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1874 wanderte August von Schulthess Rechberg (1845-1918), Sohn des Zürcher Bankiers Gustav Anton von Schulthess und der Helene geb. Thurneyssen, in die nordöstliche Ukraine aus, die damals zum Russischen Zarenreich gehörte. Auf dem Gut des deutschen Grossindustriellen Leopold König in Trostjanetz trat er 1874 die Stelle des Obergutsverwalters an. Das 25 000 Hektar grosse Anwesen umfasste eine Zuckerfabrik, eine Getreidemühle, eine Schnapsbrennerei und eine Parkettfabrik. August fand ein beinahe unerschöpfliches Betätigungsfeld, um seine Begeisterung für die Landwirtschaft auszuleben und zahlreiche technische Neuerungen einzuführen. Umfangreich war auch seine Nachkommenschaft. Der Ehe mit der Zürcherin Marie Hess, die er 1879 heiratete, entsprossen acht Kinder. Der Ausbruch der Russischen Revolution im Frühling 1917 und der darauffolgende Bürgerkrieg zwangen die Familie von Schulthess dazu, ihre Zelte in der Ukraine wieder abzubrechen.Für die Recherche zu diesem Buch hatte die Historikerin Karin Huser Zugang zu einem einzigartigen Fundus aus Tagebüchern, Lebenserinnerungen, Fotografien und Hunderten von Briefen, die sich im Familienbesitz befinden.Kenntnisreich ordnet sie ein besonderes Einzelschicksal in die grosse Erzählung der Schweizer Auswanderung ins Zarenreich und in die russische Geschichte ein. Die Familienbiografie gibt einen eindrücklichen Einblick in den Alltag und die damaligen Lebensbedingungen. Ein spannendes Stück schweizerisch-ukrainische Migrationsgeschichte!
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Seitenzahl: 649
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Karin Huser
Ostwärts,wo der Horizontso endlos ist
Eine Schweizer Familie im Zarenreich
NZZ Libro
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2022 (ISBN 978-3-907291-89-4) © 2022 NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel
Lektorat: Katharina Wehrli, Zürich
Umschlagabbildung: Christine Mouizi-Dumas
Umschlaggestaltung: Grafik Weiß GmbH, Freiburg i. B.
Gestaltung, Satz Inhalt: Claudia Wild, Konstanz
Abbildungen Vorsatz und Nachsatz: Zentralbibliothek Zürich, Kartensammlung
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
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ISBN Print 978-3-907291-89-4
ISBN E-Book 978-3-907291-90-0
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Schwabe Verlagsgruppe AG.
Vorwort Schulthess’sche Familienstiftung
Dank der Autorin
Einleitung
Quellenkritische Anmerkungen
Textgestaltung
Zeitrechnung
Masse und Gewichte
Abriss der Geschichte des späten Zarenreichs (1870–1918)
Russland unter dem «Befreierzar» Alexander II. (1855–1881)
Angriff auf die Zarenherrschaft
Krieg und Revolten (1905/06)
Das «Oktobermanifest» des Zaren
Das Zarenreich am Vorabend des Ersten Weltkriegs
Der Erste Weltkrieg
Die Februarrevolution
Die Oktoberrevolution
Die kurze Unabhängigkeit der Ukraine
Der Schauplatz
Ostern 1905 auf einem ukrainischen Gutsbetrieb im Zarenreich
Die Protagonisten
Die Familie von August und Marie von Schulthess Rechberg
1. Zwei Wege kreuzen sich
Erste Begegnung
Die Tochter des Seidenkaufmanns
Die Baumwoll- und Seidenproduktion in Bergamo und Mailand
Von Mailand nach Zürich
Der Tod – ein häufiger Gast in der Familie Hess
Das Bankhaus, der Adelstitel und das Palais
Gustav von Schulthess – ein Mann von Welt
Vom Bankierssohn zum Landwirt im Zarenreich
Lehr- und Wanderjahre
Wachsendes Fernweh
August erschliesst sich eine neue Welt
2. Aufbruch nach Russland
Augusts Fahrt ins Ungewisse
Das Landgut Trostjanetz
Der «Zuckerkönig»
Kriegswirtschaft
Eisenbahnanschluss an die Welt
Ein Heiratsdrama in fünf Akten
1. Akt: Auf Brautschau
2. Akt: Ein Drama nimmt seinen Lauf
3. Akt: Das Blatt wendet sich
4. Akt: Die Mama schreitet ein
5. Akt: Auf der Zielgeraden
3. Familienleben auf dem Land
Marie und August in Trostjanetz
Der Zarenmord
Besuch aus Zürich
Der Oberverwalter in seinem Element
Auf Expedition mit dem Professor
Picknick im Grünen
Familienzuwachs
Der Dorfgeistliche
4. Mit der Kirche durch das Jahr
Reise in die Schweiz
Russische Weihnachten
Ostern auf dem Gutsbetrieb
Der Besuch des Bischofs
Intrigen und Abschied von Trostjanetz
5. Rastlose Zeiten
Auf Arbeitssuche in Kiew
Das kleine Paradies am Fluss Taretz
Umzug nach Ugrojedy
Wechsel der Jahreszeiten
Geburt und Tod in Zürich
Gesellschaftsleben auf dem Land
Erneuter Aufbruch
Augusts Stellung gerät ins Wanken
Erholung in der Schweiz
6. Rjasnoe
Als Wirtschaftsverwalter nach Mesenowka
Ein Herrenhaus für die Familie
Ein Pope spielt Gitarre
Marie kommt an ihre Grenzen
Wintervorräte
Das Fahrrad hält Einzug
Ein Sonntagnachmittag im Advent
Augusts Skiausflug
«Luderwirtschaft» und Betrügereien
Aufbruch
7. Rückkehr nach Trostjanetz
Zurück auf Königs Gutsbetrieb
Zürich wird zweites Zuhause
Ein weiterer «Russlandschweizer» wird rekrutiert
Zürcher Gesellschaft und Kultur
Die Bauernaufstände von 1902
Der Tod des «Zuckerkönigs»
August junior rückt ins Militär ein
Der Russisch-Japanische Krieg
8. Revolutionäre Unruhen
Arbeiterstreiks und Bauernrevolten
Der Friede von Portsmouth
Marie versinkt in innerer Leere
Trübsal zum Jahreswechsel 1905/06
Die Nachbeben der Revolution von 1905
Eine goldene Uhr für August
9. Die Kinder fliegen aus
Die Ausbildung der Kinder (1907–1909)
Erste Hochzeit
Zurück in der Klinik
August juniors Stellenantritt in Russland
Die Schweizer Senffabrik an der Wolga
Die neue Pacht Gnilitza
Königs Gutsbetrieb am Vorabend des Ersten Weltkriegs
August junior geht auf Weltreise
10. Krieg und Revolution
Nach Kriegsausbruch
Ein Stellenangebot in Kiew
Hochzeit im Gaj
August feiert seinen 70. Geburtstag
Kein Friede in Sicht
Nikolai Maetzig wird entlassen
Gesundheitliche Probleme
Abschied von Gotthilf Kind und Tante Girardet
Augusts Zusammenbruch
Auf halbem Weg in die Schweiz
11. Wie es mit der Familie weiterging
«Der roten Hölle entronnen»
Gnilitza geht verloren
Wiedersehen an der Kreuzstrasse
Das Haus zum Mühlebach schliesst seine Türen
Nachwort Prof. em. Carsten Goehrke, Universität Zürich
Die Familie von Schulthess Rechberg in der Ukraine aus wanderungshistorischer Sicht
Schlusswort Andreas von Schulthess
Mein Grossvater August von Schulthess Rechberg-Frensdorff (1883–1973)
Anhang
Anmerkungen
Stammtafel
Abbildungsverzeichnis
Zeittafel
Personenregister
Zwei Briefe
Bibliografie
Primärquellen
Sekundärliteratur
Über die Autorin
Vor einiger Zeit informierte Andreas von Schulthess den Stiftungsrat der Schulthess’schen Familienstiftung, dass er beim Räumen des Elternhauses einen riesigen Bestand an Briefen, Lebenserinnerungen und Fotos seiner im vorletzten Jahrhundert in das Russische Reich ausgewanderten Vorfahren gefunden habe und er diese gerne der Stiftung übergeben wolle. Da ein Zweck unserer Familienstiftung darin besteht, das historische Erbe unserer Familie zu erhalten und verfügbar zu machen, haben wir mit Freude zugesagt.
Schon vor etwas mehr als zehn Jahren hatte Frau Dr. Karin Huser, Historikerin mit Schwerpunkt russisch-schweizerische Wechselbeziehungen, einen Aufsatz über die Familie von Schulthess in Trostjanetz publiziert, den sie anhand von Familienunterlagen eines anderen Familienmitglieds, Hanspeter von Schulthess-Biber, verfasst hatte. Angesichts anderer laufender Projekte musste der Ausbau dieses Aufsatzes jedoch zurückgestellt werden. Umso schöner ist es, dass mit den zusätzlich aufgetauchten Unterlagen diese Forschung auf einem viel breiteren Fundament wieder aufgenommen werden konnte. Es ist ein grosser Glücksfall für uns, dass wir Frau Huser nach dieser langen Zeit dafür gewinnen konnten, sich dem Thema wieder anzunehmen, den Fund zu sichten und zu bewerten. Die Analyse der Expertin übertraf unsere kühnsten Erwartungen: Sie hielt fest, dass die überlieferten Unterlagen, die einen Zeitraum von über 40 Jahren umfassen, nicht nur vielfältige Einblicke in den Alltag einer Russlandschweizer-Familie geben, sondern mit den vielen Querbezügen zu den damaligen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen als hervorragender Nachlass eingestuft werden können.
So entschieden wir im Stiftungsrat, das umfangreiche Quellenmaterial nicht nur zu ordnen, mit einer groben Verzeichnung zu versehen und einem öffentlich zugänglichen Archiv zu übergeben, sondern die sich darin verbergende Familiengeschichte zum Leben zu erwecken und in Buchform herauszugeben. Mit Frau Huser hatten wir die ideale Autorin bereits gefunden. Mit ihrer grossen Sachkenntnis und einem sehr zugänglichen Schreibstil lässt sie uns in die Geschichte des Ehepaars August und Marie von Schulthess-Hess eintauchen und verortet diese individuelle Familiengeschichte auf spannende und sehr bildhafte Weise in ihrem historischen Zusammenhang. Dafür möchten wir uns bei der Autorin sehr herzlich bedanken!
