, der Tiere über alles liebte, sah nun auf einmal, dass sie schiefe Zähne hatte, die Schneidezähne gar nach innen verschoben, was, wie er sagte, bei Frauen zuverlässig auf eine bösartige und grausame Veranlagung hindeute, und noch am selben Abend löste er das Verlöbnis ein für alle Mal.

Euphrosyne, die Dritte, war die bei weitem ernsthafteste seiner drei Liebschaften. Sie war eine gebürtige irische Desmond und besaß folglich einen ebenso alten und ebenso tief verwurzelten Stammbaum wie Orlando selbst. Sie war blond, rosig und eine Spur träge. Sie sprach gut Italienisch und hatte eine Reihe makelloser Zähne im Oberkiefer, wenngleich die untere Reihe etwas verfärbt war. Stets hatte sie einen Windhund oder Spaniel zur Seite, den sie mit Brot von ihrem eigenen Teller fütterte; sie sang lieblich zum Virginal und war nie vor Mittag angekleidet, weil sie so ausnehmend heikel war. Kurzum, sie wäre die vollkommene Ehefrau für einen Edelmann wie Orlando gewesen, und alles war bereits so weit gediehen, dass die Rechtsbeistände beider Parteien emsig Verträge, Leibgedinge, Vermächtnisse, Anwesen und Grundbesitz und alles Weitere erörterten, das erforderlich ist, damit ein großes Vermögen sich mit einem anderen zusammentun kann, als mit der Plötzlichkeit und Härte, die damals das englische Klima kennzeichnete, der große Frost hereinbrach.

Der Große Frost, so sagen uns die Historiker, war die größte Kälteperiode, die jemals diese Inseln heimsuchte. Vögel erfroren in der Luft und fielen wie Steine zu Boden. In Norwich wollte eine junge Bäuerin in bester Gesundheit die Straße überqueren, und die Umstehenden sahen, wie sie wahrhaftig pulverisiert und als Staubwolke über die Dächer geblasen wurde, als der eisige Windstoß an der Straßenecke über sie herfiel. Die Sterblichkeit unter Schafen und Rindern war erschreckend. Leichname gefroren und konnten nicht von den Bettlaken gelöst werden. Nicht selten sah man ganze Schweineherden, die auf der Straße reglos gefroren waren. Felder und Wiesen waren voller Schafhirten, Ackermänner, Pferdegespanne und kleiner Jungen, die Vögel vertreiben sollten, die allesamt mitten in ihrem Tun erstarrt waren, der eine die Hand an der Nase, der andere die Flasche am Mund, ein dritter mit erhobenem Stein, den er nach den Raben werfen wollte, die wie ausgestopft auf der Hecke hockten, keine Armeslänge von ihm entfernt. Der Frost war so außerordentlich streng, dass er bisweilen eine Art Versteinerung auslöste, und es wurde allgemein vermutet, die große Zunahme an Steinen in Derbyshire gehe nicht etwa auf einen Vulkanausbruch zurück, der sich nachweislich nicht ereignet hatte, sondern auf die Erstarrung bedauernswerter Wanderer, die dort, wo sie standen, im Wortsinn versteinert waren. Die Kirche konnte in dieser Sache nicht viel Hilfe bieten, und wenngleich manche Grundbesitzer diese Reliquien weihen ließen, war es den meisten lieber, sie als Marksteine, Kratzpfosten für Schafe oder, so die Form des Steins es erlaubte, als Viehtränken zu benutzen, welche Zwecke sie bis zum heutigen Tag und in der Regel tadellos erfüllen.

