Ostwärts - Julia Finkernagel - E-Book
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Julia Finkernagel

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Beschreibung

Reisererzählungen einer Rucksacktour von Leipzig durch Osteuropa bis in die Mongolei In diesem Buch zur erfolgreichen MDR TV-Serie »Ostwärts« erzählt die gewitzte Journalistin Julia Finkernagel launig und geistreich von ihrer ganz persönlichen Premiere als "Go East"-Travellerin, den sehr speziellen Reise-Highlights und kleineren und größeren Katastrophen auf der Tour von Leipzig bis tief in die Mongolei. Auch die witzigen Ungeheuerlichkeiten, die es niemals in die TV-Version schafften, werden in den ebenso scharfsinnigen wie humorvollen Travel-Episoden nicht verschwiegen! Ein Blick hinter die Kulissen der TV-Serie »Ostwärts« Entgegen anderer Annahmen reiste Julia Finkernagel nicht mit einem großen Fernseh-Team, sondern allein mit einem Kameramann und einem Träger und bestritt die Reise mit kleinem Budget. Dass dabei viel improvisiert werden musste, sorgt in den kurzweiligen Reiseberichten für die allerbesten Pointen, und vieles von dem, was hinter den Kulissen passierte, findet der Leser im Buch. Eine Rucksackreise durch elf Länder und Regionen In rund 25 kurzen Travel-Episoden geht die Reise ab Leipzig durch Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und über Georgien, Südrussland und den Kaukasus, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan bis in die Mongolei. Julia erklärt, wie man in Usbekistan Suppe mit den Händen isst, ohne sich danach umziehen zu müssen und erzählt von der mongolischen Familie, die dem Drehteam als Zeichen der Freundschaft einen frisch geschlachteten Ziegenkopf in den Fußraum stellt. Sie berichtet, wie sie sich in der Slowakei auf der Burg der Blutgräfin gruselte, in Russland im Gefängnis landete und erklärt, warum in Kirgistan der Tee dreimal zurück in die Kanne gegossen wird. Ausgespart wird auch nicht, dass sie in Rumänien tatsächlich Peter Maffay begegnet ist.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Deutsche Originalausgabe

Copyright © 2019 von dem Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG, München

Ein Unternehmen der Média-Participations

Markenlizenz: © 2019 Mitteldeutscher Rundfunk (MDR),

Lizenz durch TELEPOOL GmbH - Alle Rechte vorbehalten

Konzeptentwicklung knesebeck stories & Projektleitung: Caroline Kaum, Knesebeck Verlag

Lektorat: Nina Schiefelbein, Holzminden

Fotos und Coverfoto: Julia Finkernagel, Offenbach

Labelentwicklung, Coverdesign & Layout: FAVORITBUERO, München

Satz und Herstellung: Arnold & Domnick, Leipzig

ISBN 978-3-95728-286-6

Elektronisch ist folgende Ausgabe erhältlich:

eBook (epub): ISBN 978-3-95728-570-6

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise.

www.knesebeck-verlag.de

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen über die Autorin

Impressum

Inhalt

Prolog

Polen

Diplomatie für Einsteiger in Breslau

Mit Kloß im Hals in Krakau

Slowakei

Gruseln in Čachtice

Ungarn

Lebensmüde in Budapest

Reiten in Ungarn ist Ehrensache — und meine leichteste Übung

Die schlimmste Nacht der Reise

Rumänien

Über Siebenbürgen musst du gehen

Peter der Leibhaftige — ein Running Gag wird Wirklichkeit

Bulgarien

Trampen für Fortgeschrittene

Wieder mal die schlimmste Nacht der Reise. Diesmal: Baltschik

Coming Home ain’t Easy

Georgien

Willkommen im Bootcamp für die Leber

Eine georgische Tischgesellschaft, oder: Alles hört auf den Tamada

Goldsuche im geheimen Dorf

Pferdetreck ins Gebirge — Reiten: Klappe, die zwote

Gastfreundschaft 2.0 (Promille)

Russland

Dreimal Russische Riviera, bitte

So geht Reporterglück: auf dem Weg zum Völkerkunde-Museum über eine Volksgruppe stolpern

Saumäßig lässiger Pferdetreck und a…kaltes Zeltlager in 2000 Metern Höhe

Julias verhexter Wunschzettel — Murphys Gesetz gilt auch im Kaukasus

Absolut begründeter Terrorverdacht — über Muffensausen und Kopfkino hinter Gittern

Kirgistan

Mit einer kirgisischen Schönheit, Aprikosenduft und hundertmal Plov unterwegs

Schuften in der Sommerjurte — ein Tag als kirgisische Schwiegertochter

Der schlimmste Drehtag — das On/Off-Problem mit dem Auslöser

Glauben ist alles!

Tadschikistan

Umleitung! Legendärer Roadtrip über den legendären Pamir-Highway

»Ziehzeit« — oder wie man in Tadschikistan anständig Tee macht

Fünfhundert Kilometer Herzklopfen

Eine Hochzeit, und der Gast bekommt die Geschenke

Usbekistan

Von Märchen, Medresen und Modern Talking

Die Karawane zieht weiter nach Buchara

Der Realität entrückt in Chiwa

Hohe Diplomatie in Karakalpakistan oder: der lange Treck zum Aralsee

Mongolei

Leben außerhalb der Komfortzone — bei den Onkels in der mongolischen Steppe

Leben mit dem inneren Kompass — und einem mongolischen Macho

Ein eigenes Kapitel nur für das Bächlein

Total im (mongolischen) Fluss oder: Respekt muss man sich eben erarbeiten

Bildteil

Epilog

Dank

PROLOG

Von Leipzig ans Schwarze Meer und dann immer weiter ostwärts — erster Drehtag überhaupt

Im Abteil riecht es nach Salamibrötchen und Zigarettenrauch. Das Rattern macht schläfrig. Zwei Männer sitzen mir gegenüber, in diesem polnischen Zug auf dem Weg in mein bisher größtes Lebensabenteuer. Die beiden sind ab jetzt »meine« Männer. Tom und Michael.