Bei aller Freude legt sich jedoch angesichts des aktuellen Kriegs in der Ukraine, der zum Teil genau jene Gegenden betrifft, die in dieser Publikation beschrieben sind, ein Schleier der Trauer und Verzweiflung über das eigentlich so gelungene Buchprojekt. Wir müssen hilflos erkennen, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer wiederum, wie schon so oft im Lauf ihrer Geschichte, hart geprüft werden. Wir hoffen sehr, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen schnellstmöglich beendet werden, Verhandlungen über eine tragfähige Zukunft beginnen und die Souveränität der Ukraine gesichert bleibt.
Mitten in den Vorbereitungen zur Publikation dieses Buchs verstarb Andreas von Schulthess nach kurzer Krankheit. Andreas hat sich sehr stark für das Buch engagiert, Manuskripte gegengelesen und sein familiäres Hintergrundwissen eingebracht. Leider war es ihm nicht vergönnt, die Buchvernissage zu erleben. Sehr gerne widmen wir das Buch auch ihm und bewahren dieser interessanten Persönlichkeit ein ehrendes Andenken.
Der Präsident der Schulthess’schen Familienstiftung
Hans Georg Schulthess
Vor zwei Jahren, kurz nachdem mich die Schulthess’sche Familienstiftung mit der Aufarbeitung der Geschichte des «russischen Zweigs» der Familie beauftragt hatte, brachte Andreas von Schulthess, einer der Nachkommen, zwei Waschzuber voller Familiendokumente seiner Vorfahren zu mir nach Hause. Das bedeutete den Auftakt zu diesem Buchprojekt, in das ich mich voller Enthusiasmus stürzte. Traurigerweise ist Andreas von Schulthess im März dieses Jahres gestorben. Er konnte das fertige Buchmanuskript noch lesen und mir seine Freude darüber immer wieder bestätigen. Dieses Buch ist seinem Andenken gewidmet. Niemals hätten wir uns vorstellen können, dass beim Abschluss meines Manuskripts in der Ukraine Krieg herrschen würde. Im Februar dieses Jahrs – ich feilte gerade an den letzten Zeilen des Schlusskapitels – verkündeten die Medien den Einmarsch von Wladimir Putins Truppen an der Nordgrenze der Ukrainischen Republik. In den Wochen zuvor hatte ich wie so viele Menschen, die den Nachrichten folgten, das Schlimmste befürchtet, aber bis zum Schluss gehofft, dass der russische Präsident seine Drohungen nicht wahr machen würde. Die ersten Bombenangriffe trafen die Städte Charkiw und Sumy, Namen, die bis zu diesem Moment bei uns kaum jemand gekannt oder zumindest nicht gewusst hatte, wo genau sie liegen. Für mich aber standen sie seit zwei Jahren im Fokus meiner Forschungsarbeit, sind sie doch die beiden Referenzpunkte, zwischen denen die Kleinstadt Trostjanetz liegt, der Hauptschauplatz «meiner» Auswandererfamilie aus Zürich. Sie hatte dort rund vier Jahrzehnte verbracht und sich schliesslich im Kreuzfeuer des Bürgerkriegs 1918/19 gezwungen gesehen, das im Entstehen begriffene «Sowjetrussland» zu verlassen. Die Schreckensmeldungen aus dem Kriegsgebiet, die pausenlos über das Radio und die sozialen Medien eintreffen, sind erschütternd. Vieles von dem, was jahrhundertelang bestanden hat und während der Russischen Revolutionen, des Ersten oder Zweiten Weltkriegs teilweise zerstört und danach wieder aufgebaut worden ist, wird jetzt von Putins Militäreinheiten in Schutt und Asche gelegt, allen voran die freundschaftlichen und familiären Beziehungen zwischen der ukrainischen und russischen Bevölkerung. Ein Ende der Kämpfe in der Ukraine ist zurzeit noch nicht absehbar. Sicher ist, dass bereits jetzt ein enormer Schaden angerichtet wurde, nicht nur mit der fortschreitenden Zerstörung zahlreicher ukrainischer Städte, sondern vor allem auch mit der Terrorisierung und Tötung der darin lebenden Menschen. Angesichts dieser Umstände fiel es mir nicht leicht, das Buchprojekt zu Ende zu bringen. Und doch muss es sein, muss die Geschichte der Familie von Schulthess Rechberg erzählt werden, denn es entspricht meiner Überzeugung, dass durch das Erzählen von Geschichte und Geschichten die nachfolgendenen Generationen, wenn auch vielleicht nicht verstehen, aber zumindest besser nachvollziehen können, was in der aktuellen Zeit vor sich geht.
Ich danke der von Schulthess’schen Familienstiftung für den Auftrag, die vorliegende Familiengeschichte zu verfassen, und dafür, dass sie mich beim Zusammentragen des verstreuten Familiennachlasses tatkräftig unterstützt hat. Andreas und Regina von Schulthess, Marc von Schulthess, Françoise Vautier-Grellet, Christine Mouizi-Dumas und Silvia Gilgen-von Schulthess haben mir die Fülle ihrer persönlichen Unterlagen zur Familiengeschichte anvertraut, wofür ich ihnen herzlich danke. Das offensichtliche Pflichtgefühl, die Familiendokumente beisammenzuhalten und sorgfältig aufzubewahren, das August von Schulthess junior zu eigen war und das er auf seinen Sohn Uli und dieser wiederum auf seinen Sohn Andreas übertragen hatte, machte es möglich, die vorliegende Familiengeschichte so quellenreich und detailgetreu nachzuzeichnen. Bei Alexander Jungi bedanke ich mich für die Bilddateien, die er für sein Forschungsprojekt über die Familie Kind-Beckmann angefertigt hatte und mir für mein Buch zur Verfügung stellte. Mario von Moos verfasste für dieses Buch in verdankenswerter Weise den Familienstammbaum des «Russland-Zweigs» der Familie von Schulthess. Weiter danke ich der Historikerin Claudia Aufdermauer, die mich insbesondere zu Beginn des Projekts, als die grosse Menge an Briefen noch kaum überschaubar war, bei der Transkription von zahlreichen Schriftstücken unterstützte. Ebenso bin ich meiner Freundin Lena Tervoort-Gorokhova dankbar für die Hilfe bei der Entzifferung und Übersetzung zahlreicher russischer Wörter und Textstellen. Ein besonderer Dank gebührt Prof. em. Carsten Goehrke, John Purnell, Arnold Kuster und David Bugmann, die das Buchmanuskript gelesen und kommentiert haben, Tamara Ulrich und Franziska Suter von NZZ Libro für die gute Zusammenarbeit, Katharina Wehrli für das sorgfältige Lektorat sowie Claudia Wild für die Buchgestaltung.
Wädenswil, im Juli 2022
Das vorliegende Buch ist das Porträt einer Schweizer Auswandererfamilie, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Revolutionsjahr 1917 in einer ländlichen Gegend der Ukraine im südlichen Zarenreich lebte. Ein enormes Briefkonvolut, das mehrere Hundert Briefe enthält, zahlreiche Tagebücher und Lebenserinnerungen, Fotografien sowie weitere Familiendokumente in einer selten vorhandenen Dichte ermöglichen einen detaillierten und facettenreichen Einblick in den Alltag einer sogenannten Russlandschweizerfamilie. Es ist die Geschichte des jungen August von Schulthess Rechberg, Spross einer Zürcher Patrizierfamilie, der am Polytechnikum Agronomie studierte, auf deutschen und Schweizer Landwirtschaftsgütern einige Jahre Praxis erwarb und schliesslich – von Fernweh und der Sehnsucht nach weiten Agrarlandflächen getrieben – im Russischen Reich sein Glück versuchte. Er wurde Verwalter eines riesigen Landwirtschaftsbetriebs inmitten der ukrainischen Steppe am Rand des Schwarzerdegebiets, das dem deutschstämmigen Leopold König gehörte. Der Schwerpunkt lag auf dem Zuckerrübenanbau, zu dessen Modernisierung und Ertragssteigerung August von Schulthess wesentlich beitrug. Trotz aller Schwierigkeiten und Mühen und mehrerer beruflicher Tiefschläge, die ein langes Suchen nach einer neuen Lebensgrundlage mit sich zogen, blieben August und seine Ehefrau Marie von Schulthess jahrzehntelang im Zarenreich. Ein historischer Abriss der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu der Zeit, als sich die Familie im Russischen Imperium aufhielt, findet sich als Einstieg in die Familiengeschichte.
August liebte Russland und das meiste, was damit zusammenhing. Die Familie sprach damals dem allgemeinen Usus gemäss immer von Russland. Die Bezeichnung wurde mit Zarenreich bzw. dem Russischen Imperium gleichgesetzt, zu dem die Ukraine damals gehörte. Ich habe diesen Sprachgebrauch übernommen, um in der damaligen Zeit zu bleiben. Marie hingegen, die ihr behütetes Zuhause in einer Seidenkaufmannsfamilie am Zürichsee erst nach längerem Zögern verlassen hatte, um ihrem Bewerber in vollkommen unbekannte Gefilde zu folgen, tat sich schwer in ihrem neuen Umfeld, wo die fremde Sprache nebst allen anderen Gesellschafts- und Mentalitätsunterschieden noch die geringste der zu überwindenden Schwierigkeiten war. Sie blieb denn auch all die Jahre im Zarenreich hin- und hergerissen zwischen der alten, geliebten Heimat Zürich und dem ihr immer etwas fremd gebliebenen Russland, wo sie acht Kinder gebar und grosszog. Die Revolutionen von 1917 und der darauffolgende Bürgerkrieg, die die ganze bisherige Lebenswelt der Familie in ihren Grundfesten erschütterten, bewogen das Paar zur Rückkehr in die Schweiz – ein Schicksal, das die beiden mit Tausenden Russlandschweizerinnen und -schweizern teilten. Besonders diejenigen Auswanderer, die im Zarenreich zu grossem Reichtum gekommen waren, eigene Fabriken oder grosse Gutshöfe besassen, verloren ihren Besitz und teils beachtliches Vermögen, als nach der Oktoberrevolution die Bolschewiki an die Macht kamen und sich umgehend daran machten, Privateigentum dem Staat einzuverleiben.
