Orte, die Zeiten überdauern - Kathryn Hurlock - E-Book

Orte, die Zeiten überdauern E-Book

Kathryn Hurlock

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Beschreibung

Jedes Jahr begeben sich unzählige Menschen auf Pilgerreise. Die Gründe dafür sind jedoch nicht nur spiritueller Art. Beim Pilgern handelt es sich immer auch um einen politischen Akt, geht es darum, mit der eigenen Identität und der Geschichte der besuchten Orte in Dialog zu treten.

Die Historikerin Kathryn Hurlock folgt der Spur der Pilger zu neunzehn besonderen Stätten: von Jerusalems Tempeln zu den Ufern des Ganges, von den Ruinen Delphis nach Shikoku, Lourdes und Buenos Aires. Dabei zeigt sie auf, wie diese uralte Praxis seit jeher das Schicksal von Städten, Dynastien und Kulturen bestimmt hat. Eine faszinierende Reise durch die Geschichte eines unserer grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse.

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Seitenzahl: 706

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchTitelEINLEITUNG: PILGERN – EIN WELTWEITES PHÄNOMEN1. KAPITEL: TAI SHAN – CHINA2. KAPITEL: DER GANGES – INDIEN3. KAPITEL: DELPHI – GRIECHENLAND4. KAPITEL: JERUSALEM – ISRAEL/PALÄSTINA5. KAPITEL: MEKKA – SAUDI-ARABIEN6. KAPITEL: ROM – ITALIEN7. KAPITEL: ISTANBUL – TÜRKEI8. KAPITEL: IONA – SCHOTTLAND9. KAPITEL: KERBELA – IRAK10. KAPITEL: CHICHÉN ITZÁ – MEXIKO11. KAPITEL: MUXIMA – ANGOLA12. KAPITEL: MATHÓ PAHÁ – SOUTH DAKOTA, USA13. KAPITEL: AMRITSAR – PUNJAB, INDIEN14. KAPITEL: LOURDES – FRANKREICH15. KAPITEL: SAINTES-MARIES-DE-LA-MER – FRANKREICH16. KAPITEL: RĀTANA PĀ – NEUSEELAND17. KAPITEL: BUENOS AIRES – ARGENTINIEN18. KAPITEL: SHIKOKU – JAPAN19. KAPITEL: SANTIAGO DE COMPOSTELA – SPANIENDANKSAGUNGBIBLIOGRAFIEABBILDUNGENANMERKUNGENREGISTERÜber die AutorinImpressum

Über dieses Buch

Jedes Jahr begeben sich unzählige Menschen auf Pilgerreise. Die Gründe dafür sind jedoch nicht nur spiritueller Art. Beim Pilgern handelt es sich immer auch um einen politischen Akt, geht es darum, mit der eigenen Identität und der Geschichte der besuchten Orte in Dialog zu treten.

Die Historikerin Kathryn Hurlock folgt der Spur der Pilger zu neunzehn besonderen Stätten: von Jerusalems Tempeln zu den Ufern des Ganges, von den Ruinen Delphis nach Shikoku, Lourdes und Buenos Aires. Dabei zeigt sie auf, wie diese uralte Praxis seit jeher das Schicksal von Städten, Dynastien und Kulturen bestimmt hat. Eine faszinierende Reise durch die Geschichte eines unserer grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse.

KATHRYN HURLOCK

ORTE, DIE

ZEITEN

ÜBERDAUERN

WIE PILGERREISENDIE WELT VERÄNDERTHABEN

Übersetzung aus dem Englischen vonKarin Hielscher

EINLEITUNG: PILGERN – EIN WELTWEITES PHÄNOMEN

Im Winter 1171 befand sich König Heinrich II. von England auf dem Weg nach Irland, als er in Wales beschloss, sich Zeit für einen kurzen Abstecher zu einem Wallfahrtsort zu nehmen. Nach Irland reiste er aus rein politischen Gründen. Einige seiner in Wales ansässigen normannischen Lords hatten kürzlich Teile Irlands erobert, und Heinrich musste sich persönlich bei ihnen zeigen, um dem Ganzen den Stempel seiner königlichen Autorität aufzudrücken. Für den König gab es sonst kaum einen Grund, das abgelegene Pembrokeshire zu besuchen, aber wo er nun schon einmal in der Gegend war, bot sich die perfekte Gelegenheit, eine Pilgerreise zur wichtigsten religiösen Stätte der Gegend zu unternehmen – zur kleinen Kathedrale von St. Davids. Fünfzig Jahre zuvor hatte der Papst erklärt, dass zwei Pilgerfahrten nach St. Davids den gleichen spirituellen Wert hätten wie eine Wallfahrt nach Rom, was die Sache attraktiv machte. Auch Heinrichs Vorhaben, die Irische See mitten im Winter zu überqueren, ließ es ratsam erscheinen, für eine sichere Überfahrt zu beten, schließlich hatte er das zuvor auch immer getan, wenn er in See gestochen war, etwa um die von ihm beherrschten Gebiete in Frankreich zu besuchen. Damit seine Bitten auch erhört wurden, machte er der Kathedrale anlässlich seines Besuchs zwei Chorumhänge und etwas Silber zum Geschenk. Möglicherweise hatte seine Pilgerreise noch ein drittes Motiv: Der König hatte sich vor Kurzem mit dem Lord dieser Region im Süden von Wales zerstritten, und eine Pilgerreise signalisierte, dass er Frieden mit Lord Rhys ap Gruffydd schließen wollte. Zumindest solange er in Irland weilte, musste dem König daran gelegen sein, den lokalen Machthaber in diesem Glauben zu lassen.

Im folgenden Jahr kehrte Heinrich aus Irland zurück und ging in der St. Justinian’s Bay an Land, nur rund drei Kilometer von der im Landesinneren gelegenen Kathedrale entfernt. Als er diesmal nach St. Davids kam, um zu beten, war er »wie ein Pilger gekleidet, ging zu Fuß und auf einen Stab gestützt«. Dieser Besuch hatte offenkundig einen frommeren Anstrich als der vorherige, denn der König reiste ohne seinen Hofstaat (den hatte er in das südlicher gelegene Milford Haven vorausgeschickt) und hatte es so eingerichtet, dass er kurz nach Ostern eintraf. Als Heinrich ankam, wurde er von den Kanonikern der Kathedrale herzlich willkommen geheißen. (Ganz anders empfing ihn eine der einheimischen Frauen, die ihm den Tod prophezeite.) Nachdem er in der Kathedrale die entsprechenden Gebete gesprochen und damit die zweite Pilgerreise nach St. Davids vollendet hatte, war ihm die spirituelle Belohnung nun sicher. Womöglich spürte er, dass er der Absolution bedurfte. Denn es hieß, er habe den Märtyrertod seines früheren Freundes, des Erzbischofs Thomas Beckett, im Dezember 1170 in der Kathedrale von Canterbury veranlasst.1 Obwohl die Kathedrale ein eher kleines Bauwerk war und abgeschieden lag, kam ihr doch eine große Bedeutung zu. Für den König war sie ein Wallfahrtsort, an dem er himmlischen Beistand für eine sichere Überfahrt auf See, für seine Beziehungen zu anderen Herrschern und für seine unsterbliche Seele einholen konnte. Schon die Tatsache, dass er dort wohlbehalten eingetroffen war, setzte ein machtvolles Zeichen, denn Südwales war den englischen Königen nicht immer wohlgesonnen gewesen.

Seit Jahrtausenden sind Menschen überall auf der Welt auf Pilgerfahrt gegangen, um ihre Götter, Heiligen und Geisterwesen um Beistand zu bitten, wenn sie Schutz benötigten, ihre aufgewühlten Seelen beruhigen wollten, Heilung suchten oder den Wunsch hatten, ihre Dankbarkeit auszudrücken oder ein politisches Statement zu setzen. Manche nahmen eine Reise über Tausende von Kilometern auf sich, um nach Monaten, wenn nicht sogar Jahren zu einer heiligen Stätte zu gelangen. Doch für die meisten bedeutete es wahrscheinlich eher eine Wallfahrt vor Ort, die sich an einem Tag bewältigen ließ. Viele Pilger gingen wie Heinrich II. immer wieder auf Pilgerreise und besuchten aus unterschiedlichen Motiven heilige Orte, von denen jeder etwas anderes zu bieten hatte.

Als religiöse Routine, die in den meisten Glaubensrichtungen überall auf der Welt praktiziert wird, waren Pilgerfahrten schon immer ein Spiegelbild des Zeitgeschehens, unabhängig davon, ob die Pilger Anhänger der großen Religionen oder kleiner Sekten oder Menschen ohne Anbindung an eine bestimmte Religionsgemeinschaft waren. Muslime sind verpflichtet, sofern sie dazu in der Lage sind, mindestens einmal im Leben nach Mekka zu pilgern. Für Christen sind Pilgerfahrten ein freiwilliger, aber vielfach praktizierter Ausdruck ihres Glaubens. Auch Hindus und Buddhisten werden zu Pilgerreisen ermutigt, und für die indigene Bevölkerung der amerikanischen Prärie oder die Roma in Europa sind sie ein fester Bestandteil und wichtiger Meilenstein ihres Lebens. Doch das Wie, Wann und Warum hat sich im Laufe der Zeit verändert, mehr noch, von Ort zu Ort ganz unterschiedlich entwickelt, weil alle möglichen Faktoren – von Wetterkapriolen bis hin zu Kriegen – ihre Spuren hinterlassen haben. Pilgerreisen wurden aus den unterschiedlichsten Gründen unternommen, von der Hoffnung auf persönliche Heilung oder spirituelles Wachstum bis hin zum Wunsch, Bestätigung für politische Entscheidungen oder Unterstützung für die Herrschaft über ganze Reiche zu bekommen. Heutzutage werden Pilgerreisen in erster Linie als eine Gelegenheit zur Kontemplation betrachtet, die den Glauben vertiefen oder das Wohlbefinden fördern kann, doch schon viele der ältesten Wallfahrten vermischten das Spirituelle und das Irdische so, dass sich beides nicht trennen ließ. Die alten Griechen befragten regelmäßig Orakel um Rat, wenn es um Entscheidungen in Politik und Krieg ging; kam es zu dynastischen Machtwechseln, suchten die Chinesen einst die Zustimmung der im Volksglauben verankerten Götter; mittelalterliche Könige besuchten Pilgerstätten, um spirituellen Beistand für ihre Kriege zu erbitten und um für ihre Siege zu danken. Welchen anderen Verlauf hätte die Weltgeschichte wohl genommen, wenn das Pilgern nicht allerorten Teil der politischen Praxis gewesen wäre? Doch auch auf persönlicher Ebene waren Pilgerfahrten von großer Bedeutung. Was hätten Menschen, die Heilung suchen, tun sollen zu einer Zeit, in der es keine allgemeine Gesundheitsversorgung gab? Wohin hätten sie sich in ihrer Verzweiflung wenden können?

