Ottla Kafka - Petr Balajka - E-Book

Ottla Kafka E-Book

Petr Balajka

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Beschreibung

Petr Balajka versucht, den Lebensweg von Franz Kafkas Lieblingsschwester Ottla zu rekonstruieren, über die noch nie eine Monografie erschienen ist. Als intimer Kenner der Schriften Franz Kafkas, aber auch als Journalist und Autor, der Dutzende tschechischer Holocaust-Überlebender kennt und befragt hat, versucht er, blinde Stellen in der Biografie dieser faszinierenden Frau zu füllen. Kurze Zeit vor ihrem Tod hat er lange Gespräche mit Ottlas Tochter Věra Saudková geführt, in Archiven recherchiert. Wo die historischen Quellen schweigen, flechtet er, um die blinden Flecken zu füllen, auch fiktive Passagen ein, die von tiefer Fachkenntnis getragen sind: So könnte es gewesen sein… Die einfühlsame Einstreuung von Zitaten aus Kafkas und Ottlas Briefen und Kassibern bereichert die Publikation und verleiht ihr Tiefe. Mit 27 Abbildungen.

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EPUB
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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2019

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PETR BALAJKA

Ottla Kafka

Das tragische Schicksal der Lieblingsschwester Franz Kafkas

tredition

Hamburg 2019

tredition Verlag, Hamburg 2019

978-3-7497-7177-6 (Paperback)

978-3-7497-7178-3 (Hardcover)

978-3-7497-7179-0 (e-Book)

Copyright © Petr Balajka

Übersetzung: Werner Imhof

Lektorat: Dr. Thomas Oellermann

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Originalausgabe: Petr Balajka. Ottla.

Prag: Nakladatelství Franze Kafky, 2018

ISBN 978-80-86911-51-9

Dieses Buch erscheint mit finanzieller Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds

und der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Ottla, 1941

Liebste Ottla, wir spielen ja nicht gegeneinander, sondern wir haben ein gemeinsames Spiel und sitzen beisammen, aber eben weil wir einander so nah sind, unterscheiden wir nicht immer, was der andere will, ob stoßen, ob streicheln. Es geht auch wirklich in einander über.

FRANZ KAFKA AN OTTLA, MÄRZ 19191

Du hältst, soweit meine Menschenaugen sehn, Dein Schicksal so selbstherrlich in der Hand, in einer kräftigen, gesunden, jungen Hand, wie man es sich nur irgendwie wünschen kann.

FRANZ KAFKA AN OTTLA, MÄRZ 19191

…Löwyscher Trotz, Empfindlichkeit, Gerechtigkeitsgefühl, Unruhe, und alles das gestützt durch das Bewußtsein Kafka’scher Kraft.

FRANZ KAFKA ÜBER OTTLA, BRIEF AN DEN VATER, NOVEMBER 19191

Inhalt

Begegnung mit der Tochter

Ottla und Josef

Dr. Felix Herškovic

Vater und Töchter

Schwestern

Scheidung oder Trennung?

Deportation

Ankunft in Theresienstadt

Betreuung der Kinder

Ottla und Felix

Franz Kafka

Věra und Helena

Freundschaft oder mehr?

Ankunft der Kinder aus Białystok

Dritter Heiratsantrag

Kreta

Postskriptum

Einige Daten und Fakten

Biografische Daten

Quellen und Anmerkungen

Weitere verwendete Quellen

Nachbemerkung

Der Autor und der Übersetzer

Abbildungsverzeichnis

Begegnung mit der Tochter

Věra Saudková starb am 3. August 2015. Die Nachricht von ihrem Tod erreichte mich während eines Sommeraufenthaltes in unserem Wochenendhaus durch einen Anruf von Věras Tochter Anna. Erst nachträglich wurde mir die grausame Ironie des Schicksals bewusst. Ausgerechnet am 3. August 1942 wurde Věras Mutter Ottla David ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Es ist davon auszugehen, dass Ottla an diesem Tag zum letzten Mal ihre beiden Töchter Věra und Helena sah.

Die Beisetzung Věra Saudkovás im Prager Stadtteil Strašnice sollte zehn Tage später, am 13. August stattfinden. Ich legte mein Mobiltelefon zur Seite und schaute durch das Dachfenster in den azurblauen Himmel. Der Sommer war außergewöhnlich sonnig und warm. Genauso strahlend blau war der Himmel an dem Tag gewesen, an dem ich Věra Saudková im April zum ersten Mal in ihrer Wohnung in der Bílková-Straße besucht hatte. Auch wenn seitdem vier Monate vergangen waren, stand mir dieser Tag vor Augen, als wäre es am Tag zuvor geschehen. Ich konnte mir genau meine Gefühle und Erwartungen in Erinnerung rufen, als ich am Eingang des schönen Hauses stand, unmittelbar nach der Ecke zur Pařížská-Straße, ganz in der Nähe der Altneusynagoge und fünf Minuten zu Fuß von dem Haus U věže, wo Věras Onkel Franz Kafka geboren wurde. Seine jüngste Schwester Ottla war Věras Mutter.