Die vorliegende biografische Erzählung richtet sich an ein Lesepublikum, das an russischer Geschichte, Migrationsgeschichte(n), Lebensentwürfen von Frauen und an der Geschichte von Kindheit und Jugend im ausgehenden 19. Jahrhundert interessiert ist. Es handelt sich bei dieser Familiengeschichte nicht um eine Erzählung von Skandalen und dramatischen Liebesgeschichten, die grosse Familiensagas ausmachen. Wenn auch Intrigen in August von Schulthess’ Arbeitsumfeld und am Ende mit dem tragischen Tod eines Familienmitglieds gar «Mord und Todschlag» vorkommen: Es werden hier in erster Linie die bekannten Abläufe und Ereignisse von Geburten und Taufen, Hochzeiten, Krankheiten, Tod, Familienfesten, Besuchen bei den Bekannten, Fabrikeinweihungen und die Begegnungen mit der fremden Kultur geschildert. Sie machten die Freuden und Leiden des Familienalltags aus, der wiederum von den Jahreszeiten und einem doppelten Kirchenkalender geprägt war: dem evangelischen innerhalb der Familie und dem orthodoxen, der den Jahreszyklus und den Arbeitsalltag der russischen und ukrainischen Bevölkerung bestimmte. Wir erfahren, wie für den Arbeits- und Familienalltag eines Gutsverwalters eine pietistische, von Gott vorgegebene Ordnung ebenso massgebend war wie für den russischen und ukrainischen Bauern die Vorgaben der orthodoxen Kirche, zu denen sich allerdings bis weit über den Untergang des Zarenreichs hinaus einiges an Volksglaube und heidnischen Bräuchen mischte. Doch gerade die vordergründig banalen Einblicke in einen deutsch- und französischsprachigen Mikrokosmos einer Schweizer Auswandererfamilie in einem russisch-ukrainischen Umfeld sind reizvoll. Manche der oftmals detailgenauen Schilderungen von Arbeitsvorgängen und (Familien)Ereignissen in diesem Buch, die dem grossen Quellenschatz entnommen sind, lesen sich wie die Szenen aus einem von Anton Tschechows Theaterstücken, einem von Leo Tolstois oder Iwan Turgenews Familienromanen oder Iwan Bunins Erzählungen, die auf realistisch-poetische Weise das russische Landleben vor der Oktoberevolution wiedergeben.1
Nebst der Geschichte der Gutsverwalterfamilie wirft die vorliegende Darstellung eine Vielzahl von Schlaglichtern auf das ländliche Leben im Russischen Reich während der letzten 50 Jahre vor seinem Untergang nach den Revolutionen von 1917, so unter anderem auf die russische Zuckerproduktion, einen der bedeutendsten Industriesektoren des ausgehenden Zarenreichs. In der Ukraine nahm die Produktion des begehrten Süssmittels besonders rasch zu; in den letzten vier Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts verfünffachten sich die Erträge. Waren im südlichen Teil die exportorientierte Getreidewirtschaft und im westlich des Dnjepr gelegenen Teil die Tabakproduktion dominant, spezialisierten sich die östlich des Dnjepr gelegenen Regionen auf die Zuckerrübenkultur.2 Vor dem Ersten Weltkrieg produzierten in der Ukraine rund 200 Zuckerraffinerien gegenüber 40 Betrieben im restlichen Zarenreich, das heisst, die ukrainischen Fabriken stellten gut drei Viertel der jährlichen russischen Zuckerproduktion her. Dieser hohe Zuckerausstoss wurde erst nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs gedämmt, als der Eisenbahntransport zusammenbrach und der Kohlemangel viele Produktionsstätten lahmlegte.3
Die Erzählung der Familiengeschichte von Schulthess Rechberg-Hess in der Ukraine lässt einen nicht nur in den Alltag einer Schweizer Auswandererfamilie, sondern auch in eine längst vergangene Epoche eintauchen, in der das Leben in einem Mehrgenerationenhaushalt mit viel Dienstpersonal Realität war, es eine starke Anlehnung an die Kirche gab und Briefe nicht nur das einzige Kommunikationsmittel darstellten, sondern das Briefeschreiben eine der hauptsächlichen Beschäftigungen in der arbeitsfreien Zeit war. Trotz des verhältnismässig hohen Lebensstandards blieben selbst bei etablierten Familien die beruflichen Perspektiven ungewiss, wie das Beispiel von August von Schulthess zeigt.
Die vorliegende Publikation schliesst an eine ganze Reihe einschlägiger Geschichten von Schweizer Auswanderern und Auswandererinnen ins Zarenreich an, die in den 1990er-Jahren erschienen und deren Forschungsergebnisse hier berücksichtigt sind. Sie waren Gegenstand eines grossangelegten Nationalfondsprojekts am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich unter der Leitung von Prof. em. Carsten Goehrke, der das Nachwort zu diesem Buch verfasste.4 Mehrere Bände widmeten sich den besonders verbreiteten Berufszweigen unter den rund 22 000 Schweizerinnen und Schweizern, die seit dem 18. Jahrhundert bis zur Oktoberrevolution in das Russische Reich ausgewandert waren. Bei den Frauen waren es in erster Linie die Erzieherinnen, bei den Männern etwa die Zuckerbäcker aus dem Bündnerland, die Käser aus den Alpengebieten, die Industrieunternehmer, Uhrmacher, Ärzte und evangelischen Pfarrer. Viele von ihnen machten aussergewöhnliche Karrieren, viele kamen zu grossem Vermögen. Nebst diesen im Zarenreich gefragten und angesehenen Fachkräften zogen aber auch ganze Gruppen von verarmten Schweizern aus wirtschaftlicher Not nach Russland, in der Hoffnung, dort eine neue Existenz aufbauen zu können. Während sich in Schabo in der südwestlichen Ukraine an der Grenze zu Moldawien vor allem französischsprachige Weinbauern aus dem Kanton Waadt ansiedelten, stammten die rund 50 Gründerfamilien der Kolonie Zürichtal auf der Krim fast ausschliesslich aus der Deutschschweiz, die Mehrheit aus dem Kanton Zürich.5
Der vorletzte, 2001 erschienene Band der Publikationsreihe der Abteilung für Osteuropäische Geschichte zeichnete anhand einiger ausgewählter Einzelporträts von Auswanderinnen und Auswanderern ein buntes Bild individueller Schicksale.6 Der letzte Band schliesslich, der die Reihe einstweilen beschloss, enthält die umfangreichen und äussert lesenswerten Aufzeichnungen des Berner Grafikers Ernst Derendinger, der ab 1910 sein berufliches Glück im Zarenreich suchte, den revolutionären Umsturz und auch die Stalin-Zeit bis 1938 in der Sowjetunion erlebte und verschriftlichte. Schliesslich bereicherten zwei 2008 und 2009 von Eva Maeder und Peter Niederhäuser edierte Bände mit Kurzporträts von Schweizer Auswanderern nach Russland das Thema.7 Für den ersten Band schrieb ich einen Beitrag, der zum einen die Emigration von August von Schulthess in die Ukraine, zum anderen die Tätigkeit des Elektropioniers Alexander Arnd in Sankt Petersburg schildert, zwei Russlandschweizer, deren Leben später durch die Heirat zweier ihrer Kinder verwandtschaftlich verbunden wurde. Damals ahnte ich nicht, welch enorme Fülle von Quellenmaterial zu August von Schulthess’ Russlandzeit noch vollkommen unberührt in Schränken und Kisten einiger Nachkommen schlummerte, allen voran in jenen von Andreas von Schulthess, dem Enkel von Augusts ältestem Sohn, im Buch August junior genannt. Es ist dies ein unvergleichlicher Quellenfundus, der es erlaubt, die Erzählung einer einzelnen Familiengeschichte vom Moment der Auswanderung des späteren Familiengründers im Jahr 1871 bis zur Rückkehr der am Ende 18-köpfigen Familie in die Schweiz kurz vor und nach der Oktoberrevolution nachzuzeichnen.
