Immer wieder Ostwärts - Julia Finkernagel - E-Book
SONDERANGEBOT

Immer wieder Ostwärts E-Book

Julia Finkernagel

0,0
9,99 €
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Travel-Episoden vom Baltikum zum Baikalsee: Julia Finkernagel ist wieder auf der Reise ostwärts Nach dem großen Erfolg von Ostwärts zieht es die Journalistin Julia Finkernagel in ihrem neuen Reisebericht nun noch weiter in den Osten. Mit Kamerateam, Rucksack und kleinem Budget ausgestattet, geht es zu neuen Abenteuern ins Baltikum, wo sie auf deutsche Geschichte, gelebte Utopie und eine Insel voller starker Frauen trifft. Zwischen Waldbrand und Weinbrand ist sie in Montenegro unterwegs und frostwärts geht es schließlich in den russischen Winter mit der Transsibirischen Eisenbahn. Von Moskau bis zum Baikalsee reist sie bisweilen stilecht wie eine Zarin. Mit an Bord: das Moskauer Sinfonieorchester, Unmengen an Kaviar und ein ganz kleines bisschen Wodka. Julia Finkernagel berichtet von ungeplanten Erlebnissen auf Reisen, über Fremde, die zu Freunden, und Pannen, die zu unvergesslichen Erinnerungen werden. Ihre gewitzten Reise-Stories sind das ideale Rezept gegen Fernweh! Authentische Reise-Abenteuer: hautnahe Begegnungen mit Menschen und Kulturen In ihren neuen Reise-Erzählungen führt uns Julia Finkernagel ins Baltikum nach Lettland, Litauen und Estland und trifft dort auf "Heimwehtourismus", die Sahara des Nordens und einen launigen Präsidenten. Wir werden Zeugen eines Schreckmoments, wenn an einem lettischen Bahnhof das Drehmaterial zurück bleibt und erfahren, dass sich die Männer im Team so gar nicht als echte Kerle entpuppen, wenn man nach der Sauna durch eine dünne Eisschicht in ein Fass springen muss. Außerdem findet Julia auf ihrer Reise heraus, dass in Montenegro Nichtraucher auch mal draußen bleiben müssen und erklärt, wie man am Baikalsee einen Drink "auf Eis" nimmt. In ihrer unnachahmlichen Art berichtet Julia Finkernagel von ihren Erlebnissen und ist am Ende erstaunt, wie viele Reisen letztlich doch eine Reise sein können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Herzlichen Dank für die freundliche Überlassung der Fotografienan Marius Drachholtz und Markus Cebulla

Deutsche Originalausgabe

Copyright © 2020 von dem Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG, München

Ein Unternehmen der Média-Participations

Umschlagfotos: Vorderseite Markus Cebulla

Projektleitung: Hans Peter Buohler, Knesebeck Verlag

Lektorat: Nina Schiefelbein, Holzminden

Fotografien: Julia Finkernagel, Offenbach, außer: Marius Drachholtz

(Bildteil S. 8 oben); Markus Cebulla (Bildteil S. 23 oben und Mitte,

S. 26 Mitte und unten, S. 27, S. 30 Mitte und unten)

Labelentwicklung, Coverdesign & Layout: Favoritbüro, München

Satz und Herstellung: Arnold & Domnick, Leipzig

ISBN 978-3-95728-406-8

Elektronisch ist folgende Ausgabe erhältlich:

eBook (epub): ISBN 978-3-95728-571-3

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise.

www.knesebeck-verlag.de

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen über die Autorin

Impressum

Inhalt

Prolog

Litauen

Klar zum Ablegen ins Baltikum

Taschentücher raus: Ich besuche ein WOLFSKIND

Man muss schon eine amtliche Meise haben, um mitten in einer europäischen Hauptstadt eine eigene Republik zu gründen. Willkommen in Užupis!

Rent-A-Wreck und Spaghetti am Stück

Jetzt aber wirklich: (mein) WOLFSKIND Numero zwei

Lettland

Vom Jerusalem des Nordens ins Paris des Nordens

Die Baltische Kette ist nicht aus Bernstein!

Das Sanatorium, das ein Atombunker war, und das große Versehen

Und pass auf deine Sachen auf ...

Estland

Mit dem Bus nach Estland — die dritte Baltikum-Etappe dauert sieben Jahre

Herzlich willkommen auf Kihnu!

Saunieren ist was für echte Kerle

Ein Seitenwagen voll Emanzipation

Grün ist der Frühling, und alle tragen blau  

Bunt ist der Sommer, und ich trag plötzlich Rot

Montenegro

Entdecke die Langsamkeit: neues Team, neues Tempo

Zwischen Dojč-Kaffee und Njeguši-Schinken — Kulinarik ist das A und O

Über Wasser, unter Wasser und irgendwo dazwischen

Auf der Alm, da gibt’s koa Freizeit

Irgendwas ist hier faul. Aber nicht die montenegrinische Hausfrau — die steht nämlich um FÜNF auf

Hinten im Osten — an der Grenze zum Morgenland

Einmal Čevapčići für die Ewigkeit

Sibirien

FROSTWÄRTS in den russischen Winter

Moskau und m/seine Klischees

Und wieder heißt es Mitkommen

Jetzt aber! Abfahrt mit der Transsib und von einer Bar, die sich gewaschen hat

Eigentümlichkeiten der russischen Bahn — und was wir daraus lernen können

Mein Bett im Platzkartny

Gerädert bei Kilometer 1769 oder: Apfelromantik zwischen Baggern und Bauzäunen

Das letzte Dorf in Europa

Ein Traum aus Plüsch und Plum — im Sonderzug zwischen dunkelrotem Samt und Messing. So reist die Zarin!

Ein Traum in Weiß — im Zentrum von Sibirien

Vorübergehend auf Eis gelegt

Bildteil

Epilog

Dank

PROLOG

NORD-SÜD-OSTWÄRTS BIS SIBIRIEN!Warum meine Kompassnadel immer das letzte Wort haben muss und sogar die Transsibirische Eisenbahn nach ihrer Pfeife tanzt

Wo Osten liegt, ist eine Frage des Ausgangspunkts. (Hier am Küchentisch zum Beispiel liegt es geradeaus.) Als meine Redaktion vor vielen Jahren die Idee zu der neuen Reiseserie Ostwärts hatte, wollte sie eigentlich, dass es von Deutschland aus immer und immer weiter Richtung Osten geht, einmal ganz herum – der ursprüngliche Untertitel hieß »In sieben Staffeln um die Welt«. Da wir uns jedoch beim öffentlichen Rundfunk befinden, hat die Produktionsleitung kurz laut gelacht – und dann empfohlen, weiterzuträumen. Beziehungsweise näher.