Nicht weit von hier ist der Altstädter Ring, wo die Kafkas ihr Geschäft betrieben und wo die Familie lange gelebt hat. Ich drücke die Klingel des Hauses in der Bílková-Straße Nr. 4, das Hermann Kafka 1918 von dem Geld gekauft hat, das er für den Verkauf seines Geschäfts mit Kurzwaren im Palais Kinský erhalten hatte. Eine halbe Million österreichischer Kronen zahlte er damals für das Haus, das war für den Verkauf eines Textilgroßhandels eine beträchtliche Summe. Er gab das Haus als zusätzliche Mitgift seinen beiden bereits verheirateten Töchtern Gabriele und Valerie und der zu diesem Zeitpunkt noch ledigen Ottilie, die im Familienkreis Elli, Valli und Ottla genannt wurden. Das schöne neue Gebäude mit großen Fenstern, einem großzügigen Treppenhaus und geräumigen Wohnungen war im weitgehend abgerissenen jüdischen Viertel Josephstadt errichtet worden.

Das Haus in der Bílková-Straße

Die Straße Pařížská, damals nach der nahegelegenen Kirche Mikulášská-Straße genannt, sollte ein prächtiger Prager Boulevard werden, der mit den stattlichsten Avenues in Paris, Wien oder Budapest würde konkurrieren können. In unmittelbarer Nähe standen die gotische Altneusynagoge, die Pinkas- und die Maiselsynagoge sowie die heute nicht mehr vorhandene Zigeunersynagoge, wo der dreizehnjährige Franz Kafka 1896 seine Bar Mitzwa hatte. Nicht weit von hier befindet sich der alte jüdische Friedhof mit dem Grab von Rabbi Löw und weiterer jüdischer Gelehrter, und das jüdische Rathaus, das bei der Zerstörung des Ghettos verschont geblieben ist. Aus den Fenstern der Wohnung bot sich der Blick auf die Moldau und den Letná-Hügel.

Herrmann und Julie Kafka

Hermann Kafka begann als kleiner Hausierer in der Umgebung des heimischen südböhmischen Dorfes Osek, wo er Anstecknadeln, Haarspangen und andere Kurzwaren feilbot. Nun glaubte er, der Kauf dieses Hauses sei eine würdige Krönung seiner lebenslangen harten Arbeit und eine gute Investition in der unruhigen Zeit vor dem nahenden Ende des Krieges. Wichtig war ihm, dass in dem Haus seine drei Töchter mit ihren Familien wohnen könnten. Vieles kam anders, als er es sich gedacht hatte, aber glücklicherweise mussten weder er selbst noch seine Frau Julie das noch erleben. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, lebten in der Bílková-Straße, nun umbenannt in Waldhauser-Straße, von der Familie Kafka nur noch Ottla David mit ihrem Ehemann Josef und den Töchtern Věra und Helena sowie Ottlas ältere Schwester Elli Hermann mit ihrem Mann Karl und ihren Kindern. Die mittlere Schwester Valli lebte zwar nicht mehr mit ihnen unter einem Dach, aber die Wohnung des Ehepaars Pollak in der Vězeňská-Straße war nicht weit entfernt. Im Haus in der Bílková-Straße wohnte auch der eigenbrötlerische Onkel aus Třešť Siegfried Löwy, der Stiefbruder von Julie Kafka, der schon vor fast zwanzig Jahren nach Prag gezogen war und seit dieser Zeit mit den Kafkas zusammenlebte. Zunächst noch am Altstädter Ring, wo er sogar Franz Kafkas ehemaliges Zimmer zur Verfügung hatte, dann in diesem Haus, das ich gerade betrat.

Als im Oktober 1942 ein Bote der jüdischen Gemeinde dem 75-jährigen Arzt Dr. Siegfried Löwy eine Vorladung mit Anweisungen überbrachte, was alles er verpflichtet sei, zu tun, wo er was abgeben müsse, einschließlich der Wohnungsschlüssel, was auszufüllen sei, wann und wo er sich einzufinden habe, mit dem Zusatz, dass selbst Kranke zu erscheinen hätten, denn man gebe ihnen Gelegenheit, sich vor Ort von einem amtlich bestellten Arzt untersuchen zu lassen, und wer dieser amtlichen Anordnung nicht Folge leiste, werde polizeilich vorgeführt – tat der alte Mann nichts von alledem.

Věra und Helena boten an, ihm beim Packen zu helfen, sie hätten damit schließlich schon Erfahrung, aber er lehnte das ab. Er schrieb sein Testament, und den Schwestern war klar, was nun folgen würde. Sollten sie versuchen, ihm auszureden, was er, wie sie ahnten, beschlossen hatte? Er verließ diese Welt friedlich. Er bat sie, zu einer festgelegten Uhrzeit zu kontrollieren, dass er tot sei. Als sie sein Schlafzimmer betraten, lag er auf seinem Bett, wo er sich eine tödliche Injektion gespritzt hatte.

Ahnte Doktor Löwy, der Mann, den Franz Kafka wegen seiner sanften Stimme liebevoll Zwitscherer genannt hatte, das Plaudermäulchen, ein Mensch, der das Leben liebte, Reisen auf dem Motorrad, was ihn am Ende der erzwungenen Reise erwartet hätte? Fühlte er sich schon zu alt und zu schwach, um zur Deportation anzutreten? Hatte er Angst vor der Unsicherheit, vor unbekannter Umgebung? Jedenfalls war er bei Weitem nicht der einzige Jude, der in dieser Zeit den Freitod wählte.