Doch während auf dem Land das Nötigste entbehrt wurde und der Handel zum Erliegen kam, genoss man in London Festlichkeiten von ausgemachter Pracht. Der Hof weilte in Greenwich, und der neue König nutzte die Gelegenheit, sich anlässlich seiner Krönung bei den Bürgern beliebt zu machen. Auf eigene Kosten ließ er den Fluss, der auf eine Länge von sechs, sieben Meilen bis in die Tiefe von zwanzig Fuß zugefroren war, kehren und so schmücken, dass er aussah wie ein Park oder Lustgarten, mit Lauben, Labyrinthen, Wegen, Trinkbuden und dergleichen mehr. Für sich und seine Höflinge ließ er eine Stelle unmittelbar gegenüber den Toren des Palasts abgrenzen, nur mittels einer Seidenkordel vom öffentlichen Bereich getrennt, die sofort zum Treffpunkt der elegantesten Gesellschaft ganz Englands wurde. Große Staatsmänner mit Bart und Halskrause erledigten ihre Staatsgeschäfte unter der karmesinroten Markise der königlichen Pagode. Soldaten planten die Eroberung der Mauren und die Unterwerfung der Türken in gestreiften Lauben, von Straußenfedern überragt. Admiräle stolzierten die engen Pfade entlang, ein Glas in der Hand, mit dem Blick die Ferne absuchend, und erzählten von der Nord-West-Passage und von der spanischen Armada. Liebespaare neckten sich auf Polstern, die mit Zobelpelzen bedeckt waren. Gefrorene Rosen regneten herunter, wenn die Königin mit ihren Hofdamen lustwandelte. Farbige Ballons hingen unbewegt in der Luft. Hie und da brannten große Feuer aus Zedern- und Eichenholz, ausgiebig mit Salz bestreut, so dass sie feurig grün, orangegelb und purpurrot loderten. Doch so kraftvoll sie auch brannten, genügte ihre Hitze nicht, um das Eis zu schmelzen, das trotz seiner eigentümlichen Durchsichtigkeit so hart wie Stahl war. Es war von solcher Klarheit, dass man in mehreren Fuß Tiefe hier einen gefrorenen Tümmler, dort eine gefrorene Flunder ausmachen konnte. Aalschwärme lagen in regloser Trance, doch ob es ein Zustand des Todes oder nur unterbrochener Bewegung war, die durch Wärme wiederbelebt werden würde, darüber rätselten die Philosophen. Nahe der London Bridge, wo der Fluss bis zu einer Tiefe von zwanzig Klaftern zugefroren war, konnte man deutlich einen gesunkenen Leichter erkennen, der im Flussbett lag, in das er, mit Äpfeln überladen, im vergangenen Herbst getrudelt war. Die alte Frau aus dem Bumboot, die mit ihren Früchten zum Markt auf dem Südufer unterwegs gewesen war, saß da in ihren karierten Überwürfen und ihren Reifröcken, den Schoß voller Äpfel, gerade so, als wollte sie Kundschaft bedienen, obwohl eine gewisse Bläue um die Lippen die Wahrheit andeutete. Es war ein Anblick, den König James ganz besonders schätzte, und oft kam er mit Höflingen, die mit ihm schauen durften. Kurzum, unübertroffen waren Glanz und Fröhlichkeit der Szenerie bei Tage. Doch nächtens waren die Lustbarkeiten am ausgelassensten. Denn der Frost hielt ungemindert an; die Nächte waren von vollendeter Stille; Mond und Sterne strahlten so hart und beständig wie Diamanten, und die Höflinge tanzten zu den zarten Klängen von Flöte und Trompete.