Gut – wenn ich jetzt nicht bloß ICH, sondern vielleicht Helene Fischer wäre, und demzufolge ICH UND MEINE ENTOURAGE in sieben Schlagerpolonaisen um den Globus touren würden, dann hätte der Sender eventuell sogar das nötige Kleingeld dafür zusammengekratzt.

Doch die Lage ist nun mal die: Ich bin nicht Helene, sondern Julia – und bin Ende 2007 als unbezahlte Praktikantin beim MDR gelandet, als Managerin-im-Sabbatjahr, nach Diktat verreist, und zwar mit Rucksack. Für die Schnupperwochen beim Fernsehen hatten meine auf der Weltreise verfassten und beim Sender gelandeten launigen Berichte gesorgt.

Mit großer Klappe, noch größerer Neugier und Ich-hab-hier-nichts-zu-verlieren-Einstellung schlug ich in diversen Redaktionen auf und fuchste mich Günter-Wallraff-mäßig in die Welt des Fernsehens ein. Meine ersten Beiträge waren zwar durchaus ausbaufähig, aber trotzdem so ordentlich, dass sie als sendefähig durchgingen. Und dann hieß es ziemlich schnell: »Du drehst jetzt Ostwärts.« Weswegen ich in den Managerjob nie zurückgekehrt bin. Macht nichts.

Dennoch produziere ich also weder Schlager noch sonstige Volksmusik – und deshalb machen wir auch nicht gleich die große Weltreise, sondern ziehen einfach immer wieder von neuem ostwärts. Außerdem sind wir nur zu dritt unterwegs, haben ein verschwindend kleines Budget und schlafen, wo es am günstigsten ist – Ende der Durchsage.

Macht auch nichts. So ist es ja viel spannender! Unser winziges Team könnte nämlich so als ganz normale Backpacker-Truppe durchgehen, die mit der Mission losstapft, östlich von Deutschland gelegene Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen! Um aufregende, kuriose und berührende Begegnungen zu machen, dabei aber niemals den Humor oder den Mut zu verlieren, wenn’s mal nicht so klappt wie gedacht. Eine ganz normale Reisegruppe eben – bloß mit ein bisschen Kameratechnik unterm Arm, damit wir alles aufnehmen und zurück in Deutschland möglichst vielen davon erzählen können. Pannen eingeschlossen.

Ein bisschen ironisch kann man das schon finden. Ausgerechnet ich als in Westdeutschland geboren und Aufgewachsene ziehe in den Osten, der für mich wirklich eine fremde Galaxie ist, den Zuschauern des Mitteldeutschen Rundfunks aber naturgemäß am vertrautesten! Und Jahre später bin ich plötzlich hier im Westen die Ost-Reise-Expertin und schreibe auch noch darüber. (Was wäre mir doch als Managerin alles entgangen!)

Im ersten Drittel dieses Buches berichte ich von meiner Ostwärts-Expedition nordostwärts – nach Litauen, Lettland und Estland. Lange Jahre Teil der Sowjetunion, haben sich drei wackere Länder ihre Identitäten zurückerobert, und nur noch äußerst selten weht irgendwo ein Resthauch Sowjetflair durch die Luft. Auf der estnischen Insel Kihnu, deren nordische Traditionen erstens durchaus schräg, zweitens uralt und drittens überlebenswichtig sind, finde ich so viel, von dem berichtet werden muss, dass ich wieder und wieder dorthin zurückkehre und mich schließlich sogar optisch dem Look der Inselfrauen annähere …

Im zweiten Teil holt die Kompassnadel noch mal richtig aus, von oben rechts nach unten rechts. Südostwärts reise ich auf den bunten Balkan: nach Montenegro, das als Teil des ehemaligen Jugoslawiens ebenfalls eine sozialistische Vergangenheit hat und heute ein Eins-a-Mosaik aus Volksgruppen, Ethnien und Religionen geworden ist. Diese tolerieren einander und teilen sich ein Eckchen Erde, das mir landschaftlich und kulinarisch die Schuhe auszieht.

Auf meiner noch frischesten Reise schwingt sich die Kompassnadel dann ein und zeigt schnurstracks auf: Osten. Frostwärts geht es, und zwar von Moskau bis zum Baikalsee mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Frühling im Baltikum, Sommer auf dem Balkan und Winter in Sibirien – von diesen drei Stationen auf meiner Reise durchs Leben will ich jetzt erzählen.

Litauen

GUT ZU WISSEN:

Wogende Ostsee, blauer Himmel und ab und zu ein Kloß im Hals.

Unbedingt probieren: Zeppelinis — herzhafte Klöße in Form historischer Luftschiffe.»Guten Tag« heißt »laba diena«, »danke« heißt »atschu«.Und »Zebrastreifen« heißt übrigens »pästschjujuh päreja«.

– 1 –

Klar zum Ablegen ins Baltikum

Der erste Tag unserer Reise nordostwärts! Und für unsere Verhältnisse sind wir traumschiffmäßig am Start. Ich stehe an Bord der MS Vilnius von Sassnitz auf Rügen, in achtzehn Stunden werden wir in Klaipėda in Litauen vor Anker gehen. Neben mir Sascha Hehn. Eine leichte Brise weht ihm durch den Pony über das sonnengebräunte Gesicht. (Wenn ich Sascha Hehn sage, meine ich meinen Kameramann Michael. Ist klar.) (Er trägt auch die Haare anders.) Daneben Torsten, unser neuer dritter Mann und willfähriger Helfer für diese Drehreise. Er soll Michael unter die Arme greifen und ihm das Gepäck abnehmen, wenn wir aus- und umsteigen und das gefilmt werden muss. Das geht so schlecht mit Reiserucksack auf dem Rücken und Technikrucksack vor dem Bauch. Mein eigener Rucksack hingegen darf »bildwirksam« sein. Wiegt sechs Kilo weniger als auf der ersten Ostwärts-Reise, das heißt diesmal nur sechzehn Kilo, also quasi nichts. Wir haben dreißig Tage Zeit für sechs neue Episoden, die in einem halben Jahr auf Sendung gehen sollen. Es ist Mai, und drei Länder stehen auf unserm Zettel: Litauen, Lettland und Estland. Drei Ostseeanrainer. Drei ehemalige Sowjetrepubliken und alle drei jetzt wieder unabhängig.

