Reisefieber - Julia Finkernagel - E-Book
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Reisefieber E-Book

Julia Finkernagel

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Beschreibung

Julia Finkernagel weiß, wie Reisen geht. Mit ihrer erfolgreichen TV-Serie und den Ostwärts-Büchern motiviert sie ihr Publikum, die nahe oder ferne Welt zu entdecken. Von zahlreichen Lesungen kennt Julia die Fragen nach dem Sprung ins Unbekannte, Herausforderungen, ihren Begegnungen und praktischen Reisetipps. In ihrem neuen Buch Reisefieber liefert sie Antworten: persönliche Highlights und Reinfälle, ein Kurzguide zu Abenteuern von Arktis bis Wüste, dazu überlebenssichernde Packtipps. Außerdem bietet sie ein undogmatisches Travelcoaching zum Umgang mit Ängsten, kulturellen Codes, Reise-Fettnäpfchen, Verständigungsproblemen oder Heimweh an. Ein kluges Buch, das mit amüsanten Erzählungen inspiriert und zum Reisen anstiftet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Julia Finkernagel

Reisefieber

Julia Finkernagel

Reisefieber

Finger auf den Globus legen, dann die Welt entdecken und sich selbst gleich mit

Inhalt

Prolog

Am Anfang steht … eventuell ein falsches Bild

Teil 1: Finger auf den Globus

Das passende Reiseziel finden

… und dann einfach los!?

Ab in die Wüste: heiß und trocken

Auf in den Regenwald: heiß und feucht

Eispartie: winterliche bis polareske Ziele

Trekking: Das ursprünglichste Reisen geht zu Fuß

Pilgern für Anfänger

Zugige Trips: unterwegs auf Schienen

Zelten: die große Freiheit an der Ameisenstraße

Schwanken im Zeichen der Schiffsschraube

Die Schraube dreht sich auch in warmem Wasser

Raus aus dem Hamsterrad und rein ins Sabbatjahr!

Teil 2: Essenziell oder Gedöns?

Packlisten und praktische Tipps vor der Abreise

Wo fange ich bloß an? Schritt für Schritt den Krempelberg erklimmen

Deine beste Freundin vor dem Start: die clevere Packliste

Der Arzt an Bord, das bin ich

Ausgefuchste Tipps und Life-Hacks aus der Reisetrickkiste

Sich anständig vorbereiten heißt das Ziel würdigen

Teil 3: … und dich selbst gleich mit

Unaufgeregtes Reise-Coaching zum Mitnehmen

Reise beherzt und entdecke dich selbst

Muss ich mir den Stress überhaupt antun?

Ja, aber … Das liebe Hadern

Ängste zähmen – Ängste nutzen (ja, das geht!)

Angst ist gut. Vertrauen ist besser.

Riesenangst vor Mini-Tierchen

Serendipität auf Reisen

Ich rege mich auf! – Worüber eigentlich?

Das Wundermittel, wenn’s mal nicht so klasse läuft: Reframing für den Hausgebrauch

Kleines Notköfferchen für Heimweh

Jetzt wird’s gefühlig: Abschiedsschmerz

Teil 4: In fremden Welten

Rezeptbox fürs freundliche Unterwegssein

Wie funktioniert das hier eigentlich?

Nonverbale Kommunikation

Was wir manchmal unbewusst kommunizieren

Ein paar Benimmregeln auf die Schnelle

Fettnäpfchen-Treten ist menschlich

Unterwegs als Botschaftspersonal

Und jetzt kommst du!

Anhang: Extras, Sonstiges und Emotionales

Niemand wird zurückgelassen! Ein Glossar

Bildteil

Dank

Prolog

Nehmen wir mal an …

… du* stehst mit einer Flasche Rotwein (oder einer Auswahl Teebeutel) und einer Packung Nüsschen, Keksen oder sonstigem Gaumenkitzel bei mir vor der Tür, weil du eine Reise vorhast und findest, ich sei da jetzt aus irgendeinem Grund die richtige Ansprechpartnerin. Weil ich selber gerne reise und schon viel von der Welt gesehen habe, schlaue Tipps habe und ein super Motivator bin. Es gibt in deinem Kopf vielleicht noch gar kein konkretes Reiseziel, nur diese diffuse Idee. Und du bist dir nicht sicher, wo du den Faden aufnehmen möchtest. Oder aber du hast bereits einen spitzenmäßigen Plan gestrickt und warst bis gestern so richtig im Reisefieber, doch über Nacht hast du kalte Füße bekommen. Schwupps: Vorfreude weg. Plötzlich kannst du dir das alles gar nicht mehr so richtig vorstellen oder fragst dich, ob du dich auch wirklich trauen wirst … Jedenfalls fehlt da jetzt irgendwas. Ein Plan, etwas Mut, Vertrauen, Vorfreude. Eine Liste, was alles mitmuss, ein liebevoller Arschtritt. Und aus irgendeinem Grund hast du das Gefühl, ich könnte da weiterhelfen.

Kannste kriegen!

Und du kannst dir sicher sein: In achtundneunzig Prozent der Fälle werde ich dich hereinbitten, mich wie blöde mit dir freuen und dir voller Begeisterung A-L-L-E-S aufs Ohr drücken, was du da und dort un-be-dingt machen musst, wen du grüßen darfst, was mir in dem Land Wundersames, Verrücktes und Berührendes widerfahren ist, warum das da so fantastisch war. Und, weil ich ein ehrlicher Mensch bin: was nicht so richtig groovy war und wie du es anders machen könntest. Und, weil ich ein praktischer Mensch bin: was ich an deiner Stelle mitnehmen würde. Call me übergriffig – ich bin a) vom eher fürsorglichen Typ und b) nun mal sehr leicht zu begeistern, das kommt in solchen Fällen meistens ungebremst raus. Ich bin das personifizierte Reisefieber! Das Epizentrum der Urlaubsvorfreude. Deine freundliche Packliste in Hörfassung.

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch, der erste Schritt ist getan! Dieses Buch soll dein Auftakt zu einer wunderbaren Reise werden. Vielleicht nicht unbedingt im Kosmonautenanzug, möglicherweise auch nicht zu Fuß bis zum Ende des Regenbogens, aber mindestens mal in diese Richtung. Auf die Fußmatte neben die Schuhe lege ich dir einen ganzen Schwung Reiseerfahrungen und Erkenntnisse zum Miterleben und Nachempfinden, die dir genug Inspiration und Motivation für eine eigene Reise ins vermeintlich Unbekannte sein mögen.

Verbringen wir also ein paar unterhaltsame Stunden zusammen auf dem Sofa mit Ideen, Träumen, Reisegeschichten, Tipps und Plänen. Wenn wir uns danach wieder voneinander verabschieden, wird deine Vorfreude gestiegen und dein Vertrauen in das Gelingen der bevorstehenden Reise gestiegen sein. Versprochen.