Zu dem Zeitpunkt, als sich Siegfried Löwy die tödliche Dosis verabreichte, war Ottla bereits in Theresienstadt. Auch ihre beiden Schwestern mit ihren Familien waren bereits auf jene Reise geschickt worden, die ihre letzte sein sollte. Die verwitwete Gabriele (Elli) Hermann war im Oktober 1941 mit ihrer Tochter Hanna, deren Ehemann Arnošt und seinen Eltern Otto und Marie in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert worden. Ein Paradox des Schicksals ist, dass die Kaufmannswitwe Elli Hermann am 14. März 1939, also einen Tag bevor die deutsche Wehrmacht den verstümmelten Rest der Republik besetzte und Hitler auf der Prager Burg eine Mahlzeit mit Pilsener Bier zu sich nahm, einen Reisepass beantragte. Sie gab dafür gesundheitliche Gründe an. Der Pass wurde tatsächlich am 21. März ausgestellt, allerdings hatte ein Beamter neben den vorgeschrieben Spalten vermerkt: jüdischen Glaubens. Erwog Elli, zu emigrieren? Zur Reise nach Łódź jedenfalls benötigte sie dieses Dokument nicht.

Das Ehepaar Valli und Josef Pollak wurde kurz nach den Herrmanns mit dem vierten Prager Transport aus ihrer Wohnung in der Vězeňská-Straße Nr. 7 nach Łódź deportiert. Ellis Sohn Felix Herrmann gelang es zwar, nach Westen auszureisen, aber nach der Besetzung Belgiens wurde er von den Deutschen in einem Lager interniert, wo er an Typhus starb. Seine persönlichen Dinge einschließlich seiner Wäsche wurden seinen Eltern zwei Tage vor ihrem Antritt zum Transport in die Wohnung in der Bílková-Straße zugestellt. Die bürokratische Konsequenz der Deutschen war überwältigend. Seine Wäsche war gewaschen und offenbar auch gebügelt worden. Die Zustellung mussten sie per Unterschrift bestätigen.

Fast einhundert Jahre, nachdem Hermann Kafka dieses Haus gekauft hatte, lebte nun nach der Restitution hier wieder seine Enkelin Věra Saudková. Ich klingelte, ein Summer ertönte, und ich ging einige Stufen zum Hochparterre hinauf. Ich versuchte, die Rührung, vielleicht auch unnötiges Pathos zu unterdrücken, aber es war unmöglich, sich davon vollkommen freizumachen. Ich stellte mir vor, dass Franz Kafka genau hier gestanden hatte, wenn er seine Eltern oder seine Schwestern besuchte. Er selbst hat in diesem Haus nie gewohnt, obwohl er hier in der Bílková-Straße zeitweise seinen ständigen Wohnsitz hatte.

Hier verkehrten Ottla, ihr Mann Josef, die Töchter Věra und Helena. Und selbstverständlich auch das Ehepaar Kafka und ihr Sohn Franz. Vielleicht fuhr auch damals schon ein Aufzug, der aber sicher anders aussah als der heutige. Der Geruch des Hauses, die Kühle des Treppenhauses müssen genauso gewesen sein – das sind Dinge, die sich mit den Jahren nicht verändern.

Eingang des Hauses in der Bílková-Straße

Ich war im dritten Stockwerk und musste nicht nach einem Klingelschild an der soliden, massiven Tür suchen, denn sie war bereits geöffnet, damit ich eintreten konnte. Věras Wohnung war groß und geräumig, dem bürgerlichen Niveau der Häuser in der Umgebung der Pařížská-Straße entsprechend, wo nach der Sanierung, genauer gesagt nach dem Abriss des jüdischen Ghettos stattliche Wohnblocks errichtet wurden, den Aufstieg des damaligen – häufig jüdischen – Prager Bürgertums repräsentierend. Endgültig verschwanden enge gotische Gässchen mit verkommenen Häusern, unzähligen Durchgängen und miserablen hygienischen Bedingungen. Nun verkehrten hier nicht mehr eigentümliche jüdische Gestalten in langen schwarzen Kaftanen, Kleinhändler, Gemeindediener der vielen hiesigen Synagogen, Frauen zweifelhaften Rufs, die ihren Lebensunterhalt in örtlichen Freudenhäusern bestritten. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ersetzte eine neue, erfolgreiche Generation von Kaufleuten, Advokaten, Ärzten und Staatsbeamten die armen Juden von Josephstadt.

Die Wohnung überraschte mich. Unbewusst hatte ich eine zeitgenössische Einrichtung mit Museumscharakter erwartet. Solide bürgerliche Möbel, Bilder in Goldrahmen, verblichene Fotografien, eine große Bibliothek. Stattdessen kaum Möbelstücke, nur das Notwendigste. Lediglich Bett, Tisch, Stühle, ein Bad mit Wanne. Als hätte Franz Kafka die Wohnung mit charakteristischer Strenge eingerichtet. Abgetretene, stellenweise lockere Fliesen im Flur, die wackelten, als ich darauf trat.

Věra saß mit ihrer Tochter Anna in der Küche. Nach einer Beinamputation aufgrund von Diabetes war sie schon viele Jahre auf einen Rollstuhl angewiesen. Weil es warm war, trug sie ein leichtes gelbes T-Shirt. Über den Knien eine Decke.