Ich bin neugierig auf das Baltikum und will endlich mal diese legendären Weißen Nächte erleben, wenn die Sonne Mitte Juni durchmachen will und es nachts nicht wirklich dunkel wird. Das soll als krönender Abschluss der Reise kommen, also kurz vorm Abspann. Die MS Vilnius ist nicht unbedingt für Touristen ausgelegt, sondern eher für Güterzüge, Frachtcontainer und deren menschliche Begleiter. Deshalb sieht man bestürzend wenige Frauen in weißen Leinenkleidern mit Korksandalen, großen Sonnenbrillen und Kaschmirstolas an der Reling lehnen, elegant ihren Hut festhaltend, die Haare im Wind fliegend. Im Prinzip – wenn ich mich so umsehe – sieht man überhaupt keine Frauen. Dafür jede Menge Männer in Räuberzivil, kernig ihr großes Pils festhaltend, die Schaumkrone im Wind fliegend.

Gut – der Blick von hier oben fällt auch nicht unbedingt auf das Sonnendeck mit beleuchtetem Pool, sondern auf das Heck der Laderampe mit den Containern. Aber wenn ich die Augen zumache, dann wird es vielleicht ein bisschen Traumschiff hier. Ich schlucke einen kleinen Kloß im Hals runter. Kameramann Michael und ich haben uns seit unserem legendären Ostwärts-Auftakt im letzten Sommer höchstens dreimal gesehen, und mit dem »Neuen« ist naturgegeben alles noch fremd und unvertraut. Aber schließlich sind wir zum Arbeiten hier, da ist kein Platz für Heimweh – oder Fremdeln. Auch nicht am ersten Drehtag.

Meine Gedanken werden unterbrochen vom charmanten Chefsteward, der in seiner perfekt sitzenden blauen Uniform herbeieilt. (Ein bisschen Sascha Hehn ist nämlich doch an Bord.) Er hatte uns schon beim Einsteigen den Weg zu unseren winzigen Stockbett-Kajüten im Schiffsbauch gewiesen. Eduard ist vom alten Schlag und hat einen bezaubernden litauischen Akzent. Offenbar hat er uns gesucht.

»Nicht alle Passagiere hat gekommt. Wir haben ja noch freie Kabinen, ja.«

Ich schaue ihn mit großen Augen an.

»Wünschen oder nein?«

Jetzt dämmert es mir. Ein Upgrade! Meine Stimmung hellt sich augenblicklich auf. »Und die sind schön?«

»Ja.«

»Können wir mal gucken?«

»Ja, bitte schön.«

Ich folge ihm (und die Kamera folgt uns beiden) hinunter in die Untiefen der Fähre durch endlose Gänge, die alle gleich aussehen. Dann öffnet Eduard mit stolzer Brust eine Kabinentür und hält sie für mich auf. Er strahlt.

»Bitte schön, bitte schön.«

Ein Traum in Kunststoffbeige. Alles abwaschbar. (Wir reden hier ja immer noch von einem Containerschiff.) Ich erblicke jedoch auch: ein Doppelbett, zwei Sessel an einem Tisch, eine Schale mit Früchten, ein Bad. Mit eigener Toilette! Ich muss nicht lange überlegen.

»Oh, toll, mit Obst! Ich nehm sie!«

»Ja, bitte schön, bitte schön.«

Michael bekommt auch so eine Kabine. Es gibt nämlich nur zwei davon an Bord. Der arme Torsten hingegen – des dritten Mannes Schicksal – muss sich weiterhin mit seiner Stockbett-Kajüte mit Waschgelegenheit begnügen. Dafür kriegt er dann woanders mal das schönste Zimmer, versprochen.

Die Fähre ist das älteste Schiff der Flotte. (Und fährt mittlerweile auch nicht mehr.) Sie hat für die Stunden in zollfreiem Gewässer einen winzigen Duty-free-Shop an Bord. Wir gehen da einfach mal mit laufender Kamera rein – irgendwas findet man immer. Ich erblicke sofort alle möglichen Alkoholika und dann: weitere Passagiere! Sie sind deutschsprachig, freundlich und, sagen wir mal, »betagten Alters«. Wir kommen schnell ins Plaudern. Dabei höre ich zum ersten Mal einen Begriff, der mir auf dieser und kommenden Reisen Richtung Osten noch oft begegnen wird: Heimwehtourismus. Menschen auf der Suche nach ihrem alten Zuhause. Ich bin elektrisiert.

Zwei rüstige Mitreisende erzählen mir, dass sie in Ostpreußen geboren wurden, in der Stadt Memel (dem heutigen Klaipėda, unserem Zielhafen). Und dass sie noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln wollen.

Memel.

Noch einmal.

Einmal noch an den Ort ihrer frühesten Erinnerungen zurückkehren. Schauen, ob der Hof noch existiert, die Kirche, die Schule. Irgendetwas finden, das sich wie Heimat anfühlt. Sie bekommen feuchte Augen beim Erzählen. Und bei mir taucht der Kloß im Hals wieder auf. Ich kann diese Sehnsucht eins zu eins nachvollziehen, obwohl es nicht meine ist. Ostpreußen, Sudetenland, Schlesien: Das sind alles nicht bloß geographische Orte auf alten Landkarten, sondern Begriffe von früher. Heimat, Krieg, »der Pole«, »der Russe« (immer im Singular). Um diese Suche nach greifbaren Wurzeln einer vermeintlichen, nebulösen Erinnerung hat sich der Heimwehtourismus als Geschäftsfeld gebildet – das gerade boomt, dessen Ende aber auch abzusehen sein dürfte.

Etwas später fällt ein weiterer elementarer Begriff, und spätestens als ich diesen höre, werde ich in meine Baltikum-Reise hineingezogen wie von einem Unterwassersog ins Meer. Unmerklich bin ich mitten in der ersten Ostwärts-Geschichte gelandet. Der Begriff lautet: Wolfskind.

Der leicht Rührbare sei hier gewarnt: Wem es bei »Heimwehtourismus« schon im Herzen zieht, für den ist die Bezeichnung »Wolfskind« der Tropfen, der das Fass der Schwermut zum Überlaufen bringen wird.