*

Ich sage »du«, weil ich finde, dass man sich unter Reisenden duzt. Es ist nicht respektlos gemeint und soll keine Freundschaft aufnötigen, wo (noch) keine gewachsen ist. Es erscheint mir einfach natürlich, und ich lasse mich auch von Herzen gerne zurückduzen. Der zweite Grund ist, dass ich meine »Gegenübers« alle gut kannte, als ich vor vielen Jahren (in einem anderen Leben!) meine ersten Reiseberichte geschrieben habe, nicht ansatzweise ahnend, was das für meinen persönlichen Entwicklungsweg schon bald bedeuten würde – nämlich das Ende meiner ersten Karriere und den Anfang einer zweiten Laufbahn als Reisereportage-Film-und-Fernseh-Dokumentationsautorin. Es schwingt also auch ein bisschen fröhliche Nostalgie mit, wenn ich »dir«, »euer« oder »Freunde der Wandersohle« sage.

Am Anfang steht … eventuell ein falsches Bild

Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund ist der Eindruck entstanden, ich sei ein abgebrühter Reiseprofi. Eine ausgebuffte Outdoorheldin, nervenstark und wettergegerbt. Aber das stimmt nicht. Ich kann versichern: Falls überhaupt, sieht das von außen anders aus, als es sich von innen anfühlt. Möglicherweise kommt dieses Bild von meiner langjährigen Filmtätigkeit für diese eher unkonventionelle Reisesendung namens Ostwärts oder von meinen Besuchen in der ein oder anderen Talksendung mit Anekdoten aus Osteuropa und schlauen Tipps im Gepäck.

Offen gesagt fühle ich mich kein bisschen outdooresk gestählt. Ich gerate vor jeder Abreise in … ja, in den totalen Endstress. Ich lege Gepäckhäufchen, packe ein, packe um, packe aus. Frage mich, was ich diesmal Wichtiges vergessen könnte, wie sich die Temperaturen vor Ort womöglich entwickeln werden, ob ich die richtige Ausrüstung dabeihabe, ob dies oder das nicht doch eine Nummer zu übertrieben ist. Ich hadere, zweifle, zerdenke und will alles richtig machen. Schlechtes Rezept. Dabei müsste ich nach all meinen Reisen wissen, dass das Kölsche Grundgesetz noch immer gegriffen hat: Et es, wie et es, et kütt, wie et kütt, un et hätt noch immer jot jejange. (Es ist, wie es ist, es kommt, wie es kommt, und bisher ist es immer gut gegangen.)

Unabhängig von meiner Innensicht kann ich für mich in Anspruch nehmen, dass ich weitreichende Selbstversuche unternommen habe und mein Erfahrungskonto in punkto Reisen ganz fett auf Haben steht. Neulich rief mich eine aufgeregte Freundin an und bat dringend um Rat, weil sie in ZEHN Monaten in die Antarktis zu reisen gedenke und daher unbedingt – dringlich und wichtig – mit mir sprechen müsse. Vordergründig ging es um Gesundheits- und sonstige Risiken. Bei genauem Hinhören waren diverse Ängste verschiedener Schattierungen in den Fragen nach Ausrüstung (Kälte), Umgang mit Krisen (unbekannte Reisegruppe), Landschaftsstrukturen (Höhenangst?) und generell Unvorhersehbarem verpackt. Kurz davor hatte mich eine andere Freundin um Tipps gebeten, was sie auf eine Postschiffkreuzfahrt nach Norwegen einpacken müsse. Ich wüsste das doch bestimmt.

Die Wahrheit ist: Weder war ich bereits am Südpol, noch habe ich jemals eine Kreuzfahrt unternommen. Doch mit Reisen ins Unbekannte, in die Kälte und auf dem Wasser kenne ich mich aus. Hier kommt also von Herzen mein gesammeltes Wissen in Form von Listen, Anekdoten und Besser-nicht-machen-Tipps. Damit lassen sich Reisefieber, kalte Füße oder klappernde Zähne vor einer großen Reise prima auf ein annehmbares Maß verkleinern.

Spulen wir mal ganz weit zur ersten größeren Reise in meinem Leben zurück (abgesehen von den Besuchen bei Omas und Opa). Dann sehen wir mich mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester an einem verregneten Strand in Katwijk. Es gibt ein Foto von mir, wie ich in Gummistiefeln und Regenjacke die Niederlande zusammenbrülle. Offenbar hatte mich jemand oder etwas aus meiner noch kleinen, gut einjährigen Komfortzone geholt. Das Wetter? Die Mama, der Papa, die Schwester? Hunger? Das Laufen-müssen-und-nicht-in-den-Kinderwagen-dürfen? Die Gesamtsituation? Dem Foto nach zu urteilen ging es mir außerordentlich elend – ich war ein armes, armes Kind, und das arme, arme Kind fand: Reisen ist ganz großer Mist.

Macht ihr bitte in Zukunft ohne mich.

Doch ich wurde nicht erhört und meine Komfortzone kontinuierlich weiter ausgereizt: Mit sechs war ich mit Oma Grete im Schwarzwald zur Kur. Drei Wochen ohne Mama (sie hatte gerade Tochter Nummer drei bekommen), in denen nichts so schmeckte wie zu Hause, obwohl das Küchenpersonal sich äußerste Mühe gab, Gerichte für den schluchzenden Zwerg zu fabrizieren, die nicht zum Drama im Speisesaal führen würden. Ich habe sie mit meinem Weltschmerz so weit gebracht, dass ich mir was wünschen durfte. Ich sagte: »Apfelpfannekuchen.« Und dachte: »Wie bei der Mama.« Meine Mutter kann Äpfel freihändig über der Pfanne mit der brutzelnden Masse in Scheiben schneiden und in einem fächerförmigen Muster in den noch flüssigen Teig gleiten lassen, während er von unten bereits bräunt. Ich stand als Kind oft bewundernd (und ungeduldig) neben dem Herd. Sobald die Apfelschnitze angebacken waren, wurde der Pfannkuchen (meine Berliner Kollegen höre ich bis hierhin »Eierkuchen!« rufen) noch kurz gewendet, um auch die oben liegenden Apfelfächer zu bräunen, bevor das Kunstwerk wieder richtig herum auf den Teller glitt. Zimt und Zucker drauf, glücklich war das Kind. Meine tiefe Verzweiflung, als im Schwarzwald der so genannte »Apfelpfannkuchen« (beidseitig Teig und die Äpfel quasi unsichtbar, das geht wirklich überhaupt nicht) an unserem Tisch ankam, war – glaubt man den Berichten meiner Oma – weder zu übersehen noch zu überhören.