Orlando jedoch zählte nicht zu denen, die Courante und Lavolta beschwingten Fußes tanzten, denn er war linkisch und ein wenig verträumt. Viel lieber als diese wunderlichen fremdländischen Tanzschritte waren ihm die schlichten Tänze seiner Heimat, die er als Kind getanzt hatte. Wahrhaftig hatte er am siebten Januar gegen sechs Uhr abends gegen Ende einer solchen Quadrille oder eines Menuetts mit Mühe und Not seine Füße nebeneinandergestellt, als er eine Gestalt erblickte, die aus dem Pavillon der moskowitischen Gesandtschaft trat und ihn mit höchster Neugier erfüllte, ob Knabe oder Frau, denn die weite Tunika und die Hose nach russischer Fasson verbargen das Geschlecht. Die Person, welchen Namens oder Geschlechts sie auch sein mochte, war von mittlerer Größe, sehr schmal und von Kopf bis Fuß in austernfarbenen Samt gekleidet, mit einem unvertrauten grünlichen Pelzbesatz versehen. Doch solche Einzelheiten verblassten neben dem einzigartig verführerischen Zauber, den die ganze Person ausstrahlte. Bilder und Metaphern, so verstiegen wie verrückt, verwoben und verwickelten sich in Orlandos Geist. Er nannte sie eine Melone, eine Ananas, einen Olivenbaum, einen Smaragd und einen Fuchs im Schnee und all das innerhalb von drei Sekunden, ohne dass er hätte sagen können, ob er sie gehört, geschmeckt, gesehen hatte oder alles drei. (Denn obwohl wir keinen Augenblick in unserem Bericht innehalten dürfen, mag es uns erlaubt sein, an dieser Stelle schnell zu vermerken, dass all seine Bilder zu jener Zeit so schlicht wie möglich waren, wie es seinen Sinnen entsprach, und sich weitgehend auf Dinge bezogen, deren Geschmack er als Knabe geliebt hatte. Doch so schlicht seine Sinne waren, so ausnehmend stark waren seine Sinneseindrücke. Zu verweilen, um diesen Dingen auf den Grund zu gehen, kommt auf keinen Fall in Frage.) … Eine Melone, ein Smaragd, ein Fuchs im Schnee – so phantasierte er und konnte den Blick nicht abwenden. Als der Knabe – denn ach, ein Knabe musste es sein, da keine Frau so schnell und kraftvoll Schlittschuh laufen konnte – wie auf Zehenspitzen an ihm vorbeiflitzte, hätte Orlando sich am liebsten vor Verdruss die Haare gerauft, dass es eine Person seines Geschlechts war, so dass keinerlei Umarmungen in Frage kamen. Doch der Schlittschuhläufer näherte sich. Beine, Hände, Körperhaltung waren die eines Knaben, doch kein Knabe besaß einen solchen Mund; kein Knabe hatte solche Brüste; kein Knabe hatte Augen, die aussahen, als wären sie vom Meeresgrund gefischt worden. Und schließlich blieb die unbekannte Schlittschuhläuferin stehen, nachdem sie vor dem König, der am Arm eines Kammerherrn dahinschlurfte, innegehalten und einen überaus anmutigen Hofknicks vollführt hatte. Sie stand keine Handbreit entfernt. Sie war eine Frau. Orlando starrte sie an, zitterte, ihm wurde heiß, ihm wurde kalt; am liebsten hätte er sich durch Sommerluft gestürzt, Eicheln zertreten, die Arme geschüttelt wie Buchen und Eichen ihre Zweige. So begnügte er sich damit, die Lippen über seinen kleinen weißen Zähnen zu entblößen, sie einen halben Fingerbreit zu öffnen, wie um zu beißen, und sie zu schließen, als hätte er zugebissen. Lady Euphrosyne stützte sich auf seinen Arm.

Er erfuhr, dass die Unbekannte Fürstin Maruschka Stanislowska Dagmar Natascha Iliana Romanowitsch hieß und im Gefolge des Moskowiter Gesandten, der ihr Onkel sein mochte oder auch ihr Vater, gekommen war, um der Krönung beizuwohnen. Von den Moskowitern wusste man nicht viel. Mit ihren langen Bärten und ihren Pelzmützen saßen sie fast stumm da und tranken eine schwärzliche Flüssigkeit, die sie ab und zu auf das Eis spien. Keiner von ihnen sprach Englisch, und das Französische, das wenigstens einigen von ihnen geläufig war, wurde damals am englischen Hof kaum gesprochen.

