Our souls in your dream - Kristin Ullmann - E-Book

Our souls in your dream E-Book

Kristin Ullmann

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Beschreibung

Ein Traum, der Wonderland in Glas hüllt – kurios, anders und unberechenbar. Cat Cheshire stiehlt für Königin Heart keine menschlichen Seelen mehr und doch wird ihr Leben nicht einfacher. Um ihre Schwester Mad aus dem Land der Träume zu retten, müssen Cat, Gil und Al rote Rosen weiß bemalen und sich dafür durch ihre eigenen Träume kämpfen. So erlebt Cat, wie ihr Leben in der Menschenwelt hätte sein können. Allerdings stellt sich für sie schnell die Frage, was Realität und was nur ein Streich ihres Verstandes ist, und auch Wonderland hält noch einige kuriose Entwicklungen bereit. Werden Cat und ihre Freunde Mad retten können, bevor es zu spät ist?

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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Danksagung

Wonderland-Playlist

Die Autorin

GedankenReich Verlag

Denise Reichow

Heitlinger Hof 7b

30419 Hannover

www.gedankenreich-verlag.de

OUR SOULS IN YOUR DREAM

(Band 2)

Text © Kristin Ullmann, 2020

Cover & Umschlaggestaltung: Marie Graßhoff

Lektorat/Korrektorat: Luise Deckert

Satz & Layout: Phantasmal Image

Piktogramme: Christina Ullmann

Innengrafiken © shutterstock

ISBN: 978-3-947147-55-7

© GedankenReich Verlag, 2020

Alle Rechte vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Der junge Prinz ritt durch die dunkle, kühle Nacht. Sein Schimmel wieherte unter ihm und der Atem des Tieres zog rauchartig an dessen Nüstern vorbei.

Vor wenigen Stunden hatte er die schreckliche Nachricht bekommen, dass ein ganzes Dorf in einen Tiefschlaf gefallen war. So wie seine Mutter reagiert hatte, war das anscheinend nicht das erste Mal geschehen. Nun war Eile geboten, da es sich nicht im Land herumsprechen durfte.

Der Bursche war vorausgesendet worden, um diejenigen zu beruhigen, die die schlummernden Wondies gefunden hatten und dort zur Wache zurückgeblieben waren. Er selbst wusste noch nicht, was er erwarten sollte. Die Königin hatte ihn völlig unvorbereitet und überstürzt losgeschickt.

Der Waldboden war übersät von den bunten Blättern der Drehbäume, die sich über ihm zu einem kleinen Zelt beugten. Sie schützten ihn vor der Kälte, die ihn zu umarmen drohte.

Er war alleine und nur das Trampeln der Hufe war zu hören.

Noch nie zuvor hatte er die sicheren Palastmauern hinter sich gelassen. Der Jüngling zweifelte, ob er auf dem richtigen Weg war.

»Der Gaul führt dich«, hatte seine Mutter gesagt und dem Hengst einen leichten Klaps verpasst. Das Tier war gestiegen, bevor es sich mit ihrem Sohn davongemacht hatte. Tatsächlich sollte die Königin recht behalten.

Die Bäume standen nur noch in einsamen Abständen zueinander. Die ersten Hütten ließen sich auch erahnen. Doch keine Lichtsteine erhellten das kleine Dorf. Nur der lichtspendende Leuchtstein, welchen der Prinz raffinierter Weise am Halfter seines Begleiters befestigt hatte, ermöglichte es ihm, einen Blick auf die Unterkünfte zu werfen. Zwischen ihnen hindurch führte ein Weg, der steinig und uneben war.

Die Stille machte Gilbert Heart zu schaffen.

Doch da hörte er Getuschel.

Als er um die nächste Ecke bog, sah der Prinz einen kleinen Schimmer glimmen. Drei Männer saßen in einem Halbkreis um ein kleines Wärmebecken.

Der Prinz hob die Hand und wollte zu einem Gruß ansetzen, unterbrach jedoch seine Bewegung, als eine liebliche Stimme erklang und er eine zarte Gestalt erblickte.

Die Frau wirkte wie von Licht umhüllt und er fragte sich, ob sie überhaupt Kleider trug.

»Wie ich sehe, sind Eure Hoheit sofort aufgebrochen.« Ihre Stimme hallte so sehr, dass er Probleme hatte, sie zu verstehen.

Gilbert hatte den Wassergeist noch nie zuvor getroffen und starrte ihn überrascht an. Lediglich aus Lehrbüchern und den Erzählungen seiner Mutter kannte er Ileria. Und natürlich durch das Getratsche der Wondies, welche den Hof besuchten. Ileria konnte Wonderlands Fluss eigentlich nicht verlassen. Sie war daran gebunden. Warum? Darüber gab es nur wilde Spekulationen. Aber jeder wusste mit Sicherheit, dass sie eines der mächtigsten Wesen in ganz Wonderland war. Wenn jemand dieses verfluchte Dörflein retten konnte, dann sie.

»Eure Hoheit, es ist Eile geboten, diesen Wondies muss schnellstmöglich geholfen werden. Leider stehe ich Euch nicht lange zur Verfügung, denn ich bin nur eine Projektion meiner selbst. Ich kann sie nur für kurze Zeit aufrechterhalten. Bald werde ich wieder in meinen Körper zurückkehren.«

Ihr bestimmter Ton ließ keine Fragen zu und Gilbert war sich nun der Ernsthaftigkeit der misslichen Lage der Dorfbewohner vollends bewusst. »Ich stimme Ihnen zu, wir müssen den Wondies schnellstmöglich helfen.«

Daraufhin stießen die Wondies, die immer noch in aller Seelenruhe im Halbkreis um das Wärmebecken saßen, an und Wasser schwappte aus ihren tönernen, buntverzierten Krügen.