Mit ihren 94 Jahren war Věra Saudková noch immer schön. Bevor ich von ihr Fotos als Erwachsene und dann aus den letzten Jahren fand, kannte ich sie nur von einer Aufnahme, wie sie als Säugling auf dem Schoß ihrer Mutter sitzt. Die Fotografie wurde im Sommer 1921 in einem Atelier in Domažlice gemacht, mithin in dem Jahr, als Věra als Ottlas erste Tochter geboren wurde. Ottla schickte das Foto ihrem Bruder in ein Sanatorium in der Hohen Tatra, wo er zu dieser Zeit einen Kuraufenthalt verbrachte. Auf einer Ansichtskarte vom 8. August antwortete Franz Kafka seiner Schwester:

Věra habe ich sofort erkannt, Dich nur mit Mühe, nur Deinen Stolz habe ich sofort erkannt, meiner wäre noch größer, er gienge gar nicht auf die Karte. Ein offenes, ehrliches Gesicht scheint sie zu haben, und es gibt glaube ich auf der Welt nichts besseres als Offenheit, Ehrlichkeit und Verläßlichkeit.1

Franz beurteilte wenigstens einmal jährlich die Eigenschaften seiner geliebtesten Schwester. Er war ein außergewöhnlich guter Beobachter und maß auch den geringsten Details größte Bedeutung zu. Aber was ließ sich denn wirklich aus Věras Kindergesicht ablesen? Zudem wusste niemand besser als Franz, dass Kinder kein Spiegel ihrer Eltern sind, so sehr sich diese das auch wünschen mögen. Aber Věra hat in der Tat die Eigenschaften ihrer Mutter, jedenfalls jene, die Franz Ottla bescheinigte, geerbt.

Ottla trägt mich wirklich auf ihren Flügeln aus der mißlichen Welt…

FRANZ KAFKA AN MAX BROD, 13. 9. 19172

Ottla trägt auf jener Schwarzweiß-Fotografie aus dem Jahr 1921 eine einfache Bluse mit einem hellen Saum am Halsausschnitt und am Rand der kurzen Ärmel. Die Bluse ähnelt ein wenig dem T-Shirt, in dem jetzt Věra in der Küche ihrer Wohnung sitzt. Die alte Fotografie mit ihrer Mutter zeigt sie in einem weißen Kleid, jedenfalls erscheint es mir weiß, und sie hat ein rundes, kindliches Gesicht.

Franz kaufte seiner Nichte für 20 Kronen ein Bilderbuch. Wo es wohl abgeblieben ist? Stellte er sich vor, er würde mit der Kleinen zu Hause Kindertheater spielen, so wie er es mit seinen jüngeren Schwestern getan hatte? Dass sie zusammen turnen, er ihr Schwimmen beibringen würde? Oder ahnte er damals schon, dass ihm dies das Schicksal verwehren sollte?

Auf einem weiteren Foto, zwei Jahre später entstanden, ist Věra mit ihrer Schwester Helena und Fräulein Fini, die in der Familie David als Dienstmädchen angestellt war, zu sehen. Auch dieses Bild schickte Ottla ihrem Bruder. Anfang Januar 1924 antwortete er aus Berlin:

Liebe Ottla, ein schönes Bild, Věra, die alte Unschuld und Unruhe, übrigens Du hast Recht, ich fühlte mich von ihrem Blick gleich wiedererkannt. Ist sie nicht ein wenig schmäler im Gesicht oder ist es das kurze Haar, das diesen Eindruck macht?1

Věra trug die Haare ihr ganzes Leben lang kurz geschnitten. Das stand ihr, stets wirkte sie elegant, sportlich, schick.

Noch eine Momentaufnahme ist mir in Erinnerung geblieben. Ottla, ihr Mann Josef David und die schon nahezu erwachsenen Töchter Věra und Helena. Die Aufnahme entstand im Winter in der Hohen Tatra. Alle stehen auf Skiern vor reichlich verschneiten Bäumen. Es dürfte kurz vor 1939 gewesen sein, vielleicht 1937 oder 1938, als noch Frieden herrschte und die Slowakei Teil der ersten Tschechoslowakischen Republik war. Ottla und Věra lächeln zufrieden, Helena schaut eher forschend in die Kamera. Vater Josef David blickt zwar am ernstesten, aber auch er hat einen leicht amüsierten Gesichtsausdruck, auch wenn zu dieser Zeit über Europa bereits dunkle Wolken aufziehen. Hitler ist in Deutschland seit 1933 an der Macht, der Reichstag hat im September 1935 in Nürnberg zwei Rassengesetze angenommen, und zwei Monate später beginnt man die Menschen zu unterteilen in Arier und die übrigen. Věra und Helena wären in Deutschland als „Mischlinge 2. Grades“ eingestuft worden, Ottla nach nazistischer Klassifikation als Jüdin. Einstweilen indes sind die Davids zum Skifahren in der Tatra und lächeln.

Immerhin leben sie in der demokratischen Tschechoslowakei, die über eine gut ausgebildete Armee und befestigte Grenzen verfügt und im Geiste Masaryks entschlossen ist, sich zu verteidigen. Auf dem Foto in der Tatra ist augenscheinlich, wie ähnlich Věra und Helena ihrer Mutter sind. Sie haben das gleiche ovale Gesicht, das gleiche Lächeln, und die gleiche Form der Augenbrauen.