Einige Wallfahrtsorte haben Jahrtausende überdauert, darunter etwa die Berge, denen in China mit Ehrfurcht begegnet wird, oder die überall auf der Welt verehrten Flüsse und Brunnen. Andere Orte sind entstanden und wieder vergangen, möglicherweise weil neu aufblühende religiöse Zentren größere Anziehungskraft entfaltet und ihnen den Rang abgelaufen haben. Ein noch außergewöhnlicheres Wunder, ein noch mächtigerer Gott oder noch beeindruckendere Bauwerke veranlassen Pilger, sich auf den Weg zu neuen heiligen Stätten zu machen, während Pilgerorte, die aus der Mode kommen, aufgrund des Besucherrückgangs mit Einkommensverlusten zu kämpfen haben. Wenn Orte verfallen, die ursprünglich viele Pilger angezogen haben, kommen auch die Pilgerrouten in die Jahre und verschwinden aus dem kulturellen Gedächtnis. Im Laufe der Geschichte wurden Heiligtümer und Grabanlagen von Heiligen durch Naturereignisse, neue Herrscher oder feindliche Truppen zerstört. Manchmal handelte es sich dabei lediglich um Kollateralschäden; wenn allerdings eine Pilgerstätte für die Souveränität eines Ortes von zentraler Bedeutung war, konnten die Angriffe auch gezielt und politisch motiviert sein. Es hatte politische Gründe, dass im Mittelalter im Iran und in Zentralasien Sufi- wie Aliden-Schreine verwüstet und in der Kolonialzeit in Indien Tempel geschleift wurden. Sich verändernde Glaubensvorstellungen und Ideologien haben zur Zerstörung von Pilgerstätten und sogar zum Verbot von Wallfahrten geführt. In Europa wurden im Verlauf der Reformation etwa in Großbritannien und den Niederlanden Heiligtümer verwüstet, Tausende von vormals sakralen Gebäuden verschlossen, darinnen gefundene Bilder, Reliquien und Statuen zerschlagen oder eingeschmolzen, und im Zuge der Unterdrückung des Katholizismus wurde letztlich das Pilgern selbst kriminalisiert.

Aber es entstanden und entstehen auch immer wieder neue Ziele für Wallfahrten, wie wir noch sehen werden. Von Höhlen bis zu heiligen Hainen, von den Körpern verstorbener Heiliger bis zu Heiligenbildern haben Menschen vielerlei Dinge als heilig erklärt, von denen sie sich eine engere Verbindung zum Göttlichen versprachen. Wenn aufstrebende neue Religionen ihre Pilgerstätten aufbauen, nehmen sie sich oftmals die etablierten Religionen zum Vorbild und nutzen Orte, die mit ihren Gründern und deren Leben in Verbindung stehen, um dort neue Glaubenszentren zu errichten. Bei den Mormonen, einer im 19. Jahrhundert aus der amerikanischen christlichen Erweckungsbewegung hervorgegangenen Glaubensgemeinschaft, ist das Pilgern zwar nicht Bestandteil der offiziellen Lehre, das hat die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage jedoch nicht davon abgehalten, sich mit wachsender Begeisterung dem Trend zum Pilgern anzuschließen. Stätten, die mit John Smith, dem Begründer des Mormonismus, in Verbindung gebracht werden – etwa der Ort, an dem er seine erste Vision hatte, und die Stationen, an denen er und seine Anhänger auf dem dreimonatigen Treck nach Utah Halt machten –, ziehen immer mehr Menschen an. Ähnliche Entwicklungen sind überall auf der Welt zu beobachten, wobei die Gründe für ihre Entstehung so unterschiedlich sind wie die neuen Glaubensüberzeugungen, die ihnen zugrunde liegen.

Anhänger älterer Religionen, die sich durch Handel, Kolonialisierung und Missionierung auf der ganzen Welt etablierten, haben in der Fremde stets neue Kirchen und Heiligtümer errichtet, um einen heiligen Ort in ihrer Nähe aufsuchen zu können. So auch in Goa, wo Jesuitenmissionare aus Portugal eine Kirche für die sterblichen Überreste Francisco de Xaviers gebaut haben. Der Mitbegründer der GesellschaftJesu, auch als heiliger Franz Xaver bekannt, war im Jahr 1552 auf dem Weg nach China gestorben. Im Herzen des portugiesischen Viertels in Velha Goa gelegen, zählte diese wunderschöne Kirche, die Basilika do Bom Jesus, einst zu den sieben Weltwundern der portugiesischen Kolonialzeit. Bis heute zeugt der Bau davon, wie Missionare und Kolonialherren ihre Religion verbreiteten und Wallfahrten ins Leben riefen, indem sie ein neues religiöses Zentrum schufen. Doch die Basilika ist lediglich ein Beispiel für Hunderte von Orten auf der ganzen Welt, an denen neu geschaffene Pilgerstätten Menschen aller Glaubensrichtungen dazu veranlassten, sich niederzulassen, zu konvertieren und neue Gemeinschaften zu bilden. Wenn bestimmte Stätten Bedeutung erlangten, entstanden auch Verbindungen zu anderen wichtigen religiösen Orten; die einzelne Pilgerstätte hatte Anschluss an ein kulturelles Netz, das wiederum Einfluss auf den Pilgerort ausübte, sodass für jeden Ort eine eigene Mischung aus überregionalen Elementen und lokalen Eigenheiten typisch war.

Auch der Zugang zu Pilgerstätten konnte sich im Laufe der Geschichte ändern, denn die globale Geschichte des Pilgerwesens ist auch eine Geschichte der Ausübung politischer Macht, insbesondere der Lenkung von großen Bevölkerungsgruppen. Als etwa während des Zweiten Weltkriegs das öffentliche Leben und private Reisen stark eingeschränkt waren, konnten Pilger nur unter Hindernissen an Wallfahrten teilnehmen. Dies war aber auch eine Zeit, in der viele Menschen Trost im Glauben suchten, und so fanden die Pilger Mittel und Wege, um auf die eine oder andere Weise doch an ihr Ziel zu gelangen. Wenig überraschend ging es bei Pilgerreisen oft darum, für Frieden zu beten und um Beistand gegen den Feind zu bitten. Besatzungsmächte sperrten daher oftmals den Zugang zu Pilgerstätten. Den Betroffenen sollte damit die Möglichkeit genommen werden, sich ihrer Identität zu versichern und jenen Trost zu finden, den der vergemeinschaftende Charakter der Pilgerfahrt spendet. Nachdem die Deutschen in Polen einmarschiert und die Region Tschenstochau besetzt hatten, benannten sie die Straße um, die zum Schrein der SchwarzenMadonnavonCzęstochowa führte und auf der sich die Pilger für gewöhnlich nur so drängten. Um der Gegend den gewünschten deutschen Anstrich zu geben, hieß die Straße fortan Adolf-Hitler-Allee.2 Auch in Friedenszeiten wollen weltliche Instanzen Kontrolle über die Pilgerströme ausüben und ihre politische Macht über das Pilgern demonstrieren. Ende 2020 verhängten die chinesischen Behörden gegenüber uigurischen Muslimen, die zur Pilgerfahrt ausreisen wollten, ein Verbot »privater« Reisen nach Mekka. Dann wurden Pläne bekannt, wonach potenzielle Pilger zunächst ein Bildungs- und Prüfungsprogramm absolvieren sollten, bevor sie eine begleitete Reise nach Saudi-Arabien antreten durften. Die Londoner Times titelte dazu: »China verbietet den Hadsch für Muslime, die beim Patriotismustest versagen«.3

Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde der Begriff des »Pilgerns« zunehmend ausgeweitet und nicht mehr nur für strikt religiöse Reisen verwendet, sondern für Protestmärsche gegen Arbeitslosigkeit oder für das Wahlrecht, für Reisen zu den Wohnorten berühmter Persönlichkeiten – etwa nach Graceland – und für Gedenk- und Trauerreisen zu markanten Frontabschnitten des Ersten Weltkriegs oder zu den von Japan eingerichteten Internierungslagern des Zweiten Weltkriegs. Die enge Verbindung zwischen Pilgerfahrt und Tourismus, die seit jeher bestand und stets konfliktreich war, rückt in den Vordergrund, wenn Fluchten aus dem stressigen modernen Leben, Auszeiten in der Natur oder Gelegenheiten zum Zusammensein in der Familie unter dem Begriff »Pilgern« vermarktet werden – ein Phänomen, das wohl als Teil des allgemeinen Säkularisierungsprozesses gelten kann. Doch in einer Welt, in der die dem Pilgerwesen zugrunde liegenden treibenden Kräfte kaum wiederzuerkennen sind, liegen auch religiöse Pilgerreisen wieder im Trend – und die Motive, die Menschen veranlassen, eine Pilgerreise zu beginnen, sind erstaunlich gleich geblieben. Pilgern hat, so überraschend das sein mag, noch immer relevante Auswirkungen auf die Welt von heute.