Gerade haben wir die Grenze passiert. Hohe Fichten reichen bis ans Gleisbett, Sonnenlicht glitzert hindurch, es ist ein freundlicher, alter Wald. Auf dem Weg von Leipzig bis hierhin haben wir schon so viel geredet und gelacht, dass mittlerweile Stille eingekehrt ist und jeder von uns seinen Gedanken nachhängt. Wie wird das wohl werden die nächsten Wochen? Einen guten Monat lang werden wir Tag und Nacht zusammen sein (na ja, nachts vielleicht nicht) und für unser Filmprojekt arbeiten. Hoffentlich geht alles gut, hoffentlich vertragen wir uns, passiert uns nichts Schlimmes, versemmel’ ich das nicht. Denn das hier ist eine echte Premiere.

Es ist ein Juninachmittag und unser erster Ostwärts-Arbeitstag geht in die zehnte Stunde. Er hat heute Morgen um halb fünf in Leipzig begonnen: Anmoderation auf dem Fockeberg in der aufgehenden Sonne. »Kannste nur einmal drehen, denn die geht nicht noch mal für uns auf, wenn es nicht perfekt sein sollte«, weiß der Kameramann. If it’s wrong, it’s right for television – heißt im Klartext: So wie es ist, wird es gesendet. Noch mal drehen gilt nicht, das ist ab sofort das Motto.

Unser Auftrag: Filmmaterial für sechs Folgen der neu konzipierten Serie Ostwärts mitbringen. Brauchbares, wohlgemerkt! Unser Reisebudget ist verschwindend klein, unser Gepäck auch, aber trotzdem ist es zu schwer und zu viel. Aus diesem Grund sind wir nicht nur zu zweit, sondern zu dritt. Michael ist mein Kameramann (wie cool klingt das, bitte?) und wird ab jetzt alles filmen, was mir und uns unterwegs passiert. Da wir aber nicht mit einem Kleinbus reisen und entgegen landläufiger Meinung auch nicht von einem Begleitfahrzeug mit Maske, Kostümberaterin und Cateringteam verfolgt werden, sondern wie jeder stinknormale Backpacker mit öffentlichen Verkehrsmitteln das Schwarze Meer erreichen wollen, brauchen wir noch einen Obelix, der des Kameramanns Gepäck schultert, wenn wir durch Flüsse waten, Burgberge erklimmen oder auf Züge springen und es schnell gehen muss. Ähnlich wie die aufgehende Sonne uns keine Extrawurst brät, werden nämlich auch die öffentlichen Verkehrsmittel des Ostens nicht auf uns warten (eher schon wir auf die). Unser Obelix heißt Tom. Der ist gerade mit seinem Studium fertig und hat gestrahlt wie Bolle, als er für diesen Job angeheuert wurde. Ebenso wie Michael. Der ist ein alter Hase im Kamerageschäft und hat schon in den außerirdischsten Ländern gedreht. Er war quasi überall und nichts kann ihn aus der Ruhe bringen (das wird sich bald ändern).

Wir haben zwei Kameras, dreißig Filmkassetten und sieben Reiseführer dabei. Ich bin voller Vorfreude, aber auch ziemlich aufgeregt und frage mich zum x-ten Mal: Wie bin ich hier eigentlich reingeraten?

In Wahrheit bin ich ja gar keine Filmemacherin, sondern bloß Managerin auf Urlaub. Nach zehn Jahren Projekte rocken und Abteilung leiten am Frankfurter Flughafen habe ich um eine einjährige Verschnaufzeit gebeten und bin um die Welt gereist. Wollte herausfinden, wo meine Leidenschaft ist – im klimatisierten Büro war sie mir irgendwie abhanden gekommen. Also untervermietete ich meine Wohnung und weg war ich: mit dem Rucksack nach Südostasien, später nach Skandinavien und Nordamerika. Von Anfang an habe ich Reiseberichte geschrieben und mit meiner Hosentaschenkamera die Skurrilitäten gefilmt, die mir unterwegs passiert sind. Dadurch verwandelten sich schlimme Erfahrungen in lustige (tellergroße Spinnen, tellergroße Zimmer, tellergroße Augen beim Anblick des Dschungel-Baumhauses und der Konstruktion, über die man sich dorthin abseilen sollte), und meine Reisen wurden für Freunde, Familie und die daheim gebliebenen Flughafenkollegen miterlebbar. Nach vier Monaten voller Geschichten, die von meinen Empfängern munter weiter verteilt wurden, bat die Kulturchefin vom MDR um Kontaktaufnahme und bot mir ein Praktikum beim Fernsehen an. Das Zeitfenster lag noch innerhalb meines Sabbatjahres. Ich dachte: Merkt ja keiner, und schlug ein. Gegen Ende der zwei Monate sollte ich einen Probefilm für ein neues Reiseformat (Ostwärts) drehen. Ich zog mit einer Kamerafrau auf eine winterliche Paddeltour durch Leipzig, machte meinen allerersten Fünfminüter – und wurde angeheuert.

Und jetzt sitze ich tatsächlich in einem Zug Richtung Osten und fühle mich so semilocker.

Ich habe eine grobe Route im Kopf. Wir wollen über Breslau und Krakau in die Slowakei, uns von da Richtung Ungarn vorarbeiten, mit Stopp in Budapest, dann durch Rumänien weiter nach Bulgarien. Dort geht in 31 Tagen unser Rückflug ab Varna, den sollten wir nach Möglichkeit kriegen.

Und bis dahin noch miteinander sprechen (und überhaupt: noch leben).

Polen

GUT ZU WISSEN:

Erst mal rüber zum Nachbarn und fröhlich »Dzień dobry!« (»Guten Tag!«) sagen.