»Wolfskind« ist der Begriff für ostpreußische Kriegswaisen, die sich vor und nach Kriegsende monate- bis jahrelang ALLEIN durch die Wälder geschlagen haben. Als Kinder! Auf der Suche nach Essbarem sind sie auch über die Grenze nach Litauen gekommen.

So. Aber wie erzähle ICH das? Wie baue ich das in eine Reportagereihe ein, die eigentlich frohgemut und reisefreudig sein soll? Ich beschließe: Auch wenn Ostwärts eher lustig angelegt ist und die Redaktion mich unter anderem deshalb für diese neue Sendung auserkoren hat, weil sie mich in meinem legendären Praktikum während meiner Auszeit vom Flughafenmanagement als eine der »eher unterhaltsameren Vertreterinnen« wahrgenommen hatte, will ich dieser Sache nachgehen. Ich werde die Augen und Ohren offen halten. Ich möchte unbedingt mit einem Wolfskind sprechen. Wenn ich erst mal da bin.

Litauen empfängt uns am nächsten Morgen mit Übergangsjackenbrise. Um uns herum wogt die Ostsee: Das »Mare Balticum« ist der Namensgeber für das Gebiet, auf das wir jetzt unmittelbar zusteuern. Wir tuckern durch den eher mittelschönen Frachthafen von Klaipėda und verabschieden uns schließlich von Eduard, der mir noch ein paar Tipps für ausgefallene Orte, coole Unterkünfte und kompetente Ansprechpartner in Sachen Wolfskind diktiert. Kaum an Land, besteigen wir die nächste Fähre. Sie bringt Fußgänger und Radfahrer auf die andere Seite des Haffs nach Smiltyne, früher Sandkrug.

(Zwischenbemerkung: Dieses »früher Dingsbums« – da sind wir uns einig – hat hier im ehemaligen Ostpreußen immer etwas von »früher war das alles mal deutsch«. Aber ich schreibe die deutschen Ortsnamen mal für die leichtere Verständlichkeit dazu, so wie ich auch Moskau oder Peking schreibe, und nicht Moskwa oder Beijing. Ist nicht reaktionär gemeint.)

Nach der Fahrt übers Haff sind wir nun also auf der berühmten Kuhrischen Nehrung – einer hundert Kilometer langen schmalen Landzunge, die sich von Südwesten (wo sie am Festland beginnt) bis zu ihrem Nordzipfel (mit dem sie ins Meer ragt) parallel zum Festland ausstreckt. In der Zeit, als Litauen zur Sowjetunion gehörte, also bis 1991, war die Kuhrische Nehrung sowjetisches Sperrgebiet. Das heißt: Niemand außer dem russischen Militär konnte an den Strand. Die breiteste Stelle der Nehrung misst keine vier Kilometer, die schmalste nur ein paar hundert Meter. Das Wasser zwischen der Landzunge und dem Festland ist das Kuhrische Haff. Es ist so flach, dass es im Winter hin und wieder zufriert.

Wir steigen am Nordzipfel in einen Linienbus. Dessen Fahrer versteht Englisch und/oder Deutsch und/oder Hände-und-Füße. Ich biete ihm vorsichtshalber mal alles an und kaufe drei Tickets für ein paar litauische Litas, also für ganz kleines Geld. Wir fahren auf der alten Poststraße in Richtung Süden (holla ihr Sentimentalen: von Memel nach Königsberg!). Lichte Kiefern- und Birkenwälder säumen die Landstraße, es ist unglaublich still hier. Kaum Verkehr, niemand unterwegs. Nach den Wäldern kommen Sandberge. Große Sandberge. Es sind die berühmten Wanderdünen, die der Kuhrischen Nehrung früher den Beinamen Sahara des Nordens gegeben und einige Dörfer unter sich begraben haben.

Die Landschaft ist sehr, sehr beruhigend. Nordisch, vielleicht etwas melancholisch. Sand, Bäume, Wasser, Himmel. Hier möchte man stundenlang am Strand spazieren gehen und Baltischen Bernstein zwischen den Muscheln finden. Ich bin nicht traurig, dass noch keine Horden von Sommergästen da sind. Es muss die Ruhe vor dem Sturm sein. Die Halbinsel war schon vor Jahrhunderten das Topreiseziel für die »Sommerfrische« der Gutbetuchten.

Fast genau auf der Hälfte der Landzunge verläuft quer drüber die Grenze zur Russischen Föderation. So hat jedes Land fünfzig Kilometer Strand und Dünen zur Verfügung. Die südliche Hälfte gehört heute zu Russland, die nördliche Hälfte zu Litauen.

Der letzte Ort auf der litauischen Seite heißt Nida (früher Nidden). Von diesem Ort war Thomas Mann 1929 so angetan, dass er sein Literaturnobelpreisgeld gleich mal in ein hübsches Sommerdomizil investierte. Das Haus im schmucken Niddener Fischerstil steht noch und beherbergt ein Kulturzentrum.

Wir finden eine schnuckelige Pension, blau-weiß gestrichen mit zentralem Treppenaufgang vor der Tür. Die Besitzerin ist eine freundliche, zarte Frau mit kurz geschnittenen Haaren und einem breiten Lächeln. Sie heißt Jovita. In drei hübschen Zimmern lassen wir unsere Rucksäcke auf drei geblümte Betten fallen (Torsten darf zuerst aussuchen). Einmal Rücken ausstrecken, Wasser ins Gesicht und weiterdrehen. Das machen wir ab jetzt gute vier Wochen lang.

Jovita spricht Deutsch, ist eigentlich Ärztin und wohnt hier mit ihrem Mann Regimantas. Sie erzählt, dass die beiden alles, was sie im Sommer mit den Feriengästen verdienen, im Winter in die Renovierung der alten Villa stecken.

Diese war in Sowjetzeiten vorübergehend zur Klinik umfunktioniert. Jovita zeigt mir alte Fotos. Ich stehe ja total auf alte Fotos, aber das hier, Entschuldigung, ist nicht das Gebäude, in dem wir gerade stehen. Jovita erklärt, dass in dem viel größeren Haus auf dem Bild vor langer Zeit die Familie eines Holzhändlers mit zehn Kindern wohnte. Und weil der Vater an der Quelle saß, konnte er feinste Sibirische Zeder verbauen (merke: wächst langsam, hält ewig, ist supergesund und sackteuer). Tragischerweise starb der Vater lange vor allen anderen, und die Witwe musste ihre zehn Kinder alleine durchbringen. Woraufhin sie buchstäblich das Holz ihrer vier Wände verkaufte. Woraufhin aus dem einen großen Haus drei kleinere Häuser aus feinster Sibirischer Zeder wurden. (Woraufhin es entweder ein Happy End mit dem hungrigen Nachwuchs oder eben Zeder und Mordio gegeben hat. Das ist leider nicht überliefert.)