Dieses Buch erzählt die globale Geschichte des Pilgerns anhand von neunzehn Orten. Es geht der Frage nach, welche Rolle diese Orte in der Weltgeschichte gespielt haben und wie sowohl das Pilgern an sich als auch diese Orte selbst Gesellschaft, Kultur und Politik von der Antike bis heute geprägt haben. Unsere Reise beginnt im Osten mit zwei der weltweit größten natürlichen Pilgerstätten an den Wiegen alter Zivilisationen in China und Indien: am Berg Tai Shan und am Ganges. Anschließend führt uns unser Weg nach Westen, nach Delphi, dem Sitz des Orakels, das Politiker und Generäle der griechischen Antike befragten. Von dort wenden wir uns vier Städten zu, die jeweils im Mittelpunkt großer, weltweiter Pilgertraditionen stehen: Jerusalem, Wallfahrtsort dreier Weltreligionen, Mekka, der heiligsten Stätte des Islams, Rom, dem Zentrum des Katholizismus, und schließlich Istanbul, das zunächst von Katholiken und von orthodoxen Christen kontrolliert wurde und inzwischen muslimisch ist.

Weiter geht es zu zwei Orten, die eher lokale und, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, auf das innere Erlebnis ausgerichtete Pilgertraditionen hervorgebracht haben. Iona, eine kleine Insel vor der Westküste Schottlands, war ursprünglich eine mittelalterliche Pilgerstätte, die für die Könige der Inseln Bedeutung besaß, ist aber heute ein Ort des ökumenischen Glaubens und die Heimat der international ausgerichteten Iona-Kommunität. In Kerbela hingegen findet jährlich die größte islamische Wallfahrt der Welt statt, und doch ist die Atmosphäre dort ähnlich intim wie auf Iona, da im Mittelpunkt der Pilgerfahrt das gemeinsame Erlebnis in der Familie und der Gemeinschaft steht.

Von dort aus machen wir uns auf nach Chichén Itzá in Mexiko und Mathó Pahá in den USA, heilige Stätten der nord- bzw. südamerikanischen indigenen Bevölkerung, wo wir religiöse Praktiken kennenlernen, die den ersten dorthin gelangenden Europäern sehr fremd waren. Dagegen waren es in Muxima in Angola die Invasoren und Kolonisatoren selbst, die einen Ort gründeten, eine Kirche errichteten und den Menschen, die sie zuvor versklavt hatten, ihre Rituale und die Taufe aufzwangen – ein problematisches Erbe, das nur schwer mit der Botschaft von der friedlichen Pilgerreise zu vereinbaren ist, zu der die heutige Stätte einlädt. Im nordindischen Amritsar entstand etwa zur gleichen Zeit ein neuer Anziehungspunkt für Pilgerreisende, allerdings nicht per Zwangsansiedlung und Kolonisierung, sondern durch den Ankauf von Land und mit dem Ziel, dort einen heiligen Ort für Pilger zu schaffen.

Die letzten sechs Kapitel behandeln eine Reihe von weltweit bekannten, teils profanen oder sogar synkretistischen Pilgerzielen. Mit den Pilgerwegen, die zu diesen Zielen führen, stehen sie für heutige Vorstellungen davon, was eine Pilgerfahrt beinhaltet und welche unterschiedlichen Formen das Pilgern heute annehmen kann. Lourdes und Saintes-Maries-de-la-Mer sind zwei Wallfahrtsorte in Südfrankreich, die jeweils Frauen gewidmet sind und doch unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine ist der Jungfrau Maria geweiht und der Inbegriff der strenggläubigen katholischen Wallfahrt, bei der die Kranken mit Unterstützung von Priestern, Nonnen und anderen Gläubigen um Heilung beten. An dem anderen wird die Schwarze Sara verehrt. Sinti und Roma aus aller Welt pilgern im Mai dorthin, um bis in die Nacht gemeinsam zu musizieren und zu feiern – eine Tradition, die Pilgerenthusiasten in Lourdes schockieren würde. Die Wallfahrten nach Rātana Pā in Neuseeland und nach Buenos Aires in Argentinien feiern jeweils Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die schon zu Lebzeiten verehrt wurden und – obwohl sie durchaus umstritten waren und sind – auch nach ihrem Tod Pilger anlocken. Diese Pilgerfahrten sind eng mit den politischen Verhältnissen in den jeweiligen Ländern verknüpft – wer an ihnen teilnimmt, unterstützt ein konkretes politisches Anliegen und bekundet Widerstand. Die letzten beiden Kapitel dieses Buches befassen sich mit zwei Pilgerwegen, die zu den ganz großen der Welt zählen: dem 1200 Kilometer langen Shikoku-Pilgerweg, der die gleichnamige japanische Insel umrundet, und dem circa 780 Kilometer langen Camino Francés, dem Jakobsweg im engeren Sinn, der von den französischen Pyrenäenpässen Col du Somport und Col de Roncevaux durch Nordspanien nach Santiago de Compostela führt. In beiden Fällen steht die Route zwar fest, die Pilger bewältigen sie aber auf ganz unterschiedliche Weise. Die Frage, ob man den Weg eher zu Fuß, mit einem Reittier, per Rad oder motorisiert zurücklegen sollte, ist ein stetiger Bestandteil der Debatte darüber, was es überhaupt bedeutet, auf Pilgerschaft zu sein.

In jedem der erwähnten Länder hätte ich leicht hundert Orte auswählen können und trotzdem wäre es um die ausgelassenen schade gewesen. Aberhunderte kleiner Kirchen, unscheinbarer Quellen und Brunnen oder abgelegener Kultstätten hoch in den Bergen sind für die Menschen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung leben, von großer Bedeutung, werden darüber hinaus aber kaum wahrgenommen. Jedem Mekka oder Lourdes, das Millionen Pilger aus aller Welt besuchen, stehen Tausende weitgehend unbekannte Stätten gegenüber, die Menschen gewidmet sind, von denen wir noch nie etwas gehört haben, die aber zuverlässig Jahr um Jahr einige Pilger anziehen. Für die Besucher dieser Stätten ist deren Bedeutung enorm, für uns handelt es sich eher um Kuriositäten.

Dass ich auch einige global bedeutsame Stätten ausgelassen habe, ist mir bewusst, doch die Geschichten, die sie erzählen, erschienen mir mit den von mir ausgewählten Orten bereits hinlänglich repräsentiert. Vielleicht beschäftige ich mich mit diesen Orten in einem anderen Buch. In diesem hier habe ich die Orte danach ausgewählt, was sie uns über die Rolle der Pilgerfahrt in der Weltgeschichte erzählen – wie dank des Pilgerns Regime an die Macht kommen oder stürzen, wie das Pilgern Millionen von Menschen zum Gebet um Heilung inspiriert, Gemeinschaften zusammenführt und schafft, welchen Anteil das Pilgerwesen am Aufbau einer globalen Infrastruktur hat oder welchen Beitrag es zur Identität eines Volkes leisten kann. Rom, Jerusalem, Shikoku und Santiago de Compostela sind zweifellos bekannte Pilgerorte, andere hingegen sind weniger bekannt, aber Beispiele par excellence, wenn wir die unzähligen verschiedenen Weisen verstehen wollen, in denen Menschen Pilgerreisen unternommen haben, und uns die Auswirkungen interessieren, die das Pilgern auf die Menschen und die Gesellschaften, ja die ganze Welt, gehabt hat.

1. KAPITELTAI SHAN CHINA

Als Chinas Währung im Jahr 1999 neu aufgelegt wurde, war eine der auffälligsten Änderungen das Design der Banknoten. Während darauf zuvor verschiedene chinesische Persönlichkeiten abgebildet waren, trugen nun alle neuen Scheine auf einer Seite das von Liu Wenxi, einem bekannten Vertreter des Sozialistischen Realismus, gemalte Porträt von Chinas einstigem Führer Mao Zedong. Für die andere Seite wählten die Behörden Orte aus, die ihrer Ansicht nach für China kulturell oder historisch bedeutsam waren: Die 100-Yuan-Note zeigte nun die Große Halle des Volkes in Peking, für die Rückseite des 10-Yuan-Scheins wählten sie ein Bild der überragend schönen Naturlandschaft in der Drei-Schluchten-Region am Jangtsekiang aus. Das Bild des Tai Shan, der von allen heiligen Bergen Chinas am meisten verehrt wird, ziert seitdem die 5-Yuan-Note.4 Der Tai Shan liegt rund 480 Kilometer südlich von Peking, erhebt sich mehr als 1500 Meter über der Stadt Tai’an und ist damit der höchste Berg der Provinz Shandong. Der Kontrast zwischen dem Mao-Porträt und der Abbildung des Berges könnte größer nicht sein. Ersteres zeigt den Gründervater des chinesischen Kommunismus, einen Antiimperialisten, der die Loyalität gegenüber dem Volk und dem kommunistischen Staat über alles andere stellte und die traditionelle Autorität der Eltern wie auch die Verehrung der Ahnen ablehnte. Letzteres zeigt einen kulturell hoch aufgeladenen Ort, der sowohl die bei den Kommunisten verhasste kaiserliche Macht symbolisiert als auch die vom Kommunismus weitgehend unterdrückte Ahnenverehrung, die über Tausende von Jahren hinweg die chinesische Kultur und Gesellschaft geprägt hat.

Abbildung 1: Chinesische 5-Yuan-Banknote aus dem Jahr 2005. Auf den seit 1999 ausgegebenen Scheinen sind auf der Rückseite jeweils chinesische Stätten von nationaler Bedeutung abgebildet. Am häufigsten im Umlauf ist die Banknote, die den Tai Shan zeigt.