Mit zunehmendem Alter nähert sich ihre Physiognomie immer mehr der ihres Vaters Josef David an. Nimmt man die Aufnahme in der Tatra Ende der Dreißigerjahre zum Maßstab, hatten Ottla, ihr Mann und die Töchter nach nazistischer Terminologie ideale arische Züge: klar geschnitten, regelmäßig, lang gestreckte Gesichtsform, schmale, gerade Nase.

Die Momentaufnahme auf Skiern ist interessant. Wir wissen, dass die jungen Mädchen zu dieser Zeit sportlich waren, besonders Věra liebte Bewegung und war dazu von ihrem Vater angeleitet worden, der begeistertes Mitglied des Sokol-Turnverbandes war. Aber die Ski an Ottlas Füßen erstaunen mich, irgendwie scheinen sie nicht zu ihr zu passen, obwohl bekannt ist, dass Franz, der übrigens während eines Kuraufenthalts in der Tatra ebenfalls Ski fuhr, seine Schwestern dazu zwang, halbnackt bei offenem Fenster Turn- und Atemübungen zu machen. Wahrscheinlich waren sie davon nicht begeistert, auch wenn sie angeblich auch dann übten, wenn ihr großer und strenger Bruder nicht dabei war.

Ottla mit Ehemann und Töchtern, Hohe Tatra, Ende der Dreißigerjahre

Ottla als Kleinkind

… und tatsächlich leben wir ja auch oder lebe ich mit Dir besser als mit irgendjemandem sonst, bis auf zeitweilige Unmöglichkeit den andern anzusehn, welche Menschen besonders wenn sie nicht ganz sich entsprechend leben als etwas Entwürdigendes oder fast Unvermeidliches an sich selbst ertragen müssen.

FRANZ KAFKA AN OTTLA, 4. 3. 19181

Mir wird bewusst, wie wenig ich über Ottla weiß. Ein paar biografische Angaben, zu unzusammenhängend und in keinem Verhältnis stehend zu 51 Jahren ihres Lebens, sind zu wenig, um vor meinen Augen ein plastisches Bild entstehen zu lassen. Aus der Korrespondenz mit ihrem Bruder kennen wir nur die Briefe, die Franz geschrieben hat, nie Ottlas Antworten.

Am 29. Oktober 1892 kam sie als letztes Kind von Hermann und Julie Kafka im Haus U Tří králů (Bei den drei Königen) am Beginn der Celetná-Straße in Prag zur Welt. Franz war damals neun Jahre alt. Während Franz Kafkas Leben detailliert beschrieben ist – über ihn erschienen Hunderte von Büchern und Studien, jedes seiner Worte wurde aus jedem erdenklichen Blickwinkel und in allen Zusammenhängen gewendet und erforscht, sein Verhältnis zu den Eltern, namentlich zum Vater, zu den Schwestern, zu Freunden ist bekannt – verliert sich mit dem Augenblick seines Todes nach und nach die Kenntnis vom Leben der Familienmitglieder, die ihm am nächsten standen. Es ist, wie wenn du dich im Bad im Spiegel betrachtest und eine Wanne heißes Wasser einlaufen lässt, aus der Dampf aufsteigt und auf dem Spiegel kondensiert. Allmählich wird dein Abbild immer undeutlicher, verliert die Konturen, die Züge verschwimmen, bis nur noch ein vages Bild des Gesichts bleibt, das seine Einzigartigkeit verloren hat. Das bist immer noch du, aber eigentlich schon nicht mehr.

Wie viele menschliche Schicksale sind so im Laufe der Zeit für immer verschwunden und können nicht rekonstruiert werden, weil es niemanden mehr gibt, der sie kannte und sie in Erinnerung behalten hat?

Ottla ist der eigentliche Grund, warum ich vor vier Monaten ihre Tochter Věra Saudková besucht habe. Ich dachte, sie könne den beschlagenen Spiegel mit dem Bild ihrer Mutter abwischen und jene so wichtigen Konturen wiederherstellen.

Der Holocaust – etwas Unvorstellbares, jenseits von allem, was sich je in der Geschichte ereignet hat. Die Idee der Nationalsozialisten, ein ganzes Volk auf industrielle Weise mechanisch auszurotten, erbarmungslos, ohne Gerichtsverfahren, Mord, flächendeckend, Tod für alle – hat für mich mit aller Entartung (oder gerade ihretwegen) etwas Behexendes.

Ein Kindheitserlebnis: Ich war mit meiner Mutter im „Zverimex“, einem Geschäft, in dem damals Wellensittiche, Schildkröten, Hamster, Meerschweinchen verkauft wurden – und Schlangen. Gerade in dem Moment, als wir in eines der Terrarien schauten, warf der Verkäufer für eine große Schlange eine lebendige kleine weiße Maus hinein. Die Schlange näherte sich ihr mit kaum wahrnehmbarer Bewegung. Die Maus mochte instinktiv ahnen, was ihr bevorstand, war aber zu keiner Reaktion fähig. Aber vielleicht erkannte sie die Gefahr im Blick auf die scheinbare Untätigkeit der Schlange nicht? Es war ihre erste Konfrontation mit dem Aggressor, Erfahrungen konnte sie nicht haben, nur ihren Selbsterhaltungstrieb. Aber dieser wird wohl erst ausgelöst, wenn die Gefahr ganz offensichtlich ist. Sie hatte die Chance, vor der langsamen Schlange zu fliehen, aber sie rührte sich nicht. Genau wie die Maus war auch ich erstarrt und konnte den Blick von der nahenden Tragödie, so habe ich die Situation mit meiner Mutter wahrgenommen, nicht abwenden. Sie musste mich mit Gewalt vom Terrarium wegzerren. Sie wusste sehr gut, dass der Anblick des Todes der Maus bei meiner kindlichen Überempfindlichkeit einen Schock und nächtliche Albträume ausgelöst hätte. Dennoch habe ich ihr das übel genommen. Ich wollte zuschauen, auch wenn mir vor Angst fast das Herz stehenblieb.