Dass die Erforschung und Rekonstruktion der Schweizer Auswanderung nach Russland weiterhin fasziniert und auch der Quellenfundus längst nicht ausgeschöpft ist, zeigt nicht nur der enorme Quellenreichtum, der der vorliegenden Familiengeschichte zugrunde liegt. 2021 erschienen gleich drei neue Publikationen zum Thema: Die eine Darstellung basiert auf einer neuen Forschungsstudie zur erwähnten Westschweizer Kolonie in Schabo/Chabag am Schwarzen Meer, die 1822 gegründet wurde.8 Die zweite Publikation erzählt die bewegte Familiengeschichte des Berner Patriziers Niklaus von Steiger (1933–2019), dessen Vorfahren nach der Französischen Revolution ins Zarenreich auswanderten und am Zarenhof in bedeutenden Positionen wirkten. Die Oktoberrevolution und die darauffolgenden Wirren zwangen auch ihre Nachkommen zur Rückkehr in die Schweiz.9 Die dritte Publikation schliesslich umfasst die Edition mehrerer Dutzend Briefe und das Tagebuch eines jungen Liestalers, der 1906 ins Zarenreich reiste, um den Sohn eines deutsch-jüdischen Industriellen im Gouvernement Charkow in Deutsch und Französisch zu unterrichten, sich also in unmittelbarer Nähe der Familie von Schulthess niederliess.10
In der vorliegenden biografischen Erzählung kommen so oft wie möglich die Protagonistinnen und Protagonisten selbst zu Wort. Es sind dies zum einen das Ehepaar August und Marie von Schulthess Hess, von denen August Dutzende und Marie Hunderte von Briefen hinterlassen hat. Dabei ist zu bemerken, dass von den ehelichen Briefen, die es in grosser Zahl gegeben haben muss, da die Ehepartner oft über längere Zeit getrennt waren, sich kein einziger erhalten hat. Es ist zu vermuten, dass Marie von Schulthess diese Briefe eigenhändig vernichtet hat, bevor die ungewöhnlich umfangreiche Briefsammlung in den Besitz des ältesten Sohns August überging. Vorhanden sind aber glücklicherweise die Tagebücher von Maries Schwestern Henriette und Emilie Hess, die beide mehrmals während Monaten bei Maries Familie in der Ukraine zu Gast waren und ihre Erlebnisse detailreich festhielten. Ausserdem sind nebst einer umfangreichen Fotosammlung die Lebenserinnerungen und Briefe des ältesten Sohns August, der jüngsten Tochter Sophie, des Neffen Gustav Kern sowie Augusts Vater, Gustav von Schulthess Rechberg, drei russischsprachige Tagebücher der Schwiegertochter Lida, zahlreiche Kinderbriefe des von Schulthess-Nachwuchses, ihrer Hauslehrerin Marie Stamm und vieles mehr überliefert. Im Quellenverzeichnis am Ende dieses Buchs ist der vorhandene Nachlass vollständig aufgeführt. Der grösste Teil des Familiennachlasses befand sich zu Beginn dieses Buchprojekts in den Händen von Nachkommen der zweiten und dritten Generation. Eine Sammlung von mehreren Dutzend Privatbriefen und Fotografien befindet sich ausserdem im Familiennachlass Schulthess, der als Depositum im Staatsarchiv des Kantons Zürich aufbewahrt wird.
Bei den vorliegenden Quellendokumenten, den Briefen, Tagebüchern, biografischen Aufzeichnungen und Fotografien aus dem Privatnachlass der Familie handelt es sich um sogenannte Selbstzeugnisse, das heisst, sie entstanden aus privater Hand und geben jeweils eine mehr oder weniger persönliche, aber immer auf sich selbst bezogene Sichtweise der Verfasserin oder des Verfassers wieder. Objektivität und Distanziertheit sind daher von vornherein nicht zu erwarten. Distanz ergibt sich im Fall der biografischen Aufzeichnungen lediglich in zeitlicher Hinsicht, da sie in der Regel mit einiger oder gar grosser zeitlicher Verzögerung zu den Geschehnissen verfasst werden. Hier gilt, was für Briefe und Tagebücher zutrifft, wenn auch in etwas geringerem Mass: Je näher sie zeitlich am Erlebten liegen, desto authentischer, oftmals auch emotionaler sind die Aussagen. Auch bei biografischen Aufzeichnungen führt die zeitliche Distanz – womöglich aus einer nostalgischen Stimmung heraus – nicht selten zu Verklärungen des Erlebten, die sich auch emotional auswirken. Falsche oder ungenaue Fakten schleichen sich hingegen beim zeitnahen Festhalten von Erlebnissen und Eindrücken wesentlich weniger häufig ein. Bei privaten Briefen gilt es ausserdem, das Verhältnis zwischen Absendern und Empfängern zu beachten. Ehe- und Liebespaare, Eltern und Kinder schreiben sich nicht nur inhaltlich anderes als Geschwister oder Freunde und Freundinnen; auch die Sprache und der Ton des Briefs sind zumeist völlig anders. Letzteres wird zudem von der Qualität und vom Grad der persönlichen Nähe der Schreibenden geprägt. Bei allen Selbstzeugnissen gilt es zu unterscheiden, ob die Verfasserinnen und Verfasser mehrheitlich Erlebnisse und Beobachtungen äusserer Begebenheiten festhalten und als «beobachtete Fakten» im Raum stehen lassen oder ob sie das Erlebte auch zu deuten und erklären versuchen und die eigenen Gedanken und Meinungen zum Erlebten explizit äussern oder eher zwischen den Zeilen anklingen lassen. Oftmals ist es eine Mischung von beidem, wie es auch bei den vorliegenden Selbstzeugnissen der Fall ist. Von der Tendenz her fokussiert die Mehrheit der Briefe und Tagebücher auf das Festhalten und Beschreiben von Ereignissen und Abläufen. Direkte persönliche Kommentare und Urteile werden allgemein zurückhaltend geäussert. Gefühlsausbrüche waren damals in der gehobenen Gesellschaft verpönt, sie gehörten in die Kinder- und Jugendphase. Von erwachsenen Menschen wurde erwartet, dass sie ihre Emotionen im Griff hatten und sich damit – genauso wie mit der Kleidung und dem Benehmen – an die gesellschaftlichen Normen hielten. Dennoch lassen sich starke Eindrücke, Glücks- und Wutempfindungen, aber auch temporäre Verstimmungen oder anhaltende Traurigkeit nur schlecht verbergen und kommen gerade in Briefen und Tagebüchern mehr oder weniger explizit zum Ausdruck.
Um die persönlich-familiäre Grundstimmung der vorliegenden Erzählung wiederzugeben, wird für alle Familienmitglieder deren Vor- bzw. Rufname verwendet. Ein Verzeichnis der häufig auftretenden Personen mit allen Namenvarianten findet sich im Anhang.
Die von mir ergänzten Anmerkungen oder Textauslassungen sind in eckige Klammern gesetzt, die runden Klammern bzw. Wortunterstreichungen stammen von den Autoren und Autorinnen. Textauslassungen sind mit […], nicht lesbare Wörter mit […?] gekennzeichnet. Die Orthografie und oftmals variierende Schreibweise von Personen- und Ortsnamen wurden wie im Original belassen; nur in missverständlichen Fällen wurde ein [sic] dazu gesetzt. Da die Ukraine zum Zeitpunkt des Geschehens zum Zarenreich gehörte, werden grundsätzlich die russischen Ortsbezeichnungen gewählt. Da, wo sie aufgrund der heutigen ukrainischen Bezeichnungen nicht erschliessbar wären, habe ich die ukrainische Bezeichnung hinzugesetzt. Russische Wörter und Namen, die in den Briefen in kyrillischer Schrift stehen, habe ich in die lateinische Schrift übertragen, bzw. übersetzt und ein [kyrill.] dazugesetzt. Dabei habe ich die Transkription gemäss Duden verwendet. Wenn ganze russische Text- oder Titelzitate wiedergegeben werden, verwende ich die wissenschaftliche Transliteration. Die Interpunktion habe ich lediglich dort angepasst, wo fehlende Kommas zu Verständnisproblemen führten.
Der grösste Teil der schriftlichen Quellendokumente ist in deutscher Kurrentschrift verfasst. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde teilweise die moderne deutsche Schrift verwendet. Den grössten Teil des Briefkonvoluts habe ich transkribiert und – wo nötig und nicht anders vermerkt – übersetzt. 24 Briefe hat die Historikerin Claudia Aufdermauer in Druckschrift übertragen. Ausserdem transkribierte Hanspeter «Pita» von Schulthess (1925–2019) einige Dutzend Briefauszüge. Die Tagebücher von Henriette und Emilie Hess übertrug Liselotte Wohlkopf in moderne Handschrift.
Der grösste Teil der verwendeten Abbildungen stammt aus dem privaten Besitz von Familienmitgliedern. Im Anhang des Buchs findet sich ein detaillierter Bildnachweis.
Bis Februar 1918 wurde in Russland der julianische Kalender verwendet, der dem im Westen Europas verwendeten gregorianischen Kalender im 19. Jahrhundert um 12, im 20. Jahrhundert um 13 Tage nachläuft. So kommt es, dass die «Oktoberrevolution», die gemäss dem julianischen Kalender am 25. Oktober 1917 stattfand, nach der gregorianischen Zählung erst am 7. November ausbrach. Besonders bei Geburtstagen, aber auch bei den Nennungen von Ostern, Weihnachten usw. ist dies zu beachten. Die Zeitgenossen unterschieden in der Regel mit der Angabe «alten» bzw. «neuen Stils». In den vorliegenden Quellen gaben die Verfasserinnen und Verfasser oftmals beide Datierungen an. Wenn es nur eine Datierung gab, ging ich davon aus, dass es sich um den in Russland verwendeten «alten Stil» handelte und habe nur diese eine Datierung belassen.
Wie sah das Russische Reich aus, das August von Schulthess im Mai 1871 antraf, als er nach Trostjanetz kam? In Sankt Petersburg herrschte Zar Alexander II. in einem autokratischen Politsystem ohne jegliche verfassungsmässige Einschränkungen oder ein Kontrollsystem. Der 37-jährige Alexander war mitten im Krimkrieg (1853–1856) seinem verstorbenen Vater auf den Thron gefolgt, als bereits klar war, dass Russland den Krieg verlieren würde. Die militärische Niederlage gegen das Osmanische Reich und dessen Verbündete hatten Russlands politische und wirtschaftliche Rückständigkeit schonungslos offenbart. Den eigenen Anspruch, zu den führenden Nationen Europas zu gehören, konnte das Zarenreich längst nicht mehr erfüllen. Zwar nahm Alexander bei seinem Regierungsantritt gleich mehrere der dringend notwendigen Reformen an die Hand. Dazu gehörten die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861, die ihm den Beinamen «Befreierzar» eintrug, die Einführung lokaler, ländlicher Selbstverwaltungsorgane (Zemstwa), eine Städtereform, die zumindest einer dünnen Eliteschicht von Stadtbürgern kommunale Selbstverwaltung brachte, und Militärreformen, denen die allgemeine Wehrpflicht folgte. Doch die als sogenannte Grosse Reformen in die Geschichte eingegangenen Massnahmen entpuppten sich schon bald als vollkommen ungenügend: Bei den meisten Neuerungen blieb der Alleinherrscher auf halbem Weg stehen, so etwa beim Vorantreiben der Industrialisierung, was teils dem Kapitalmangel – hier rächten sich die exorbitanten Rüstungsausgaben, die das Militär verschlang –, teils der Angst vor dem Anwachsen eines systemkritischen Industrieproletariats geschuldet war. Vor allen Dingen aber verpasste es Alexander II., rechtzeitig das überkommene Herrschaftssystem zu lockern und zum Beispiel durch eine konstitutionelle Monarchie zu ersetzen. Als er sich endlich zu einem Reformprojekt entschied, das mit einer beratenden Versammlung von gewählten Vertretern zumindest in Richtung einer Machtpartizipation zielte, kam ihm der Tod zuvor.