Durch diesen Umstand wurden Orlando und die Fürstin miteinander bekannt. Sie saßen einander gegenüber an der großen Tafel, die unter einer gewaltigen Markise zur Bewirtung der Standespersonen gedeckt war. Die Fürstin saß zwischen zwei jungen Edelleuten; Lord Francis Vere war der eine und der andere der junge Graf von Moray. Es war belustigend zu sehen, in welche Zwickmühle sie die beiden alsbald gebracht hatte, denn beide waren auf ihre Weise zweifellos wackere Burschen, aber das Kind im Mutterleib war des Französischen kaum weniger mächtig als sie. Als die Fürstin sich zu Beginn des Mahls an den Grafen wandte und mit einer Anmut, die sein Herz bezauberte, zu ihm sagte: »Je crois avoir fait la connaissance d'un gentilhomme qui vous était apparenté en Pologne l'été dernier«, oder: »La beauté des dames de la cour d'Angleterre me met dans le ravissement. On ne peut voir une dame plus gracieuse que votre reine, ni une coiffure plus belle que la sienne«, bezeigten sowohl Lord Francis als auch der Graf höchste Verlegenheit. Der eine schöpfte der Fürstin großzügig Meerrettichsauce auf den Teller, der andere pfiff seinen Hund herbei und wies ihn an, Männchen zu machen und um einen Markknochen zu betteln. Daraufhin konnte die Fürstin sich das Lachen nicht mehr verbeißen, und Orlando, der über die Wildschweinköpfe und gefüllten Pfauen im Federschmuck hinweg ihren Blick auffing, lachte mit. Er lachte, doch das Lachen erstarrte ihm vor Verwunderung auf den Lippen. Wen hatte er bisher – was hatte er bisher geliebt, fragte er sich in einem Aufruhr der Gefühle. Eine alte Frau, antwortete er, nur mehr Haut und Knochen. Viel zu viele rotwangige Dirnen. Eine winselnde Nonne. Eine hartnäckige Abenteurerin mit grausamem Mund. Einen nickenden Haufen Spitze und Förmlichkeit. Liebe hatte ihm nicht mehr bedeutet als Sägespäne und Asche. Die Freuden, die er dabei gekostet hatte, waren von überaus fadem Geschmack gewesen. Er wunderte sich, dass er es hinter sich gebracht hatte, ohne gähnen zu müssen. Denn indem er schaute, schmolz sein träges Blut; das Eis in seinen Adern wurde zu Wein; er hörte die Wasser fließen und die Vögel singen; der Frühling brach über die erstarrte winterliche Landschaft herein; sein Mannesmut erwachte; er ergriff einen Degen; er nahm es mit einem kühneren Gegner als Polen oder Mauren auf; er tauchte in tiefes Wasser; er sah die Blume der Gefahr in einem Felsspalt blühen; er streckte die Hand aus – tatsächlich sprudelte eines seiner leidenschaftlichsten Sonette aus ihm heraus, als die Fürstin das Wort an ihn richtete: »Wären Sie so freundlich, mir das Salz zu reichen?«

Er errötete zutiefst.

»Mit dem größten Vergnügen, Madame«, erwiderte er in perfekt ausgesprochenem Französisch. Denn dem Himmel sei Dank sprach er Französisch wie seine Muttersprache; die Zofe seiner Mutter hatte es ihn gelehrt. Und doch wäre es vielleicht besser für ihn gewesen, diese Sprache nie gelernt zu haben, dieser Stimme nie geantwortet zu haben, dem Licht dieser Augen nie gefolgt zu sein …