China hat fünf heilige Berge: Hua Shan, den Großen Westlichen Gipfel, Tai Shan, den Großen Östlichen Gipfel, den Heng Shan der Provinz Shanxi oder Großen Nördlichen Gipfel, den Heng Shan der Provinz Hunan oder Großen Südlichen Gipfel sowie Song Shan, den Großen Mittleren Gipfel. Sie stehen für die fünf Elemente Erde, Wasser, Holz, Feuer und Metall, aus denen traditionsgemäß alles im Universum besteht.5 Alle fünf Berge sind Wallfahrtsorte, einige sind bedeutender als andere, aber der Tai Shan ist der bedeutendste, denn aufgrund seiner Lage im Osten wird er noch vor den anderen Gipfeln von der Sonne, der Lebensspenderin, beschienen. Bei Pilgern ist es deswegen ausgesprochen beliebt, den Tai Shan bei Nacht zu besteigen, da sie so die Möglichkeit haben, von seinem Gipfel aus den Sonnenaufgang zu beobachten. Kein anderer Berg der Welt ist vermutlich so häufig bestiegen worden wie der Tai Shan. Schon seit der Jungsteinzeit wird er als heilig verehrt, auch wenn der früheste Beleg einer Pilgerreise aus dem Jahr 219 v. Chr. stammt, als der erste Kaiser Chinas den Gipfel des Berges erklomm.6

Seit dieser Zeit hat der Berg die größten Führer Chinas, seine Literaten und Philosophen, aber auch kaiserliche Beamte, einfache Bauern und die Ärmsten der Gesellschaft angezogen. Die Gründe dafür sind unzählig und von religiösen Vorstellungen, philosophischen Ansichten wie konkreten Lebensumständen bestimmt. Im Daoismus ist der Tai Shan der Sitz eines Naturgottes, der den dringend benötigten Regen bringt, während der Berg selbst mit seiner Größe und schieren Präsenz für Stabilität in Zeiten der Not steht.7 Für andere ist er eine Quelle des Lebens oder ein Ort, an den die Seelen zurückkehren, weil der Gott des Berges Tai Shan über Leben und Tod wacht. Auf dem Tai Shan werden viele Gottheiten verehrt, darunter die Tochter des Berggottes, Bixia Yuanjun, aber auch der Berg an sich ist eine Gottheit, ausgestattet mit großer Macht über das Schicksal der Menschen.8 Als Ort der Naturverehrung, als Ort, an dem Pilger Hilfe suchen, und als Ort, an den Menschen pilgern, um für Kindersegen oder das Seelenheil der Toten zu beten, hat der Tai Shan viel mit ungezählten Orten auf der ganzen Welt gemeinsam. Politische Gründe haben zudem auch zahlreiche chinesische Staatsoberhäupter dazu bewogen, ihn zu besuchen, darunter über neunzig Könige des antiken Chinas und mindestens zwölf chinesische Kaiser.

Pilger, die seinen Gipfel erreichen wollen, folgen vom Nordtor der Tempelanlage aus einem Weg, der sie über rund 6700 Stufen führt, vorbei an kleinen Tempeln, Schreinen und Heiligtümern, durch elf Tore und vierzehn Torbögen, an in den Fels gemeißelten Inschriften entlang, die an Pilger erinnern, die den Berg vor ihnen besucht haben. Zu allen Zeiten kamen die Pilger aus ganz China und aus allen Schichten der Gesellschaft. Im Jahr 1313 warnte ein Beamter:

Heutzutage [sehen wir] Herren, Bauern, Handwerker und Kaufleute, ja sogar Läufer, Ringer, Schauspieler und Huren […] ihre Geschäfte vernachlässigen, um für ihr Glück zu beten und ihre Gelübde zu erfüllen; aber sie bringen Geld und Waren, Gold und Silber, Vasen und Teller, Sättel und Pferde, Kleider und Seide mit und strömen von nah und fern und aus allen Richtungen zusammen; die Menge wird in die Zehntausende zählen, und das Getümmel dauert tagelang an. […] Wo sich eine solche Menge einfältiger und leichtgläubiger Menschen versammelt, sind gerissene und übelgesinnte Gesellen nicht weit. Das wird zwangsläufig nicht nur dazu führen, dass die göttlichen Geister besudelt werden, sondern, so fürchten wir, auch allerlei Unannehmlichkeiten mit sich bringen.9

Auf dem Weg den Berghang hinauf drängten sich oft die Besucher, vor allem in den wärmeren Monaten entstand ein so dichtes Gewimmel, dass Beobachter sie mit Insekten verglichen. Wang Shizhen, ein Beamter, der den Berg in den 1550er-Jahren dreimal besuchte, meinte, die Pilger, die mit ihren Laternen in der Dunkelheit vor der Morgendämmerung den gewundenen Bergpfad hinaufstiegen, sähen aus wie »eine große Ansammlung von Glühwürmchen«.10 Die Zahl der namenlosen Pilger, die sich auf den Weg zum Berggipfel machten, war riesig und könnte bis zum Ende des Jahrhunderts bei bis zu einer Million pro Jahr gelegen haben.11

Immer wieder wurden neue sakrale Sehenswürdigkeiten hinzugefügt, so etwa im 15. Jahrhundert, als ein Tempel mit dem hübschen Namen »Teich der Jadejungfrau« errichtet wurde. Auch eine Zypresse, die schon zu Zeiten der Han-Dynastie zum Andenken an die Pilgerfahrt von Kaiser Wudi (156–87 v. Chr.) gepflanzt worden war, wurde im Laufe der Zeit zu einer Attraktion. Inzwischen gibt es entlang des Weges so viele Anziehungspunkte, dass die Pilger gesagt bekommen, sie sollten nicht zu oft anhalten, sonst würden sie den Gipfel nie erreichen. Die meisten Pilger gehen zu Fuß, doch seit Jahrhunderten lassen sich diejenigen, die es sich leisten können, per Sänfte hinaufbefördern bzw. seit 1983 (bevor der UNESCO-Welterbestatus des Berges derlei Entwicklungen hätte verhindern können) in Bussen und mit einer Seilbahn.12

Dank der großen Zahl an Pilgern, die der Tai Shan anzog und die zu versorgen waren, florierte die Wirtschaft in der direkten Umgebung. Als etwa im 17. Jahrhundert der Autor und Verwalter Zhang Dai zum Tai Shan pilgerte, organisierten Reiseführer nicht nur Unterkünfte und Sänftenträger sowie die Abgeltung der Gebühren für den Zugang zum Berg, sondern – für alle, die das wünschten – auch Kurtisanen. Bei großen Banketten mit Musik und Gesang ließen es sich die Pilger gutgehen. Die Reiseführer machten mit den 8000 bis 9000 Pilgern, die laut Zhang Dai täglich ankamen, ein gutes Geschäft. Zu dieser Zeit fanden auf dem Platz vor dem Dongyue-Tempel neben Hahnenkämpfen auch Ringkämpfe statt, und die Pilger konnten Theaterstücke besuchen, Geschichtenerzählern lauschen oder an den zahlreichen Ständen und Buden einkaufen.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich der Pilgerweg auf den Tai Shan zu einem Anziehungspunkt für zahlreiche Straßenhändler und auf die Pilger ausgerichtete Geschäfte.13 Zhang Dai störte sich insbesondere an den Armen, die den Weg säumten und um Geld bettelten, und an den Inschriften, die den Berghang bedeckten. »Die Bettler schlagen aus dem [Pilgerwesen am] Berg Tai Geld heraus«, lamentierte er, nachdem er in einer Sänfte an ihren ausgestreckten Armen vorbeigetragen worden war, und »die Bezwinger des Berges missbrauchen den Tai für ihren Ruhm«.14 Auch als die amerikanische Malerin Mary Mullikin in den 1930er-Jahren zum Tai Shan pilgerte, war sie von der Masse der Bettler beeindruckt. Einer lebte in einem Bett, das er eigens am Wegesrand aufgebaut hatte, um keinen Pilger zu verpassen, während ein anderer eine ausgestopfte Puppe von sich neben seine Bettelschale setzte, wenn er selbst andere Geschäfte zu erledigen hatte. Da die Bettler mitten auf dem Weg zu sitzen pflegten, war es unmöglich, sie zu ignorieren.15

Was den Tai Shan so bedeutend macht, ist das, was er symbolisiert. Berge sind das bestimmende Element in Chinas Pilgerkultur. Anders als in vielen anderen Teilen der Welt entstehen Pilgerzentren dort in der Regel nicht in den Städten, sondern an Orten in der Natur. Tatsächlich gibt es im Mandarin kein Wort, das »Pilgerfahrt« bedeutet. Die Menschen sprechen stattdessen von chaoshan, »eine Audienz beim Berg haben«, oder von jianxiang, dem »Weihrauch opfern«, einer üblichen Andachtsübung von Pilgern auf heiligen Bergen.16 Berge waren und sind in vielen der in China praktizierten Religionen – im Daoismus, Buddhismus, Konfuzianismus und in den Volksreligionen – von großer Bedeutung, ebenso wie die Praxis, den Göttern ein Weihrauchopfer zu bringen, sodass in ganz China Weihrauchgefäße in Form von einzelnen Gipfeln oder ganzen Gebirgszügen zum Verkauf angeboten werden. Mögen die einzelnen Religionen an diesen Orten jeweils verschiedene Götter oder Göttinnen verehren oder glauben, diese seien für unterschiedliche Aspekte des Lebens der Gläubigen zuständig, so ist doch der Berg selbst das Entscheidende. Der französische Historiker Édouard Chavannes drückte es so aus: »Die Berge sind in China die Gottheiten.«17