»Der Bann kann nur mit weißbemalten roten Rosen gebrochen werden.« Der Wassergeist wusste genau, wovon er sprach. Niemand in ganz Wonderland war so weise wie Ileria.

Der Prinz stutzte jedoch. »Verzeiht, aber das ist Nonsens.«

Sogar die Wondies hinter dem Prinzen kicherten. Natürlich war Wonderland voller Absurditäten und Dingen, die keinen Sinn ergaben und nicht zu erklären waren. Es erschien den Männern jedoch etwas zu abwegig, Blumen einen neuen Anstrich zu verleihen, um das Leben anderer zu retten.

»Wir sprechen hier von metaphorischen Gewächsen.« Ilerias Gestalt leuchtete für einen Moment heller auf, als wäre sie empört über die Einfalt der anderen Wondies. »Es müssen verschiedene Phasen bewältigt werden.« Ein amüsiertes Lächeln breitete sich auf ihren feinen Lippen aus. »Darf ich es Euch anhand eines Beispiels erklären?«

Gilbert nickte, war aber über ihre Mimik verwundert. Alles an ihr spiegelte Freude und Wohlgefallen wider. Und das in solch einer Situation. »Gestattet Ihr?« Ileria schwebte zu dem Wondie, welcher sich zuvor am lautesten über ihre Worte lustig gemacht hatte, und nahm ihm das Wassergefäß ab. Daraufhin formte sie aus der sie umgebenden Helligkeit ein herrlich duftendes Gebäck.

Die Augen der Männer leuchteten auf. Der Geruch ließ sogar den Bauch des Prinzen gierig grummeln.

Sie reichte dem Mann das noch immer dampfende Teilchen, der es dankend entgegennahm und hektisch in seinen Mund stopfte.

Die anderen zwei Wondies starrten ihn eifersüchtig an, bis einer von ihnen sich auf den mampfenden Kumpanen stürzte. Der verbleibende folgte seinem Beispiel und eine wilde Rangelei mit vielen Schlägen und Hieben begann.

Gilbert wollte einschreiten, aber Ileria bedeutete ihm abzuwarten. Ein Grinsen zierte ihr Gesicht.

»Nun tut doch etwas«, schnauzte der Prinz sie ungläubig an.

Aber Ileria unternahm nichts. Sie stand da und beobachtete gespannt das Gerangel.

Als er einen Knochen brechen hörte, genügte es Gilbert und er zerrte die zwei Wondies von dem sich vor Schmerzen krümmenden Mann herunter.

Nachdem den Kampfwütigen bewusst wurde, wer ihren Disput beendet hatte, hielten sie inne. Schamesröte breitete sich auf ihren Wangen aus.

»Was fällt euch ein, euren Kammeraden zu attackieren? Hättet ihr die Dame um Essen gebeten, hätte sie euch vermutlich auch etwas angeboten, ihr Narren.«

Niemand traute sich, dem Prinzen in die Augen zu sehen. Einer der Männer brachte schließlich den Mut auf, dem verletzten Wondie auf die Beine zu helfen und ihn vor das Wärmebecken zu setzen. Seine Augen waren geschwollen, eine Wunde prangte auf der lädierten Wange, die Lippen waren aufgeplatzt und sein Arm war in einem unnatürlichen Winkel gebeugt.

Dann entschuldigten sie sich bei ihrem Freund für ihre Torheit. Es war für die Kumpanen ein langer Weg gewesen und sie hatten seit über einem Tag nichts Essbares mehr zu sich genommen. Nach einer kurzen Unterredung verzieh er ihnen sogar. Sein Egoismus und unüberlegtes Handeln waren dem Verletzten selbst peinlich, also entschuldigte auch er sich bei ihnen.

Ileria applaudierte der Szene. »Seht Ihr, Prinz? Ihr wurdet soeben Zeuge einer weißbemalten roten Rose.«

Gilbert verstand immer noch nicht.

»Die rote Rose ist ein Symbol für Liebe und Verlangen. Für etwas durch und durch Positives. Aber irgendwann kommt es immer zu einem Konflikt. Man sollte stets versuchen, das Dilemma wieder zu bereinigen. Hat man das geschafft, erhält man seine persönliche weiße Rose. Eine durch und durch gute Rose.« Dann schenkte sie dem Prinzen ein Lächeln.

»Das ist ja alles schön und gut. Aber was hat das bitte mit der Vorführung von gerade eben zu tun? Oder, noch wichtiger, mit den verfluchten Wondies?«

»Denkt noch einmal darüber nach. Seine rote Rose«, sie deutete auf den Mann mit den Schrammen im Gesicht, »war es, endlich Essen in den Händen zu halten, nachdem er ohne Proviant auskommen musste. Als er den ersten Bissen tat, war er der glücklichste Wondie. Doch der Konflikt hat nicht lange auf sich warten lassen. Seine Mitstreiter wurden verständlicherweise eifersüchtig und wütend über seinen Egoismus. Ihre Freundschaft war sogar für einen kurzen Moment gefährdet. Nicht wahr?«

Die Wondies nickten wie hörige Hunde.

Ileria stand hinter den Männern und streichelte jedem Einzelnen behutsam über die Schultern, ehe sie wieder in eleganten Schritten auf den Prinzen zuging. »Sobald sie ihren Fehler verstanden, rauften sie sich zusammen und stärkten ihre Freundschaft somit vielleicht sogar. Das ist die weiße Rose. Sie werden sich treuer sein als je zuvor.«

Das war wohl zu euphorisch ausgedrückt, aber Gilbert verstand.

»Jeder dieser Dorfbewohner ist in seinem eigenen Traum gefangen. Doch sie wissen nicht, dass sie träumen. Sie werden gerade alle mit ihren roten Rosen belohnt. Es muss allerdings unbedingt schnell zu einem Konflikt kommen, damit sie durch ihre weiße Rose wieder in die Realität zurückfinden.«

Der Prinz stutzte. »Aber wie sollen sie wissen, wie sie aus ihrem eigenen Traum herauskommen?«

Die anderen Männer stellten wilde Theorien auf, wobei eine stumpfsinniger als die andere war.

