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Über einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten hat sich Sir Tom Jones in einem Geschäft über Wasser gehalten, das für seine Kurzlebigkeit berüchtigt ist. Mit einer Wucht, die aus seiner tiefen Liebe für die Musik stammt, gelang ihm der Durchbruch in der unberechenbaren Musikindustrie - er wurde zum Megastar und nahm eine ungeheure Fülle an Songs auf. Im Laufe seiner Karriere spielte Jones mit Künstlern aus allen musikalischen Genres, von Rock, Pop und Dancemusik bis hin zu Country, Blues und Soul, darunter Größen wie Elvis, Frank Sinatra, Ray Charles, Jerry Lee Lewis, Ella Fitzgerald, Stevie Wonder, Robbie Williams und Portishead. So unterschiedlich die Stile, so unverwechselbar war immer seine Stimme.
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Seitenzahl: 570
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das Buch
Über einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten hat sich Sir Tom Jones in einem Geschäft über Wasser gehalten, das für seine Kurzlebigkeit berüchtigt ist. Mit einer Wucht, die aus seiner tiefen Liebe für die Musik stammt, gelang ihm der Durchbruch in der unberechenbaren Musikindustrie - er wurde zum Megastar und nahm eine ungeheure Fülle an Songs auf. Im Laufe seiner Karriere spielte Jones mit Künstlern aus allen musikalischen Genres, von Rock, Pop und Dancemusik bis hin zu Country, Blues und Soul, darunter Größen wie Elvis, Frank Sinatra, Ray Charles, Jerry Lee Lewis, Ella Fitzgerald, Stevie Wonder, Robbie Williams und Portishead. So unterschiedlich die Stile, so unverwechselbar war immer seine Stimme.
Aber wie konnte es dazu kommen, dass ein einfacher Junge aus einer walisischen Bergarbeiterfamilie zu einer globalen Erfolgsgeschichte wurde? Und wie gelang es ihm, die Fallen und Stoplersteine des Erfolgs zu meistern und sich zum Ende der Karriere hin noch einmal neu zu erfinden?
Der Autor
Sir Tom Jones, mit bürgerlichem Namen Thomas John Woodward, wurde am 7. Juni 1940 in Pontypridd, Wales, geboren. Er stammt aus einer einfachen Bergarbeiterfamilie und versuchte früh, sich als Rhythm & Blues-Sänger einen Namen zu machen. Seinen Durchbruch schaffte er 1965 mit »It‘s not Unusual«, seiner ersten Nummer-Eins. Seither hat er weltweit über 100 Millionen Platten verkauft, auf sein Konto gehen unzählige Charthits. Im Laufe seiner Karriere hat er mit Größen wie Jerry Lee Lewis, Ella Fitzgerald, Elvis, Sinatra, Robbie Williams oder Van Morrison zusammengearbeitet.
TOM JONES
OVER THE TOP AND BACK
DIE AUTOBIOGRAFIE
Aus dem Englischen von
Lisa Kögeböhn und Johanna Wais
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Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel TOM JONES – OVER THE TOP AND BACK. THE AUTOBIOGRAPHY bei Michael Joseph, an imprint of Penguin Random House UK, London
Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Copyright © 2015 by Seconds Out Productions LLC
Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Jürgen Teipel
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München unter Verwendung von Fotos von Harry Borden
Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering
ISBN 978-3-641-18989-1V001
www.heyne.de
INHALT
Vorwort
1. Keinen blassen Schimmer
2. Das Wohnzimmer
3. Untereifrig
4. Süße Jugend
5. Krawallmacher
6. Take My Love
7. Kriegsrat
8. Ein Mantel voller Singles
9. Boxernase
10. Raus aus Wiggins Teape
11. Turbulente Zeiten
12. Klinkenputzen
13. Freund oder Feind?
14. Sprung ins Ungewisse
15. Fertig
16. Instinkt
17. Jetzt geht’s los
18. Was bin ich?
19. Eine andere Welt
20. Goldkehlchen
21. Am Puls der Zeit
22. Der Copacabana-Hit
23. Eine schlüpfrige Angelegenheit
24. Alles hat seinen Preis
25. Purer Luxus
26. Bei MAM
27. El Tigre
28. Elvis-Presley-Blues
29. Liebesgott
30. Bodyguards
31. Amerikanisches Exil
32. Karaoke-Playback
33. Irgendwo im Nirgendwo
34. Dreißig Jahre niemals nackte Ohren
35. Tom fucking Jones!
36. Bei Jimmy
37. Der Weg ins Weiße Haus
38. Musik verleiht Flügel
39. Rock’n’Roll-Queen
40. Luftveränderung
41. Elder Statesman
42. Linda
Dank
Bildnachweise
Index
Bildteil
VORWORT
Auf der Bühne, 1974.