Die wirtschaftliche Entwicklung war gegenüber dem übrigen Europa im Rückstand, und die Ernährung und medizinische Versorgung waren in einem desolaten Zustand. Stark rückständig war auch die Agrartechnologie. Die veraltete Anbaumethode der Dreifelderwirtschaft mit mangelnder Düngung war noch immer verbreitet, die Produktivität entsprechend niedrig, wie Emilie Hess bestätigte, als sie 1881 ihre Schwester Marie in Trostjanetz besuchte: «Jede Gemeinde hat ihr Land; dasselbe wird von der Gemeinde selbst unter die Bauern verteilt; es sind immer 3erlei Felder: ein Theil liegt brach.»11
Dagegen stachen Leopold Königs Gutsbetriebe Trostjanetz und Guty als leuchtende Beispiele heraus. In der Ukraine wie auch im übrigen Zarenreich bestand der allergrösste Teil der Bevölkerung aus bildungsfernen Bauern. Noch am Ende des 19. Jahrhunderts konnten 81 Prozent der über zehnjährigen Ukrainer und 95 Prozent der ukrainischen Frauen nicht lesen. Bei den Russen in der Ukraine war die Analphabetenquote im Erhebungsjahr 1897 mit etwas über 60 Prozent erheblich niedriger. Vergleichsweise minim hingegen war der Analphabetismus bei den Schwarzmeerdeutschen. Bei ihnen konnten nur gerade 13 Prozent nicht lesen. Korruption in der Verwaltung und Veruntreuungen von öffentlichen Geldern trugen das Ihre zur allgemeinen Unzufriedenheit im Volk bei. So entstand in den 1860er-Jahren die regimekritische Bewegung der «Narodniki» (Volksfreunde). Vertreter der Bildungsschicht, der sogenannten Intelligenzija, deren Gedankengut sich aus dem westlichen Liberalismus und dem utopischen Sozialismus zusammensetzte, stifteten junge Studierende an, sich aufs Land zu begeben und durch Aufklärung die Menschen der unteren Schichten für die sozialen Missstände zu sensibilisieren und sie dabei zu unterstützen, sich schliesslich aus eigenem Antrieb zu befreien. Bereits in der frühen Zeit des «Narodnitschestwo» – am ehesten mit «Agrarsozialismus» zu übersetzen – galt ein lokaler Schwerpunkt der Bewegung den Bauern der Ukraine, die man mit ukrainischsprachigen Broschüren aufzuklären versuchte. Abgesehen davon, dass die Ideen der intellektuellen, selbsternannten «Volksbefreier» die breite Masse der Bauern nicht erreichten, reagierte der Zar kompromisslos mit Repression gegen die – aus Sicht des Regimes – «Volksaufwiegler». Das wiederum stachelte den Zorn der Aktivisten an; sie radikalisierten sich in der Bewegung «Zemlja i Volja» (Land und Freiheit) und tauchten in den Untergrund ab. Wie bereits die Volksbewegung der «Narodniki» begann auch in der Ukraine die Radikalisierung hin zum Terrorismus. Fast die Hälfte der Mitglieder von «Zemlja i Wolja» stammte aus «Kleinrussland», wie die Ukraine nach russischem Verständnis genannt wurde. Die deklarierten Ziele waren der Sturz des Zaren, freie Wahlen, eine Verfassung, die Verteilung des Gutslands an die Bauern, Volksvertreter sowie Meinungs-, Presse- und Gewissensfreiheit.
Trotz der schlagkräftigen Geheimpolizei «Ochrana» gelang es Mitgliedern des Kampfkomitees mehrmals, in die Nähe des Zaren zu gelangen. Doch drei Attentatsversuche scheiterten. Einen ersten vergeblichen Anschlag auf Alexander II. verübte ein Revolverschütze am 14. April 1879, nur wenige Wochen nachdem August und Marie von Schulthess in Trotjanetz angekommen waren. Auch zwei weitere Attentatsversuche misslangen. Das Regime reagierte mit einer Verschärfung der Überwachung und Verfolgung beim geringsten Verdacht auf klandestine Aktivitäten, sodass es bei jedem Versuch schwieriger wurde, sich dem Zaren zu nähern. Dennoch gelang es schliesslich einer Kampfzelle der «Narodnaja Volja» am 1./13. März 1881, den Imperator mit einem Sprengstoffanschlag tödlich zu verletzen, als er sich in der kaiserlichen Kutsche auf dem Heimweg zum Winterpalast befand. Die meisten Mitglieder der Kampfzelle wurden entweder zu einer langjährigen Festungshaft verurteilt, sofort hingerichtet oder – im günstigsten Fall – in die jahrelange Verbannung geschickt. Da auch zwei Attentäter jüdischer Herkunft beteiligt gewesen waren, löste das tödliche Zarenattentat in Südrussland eine antisemitische Pogromwelle aus. Als Marie von Schulthess’ Schwestern Emilie und Henriette Hess im April 1881 von Zürich nach Trostjanetz reisten und in Kiew Halt machten, vermerkte Emilie in ihrem Tagebuch, dass dort unmittelbar vorher Pogrome stattgefunden hätten.12
Der Zarewitsch Alexander (1845–1894) kam mit der traumatischen Erinnerung an die Ermordung seines Vaters an die Macht. Als er 1883 zum Kaiser gekrönt wurde, trat er als Alexander III. die Thronfolge mit dem eisernen Willen an, jeglichen Widerstand in seinem Imperium im Keim zu ersticken. Er lehnte nicht nur jede Systemreform ab, sondern festigte die Autokratie nach Kräften, beeinflusst von seinem ehemaligen Privatlehrer, Konstantin Pobedenoszew, der die Rolle einer grauen Eminenz einnahm. Dem wachsenden politischen Widerstand folgte der weitere Ausbau des Überwachungsapparats. Eine ganze Armee von Polizeispitzeln verfolgte jede verdächtige Person bis in den hintersten Winkel des Lands. Gewalt und Gegengewalt befeuerten sich wechselseitig. Im März 1887 unternahmen Angehörige des nach der Zerschlagung verbleibenden kleinen Kreises der «Narodnaja Volja» einen Attentatsversuch auf Alexander III. Der Angriff scheiterte und alle Beteiligten, darunter Lenins älterer Bruder, Alexander Uljanow, wurden hingerichtet.13
Am 1. November 1894 trat Zar Nikolai II. (1868–1918) die Nachfolge seines Vaters an. Er zeigte wenig Neigung, seine Herrschaftspflichten wahrzunehmen und sich mit den Regierungsgeschäften zu befassen. Noch weniger interessierte er sich für die offensichtlichen Missstände im Land. Zudem billigte er, dass Rasputin, ein moralisch verkommener Bauer aus Sibirien im Gewand eines selbsternannten Wanderpropheten und Wunderheilers, sich mit Schwindel und Betrügereien zum Günstling von Zarin Alexandra aufschwingen und starken Einfluss auf sie nehmen konnte. Angeblich übte er eine übersinnliche, positive Wirkung auf die Gesundheit des jungen Thronfolgers Aleksei aus, der seit Geburt unheilbar an Hämophilie litt. So kam es, dass anstelle des Imperators die von Rasputin gelenkte Zarin Alexandra wichtige Regierungsentscheide fällte. Das Machtvakuum, das durch Nikolais weitgehende Absenz auf dem Zarenthron entstanden war, wussten nebst Rasputin auch andere Männer zu füllen, unter anderem Graf Sergei Witte (1849–1915), der seit 1892 Finanzminister und einer der wenigen ausserordentlich fähigen Männer im Zarenkabinett war. Unter anderem trieb er mit dem Bau der transsibirischen Eisenbahn den dringend nötigen Industrialisierungsprozess voran und führte für den Rubel den Goldstandard ein. Doch anstatt auf Wittes politische Fähigkeiten zu vertrauen, entliess der Zar den Deutschbalten, nachdem ihn Innenminister Wjatscheslaw Plehwe (1846–1904) denunziert hatte. Plehwe schlug sämtliche Unmutsäusserungen der streikenden Arbeiter, der um die Existenz kämpfenden Bauern und revolutionär gesinnten Studierenden mit eiserner Hand nieder. Auch gegen aussen plädierte er für eine aggressivere Politik. Aus reinen Prestigegründen wollte er den Nachbarstaat Japan in die Knie zwingen, man brauche «einen kleinen und siegreichen Krieg». Das Gegenteil von Prestigegewinn traf ein: Anstatt der Welt seine Grossmachtstellung zu demonstrieren, brachte der verlorene Krieg von 1904/05 dem Zarenregime einen herben Gesichtsverlust und legte seine militärische Schwäche bloss. Wittes Nachfolger als Innenminister, Petr Svjatopolk-Mirskij, versuchte vergeblich, das verlorene Vertrauen der breiten Bevölkerung in die Regierung zurückzugewinnen, zumal seine Reformvorschläge allzu zaghaft waren.