»Ich werde Euch dabei helfen. Eure Mutter wird morgen einen Trank von mir abholen, der Euch selbst in einen Traum versetzt. Darin müsst Ihr Eure eigene rote Rose weiß bemalen. Dann wird sich eine Tür öffnen und Ihr werdet in den Traum eines schlafenden Wondies gelangen, um diesem dann zu helfen. Dabei muss in der Wirklichkeit durch eine anhaltende Berührung des Opfers und des Helfers eine Verbindung geschaffen werden. Der Kontakt darf unter keinen Umständen unterbrochen werden, sonst könntet Ihr Euch selbst verlieren.« Nachdem Ileria geendet hatte, verblasste ihr Leuchten. Und mit ihm sie selbst.

»Dass ihr so was vom Volk geheim halten konntet …« Ich schüttelte meinen Kopf und hob beeindruckt die Augenbrauen.

»Und es wurde nie eine Verbindung unterbrochen und ihr konntet tatsächlich alle retten?« Al ballte unruhig die Hände immer wieder zu Fäusten.

Hettie, die neben ihrer schlafenden Tochter saß und deren Hand hielt, presste die Lippen aufeinander.

Xander erhob sich, streichelte ihr behutsam den Rücken und küsste ihren Scheitel. Dann gesellte er sich zu uns.

»Wir werden auf euch achtgeben, damit die Verbindung nicht getrennt wird.« Er sah mir ganz tief in die Augen.

Wenn etwas schiefgehen würde, würde er seinen Sohn verlieren. Seine Liebe würde dann nicht nur um ihre enthauptete Schwester und die im Traum verlorene Mad trauern, sondern gleich um zwei in einer Traumwelt verschwundene Töchter.

Ich folgte seinem Blick zu Het und die Schuld an Hearts Tod schnürte mir den Brustkorb zu.

»Vater.« Al fuhr sich mit den Händen durch sein Haar.

»Ich weiß, mein Sohn. Ich bin stolz auf dich.« Dann drückte Xander ihn kurz und fest, aber Al wirkte distanziert.

So wie die beiden nebeneinanderstanden, erkannte man deutlich, dass sie Vater und Sohn waren. Die gleichen kantigen und doch weichen Gesichtszüge. Der gleiche kämpferische Ausdruck in den Augen. Ob Al Xander in der Zeit, in der ich meine Wunden von dem Kampf mit Heart gesäubert hatte, erklärt hatte, woher wir uns kannten? Und warum Al nun auch in Wonderland und dem ganzen Schlamassel steckte? Was hätte Xander wohl gesagt, wenn er gewusst hätte, dass Al sich für mich geopfert hatte, als der seelenlose Gilbert sein Schwert auf mich niedersausen lassen hatte. Das musste Xander aber nie erfahren, da ich die Zeit zurückgedreht hatte und es eigentlich nie geschehen war.

Außerdem war ich mir sicher, dass Al nicht genug Zeit mit ihm gehabt hatte, um ihm alles zu erzählen. Sonst würde er wohl kaum seinen einzigen Sohn mit einer halben Hülle und dem Spross der bösen Königin auf eine gefährliche Mission schicken.

Auch wenn Al und Gil miteinander verwandt waren, würde das Xander nicht ruhiger schlafen lassen. Gerade die Geschichte zwischen White und seinem Halbbruder, König Heart, zeigte, dass die gleiche Blutlinie ebenso Krieg bedeuten konnte.

Ob Heart gewusst hatte, dass in Als Adern, den Adern des Eindringlings, das Blut ihres verstorbenen Mannes floss?

Heart. Die enthauptete Königin. Sogleich musste ich an den Kampf mit ihr denken. »Hast du schon einmal überlegt, wo wir seit dem Tod des Königs die Magie hernehmen, um die Grenze zu stärken?!«, hatte sie mir vor ihrer selbst herbeigeführten Enthauptung entgegengespuckt.

Ich musste unbedingt mit jemandem darüber reden. »Ice, kann ich dich einen kurzen Moment sprechen?«

Al runzelte die Stirn.

»Nein, entschuldige. Ich meinte Xander.«

Gil gab mir durch einen drängenden Blick zu verstehen, dass wir nicht viel Zeit hatten.

Xander führte mich sachte mit einer Hand auf meinem unverletzten Arm vor die Tür des Kellerraumes.

»Ich habe Heart nicht getötet. Das glaubst du mir doch, oder?« Meine Stimme war leise und brüchig gewesen, da ich darum kämpfte, nicht die Fassung zu verlieren.

»Ja, natürlich. Man konnte es an der herunterhängenden Axt erkennen und du warst viel zu weit weg von ihr zu einer Salzsäule erstarrt.« Er legte beide Hände auf meine Schultern. »Und deine Mutter weiß es auch tief in sich drin. Sobald ihr zurück seid, werdet ihr ein klärendes Gespräch führen. Solange werde ich sie darauf vorbereiten.«

»Ich danke dir. Wirklich.« Traurig lächelte ich ihn an. »Aber da gibt es noch etwas, das ihr wissen solltet. Kurz bevor die Königin –« Mir versagte die Stimme und ich räusperte mich kurz. »… bevor sie … Du weißt schon … Da wollte sie noch etwas über die Energie erzählen, die die Grenzen aufrechterhält.«

»Was meinst du?«

»Ich warf ihr vor, die gesammelte Energie aus den Essenzen als Waffe gegen Mirror einsetzen zu wollen. Dann meinte sie, vielleicht sei gar nicht sie die Böse, und fragte mich, ob ich wisse, was die Grenzen schützt.«

Er sah mich nachdenklich an.