Unbedingt probieren: Oscypek (kleine geräucherte Käse aus Schafsmilch mit Zopfmuster)

– 1 –

Diplomatie für Einsteiger in Breslau

In Breslau ist die Hölle los. Fußball-Europameisterschaft, Vorrunde. Allgemeine große, fröhliche Euphorie. Wir befinden uns (2008) in einer Ära, in der wir mit entspannt hoch erhobenem Kinn in so ein Turnier gehen (und wenn ich »wir« sage, meine ich natürlich vor allem uns fußballdeutsche Zuschauer). Diese Ära hält noch zwei weitere sehr ordentliche EMs, zwei WMs und einen Titel für uns bereit, bevor sie 2018 – das deutsche Fußballselbstvertrauen zutiefst erschütternd – abrupt zu Ende gehen wird. Und bevor mit dem historischen Ausscheiden in der WM-Vorrunde in Russland auch etwas Sportlichkeit vom Platz gehen wird. Aber noch sind wir davon weit entfernt.

Heute spielt Deutschland gegen Polen. Ausgerechnet. Singende Fans in Rot-Weiß laufen am frühen Abend über den Rynek und grölen in unsere Kamera. Der mittelalterliche Rynek ist einer der schönsten Plätze, die ich kenne, etwa zweihundert mal zweihundert Meter groß und rundrum von bunten, edelst begiebelten Patrizierhäusern gesäumt. In der Mitte des Platzes stehen das »neue« und das (tipptopp restaurierte) Alte Rathaus. Breslau war schon vor sechshundert Jahren ein totaler Hotspot (ganz ohne WLAN), und auf dem Rynek strömt dieser mittelalterliche Hochglanz aus jeder Mauerspalte.

Solche Plätze rufen in mir ein Schwärmen hervor, das von tief unten kommt: »Altes Europa«, will es seufzen, »lass dich nie abreißen, asphaltieren, verputzen, sondern bleib so, wie du bist.« Ich ziehe meinen Hut vor den Trillionen von Restauratoren, die hier sorgsam geackert haben, um das wieder herzustellen, was von früher erzählt – weil es sonst für immer verschwindet. Denkmalschutz eins a. Da knicke ich doch gerne x-mal auf dem Kopfsteinpflaster um und schnaufe schmale steile Treppen hinauf, wenn ich dafür einen Hauch »Damals« bekomme.

Ja, da fließen Steuer- und massenhaft EU-Gelder rein, und nein, die Welt ist nicht gerecht. Aber wer zum ersten Mal den Rynek beschreitet, denkt nicht mehr daran (wenn es dich zum ersten Mal anlächelt, sind die Wehen vergessen). Was den Rynek außerdem besonders macht: Er ist keine Touristenfalle (jedenfalls keine reine.) Auch die Einheimischen kommen hierher, wenn sie mal schick ausgehen wollen. Und teilen ihren Platz und das viele Bier mit den Besuchern von außerhalb. Auch und ganz besonders an jenem Sommertag, als Deutschlands Fußballstern noch ungebrochen strahlt.

Die schon vor Spielbeginn ordentlich angeschickerten Fans brüllen fröhliche, aber auch unflätige Kampfrufe in die Kamera (das schneiden wir dann raus) und sind extrem gut drauf. Noch. Als nach zwanzig Minuten das erste Tor für Deutschland fällt, ausgerechnet durch Lukas Podolski und dann auch noch vorbereitet von Miroslav Klose (die brauchen sich hier vorläufig nicht mehr blicken zu lassen), müssen wir uns sehr am Riemen reißen, um uns nicht zu laut zu freuen. Als Podolski dann in der zweiten Halbzeit noch mal trifft, ziehen wir uns unauffällig zurück, denn so eine Stimmung kann schnell kippen, und die Fußballfreunde hier haben inzwischen noch viel mehr Bier intus. Das muss irgendwann wieder raus, und die männlichen Fans lassen in jeder, ich betone in JEDER, Toreinfahrt, die nicht rechtzeitig abgesperrt wurde – nebeneinander aufgereiht wie die Mannschaft beim Hymnesingen – hemmungslos alles raus. So duftet das wunderschöne Breslau an diesem Abend an manchen Stellen nach Bier und an den anderen nach Pipi.

Kurzer Einwurf: Es gab eine größere Diskussion im Sender, ob man »Breslau« sagen darf oder sich politisch korrekt mit »Wrocław« die Zunge abbrechen muss. Für die Sprach-Nerds unter uns: Es wird Wrotz-whaff ausgesprochen – das »ł« mit dem Strich durch klingt wie ein englisches »wh«, zum Beispiel in »what«. Für die anderen 98 Prozent, denen »Breslau« leichter über die Lippen geht, kommt hier die Beruhigung: Es hat nichts Geschmäcklerisches und ist auch keineswegs politisch unkorrekt, »Breslau« zu sagen. Freundschaftlich und völkerübergreifend wurde festgelegt, dass Namen sowohl in der Landes- als auch in der jeweils eigenen Sprache ausgesprochen werden können: So dürfen die Amerikaner München Munich nennen und die Franzosen Londres sagen statt London. Alles easy.

Wir werden auf den Stationen, die folgen, noch ein paarmal unter Leuten EM-Fußball schauen, denn Deutschland schafft es bis ins Finale (wo wir uns dann tragischerweise von Spanien wegbürsten lassen werden).

Wir wollen nach Krakau, und so lustig und launig die Reise gerne werden darf: Dort haben wir etwas Schwermütiges vor.

– 2 –

Mit Kloß im Hals in Krakau

Den Film Schindlers Liste habe ich drei- oder viermal gesehen und jedes Mal Rotz und Wasser geheult. Meine allgemeine Affinität zu Filmen lässt mich oft noch Tage nach dem Abspann auf der jeweiligen Geschichte herumkauen. Was ist wohl danach passiert, was wäre gewesen, wenn? Ich spinne sie weiter und speichere die Originalschauplätze auf meinem internen Reisewunschzettel. Bei Schindlers Liste ist aber noch mehr passiert: Aus irgendeinem Grund fühle ich mich dem ehemaligen mittel- und osteuropäischen jüdischen Leben emotional verbunden. Es interessiert mich und berührt mich. Ich fühle eine Art Grundschuld, obwohl ich gnädigerweise nicht in dieser Zeit gelebt habe. Ich habe Filme über jüdische Lebensgeschichten gesehen, Bücher gelesen, Museen besucht, war in Jerusalem in der Niemand-kann-je-wieder-glücklichwerden-Gedenkstätte Yad Vashem, aber ich hatte noch keinen Ort gefunden, an dem dieses frühere jüdische Leben tatsächlich greifbar wird. Oder anders gesagt, einen Platz, an dem ich erleben kann, wie sich damaliger jüdischer Alltag – und ich meine an dieser Stelle den »normalen« – angefühlt hat.