Fangen wir nicht vorne an. Fangen wir ziemlich weit unten an.
Anfang 1983 zum Beispiel. Anfang 1983 sitze ich in einer tristen, grauen Garderobe in Framingham, Massachusetts, zweiundzwanzig Meilen westlich von Boston. An diesem Teilstück der Route 9 gab es einst vor allem Schweinefarmen und ein paar Tankstellen. Jetzt ist es als Golden Mile bekannt – Marshall’s Mall, ein Holiday Inn, ein Howard Johnson’s, eine Leuchtreklame nach der anderen am Straßenrand. »Framinghams Hauch von Vegas« nennen sie es.
Und hier bin ich also, auf dieser Golden Mile, die, wenn man ehrlich ist, weder besonders golden ist noch eine Meile lang. Hier bin ich, backstage im Chateau de Ville Dinner Theatre, Framinghams erstklassigem Veranstaltungsraum, der Platz bietet für Hochzeiten, Verkaufstagungen und den jährlichen Abschlussball der Natick High School – und heute auch für Tom Jones, internationaler Superstar und weltberühmtes Sexsymbol, der aufpassen muss, dass er nicht zu nah an den Bühnenrand tritt, weil ihn sonst der Scheinwerfer hinten im Saal wegen des dekorativen Kronleuchters nicht erwischt.
Hier sitze ich in den Achtzigern in der Garderobe eines amerikanischen Vorort-Highway-Restaurants mit Dinnershow. Glühbirnen um den Spiegel. Bühnenklamotten in Reißverschlusshüllen an einer Kleiderstange. Sandwiches und Obst unter Frischhaltefolie auf einem Plastiktisch. Eine Blumenvase, um von den fehlenden Fenstern abzulenken.
Zwei Shows pro Abend, vor einem überwiegend weißen Publikum mittleren Alters, das an Tischen sitzt und Hühnchen isst oder, wer es sich leisten kann, Surf and Turf – Meeresfrüchte mit Fleisch. Halb acht bis halb neun; duschen und umziehen; dann noch mal zehn bis elf, plus Zugaben. Danke. Danke vielmals. Gute Nacht. Danach mit dem Auto zurück nach Boston, möglichst schnell, bevor die guten Restaurants zumachen. Noch etwas zu essen und ein paar Drinks – jede Menge Drinks – und schließlich ein Hotelbett.
Und morgen das Gleiche noch mal.
Danach zieht die Karawane weiter. Hundertvierunddreißig Abende wie dieser allein im Jahr 1983: Circle Star Theatre, San Carlos; Holiday Star Theatre, Merriville, Indiana; Pine Knob Music Theatre, Clarkston, Michigan. Tom Jones: Live In Concert. Mit den Songs, die ihn berühmt gemacht haben: »It’s Not Unusual«, »What’s New Pussycat?«, »The Green, Green Grass of Home«, »Delilah«, »She’s a Lady«. Die am Ende zu einem Medley aneinandergereiht werden, weil man das bei Dinnershows eben so macht. Und dann noch »Ladies Night« von Kool and The Gang; vielleicht auch »Don’t Cry for Me Argentina« – um das Ganze aktuell zu halten, zumindest etwas.
Es ist 1983, und ich habe seit zwölf Jahren keinen Hit mehr gehabt. Zwölf Jahre! Nicht nur Sänger, ganze Musikrichtungen sind in der Zeit neu aufgekommen und wieder in der Versenkung verschwunden: Prog-Rock, Glamrock, Disco, Punkrock, Post-Punk, New Romanticism … Die Welt hat sich in Sachen Popmusik mindestens sechsmal gedreht, ohne dass ich auch nur einmal von meinen festgetretenen Pfaden abgewichen wäre.
Welcher Sänger verkauft 1983 Platten? Wer müsste man sein? Luther Vandross? Lionel Richie? Ich bin keiner von ihnen. Ich bin Tom Jones.