»Xander, könnte es sein, dass sie die Magie zur Kräftigung der Grenzen verwendet hat und nicht dazu, um White und Mirror anzugreifen? Hat sie nur Wonderland beschützt?«

»Ich bin ganz ehrlich. Mich würde es zumindest nicht wundern, wenn Rab White in dem Bezug gelogen hätte. Vielleicht hat er sogar darauf abgezielt, dass ich ihr bei der Ausführung meines Auftrags das Handwerk lege.« Xander nahm seine Hände von mir und fasste sich an die Stirn. »Ich Idiot. Natürlich. Ich hätte sein einziges Hindernis, mit einer Armee nach Wonderland zu kommen, beseitigt.«

»Nur dass du es nicht getan hast. Sondern ich.« Ich alleine hatte den Krieg überhaupt erst möglich gemacht, indem ich versucht hatte ihn zu vermeiden. »Ganz Wonderland könnte jetzt ohne Schutz sein. Aber wir müssen uns zuerst um Maddie kümmern.«

»Sorg du dich um deine Schwester. Den Rest werden Het und ich schon irgendwie regeln. Gilbert hat uns bereits gesagt, an wen wir uns wenden müssen. Uns wird sicher auch etwas einfallen, wie wir das Verschwinden der Königin vertuschen können. Danach sind die Grenzen dran. Und wahrscheinlich habt ihr es bis dahin zurückgeschafft und könnt uns bei allem Weiteren helfen.« Er verschränkte die Hände locker hinter seinem Rücken und schenkte mir ein schiefes Lächeln. Nichts erinnerte mehr an den Mann, der noch vor wenigen Tagen mein Leben hatte beenden wollen.

»Cat, wir müssen anfangen. Verschiebt doch bitte euer Teekränzchen auf später«, drängelte Gil.

Xander hielt mich zurück, als ich zu den anderen gehen wollte. »Ach, und Cat? Später wirst du mir bitte noch erzählen, woher du meinen Sohn kennst, ja?«, sagte er in ernstem Ton, zwinkerte aber.

Ich nahm an, er wollte mir damit die Hoffnung auf ein Später geben.

Wir werden das schaffen.

Immerhin hatten wir den Irrgarten überlebt. Einen Traum zu meistern, müsste doch ein Leichtes für uns sein.

Wir stießen wieder zu den anderen. Mittlerweile lag meine Schwester in der Mitte des Raumes. Ihre blauen Haare bedeckten ihre Brust, die sich friedlich hob und senkte.

Das rief in mir die Erinnerung an den Moment wach, in dem sie mit aufgeschlitztem Oberkörper dagelegen hatte. Die Augen leblos, aber immer noch vor Schock weit aufgerissen.

Das ist nie passiert. Ich habe die Zeit zurückgedreht.

Nur um Mad danach wieder in Gefahr zu bringen. Ich hatte ihr die Traumkräuter verabreicht.

Aber Mad lebte noch und ich konnte sie retten.

»… und grub in der Wies. Ganz elend war’s dem Vogel mit der Fratz und auch die traurige Sau, die schrie«, murmelte Hettie neben Mad. Ein Gedicht, das sie uns früher immer vorgelesen hatte.

Ein Räuspern von Xander riss mich aus meiner Starre.

Ich sah, dass Gil zu Mads Rechten und Al zu ihrer Linken Platz genommen hatten und bereits je eine von Mads Händen umfassten. Instinktiv setzte ich mich neben den Prinzen und er ließ drei Finger von Mad los, sodass ich diese greifen konnte.

Als schneeweiße Augen blitzten für einen klitzekleinen Moment verletzt auf. Warum ich mich so schnell für Gilberts Seite entschieden hatte, wusste ich nicht.

Der Prinz reichte mir eine Phiole mit der klaren orangenen Flüssigkeit und drehte mir den Rücken zu. »Trinkt sie in einem Zug leer und legt euch dann bequem hin. Euch wird kurz schwindelig sein, aber ihr werdet nicht einmal merken, wie ihr die Augen schließt.« Gil händigte das übrige Fläschchen Al aus. »Und macht euch keinen Druck. Jeder hat in seinem Traum ein anderes Zeitempfinden. Egal, wie viele Tage ihr erlebt, wir werden gleichzeitig wieder aufeinandertreffen.«

»Na dann.« Al nickte uns zu, zog den Korken mit dem Mund aus der Phiole und trank sie leer. Er warf sie zur Seite und legte sich parallel zu Mad hin. Immer noch ihre schlaffe Hand fest in seiner. »Bis bald«, schob er zögerlich hinterher.

Xander setzte sich neben ihn und sah ihn mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut an.

Wünschte ich mir auch eine Geste der Anerkennung von Het?

Ja.

Kam sie auf mich zu?

Nein.

Sie lehnte mittlerweile an der kahlen Wand und stierte ausdruckslos zu uns.

Ich sah von Hettie weg und Gil an. Der Prinz nickte mir zu. Gleichzeitig entkorkten wir die Phiolen und kippten den Inhalt in einem Zug hinunter. Die Flüssigkeit schmeckte nicht wie erwartet fruchtig, sondern bitter und sauer zugleich.

Gil legte sich hin und ich schaute noch einmal in die Gesichter um mich. Dann drehte sich alles. Erst langsam, dann immer schneller.

Ich merkte noch, dass ich meinen Kopf auf Gils Schulter bettete und er das Gleiche bei mir tat. Unsere Ohren trennte nicht mal mehr ein Zentimeter.

»Wir schaffen das, Kätzchen.«

Ich wollte noch etwas erwidern, aber da fiel ich schon in das Land der Träume.