Pilgern aus Verpflichtung

Der Respekt gegenüber den Eltern und die Verehrung der Ahnen sind von zentraler Bedeutung in der chinesischen Gesellschaft. Beides sind Kerngedanken des Konfuzianismus und der taoistischen Philosophie. Die zugehörige Praxis umfasst ein breites Spektrum von Handlungen und Haltungen, aber zentral sind die Ehrfurcht vor und die Verpflichtung gegenüber den Vorfahren, die Fürsorge für die Eltern und die Verantwortung dafür, die Familienlinie mittels männlicher Erben fortzuführen. Die Betonung des Respekts vor den Eltern bzw. Vorfahren ist fast allen chinesischen Glaubensrichtungen gemeinsam, und das schon seit mehreren Tausend Jahren. So war es in der vom 6. bis zum 10. Jahrhundert währenden Tang-Dynastie verboten, seine Eltern zu verlassen oder unzureichend zu betrauern. In jüngerer Zeit hat Chinas Ein-Kind-Politik zu Fällen von geschlechtsselektiver Abtreibung, Kindstötung und Aussetzung geführt, weil Eltern verzweifelt versuchten, den ersehnten männlichen Erben zu bekommen. Beim Respekt vor den Eltern bzw. beim Ahnenkult geht es jedoch um mehr als nur um die eigene Familie. Die Treue zu den Vorfahren wurde gleichgesetzt mit der Treue zum Kaiserreich, und entsprechend wurde während eines Großteils der chinesischen Geschichte der Ahnenkult ausdrücklich gefördert.18

Es war so beliebt, zu heiligen Stätten zu pilgern, um dort für die Ahnen die geforderten Rituale zu vollziehen, dass es seit dem Mittelalter in Gedichten, Theaterstücken und Romanen vielfach thematisiert wurde. Den religiösen Vorstellungen entsprechend hatten die Lebenden die Pflicht, ihre männlichen Vorfahren durch Opfergaben und Gebete zu ehren, im Gegenzug würden die Toten den Lebenden in Zeiten der Not helfen. Die Pilger konnten am Tai Shan ihre Toten anrufen, weil der Berg in ihrer Vorstellung ein Tor zum Totenreich war. Die Seelen der Toten, so glaubten sie, begaben sich zu einem kleinen Hügel am Fuße des Berges und wurden dort vom Gott des Berges gerichtet. Dies prädestinierte den Tai Shan zum Ort der Kommunikation mit den Ahnen, die dort leichter zu erreichen sein mussten. Der Berg ist in der chinesischen Vorstellung so stark mit dem Tod und den Ahnen assoziiert, dass manche Grabstätten wie Berge gestaltet sind. Wenig verwunderlich lautet eine euphemistische Formulierung für Sterben »zum Tai Shan gehen«.19

Damit sichergestellt war, dass die Lebenden für die Toten beten und ihre Nachkommen in den kommenden Jahren ihrerseits für sie beten würden, war es notwendig, den Fortbestand der Familie in einer ununterbrochenen Abstammungslinie zu gewährleisten. Bei einer Pilgerfahrt zum Tai Shan ging es also sowohl um die Vorfahren als auch um die Nachkommen, denn neben der Ehrung der Toten konnten die Männer auch um einen Sohn beten, damit der die familiären Pflichten weiterführen konnte, wenn sie selbst dazu nicht mehr in der Lage waren. Keinen Sohn zu haben bedeutete, seinen Vorfahren gegenüber zu versagen.20 Ab dem 13. Jahrhundert begannen auch Frauen, den Tai Shan zu besteigen, weil sie glaubten, dass sie damit sich und ihrer Familie einen männlichen Erben erbitten könnten. Kinderlose Frauen waren in chinesischen Familien nicht vorgesehen, erst die Geburt eines Sohnes sicherte ihnen zu Lebzeiten einen Platz in der Abstammungslinie der Familie und damit in dem Haushalt, in dem sie lebten. Auch Prinzessinnen und kaiserliche Gemahlinnen flehten auf dem Berg um einen Sohn. Sie trugen dem Tai Shan die Bitte vor, ihnen einen Erben zu schenken, »um die Substanz des Staates zu sichern«.21 Ältere Frauen mit gebundenen Füßen pilgerten auf den Berg, weil sie männliche Enkelkinder erbitten wollten, und Ehefrauen zelebrierten Brandopfer in der Hoffnung, dass ihnen ein Sohn geschenkt würde. Sie alle wandten sich insbesondere an Bixia Yuanjun, die Tochter des Gottes vom Berg Tai, die eine besondere Rolle als Fruchtbarkeitsgöttin spielte (und immer noch spielt) und in dem Ruf stand, erbenlosen Paaren eine Schwangerschaft schenken zu können. Auch wenn in der Neuzeit der Einfluss geschwunden ist, den die Vorstellungen rund um den Ahnenkult auf die chinesische Gesellschaft haben, erklimmen noch immer wie schon seit Jahrhunderten Frauen die Anhöhe und verbrennen dort Banknoten und Weihrauch, weil sie hoffen, dies könne ihnen selbst oder ihren Kindern männliche Nachkommen bescheren.

Frauen, die pilgern, wird in China seit jeher mit einem gewissen Misstrauen begegnet, möglicherweise weil manche die Pilgerreise dazu nutzten, den strengen Regeln der chinesischen Gesellschaftsordnung zu entkommen, die sie als Einschränkung empfanden. Mitte des 17. Jahrhunderts war unter chinesischen Richtern ein Leitfaden populär, den ihr Richterkollege Huang Liuhong verfasst hatte. Darin behauptete er, Frauen würden unter dem Deckmantel der Pilgerfahrt zum eigenen Vergnügen reisen und dabei ausgesprochen unreligiösen Aktivitäten frönen. So warnte er, die Frauen würden »in den abgeschiedenen Gängen der Klöster nach Liebschaften mit der zügellosen Jugend suchen«.22 Auch klagte er über Orgien in den heiligen Tempeln am Tai Shan. Dass Frauen Verdacht erregen, wenn sie eine Pilgerreise unternehmen, findet sich in der Geschichte aller Glaubensrichtungen, und Huang Liuhongs wütende Anschuldigungen sagen wohl mehr über ihn aus als über das tatsächliche Verhalten chinesischer Frauen auf Pilgerfahrten. Nichtsdestoweniger waren seine Äußerungen in China weithin akzeptiert; es wurden sogar eifrig Gesetze erlassen, die Frauen das Pilgern ausdrücklich verboten, ohne dann allerdings viel zu bewirken.23

Wenn Kaiser pilgern

Die früheste nachgewiesene kaiserliche Pilgerreise zum Tai Shan unternahm Chinas erster, selbsternannter Kaiser, der mit großer Brutalität von 221 bis 210 v. Chr. herrschende Qin Shihuangdi.24 Der vielfach als Tyrann charakterisierte Herrscher gab ein klares Statement ab: Er habe China geeint, um ein Imperium zu schaffen, und er herrsche unangefochten über das gesamte Land. Mit Qin Shihuangdi verbinden viele heute wohl am ehesten die Chinesische Mauer und die 8000 Mann starke Terrakotta-Armee, die sein Mausoleum bewachte, doch ließ ihn vor allem die Tatsache in die Geschichte eingehen, dass er den Titel »Kaiser« annahm, während China zuvor nur von Königen regiert worden war. Er war Prunk gewohnt, weshalb es nicht verwundert, dass in den Berichten über seine Pilgerreise zu lesen ist, dass er den Hinweis seiner Berater ignorierte, es sei empfehlenswert, den Berg ehrfürchtig zu Fuß zu besteigen. Stattdessen fuhr er im kaiserlichen Streitwagen den Berg hinauf. Doch die Gottheit schickte zur Strafe für seinen Hochmut und die Missachtung einen Sturm, der den Kaiser zwang, seinen Wagen auf der Talfahrt stehen zu lassen.25

Abbildung 2: Mehrere Tausend Stufen führen auf den Gipfel des Tai Shan. Während Kaiser Qin Shihuangdi für den Aufstieg seinen Streitwagen vorzog, nutzen manche Pilger heute die Seilbahn.

Während seiner Pilgerreise führte Qin Shihuangdi das Feng- und das Shan-Opfer durch.26 Wie die Rituale zu Ehren des Himmels und der Erde im Einzelnen praktiziert wurden, ist nicht überliefert, aber sie beinhalteten Opfergaben an den Gott des Berges Tai Shan zunächst am Fuße des Berges (das Shan-Opfer) und dann auf dem Gipfel (das Feng-Opfer). Dort haben die Kaiser möglicherweise auch Jadetafeln mit Inschriften zu ihren Erfolgen vergraben und Opfergaben an den Jadekaiser im Himmel verbrannt, denn der große Tempel des jenseitigen Herrschers der Welt stand ganz in der Nähe. Waren die Feng-Shan-Opferzeremonien erfolgreich absolviert, galt dies als ein Zeichen dafür, dass ein Regent das Mandat des Himmels erhalten hatte; seine Herrschaft als Sohn des Himmels war damit besiegelt.