Anfang 1905 streikte in Sankt Petersburg ein Grossteil der Belegschaften der Industriebetriebe. Am 9. Januar 1905 zogen unter der Führung des Priesters Gapon rund 100 000 unzufriedene Arbeiterinnen und Arbeiter mit Zarenbildern und Ikonen in Richtung des Winterpalasts in Sankt Petersburg. Sie wollten dem Herrscher eine Petition übergeben, die ihre Forderungen enthielt; viele von ihnen vertrauten noch immer auf die herkömmliche Vorstellung vom «gütigen Väterchen Zar». Doch die persönliche Schutzgarde des Zaren war mit der Situation vollkommen überfordert: Als die Menge ihrer Aufforderung, wieder abzuziehen, nicht Folge leistete, verloren die Soldaten die Nerven und schossen wild in die Menschenansammlung. Durch die ausgelöste Massenpanik kamen über 100 friedlich demonstrierende Menschen ums Leben. Diese als «Blutsonntag» in die Geschichte eingegangene Tragödie in der Hauptstadt – in Warschau folgte am 1. Mai ein ähnliches Gewaltszenario zwischen polnischen Arbeitern und dem russischen Militär – löste im ganzen Imperium eine Streikwelle aus, politisierte selbst bisher passive Untertanen und brachte sie dazu, ihre mehrheitlich erbärmlichen Lebensbedingungen nicht mehr länger hinzunehmen. Es war aber nicht der «Blutsonntag», sondern erst der tödliche Anschlag vom 4./17. Februar 1905 auf den unpopulären Grossfürsten Sergei Alexandrowitsch, Moskauer Generalgouverneur und Onkel des Zaren, der Nikolai II. den Ernst der Lage vor Augen führte. August von Schulthess hielt sich damals gerade mit seinen Töchtern Emma und Marie in Moskau auf, um ihnen die Stadt zu zeigen. Die drei wurden Augenzeugen dieser Bluttat.
Angst vor weiteren Unruhen und einem allfälligen Machtverlust und nicht die Einsicht, dass nur tiefgreifende Reformen zu einer sozialen Stabilität führen konnten, liessen den Zaren zumindest teilweise auf die Forderung nach einer Volksvertretung eintreten. Zwei Wochen nach dem Attentat auf den Grossfürsten erklärte er seine Absicht, durch Vertrauensmänner des Volks eine Versammlung (Duma) wählen zu lassen und diese künftig zur Beratung gesetzlicher Vorlagen beizuziehen. Diese Ankündigung heizte aber die revolutionäre Stimmung nur noch zusätzlich an. Die öffentliche Ordnung löste sich allmählich auf und das Land versank für mehr als ein Jahr in Chaos, Angst und Schrecken, wovon August mit eindrücklichen Schilderungen Zeugnis ablegt.
Erst das «Oktobermanifest» des Zaren, das der inzwischen rehabilitierte und zum Regierungschef ernannte Sergei Witte verfasst hatte, vermochte die Lage zumindest bei den liberalen Kräften innerhalb der Opposition zu entspannen. Das Manifest sah bürgerliche Freiheitsrechte vor und wandelte die Duma von einem beratenden in ein gesetzgebendes Organ um. Es entzog die Regierungsorgane jedoch der Aufsicht durch das Parlament und räumte dem Zaren ein unbeschränktes Vetorecht gegen Parlamentsbeschlüsse ein. Damit war der Vorläufer der ersten russischen Verfassung geschaffen. Gleichzeitig schlug der neue Innenminister Petr Durnowo mehrere Streikbewegungen in eigentlichen Strafexekutionen brutal nieder und erwarb den zweifelhaften Ruhm, wieder geordnete Verhältnisse hergestellt zu haben. Mit den weitreichenden Agrarreformen, die Durnowos Amtsnachfolger Pjotr Stolypin ab April 1906 ankündigte und rasch in die Praxis umzusetzen begann, zeichnete sich ein tiefgreifender Wandel der herkömmlichen Gesellschaftsstruktur ab.
Stolypin, im Juli 1906 zum Ministerpräsidenten befördert, war zwar überzeugter Monarchist, erkannte jedoch, dass das Zarenregime ohne fundamentale Reformen und Zugeständnisse an die Bauernschaft auf Dauer nicht zu halten war. Als Erstes setzte er das Recht auf privaten Landbesitz für Kleinbauern durch; geringverzinste Agrarkredite und ein Ausbildungsprogramm sollten den bäuerlichen Landerwerb ermöglichen. Doch der private Landbesitz führte zwangsläufig zur Auflösung der bislang festgefügten Ordnung des «Mir» (Dorfgemeinschaft) und der «Obschtschina» (Umverteilungsgemeinde), einer Interessen- und Schicksalsgemeinschaft innerhalb der ländlichen Gesellschaft. Das gefiel namentlich den älteren Gemeindegenossen nicht, die bisher in patriarchalischer Tradition überwiegend über das Wohl und Weh des «Mir» bestimmt hatten und nun ihren Machteinfluss schwinden sahen. Konflikte innerhalb der Dorfgemeinschaften waren die Folge. Sodann verfolgte Stolypin rigoros jegliche revolutionären Regungen in der Bevölkerung, die er – wie bereits seine Vorgänger Plehwe und Durnowo – unschädlich machen wollte. Er baute die Geheimpolizei weiter aus und schreckte selbst vor standrechtlichen Massenexekutionen nicht zurück. Für die erwähnte Kampfzelle der Partei der Sozialrevolutionäre (PSR), die aus der «Narodnaja Volja» hervorging und deren Anführer sich in Paris, aber auch in Genf und Zürich aufhielten und die Terroraktionen aus der Ferne lenkten, war der eiserne Ministerpräsident die Hassfigur in Person. Bereits am 12. August 1906 versuchte die Kampforganisation ihn mit einem Bombenangriff auszuschalten. Während Stolypin mit leichten Verletzungen davonkam, starben bei dem Attentat rund 30 Menschen; eine seiner Töchter und sein Sohn wurden schwer verletzt. Erst fünf Jahre später, am 11. September 1911, gelang der Kampforganisation der PSR in Kiew der tödliche Anschlag auf Stolypin, der kurz zuvor von seinem Amt als Ministerpräsident zurückgetreten war.
Wie instabil die innenpolitische Lage auch in den Jahren 1906 und 1907 blieb, zeigt die Tatsache, dass in kurzer Abfolge neue Volksvertretungen gewählt wurden. Die erste, am 17. April 1906 einberufene Reichsduma wies eine Mehrheit von liberalen und sozialistischen Vertretern auf und trat sogleich in Opposition zum Regime, worauf der Zar sie bereits am 8. Juli wieder auflöste. Auch der zweiten Staatsduma, die sich parteipolitisch noch radikaler zusammensetzte als die erste, war nur eine kurze Lebensdauer vom 20. Februar bis 2. Juni 1907 beschieden. Unter Missachtung der Verfassung setzte der Zar staatsstreichartig ein Zensuswahlrecht durch, das einer dünnen Schicht die Mehrheit in der dritten Staatsduma sicherte. Es benachteiligte nicht nur die breite, minderbemittelte russische Bevölkerung, sondern auch die vielen Angehörigen nationaler Minderheiten. So bestand die dritte Reichsduma aus konservativen, nationalistischen und regierungstreuen Parteien. Sie konnte sich eine volle Legislaturperiode vom 1. November 1907 bis zum 9. Juni 1912 halten.14
In den sieben Jahren zwischen 1907 und 1914 beruhigte sich die politische Lage in Russland zumindest an der Oberfläche. Zahllose Anhänger der revolutionären Untergrundbewegungen waren verhaftet und in Gefängnisse gesteckt oder in die weit entfernte Verbannung geschickt worden. Ab 1912 flammten erneute Studentenunruhen und Arbeiterstreiks auf, die zu einer Politisierung der Öffentlichkeit führten. Der Beginn des Ersten Weltkriegs löste wie in den anderen kriegsbeteiligten Ländern eine vorübergehende nationale Begeisterung aus. Die grossen Feierlichkeiten, die 1913 anlässlich des 300-jährigen Bestehens der Romanow-Dynastie im ganzen Land mit viel Pomp gefeiert wurden, können im Nachhinein eher als ein grosses Begräbniszeremoniell gesehen werden: Vier Jahre später existierte das Russische Kaiserreich nicht mehr.
Auch in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Russland noch in grossen Teilen ein Agrarstaat; rund drei Viertel der Bevölkerung, die sich zwischen 1860 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs von rund 60 auf 120 Millionen verdoppelt hatte, waren Bauern. Noch 1913 stammten 4,6 Milliarden Rubel der Staatseinnahmen aus der Landwirtschaft, gegenüber 2,3 Milliarden aus dem Industriesektor. Zwar waren zu dieser Zeit bereits ein Viertel bis ein Drittel aller Bauern Eigentümer des von ihnen genutzten Bodens, im Schwarzerdegebiet in der Ukraine praktizierten aber noch immer über 95 Prozent der ländlichen Bevölkerung die Landumverteilung des «Mir». Stolypins Reformen hatten die Lebensumstände der breiten Bevölkerung nicht tiefgreifend verbessert; deren kleine Ertragsflächen boten keine genügende Existenzgrundlage. Sodann war die Körperkraft der Landarbeiter und -arbeiterinnen mangels technischer Hilfsmittel weiterhin intensiv im Einsatz. Die adligen Unternehmer sowie Grossindustrielle, zu denen nicht selten Deutsche und Schweizer gehörten, die auf ihren Landgütern eigene Rohstoffe mithilfe von Taglöhnern verarbeiteten, kamen dadurch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gerade auch in der Ukraine zu beträchtlichem Vermögen.15 Die Wohnverhältnisse und Ernährung der Bauern waren überwiegend schlecht, die medizinische Versorgung äusserst mangelhaft; die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 40 Jahren. Demgegenüber war der Lebensstandard der Grossgrundbesitzer sehr hoch. Sie verpachteten Teile ihres Lands an die Bauern, allerdings zu einem hohen Pachtzins. Zwischen 1900 und 1914 vergrösserte sich sogar die Fläche des durch Gutsbesitzer bewirtschafteten Ackerlands im Russischen Reich um fast ein Drittel. Gestiegene Getreidepreise machten es für die Grossgrundbesitzer wieder attraktiv, ihr Land selbst zu bewirtschaften. Dadurch verloren viele Bauern die von ihnen gepachteten Flächen. Verschärft wurde diese Situation durch ein hohes Bevölkerungswachstum in Russland, das fast doppelt so hoch war wie im europäischen Durchschnitt. So war um 1914 die materielle Lage zahlreicher russischer Bauern schlechter als in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.