Mit zwölf beziehungsweise dreizehn wurden meine Schwester und ich von unseren wohlmeinenden Eltern in den ersten Sprachurlaub geschickt. (»Sprachen kann euch keiner mehr nehmen.«) Mit dem FLUGZEUG! ALLEINE!! Mein Vater hatte uns eingebläut, was wir in Heathrow zu irgendeinem Mann in brauner Uniform sagen sollten: »Would you mind taking us to the bus to Bournemouth?« Meine Schwester, obwohl ein Jahr älter als ich und mit dem Englischen bereits vertraut, fand, das sollte doch lieber ich machen. Dienstbeflissen steuerte ich auf einen braunlivrierten Mann zu und trug artig den auswendig gelernten Satz vor. Die Antwort warf mich völlig aus der Bahn: »NO! Not at all!«

Jetzt war guter Rat teuer, denn für mich war klar: Der macht das nicht. Offenbar hatte der freundliche Brite aber ein Herz mit uns. Er lachte (was mich noch ein bisschen mehr verunsicherte – irgendwas konnte mit dem nicht stimmen) und machte eine einladende Geste zum Mitkommen. Ratlos und gehörig eingeschüchtert folgten wir dem Fremden über den gesamten Londoner Flughafen bis zu einer Bushaltestelle, wo es tatsächlich einen Bus nach Bournemouth gab. Erst da konnten meine Schwester und ich aufatmen, und später habe ich erfahren, was ich ihn da überhaupt gefragt hatte: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns zu dem Bus nach Bournemouth zu bringen?« – »Nein, natürlich nicht!« (lies: »Macht mir gar nichts, im Gegenteil, dafür werde ich bezahlt, ihr goldigen verunsicherten Mädchen am Rande der Pubertät. Seid ihr nicht eigentlich viel zu jung, um allein zu reisen? Wo sind eure Eltern? NICHT DABEI? Ihr Deutschen habt eindeutig ’ne Macke, jetzt ist es amtlich.« All das hätte er sagen können. Wir hätten es nicht verstanden.)

Was ist da passiert? (Fragt der Coach mit wissender Miene und rückt sich die Brille zurecht. »Schauen wir uns mal die Metaebene an, wenn sich das gerade stimmig anfühlt …«) Mein Vater hatte dafür gesorgt, dass seine Kinder, zugegebenermaßen recht früh, ihre Komfortzone verlassen sollten. Hat uns aus dem Nest gestoßen, damit wir fliegen lernen. (Mit British Airways.) Das mag man aus erzieherischer (und vor allem heutiger) Sicht fragwürdig finden, hat aber dazu geführt, dass wir eine recht frühe positive Referenzerfahrung gemacht haben. HAT UNS DOCH NICHT GESCHADET! (Hätte nie gedacht, dass ich den Augenroller mal selber raushaue. Ebenso wie den hier: Wir sind ja nicht daran gestorben!) Im Gegenteil: Wir sind a) gemeinsam und b) unversehrt am Zielort unserer Sprachferien angekommen, und unser Selbstvertrauen ist ein kleines Stück gewachsen. (Was uns im späteren Reiseverlauf unseres Lebens zugutekommen sollte.) Wie wir das dann vor Ort in Südengland fanden und wie mein Pfannekuchenseelchen auf Egg Pie und Fish Sausage reagiert hat, lasse ich aus dramaturgischen Gründen jetzt außer Acht.

Mir hat es jedenfalls Sicherheit gegeben, dass meine große Schwester dabei war. Ihr hat es Sicherheit gegeben, dass ihre kleine Schwester mit der vorwitzigen Klappe das schon regeln wird. Eindeutige Win-win-Situation.

Und so sammeln wir alle auf jeder Reise Referenzerfahrungen. Am liebsten natürlich die guten und schönen. Die ohne großen Erklärungsbedarf unser positives Grundgefühl stärken. Von denen zehren wir noch lange danach, wenn’s mal nicht so gut läuft oder der Februarblues in der Luft liegt. Aber eben auch die unschönen, die – vermeintlich – negativen. Ich sage deshalb vermeintlich, weil man ja gerade durch negative Erfahrungen viel lernen und an ihnen besonders gut wachsen kann. Langfristig betrachtet sind also auch das gute Referenzerfahrungen, selbst wenn sie sich nicht unmittelbar so anfühlen.

Je nach Glas-halb-voll- oder Glas-halb-leer-Gemüt wird die eine oder der andere jetzt vielleicht einwenden: »Ach so, ja? Dass mir mein Brustbeutel mit Pass, Tickets und Bargeld geklaut wurde, soll also gut sein. Ein Scheiß ist daran gut!«

Und ich lege dann bedächtig meine Fingerspitzen aneinander und entgegne wissend: »Aber das ist doch eine ganz wundervolle, wertvolle Erfahrung. Du bist hier und kannst dich so lange, wie du magst, darüber aufregen. Und das zeigt als Allererstes mal, dass du a) wieder zurückgekehrt bist und es b) offenbar auch überlebt hast. Wie wir damals. Ist das nicht auch schön?«

Okay. Wir sind uns einig, dass es Referenzerfahrungen aka Ganz Großer Mist gibt, die niemandem jemals zu wünschen sind und deshalb hier auch nicht bagatellisiert werden sollen. Dazu gehört jede Form von Kriminalität und Gewalterfahrungen. Dennoch denke ich mittlerweile in vielen Situationen (spätestens jedoch kurz danach): »Was passiert hier in Wahrheit? Was kann ich gerade lernen (unter Umständen schmerzlich)? Wovor bewahrt es mich vielleicht? Gibt es eine darin eingewickelte Botschaft?«

In den allermeisten Fällen helfen eine Prise Humor und das Wissen: Wenn ich das zu Hause erzähle, ist das Unterhaltung vom Feinsten! Meine Doku-Reihe Ostwärts lebt seit 2008 abgesehen von den Reisegeschichten und meinen Begegnungen mit Einheimischen nach der Devise »If it’s wrong, it’s right for television«. Was schiefläuft, ist im Fernsehen der Knaller. Keine Panne wird rausgeschnitten – da lernen andere von oder haben was zu lachen.

Gleichzeitig trägt alles, was ich an Schwierigkeiten überwinden »darf« und was sich auf der Reise-Erlebnis-Skala im untersten Abschnitt unangenehm bis schlimm tummelt, normalerweise dazu bei, dass ich mich bereits in dem Moment besser fühle, sobald ich die Situation durchlebt und überstanden habe. Vom Tellerrand betrachtet kann ich also selbst dieses als positive Erfahrung verbuchen. Jedes Mal, wenn ich aus meiner Komfortzone geschubst werde oder mich freiwillig nach draußen begebe, können mir solche Dinge passieren. Das heißt in der Konsequenz: Ich kann gar nicht nicht wachsen! Zu dieser kühnen Betrachtungsweise möchte ich in diesem Buch ermutigen.