Worin liegt die Faszination des Bösen und des Schreckens für den Menschen? Im Gefühl der Befriedigung, nicht selbst einer Situation ausgesetzt zu sein, in der es um Leben und Tod geht? Warum schauen wir uns in der Sicherheit unseres Zuhauses im Fernsehen Thriller und Horror an? Steckt dahinter irgendein uralter Atavismus? Koketterie mit dem Tod?

Ich nutze die letzten Möglichkeiten, mit Überlebenden zu sprechen, zeichne Interviews mit ihnen auf, ohne daran zu denken, ob das jemand lesen wird. Ich fotografiere und zeichne die Schicksale von Menschen auf, die Theresienstadt, Auschwitz und andere Konzentrationslager hinter sich haben, das Leben in Verstecken, Kampf gegen Hitler im Ausland… Begegnungen mit dem materialisierten Bösen.

Ich bin zu einem Sammler der unbegreiflichen und schwer zu verdauenden Geschichte der Schoah geworden. Es macht mir nichts aus, nicht der Erste zu sein, dem sie über ihr Leben erzählen – Experten verschiedenster Institutionen haben dies vor mir getan. Es macht mir auch nichts aus, dass sich die berichteten Ereignisse bei jedem Überlebenden im Lauf der Zeit verändern, in der Erinnerung tauchen andere Details auf, andere geraten in Vergessenheit, mischen sich mit solchen, die sie von denen gehört haben, die wie sie selbst halb tot, durstig und voller Angst in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert worden sind. Es stört mich nicht, dass Ereignisse, die sich vor mehr als siebzig Jahren zugetragen haben, sich in der Erinnerung zuweilen etwas von der Realität entfernen mögen. Überlebende rekonstruieren für mich ihre persönliche Geschichte, und sie haben das Recht, ihre späteren Erfahrungen mit einzubringen. Das Leben lässt sich nicht auf ein paar klar definierbare Fakten reduzieren: Geboren am Soundsovielten, studiert, geheiratet, deportiert… Das können nur Anhaltspunkte in einem Lehrbuch der Geschichte sein. Was zwischen ihnen liegt, ist das eigentlich Wichtige, aber es ist subjektiv und unterliegt in der Erinnerung Veränderungen. Wann haben wir Recht? Wenn wir die Wirklichkeit erleben oder wenn wir sie rückblickend bewerten? Was sich im Leben zwischen jenen definierbaren Punkten befindet, kann nur relative Wahrheit sein. Der Morgen ist weiser als der Abend. Oder sind wir in einem Jahr weiser, in zehn, in siebzig Jahren?

Mit der Relativität der Wahrheit muss ich mich abfinden. Ich leide eher darunter, dass Worte das Grauen und die Trauer nicht auszudrücken vermögen, denen die Überlebenden ausgesetzt waren. Verstummen, ein Blick, die Augen voller Tränen – nichts davon ist in Worte zu fassen. Die Schoah ist unbeschreiblich. Diese Unsagbarkeit ist traumatisierend.

Beklemmend sind auch Fotografien. Auf Bildern sind die Familien noch zusammen und glücklich. Es vergeht nur wenig Zeit, und alle sind ermordet. Nur die Aufnahme bleibt. Oft gibt es schon niemanden mehr, der die Toten identifizieren könnte. Was bleibt von einem Gesicht ohne Namen und ohne Lebensgeschichte?

Dieses Schicksal konnte Franz Gott sei Dank aus den Fotografien von Ottla mit den kleinen Mädchen Věra und Helena nicht herauslesen. Ottla blieben noch zwei Jahrzehnte Lebenszeit. Franz nur noch Monate.

Věra Saudková hat jahrzehntelang keine Journalisten empfangen. Diese wollten sie wieder und wieder nach ihrem Onkel befragen. Aber als Franz Kafka im Jahr 1924 an Lungentuberkulose starb, war sie drei Jahre alt. Was hätte sie ihnen Neues verraten können? In einem Interview sagte sie:

Ich kenne alle Bücher von Kafka. Bei der Lektüre tadele ich mich immer dafür, dass mir das wenig sagt und ich dort etwas anderes lese, als Kafka geschrieben hat. Ich sollte ihn doch verstehen, und es ärgert mich, dass es nicht so ist. Ich gebe nicht auf. Meine Tochter hat jetzt begonnen, mir eine Neuübersetzung des Romans „Das Schloss“ vorzulesen.3

Letztes Foto von Věra Saudková, 2015

Sie hasste das oberflächliche, hysterische Interesse an ihm. Die Fragen einiger Journalisten machten sie krank, erklärte sie. Erst in den letzten Jahren gab sie einige Interviews, die dann in Zeitschriften erschienen. Ich war glücklich, dass sie auch mich empfing. Ich interessiere mich aber wirklich nicht so sehr für Kafka, sondern für sie und für ihre Mutter Ottla. Diese Tatsache hat mir ihre Tür geöffnet. Věra wusste, dass ihre Mutter ebenso viel Aufmerksamkeit verdiente wie Franz.