In Krakau gibt es diesen Ort, es ist der Stadtteil Kazimierz. Manch einer mag es kitschig finden (call me a wimp) – ich bin elektrisiert. Wir staunen uns durch die hübschen Gassen (Kopfsteinpflaster!), kommen an Synagogen und alten Bethäusern vorbei, sehen steinerne Davidsterne an den Hauswänden. In einem der Restaurants auf dem langgezogenen Szeroka-Platz gehen wir jüdisch essen, beobachten die vorbeilaufenden Menschen. Es sind viele Touristen darunter, viele ältere, einige mit jüdischem Hintergrund (was Tom, der gerne mal die Leute anquatscht, in Erfahrung bringt). Und wir stellen uns vor, wie das gewesen sein muss, als die Welt für diese besondere Gruppe Menschen noch in Ordnung war (oder zumindest halbwegs in Ordnung) und nur wenige ahnten, was auf sie zukommt.

In der Buchhandlung neben der Hohen Synagoge explodiert schließlich der Kloß in meinem Hals. Und zwar, weil auf einem Buchdeckel der Begriff »Stetl« steht. Dieses eine kleine Wort sorgt dafür, dass ich minutenlang ratlos und mit feuchten Augen Bücher von einem auf den anderen Haufen stapele und total verloren bin. Ich mag mich darüber nicht mit »meinen Männern« austauschen, weil ich das Gefühl gar nicht auszudrücken vermag – es spielt sich jenseits meines Sprachzentrums ab. Ich will auch auf keinen Fall hinübersehen, was die beiden jetzt gerade tun. (Hoffentlich filmen sie mich nicht.) Wahrscheinlich machen sie das gleiche wie ich, starren und schlucken. Sowohl Michael als auch Tom sind nämlich ebenfalls durchaus »rührbar« und in der Lage, ein Tränchen zu verdrücken, wenn sie von einer Welle der Empathie überrollt werden.

Kazimierz also. Als ich eine Woche vor Abreise noch einmal Schindlers Liste gesehen habe, kam beim Abspann in mir die Frage auf, ob von den »Schindlerjuden« noch welche leben könnten, und wenn ja, wo. Sind sie nach Israel gegangen und dort geblieben? Oder hatten sie Heimweh nach Europa und sind zurückgekommen? Die Online-Recherche bringt nicht viel zutage. Ich will das aber wissen und filmen. Und werde ausgerechnet in meinem Reiseführer fündig. Demnach führt in der Remuh-Synagoge ein Mitglied der Krakauer jüdischen Gemeinde Aufsicht, das selbst auf Schindlers Liste stehen soll. Also auf zur Synagoge. Die Ernüchterung kommt schnell, der gute Mann ist nämlich verreist. Wir erfragen daraufhin in unserem kleinen Hotel, wo die jüdische Gemeinde beheimatet ist, und filmen den gesamten Suchvorgang (das, was bei »Bitte melde Dich« oder »Vermisst« im Vorfeld gemacht wird).

Hierbei lerne ich zwei spitzenmäßige Nebeneffekte meiner vierwöchigen Dauerverkabelung kennen. Ich trage nämlich von früh bis spät ein kleines Ansteckmikrofon – unter Profis: die Funke. Diese klemme ich mir jeden Morgen im Ausschnitt fest. Das daran hängende Kabel mündet nach einer Irrfahrt um meinen Oberkörper in ein zigarettenpäckchengroßes Funkgerät, das wiederum in meiner hinteren Hosentasche steckt. Ein baugleiches zigarettengroßes Päckchen (das »baugleich« nehme ich an, es sieht jedenfalls genauso aus) ist auf die Kamera geschraubt.

Zum einen landet so der von mir kontinuierlich produzierte Schall auf magische Weise (Funk eben) an Michaels Kamera, beziehungsweise über ein weiteres Kabel in seinen Kopfhörern. Wenn ich – was vorkommt – ohne Ansage herzhaft niese oder ein Taxi rufe, kann es passieren, dass Michael schmerzverzerrt zusammenzuckt, weil er mich mordsmäßig verstärkt auf die Lauscher bekommt. Ich könnte mich auch mit einem Megafon an sein Ohr stellen und reinbrüllen.

Der zweite Effekt ist allerdings noch cooler. Den lerne ich kennen, als ich aus dem Gebäude der jüdischen Gemeinde herausstürme, um ihm freudig mitzuteilen, dass wir willkommen sind. Schon auf halber Strecke pralle ich jedoch mit der Kamera zusammen.

»Aber wir haben doch ausgemacht, dass ich erst frage, ob wir drehen dürfen!« (Julia hat gerne die Kontrolle über das Geschehen, wenn sie nervlich angespannt ist.)

»Dürfen wir doch«, sagt Michael (der ebenfalls in Stresssituationen ungern die Fäden aus der Hand gibt).

Ich gucke verständnislos.

Er tippt auf seine Kopfhörer, grinst und sagt: »Ich höre dich, Julia«. Dann, etwas leiser (ich will nicht sagen, gequält): »Die ganze Zeit«. Oh. Die Funke.

Vom hilfsbereiten Herrn Russek aus der jüdischen Gemeinde erfahren wir, dass es noch genau zwei überlebende Schindlerjuden in Krakau gibt. »Schindlerjude« ist die selbst gewählte und eher nüchterne Bezeichnung für diejenigen tausend Menschen, die der deutsche Fabrikant Oskar Schindler vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager bewahrte, indem er sie im Herbst 1944 für seine Munitionsfabrik im tschechischen Brünnlitz »kaufte«. Ein Krakauer Medizin-Professor hat über Jahre hinweg aus Interviews mit Überlebenden, von denen viele seine Patienten waren, ein Buch über Oskar Schindler geschrieben. Diesen Arzt ruft Herr Russek an, und kurz darauf sitze ich erst im Wartezimmer der Praxis von Professor Skotnicki und dann in seinem Professorenzimmer, das aussieht wie eine unaufgeräumte Bibliothek. Überaus charmant, der Herr Professor, muss ich schon sagen, auch mit sechzig noch durchaus ein Frauentyp. Er öffnet mir sein Herz und kurz darauf die Tür zum Patientenzimmer von Stella Müller-Madej.

