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Über einen geschleiften Ort An der heutigen Osdorfer Straße 1, nahe der Grenze zu Berlin-Lichterfelde, befindet sich neben einer Gutsscheune ein Erinnerungsstein, auf dem zu lesen ist: Hier befand sich einst das Dorf Osdorf. Das Dorf wurde in den 60er Jahren dem DDR-Grenzbau geopfert und ab 1968 mit Ausnahme der Osdorfer Scheune komplett abgerissen. 1369 erstmals urkundlich erwähnt, wurde das märkische Bauerndorf mit seinem Gut besonders ab 1875 durch die ersten hier angelegten Rieselfelder der Berliner Stadtgüter bekannt. Heute gehört Osdorf zum Ortsteil Heinersdorf der Gemeinde Großbeeren. Juni 2003. Das vorliegende Buch informiert über die Geschichte und Hintergründe.
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Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Reihe www.Historische-Wege.de
Auch dieses Projekt begann irgendwie mit dem Großbeerener Weg in Teltow und seiner „Krimlindenallee“.
Jens Leder, als Berliner, Historiker und Autor des Heftes „Historische Wege in und um Teltow“, konnte uns erzählen und erklären, warum es direkt an der südlichen Stadtgrenze zu Berlin eine Osdorfer Straße, einen Osdorfer Weg in Teltow, moderne Wohnhäuser, aber keinen Ortskern mit Dorfkirche, einen Feuerlöschteich, Reste eines Feuerwehrhauses oder Gutsherrenhauses und verfallene Kellergemäuer gibt.
Es handelt sich auf freier Fläche zwischen der südlichen Berliner Stadtgrenze und der brandenburgischen Stadt Teltow um Überreste des einstmals wohlhabenden Guts- und Rieseldorfes Osdorf. Die tragische und wechselvolle Geschichte, warum die Bewohner des Ortes „erst neulich“ ihr Zuhause verlassen mussten, ihr Ort dem Erdboden gleichgemacht wurde, zeigt dieses Heft auf. Auch bringt uns die Historie des Ortes Osdorf exemplarisch die Entstehung und das Leben in der Kulturlandschaft der ehemaligen „Rieseldörfer“ rund um die Großstadt Berlin nahe.
Wir hatten in unseren Reihen einen Historiker, der umfangreiche Informationen und alte Karten beigesteuert hat und haben mit ihm gemeinsam gerne und mit großem Interesse dieses Heft realisiert. Es ist reichlich Wissenswertes zu historischen Orten in unserer Region zusammengekommen, beispielsweise auch zum Heinersdorfer Weg oder dem Osdorfer Wäldchen. Dazu möchten wir eine Fortsetzung realisieren - gerne mit Ihren Anregungen.
Wir realisierten dieses Heft erstmals mittels „Books on Demand“, → bod.de
Christine Dunkel
Regionale Interessengemeinschaft (RIG) „Der Teltow“
www.Regionalmarketing-DerTeltow.org
August 2018
Einleitung: Erinnerung an einen geschleiften Ort
Historischer Abriss von Osdorf
Osdorfer Wäldchen
Rieselfeldwirtschaft
Zeitgeschehen an der Grenze zwischen Osdorf und den Berliner Ortsteilen Lichterfelde und Marienfelde
Das Gut Osdorf in der NS-Zeit
An der heutigen Osdorfer Straße 1, nahe der Grenze zu Berlin-Lichterfelde, befindet sich neben einer Gutsscheune ein Erinnerungsstein, auf dem zu lesen ist: Hier befand sich einst das Dorf Osdorf. Das Dorf wurde in den 60er Jahren dem DDR-Grenzbau geopfert und ab 1968 mit Ausnahme der Osdorfer Scheune komplett abgerissen. 1369 erstmals urkundlich erwähnt, wurde das märkische Bauerndorf mit seinem Gut besonders ab 1875 durch die ersten hier angelegten Rieselfelder der Berliner Stadtgüter bekannt. Heute gehört Osdorf zum Ortsteil Heinersdorf der Gemeinde Großbeeren. Juni 2003
Links: Gedenkstein an der Osdorfer Straße 1, rechts: Altes Orts- und Grenzgebietsschild von Osdorf in der nicht mehr bestehenden Osdorfer Schänke in Heinersdorf, 2007. Fotos: Jens Leder
Eine Interessengemeinschaft ehemaliger Osdorfer Bewohner stellte im Herbst 2002 bei der Gemeinde Großbeeren den Antrag, an ihrem einstigen Heimatort einen Gedenkstein errichten zu dürfen. Schließlich willigte der Großbeerener Gemeinderat ein, und der Bürgermeister Carl Ahlgrimm kümmerte sich mit Unterstützung von Heinersdorfer und Großbeerener Bürgern um die Vorbereitungen einer Gedenkfeier und die Anfertigung einer Tafel. Den Granitgedenkstein spendierte die Firma BESO aus Heinersdorf. Am 11. Juni 2003 wurde der Gedenkstein mit einer Tafel an der Osdorfer Scheune von ehemaligen Osdorfern enthüllt.