Dazu gibt’s ein bisschen Selbstcoaching an der Strecke. Denn so floskolesk es klingen mag: Jede Reise ist auch eine Reise zu mir. Für dich: zu dir. Also stellen wir uns unerschrocken und wagemutig dieser Wahrheit. Stellen wir uns … uns selbst.

Mein Appell: Mach deine Reise! Mach sie auf jeden Fall! Nimm etwas mit, das dir Sicherheit gibt (große Schwester, genug Butterbrote, Schnuffeltuch). Nimm dir für den Anfang etwas vor, das sich leicht, vertraut und garantiert gut anfühlt (z. B. die erste Nacht in einem sorgfältig recherchierten, vorreservierten Hotel). Erst für danach planst du etwas, was Kribbeln verursacht und das dich zwischen Vorfreude und Angst hin- und herwabern lässt: den Fernwanderweg, die Über-Nacht-Bustour, die Rucksackreise ins Irgendwo, die erste Reise ganz alleine, den ersten Urlaub ohne »Pauschal-« im Namen.

Und dann: fasst du dir ein Herz, schiebst das Kinn ein Stück hoch, die Mundwinkel Richtung Ohren … UND LOS GEHT DIE WILDE FAHRT!

Teil1Finger auf den Globus

Das passende Reiseziel finden

Wüste, Dschungel, Steppe, Eis – dein Rucksack ist bereit fürs alles. Bist du es auch?

… und dann einfach los!?

Sekündchen noch fürs Kleingedruckte

Reisefieber ist ja zum Glück ansteckend. Also fast immer. Denn Reiseempfehlungen sind natürlich außerordentlich subjektiv, und meine schon erst recht. Können auch mal grandios danebengehen. Zum Beispiel schwärme ich einem befreundeten Paar von Thailand vor. So wie vielen anderen Freunden auch. Allen, die es hören wollen. (Und einigen, die es nicht hören wollen.) Wie wunderbar es dort ist, wie freundlich und meist fröhlich ich die Menschen erlebt habe, wie unglaublich köstlich es an jeder Straßenecke schmeckt. Die satte, grüne Natur. Der Spirit, der über diesem ganzen wunderbaren Land liegt. Was ich vergesse zu erwähnen, ist, wie sehr ich dort – im Frühjahr, zu Beginn der Regenzeit – geschwitzt habe. Thailand ist ein tropisches Land, und es gibt dort normalerweise – natürlich immer etwas saisonabhängig – zwei Zeiträume im Jahr, in denen es sehr, sehr feucht ist. Wir reden von 195 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ja, ich weiß, das geht nicht. Trotzdem fühlen sich unter solchen Bedingungen siebenunddreißig Grad ein klitzekleines bisschen heißer an als bei trockener Luft. Ich behelfe mir mit der thailändischen Deovariante des Puderns (dazu später mehr), mit luftiger Baumwolle oder dünnem Leinen auf der Haut (wird zwar auch nass, riecht aber besser und klebt einfach angenehmer als Polyester), mit einem Fächer oder irgendetwas anderem zum Wedeln in der einen und einer Anderthalbliterflasche Wasser in der anderen Hand. Wenn es mal gar nicht geht, mache ich eine kurze Taxifahrt, da wird man schlagartig auf achtzehn Grad schockgefrostet. (Dann aber bitte nur mit Halstuch, ist ja klar. Aber das kommt alles noch.) Tragischerweise geht mir durch die Lappen, meinen Freunden auch das mitzugeben.

Stattdessen konzentriere ich meine Tipps auf schöne Regionen und eine mögliche Route, erwähne offenbar aber den Monsun nicht explizit. Einfach nicht dran gedacht. Thailand, Monsun. Ist doch klar. Und steht in jedem Reiseführer. Die beiden fahren also als relativ frischgebackenes Ehepaar in einem April nach Südostasien, in Vorfreude auf einen sehr verliebten Urlaub unter Palmen. Dort angekommen passiert Folgendes: Die Flugzeugtür geht auf, meine Freundin schreitet die Gangway hinunter, bekommt Schnappatmung, bleibt unten stehen, dreht sich zu ihrem Mann um und postuliert, hier bleibe sie keine zwei Tage. Am liebsten will sie sofort wieder zurück ins Flugzeug, so sehr schlagen ihr die schlappen neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit aufs Gemüt. Kein Traumstrand, kein badewannenwarmes, türkisblaues Wasser und kein Kokosnuss-Cocktail in der Hängematte können daran etwas ändern. Natürlich ist das bitter und tut mir irre leid, als ich später davon erfahre.

Merke auf: Nachdem du vielleicht blind den Finger auf den Globus gelegt (oder auf eine überschwänglich positive Reiseempfehlung gehört) hast und der Reisezeitraum bereits feststeht, gehe a) in dich und schaue b) in die Klimatabelle deiner Wetter-App zur gewissenhaften Beantwortung folgender Fragen: Was sagt die Wetterstatistik über den angepeilten Reiseort? Wie heiß (oder kalt) wird es vermutlich sein, wenn ich ankomme? Trockenzeit? Regenzeit? Monsun, ja oder nein? Was und wie viel bin ich in der Lage, körperlich wegzustecken? Kann ich mich dran gewöhnen (hierfür gibt es Tricks und Techniken), oder macht es mich für die gesamte Dauer des Aufenthalts so verzweifelt oder aggro, dass mir die Reise dadurch verleidet wird? Spare ich dann nicht lieber das Geld und schaue mir das Land stattdessen vom Sofa aus an, mit Musik unterlegt, mit Eins-a-Luftaufnahmen und ein paar Bekloppten, die stellvertretend für mich wegölen?

Jede und jeder von uns hat andere Unwohltrigger. Je besser ich diese kenne, umso besser kann ich mich drauf einstellen oder gegensteuern. Natürlich geht das über die klimatischen Bedingungen hinaus, aber die sollte man mal als Erstes abchecken, wenn das Ziel an sich reizvoll klingt. Meine Freundin (sie ist es zum Glück immer noch), die im Leben keine zehn Pferde mehr nach Thailand bewegen werden, hat es (im Gegensatz zu mir) in der Wüste großartig gefunden, drei Wochen sengende Sonne, liebend gern. Denn heiß macht ihr ü-ber-haupt nichts aus, bloß trocken muss es bitte sein.