Es ist ein bewegender Moment. Ich bin aufgeregt und will das auf keinen Fall vermasseln. Ihr jetzt bloß nicht irgendwie zu nahe treten, denke ich. Oder allzu begeistert sein, dass wir sie sehen können – »Begeisterung« ist bei dem Thema vielleicht nicht angezeigt. Ich bin aber begeistert. Frau Stella (so sagen das die Polen, ich bin hier Frau Julia) ist zwar etwas klapprig, aber wahnsinnig freundlich und spricht prima deutsch. Die kleine Frau sitzt in einem Krankenhaus-Rollstuhl und stützt den Kopf in eine Hand. Sie hat schüttere kurze, dunkle Haare, lebendige braune Augen und ein warmes Lächeln. Sie erzählt bereitwillig und strahlt sogar richtig, als wir auf Oskar Schindler kommen.

Ihre Geschichte ist live ebenso dramatisch, wie ich sie aus dem Film kenne. Stella Müller (später Müller-Madej) ist Nummer 169 auf Schindlers Liste. Sie berichtet nüchtern, dass sie in Auschwitz mehrmals durch die Tür der Gaskammer gehen musste und dann in letzter Minute zurückgepfiffen wurde. Mit vierzehn. Das sagt sie ganz ohne Bitterkeit, ohne sichtbaren oder spürbaren Groll, einfach so als Tatsache. Vielleicht hat sie das Thema »ausgefühlt« – ich bin ja nicht die Erste, mit der sie darüber spricht.

Schindler hatte Chuzpe, das muss man schon sagen. Im Epizentrum des Bösen noch auf dicke Hose zu machen und geschäftsmännisch auf »seine Arbeiterinnen« zu pochen. Er bezahlte für jede einzelne der Frauen und kaufte sie damit vor dem sicheren Tod in der Gaskammer frei. In Auschwitz hat Frau Stella Oskar Schindler zum ersten Mal gesehen und sagt, dass sie sofort wusste, wer das ist. Sie lächelt und erzählt mit ihrem reizenden Satzbau von diesem Moment. »Wir haben ihn nicht früher gesehen, aber wir haben absolut gewusst, DAS muss sein der Oskar Schindler. Und so ruhig hat er geredet: ›Nu ja, jetzt wir gehen zu meiner Fabrik, und jetzt die alle Frauen sind meine.‹« Sollte er das wirklich so gesagt haben, dann »Chapeau!« vor so viel Rest-Humor an derartigem Ort.

Frau Stella berichtet auch von dem Tag – später in der Fabrik in Brünnlitz –, als »seine« Fabrikarbeiter Oskar Schindler zum Geburtstag gratulierten und sagten: »Wir lieben dich alle, sei gesund!« Dass er da ein bisschen geweint habe. Ich recherchiere: Es muss sein 37. Geburtstag gewesen sein.

Wir führen kein übermäßig langes Interview. Es ist ja mein erstes überhaupt, und für so einen historischen Moment bin ich furchtbar schlecht vorbereitet. Hinterher werden mir noch tausend Fragen einfallen, die ich Stella gern gestellt hätte. Ich kann bei dieser besonderen Frau kein noch so kleines Fünkchen Bitterkeit erspüren. Sie ist freundlich, weichherzig, voller Frieden und Dankbarkeit. Zum Abschied legt sie ihre Hand in meine und sagt mit einer ganz sanften Stimme: »Ich erinnere ihn jede Nacht, jeden Tag, jeden Moment«. Ich bin genauso sprachlos wie ergriffen.

Als wir die Klinik wieder verlassen, sind wir ein Kaleidoskop unterschiedlicher Gefühlslagen: Natürlich sind wir bedröppelt ob der unglaublichen Geschichte, aber auch froh über dieses spezifische Happy End. Außerdem stolz und erleichtert, weil wir das filmen konnten, und ein wenig erschöpft wegen des gesamten emotionalen Aufruhrs. Eins-a-Journalisten. Sachlich-distanziert. (Nicht.)

Mit diesem einzigartigen Erlebnis im Kopf und im Herzen verlassen wir Krakau mit dem Zug in Richtung Hohe Tatra und reisen vom polnischen Wintersport-Juwel Zakopane (wo man an Grillständen mannsgroße Schweinespieße verschluckt und mit gigantomanischen Bierrationen nachspült) weiter über die Grenze in die Slowakei.

Slowakei

GUT ZU WISSEN:

Das unterschätzte Schätzchen zwischen Polen, Tschechien und Ungarn

Wichtiges Wort: »strašidelný« (»straschidjelni«), das heißt »gruselig« — und zum Gruseln sind wir hier.

– 3 –

Gruseln in Čachtice

In der Slowakei reisen wir ausnahmsweise mal westwärts. Wir kommen von oben herein (oben im Sinne von oben, und im Sinne von Norden). Die Grenze zwischen Polen und der Slowakei verläuft durch die Hohe Tatra, den höchsten Gebirgszug der Karpaten. Sie hat einige hundert Zweitausender und allein vierundzwanzig Gipfel über 2500 Meter. Die Grenze liegt weiter unten, auf 860 Metern. Ein polnischer Bus bringt uns zur Bergalm Łysa Polana. Dort führt eine Fußgängerbrücke über die Białka rüber in die Slowakei – außerordentlich idyllisch, dieser Grenzübergang. Dass wir auf den slowakischen Bus von hier nach Poprad warten müssen, kommt mir sehr gelegen, denn es riecht nach den Ferien meiner Kindheit in den Alpen. Grasduftschwangere Bergluft weht über die Wiesen und durch die hohen Wipfel, der Fluss plätschert leise. Hach. Jetzt einfach hier bleiben, Heidi-Urlaub machen, das wäre was. Doch Müßiggang ist nicht angezeigt: Wir wollen es ja bis ans Schwarze Meer schaffen. Irgendwann – so nehme ich mir vor – komme ich wieder, mit mehr Zeit und ohne Kamera. Ab jetzt werde ich mir das jeden zweiten Tag irgendwo vornehmen. Es wird so was wie mein Mantra.