Jedenfalls entstand auf diese Weise Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts auch das Gästehaus »Villa Waldhaus«, in dessen erstem Stock ich jetzt im Esszimmer stehe.

Nach dem Krieg wurde das Waldhaus in eine Polyklinik umgewandelt, und jetzt kommt Jovita ins Spiel. Sie hat nämlich »in der russischen Zeit« (das sagen sie hier gerne) vierzehn Jahre lang als Internistin in der Klinik gearbeitet. Als nach der Wende Anfang der neunziger Jahre so gut wie alles privatisiert wurde, kam Jovitas goldene Stunde: Die Klinik stand zum »Verkauf«. Für umgerechnet zweihundert Euro haben sie und ihr Mann sich ihrem Traum einer Frühstückspension genähert.

Das alte Zedernholz hält jedenfalls Bombe. Ich hingegen fühle mich klapprig und müde, als wir am nächsten Morgen schon wieder aufbrechen müssen. Gleich der erste Ort, an dem wir gelandet sind, ist so unverschämt idyllisch, dass es fast ein bisschen schmerzt, gleich weiterzureisen. »Unverschämt idyllisch« taugt in einem Film leider nur für dreißig Sekunden Montage. Wir brauchen Action – zumal am Anfang der Reise, wo sich bei mir noch kein Gefühl von: »Ruhig, Brauner, die spannende Geschichte kommt zu dem, der geduldig ist«, eingestellt hat.

Jovita bringt mir etwas bei, für das ich ihr bis heute dankbar bin, wann immer mich bleierne Müdigkeit befällt, obwohl ich gerade topfit sein muss: Sie stellt sich neben mich und haut mit voller Wucht auf ihre Beine! Erst auf die Waden, dann die Schienbeine, die Oberschenkel, den Po. Vorne, hinten, alles. Sie drischt auf ihren Bauch und die Brust und klopft sich selbst auf die Schultern und den Rücken. Nicht ein bisschen – volle Möhre! Jetzt noch die Arme verhauen, dann ein paar leichte Backpfeifen in der Rechts-links-Kombination. (Man darf halt nicht dabei beobachtet werden.) Wer jetzt noch nicht SO WAS VON WIEDER KNACK-FRISCH ist, ja, der muss sich vielleicht doch kurz hinlegen.

– 2 –

Taschentücher raus: Ich besuche ein WOLFSKIND

Sind wir schon bereit für meine investigative Wolfskind-Geschichte? Chefsteward Eduard »Hehn« hatte ja dankenswerterweise einen Tipp, wo ich mit der Suche anfangen könnte. In der Nähe des Klaipėdaer Hafens gibt es einen deutschlitauischen Verein, der sich zum Ziel gemacht hat, das deutsche Erbe und die Erinnerungen an das Memelland aufrechtzuerhalten: große Gefühle im Simon-Dach-Haus.

Eine Mitarbeiterin namens Marta ist die Tochter eines Wolfskindes. Sie zeigt mir auf der Landkarte, wo überall – offensichtlich tipptopp katalogisierte – Wolfskinder wohnen, die bereit sein könnten, spontan eine vorwitzige Nachwuchsjournalistin samt Kamera ins Haus zu lassen. Wir mieten ein Auto, fahren sechzig Kilometer nach Süden und dann noch ein Stück nach Osten ins Landesinnere. Michael auf dem Beifahrersitz filmt ununterbrochen nach vorne und zur Seite raus. Und manchmal auch mich am Steuer. Torsten hockt auf der Rückbank zwischen Gepäck und Landkarte. Wir sind nervös, weil das hier irgendwie eine ernste Angelegenheit ist.

Es ist herrliches Maiwetter. Über uns: leuchtendes tiefes Blau, lediglich zu Dekozwecken stehen ein paar Wölkchen am Himmel. Für diese Jahreszeit ist es am späten Nachmittag schon recht warm. Litauen sieht gar nicht so anders aus als deutsche Landschaften. (Was habe ich auch gedacht? Alles schwarz-weiß?) Es sind jedenfalls irgendwie vertraute Bilder, die sich vor uns ausbreiten. Hübsche Alleen schlängeln sich durch weiche Wiesen und lichte Waldstücke. Wir kommen durch kleinere Orte mit schnuckeligen Kirchen, einfachen Häusern und dazwischen verstreuten Bäumen.

An einer idyllischen einspurigen Landstraße mit immer mal einer Kate rechts oder links werden wir stutzig. Laut Landkarte müsste hier der Ort sein, zu dem wir geschickt wurden: Laukstėnai. Das ist hier auch. Nur halt irgendwie ohne Dorf. Auf einer unbezäunten grünen Frühlingswiese steht ein bescheidenes schwarzes Holzhaus mit weißen Doppelfenstern. Es misst ungefähr sechs mal zehn Meter. Die gesamte Front ist mit schwarzer Dachpappe verkleidet und wird gerade filmreif von der schräg stehenden Sonne beleuchtet. So kann ich arbeiten! Ein einfacher Vorbau bildet den Eingang, und auch der hat ein kleines weißes Fenster.

Jetzt muss ich mich nur noch trauen anzuklopfen. Eine Klingel gibt es nicht, wohl aber einen Türspion. (Vielleicht weil durchs Fenstergucken zu auffällig wäre, wenn man dem Nachbarn nicht schon wieder ein Ei leihen will.)

Michael filmt mich beim Aussteigen aus dem Auto. (Denn was haben wir gelernt? Immer den Anfang filmen!) Dann beim Rübergehen, beim Anklopfen. Mein Herz klopft unisono mit, bis zum Hals.

Eine kleine Frau Mitte siebzig macht auf. Sie trägt ein Kopftuch über ihren weißen Haaren und eine schmale Brille. Darunter: eine blau-weiß gemusterte Strickjacke, eine Jogginghose und dicke Socken in Gummischlappen.

Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Stelle mich vor. (Und stelle mich blöd an.) »Ich bin Julia. Sind Sie Edith?«

Mir wurde gesagt, Edith spreche Deutsch, trotzdem komme ich mir unhöflich vor, weil ich sie nicht auf Englisch anspreche (was ich definitiv netter fände, als in der eigenen Muttersprache draufloszureden). Aber so wie unsere erste Fremdsprache für alle Englisch ist, war es hier im Baltikum in den älteren Generationen natürlich alles andere als Englisch. Da müsste ich jetzt mein Russisch auspacken – das nicht vorhandene.