Also lasse ich mich in diesem Teil zu verschiedenen Reisezonen aus und grabe tief in meiner persönlichen Erfahrungsschatzkiste. Darin finden sich also meine Erfahrungen in bestimmten Regionen, die mal mit großem Genuss, mal mit körperlichem Ungemach und ab und zu auch mit gewissen Fettnäpfchen einhergegangen sind. Die Auswahl der Länder, die ich bereist habe, ist dabei absolut willkürlich gewählt, und meine Tipps kommen ohne den Anspruch auf Allgemeingültigkeit daher. Vielleicht helfen dir diese Geschichten aber dabei, herauszufinden, welches Reiseziel für dich unbedingt (oder so gar nicht) infrage kommt, und machen dir Lust, mit der eigenen Reiseplanung und -recherche loszulegen. Dann freue ich mich und sage: Happy to share!

Ab in die Wüste: heiß und trocken

Wer finnische Sauna kann, schafft das hier locker

Honigfarbene Hügel, endlose Leere, sandige Luft. Ab und zu ein robustes Pflänzchen, das sich allen Naturgesetzen zum Trotz hier nicht wegtrocknen lässt. Am Horizont hier und da karstige Berge, manchmal aber auch einfach: noch mehr Wüste. Was die verschiedenen Wüstenlandschaften, ob Sand oder Karst, für mich eint: Ich finde sie spektakulär gewaltig, märchenhaft, imposant, aber oft auch ein bisschen beängstigend. (Mich treibt mein Leben lang die Sorge um, verdursten zu können, vielleicht ist es das.) Daher empfinde ich die Wüste als malerische Passage, aber nicht wirklich als Langzeitziel, wo man hinfährt und Wochen verbringt. Man fährt durch, weil man woanders hinmöchte. An den Aralsee, ans Rote Meer, in die Wüstenstadt Shibam im Jemen, in Richtung Innere Mongolei. Gerne mit der Betonung auf Fahren im Gegensatz zu Kamelreiten, Sandsurfen oder Laufen. Die Wüste hat also für mich gleichzeitig etwas sehr Faszinierendes und etwas sehr Bedrohliches. OBACHT steht im Kleingedruckten auf der Rückseite jedes unschuldigen Sandkorns. Nicht zu heiß genießen! Dabei ist die Wüste ja eigentlich bloß das in Groß, was ich in der Kindheit als fantastischen Spielort kennengelernt habe: eins a Sandkiste oder noch besser, Strand! Deshalb: Die Wüste kann, sollte, muss unbedingt mal besucht werden. Doch wenn’s nach mir geht, nicht so lange.

2013 darf ich einen Kurzspielfilm in der Wüste drehen – ein Entwicklungshilfedrama in Afghanistan, das wir aus budget- und politischen Gründen nicht vor Ort filmen können und wollen. Wir finden eine abschließbare Wüste in Andalusien, für die wir gegen eine satte Tagesmiete an einer Tankstelle den Schlüssel für das einzige Zufahrtstor bekommen. Ich schicke die Bilder der Wüste von Tabernas an zwei enge Freunde, die im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit viele Jahre im Norden Afghanistans gelebt haben, und sie geben grünes Licht: Ja, geht als Afghanistan durch. Hier in der Gegend wurden die so genannten Spaghetti-Western wie »Für eine Handvoll Dollar« oder auch Bully Herbigs »Schuh des Manitu« gedreht. Da reihe ich mich gerne ein. Unser Drehteam, das – bis auf einen durchgeknallten Spanier und ein halbes Dorf voller einheimischer Komparsen – aus Deutschland anreist, ist erst konsterniert, dann euphorisch wegen des Wetters: Nach drei Wochen Regen (ausgerechnet in der Wüste von Andalusien, und das im Mai – blöderweise ist damit auch die Wüste aufgeblüht, in der wir afghanische Kargheit darstellen wollen, aber das nur nebenbei) kommt pünktlich zum Drehstart die Sonne heraus. Endlich ist Sommer, und fast alle freuen sich, in kurzen Hosen und Tanktops arbeiten zu können. Der besonders sonnenhungrige (und dazu unvorsichtige) Teil unseres Drehteams mutet allerdings nach ein paar Stunden in der prallen Sonne nicht nur geistig stark ermattet (Sonnenstich?), sondern auch lobsteresk an. Plötzlich werden die drei Burkas, die wir für den Dreh organisiert haben, sehr attraktiv, und jeder schlüpft mal rein. Ah, Schatten!

Schnell ist klar, dass wir die langen Drehtage in der Wüste nur dann unversehrt überstehen, wenn wir langärmlig, langhosig und behutet, also im Prinzip komplett vermummt, arbeiten. Für Sonnenstichausfälle ist keine Zeit. Fortan sehen nicht nur die Schauspieler afghanisch aus, sondern auch wir anderen zwanzig hinter der Kamera. Ich lerne, wie sinnvoll es ist, sich als hellhäutiges Wesen in der prallen Sonne vollständig zu bedecken, und möchte das allen langsam oder nur punktuell bräunenden Personen (Menschen mit Sommersprossen) unbedingt ans Herz legen. Die Beduinen machen das nicht aus modischen Gründen. Die machen das, weil sie schlau sind.

Ich sag’s noch mal: Der Wüstenplanet ist nicht mein bevorzugtes Habitat. Beim bloßen Wort Sahara denke ich sofort an den Film »Der Englische Patient«. Sandhügel, wohin man blickt (tolle Luftaufnahme!), Propellerflugzeug, Absturz. Schlimmer Durst, Delirium, tot. Danke, aus.

Trotzdem muss ich nach dem Selbsttest zugeben, dass sich dreiundfünfzig Grad bei Trockenheit nicht halb so schlimm anfühlen wie fünfunddreißig im Regenwald. Das lerne ich, als ich mal meinen Urlaub für eine Korallenrettungs-Safari im Roten Meer verwende. Ja gut, das ist jetzt noch nicht ganz Wüste, aber direkt daneben. Wir sind gefühlte zwölf Stunden am Tag unter Wasser und säubern Korallenriffe von Dornenkronen. Mit Metallhaken aus einer Bäckerei der nahegelegenen Stadt sammeln wir diese gottvermaledeite Seestern-Spezies ab, verfrachten sie noch unter Wasser in ebenfalls im Umkreis zusammengeschnorrte Bäckereisäcke und vergraben sie abends an Land in der Wüste. Damit sie sich bloß nicht vermehren und auf keinen Fall irgendwie zurück ins Wasser gelangen. Und ein bisschen zur Strafe. Dornenkronen sind die dunkle Seite des freundlichen Kinderbuch-Seesterns: unsympathische, giftige, an Land grauenvoll stinkende Geschöpfe mit unterschiedlich vielen Armen und bösen, bösen Dornen, die man keinesfalls berühren möchte, weil man sonst viele Tage etwas davon hat, gerne auch mal eine Entzündung. Und als ob das nicht schlimm genug ist, ernähren sich diese unseligen Wesen auch noch vom lebenden Teil der Korallen und fressen in Windeseile ganze Riffe weiß. Es gibt regelrechte Epidemien, und wenn niemand eingreift, dauert es Jahrzehnte, bis sich die Korallen davon erholen. Bereits 1999 ist auch eine Korallenbleiche durch Erderwärmung zu erkennen, die am Problem der Dornenkronen-Epidemie mittlerweile rechts vorbeigezogen ist. Der Seestern-Fiesling ist also nicht die einzige Arschgeige auf dem Planeten. Der Mensch ist auch nicht ganz ohne. (Riecht aber besser und vermehrt sich nicht ganz so brutal schnell, muss demnach auch nicht in der Wüste entsorgt werden.)