Die Gutsscheune ist das einzige Gebäude, welches stehen blieb, als Osdorf im Jahre 1970 nach der Umsiedlung der Bewohner ins benachbarte Heinersdorf von sowjetischen Soldaten aus Wünsdorf abgerissen wurde. Zu DDR-Zeiten nutzte sie Heinersdorf als Speicher für Stroh, Heu und Getreide. Nach der Wende zogen dort eine Fliesen- und später eine Wohnwagenfirma ein. Seit Mai 2002 sind in diesem Gebäude zwei Pächterfamilien namens Ebel und Windmüller aus Berlin ansässig und richteten sich Wohn- und Arbeitsräume ein. Die alten Gutswiesen nutzten sie überwiegend zur Viehhaltung. Wegen der Nähe zur Stadt zieht der Hof von 34 ha vorrangig Berliner an. Als landwirtschaftlicher Betrieb präsentierte sich das so genannte Gut Osdorf am 11. und 12. Juni 2005 anlässlich der 11. Brandenburger Landpartie der Öffentlichkeit. Seit Dezember 2007 gab es in der Scheune einen Hofladen, in dem neben Gemüse und Geschenkartikeln Fleisch und Wurst aus eigenem Viehbestand verkauft wurden. Die Schweine, Rinder, Ziegen und Schafe zogen die Gutspächter unter biologischen Gesichtspunkten auf Freiland auf. Darüber hinaus gibt es ein Hofcafé, das mit historischen Ansichten des untergegangenen Osdorf und alten Möbeln zugleich eine Heimatstube ist. Jedoch wurde der Hofladen im Jahre 2017 auf Weisung des Gewerbe- und Bauamtes Großbeeren geschlossen, da das Gut Osdorf wegen fehlenden Grundbucheintrages ein Außenbereich darstellt und es in diesem Falle verboten ist, zerteiltes Fleisch zum Verkauf anzubieten. Wenig später kam auch die Viehwirtschaft zum Erliegen. Daraufhin fassten die Pächter den Entschluss, auf ihrem Gut fremde Tiere einzustellen und zu pflegen.