Von Poprad arbeiten wir uns mit einem gemütlichen Zug in Richtung Westen vor. In Züge ein- und aussteigen ist das Einzige, das wir zweimal drehen. Deshalb muss es extra schnell gehen. So langsam bekomme ich Routine: Zug fährt ein. Tom sucht sich mit seinem und Michaels Gepäck eine Tür weiter hinten und steigt ungefilmt ein. Ich erklimme für die Kamera den Zug, Michael filmt von außen. Jetzt muss ich ganz fix wieder aussteigen und ihn hineinlassen. Von innen filmt Michael, wie ich reinkomme. Man macht sich darüber keine Gedanken, weil das im Film später wie ein ganz normales Einsteigen aussieht. Mir ist es mittlerweile so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es mich nicht überraschen würde, wenn es mir irgendwann auch mal ohne Kamera passiert, dass ich direkt hinter der Zugtür wieder kehrtmache …

Weil wir es uns wert sind, reisen wir heute erster Klasse (stechen allerdings ein bisschen raus mit unseren Outdoorklamotten und den Rucksäcken). Der Blick aus dem Fenster ist auch erster Klasse. Die Slowakei ist reich an alpinen Gebirgslandschaften und gesegnet mit Heilquellen und unberührter Natur. Nach der Trennung von Tschechien hat die Slowakei bekanntheitsmäßig zwar definitiv den Kürzeren gezogen, aber das verleiht ihr gleichzeitig diesen gewissen Geheimtipp-Charme.

In Nove Mesto müssen wir umsteigen und uns beeilen (inklusive einsteigen, aussteigen, einsteigen), um die Schnellbahn nach Čachtice noch zu erwischen. Das Örtchen Čachtice (»Tschachtize«) hat eine blutige Vergangenheit, denn auf der dazugehörigen Burg hat sich eine absolut slasher-mäßig grausame Geschichte abgespielt. Die liegt zwar schon vierhundert Jahre zurück, doch das schmälert ihren Gruselfaktor nicht im mindesten. Im Guinness-Buch der Rekorde ist von der »produktivsten Serienmörderin aller Zeiten« die Rede. Čachtice selbst ist heute allerdings genauso tot wie die sechshundert Mädels, die auf das Konto der sogenannten »Blutgräfin« gehen sollen.

In Amerika hätte man kurz vor dem Ortseingang eine Autobahnausfahrt mit riesigen Hinweisschildern gebaut und ein fußballfeldgroßes Gelände zu einem Parkplatz planiert. Von dort würde eine schicke Seilbahn die Menschenmassen bis zur Burg hinauf katapultieren, wo man auf einem rollstuhlgeeigneten Rundweg die Ruine erkunden kann. Es würde Buden mit Horror-Souvenirs und Zombie-Burgern geben, eine Geisterbahn und super gelaunte Guides mit Länderschildchen am Polohemd. Kostümierte und blutverschmierte Nachwuchsschauspielerinnen würden jede Stunde in einer Slashthe-Virgin-Show auftreten und kreischen, was das Zeug hält.

Hier: nix. Also im Sinne von gar nix. Ist das schön! Ich komme mir vor, als seien wir die Ersten, die dieses geschichtsträchtige Juwel entdecken! Die Ersten in Machu Picchu! Zu Fuß den Berg erklommen, oben über den Rand geschaut, der Nebel lichtet sich, und BÄM!

Allerdings ist hier auch sonst nichts Touristisches. Im Sinne von, sagen wir, einem Hotel. Wir laufen vom winzigen Bahnhof aus eine ländliche Straße entlang, rechts und links von eingeschossigen Häusern mit Gärten gesäumt. Es ist schon später Nachmittag, alles menschenleer. Nein, nicht alles. Ich entdecke einen Mann in seinem Vorgarten und frage, ob er englisch oder deutsch spricht. Er antwortet in astreinem Slowakisch, und wir reden ein bisschen gleichzeitig. Ich gestikuliere »schlafen« und »essen« und wechsle (als ob das helfen würde) ins Denglisch. Er gestikuliert so etwas wie »Bleiben Se ruhich, Frollein« und zieht ein winziges Handy aus der Tasche. Unter freudigen Ausrufen reicht der Mann mir kurz darauf das Telefon: Dran ist sein Sohn, der kann Englisch. Er beschreibt mir den Weg zu einer Unterkunft, wir bedanken uns und laufen zur Bushaltestelle. Der Weg führt durch einen riesigen Friedhof, der sich zu beiden Seiten der Straße erstreckt. Ich staune über die unzähligen Gräber, die mit frischen Schnittblumen bedeckt sind. Hier wird anscheinend ordentlich gestorben. Der Himmel verdunkelt sich, und es donnert in der Ferne (oder bilde ich mir das ein?), eine schwarze Katze kreuzt von links (kein Witz) und klassischerweise fängt es an zu regnen. Die Dramaturgie – das muss man Čachtice lassen – ist schon mal eins a.

Der Bus bringt uns in die »Innenstadt«. Ich freue mich auf eine anständige Portion landestypisches Essen – Sauerkraut vielleicht oder eine deftige Suppe. Und danach möchte ich unter eine rotkarierte, nach Waschmittel duftende Decke schlüpfen und morgen die Blutgräfin aufspüren. So könnte das laufen.