Möglicherweise ist der abendliche Ausflug in die Wüste mit den vollen Säcken, aus denen die Dornen herausstechen und wie die Pest stinken, deshalb so eindrücklich für mich. Das Gefühl, jetzt gerade etwas Gutes zu tun und damit zu einer noch so kleinen Verbesserung des Allgemeinzustands der Welt beizutragen, ist jedenfalls in meinem Zellgedächtnis an die absurde Hitze der abendlichen Wüste gekoppelt. Die dreiundfünfzig Grad messen wir nämlich NACH Einbruch der Dunkelheit (im Hellen sind wir ja die ganze Zeit unter Wasser). Das ist ein bisschen, wie wenn man sich unter einen Ganzkörper-Handtrockner stellt. Sehr heiß eben. Aber auch schön trocken. Jeder kennt das Gefühl, wenn unter dem Wandgebläse das letzte Molekül Feuchtigkeit von der Haut gewichen ist und sich alles so geschmeidig anfühlt. (Kurz bevor man sich dringend wieder die Hände eincremen möchte.) So ist Wüste auch. Zumindest abends in Ägypten, bevor man wieder aufs nasse Boot tapst.

Warum erzähle ich das (außer um mich noch mal jung und wild zu fühlen und hier auf den Putz zu hauen)? Weil die klimatischen Bedingungen einen unmittelbaren Einfluss auf eines jeden Wohlbefinden haben. Und weil es sehr wohl Möglichkeiten gibt, Einfluss auf diesen Einfluss zu nehmen, sprich, sich für die klimatischen Bedingungen zu wappnen.

Dazu braucht es eine gewisse Vorbereitung. Recherche ist alles, in Büchern, im Internet, bei Leuten, die schon mal da waren. Meine Zeugenaussage: Gletschersonnenbrille, Sonnenschutzfaktor hundertdreißig und sieben Liter Wasser, darunter mach ich es nicht. Ach ja, und Komplettverhüllung. Und Creme. Ich sag’s noch mal streng: Der Sonnenschutz besteht hier nicht »nur« aus LSF 50 auf der Haut und dann schön im kurzärmeligen Top aufs Kamel, sondern aus Stoff. Stoff auf dem Kopf, bis tief ins Gesicht, im Nacken, auf den Armen, in Hosenform an den Beinen. Die Sonnencreme ist nur die Ergänzung! An Wasser würde ich mit meiner Verdurstungs-Paranoia tatsächlich so viel mitnehmen, dass auch eine eintägige Verzögerung wegen Panne oder Sandsturm nicht gleich zum Verdursten führt. Wär ja irgendwie schade, wenn ihr wie Ralph Fiennes (Englischer Patient!) als Trockenobst zurückkommt. Feuchtigkeit fürs Gesicht ist übrigens auch top. Ein Feuchtigkeits-Serum aus der Drogerie tut’s da schon (aber nicht statt Sonnencreme, sondern dazu). Für diesen Fall (und nur für den) leiste ich mir aber sogar die kleine Umweltsauerei einer Wassersprühflasche fürs Gesicht, wie die Top-Models.

Bei einem Ostwärts-Dreh an der Seidenstraße habe ich tatsächlich einmal nur kurzärmlige Oberteile mit. Total unprofessionell, wenn man wochenlang den ganzen Tag drehen und draußen sein möchte, und das in Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan. Pure Gedankenlosigkeit, ist mir einfach so passiert. Meine einheimische Reisebegleiterin Guldana, eine bildhübsche, katzenhafte, leicht bräunende Kirgisin, hat natürlich langärmlige Hemden mit, die ist ja schlau. Leider ist sie aber auch um einiges zierlicher als ich, kann mir also nichts leihen. So müssen wir auf einem Basar etwas finden, was an einer Europäerin nicht wie zu heiß gewaschen oder rausgewachsen aussieht und auch sonst optisch akzeptabel ist – ich bin ja vor der Kamera. Ich finde ein quergestreiftes Blusenhemd, das ist zumindest annehmbar. Sonnenschutz sticht Modebewusstsein. Langärmlige Oberteile vergesse ich jedenfalls nie wieder.

Und noch ein anderes ernstes Wort zum Thema Wüste. Wer da hinmöchte, dem halte ich den erhobenen Zeigefinger ins Gesicht: Bitte das Reise-Unternehmen gut angucken und ein paar Bewertungen und/oder Berichte lesen. Bei einem Trip in Karakalpakistan gibt es mir viel Vertrauen, dass unser Fahrer die Tour nicht alleine machen will, sondern sich mit einem anderen Fahrer und dessen Touristengruppe zusammenschließt. Man weiß nie, was passieren wird, und es ist einfach sicherer, ein zweites Fahrzeug, ein zweites Satellitentelefon und einen zweiten Ortskundigen, der auch die Landessprache spricht, dabeizuhaben. In der Wüste gilt eine andere Risiko-Perspektive, hier greift die Abwägung zwischen Wahrscheinlichkeit und Ausprägung einer Gefahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passieren kann (alle Reifen platzen kurz nacheinander), ist zwar gering, aber nicht ausgeschlossen. Und die Ausprägung, wenn es passiert, kann unter Umständen gleich so groß sein, dass sie Leben kosten mag. Sind wir uns einig: Das Risiko wollen die wenigsten eingehen. Ich liebe den Spruch »Better safe than sorry«, der auf Deutsch nur so mittelgeschmeidig klingt: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