Ein nervtötendes Piepen weckte mich. Ich wollte meine Augen aufzwingen, doch sie hielten zusammen wie zugeklebt. Als ich den Kampf gewann, war alles, was ich sah, weiß. Die Welt war in Watte gehüllt. Reflexartig wollte ich schlucken, doch etwas hinderte mich daran. Tränen liefen mir über die Wangen. Das Gefühl in meinem Hals war schrecklich unangenehm. Ich wollte meine Hände zu meinem Gesicht heben, doch auch das gelang mir nicht. Etwas fesselte meine Arme.

Was geschieht mit mir?

Ich zappelte wild. Fühlte mich wie eine Gefangene in meinem eigenen Körper.

Wollte nicht mehr eingeengt sein.

Wollte mehr sehen.

Wollte atmen.

»Dr. White! Piept Dr. White an«, hörte ich eine Frauenstimme rufen. Sie gehörte jemandem, der mit leichtem Druck erst über meine Arme strich und dann an meinen Schultern kreisende Bewegungen machte. »Kleine, du musst jetzt ganz ruhig bleiben. Kannst du das?«

Nein, das kann ich nicht!

Ich zappelte wie verrückt weiter. Mein ganzes Gesicht fühlte sich kühl und nass von meinen Tränen an.

»Hör zu! Hör zu. Mein Name ist Steph und du bist im Krankenhaus. Je weniger du dich bewegst, desto weniger unangenehm ist es für dich. Du hast einen Schlauch zum Atmen in deinem Hals. Dr. White ist sofort da, um ihn dir zu entfernen. Bitte beruhige dich.«

Da mir langsam die Kraft fehlte, ergab ich mich. Alle Anspannung wich von mir und meine Augen schlossen sich wieder. Aber nicht freiwillig.

»Aufwachen, Liebes.« Eine Hand berührte ganz sachte meine Wange und strich dann über meine Stirn.

Ich zwang mich, erneut die Lider zu öffnen. Mein Blick traf eine weiße Decke. Da fiel mir wieder ein, was mir gerade passiert war. Ich testete das Schlucken – und es funktionierte. Mein Hals fühlte sich wie ein Reibeisen an, aber es war nicht mit meinen ersten Versuchen zu vergleichen. Leicht hob ich meine Arme an. Sie waren nicht mehr gefesselt, es war lediglich noch ein Schlauch an einem befestigt.

»Cathrine, alles wird gut«, murmelte eine unbekannte Stimme beruhigend. »John, ruf eine Schwester.«

Kraftlos versuchte ich mich aufzurichten, um zu sehen, wer dort sprach. Hände halfen mir dabei.

Fremde Hände.

Dann erkannte ich, dass eine Frau mittleren Alters auf meinem Bett saß. Ich schielte die Fremde an.

Sie musste meinen verwirrten Blick aufgefangen haben und versuchte etwas zu erklären, stammelte aber nur Worte ohne Zusammenhang.

Gerade als sie zu einem erneuten Versuch ansetzte, kam ein Mann, der ungefähr so alt wie die Person neben mir war, mit einer weißgekleideten Frau herein.

Diese steuerte direkt auf mich zu, sah aber die Erwachsenen neben mir an. »Sehr gut, sie ist wach. Machen Sie sich keine Sorgen, viele sind anfangs orientierungslos.« Dann drückte sie Knöpfe auf einer Fernbedienung und das Kopfteil meines Bettes bewegte sich so, dass ich in einer aufrechten Position saß. »Hallo, Cathrine. Ich bin Schwester Steph. Wie fühlst du dich?« Sanft rieb sie meine Schulter, drehte mit der anderen Hand an einem Rädchen unter einem Beutel mit Flüssigkeit, der mit dem Schlauch in meinem Arm verbunden war. »Ich erhöhe deine Schmerzmitteldosis.«

Steph, oder Schwester Steph, hatte ihre dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Der schräge Pony hing ihr über die Augen.

»Also, wie geht es dir?« Mit den Armen in die Hüften gestemmt stand sie fordernd vor mir.

»Ähm, ganz okay, schätze ich.« Mein Hals hatte beim Sprechen noch mehr wehgetan und meine Stimme war schwach und kratzig gewesen.

Die unbekannte Frau, die neben meinem Bett saß, brach in lautes Schluchzen aus und legte ihren Oberkörper auf meinem Bauch ab.

Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte, also schaute ich Hilfe suchend zu Schwester Steph.

»Wie wäre es, wenn Sie Ihrer Tochter Eiswürfel zum Lutschen holen? Das würde ihrem Hals guttun«, sagte sie zu dem Häufchen Elend auf mir, ging um das Bett herum und führte die beiden aus dem Zimmer.

»Du musst ganz schön verwirrt sein«, sagte Schwester Steph sanft, nachdem sie wieder zu mir gekommen war.

Ja. Und das ist eine gewaltige Untertreibung.

Ich nickte, um meinen schmerzenden Hals zu schonen.

»Normalerweise ist es die Aufgabe deines Arztes, dich aufzuklären, doch Dr. White ist im Moment noch verhindert. Er wird dir später vermutlich noch einmal dasselbe erzählen. Tu aber bitte mir zuliebe dann so, als wäre alles neu für dich, okay?« Sie holte einen Stuhl von der Sitzecke, die sich rechts von meinem Bett befand, und setzte sich neben mich. »Soweit ich weiß, bist du gestürzt und mit dem Kopf auf einem Stein gelandet. Durch den Aufprall warst du zwei Tage ohne Bewusstsein. Dabei hattest du Atemaussetzer und wir mussten dich zur Sicherheit mit diesem Schlauch beatmen. Aber du hattest Glück, dass keine Operation nötig war.«

Welcher Sturz?

Ich versuchte mich an etwas vor meinem schrägen Erwachen zu erinnern.

»Jemand meinte, du wärst mit Freunden unterwegs gewesen«, sagte Schwester Steph langsam. »Am alten Steinbruch.«

Was für ein Steinbruch? Wir sind doch im Schloss. Und in Wonderland gibt es auch nichts, was sich ein Krankenhaus nennt. Wo bin ich gelandet?