Diese Rituale waren geheimnisumwittert. Als der schon erwähnte Kaiser Wudi aus der Han-Dynastie, der für die Expansion des Han-Reiches nach Westen und damit auch für die Öffnung der Seidenstraße nach China verantwortlich war, im Jahr 110 v. Chr. das Feng-Ritual vollzog, nahm er nur eine weitere Person auf die Spitze des Berges mit. Einige Tage später war dieser Mann tot und der Kaiser somit der Einzige, der wusste, was geschehen war. Historiker haben unter anderem vermutet, dass er glaubte, das Ritual habe eine geheime Krankheit auf seinen Begleiter übertragen, oder dass er die Unsterblichkeit suchte, von der er annahm, dass sie von den Göttern gesegneten Kaisern zuteilwerde.27 Möglicherweise hat diese Glaubensvorstellung auch noch einige andere Kaiser inspiriert, zum Tai Shan zu pilgern. Eine etwa zweihundert Jahre später in den Stein gemeißelte Inschrift besagt: »Wenn du den Berg Tai besteigst, kannst du womöglich unsterbliche Wesen sehen. Sie ernähren sich von reinster Jade, sie trinken aus Quellen von Himmelstau. Sie spannen schuppige Drachen vor ihren Wagen, sie besteigen schwebende Wolken. […] Mögest du eine unendliche Zeitspanne erhalten, ein langes Leben, das zehntausend Jahre währt.«28

Mit der Pilgerfahrt zum Tai Shan demonstrierten die Kaiser ihre Macht und die göttliche Anerkennung ihrer Herrschaft. Der von 25 bis 57 n. Chr. regierende Guangwu di, der Begründer der Östlichen Han-Dynastie, wartete nach seiner Machtübernahme vermutlich deshalb so lange mit der Pilgerfahrt zum Tai Shan, weil er zu Beginn seiner Herrschaft nur einen Teil Chinas kontrollierte.29 Erst im Jahr 56 n. Chr., nach Jahren der Auseinandersetzungen mit lokalen Kriegsherren, die in Eroberungen mündeten, konnte er den Anspruch erheben, das ganze Land zu regieren, und war damit der Pilgerfahrt würdig. Auf dem Tai Shan würde er das Mandat des Himmels erhalten, ein Zeichen göttlicher Gunst und der Legitimität seiner Herrschaft.30

Als der von 649 bis 683 n. Chr. regierende Kaiser Gaozong zum Tai Shan pilgerte, ging es um mehr als nur die Kontrolle über die Länder innerhalb der Grenzen Chinas. In den 660er-Jahren dominierte der Kaiser seine Nachbarregenten und war damit mächtiger als sein Vater Taizong (reg. 629–649 n. Chr.). Taizong war nie zum Tai Shan gereist, obwohl ihn die Berater an seinem Hof unermüdlich deswegen bedrängt hatten; er war der Meinung, »seine Verdienste seien nicht so glorreich, als dass er diese Ehre verdiente«.31 Die treibende Kraft hinter der Pilgerreise des Kaisers Gaozong war seine Frau, die von vielen geschmähte, aber formidable Kaiserin Wu. Gaozong hatte Wu, eine vormalige Konkubine, zu seiner Ehefrau gemacht, nachdem seine erste Ehe kinderlos geblieben war. Wu war ehrgeizig und rücksichtslos – um einer Konkurrentin mit Blick auf die Gunst Gaozongs etwas anzuhängen, soll sie ihre eigene Tochter ermordet haben. Nachdem ihr Mann im Jahr 660 einen ersten Schlaganfall erlitten hatte, übernahm sie zunehmend die Kontrolle am kaiserlichen Hof. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes die Macht hinter dem Thron, denn wenn der Kaiser seine Berater traf, saß sie hinter einem Perlenvorhang und flüsterte ihrem Mann Anweisungen zu. In der gesamten chinesischen Geschichte sollte sie die einzige Frau bleiben, die den Titel »Kaiser«, Huangdi, aus eigenem Recht für sich beanspruchen konnte. Und die Pilgerreise von Wu und Gaozong war das einzige Mal, dass eine Kaiserin den Tai Shan besuchte.32

Bei dieser Pilgerfahrt zum Tai Shan reiste das kaiserliche Paar mit großem Pomp und in Begleitung zahlreicher Mitglieder der kaiserlichen Familie, hoher Beamter, Militärs sowie ausländischer Würdenträger. Mitsamt der Soldaten und mehreren Hundert Wagen, die es brauchte, um die für die Reise benötigten Lebensmittel und Zelte zu transportieren, bildete ihr Gefolge einen beinahe hundert Kilometer langen Zug. Die Reisegesellschaft brach in den letzten Wochen des Jahres 665 auf und kam im neuen Jahr am Tai Shan an.33

Omen und symbolische Handlungen waren von großem Interesse für Wu, denn sie wusste sie für sich und zur Absicherung ihrer Macht einzusetzen. Daher verlangte sie, in alle Pilgerrituale mit einbezogen zu werden. Als die Feng-Shan-Opfer zelebriert wurden,34 bestand Kaiserin Wu darauf, dass sie an den Zeremonien teilnehmen durfte. Sie wolle frühere Kaiserinnen ehren – den Vorfahren Respekt erweisen zu wollen, lieferte einen guten Vorwand, ging es ihr doch darum, ihre Macht zu demonstrieren. Sie und ihr Gemahl hatten nicht nur darauf bestanden, dass der größte Teil des Hofstaates mitreiste, zum Gefolge gehörten auch Repräsentanten der Herrscher in Japan und Indien, der Könige der Khmer, des Königreichs von Hotan sowie aller drei Königreiche der koreanischen Halbinsel und nicht zuletzt der persische Hof, der sich ins chinesische Exil gerettet hatte und dessen Oberhaupt nun als General in Diensten des Kaisers stand.35 Vor einem solchen Publikum demonstrierte diese Pilgerfahrt den Herrschaftsanspruch der kaiserlichen Familie über China und die Nachbarländer und sie sorgte auch dafür, dass sich die Botschaft von der Macht des chinesischen Kaiserreichs in ganz Asien verbreitete.

Kaiserin Wu ging es bei dieser Pilgerreise um Macht, Expansionspolitik und ihren eigenen Status. Auch die Pilgerfahrt des von 997 bis 1022 regierenden Zhenzong, eines Kaisers der Song-Dynastie, war ein politischer Akt. Gleichwohl scheint sie Zhenzong dazu inspiriert zu haben, die Menschen in China mit den Wundern des Tai Shan bekannt zu machen. Während seiner Pilgerreise, die er im Jahr 997, also im ersten Jahr seiner Herrschaft, unternahm und die 47 Tage dauern sollte, verkündete er eine Amnestie und ließ ein dreitägiges Bacchanal ausrichten.36 Angesichts der Tatsache, dass sich jeder harsche Kritik einhandelte, der eine solche Pilgerreise nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit anging, war dies eine interessante Wahl für Feierlichkeiten anlässlich einer religiös motivierten Reise. Zhenzong scheint jedoch im Vergleich zu vielen seiner Vorgänger ein eher großzügiger und lebenslustiger Kaiser gewesen zu sein. In seinem Bestreben, den Tai Shan und dessen spirituelle Bedeutung seinen Untertanen nahezubringen, erlaubte er den Bewohnern der nördlichen Provinz Shanxi dreizehn Jahre später, in ihrer Heimat mehrere dem Berg gewidmete Tempel zu errichten, da der eigentliche Berg zu weit entfernt und für sie schwer zu erreichen sei.37 Dabei handelte es sich gleichsam um die spirituelle Begleitmusik seiner Politik zur Profilierung seiner Dynastie und zur Konsolidierung ihrer Macht in China. Dass er in beiden Bereichen Erfolg hatte, konnte er darauf zurückführen, dass er bereits zu Beginn seiner Herrschaft als Sohn des Himmels anerkannt worden sei.38

Kaiser Kangxi aus der Qing-Dynastie, der möglicherweise größte Kaiser Chinas, beendete in seiner von 1661 bis 1722 währenden Regierungszeit, der längsten eines chinesischen Regenten, den verheerenden innerchinesischen Krieg und nahm die kaiserlichen Reisen wieder auf. Als er im Alter von nur acht Jahren den Thron bestiegen hatte, erschwerte es ihm der sich hinziehende sogenannte Aufstand der drei Feudalfürsten, die Kontrolle über das Reich zu übernehmen. Er war jedoch politisch klug und erkannte die Notwendigkeit, sein kulturelles Erbe – er stammte von den Mandschu ab – und das chinesische Erbe zusammenzuführen. Er hatte in jungen Jahren, als der Krieg noch tobte, Chinesisch gelernt und dabei erkannt, dass er die Gelehrten des Landes und die Elite der Han-Literaten mit ins Boot holen musste, wenn er erfolgreich sein wollte. Er hatte auch verstanden, dass viele seiner Untertanen die neue Dynastie nur widerwillig akzeptierten (er war erst der zweite Qing-Kaiser, der ganz China regierte), da sie aus Tradition an der vorangegangenen Ming-Dynastie festhielten. Um sie auf seine Seite zu ziehen, musste Kangxi zeigen, dass er den Rückhalt einer höheren Macht hatte und als Sohn des Himmels akzeptiert worden war. Dies war auch insofern wichtig, als die Mandschus bei ihrem Machtantritt behauptet hatten, die Niederlage ihrer Vorgänger sei darauf zurückzuführen, dass diese aufgrund ihrer Unfähigkeit die Anerkennung des Himmels verloren hätten. So kam es, dass Kangxi im Jahr 1684 seine Reise in den Osten und die Pilgerfahrt zum Tai Shan antrat.39

Bei seiner Ankunft sorgte der Qing-Kaiser dafür, dass er selbst es war, der die Gebetsrituale ausführte, damit seine Verbindung zum heiligen Berg außer Zweifel stand. Außerdem entschied er sich, ein wichtiges Zeichen zu setzen und den größten Teil des Aufstiegs zum Gipfel zu Fuß zurückzulegen, womit er seinen Respekt für diesen heiligsten aller heiligen Orte Chinas ausdrückte.40 So weit, so einfach. Doch es gab noch andere Probleme, die Kangxi auf dieser Pilgerreise zu lösen hatte. Als Kaiser musste er den vielen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb Chinas gerecht werden, ein schwieriger Balanceakt, bei dem es leicht passieren konnte, dass er mit einer unbedachten Aktion ganze Bevölkerungsgruppen verprellte – insofern unterschied sich Kangxis Pilgerreise von den Fahrten anderer Kaiser. Üblicherweise stand der Gott des Tai Shan und dessen rituelle Verehrung im Mittelpunkt jeder kaiserlichen Pilgerreise. Anders im Jahr 1684: Kaiser Kangxi verwendete deutlich mehr Zeit und Energie darauf, zur Göttin Bixia Yuanjun zu beten.41 Es spricht viel dafür, dass Kangxi damit die breite Masse ansprechen wollte. Mit seinem Besuch des Tai Shan fand er bei der Han-Elite Beifall, dass er als Kaiser auf die Bewahrung der mandschurischen Kultur achtete, gefiel in seinem Heimatland. Nun besonderen Wert auf die Ehrbezeugungen gegenüber Bixia zu legen, einer Göttin, die für ihr Mitgefühl mit allen Menschen bekannt war, konnte ein kluger Schachzug im Hinblick auf seine Beliebtheit bei der breiten Bevölkerung Chinas sein.42