Tut es aber nicht. Die »Unterkunft« ist ein wenig einladendes älteres Gebäude über einer gut besuchten Kneipe. Zehn Euro kostet das Zimmer, und wir buchen drei. In den Zimmern stehen mehrere schmale Pritschen, teilweise frei im Raum. Wenn man einen etwas größeren nächtlichen Bewegungsradius hat, sollte man ein Bett an der Wand wählen, sonst schläft man ruckzuck auf dem Boden. Rotkarierte Decken sind leider Fehlanzeige, dafür duften sie. Gut – jetzt nicht nach Waschpulver, sondern nach Zigaretten. In Osteuropa gehört Rauchen dazu, und deshalb darf man das auch in Hotelzimmern, ohne dass hysterische Aufschreie zu erwarten wären. Die sanitären Anlagen befinden sich am Ende des Flurs und werden mit den anderen Bewohnern geteilt. Ich habe noch keine anderen Gäste gesehen, dann wird es schon keinen Stau geben, wenn die Dame am Morgen ’was länger braucht. Fehlt uns also nur noch etwas zu essen.

Die Kneipe im Erdgeschoss ist brechend voll. Viele sind Wanderarbeiter, meist rumänische, und ich stelle fest, ich bin die einzige WanderarbeiterIN im Raum. An der Wand hängt ein Fernseher, es läuft Fußball. Holland gegen Rumänien. Null zu null. Wir erfahren, dass die Küche bereits geschlossen hat, und plötzlich fühle ich mich außerordentlich schwach. (Ich verfalle sofort in milde Panik, wenn ich nicht alle drei Stunden etwas zwischen die Zähne bekomme. Könnte ja schließlich verhungern.) Michael faselt etwas von: »Sieben Bier sind auch ’ne Mahlzeit« und bestellt sich das erste. Gut, nehme ich auch ein kleines Bier. Hopfen und Malz werden mich vor dem sicheren Koma retten. Der Hunger bleibt. Was sich dazu einstellt, ist ein leichter Schwips. Und dann noch mehr Hunger. Ich gehe dem Mann hinter der Bar so lange auf den Keks, bis er tatsächlich irgendwoher einen Laib Brot auf den Tresen zaubert. Am Stück! Also gibt es Brot und Bier, wie im Mittelalter. Passt ja zur Blutgräfin.

Nach vielen butterlosen Scheiben, diversen Gläsern Bier und Cola, beschließen wir, uns aufs Ohr zu hauen. Ich tappe durch den spärlich beleuchteten Flur ins kollektive Bad und stelle fest: Man kann das Klo nicht abschließen (och nee!). Auf dem Rückweg bekomme ich dann fast einen Herzinfarkt. Aus einem unbeleuchteten Seitengang tritt einer der Wanderarbeiter aus dem Dunkeln auf mich zu. Einfach so! Ob er das mit Absicht macht oder das einfach nur sein Weg aufs Klo ist und ob er sich ebenso erschrocken hat wie ich, werde ich nie erfahren, denn mir entfährt ein lautes »Ha!«, und ich renne um mein Leben an ihm vorbei (ich glaube, er grinst) und direkt in Toms Zimmer. Dort knalle ich die Tür zu, schmeiße mich von innen dagegen und ernte aufgerissene Augen.

»Was ist los?«

»Ich schlaf heute Nacht hier!«

Tom hat nicht wirklich die Wahl, denn keine zehn Pferde kriegen mich vor dem Morgengrauen wieder aus diesem Zimmer heraus. Ich gehe auch unter keinen Umständen heute Nacht aufs Klo! Das Bier. Bleibt. Drin.

Es wird eine unruhige Nacht auf dem schmalen Bett. Es ist unbequem und knarzt bei jeder Bewegung. Ich habe Tom seiner Alleinzeit beraubt, und mich plagt bei jeder Drehung die Befürchtung, dass er mich in der anderen Ecke des Zimmers rascheln hört. Durch die dünnen Wände schnarcht es aus allen Richtungen. Michael hat es auch nicht besser, sein Zimmer liegt direkt neben dem Gemeinschaftsbad, und er wird so gegen fünf von den ersten sich unter Wasser schnäuzenden Arbeitern geweckt. Daher sind wir am nächsten Morgen alle ein bisschen gerädert. Aber so eine Nacht hat ja auch eine Kraft in sich. In dem Moment, als die Sonne aufgeht und die ersten Geräusche zu hören sind, bin ich so erleichtert, dass ich freudig aus dem Bett springe und den Tag sofort mit etwas anderem füllen will. Für uns ist das heute die Blutgräfin, die hat jetzt lange genug gewartet.

In ihrer Herkunftssprache – zu ihrer Zeit, um 1600, waren hier ungarische Gefilde – hieß sie Báthory Erzsébet, auf Deutsch: Elisabeth Báthory. Milde gesagt litt sie wohl unter einer psychischen Störung. Die gute Frau Báthory hatte irgendwann herausgefunden, dass es sie a) ein bisschen anturnt, wenn Blut fließt, und sich b) eingebildet, dass es ihre Haut verjüngt, wenn sie diese mit dem Blut von jungen Mädchen behandelt. Zu ihrer – schwachen – Verteidigung lässt sich nur erwähnen, dass sie im Kindesalter unfreiwillig Zeugin einiger grausamer Morde an und Bestrafungen von Nahestehenden geworden war. Jedenfalls nahm das Schicksal seinen Lauf, als eine Kammerzofe ihr versehentlich an den Haaren zog, sie diese zur Strafe mit dem Kamm pikte und das Blut der Zofe auf den adligen Handrücken tropfte. Fortan verschwanden regelmäßig Bauernmädchen von den Feldern und wurden nie mehr gesehen. Angeblich soll Elisabeth im Blut der jungen Mädchen gebadet haben (bäh). Ob sie da Gerinnungshemmer mit einlaufen lassen hat, sei mal dahingestellt. Ist eben alles eine große Legende. Mit den Jahren und nach dem Tod ihres Mannes (der ebenfalls grausame Züge an sich hatte und andauernd auf Dienstreise zu irgendeiner Schlacht unterwegs war), machte sie sich nicht einmal mehr die Mühe, die Leichname ihrer Opfer diskret zu entsorgen, sondern ließ sie einfach über die Burgmauer werfen, wo die Wölfe dann für Ordnung sorgten.