Die Schwester rückte ein bisschen näher und lächelte. »Es ist völlig in Ordnung, dass du dich vorerst an nichts davon erinnern kannst. Das ist bei derartigen Kopfverletzungen nicht unüblich.«

»Wo genau bin ich hier eigentlich?«

»Du bist im Countess of Chester Hospital. Möchtest du, dass ich deine Eltern wieder hereinlasse?«

Chester? Chester in Cheshire? Die Grafschaft, aus der ich als Dreijährige nach Wonderland übergegangen war?

Moment. Eltern? Ich habe nur Hettie und Mad.

Mad. Wegen ihr bin ich doch hier.

Der Traum.

Ich lachte auf.

Schwester Steph sah mich verwundert an. »Möchtest du, dass ich deine Mutter und deinen Vater wieder dazuhole?«

»Nein, Sie verstehen da etwas falsch. Ich habe nur eine Mutter. Und das ist nicht die Frau, die vorhin hier war.«

»Ich verstehe nicht. Die Jungs, die den Krankenwagen gerufen haben, haben auch deine Eltern informiert.«

»Sie haben irgendjemanden informiert. Aber gewiss nicht meine Eltern. Das Durcheinander liegt nur daran, dass das hier nicht real ist. Ich muss meine rote Rose weiß bemalen, dann bin ich hier auch schon wieder weg.«

»Vermutlich ist es doch besser, wenn ich den Chefarzt mit dir reden lasse. Kopf hoch, das wird schon.« Dann rutschte sie zögernd mit dem Stuhl nach hinten und ging aus dem Zimmer.

Ich fürchtete schon, dass die weinende Frau sofort wieder zu mir stürzen würde, doch ich wurde für den Augenblick alleine gelassen.

Auf einem kleinen Tischchen neben meinem Bett stand ein Spiegel, den ich mit schwachen Händen vor mich hielt. Ich erwartete, meine roten Augen und weißen Haare mit ihren blutroten Spitzen zu sehen. Aber ich wurde enttäuscht. Doch so unbekannt das Bild vor mir auch war, es erinnerte mich an etwas. Mein Haar war länger und weißblond gelockt. Obwohl ich sonst auch nicht viel Farbe im Gesicht hatte, kam ich mir noch blasser als üblich vor. Ich schloss die nun grünen Augen und versuchte irgendeine Erinnerung heraufzubeschwören.

Ein Klopfen an der Tür riss mich sofort wieder aus meinen Gedanken.

Ein älterer Mann mit weißen Haaren und einer hageren Statur kam mit der Heulsuse und dem Mann – John - von vorhin herein. Obwohl der Weißhaarige sicherlich schon an die sechzig war, war er attraktiv. Mit dem Schnauzer, der an den Enden nach oben gezwirbelt war, erinnerte er mich an ein Kaninchen. Die großen Augen unterstützten diesen Eindruck.

»Hallo, Cathrine. Ich bin Dr. White, dein behandelnder Arzt.«

Dr. White. Dr. White, der mich an einen Hasen erinnerte.

Er reichte mir die Hand. »Sie wurden mit einer kleinen Kopfverletzung hier eingeliefert. Glücklicherweise war diese nicht allzu gravierend, sodass Sie Ihre Lockenpracht behalten durften.«

Erwartete das Kaninchen darauf ernsthaft eine Reaktion? Das hier war immerhin mein Traum. Wenn ich wollte, konnte ich doch einfach aufstehen und hinausspazieren. Ich versuchte, ein Bein aus dem Bett zu schwingen, doch eine unsichtbare Macht hinderte mich daran.

»Was uns mehr Sorgen bereitet hat, war Ihre Bewusstlosigkeit über die letzten Tage. Zwei kleine Atemaussetzer waren auch dabei. Ich werde ein paar Tests veranlassen.«

Die Frau, meine angebliche Mutter, schluchzte schon wieder in ihre Hände, woraufhin der große braunhaarige Mann sie nach draußen führte.

»Ich bin ehrlich zu Ihnen. Es ist häufig so, dass einem viele Sachen, die man vor solch einem Sturz erlebt hat, nicht gleich wieder in Erinnerung kommen. Auch ist eine leichte Verwirrung normal. Aber Schwester Steph hat sich besorgt über Ihre Äußerung bezüglich … Wie sagte sie? … bemalten Rosen gezeigt. Würden Sie mir das noch einmal erklären?«

Es ist schließlich mein Traum.

Warum also nicht, Dr. Kaninchen?

»Das hier ist nicht die Realität. Ich muss eine Aufgabe erledigen, um meiner Schwester zu helfen. Dazu soll ich rote Rosen weiß bemalen.« Ich hielt inne, als ich ein Gemälde an der rechten Wand erblickte. Der einzige Farbtupfer in diesem weißen Raum. Das Bild zeigte eine einzige rote Rose.

Einen Versuch ist es wert.

»Sagen Sie, Doktor. Sie haben nicht zufällig weiße Farbe übrig?«

»Wie bitte?«

»Ich würde gerne dieser Rose einen Anstrich verpassen.«

Die Miene des Doktors blieb unverändert, bis auf ein Zucken in seinem Auge.

»Nein, ich weiß, das wäre zu einfach. Eine Metapher, hat Gil gesagt«, murmelte ich und ignorierte den Arzt. »Warum sehe ich anders aus? Ich habe die gleichen Haare wie … Ja! Wie vor kurzer Zeit, als der Irrgarten mich an den Steinbruch befördert hatte. Da haben Mad, Gilbert und Al, den dort alle Alex genannt haben, einen Nachmittag mit mir verbracht. Wir schwammen in dem kleinen See. Amüsierten uns. Ich war glücklich mit Gil zusammen und Mads war in Al … Alex verknallt.« Vor Aufregung über die zurückkehrenden Erinnerungen zitterte ich und stemmte mich in eine noch aufrechtere Position. »Nachdem Mad und Gil mich mit Al … Alex alleine gelassen hatten, hat Alex mir seine Liebe gestanden. Ich sei sein persönlicher Irrgarten, hat er gesagt.« Bei der Erinnerung daran musste ich grinsen.