In der Mongolei gehe ich unserem Gastgeber und Fahrer vor der Abfahrt in die Steppe und die Wüste Gobi total auf die Nerven. Weil ich wirklich sichergehen will, dass wir volle Trinkwasser- und Benzinkanister dabeihaben. Die Augen rollt er und seufzt: »JA, JULIA.« Es ist mir unangenehm, aber ich bin in der Vorbereitung von einem befreundeten Kameramann so angespitzt worden, darauf zu achten, dass ich wirklich ein bisschen Schiss bekommen habe. Was passiert? Wir haben sage und schreibe VIER Pannen an einem Tag, inklusive plattem Reifen, dazu einen leeren Tank UND einen fast leeren Ersatzkanister (der Fahrer hat doch glatt geschwindelt, damit ich die Klappe halte). Für die Ostwärts-Folge ist das natürlich grandios, viel Drama vor der Kamera (ich habe einen Freund, der mir bis heute nicht glauben will, dass da nix fingiert war), aber für mein Nervenkostüm und unser aller Gesundheit ist das eher mäßig. Hätte uns die Panne eine halbe Stunde früher ereilt, wären wir noch irgendwo in der Gobi gewesen, weit entfernt von einer echten Straße – und das hätte böse ausgehen können. Man muss nicht übervorsichtig, man darf aber vernünftig sein, und wenn man ein gutes Bauchgefühl beim Tourveranstalter hat, ist das schon mal Gold wert. Mit dem Augenrollen, falls man sicherheitshalber doch noch mal nachfragt, muss man dann selbst klarkommen. Es gibt eben nur eins von beiden: vom anderen für seine Unkompliziertheit geliebt werden oder für sich einstehen. Wer sich selbst genug liebt, kann auf diese Form von Anerkennung verzichten und trotzdem charmant bleiben.

Oft hilft ja schon die richtige Formulierung, um demjenigen, der alles vorbereitet hat, nicht auf die Füße zu treten. Ich mache das mittlerweile so: »Darf ich mal was fragen, auch wenn dir das vielleicht auf den Keks gehen wird?« oder »Darf ich für meinen Seelenfrieden vor der Abfahrt noch was fragen? Haben wir XY dabei?« Wenn ja, gut. Wenn nein: nachfragen, warum nicht. Klaren Kopf behalten. Nicht einlullen lassen von »Ich mach das hier seit fünfundachtzig Jahren.« Darauf könnte man entgegnen: »Dann hörst du die Frage ja sicher nicht zum ersten Mal.« Wenn dann wieder keine vernünftige Antwort kommt – »JA, wir haben XY dabei« – noch mal freundlich nachhaken. Nicht einschüchtern lassen. ES IST EINE BERECHTIGTE FRAGE. Wenn die Antwort lautet: »Brauchen wir nicht«, auch nachhaken. Interessiert bleiben. Neugierig nachfragen, warum nicht. Jeglichen Anflug von Ironie runterschlucken. So ergibt sich hoffentlich ein Gespräch auf Augenhöhe, das Vertrauen wächst (beiderseits), und vielleicht gibt es ja tatsächlich einen guten Grund (wir tanken da und da, wir fahren im Konvoi und es hat immer nur einer ein Ersatz-XY dabei etc.).

Wenn vom Gegenüber jedoch keine Augenhöhe zugelassen wird – ich merke das daran, dass jemand mit mir redet wie mit einem Kind –, dann wird’s spannend. Dann betrete ich das Trainingscamp »Wertschätzende Kommunikation mit Alphatierchen«: Tief einatmen. Langsam ausatmen. Auf meine innere Stimme hören. Mich selber liebhaben. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für Selfbashing. Nein, ich bin nicht doof, nein, ich bin nicht übervorsichtig. Ich sorge hier gerade für mich. Und das bitte im Gebetsmühlenmodus.

Nur Bekloppte oder Leute, die eine Fernsehreportagereihe mit Chaos-Charakter machen, überhören ab und zu ihr Bauchgefühl. Letztere aber auch nur, weil sie tief unten im Rucksack ein Satellitentelefon vom Sender haben …

So. Du hast dir bei Tee und Rotwein nun geduldig meine Geschichten zur Wüste angehört. Du willst immer noch dahin? Dann brülle ich dir beim Gehen noch hinterher: Jawollja! Viel Spaß! Mit einem gesunden Grundvertrauen in das Leben und ein paar Sicherheitsmaßnahmen wird das groovy!

Auf in den Regenwald: heiß und feucht

Wer finnische Sauna mit Aufguss kann, schafft auch das hier

Gerade ist es hell geworden. Der Urwald dampft. Dichte Luft transportiert alle Naturgeräusche wie ein Verstärker zu mir. Um mich herum herrscht so etwas wie tosende Stille. Hoch oben über dem Urwald in einer Baumkrone sitzend, bin ich tief bewegt.

Außer mir ist noch kein Mensch wach. Dafür alle möglichen Waldbewohner: zwitschernde Vögel, sägende Zikaden und in der Ferne ein paar singende Gibbonaffen. Oder bilde ich mir die ein? Ich schleiche mich ans Geländer und bleibe ganz still. Die Atmosphäre, das Orchester des Waldes, die vielen Tierstimmen, das schräge Licht über dem Morgennebel, es ist fast zu viel. Ganz schlimm zum Heulen schön ist das hier. Jeden Moment müssen Mogli und Balu um die Ecke gehüpft kommen.

Ich bin in Südostasien. Während meiner großen Selbstfindungs-Weltreise schreibe ich die ersten Reiseberichte, die mich schon bald zu Ostwärts bringen werden. Es ist das Jahr 2007 – die historische Ära ohne Smartphones, Facebook, Instagram und sonstigem Social-Media-Gedöns neigt sich ihrem Ende zu. In Deutschland vernetzt sich die Liga der Hypermodernen (lies Studenten) noch über studiVZ, während sich in einem Internet-Café in Laos eine Rucksacktouristin mit vorgezogener Midlife-Crisis bereits als vermeintlich erste Deutsche auf einer eigenwilligen Plattform namens Facebook anmeldet: moi! Doch zuvor (als auslösendes Ereignis) begebe ich mich im Norden dieses Landes am anderen Ende der Welt auf einen haarsträubenden Trip namens »Gibbon Experience«.

Dabei habe ich gar kein Ticket. Man muss sich schon Wochen vorher online anmelden, wenn man bei diesem abgefahrenen dreitägigen Dschungelabenteuer dabei sein möchte. Man zahlt auch vorab und kriegt nichts zurück, wenn man nicht auftaucht. Auf meine kurzfristige Anfrage mailt der Veranstalter zurück: Komm einfach, es passiert immer mal, dass Gäste in letzter Minute absagen oder nicht erscheinen. Also fahre ich mit dem Nachtbus von Chiang Mai ins Golden Triangle, wo Thailand, Laos und Myanmar aufeinandertreffen und wo auch Südchina und Vietnam quasi um die Ecke sind. Goldenes Dreieck klingt definitiv sexyer als Dreiländereck. Der Name kommt nicht von ungefähr – hier wird seit fünf Jahrtausenden Schlafmohn angebaut. Schlafmohn gleich Opium, Opium gleich Heroin und andere Derivate, gleich Drogenhandel, gleich dicke Asche im Sinne von Gold. Früher als tatsächliches Zahlungsmittel, heute im übertragenen Sinne. Ich mache ein Foto an dem Punkt, wo der Ruak in den Mekong fließt und die entstandene Landzunge praktischerweise wie ein Dreieck aussieht. Das ist gut für den Tourismus. Anschließend setze ich mit einem langen hölzernen Taxiboot von Thailand nach Laos über und schlage am nächsten Morgen mit meinem großen Rucksack im Büro des Dschungelausflugsveranstalters auf.