Die heutige Osdorfer Gutsscheune. Foto: Jens Leder
Einen weiteren Gedenkstein für einen im Ersten Weltkrieg gefallenen Lichterfelder Gymnasiasten hätte ein Wanderer bis Sommer 2006 am nördlichen Rand des alten Osdorfer Gutswaldes gefunden, wenn er vom Jenbacher Weg am Rodelberg in Lichterfelde den Weg durch die Fläche der Neuaufforstung eingeschlagen oder auf einem Ende der 90er-Jahre angelegten Wegenetz den früheren Gutswald mit seinem alten Baumbestand durchquert hätte. Begibt man sich in den Osdorfer Altwald, erblickt man bewachsene Haufen von Mauersteinen und Dachziegeln, Kellerfundamente, ein von Humus bedecktes Kopfsteinpflaster, alte Wassergräben, Rohrreste, Reste von Strommasten, in Bäumen eingewachsene Gartenzäune und Reste von Eisengeländern. All dies sind verstreute Bauteile, die sich zu einem Kaleidoskop zusammensetzen und somit Kapitel zur Kultur-, Sozial-, Wirtschafts- und politischen Geschichte ergeben. Die Bilder lassen sich aus den einzelnen Komponenten verschieden gestalten, was einem vielfältig verfassten Lesebuch entspricht, das zahlreiche Aspekte des Ortsschicksals darlegen kann und sich von einem streng chronologisch angelegten Werk abhebt. Übrigencode s veröffentlichte der Autor dieses Buches 2004/05 bereits eine Chronik von Osdorf in 21 Folgen in der Märkischen Allgemeinen.
Gebäudeüberreste an der ehemaligen nördlichen Dorf-Straße von Osdorf. Foto: Jens Leder
Wenn man die beiden Kopfsteinpflasterstraßen entlang durch das Osdorfer Wäldchen an den mit Robinien bewachsenen Trümmerfeldern vorbeigeht, würde man daran denken, wie vor fast einem halben Jahrhundert die Mauersteine beim Abriss des Dorfes zu Boden fielen, damit das Ende einer Geschichte einläuteten und einen Mahnschrei an die Nachwelt ausstießen. Man durchquert Seitenwege über das Gestrüpp hinweg und findet Inschriften auf Steinen und Grabüberreste. Das hier vorliegende Buch soll dem Wanderer als aufklärende Begleitliteratur dienen.
Clausnitzer, Regina: Gedenkstein mit Gedenktafel für das ehemalige Dorf Osdorf enthüllt, in: Amtsblatt der Gemeinde Großbeeren Nr. 7 vom 17. Juli 2003, S. 1 und 4.
www.gut-osdorf.de
Hallo meine Nachbarin! Hallo mein Nachbar! Ich war auf Gut Osdorf im neuen Hofladen, und hab dort eingekauft, 2007. (Informationsblatt)
Herzlich willkommen auf Gut Osdorf. (Plakat der 11. Landpartie des Landes Brandenburg am 11. / 12. Uni 2005)
Leder, Jens: Ostorff, daz do wuste lyt: Die Geschichte von Osdorf, Berlin 2003/04 (veröffentlicht in der Märkischen Allgemeinen / Zossener Rundschau vom 29. Oktober 2004 bis zum 22. April 2005 in 21 Folgen).
Mauer brachte Osdorf den Tod: Gedenkstein für verschwundenen Ort an der Grenze zu Berlin enthüllt, in: Märkische Allgemeine / Zossener Rundschau vom 13. Juni 2003.
Ott, Gudrun: Bei Wildschwein Friedemann: Landpartie 2005 lockte trotz kühler Temperaturen viele Gäste, in: Märkische Allgemeine / Zossener Rundschau vom 13. Juni 2005.
Karte von Osdorf und Umgegend aus dem Jahre 1780 (Osdorf als Asdorff geschrieben). Quelle: Sammlung Kurt Berg
In der Ortsbezeichnung Osdorf taucht die Himmelsrichtung Osten auf. Folglich könnte diese mittelniederdeutschen Ursprungs sein und Dorf im Osten heißen. Im Laufe der Jahrhunderte erfuhr der Ort verschiedene Schreibweisen. Aus der Variante Osdorp lässt sich aber auch die Übersetzung ödes Dorf ableiten. Eine historische Erklärung wäre dafür, dass ungefähr zeitgleich ein Dorf namens Osdorf bei Seehausen in der Altmark angelegt wurde und dieses wegen seines unfruchtbaren Bodens bald verlassen war. In Deutschland existieren heute Osdorf als Stadtteil von Hamburg und als Gemeinde im Landkreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein.