Nicht dass das irgendwem im Publikum in Framingham etwas ausmachen würde. Die Leute lieben mich. Wenn ich auf die Bühne komme, geht’s ab. Und wenn ich anfange zu singen, geht’s erst recht ab. Und ja, dann fliegen die Höschen. Weil das inzwischen zum Ritual geworden ist. Nicht an Ort und Stelle ausgezogen und auf die Bühne geschleudert wie früher einmal. Nein, die Dinger werden mittlerweile extra zu diesem Zweck mitgenommen und mir zugeworfen oder mir würdigend zu Füßen auf die Bühne gelegt, weil … na ja, weil man das bei einem Konzert von Tom Jones halt so macht, oder? Jeden Abend das Gleiche. Aber ich will mich gar nicht beschweren. Ich werde fürs Singen bezahlt. Werde dafür bezahlt, dass Singen mein Leben ist. Und das recht ordentlich. Außerdem bekomme ich Höschen. Es gibt schlechtere Jobs. Richtige Jobs. Ich weiß das, weil ich ein paar von ihnen gemacht habe. Das hier ist kein harter Job. Glaubt mir, das Essen nach der Framingham-Show wird erstklassig sein. In Boston werden wir es uns gutgehen lassen: Brandy, Zigarren, Champagner. Danach geht es vielleicht noch weiter in einen Nachtclub, wo es mehr von alledem gibt. »Don’t Cry for Me Argentina« passt schon. Es gibt keinen Grund für mich, Tränen zu vergießen.
Doch jetzt sehe ich mich hier im Garderobenspiegel. Glitzerndes Kurzjackett. Weit offenes weißes Hemd. Dicke silberne Halskette. Dunkle, eng anliegende Hose bis zur Taille. Gürtelschnalle von der Größe eines Gullydeckels. Schuhe mit Blockabsatz. Ein Hauch von Las Vegas zieht durch Framingham.
Zwölf Jahre ohne Hit. Das hatte ich so nicht geplant. Wenn es denn einen Plan gab. Was, wenn ich so darüber nachdenke, wohl eher nicht der Fall war.
Aber plant überhaupt irgendjemand solche Dinge? Kann man gar nicht, oder? Man kann höchstens an Bord eines abhebenden Flugzeugs klettern und dann sehen, was passiert. Und bis zum Jahr 1983 sah meine Flugbahn ungefähr so aus: erst mal fast vertikal in den Ruhmeshimmel geschossen, höher, als ich je zu hoffen gewagt hatte; seitdem bloßes Dahindümpeln. Schlimmer noch: Ich dümpelte und verlor kontinuierlich an Höhe – allerdings langsam, allmählich, im Laufe von über zehn Jahren, sodass man gar nicht merkt, wie nahe man dem Boden gekommen ist. Bis man eines Tages (zum Beispiel in der Garderobe zwischen zwei Shows in einem Highway-Restaurant in Massachusetts) den Kopf ein wenig neigt und nach unten sieht.
Zwei Fragen, damals im Chateau De Ville Dinner Theatre, Framingham, Massachusetts, im Jahr 1983. Und zwei Fragen für dieses Buch:
Erstens, wie bin ich hier gelandet?
Und zweitens, wie komme ich hier wieder raus?
KAPITEL 1
The Ed Sullivan Show, 1965.
KEINEN BLASSEN SCHIMMER
New York City, 1965. Am Set der Ed Sullivan Show stehe ich allein auf einem weißen Holzwürfel unter den heißen Studioscheinwerfern und warte auf meinen Einsatz. Es ist zwanzig Uhr an einem Sonntagabend im goldenen Zeitalter des Pop, das Schwarz-Weiß-Fernsehen liegt in den letzten Zügen. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, und drauf und dran, innerhalb von zwei Minuten Amerika zu erobern.
Ich bin kein bisschen aufgeregt – es sei denn, man zählt die Ungeduld dazu, endlich anzufangen, loszulegen, die kribbelige Vorfreude. Aber Angst habe ich keine. Selbstzweifel kenne ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Singen, das weiß mein vierundzwanzigjähriges Ich – genau wie mein Kindheits-Ich das immer zu wissen schien – ist etwas, das einfach passiert, wenn ich den Mund aufmache und loslege. Singen kann ich, das weiß ich. Und haben mir das nicht auch alle um mich herum immer wieder versichert? Es gibt nichts anderes in meinem Leben, dessen ich so absolut und unerschütterlich sicher wäre.