»Erzählen Sie ruhig weiter.«

Ich zuckte zusammen. Dr. Kaninchen hatte ich völlig ausgeblendet. Wärme schoss mir in die blassen Wangen. »Nichts weiter.« Ich würde nicht laut aussprechen, dass Gil und Mad mich und Al … nein … mich und Alex bei einer sehr eindeutigen Angelegenheit überrascht hatten. Dass Gil Alex verprügelt und mich dabei erwischt hatte.

Für kurze Zeit konnte ich ein normales Leben genießen, dann hat Gil mich ins Krankenhaus befördert. Und mein Traum setzt genau da ein?

Ich hatte meine rote Rose schon.

Ich war einmal glücklich.

Verdammt!

Dr. White räusperte sich leise, sein Blick blieb jedoch weiter professionell. »Sie können sich also an den Unfallhergang erinnern?«

»Unfallhergang«, äffte ich ihn nach. »Wenn einer Schuld hat, dann der Irrgarten.«

Er nickte und schrieb etwas auf sein Klemmbrett. »Irrgarten, sagen Sie?«

»Ja. Die einzige Möglichkeit, außer durch ein Portal zum königlichen Schloss zu gelangen. Wonderland hält immer eine Überraschung bereit.«

»Ein Irrgarten in Wonderland also. Interessant. Sie sprechen erst von Chesters Steinbruch, dann aber von einem Wonderland. Was ist für Sie real, wenn Sie mir die Frage gestatten?« Der Doktor schob seine Brille, die ihm nach vorne gerutscht war, wieder an ihren Platz zurück.

»Wonderland. Dort komme ich her. Der Steinbruch und das hier ist nur Träumerei.«

»Sie denken also nicht, dass Sie mit ihren Eltern am Stadtrand von Chester wohnen?«

»Nein. Ich weiß, dass es anders ist. Und es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie nicht weiter versuchen würden, mir etwas anderes einzureden. Immerhin sind auch Sie nur ein Traumgebilde.«

»Ich bin also ein Traumgebilde?«

»Passen Sie auf, Dr. Kanin–« Ich massiere mir mit den Daumen die pochende Stirn. »Dr. White. Es liegt nicht nur daran, dass ich generell eine Abneigung gegen den Namen White habe, aber Ihr spöttischer Unterton gefällt mir gar nicht.«

»Ich würde mich niemals erdreisten, über einen meiner Patienten zu spotten. Wenn Sie nach den Untersuchungen immer noch der Meinung sind, dass Sie aus einem nicht realen Land stammen, dann sehe ich mich gezwungen, Sie ein Stockwerk nach weiter oben zu verlegen. Und glauben Sie mir, das wollen weder Sie noch ich.«

»Doktor, wir können das alles verkürzen. Mir geht es bestens«, sagte ich mit rauer Stimme. Ein Hustenanfall überkam mich. Ausgerechnet in diesem Moment.

Dr. White reichte mir kommentarlos den Becher mit Eiswürfeln, wovon ich mir gleich einen in den Mund steckte. Meine Kehle begrüßte die Kälte.

»Danke«, nuschelte ich. »Können Sie diese Geräte hier nicht einpacken und ich nehme sie mit nach Hause?«

In seinem Gesicht zeigte sich doch endlich eine Regung. Sie war nur winzig, aber ich konnte beobachten, wie er die rechte Augenbraue einen Millimeter nach oben hob. Er schaute kurz von seinen Notizen auf und kniff die Augen ein wenig zusammen. Seine Lippen aufeinandergepresst nickte er und stand auf.

Dann ließ er mich so zurück.

In dem weißen Raum.

Alleine.

Der Tag verging schnell. Grund dafür waren die verordneten Tests, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Ich wollte sie verweigern und dachte, mit genug Willensstärke könnte ich den Traum auch lenken. Aber da war nichts zu machen. Nach der letzten Untersuchung musste mein Kopfkissen deshalb als Boxsack herhalten, nur so konnte ich meinen Frust über die Situation abbauen.

Laut Dr. Kaninchen waren alle Untersuchungen ohne bedenkliche Befunde. Auch weil ich mich bei einem psychologischen Gutachten verstellt und genau das erzählt hatte, was sie von mir erwarteten, durfte ich noch am selben Abend das Krankenhaus verlassen.

Darüber stritten sich die Erwachsenen. Die hysterische Frau und ihr Mann waren der Meinung, ich wäre unmöglich so weit, schon ohne ärztliche Aufsicht zu sein, und warfen dem Krankenhaus vor, dass man nur das Bett freibekommen wolle. Die Diskussion brachte jedoch nichts, denn angeblich ging es mir gut.

Allerdings war ich auf der Seite meiner Erziehungsberechtigten. Mir pochte der Kopf an der verletzten Stelle. Zudem konnte ich mich nur schwer auf den Beinen halten, doch ich wurde von Dr. Kaninchen gezwungen weiterzulaufen, da ich mich wieder an das längere Gehen und Stehen gewöhnen sollte.

Und zur Krönung wurde ich den Fremden mitgegeben. Meinen angeblichen Eltern. John und Jane, wie ich in der Zeit zwischen den Untersuchungen herausgefunden hatte. Mein vermeintlicher Vater war Steuerberater und die Heulsuse, die sich als meine Mutter ausgab, Hausfrau. Das bedeutete, solange mir Bettruhe verordnet war, würde sie die ganze Zeit um mich herumschwänzeln. Ich betete, dass mich jemand auf dem Nachhauseweg entführen würde. Vorzugsweise nach Wonderland. Ich würde es keine fünf Minuten alleine mit ihr aushalten.