In seiner Herrschaftspraxis legte Kangxi großen Wert auf Barmherzigkeit, und so nutzte er seine Pilgerreise, um deutlich zu machen, wie wichtig ihm das Wohlergehen seiner Untertanen war – etwa indem er dafür sorgte, dass die Einnahmen aus der Weihrauchsteuer, anstatt die Kassen der Zentralregierung zu füllen, für die Instandhaltung der auf dem Berg von den Pilgern genutzten Gebäude investiert wurden.43 Sein Mitgefühl zeigte sich auch, als er hoch oben auf dem Tai Shan an einen Ort kam, der bereits seit langer Zeit als Selbstmordklippe bekannt war. Manche Pilger sprangen dort am Ende ihrer Pilgerreise in den Tod. Sie taten dies zu Ehren der Familie und in dem Glauben, indem sie ihr eigenes Leben gaben, könne damit möglicherweise der eigene Vater oder ein anderer naher Verwandter wieder gesund werden. Die Behörden hatten versucht, diesem unheilvollen Brauch etwas entgegenzusetzen und den Ort in »Klippe der Liebe zum Leben« umbenannt, aber große Wirkung schien die Umbenennung nicht entfaltet zu haben, denn der Ort war zum Zeitpunkt von Kaiser Kangxis Pilgerreise zum Tai Shan noch immer für Selbstmorde bekannt.44 Als der Kaiser gefragt wurde, ob er hinübergehen wolle, um sich die Klippe anzusehen, reagierte er verärgert auf diesen Vorschlag und merkte an, dass es den Menschen zukomme, Mutter und Vater, die ihnen das Leben gegeben hätten, dadurch zu ehren, dass sie auf sich selbst achteten. Selbstmord verstoße gegen die Verpflichtung der Kinder zur Ehrerbietung gegenüber den Eltern. »Wenn Kinder sich bereits selbst umgebracht haben«, stellte er erbost klar, »können sie sich nicht um ihre Eltern kümmern. Der Akt des Selbstmords ist keine kindliche Ehrbezeugung. […] Welchen Sinn sollte es haben, einen solchen Ort zu besichtigen?«45

In interessantem Kontrast zu Zhenzongs Wunsch, fern des Berges beheimatete Chinesen sollten ein Andenken an den heiligen Berg mitsamt dessen Verbindung zum Kaisertum bei sich zu Hause haben dürfen, wollte Kaiser Kangxi den Tai Shan symbolisch in Besitz nehmen – ihn auch dann kontrollieren, wenn er nicht physisch auf dem Berg anwesend war. Er gab ein Werk in Auftrag, das als »Karte des Bergs Tai« bekannt ist. Die Karte sollte nicht nur an seine Pilgerreise von 1684 erinnern. Sie in Besitz zu haben bedeutete, auch wenn er nicht physisch auf den Berg pilgerte, konnte er nun die Darstellung seiner Pilgerfahrt in den Archiven der kaiserlichen Verwaltung der Verbotenen Stadt sicher verwahren – dort, wo er auch die größte Kunstsammlung der chinesischen Geschichte anlegte.46

Einige Jahre später ließ der Kaiser eine Reihe von aufwendig verzierten Schriftrollen anfertigen, die seine Reise in den Süden darstellten, einschließlich der Pilgerfahrt zum Tai Shan. Sie zeigen Kangxi als idealen klassischen chinesischen Herrscher und erinnern so daran, dass er auf seiner Pilgerreise die Autorität erlangt hatte, über ganz China zu regieren.47 Mit einem von ihm selbst verfassten Text, in dem er die Behauptung aufstellte, dass der Tai Shan zwar eine alte chinesische Kultstätte sei, seine Wurzeln aber in seiner, Kangxis, Heimat habe, nämlich im Changbai-Gebirge, das die Mandschurei von der koreanischen Halbinsel trennt, ging er noch einen Schritt weiter und wollte so demonstrieren, dass er, obwohl er ein Mandschu war, seine Macht genauso vom Tai Shan ableiten konnte wie jedes andere chinesische Oberhaupt. Der Tai Shan, so argumentierte er, sei der Kopf eines Drachens, dessen Körper unter dem von China kontrollierten Land und Meer liege und dessen Schwanz das Changbai-Gebirge bilde. Geschickt nutzte er die Han-chinesischen Prinzipien des Fengshui, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Er betonte dabei, er habe die Schriften zu dem Thema gründlich recherchiert, was nicht nur sein Interesse am Tai Shan belegte, sondern auch bewies, dass er sich in der Welt der chinesischen Gelehrsamkeit auskannte.48

Kangxis Enkel, der von 1735 bis 1796 regierende Qianlong war der letzte Kaiser, der zum Tai Shan pilgerte. Qianlong trat ganz in die Fußstapfen seines Vorfahren, als er im Jahr 1748 die erste seiner neun Pilgerreisen zum heiligen Berg unternahm.49 Dass er als Kaiser zum Tai Shan pilgerte, war ausdrücklich eine Respektsbezeugung gegenüber seinem Großvater, den er überaus verehrte. Als in seinen letzten Lebensjahren die Dauer seiner eigenen Regierungszeit die seines Großvaters zu übertreffen drohte, zog sich Qianlong zurück, weil er Kangxis Ansehen nicht in den Schatten stellen wollte.

Zum Zeitpunkt seiner ersten Pilgerreise war Kaiser Qianlong bereits ein Dutzend Jahre lang an der Macht. Anscheinend hatte er zuvor nicht das Bedürfnis verspürt, den Tai Shan zu besuchen; der übliche Wunsch neuer Regenten, ihre Herrschaft durch eine Pilgerreise zu festigen, scheint für ihn kein Thema gewesen zu sein. Aber 1748 war für den Kaiser ein tragisches Jahr. Nachdem zunächst sein kleiner Sohn Yongcong an den Pocken gestorben war – ein Tod, für den Qianlong sich selbst die Schuld gab –, starb drei Monate später seine Frau, die fromme und tugendhafte Kaiserin Xiaoxianchun.50 In tiefer Trauer geriet der Kaiser mehrfach regelrecht in Raserei; in seinem Kummer enterbte er zwei seiner Söhne wegen mangelnden Respekts vor den Verstorbenen und bestrafte Hunderte von Beamten, die seiner Meinung nach nicht genug um seine Frau getrauert hatten.51 Eine tiefe Verunsicherung habe Qianlong zu solchen Reaktionen veranlasst, wird in der Geschichtswissenschaft argumentiert. Und die öffentliche Zurschaustellung der Feierlichkeiten am Tai Shan, als er sich in seiner dunkelsten Stunde an die Vorfahren, die Kaiser in seiner Ahnenreihe, wandte, habe dazu gedient, sein Selbstwertgefühl zu stärken. An der tiefempfundenen Trauer über den Tod seiner Frau besteht freilich kein Zweifel, da er in den nächsten vier Jahrzehnten über hundert Gedichte über seinen schmerzlichen Verlust verfasste.52 Möglicherweise wurden die Todesfälle auch als Zeichen gedeutet, dass der Kaiser sich den Unmut des Himmels zugezogen habe, und die Pilgerfahrt war somit ein Weg, die göttliche Gunst zurückzugewinnen.

Qianlong setzte auf dem Berg ein bleibendes Zeichen. Er ließ auf einem 20 Meter hohen, rechteckigen, hellen Stein ein Gedicht einmeißeln und weithin sichtbar hoch über der Stadt Tai’an anbringen. Die Installation ist die einzige von Menschenhand geschaffene Ergänzung zu diesem Naturheiligtum, die vom Süden der Stadt aus zu sehen ist.53 Das Gedicht hatte der Kaiser selbst zum Gedenken an seine erste Pilgerreise verfasst. Zudem markierte es den Berg in ähnlicher Weise als Qianlongs Besitz, wie es die Stempel auf den Kunstwerken in der kaiserlichen Sammlung taten. Darüber hinaus hat kein anderer Kaiser am Tai Shan mehr Inschriften in Stein meißeln lassen als Qianlong.

Nach Qianlongs Tod im Jahr 1799 pilgerte kein Kaiser mehr zum Tai Shan. Möglicherweise lag dies auch daran, dass es die nachfolgenden Herrscher Chinas nicht mehr nötig hatten, dorthin zu reisen. Trotz gelegentlicher interner Probleme und der stetigen Bedrohung aus dem Westen wuchs Chinas Territorium zu heutiger Größe, während sich das Land stabilisierte. Auch ohne die Feng-Shan-Opfer überdauerte die Qing-Dynastie bis zur Xinhai-Revolution im Jahr 1911.54 Man könnte durchaus meinen, dass die späteren Kaiser nicht mehr zum Tai Shan pilgerten, weil die größten Kaiser Chinas den Berg nicht nur besucht, sondern auf dem Berg selbst dauerhafte und gut sichtbare Markierungen hinterlassen und den Tai Shan zudem symbolisch der Verbotenen Stadt einverleibt hatten, indem sie ihre Pilgerfahrten auf Werken darstellen ließen, die im kaiserlichen Archiv aufbewahrt wurden. Im Einklang mit der barmherzigen Herrschaft, die sie ihren Untertanen zu demonstrieren suchten, verlegten sich die nachfolgenden Regenten darauf, sich als im konfuzianischen Sinn gerechte Verwalter zu betätigen und den Tai Shan und seine Pilgerstätten der breiten chinesischen Bevölkerung zu überlassen.