Der hier beschriebene Ort befand sich auf einer heute noch bestehenden Hochfläche, die sich Teltower Platte nennt. Es handelt sich um eine während der letzten Eiszeit vor 10000 Jahren entstandenen Grundmoränenplatte aus Mergelboden (Gemisch aus Ton, Kalk und Sand). Es ist eine vorrangig ebene Fläche, deren Charakter Endmoränen, Schmelzwasserrinnen und Sölle (Tümpel oder Pfuhle aus Wasser von Toteisblöcken) ausmachen. Begrenzt wird diese Landschaft von 844 km2 im Süden vom Baruther Urstromtal und im Norden am Kreuzberg vom Berliner Urstromtal mit der Spree. Die westliche Grenze bilden der Havelfluss und das Nuthefließ, die östliche die Dahme und die Spree. Geprägt ist sie von vielen Wäldern, insbesondere Kiefern, und im Südosten von Seen. Im Westen des Gebietes erhebt sich der Schäferberg, im Nordosten die Müggelberge und im Südosten der Windmühlenberg bei Königs Wusterhausen. Der Name Teltow ist seit 1232 urkundlich bezeugt und leitet sich ab vom slawischen Wort telka, das Kalb bedeutet. Für eine andere Herkunft steht die Bäke, ein Bach, welcher früher sich auch Telte nannte. Ende des 12. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts besiedelten der Templerritterorden und andere Kolonisten die von Slawen bewohnte Region und machten das Land fruchtbar, nachdem die Mark Brandenburg im Jahre 1157 unter die Herrschaft der Askanier gelangt war. In den neu entstandenen Städten mit Burgen wurden als Verwalter Vögte oder Lehnrichter eingesetzt. Bis zum 15. Jahrhundert war die Gegend ein Zankapfel zwischen Brandenburg und der Markgrafschaft Meißen. Jedoch konnten die brandenburgischen Markgrafen im Teltow ihre Herrschaft sichern. Seit ca. 1700 verwalteten Landräte den Teltow von ihrem Herrschaftssitz aus. Von 1816 bis 1952 existierte offiziell innerhalb der Provinz Brandenburg der Landkreis Teltow mit Sitz der Kreisverwaltung zuerst in Teltow, anschließend in Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts wies der Kreis 135000 Einwohner auf, 60 Jahre später 175000.
Nördliche Dorfstraße von Osdorf mit Lindenbestand in Richtung Teltow, 1968. Foto: Kurt Berg
In der Osdorfer Gemarkung wurden bei der Anlage der Rieselfelder in den Jahren 1875 bis 1878 Bodenfunde aus der Eisenzeit (1. Jahrtausend v. Chr.) und aus der spätrömischen Zeit (3.-5. Jahrhundert n. Chr.) gemacht. Auf dem Weg zwischen Osdorf und Friederikenhof entdeckte man Pfeil- oder Speerspitzen aus Eisen mit weidenblattförmigen bis spitzovalem Blatt aus dem ersteren Zeitalter. Diese Fundstücke gelangten ins Märkische Museum, galten aber seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen. Aus der neuesten Zeit muss ein Siedlungsfund in der Lilograbenniederung südostlich vom ehemaligen Osdorf erwähnt werden. Westlich vom Graben fanden Archäologen 2009 Reste eines spätgermanischen Gehöftes aus dem 4. oder 5. Jahrhundert n. Chr. Sichergestellt wurden diese während des Ausbaus des Großbeerener Gewerbegebietes. Es handelte sich hierbei um Pfosten eines dreischiffigen, nach Nordwesten und Südosten ausgerichteten Gebäudes, welches sich im Bau befand, jedoch abbrannte, und zwei mit Torf gefüllte Entwässerungsgräben als Ackergrenzen. Ferner fand man ein Objekt, das ein Holzkastenbrunnen oder eine Vorratsgrube gewesen sein könnte.
Ersterwähnung von Osdorf als Ostdorp in einer markgräflichen Urkunde von 1369. Quelle: Adolf Friedrich Riedel (Hrsg.): Codex diplomaticus Brandenburgensis, A VIII 277, Berlin 1847.