Wir saßen in ihrer Küche, Věra rauchte eine Zigarette, inhalierte leicht, stieß den Rauch aus und wirkte ruhig und ausgeglichen. Anna bot Mineralwasser und süßen Apfelkuchen an, den sie in einer nahegelegenen Bäckerei gekauft hatte, als sie wie jeden Tag für ihre Mutter das Mittagessen gebracht und zubereitet hatte.

Im Schlafzimmer im Dachgeschoss meines Wochenendhauses schaltete ich meinen Computer ein und fand dort die Aufzeichnung des ersten Interviews mit Věra Saudková im April. Mir wurde bewusst, die Stimme einer Frau zu hören, die schon nicht mehr unter uns ist. Ich war der letzte, dem sie ein Interview gewährt hat.

Ich habe Lampenfieber, lauten ihre ersten aufgezeichneten Worte. Sie sagt: Sie war sehr fröhlich, aufrichtig, unterhielt sich gern mit anderen, war überall beliebt und machte überhaupt keinen Unterschied, ob sie es mit einer Bettlerin oder mit einer „Frau Rat“ zu tun hatte. Sie interessierte sich für alles, besonders Kinder und Tiere. Für meinen Vater, der kein Jude war und im Büro Karriere machen wollte, hatte sie sie ein etwas zu lebhaftes Wesen. Er hätte lieber eine „gnädige Frau“ gehabt. Aber das war sie nicht und er musste sich damit abfinden, was ihm nicht leicht fiel. Es war eine schwierige Ehe.

Mama war so aufrichtig und ehrlich, dass sie sich fast mit jedem verstand. Aber sie hasste es, wenn man sie anlog, auch wenn wir Kinder gelogen haben. Das konnte sie nicht ertragen. Einmal habe ich sie wirklich traurig gemacht. Ich war allein zu Bett gegangen und dann kam sie zu mir, lobte mich dafür und fragte, ob ich mir die Zähne geputzt hätte. Ich sagte Ja. Im Badezimmer stellte Mamafest, dass die Zahnbürste trocken war. Darüber war sie sehr unglücklich. Dabei hätte ich es ruhig zugeben können, sie bestrafte uns nie, schrie uns nicht an. Alles nahm sie geduldiger hin als Lügen.4

Věras Stimme war mit ihren vierundneunzig Jahren noch deutlich und klar. Ebenso wie ihr Blick, obwohl das Sehvermögen nicht mehr so gut war. Mir fielen ihre schönen schlanken Hände mit langen Fingern auf. Die Haut ist straff, die bläulichen Adern heben sich deutlich ab. Auf dem Foto, das ich gemacht habe, ist in der linken oberen Ecke eine große Küchenuhr zu sehen. Sie zeigt genau 13: 01 Uhr an. Hinter Věra sind ein Herd mit einer Kanne und graue Fliesen zu sehen. Věra schaut nicht direkt ins Objektiv, sondern seitlich, wie in die Ferne.

Mama war unglaublich bescheiden und ehrerbietig. Sie hasste es, wenn jemand Tiere quälte. Sie hatte die Telefonnummer eines Tierschutzvereins, und als sie einmal in der Pařížska-Straße sah, wie ein Kutscher sein Pferd schlug, das es nicht schaffte, einen Wagen mit Kohlen zu ziehen, wies sie ihn zunächst zurecht und bat ihn, damit aufzuhören, aber als er weiter schlug rief sie diese Nummer an. Sie konnte kein Unrecht mitansehen, dann mischte sie sich sofort auf ihre temperamentvolle Art ein. Sie war kein stilles Mädchen, eher ein Wildfang. Sie ist der einzige Mensch den ich kenne, der eine Drei in Betragen bekommen hat. Erstaunlicherweise war mein Großvater, ihr Vater, nicht sehr wütend. Er war zwar sehr streng, aber nur zu Jungen, an Mädchen stellte er andere Anforderungen. Mädchen sollten Kinder haben, sie stillen und sich um die Familie kümmern.4

Ich frage, wie das bei Ottla mit dem Glauben war, ob sie religiös war.

Ich glaube, eher nicht. Das weiß ich von Kafka, der schreibt, es sei für sie als Kind schwer gewesen, zumGlauben zu finden, sagt Věra und zieht an der Zigarette, die Anna ihr angezündet hat. Großvater bezahlte als Geschäftsmann für einen Platz in der Synagoge, aber wirklich glühende Frömmigkeit hat Franz zu Hause nicht erlebt. Bei uns zu Hause war Papa ein frommer Katholik. In die Kirche ist er aber nicht gegangen. Er war Angestellter, Generalsekretär des Verbandes tschechoslowakischer Versicherungen, was für sein Leben eine große Karriere war. Er war als sehr armer Junge aufgewachsen und ich denke, die Ehe war stark dadurch motiviert, dass Mama von ihrem Vater eine anständige Mitgift erhielt. Das war eine Wohnung in diesem Haus. Aber er hatte einen Preis zu zahlen, sagt Věra und lächelt ein wenig. Denn die Ehe war dann für ihn nicht vorteilhaft.