Zwölf Jahre lang hat sie ihr blutiges Unwesen treiben können. Und zwar nur deshalb, weil die Gegend um die Burg herum evangelisch geworden war, die Burg und ihre Besitzerfamilie aber katholisch blieben. Daher waren der lokalen Gerichtsbarkeit wohl die Hände gebunden. Zack, Stempel: Nicht zuständig. Ein beherzter Pfarrer machte acht Jahre lang auf das mysteriöse Verschwinden so vieler Mädchen aufmerksam, die auf der Burg Arbeit suchten und nie mehr zurückkehrten, doch auch ihn hörte keiner. Zack, Stempel: Wiedervorlage.

Schließlich wurde die wahnsinnige Sadistin unvorsichtig: Sie bediente sich irgendwann nicht mehr »nur« am jungfräulichen Nachwuchs armer Bauernfamilien, sondern erweiterte ihr Beuteschema auf den niederen ungarischen Adel. Ganz blöde Idee. Der König bekam Wind von der Sache, schickte seinen höchsten Vertreter (der ein Cousin von Elisabeth Báthory war) los, und die Burg wurde gestürmt. Den Prozessakten nach bot sich dabei Ende Dezember 1610 folgendes Bild: Burgtor angelehnt, halbnackte Mädchenleiche im Eingangsbereich. Dutzende weiterer Leichen auf dem Hofareal, dazu Mädchen in Käfigen. Fairerweise sollte man erwähnen, dass die Zeugen dieses Prozesses unter Folter ausgesagt haben. Einmal war von dreißig Morden die Rede, einmal von achtzig, und eine Dienerin will ein (nie gefundenes) Notizbuch der Gräfin gesehen haben, in dem sie diese sechshundert-fünfzig Opfer fein säuberlich aufgelistet hatte. Ich habe das mal ausgerechnet: gut sechshundert Mädchen in rund zwölf Jahren, das wäre ein Mord pro Woche. Na ja.

Genug vom Blutrausch. Beim Verlassen des Dorfes zwecks Weiterreise Richtung Ungarn kommen wir noch einmal am Friedhof vorbei, hier will ich meine »Abmoderation« der Geschichte aufnehmen. Bei näherem Hinsehen lüftet sich auch das Geheimnis der frischen Schnittblumen: Sie sind alle aus Plastik.

Ungarn

GUT ZU WISSEN:

Wo Schnurrbärte, Schwermut und schnittige Mannsbilder Standard sind. Und wo die Dame zur Begrüßung noch »Kese tschokolom« hört — »Küss die Hand«!

Und die anderen hören »Jó napót kívánok« — »Wünsche einen guten Tag!«

– 4 –

Lebensmüde in Budapest

Ungeachtet der Tausenden Schritte, die uns die eigenen Füße getragen haben, hat sich auf unserer Habenseite der Verkehrsmittel während dieses Trips schon einiges angesammelt: Züge aller Alters- und Komfortklassen, Straßenbahnen und auch mal ein Taxi. Flugzeug kommt zum Schluss – sofern wir es rechtzeitig nach Varna ans Schwarze Meer schaffen. Nun fehlt also dringend … ein Schiff.

Wir schippern von der slowakischen Hauptstadt Bratislava über die Donau nach Budapest. Und wenn ich schippern sage, meine ich in Wahrheit rasen in Lichtgeschwindigkeit. Budapest liegt knapp 200 Kilometer flussabwärts, aber wir brauchen mit dem intergalaktischen Schnellboot gerade mal eine Stunde. Dass das nur einmal am Tag fährt und wir es um ein Haar verpasst hätten, weil wir uns vorher nicht informiert haben und der Kapitän nur auf uns gewartet hat und, ja, auch ein bisschen stinkig war, weil ich die Dame am Schalter angefleht habe, ihn anzufunken und aufzuhalten, tut an der Stelle nichts zur Sache.

Wir preschen also im amerikanisch-klimatisierten Wassergeschoss gefühlt einmal um die Kurve, und wenig später glänzt links von uns auf der Donau-Ostseite »Pescht« (wie der Ungar sagt, ein »s« spricht sich »sch«, bitte merken). Welch eine Pracht! Mit seinem neogotischen Parlamentsgebäude sitzt es da am Fluss und konkurriert nicht nur mit dem Parlament in London, sondern vor allem mit dem gegenüberliegenden Ufer. Am Westufer der Donau erhebt sich nämlich der mächtige Gellértberg mit der Zitadelle: Buda.

Buda und Pest sind je an die tausend Jahre alt und waren lange Zeit rivalisierende Städte, bis jede ein ihr angemessenes Alleinstellungsmerkmal gefunden hatte: Buda wurde Königssitz, und Pest konzentrierte sich auf Handel und Wirtschaft. Die Alten Römer kamen und verschwanden, die Mongolen kamen und verschwanden, Türken, Habsburger, Sowjets, sie alle kamen und verschwanden. Jeder hat etwas kaputt gemacht, aber auch etwas mitgebracht. (So haben zum Beispiel die Türken im 16. Jahrhundert die Badekultur eingeführt. Dass in Budapest heiße Quellen sprudeln, wussten zwar schon die Römer (die sich überhaupt deswegen hier niedergelassen hatten). Aber erst die Türken haben während ihrer Herrschaft über die Stadt orientalische Bäder in Buda gebaut, von denen heute noch vier in Betrieb sind. Mit krachermäßigen Kuppelgewölben, Beckenlandschaft und Säulengängen. (Da sage ich: Danke auch von meiner Seite!)

Über die Jahre haben Buda und Pest sich zusammengerauft und sind mittlerweile durch neun Brücken verbunden. Deren Königin ist die superromantische Kettenbrücke. Man bekommt ein Schleudertrauma, wenn man die Konstruktionen vom Schnellboot aus alle sehen will. Zum Glück haben wir dafür und für alles andere 48 Stunden Zeit.

Ich habe eine Jugendherberge in Pest für uns gebucht. Wir wollen vom Schiffsanleger mit dem Bus dorthin, doch aus dem Automat kommen keine Tickets. Entweder ich bin zu blöd oder das Gerät hat hitzefrei. Es sind 36 Grad im Schatten. Jedes einzelne Grad und