Sie tippt sich auf die Brust und sagt: »Liudvika.«

»Nicht Edith?«, frage ich.

Sie nickt, was mich noch mehr verwirrt, und bittet mich herein. Zwei Schritte später stehen wir in einem recht bescheidenen Zuhause: zwei Räume, ein Öfchen, kein Bad.

Ich gehe es an. Erkläre, dass ich auf der Suche nach Edith Melenk bin. Offenbar kann sie Deutsch wirklich zumindest etwas verstehen, doch sie antwortet auf Litauisch. Und trotzdem verstehe jetzt ich: Edith ist Liudvika! Sie führt mich noch einen Schritt weiter in die gute Stube. Es ist ein dunkler Raum mit bescheidener Einrichtung. Ein kleiner Tisch, ein paar Stühle, eine Anrichte mit Oberschrank. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen.

Ich fühle mich hilflos. Schäme mich ob meiner Neugier und finde das plötzlich alles total unangebracht. Der Fluchtreflex ist da. Aber ich kann jetzt nicht einfach zur Tür rennen, »Ja danke, tschühüs« rufen und wie Speedy Gonzalez das Weite suchen. Klar – würde keiner der Zuschauer jemals erfahren und wäre aus produktionswirtschaftlicher Sicht effizient. Aber ich kann es nicht.

Wir bleiben. Da die kleine Frau telefonisch vorgewarnt wurde, weiß sie, was ich möchte. Sie nimmt ein Kästchen, kaum größer als ein Schuhkarton, von der Anrichte und zeigt mir kleine, an den Ecken geknickte Schwarz-Weiß-Fotos. Von ihr selbst als Kind (vermute ich), von ihren Eltern (vermute ich), von ihrem Elternhaus (vermute ich). Das wird dann wohl in Ostpreußen gewesen sein. Ich schaue die Fotos an, lausche ihrem Litauisch, aber natürlich kommt kein Gespräch zustande. Einen Übersetzer haben wir nicht dabei, weil es ja hieß, sie spräche Deutsch. Wir reden eine ganze Weile aneinander vorbei, schauen uns an, reichen Fotos hin und her. Danach sitzen wir eine weitere ganze Weile zusammen draußen auf der Stufe vor ihrer Tür. In der wärmenden Sonne schweigen wir ein wenig miteinander, während Michael Außenaufnahmen des Hauses und des dahinter liegenden Klohäuschens macht.

Ich verabschiede mich freundlich von Edith-Liudvika, wünsche ihr alles Gute (sie uns möglicherweise auch) und steige wieder ins Auto. Torsten sitzt bereits auf der Rückbank, Michael steht noch am Haus, um aufzunehmen, wie wir abfahren. Nach fünfzig Metern halten wir an, und auch der Kameramann kommt zum Auto gespurtet und steigt ein.

Das war sie also, meine erste Begegnung mit einem Wolfskind. Befriedigt bin ich nicht. Doch für heute lassen wir es gut sein.

Wir fahren bis Kaunas, dort habe ich ein altes Jugendstilhotel ausfindig gemacht. Durch eine hölzerne Schwingtür mit gebogenen Fenstern obendrüber schaufeln wir uns und unser Gepäck in die Lobby des »Metropolis«. Die könnte ein Filmset sein: schwarz-weiße Schachbrettkacheln, zwei gegenüberliegende Rezeptionen, dunkelbraune Holzvertäfelung, breite Treppe, Kronleuchter, Stuck. Voll retro.

Ich verwalte unser Reisebudget, und das ist nicht allzu üppig. Also übernachten wir zu dritt in einer »Suite« (oh yeah). Die Jungs müssen ins Doppelbett, ich darf nebenan alleine nächtigen.

Bis morgen früh sollte ich die Nachdenklichkeit von heute in einer Nische meines Bewusstseins geparkt haben. Dann geht es in die Hauptstadt.

– 3 –

Man muss schon eine amtliche Meise haben, um mitten in einer europäischen Hauptstadt eine eigene Republik zu gründen.Willkommen in Užupis!

Vilnius (Wilna), Hauptstadt von Litauen! Und aktuell europäische Kulturhauptstadt! Wir sind da! Ich drehe durch.

Aber nicht vor Freude.

Wir logieren in der Altstadt in einem ehemaligen Karmeliter-Konvent. Jeder von uns hat sein eigenes Einzelzimmer bekommen, und wir bleiben sage und schreibe DREI NÄCHTE! Das fühlt sich an wie große Ferien! Es bringt uns etwas Ruhe und wird sich positiv auf unsere Gemüts- und Schlafhygiene auswirken. Kann ich gut gebrauchen, denn im Moment: hab ich Puls.

Diese Stadt ist lebensgefährlich! Was meiner Entspannung diametral entgegenwirkt ist das Fehlen einer Fußgängerzone in der Altstadt. ALTSTADT, bitte schön! Was macht man da? Gedankenverloren über Kopfsteinpflaster schlendern, die Augen gemächlich an Hausfassaden und Schaufenstern entlangwandern lassen, Einheimische bestaunen, möglichst viele Leckereien auf die Hand probieren, aber vor allem: selten auf die Füße schauen. Schon gar nicht auf die Straße.

Nicht so in Vilnius! Hier braucht man höchste Wachsamkeit, ein gutes Profil und Sprinterqualitäten. Sonst ist man schneller tot, als man null Sterne auf der Bewertungsskala geben kann.

MITTEN in der Altstadt, durch schnuckeligste engste Gässlein rasen in Vilnius Autos an einem vorbei! Man könnte ihnen zugutehalten, dass sie SO schnell sind, dass man sie fast nicht sieht. Wenn da nicht das Problem des Überfahrenwerdens bliebe.

Ich komme (zugegebenermaßen gedankenverloren, weil ich etwas herrlich duftendes Essbares in der Hand habe, und mich in Sicherheit wiegend ob des Zebrastreifens vor mir) aus der Patisserie eines hübschen Eckhauses. Ein verheißungsvolles Aroma von frisch gebackenem Blätterteig, Buttrigem, Vanilligem und Süßlichem zieht mir in die Nase. Jetzt gleich werde ich mir da drüben ein Plätzchen in der Nähe von Michael suchen, der gerade Parade-Aufnahmen von dieser lieblichen Stadtidylle macht. Mein Gesicht wechselt hin und wieder die Position zwischen schräg oben (Sonne) oder schräg unten (Gebäck).