Die Fürstin sprach weiter. Wer, fragte sie ihn, waren diese Tölpel mit den Sitten von Stallknechten, die neben ihr saßen? Was war das für ein ekles Gebräu, das man ihr auf den Teller geleert hatte? Fraßen in England die Hunde am selben Tisch, an dem die Menschen aßen? War die komische Figur am Ende des Tischs mit den wie zu einem Maibaum aufgetürmten Haaren (comme une grande perche mal fagotée) allen Ernstes die Königin? Und sabberte der König immer so? Und welcher von diesen Laffen war George Villiers? Obwohl diese Fragen Orlando zuerst nicht wenig aus der Fassung brachten, wurden sie so schalkhaft und schelmisch gestellt, dass er unwillkürlich lachen musste; und da er den ausdruckslosen Mienen der anderen ablesen konnte, dass niemand sie verstand, antwortete er ihr so ungezwungen, wie sie gefragt hatte, und sprach wie sie tadelloses Französisch.

So entspann sich ein vertrauliches Verhältnis zwischen ihnen, das schon bald Aufsehen und Anstoß bei Hofe erregte.

Denn schon bald war nicht zu übersehen, dass Orlando der Moskowiterin weit aufmerksamer begegnete, als bloße Höflichkeit erforderte. Selten wich er von ihrer Seite, und ihr Austausch war für die anderen zwar unverständlich, wurde jedoch mit solcher Lebhaftigkeit geführt und bewirkte so viel Erröten und Gelächter, dass der Begriffsstutzigste sich den Inhalt denken konnte. Zudem war eine auffällige Veränderung mit Orlando vor sich gegangen. Noch nie hatte man ihn so lebhaft erlebt. Im Verlauf einer Nacht hatte er sich seiner knabenhaft linkischen Art entledigt und hatte sich von einem mürrischen Grünschnabel, der das Zimmer einer Dame nicht zu betreten wusste, ohne die Hälfte des Putzes vom Tisch zu fegen, zu einem Edelmann voll Anmut und männlicher Artigkeit gewandelt. Wenn er der Moskowiterin (wie man sie nannte) in ihren Schlitten half oder ihr die Hand zum Tanz reichte oder das getupfte Tüchlein auffing, das sie fallen ließ, oder irgendeinen anderen der zahllosen Dienste verrichtete, welche die Dame des Herzens verlangt und der Liebhaber ihr zuvorkommend von den Augen abliest, war dies ein Anblick, der die trüben Augen des Alters zum Leuchten brachte und den schnellen Pulsschlag der Jugend beschleunigte. Doch über alldem dräute ein Schatten. Die Alten zuckten die Schultern. Die Jungen kicherten verstohlen. Alle wussten, dass Orlando einer anderen versprochen war. Lady Margaret O'Brien O'Dare O'Reilly Tyrconnel (denn so lautete der wahre Name der Euphrosyne aus den Sonetten) trug Orlandos herrlichen Saphir am zweiten Finger ihrer linken Hand. Sie hatte das Vorrecht auf seine Aufmerksamkeiten. Doch sie hätte alle Taschentücher aus ihrem Kleiderschrank (und sie besaß viele Dutzende) auf das Eis fallen lassen können, ohne dass Orlando sich gebückt hätte, um sie aufzuheben. Sie konnte zwanzig Minuten lang darauf warten, dass er ihr in den Schlitten half, und musste sich zuletzt mit den Diensten ihres Kammermohren begnügen. Wenn sie Schlittschuh fuhr, und zwar ziemlich linkisch, war niemand an ihrer Seite, der sie ermutigte, und wenn sie stürzte, und zwar ziemlich schwerfällig, war niemand zur Stelle, um sie aufzurichten und ihr den Schnee von den Röcken zu klopfen. Obwohl sie von Natur aus träge und nicht schnell gekränkt war und im Unterschied zu den meisten anderen eine ganze Weile brauchte, bis sie es für denkbar hielt, dass eine Ausländerin ihr Orlandos Zuneigung streitig machen konnte, musste selbst Lady Margaret zu guter Letzt mutmaßen, dass sich etwas zusammenbraute, was ihren Seelenfrieden gefährdete.