Als ich gerade widerwillig in das Monster von Auto einsteigen wollte, hörte ich atemlose Rufe hinter uns, und wir drehten uns gleichzeitig um.

Es war Schwester Steph, die nach Luft schnappend direkt vor mir hielt. »Da joggt man jeden Tag und wenn es einmal drauf ankommt …« Der Rest ging in Keuchen unter.

Sie konnte nicht viel älter sein als ich. Aber vielleicht lag es auch nur an ihren jungen Gesichtszügen und ihrer Größe, denn sie war einen ganzen Kopf kleiner.

Sie zog mich mit sich, weg von meinen sogenannten Eltern. »Cathrine, es tut mir so leid, dass ich einfach verschwunden bin. Ich war hin- und hergerissen, ob ich meinem Vater von deiner konfusen Erzählung berichten sollte. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«

»Schwester Steph, das ist wirklich nett.« Auch wenn ich mit der Gesamtsituation überfordert war, dankte ich ihr stumm für ihre nette Geste.

Einen Moment lang erinnerte sie mich an Mad.

Ich vermisste meine Schwester.

»Das muss ganz schön doof klingen, aber pass auf.« Sie griff nach meiner Hand und zückte einen schwarzen Stift. »Ich habe gehört, dass Dr. White dich dazu verdonnert hat, jeden zweiten Tag in die Klinik zu kommen, um mit unserer Psychologin zu sprechen. Wenn du aber mit jemand anderem reden möchtest, der kein Weißkittel ist, ruf mich bitte an.« Dann kitzelte der Stift auch schon meinen Handrücken.

»Das ist nett von dir gemeint –«

»Okay, das muss jetzt seltsam für dich geklungen haben«, unterbrach sie mich. »Ich denke, es wäre für dich hilfreicher, im Moment mit … Gleichgesinnten zu quatschen. Ich betreue eine Gruppe. Dort gibt es Leute, die dich verstehen könnten. Dich mit ihnen zu unterhalten, würde dir bestimmt helfen.« Sie schenkte mir ein aufrichtiges Lächeln und winkte meinen Erziehungsberechtigten zu. Zum Abschied umarmte sie mich sogar.

Bevor ich mich bei ihr bedanken konnte, war sie auch schon wieder weg.

Jane verfrachtete mich danach sofort in das bordeauxrote Ungetüm von Auto und John startete den Wagen.

»Was wollte sie?«, hakte Jane nach.

»Zerbrecht euch nicht den Kopf darüber.«

Meine Antwort schien nicht gerade Begeisterung auszulösen, denn Jane schüttelte den Kopf und John stieß ein Schnauben aus. Aber was erwarteten sie bitte von mir? Ich kannte diese Leute nicht und sie fuhren direkt zu einem Ort, an dem ich laut Dr. White für einige Wochen festgehalten werden sollte. Die Schule durfte ich erst wieder besuchen, wenn meine angeblich fehlenden Erinnerungen zurückkehrten. Aber das Wichtigste war seiner Meinung nach, dass ich Wonderland aus meinem Gedächtnis verbannte, da dieses natürlich nicht existierte.

Und wie es existiert.

Ich hatte ihm kaum etwas über Wonderland erzählt und trotzdem hatte er sich schon eine Meinung gebildet.

Um überhaupt entlassen zu werden, hatte ich mein ganzes Wissen über die Menschwelt einsetzen müssen, das ich durch die schwache Stelle in der Grenze bisher hatte sammeln können. Obwohl ich noch nie ein Krankenhaus von innen gesehen hatte, kannte ich Ärzte und wusste in etwa, was sie taten.

Konnte man sich in einem Traum wirklich Neues einbilden? Waren es meine Erinnerungen an die Menschenwelt oder belebte sich der Traum von selbst? Wo war die Grenze zum Realen? Und wer legte diese fest?

Ich starrte aus dem Fenster die vorbeirauschenden Bäume an. Sie waren so anders als in Wonderland. Ich vermisste die bunten Farben, die geschwungenen Formen und auch die Höhe der Pflanzen. Hier war die Vegetation schlicht und flach. Monoton und einheitlich. Irgendwie langweilig.

Nach einer Weile erreichten wir meine zukünftige Bleibe. Sie lag außerhalb der Stadt und, wie mir die Erwachsenen erzählten, nicht weit weg von dem Steinbruch, an dem das Unglück passiert war.

Bevor ich selbst den Versuch starten konnte, aus dem Auto zu steigen, öffnete John bereits die Autotür und reichte mir die Hand.

Nach allem, was ich in den letzten Tagen in Wonderland erlebt hatte, konnte ich über diese Geste nur abschätzig den Kopf schütteln. Immerhin hatten meine Gefährten und ich uns den Weg durch einen gefährlichen Irrgarten gebahnt, um zum königlichen Hof zu gelangen. Dort hatte ich dann gegen Königin Heart gekämpft und mit ansehen müssen, wie sie sich selbst geköpft hatte.

Aber natürlich, John. Hilf mir ruhig aus dem Wagen.

Sobald ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, begutachtete ich das Gebäude vor meiner Nase. Hinter mir hörte ich einen Springbrunnen plätschern. Ein Kieselweg schlängelte sich durch einen wunderschön bepflanzten Garten. Weiße Marmorsteine führten zu einer Treppe, die dem Aufgang zum Schlossportal glich. Das lag wahrscheinlich an dem Efeu, der das Geländer umschlang. Doch dort, wo in Wonderland das Portaltor wartete, stand hier ein pompöses Haus mit einer Fassade aus Sandstein, drei Schornsteinen und einem riesigen Balkon. Die Fensterläden bestanden aus dunklem Ebenholz. Es war sehr beeindruckend.

»Süße, alles okay?«, erkundigte sich Jane.

Ich verdrehte die Augen und verkniff mir eine bissige Antwort.