2. KAPITELDER GANGES INDIEN

Hoch oben im Himalaja, auf einer Höhe von etwa 4000 Metern über dem Meeresspiegel, liegt der Punkt, an dem sich der 30 Kilometer lange Gangotri-Gletscher in Schmelzwasser verwandelt. Die Luft hier oben ist dünn, die Wege sind oft mit Schnee und Eis bedeckt. Obwohl der Ort alles andere als einladend ist, pilgern die Menschen doch hierher, denn für viele Hindus ist der Gletscher die Quelle des Ganges, ihres heiligsten Flusses, und der Himalaja die Heimat der Götter. Das Gletschertor, aus dem das Schmelzwasser fließt, heißt unter Hindus »Gaumukh«, das »Maul der Kuh«. Das Wasser des Gletschers bahnt sich seinen Weg durch die Ausläufer des Garhwal-Himalaja hinunter in die Ganges-Ebene, in der fast eine halbe Milliarde Menschen leben. Während der Fluss durch Siedlungen fließt, die selbst zu wichtigen Pilgerstätten geworden sind, weil sie an den Ufern des Ganges liegen, nimmt er immer mehr Wasser aus Dutzenden von Nebenflüssen auf. Nachdem er sich über 2000 Kilometer durch Nordindien geschlängelt hat, teilt sich der Ganges (der dort, wo er durch Bangladesch fließt, Padma genannt wird) in zahlreiche Arme, die das größte Flussdelta der Welt bilden und in den Golf von Bengalen münden.

Da er auf seiner ganzen Länge Pilger anzieht, ist der Fluss Ganges das raumgreifendste, größte Pilgerziel der Welt. In den Upanischaden, einer zwischen 700 und 200 v. Chr. entstandenen hinduistischen Textsammlung, sind die Ursprünge des Universums beschrieben – und wie der Fluss Ganges, der indische Name lautet »Ganga«, auf die Erde kam. Nur Shiva, einer der wichtigsten Götter des Hinduismus, hatte die Kraft, die Göttin Ganga zu besänftigen, indem er die Wassermassen durch sein Haar laufen und erst dann auf die Erde fließen ließ. Dort, wo das Wasser der Ganga auf die Erde fiel, wurde die Göttin in der Form des Flusses festgehalten. Wie bei den meisten Pilgerstätten machen sich auch beim Ganges die Pilger aus vielerlei Gründen auf den Weg. Viele kommen zu seinem Ufer, weil sie glauben, der Strom könne sie von ihren Sünden befreien. Manche kommen, weil sie Beistand in geschäftlichen Angelegenheiten oder für ein Gerichtsverfahren suchen. Andere bitten um Heilung oder spirituelle Erneuerung oder wollen sich dankbar erweisen. Wie bei vielen anderen Pilgerstätten auch, die mit Tod und Wiedergeburt in Verbindung stehen, besagt ein alter Glaube, der Besuch am Ganges könne einer Frau helfen, schwanger zu werden. Sollte die Pilgerfahrt zu dem gewünschten Ergebnis führen, muss sie dem Ganges allerdings im Gegenzug ihren erstgeborenen Sohn opfern und ihn in die Fluten werfen.55

Das Wasser des Ganges schenkt höhere Einsichten, eröffnet einen Zugang zum Jenseits, trägt den Nektar der Unsterblichkeit in sich und gilt noch immer als für alle Ewigkeit rein. Seine Macht reicht weit über den Fluss selbst hinaus. Rajendra I., der 1012 bis 1044 über das in Südindien gelegene Reich der Chola herrschte, wollte die Heiligkeit des Ganges unbedingt für sich nutzen und sandte deshalb seine Generäle aus, um Krüge mit Ganges-Wasser für ihn zu holen. Nachdem er die Gebiete am Ganges-Delta erobert hatte, baute Rajendra I. in einem Shiva geweihten Tempel ein Becken für das Wasser des Ganges; das Wasser dafür mussten Gefangene vom Fluss zum Tempel bringen. Seiner neugegründeten Hauptstadt gab er den Namen Gangaikonda Cholapuram, »die Stadt des Chola[-Königs], der die Ganga [sprich: den Ganges] eroberte«.56

Einer der bedeutendsten muslimischen Großmogule Indiens, der von 1556 bis 1605 herrschende Akbar, wollte ausschließlich das Flusswasser gereicht bekommen, wo auch immer er sich aufhielt; er trank kein anderes Wasser und auch seine Speisen sollten nur damit zubereitet werden.57 Da dies bei seinen Hindu-Untertanen so gut ankam, führten sowohl sein Sohn als auch sein Enkel diese Praxis fort. Drei Jahrhunderte später wurde vor Gericht auf Ganges-Wasser geschworen.58 Um neue Pilgerstätten zu schaffen, wurde aus dem Fluss Wasser abgezweigt, beispielsweise für das Becken in Mayapuri. Dort wurde vor mehr als tausend Jahren Wasser des Ganges mehr als drei Kilometer weit zum sogenannten Tor des Ganges geleitet, damit Pilger darin baden und von der Wohltätigkeit der örtlichen Machthaber, etwa durch kostenlose Unterbringung, profitieren konnten. Bis in jüngste Zeit begeben sich jährlich Millionen Pilger aus ganz Indien, die meisten von ihnen aus armen Verhältnissen, zu Ehren Shivas auf die Kanwar-Yatra-Pilgerfahrt und bringen Wasser aus dem Ganges in verschiedensten Behältnissen mit zurück, um es bei sich zu Hause aufzubewahren oder Tempeln in ihrer Nähe zu spenden. Auf diese Weise will man die Verbindung zwischen dem hinduistischen Glauben, dem Ganges und ganz Indien erneuern. In Reaktion auf politische Veränderungen und den Konsumismus, der die indische Gesellschaft zunehmend prägt, hat das Ritual bei Hindus in den letzten Jahrzehnten wieder an Popularität gewonnen – auch weil es den Armen eine Möglichkeit gibt, weiterhin eine wichtige Rolle in der hinduistischen Gesellschaft zu spielen.59

Abbildung 3: Das Wasser des Ganges galt als spirituell so mächtig, dass es oft quer durch ganz Indien transportiert wurde, teils von speziellen Trägern, teils von versklavten Menschen. Verwendet wurde es bei religiösen Zeremonien, für Waschungen oder um Badebecken damit anzulegen, die als Pilger- und Gebetsstätten dienten.

Neben dem Ganges werden noch sechs weitere mächtige Flüsse des indischen Subkontinents als Göttinnen angesehen, der Ganges ist jedoch der bedeutendste und seine Verehrung lässt sich bis in die Zeit zwischen 1700 und 1100 v. Chr. zurückdatieren. In der frühen hinduistischen Überlieferung finden sich so gut wie keine Hinweise auf Pilger, und es scheint, als habe sich Pilgern als Praxis im Hinduismus erst relativ spät etabliert. Abgesehen von einigen Schriften aus dem 3. bis 5. Jahrhundert werden Pilgerreisen in den traditionellen Texten zu den hinduistischen Gesetzen erst im 12. Jahrhundert erwähnt.60 Etwa 300 Jahre später waren Pilgerfahrten zum Ganges so üblich und wichtig geworden, dass wahrscheinlich schon im Mittelalter verfasste und in der Zwischenzeit mehrfach abgeänderte Kodizes Normen und Standards für die Durchführung einer Pilgerreise an den Ganges (und zu anderen Orten in Indien) festlegten.

Mitte des 16. Jahrhunderts hatte der Pilgerstrom bereits ein erhebliches Ausmaß angenommen. Dank der stabilen Verhältnisse, die mit der Herrschaft der Moguln einhergingen, konnten Reisende nun auch längere Strecken relativ sicher zurücklegen.61 Der englische Geistliche Samuel Purchas notierte dann in den 1630er-Jahren, der Jesuitenpater Emanuel Pinner habe in Varanasi, einer der seinerzeit bedeutendsten Städte entlang des Ganges, 4000 Gläubige zum Fluss pilgern sehen. Zudem habe ihm der Statthalter von Bengalen mitgeteilt, »dass zeitweise dreihunderttausend oder vierhunderttausend Pilger dorthin kämen«.62 Purchas war nicht der einzige Europäer, der über das Phänomen der Pilger am Ganges berichtete. Jean de Thévenot, ein aus Paris stammender Forschungsreisender, der den indischen Subkontinent in den Jahren 1666 und 1667 bereiste, versicherte, er habe gesehen, wie sich Pilger nackt in den Fluss geworfen hätten.63 Zwei Jahrhunderte später beschreibt John Matheson, ein weiterer Reisender (und nicht der letzte, auf dessen Reiseschilderung wir als wertvollen Augenzeugenbericht zurückgreifen werden), wie er in Varanasi einen Pilger auf einer im Fluss errichteten Säule beten sah.64

Die Pilgerorte am Ganges

Der gesamte Ganges ist heilig, aber bestimmte Plätze gelten als Orte des Übergangs zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Götter. Zu bestimmten Zeiten des Jahres sind sie die allerheiligsten Orte, hinter denen andere bedeutende religiöse Stätten zurückstehen. Am bedeutendsten sind Haridwar (auch Mayapuri, Gangadwar oder Kapila genannt), Prayag (vormals Allahabad, heute Prayagraj) und Varanasi (auch als Avimukta, Kashi oder Benares bekannt), doch zahlreiche kleinere Orte konnten im Laufe der Jahrhunderte ebenfalls einen Teil der Pilgerströme auf sich ziehen und besitzen diese Anziehungskraft in einigen Fällen noch immer. Einem Reiseführer aus den 1910er-Jahren zufolge strömten regelmäßig im Winter Pilger nach Bandakpur, um ein Lingam, eine abstrakte, symbolträchtige Skulptur, die als Versinnbildlichung Shivas gilt, mit Wasser aus dem Ganges zu übergießen. Sie wollten damit Shiva dem »Herrscher der Welt« und »größten Gott« (dem Jageshwar und Mahadeva) danken und ihn gnädig stimmen. Ohne dass es direkt am Ganges liegt, profitierte wiederum Kakora im heutigen Uttar Pradesh von einem Jahrmarkt, den die Pilger im Monat Kartik im Anschluss an ihr rituelles Bad im heiligen Fluss besuchten, um Handel zu treiben.65