Es passiert, was häufig passiert, wenn man nur erst mal den Zustand »unheimlich entspannt und frei von Erwartungen« erreicht hat: Ich habe Glück! Eine Stunde später sitze ich mit einem Tagesrucksack, einem Geschirr, das ich nachher noch erklären werde, einem Paar Handschuhe (die zufälligerweise im Laden neben dem Veranstalterbüro verkauft werden) und sieben anderen Aufgeregten in einem Pick-up, der uns über holprige Pisten zum Rand des Bokeo Naturreservats bringt. Auf jeder Tour werden acht Gäste mit einem oder zwei lokalen Dschungelführern in die Wildnis losgelassen. Wir sind vier Frauen und vier Männer aus sechs Nationen und sitzen uns mit eingezogenen Köpfen gegenüber. Obligatorische Vorstellungsrunde – alle zwischen neunzehn und neunundzwanzig. Bis auf eine, die ist, ups, sechsunddreißig. Was uns alle eint: Wir sind Rucksackreisende, die mehrere Monate durch Südostasien touren und damit ihr Großes Buch des Lebens füllen. (Nein, nicht bei Facebook oder Instagram, einfach nur so, für uns.)

Reichlich durchgeschaukelt treffen wir am Rand des Naturreservats unseren Guide, der aus einem Bergdorf im Innern des Dschungels gekommen ist, um seine neuen Gäste abzuholen. Er heißt Nom und sieht aus wie vierzehn, aber wahrscheinlich ist er doppelt so alt. Ich bin generell keine Leuchte im Schätzen des Alters von anderen (es interessiert mich wohl nicht genug), und bei asiatischen Gesichtern fällt es mir noch mal so schwer. Letztlich ist es auch wurscht. Wir vertrauen uns Nom an, er strahlt vergnügte Laune und große laotische Freundlichkeit aus. Und Ortskundigkeit. Also folgen wir ihm im Gänsemarsch auf einem winzigen Trampelpfad in den Regenwald. Ab jetzt geht es bis zur Abholung am dritten Tag nur noch zu Fuß (oj) und am Drahtseil (ojojoj) durch die freie Wildbahn.

Der Treck durch den Wald ist irre anstrengend. Dagegen war Nepal (wo ich auch mal sehr lange gelaufen bin, siehe Kapitel übers Trekking) ein SONNTAGSSPAZIERGANG, denke ich. Ich schleppe mein Eigengewicht, das sich bei großer Hitze doppelt so schwer anfühlt, eine Anderthalbliterflasche Wasser, das Sicherheitsgeschirr und einen winzigen Tagesrucksack, der den Namen nicht verdient, weil er eigentlich bloß eine diagonale Schulterumhängetasche ist. Die sieht zwar beknackt aus, ist aber sehr praktisch und wiegt so gut wie nichts. War ein Werbegeschenk der Deutschen Post für irgendeinen Triathlon, an dem ich natürlich nicht teilgenommen habe. Sieht jetzt aber so aus, und das ist auch gut so. Ich muss meine außerordentliche Coolness unter den jungen Hüpfern hier behaupten, da ist mir jedes Mittel recht. (Vielleicht habt ihr ja Extremsport-Freunde, von denen ihr so was mal abgreifen könnt.) Ein kleines, leichtes, schließbares Tragebehältnis ist nicht nur hier Gold wert – auch für Überlandfahrten im Nachtbus oder Zug, wenn das große Gepäck irgendwo anders mit zig weiteren Reiserucksäcken gestapelt liegt und man sich mit dem Wichtigsten am Körper wohler fühlt. Dort hinein kommen alle brustbeutelwürdigen Wertsachen wie Pass, Geld, Kreditkarte, Kopfhörer, Walkman. (Das war ein Test. Wenn ich Walkman sage, meine ich Handy.) Dazu ein Buch, eine Trinkflasche und circa sieben Snacks.

Weil ich in Laos die XXL-Wasserflasche mitgenommen habe, balanciere ich diese beim Gehen mit einer Hand auf der Schulter. Für diesen Treck habe ich noch einen aufs Wesentliche reduzierten Waschbeutel mit Zahnbürste, -pasta (es gibt noch keine Zahnputztabletten), Seife, Deo, Pflaster und Ohrstöpseln per Karabiner an meine Schultertasche geflanscht. Außerdem sind einmal Ersatzsocken, Schlüppi, T-Shirt und – ganz wichtig – eine Lampe dabei. Weil ich noch kein so gewiefter Reisevogel bin, ist es eine oldschool Taschenlampe. Wer schlau ist, nimmt natürlich eine Stirnlampe mit. Der Vorteil im Vergleich zur Taschenlampe: eine Hand mehr zur Verfügung. Alternativ renkt man sich den Kiefer aus oder ruiniert sich die Schneidezähne beim Einklemmen. Man spricht auch wesentlich deutlicher als mit Tachenganke chwichen gen Chähnen. Batteriebetriebene (Taschen- oder Stirn-)Lampe ist überall dort Pflicht, wo nicht standardmäßig Strom liegt (Dschungel, Zelt, Wüste) oder wo der Strom ausfallen beziehungsweise abgestellt werden könnte (Boot, Städte wie Beirut oder Sanaa – wobei die gerade nicht als Reiseziel infrage kommen dürften …). Was ich auch noch dabeihabe: Sonnenschutz (in den Formen Creme und Kopftuch), Mückenspray, Wasserreinigungstabletten (haste die, haste Seelenfrieden – ich habe sie aber ehrlicherweise noch nie gebraucht), eine kleine Mülltüte (falls sich mir im Wald ein Kaugummipapier oder Zigarettenstummel in den Weg stellt), ein winziges Erste-Hilfe-Set (mehr dazu im Kapitel Arzt an Bord) und ein paar Scheine für Trinkgeld (und – wie es in meiner Familie heißt – »damit dich kein Hund anpinkelt«).

Das Tippeln durch den Dschungel ist ein einziger, fantastischer Grünflash. Überall um uns herum rankt satte, pralle Natur, alles ist irgendwie saftig und feucht. Es fällt mir gar nicht so leicht, zu entscheiden, ob ich lieber selig in die Baumwipfel hinauf-, oder vorsichtshalber auf meine Füße hinabschauen will. Der Weg ist voller Wurzeln und etwas glitschig, besonders als wir auf einem Baumstamm einen Wasserlauf überqueren. Wir helfen uns gegenseitig und fühlen uns mogli