MÄÄÄääppp.

Ein Auto kachelt heran und so schnell an mir vorbei, dass mir fast das Teilchen aus der Hand fällt und ich vom Windzug vornüberkippe. EY! Der hat mich fast über den Haufen gefahren! Ich sehe nur noch eine Qualmwolke. War das vielleicht gar kein Auto?

Ich konzentriere mich noch aufs leidenschaftliche Hinterherschimpfen, da kommt schon das nächste! Das gibt’s doch wohl gar nicht. Eben noch mit dem zweiten Frühstück unter der Nase glücklich in die Stadt gestrahlt, jetzt schon dem Zebrastreifen als Muster hinzugefügt. ICH wohlgemerkt, nicht das Croissant.

Es ist gefährlicher, in der Innenstadt von Vilnius die Straße zu überqueren, als ohne Sicherung zwischen Eiffelturm und Kölner Dom auf einem Seil zu balancieren. Okay – blödes Beispiel. Jedenfalls rege ich mich furchtbar auf.

Die uns Deutschen innewohnende sture Zebrastreifenmentalität, die von einem unumstößlichen Vertrauen in das Einhalten der Straßenverkehrsordnung gespeist ist, wird in Vilnius fundamental in Frage gestellt. Diese Mentalität gibt es ja auch wirklich nur bei uns. Das Auto im Karacho anrollen sehen und dann immer noch – oder gerade deshalb? – mit hoch erhobenem Kopf und GANZ LANGSAM die Straße betreten, mit diesem stoischen Gesichtsausdruck, der kühn sagt: DIR, mein Freund, zeige ich jetzt mal, wer hier Vorrang hat, und dann mit dem Einkaufsköfferchen gemächlich weiterschlendern. Die ganz verwegenen Zebrastreifenbeharrer schauen nicht einmal in die Richtung des Autos, sondern lässig in die andere. Als Autofahrer möchte man Zwischengas geben und die Schnecke flitzen sehen, als Fußgänger denkt man: Geil! Einmaliges Gefühl der Macht!

Achtung: Gibt’s nur bei uns!

Hier also meine dringende Reisewarnung an alle mit der deutschen Straßenverkehrsordnung sozialisierten Touristen, die neugierig und fußläufig gen Osteuropa streben: DIE ZEBRASTREIFEN SIND NUR ATTRAPPEN!

In Vilnius zum Beispiel muss man auch auf (selbst AUF!) einem Zebrastreifen um sein Leben fürchten, denn jeden Moment könnte ein tiefergelegter Audi 80 CC in Bronze-Metallic mit siebzig Sachen an einem vorbeidreschen. Notfalls über einen drüber. Daher, bitte: Auch in Gassen, die durch Kopfsteinpflaster, Tische und Stühle optisch wie Fußgängerzone anmuten oder durch die sich eigentlich kein Autofahrer freiwillig zwängen wollen dürfte, kann es passieren, dass aus dem Nichts ein Auto auftaucht und die Rallye Monte Carlo nachstellt. Da sollten kein Mensch und kein Croissant im Weg stehen.

Mein Adrenalinpegel hat jedenfalls sein Tageshoch jetzt schon erreicht. Und das bedeutet natürlich Punktabzug für Vilnius.

Ansonsten ist Vilnius fraglos wunderschön. Alte Hauptstadt, italienisch-barocke Bausubstanz, Unesco-Welterbe, langjähriges jüdisches Zentrum von Osteuropa, weil liberal und weltoffen. Es wurde sogar zeitweise als Jerusalem des Nordens bezeichnet. Und/ oder als Rom des Ostens. (Kann man sich aussuchen.)

Zwei Flüsse schlängeln sich durch das Stadtgebiet. Der größere ist die Neris, die aus Weißrussland hierhergeströmt kommt. Der kleinere ist die Vilnia. Eine von deren steileren Flussbiegungen umrundet an zwei Seiten den wohl berühmtesten Stadtteil der litauischen Hauptstadt: Užupis. Gesprochen: »Uschupis«. Mit weichem »sch« wie in »je t’aime« oder in »Journalismus«. Užupis heißt »jenseits des Flusses«.

Užupis ist deshalb so bekannt geworden, weil die Bewohner nicht ganz so sind wie die anderen Vilniuser. Sie haben in dem Stadtteil eine unabhängige Republik gegründet! Kein Scherz. Mit Verfassung und Einreisestempel und Präsident. Der soll in einem Café nahe der »Landesgrenze« logieren. Ich rufe von der Rezeption meines Konvents dort an und klingele ihn aus dem Bett, um zu fragen, wann er denn heute regieren geht. Und bekomme eine Audienz um neun. Mit Kamera.

Um halb neun stehen wir am gegenüberliegenden Flussufer vor dem weißen Schild mit der Aufschrift »Republik Užupis«. Wir nehmen die »Anmod« für den »Vorklapp« auf. In späteren Ostwärts-Jahren verzichten wir auf so was, es ist irgendwie zu fernsehklassisch und sieht so nach Moderatorin aus. Das bin ich nicht, und ich mache es auch nicht entfernt so gern wie »einfach normal« vor der Kamera sein beziehungsweise wie Von-der-Kamera-beim-Normalsein-und-Reden begleitet werden. Aber noch sind wir ja am Anfang der Ostwärts-Entwicklung, der zweite Ostwärts-Dreh überhaupt, und wir haben auch erst 2009. Ich bin die Vorläuferin der Generation von YouTube-Selbstfilmern, die ihre Reisen für alle Welt mitdokumentieren werden. ICH bin die Speerspitze der Bewegung, dass das klar ist.

Also nehmen wir heute ganz oldschool »Anmods« für den »Vorklapp« auf. Der Vorklapp ist dasjenige Stück Film, das man noch vor dem eigentlichen Vorspann sieht, bevor die Erkennungsmusik und die Landkarte und die Graphik kommen.

Wir drehen so acht, neun Takes, weil ich relativ viel Text habe und Michael zwischendurch mehrmals den Ausschnitt verändert, damit wir »Ransprünge« schneiden können und sich kein Zuschauer langweilt. Dann schultert Michael die Kamera, Torsten das Stativ, und wir schreiten – die Pässe in der Tasche – feierlich über die Brücke in die Republik Užupis.