Nachdem Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg erklärt und der Zar der serbischen Regierung im Fall eines Angriffs Unterstützung zugesagt hatte, mobilisierte auch die Zarenarmee. Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg, und kurz darauf war die sogenannte Ostfront der Hauptschauplatz der Kriegshandlungen zwischen den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn und dem Russischen Reich. Bereits im Lauf des Jahrs 1916, besonders aber 1917 zeigten sich starke Auflösungserscheinungen der russischen Armee. Desertionen und Aufstände häuften sich und verunmöglichten die Verteidigung der russischen Frontlinie. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki machte die Sowjetregierung am 28. November 1917 Deutschland ein öffentliches Friedensangebot. Am 3. Dezember setzten im russischen Brest-Litowsk die Gespräche über einen Waffenstillstand ein, den beide Seiten am 15. Dezember unterzeichneten. Den von der deutschen Regierung diktierten, für Russland inakzeptablen Friedensvertrag lehnte der sowjetische Vertragsunterhändler Leo Trotzki jedoch ab. Auch Deutschlands Separatfrieden mit der Ukraine, der sogenannte Brotfriede vom 9. Februar 1918, brachte zunächst keine Einigung zwischen den beiden Grossmächten. Erst als Deutschland seinen militärischen Vormarsch im Osten fortsetzte, kapitulierte die Sowjetregierung und akzeptierte Deutschlands Forderungen. Russland verlor die von der deutschen Armee besetzten Gebiete, zu denen nebst Polen auch das Baltikum und die Ukraine gehörten, und damit ein Drittel seiner Bevölkerung.
Während der Kriegsjahre hatte sich Zar Nikolai II. als völlig unbeweglich bezüglich jeglicher Systemreformen erwiesen. Zudem traf die seit Kriegsausbruch aufgeflammte Deutschfeindlichkeit auch Zarin Alexandra, die nicht nur selbst deutschstämmig war, sondern auch als deutschfreundlich galt. Sodann hatte sie – wie bereits erwähnt – aus Sicht grosser Teile der Bevölkerung dem selbsternannten Wunderheiler Rasputin allzu viel Mitspracherecht und Macht am Zarenhof eingeräumt. Dazu kam, dass die breite Bevölkerung im Winter 1916/17 besonders heftig unter dem Mangel an Brennstoff und Nahrungsmitteln litt. All das entzog der Herrschaftsfamilie das Vertrauen selbst derjenigen, die bis anhin noch an der Monarchie hatten festhalten wollen. So ging die Zarenarmee stark geschwächt aus zwei Kriegsjahren hervor. Am 23. Februar 1917 gingen in Petrograd, wie die Hauptstadt zwischen 1914 und 1924 hiess, anlässlich des sozialistischen Frauentags viele Frauen auf die Strasse, um gegen den Lebensmittelmangel zu demonstrieren. Es kam zu Plünderungen von Bäckereien, und anschliessend zogen grosse Menschenmengen nach Brot schreiend durch die Strassen. In den Rüstungs- und Munitionsfabriken kam es erneut zu flächendeckenden Streiks, die schliesslich in einen Generalstreik mündeten. Doch erst als die Petrograder Garnison sich weigerte, dem Schiessbefehl des Herrschers zu folgen und auf die Seite der Aufständischen wechselte, entstand das notwendige Machtvakuum, das sich zunächst die Arbeiterräte und die Reichsduma zunutze machen konnten. Im ganzen Reich entstanden Arbeiter- und Soldatenräte, die den Petrograder Sowjet als neue Regierung anerkannten.
Ein Exekutivkomitee des Parlaments rief am 2. März die Provisorische Regierung aus und ernannte einen zentralen Arbeiter- und Soldatenrat, dem die Befehlsgewalt über die (zarischen) Streitkräfte zugesprochen wurde. Auch in den übrigen grösseren Städten gelangten Arbeiter- und Soldatenräte an die Macht. Niemand sprang in die Bresche, die Zarenherrschaft zu verteidigen. Konsequenterweise dankte der Zar ab. Die Zarenfamilie wurde unter Hausarrest gestellt und im Juli 1918 in Jekaterinburg am Ural ermordet.
In der Februarrevolution von 1917 hatte sich eine Spannung entladen, die seit den revolutionären Unruhen von 1905 in der russischen Gesellschaft bestanden hatte. An die Stelle der Autokratie trat jedoch eine schwach aufgestellte republikanische Regierung, eine Doppelherrschaft bestehend aus der Provisorischen Regierung unter Alexander Kerenski und dem Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat als oberstem Rätegremium. Es zeigte sich rasch die grosse Kluft zwischen dem parlamentarisch-demokratischen Lager und jenem der Räte, die sich aus den Bolschewiki, Menschewiki und der Partei der Sozialrevolutionäre zusammensetzte und ein sozialistisches Gesellschaftssystem anstrebte. Auch gelang es dem neuen Kabinett nicht, die Hungersnot und die allgemeinen Versorgungsprobleme schnell zu lösen. Der vielleicht grösste Fehler aber war, dass das neue Regime die Kriegsmüdigkeit der breiten Bevölkerung unterschätzte und den Kampf gegen die Achsenmächte an der Seite der Alliierten fortsetzte. Die einzige Partei, die sich für einen sofortigen Kriegsabbruch stark machte, war jene der Bolschewisten unter Lenins und Leo Trotzkis Führung, was – wie sich zeigte – einer der entscheidenden Schachzüge der beiden Parteistrategen war.
Die Oktoberrevolution, die von der Forschung nach wie vor als die grosse Zäsur in der Geschichte Russlands gesehen wird, war anfänglich ein unblutiger Putsch, der die Bolschewiki in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober an die Macht brachte. Die Mehrheit der Arbeiterschaft und die roten Arbeitergarden standen zunächst auf Lenins Seite. Es zeigte sich jedoch bald, dass den Bolschewiki die militärische Schlagkraft fehlte, um das ganze Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Nachdem die Bolschewiki Mitte November aus den ersten freien Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung eine grosse Schlappe einstecken mussten – sie erhielten weniger als ein Viertel aller Stimmen –, gingen Lenin und seine Mitstreiter zu scharfen Repressionen und zum Aufbau einer schlagkräftigen Armee über, die sich als Rote Armee etablierte. Zu den repressiven Mitteln gehörten flächendeckende Zwangsenteignungen von Getreide bei den Bauern und eine Zwangsrekrutierung von jungen Männern. Damit verloren die Bolschewiki viele Anhänger und Sympathisanten, die sich dem repressiven «Kriegskommunismus» widersetzten. Der Widerstand gegen die Bolschewikenherrschaft formierte sich zunächst unter Freiwilligenarmeen in Süd-, Nord- und Nordwestrussland sowie unter Admiral Alexander Koltschak in Sibirien, der schliesslich in einem Militärputsch am 18. November mit der Billigung der Alliierten als «Oberster Regent Russland» die Macht an sich riss. Es folgte ein unerbittlicher Machtkampf zwischen den «Roten» und den «Weissen», der rund 16 Millionen Menschen das Leben kostete und nebst einem allgemeinen Chaos ein wirtschaftliches Debakel und eine vollkommen traumatisierte Bevölkerung zurückliess. Wer die nötigen flüssigen Geldmittel hatte, sich rechtzeitig einen Reisepass beschaffen konnte und ein Transportmittel fand, verliess die verbrannte Erde des postrevolutionären Sowjetrusslands. Zu ihnen gehörte ein Grossteil der Russlandschweizer und -schweizerinnen, die Jahre und teils Jahrzehnte im Zarenreich gelebt hatten, so auch Marie und August von Schulthess und ihre Angehörigen. Es gab jedoch auch Hunderte von Schweizerinnen und Schweizern, die trotz allem an die Ideen der sozialistischen Revolution glaubten, in Russland blieben oder in die junge Sowjetunion reisten und ihre weiteren Lebensjahre in den Aufbau ihres sozialistischen Traums investierten.16
Nach der Februarrevolution hielt man in der Ukraine die Chance für gekommen, einen unabhängigen Staat zu errichten. Am 17. März 1917 bildeten in Kiew Repräsentanten politischer, kultureller und beruflicher Organisationen die «Zentralna Rada», einen Zentralrat, aus dessen Mitte eine provisorische Regierung gebildet werden sollte. Zum Regierungschef wurde Mychailo Hruschewskij ernannt. Die Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Ukrainische Partei der Sozialrevolutionäre waren die wichtigsten Parteien im Zentralrat. Am 7./20. November 1917 rief die Zentralna Rada in Kiew die Ukrainische Volksrepublik als autonomen Staat innerhalb des neuen Sowjetrusslands aus. Nur eine Woche später fanden die ersten unabhängigen Wahlen statt, bei denen die Bolschewiki 25 Prozent und die anderen Parteien zusammen 75 Prozent der Stimmen erhielten. Diese Niederlage wollten jene nicht hinnehmen. Mitte Dezember begannen die Roten Truppen mit der Gebietseroberung in der östlichen Ukraine. Danach überschlugen sich die Ereignisse, sodass die Ukraine in ein politisches Chaos stürzte und kaum jemand in der Lage war festzustellen, wer die Regierungsgewalt hatte und welche Gesetze gültig waren.
Am 24./25. Dezember fand in Charkow der erste Delegiertenkongress der Bauern-, Arbeiter- und Soldatenräte statt, der die Beschlüsse der Zentralna Rada für ungültig erklärte; am nächsten Tag marschierten die bolschewistischen Truppen in die Stadt ein. Am 30. Dezember proklamierte das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjetukraine die Ukrainische Volksrepublik der Sowjets. Am 9. Januar 1918 fanden in den nicht besetzten Gebieten der Ukraine Wahlen zur konstituierenden Versammlung statt, bei denen die ukrainischen nationalen Parteien 70 Prozent der Stimmen erhielten, die Bolschewiki hingegen nur 10 Prozent. Dennoch wurde die Versammlung nie einberufen, die Zentralna Rada blieb das politische Entscheidungsgremium der Volksrepublik, und am 22. Januar 1918 rief sie die staatliche Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik aus. Erwartungsgemäss lehnten die Bolschewiki diesen Entscheid ab und zettelten am 29. Januar in Kiew einen Regierungsputsch an, der zunächst niedergeschlagen werden konnte. Doch bereits am 7. Februar marschierten die sowjetrussischen und sowjetukrainischen Truppen in die Hauptstadt Kiew ein.