Wenn Gäste zu uns zum Kaffee kamen, wollte mein Vater, dass wir uns als zivilisierte Familie zeigten, aber das gelang nicht ganz. Meine Mutter war so freimütig, jedem Gast anzubieten, sich selbst zu bedienen, und wenn er aufgegessen hatte, füllte sie die Teller wieder. Das gehörte sich für die Klasse, die mein Vater repräsentieren wollte, aber nicht. Nach seiner Vorstellung hätte, wenn wir Gäste hatten, die Dame des Hauses nicht servieren, sondern nach einem Dienstmädchen klingeln sollen…4

In den letzten Monaten ihres Lebens besuchte der Prager Oberrabbiner David Peter Věra einige Male. Ich weiß nicht, worüber sie miteinander sprachen, wichtiger ist, dass sie bereit war, ihn zu empfangen. Mir gegenüber erwähnte sie nur, dass er ihr als junger, gut gebauter Mann gefallen hatte.

Ich habe dieses Bild vor Augen. Ende der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Ein großer Raum in der Bílková-Straße. JUDr. Josef David trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd mit sorgfältig gestärktem Kragen, neben ihm sitzen zwei hochrangige Vertreter der Versicherungsgesellschaft, vielleicht sogar ihr Direktor. Věra und Helena sitzen am anderen Ende des Tisches. Ihre Beine in weißen Strumpfhosen reichen noch nicht ganz bis zum Boden, deshalb wippen sie damit ab und zu auf und nieder. Sie versuchen, ein ernstes Gesicht zu machen, wie es sich der Vater wünscht, aber es fällt ihnen so schwer. Alles kommt ihnen komisch vor, der Ernst, mit dem der Vater die Konversation führt, auch wenn einer der Gäste schelmisch zu ihnen herüberschaut. In einer Papiertüte haben sie einige Schokoladenbonbons bekommen und hätten größte Lust, sich darüber herzumachen, aber vor dem Essen dürfen sie das nicht. Sie flüstern miteinander und schütteln sich dann vor Lachen. Das Dienstmädchen bringt eine dampfende Suppe, Ottla füllt dann zunächst den Gästen, dann ihrem Mann und den Töchtern die Teller. Die Mädchen haben Lätzchen um den Hals, der Vater legt sich eine schneeweiße Serviette über Hemd und Krawatte. Dann kommt der zweite Gang und schließlich gibt es einen marmorierten Napfkuchen, den das Dienstmädchen unter Aufsicht von Ottla gebacken hat. Es ist ein altes Rezept der Kafkas mit der Schale einer Apfelsine und einer Zitrone sowie sechs Eiern, ebenso wie das legendäre Apfelkompott mit weißer Soße. Wenn einer der Gäste aufgegessen hat, steht Ottla auf, schneidet ein neues Stück ab und gibt es ihm.

„Nehmen Sie ruhig noch, wenn es Ihnen schmeckt“, sagt sie mit einem Lächeln.

„Sie nehmen sicher auch noch ein Stück“, wendet sie sich an den zweiten Gast.

„Aber das war genug“, antwortet der Mann zaghaft.

„Ich bitte Sie“, lässt sich Ottla nicht abweisen, „genieren Sie sich nicht, Sie sind hier doch wie zu Hause.“

Josef David ergreift die Hand seiner Frau und drückt sie fest.

„Setz dich“, sagt er distanziert, „das gehört sich nicht.“ Ottla ignoriert ihn.

„Kommen Sie“, raunt sie verschwörerisch, zwinkert und legt dem Gast ein Stück Kuchen auf den Teller, „Sie werden mir doch keinen Korb geben! Oder schmeckt es Ihnen nicht?“

Josef David steht abrupt auf und geht ans Fenster. Sein Gesicht ist puterrot.

Am Abend hören Věra und Helena aus dem Schlafzimmer der Eltern einen heftigen Streit. Sie ziehen sich die Decken über die Ohren, um nicht zu hören, wie der Vater die Mutter anschreit.

„Mama ist doch so lieb“, flüstert Helena verständnislos. „Warum schreit er sie so an?“

„Ich hasse ihn, er wird sie noch umbringen“, sagt Věra, obwohl sie weiß, dass sie so nicht vor ihrer jüngeren Schwester sprechen sollte.

Josef David sollte davon zwar nichts erfahren, aber ebenso wie den Besuch ihres Mannes bewirtete Ottla auch Bettler, Arme und Waisen, die sie zu sich nach oben in die Wohnung einlud und ihnen zu essen gab. Wenn der Ehemann unerwartet zu Hause auftauchte, versteckte sie diese hinter dem Kleiderschrank. Später waren unter den Besuchern auch deutsche Juden, die nach Hitlers Machtergreifung in der Hoffnung auf Asyl aus ihrer Heimat in die Tschechoslowakei geflohen waren. Jüdische Organisationen und Einzelne halfen ihnen, aber die Fremdenfeindlichkeit nahm unter den Tschechen zu.

Wir hatten immer ein Dienstmädchen, aber wir Schwestern haben es eher als unsere Freundin wahrgenommen, fährt Věra Saudková fort. Die alten Kafkas hatten das Kindermädchen Marie Werner, das als junges jüdisches Mädchen als Erzieherin eingestellt wurde.