Mutterseelenallein.

Komisch. Ich sehe keinen Grenzbeamten. Und auch keine Stempelstelle. Die werden doch jetzt hier nicht auf offene Grenze machen? Das wär ja blöd.

Am Ende der Brücke steht auf der linken Seite das Regierungsgebäude. Es ist ein Backsteinhaus mit flachem Giebel und hölzernen braunen Fensterläden. Und einem Schild »Café Užupio«. Das Haus hat schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel, war mal eine Bäckerei, mal eine Fabrik und steht direkt am Flussufer. Eine seitlich angebaute Terrasse auf hölzernen Pfählen schmiegt sich in die Flussbiegung. Mit laufender Kamera betreten wir frech den »Regierungssitz« der Republik.

Ein supersympathischer Endvierziger mit Hipster-Schnurrbart (2009!) in Hemd und weichgetragener brauner Lederjacke sitzt am Tresen. Der muss es sein.

Ich marschiere schnurstracks auf ihn zu und schüttele ihm, flankiert von einem fröhlichen »Hallo, Mr. President!« die Hand. »Ich bin Julia!«

Er strahlt zurück und legt sich feierlich die Hand auf die Brust: »Romas!«

Wow, jetzt duzen wir uns quasi, der Präsident und ich. Ein Empfang ganz nach meinem Geschmack. Er bittet mich in einen Raum des Cafés, in dem wir selbst vom Barmann ungestört sind. Ich vermute, in dieser Art Republik gehört Ausschlafen zur Staatsräson, deshalb sind wir unter uns.

Ich will ja unbedingt einen Stempel in meinen Pass von ihm bekommen, aber erstens kann ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, und zweitens möchte ich zunächst in aller Ruhe folgende Frage erörtern: Wie groß muss die Meise sein, die man braucht, um eine Republik zu gründen? (Vielleicht steckt davon ja auch etwas in mir?)

Präsident Romas bietet mir einen der vier Stühle an einem kleinen Tisch am Fenster an und nimmt gegenüber Platz. Draußen plätschert der Grenzfluss vorbei, ein paar Vögel zwitschern. Ich bekomme einen Cappuccino (Ich will einen Stempel!) und beginne, ihn auszufragen.

Wenn er nicht gerade regiert, ist Romas Lileikis Künstler, Filmemacher und Poet. Und Weltverbesserer. Die Idee zu dieser Republik hatte er 1997. Eines Morgens war er einfach aufgewacht und hatte sich als Präsident gefühlt (kennen wir ja alle). Zu dieser Zeit war der Stadtteil Užupis noch völlig heruntergekommen und absolut verschrien. Tatsächlich war er in Sowjetzeiten ein Elendsviertel, in dem Kriminalität und Prostitution regierten. Die Hauptstraße von Užupis trug ernsthaft den Beinamen »Straße des Todes«. (Und da ging es nicht um Zebrastreifenignoranz.) In den Häusern gab es weder fließendes Wasser noch sanitäre Anlagen, alles war halb verfallen. Nach der Unabhängigkeit 1991 wollte niemand freiwillig hier leben. Wir stellen uns das mal in Schwarz-Weiß vor.

Aber wie das mit fast allen halb verfallenen Vierteln so ist: Irgendwann kommen ein paar Idealisten vorbei, die zwar kein Geld, aber den Kopf voller Visionen haben (damit meine ich nicht die Baulöwen), und sagen: »Och! Geht doch eigentlich!« Klemmen sich ihre Staffeleien, Pinseltäschlein, Batikeimer und Töpferscheiben unter den Arm und siedeln sich an. Sind zufrieden mit dem, was sie vorfinden, sehen und hören das Schöne. (Hier: das gemächlich rauschende Flüsschen an drei von vier Seiten, Kopfsteinpflaster, die Geschichten, die die alten Häuser flüstern, Scheunen aus Holz, einen winzigen Strand, kleine Brücken, alte Bäume, viel Grün.) Man nennt diese Idealisten auch Kreative. Sie haben die Fähigkeit, über das Elend hinauszusehen, und schaffen etwas Neues aus dem, was da ist.

Leider bleibt es dann nicht so. Innerhalb von ein paar Jahren (oder in hartnäckigen Fällen Jahrzehnten) vollzieht sich eine Metamorphose, die so oft in ehemals verlassenen oder armen Stadtteilen beobachtet werden kann: Ghetto → Elendsviertel → Künstlerkolonie → Hipsterkiez.

Diese Verwandlung namens Gentrifizierung schleicht sich herein, hält sich erst noch bedeckt und ordnet sich unter, bleibt unsichtbar. Mit der Zeit wird sie auffälliger, und die ersten Geheimtipps machen die Runde. Diese Phase ist die schönste, und solange sie währt, sollte man sie genießen (und bloß keinem davon erzählen). (Was ich hier mache, grenzt also an Verrat.) Leider wird die Gentrifizierung irgendwann total übermütig. Früher oder später trampelt sie rücksichtslos alles nieder, einschließlich der Ureinwohner und der ersten Entdecker.

Bei unserem Besuch ist Užupis noch ein Geheimtipp. In der Reihenfolge Ghetto, Elendsviertel, Künstlerkolonie, Hipsterkiez sind wir gerade mal bei Stufe drei.

Die Entwicklung hat der mir gegenübersitzende Präsident zusammen mit ein paar befreundeten Künstlern losgetreten. Sie wollten der »Straße des Todes« etwas entgegensetzen, den Tod mit engelhafter Schönheit überwinden. Deshalb haben sie auch einen Posaune spielenden Engel auf einer riesigen Säule aufgestellt. Im Interesse von Freiheit und Kreativität.

Užupis hat eigene Feiertage und eine sehr hübsche Flagge mit einer geöffneten Hand, darin ein kreisrundes Loch (also nicht in der Flagge), um zu symbolisieren, dass man nichts festhalten oder besitzen wollen soll. Alles soll fließen. Natürlich gibt es auch eine Hymne, die der Präsident höchstpersönlich komponiert hat.

Ich kommentiere: »Ach, Songschreiber bist du auch?«

Er nickt. »Und Filmemacher.«

»Und Filmemacher. Und Künstler«, denke ich laut, doch er protestiert.

»Ich möchte nicht Künstler genannt werden.«

Ich schaue auf. »Oh. Du möchtest nicht …«

»Einfach Präsident!« Er grinst frech.