Auch diesmal war der Triumph der Bolschewiki nur von kurzer Dauer. Nachdem die Ukrainische Volksrepublik am 9. Februar mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich in Brest-Litowsk einen Separatfrieden geschlossen hatte, begannen deren Truppen Mitte Februar mit der Eroberung der westlichen Ukraine. Anfang März erreichten sie Kiew, wo sie die Zentralna Rada wieder einsetzten. Bis Anfang Mai stand die ganze Ukraine mit der Krim und bis östlich von Rostow am Don unter der Besatzung Deutschlands und Österreichs, die die Separationsbemühungen der Ukrainer als Kriegsmittel zur Schwächung Russlands unterstützten. Schon bald mit der Politik des Zentralrats unzufrieden, setzte die deutsche Besatzungsmacht am 29. April in Kiew den nationalistisch gesinnten Kosakenführer (Hetman) Pawlo Skoropadski (1873–1945), einen Grossgrundbesitzer, der unter dem Zaren als General gedient hatte, als regierenden Machthaber ein. Er hielt sich allerdings bloss siebeneinhalb Monate an der Macht; Mitte Dezember wurde er vertrieben und die Ukrainische Volksrepublik wiederhergestellt. Kurz darauf eroberten wiederum die Bolschewiki Kiew, diesmal dauerhaft: Die Ukraine wurde zur Ukrainischen Sowjetrepublik erklärt und war ab 1922 Teil der neu gegründeten Sowjetunion.
Vom jungen August von Schulthess, dem ältesten Sohn des Gutsverwalters, gibt es eine «Aktennotiz», wie er sein Schreiben selber betitelte, «über die Zustände im Gouvernement Charkow (Ukraine)» nach dem Sturz von General Skoropadski. Wahrscheinlich verfasste er diesen Bericht zuhanden des Amts für Auswärtiges in Bern, zumal sich zu diesem Zeitpunkt sein Bruder Fritz und seine Schwester Emma noch immer in der Ukraine befanden und die Familie sich wohl erhoffte, über das Einschalten des schweizerischen diplomatischen Diensts den Kontakt zu den Geschwistern herzustellen und ihnen bei der Ausreise zu helfen. Augusts Situationsbericht basiert auf zwei Briefen seines Bruders Fritz von Ende November und Mitte Dezember, die sich jedoch nicht erhalten haben.
«Den Nachrichten, die ich gestern durch Vermittlung des Kiewer Konsulates erhalten habe, und die mein Bruder mir aus Sumy am 30. November und 13. Dezember zusandte, entnehme ich Folgendes: Nachdem die Regierung des Hetman Skoropazky durch den Aufstand unter Petljura gestürzt worden ist, herrscht in der Ukraine vollständige Anarchie. Der nördliche Teil der Ukraine (Sumy, Charkow) ist den Einfällen der Bolschewisten ausgesetzt. Diese standen Ende November nur noch 10–12 km. von Sumy entfernt. Zu dieser Zeit wurde die Grenzstadt Sudscha unter Verübung von Gräueltaten von Bolschewisten genommen. Auf die schwachen Bestände von deutschen Truppen, die sich noch in der Ukraine befinden, ist kein Verlass, da sich die Leute heimsehnen und ihr Leben für die Ordnung in der Ukraine nicht riskieren wollen. Besonders schlimm soll es auf dem Lande zugehen, namentlich im achtyrk’schen Kreise. Weil eine Regierungsgewalt vollständig fehlt, ziehen die demoralisierten Bauern auf Raub und Plünderung aus. Von den Gutshöfen wird das Getreide, das lebende und tote Inventar, von den Zuckerfabriken die Zuckerbestände weggefahren. Die meisten Gutsbesitzer, die hiezu in der Lage sind, sind nach der Krim geflohen.
Unter der Regierung des Hetmans waren seinerzeit besondere Untersuchungskommissionen eingesetzt worden, die den Schaden festhalten sollten, der durch Plünderung unter der Herrschaft der Bolschewisten vor der Besetzung der Ukraine durch die deutschen Truppen angerichtet worden war. Ein gewisser Prozentsatz des erlittenen Schadens wurde den Geschädigten sofort von der Regierung überwiesen; den Rest hatten sie auf gerichtlichem Wege einzufordern. Nachdem die Regierung von Petljura übernommen wurde, existieren diese Kommissionen nicht mehr. In den Städten war die Lage Ende November wegen der Anwesenheit stärkerer deutscher Truppen noch ruhig. Doch rechnete man damals auf den Abmarsch der Deutschen per Mitte Dezember.
Gegen die Anarchie macht sich bereits unter den ruhigeren Elementen der Bauern eine gewisse Opposition bemerkbar. Doch ist bei dem passiven Charakter der Russen kaum zu hoffen, dass sie sich bald aus eigener Kraft aufraffen werden. Allgemein wird auf das baldige Eingreifen der Alliierten gehofft.»17
Das Bild zeigt einen gedeckten Ostertisch um 1905 im Wohnhaus eines Gutsverwalters in der nordöstlichen Ukraine: Wer sind die Menschen, die sich sogleich an diesen Tisch setzen werden? Es ist die alte ostpreussische Haushälterin Julie Bönkost, genannt Lulu, die jeden Moment den glühenden Samowar aus der Küche ins Esszimmer hereinträgt, während Mutter Marie zum letzten Mal die Gläser und die Gedecke auf dem Esstisch richten und der festlichen Tafel den letzten Schliff verleihen wird. Zufrieden wird sie sich die weisse Schürze glattstreichen und in die Runde blicken. In der Tischmitte prangt bereits seit dem frühen Morgen ein duftender Kulitsch, das süsse und stark butterhaltige russische Osterbrot, das die Köchin beim ersten Dämmerlicht dem Backofen entnommen hat, und auch ein Früchtebrot mit getrockneten Birnen und Nüssen steht zum Nachtisch bereit. Auf einigen Tellern liegen grosse Stücke geräucherter Beinschinken, die Wein- und Schnapsflaschen sind bereits geöffnet. Die weiteren Speisen werden die Köchin und das Stubenmädchen sogleich dazustellen. Die Schweizer Wanduhr – ein Hochzeitsgeschenk von Augusts Bruder Fritz, der erst vor wenigen Wochen in Genf gestorben ist – zeigt zehn vor sechs; sie geht leider bereits seit Monaten nicht mehr. August wird sie vielleicht bei seiner nächsten Dienstfahrt nach Kiew zu Pinchas Kerns bringen, dem Uhrmacher aus La Chaux-de-Fonds, der bereits in der dritten Generation seine Horlogerie-Werkstatt in der Mariinsko-Blagoweschtschenskaja-Strasse führt.18 Hingegen funktioniert das elektrische Licht hervorragend, das zur grossen Freude der ganzen Familie vor einem Dutzend Jahren mithilfe eines lokalen Generators installiert worden ist. Seither lässt sich endlich bis spät in die Nacht hinein lesen und handarbeiten, ohne jedes Mal Kerzen oder die Petroleumlampe anzünden zu müssen. Wie hat der Wohnkomfort zugenommen, seit August vor 34 Jahren in Trostjanetz angekommen ist!
Abb. 1: Hauptschauplatz der Familienbiografie um 1905: der Gutshof Gaj in Trostjanetz, hier die Wohnstube des Gutsverwalters August von Schulthess und seiner Ehefrau Marie Hess.
Die 13-jährige Sophie sitzt im Nebenzimmer, summt abwechslungsweise russische und schweizerische Volkslieder vor sich hin und bürstet das lange Haar der inzwischen etwas lädierten Porzellanpuppe, die die Tanten Hess 1881 bei ihrem ersten Besuch in Trostjanetz mitgebracht haben. Vater August – ebenfalls noch nicht im Bild – sitzt beim Fenster, schaut die vom Buchhalter sorgfältig gefertigten Lohntabellen der vergangenen Woche durch und streicht sich zufrieden durch den langen Bart, während August junior sich daneben am Ecktischchen platziert hat und sich auf die erste Vordiplomprüfung am Polytechnikum vorbereitet, die er im Herbst in Zürich ablegen muss. Ebenfalls nicht zu sehen sind die Töchter Emma, Marie und Elisabeth sowie Fritz und Paul; sie alle sind in Zürich in Ausbildung und werden erst in den Sommerferien nach Trostjanetz kommen.
Diese fiktive Szenerie ist nicht die Beschreibung eines Bühnenbilds zu einem Tschechow’schen Theaterstück, bei dem gleich der Gutsverwalter Onkel Wanja oder Anja, die Tochter der Gutsbesitzerin Ranjewskaja (im Stück Der Kirschgarten) zur Tür hereintreten könnten. Es ist vielmehr eine Szenerie, wie sie sich damals auf dem Landsitz des kurz zuvor verstorbenen «Zuckerkönigs» Leopold König in Trostjanetz hätte abspielen können, einem 25 000 Hektar grossen Landwirtschaftsgut in der heutigen nordöstlichen Ukraine, die damals zum Russischen Zarenreich gehörte. Oberverwalter dieses riesigen Grundbesitzes, der seit Königs Tod von dessen Sohn Friedrich geführt wurde und mehrere Zuckerfabriken und eine Parkettproduktionsstätte, eine Mühle und eine Schnapsbrennerei umfasste, war der gebürtige Zürcher August von Schulthess. Er hatte den Gutsbetrieb ein erstes Mal von 1875 bis 1888 und ein zweites Mal von 1897 bis nach der Oktoberrevolution von 1917 verwaltet. Das Wohnhaus von August und seiner Ehefrau Marie Hess, ebenfalls eine Zürcherin, stand auf einer Anhöhe inmitten eines Eichenwäldchens auf dem Gelände des Vorwerks Gaj (ukrainisch für «kleiner Wald», gesprochen «Haj»). Sechs der insgesamt acht Kinder waren bereits zur Ausbildung nach Zürich ausgeflogen, die älteste Tochter, Tony, war 1892 an einer Hirnhautentzündung gestorben. Nur das jüngste Kind, Sophie, wohnte zu diesem Zeitpunkt noch bei den Eltern.