Und da an der Seite steht Ed Sullivan. »Und nun, meine Damen und Herren, starten wir die Show mit …« Endlose Pause. Zumindest fühlt sie sich so an – dauert ewig. Was macht er denn? Hat er meinen Namen vergessen? Nein. Er will nur die Spannung steigern. »… Tom Jones!«
Applaus, Gekreische. Die Band fängt an, und die Kamera hält drauf. Schwenkt auf mich: dunkler Anzug, das Jackett sorgfältig zugeknöpft, die Hose eng und gerade geschnitten. Weißes Hemd mit übergroßem Kragen. Chelsea Boots von Anello & Davide, genau wie die Beatles. Das Haar hinten lang, jedenfalls für die damalige Zeit, also etwas gewagt. Leicht glänzende Locken. Dicke Koteletten.
Das Set ist eine Landschaft aus weißen Boxen verschiedener Größe. Beim Singen muss ich einen Parcours zurücklegen, den der Regisseur zuvor sorgfältig aufgezeichnet hat. Von einer Box runter und rauf auf die nächste – was die Wahrscheinlichkeit erhöht, mit dem falschen Fuß aufzutreten und vor ein paar hundert Leuten im Studio und fünfzehn Millionen Amerikanern, die von zu Hause zuschauen, zwischen zerborstenem Sperrholz zu Boden zu gehen. Aber Risiken gibt’s überall, und ich bin jung, ambitioniert und mehr als gewillt, sie einzugehen.
Außerdem kenne ich diese Boxen und Bewegungsabläufe inzwischen im Schlaf. Ich habe eine ganze Woche Proben hinter mir – ein Durchgang nach dem anderen in einer riesigen Lagerhalle in der Innenstadt, einem Raum, der so groß ist, dass ich und die Mitglieder einer Band namens Ruby and the Romantics, die ebenfalls in der Show auftreten, in den Pausen anfangen, ein neuartiges Plastikding mit dem Namen Frisbee hin und her zu werfen. Vor meinem Rückflug werde ich einen Laden suchen, der Frisbees verkauft, und ein Exemplar mit nach Wales nehmen, für Mark, meinen achtjährigen Sohn.
Die Geschichte von Elvis Presleys Auftritt in der Ed Sullivan Show in den Fünfzigern – der Legende nach auf Drängen des Showmasters hin nur oberhalb der Hüfte gefilmt, um zu verhindern, dass seine unteren Körperregionen Amerikas Gemüter unwiderruflich erhitzen – ist bloßer Mythos. Sullivan hat Amerika alles von Elvis gezeigt, genau wie er Amerika jetzt alles von Tom Jones zeigen wird. Aber es stimmt schon, es sind noch immer förmliche und prüde Zeiten in der Welt der Fernsehunterhaltung – erst ein paar Monate zuvor ist Sullivan mit Mick Jagger von der berüchtigten britischen Beat-Combo The Rolling Stones aneinandergeraten, weil dieser sich geweigert hatte, ein Jackett zu tragen. Ich selbst wurde während der Proben von einem Produzenten mit Klemmbrett ausdrücklich angewiesen, meine Hüften in Schach zu halten oder aber sofort und unwiderruflich der Zensur zum Opfer zu fallen. Es ist Sonntag, lautet die klare Ansage. Das hier ist eine Familiensendung, und Popmusik ist eine potenziell ansteckende sexuelle Macht, mit deren geheimnisvoller Wirkung wir noch nicht ganz vertraut sind. Also lieber die Hüften stillhalten.
Aber ich habe auch gar nicht vor, das System zu sprengen. Ich habe nicht vor, Amerika ins Verderben zu stürzen – oder nur ein wenig, nur so viel, wie Amerika sich bereitwillig ins Verderben stürzen lässt. Ich beschränke mich auf ein bisschen lässiges Fingerschnippen mit der rechten Hand, schwingende Arme und eine kleine Variation von Händeklatschen auf unterschiedlicher Höhe. Gehorsam kämpfe ich gegen meinen tief verwurzelten Performer-Instinkt an und verkneife mir den Hüftschwung.
Der Song, den ich singe, ist der, der mich in Großbritannien und Europa zum Star gemacht und mein Leben auf den Kopf gestellt hat. Der Song, der mich nach Amerika gebracht hat – und durch den ich zum zweiten Mal in meinem Leben in einem Flugzeug gesessen habe, in einer dicken schwarzen Limousine vom Flughafen abgeholt, zum Gorham Hotel gefahren und zusammen mit einem gewaltigen Obstkorb in einer von zwei unfassbar luxuriösen Suiten im obersten Stockwerk untergebracht wurde. In der anderen Suite wird, wie ich zu meiner Begeisterung erfahre, Sammy Davis Jr. wohnen.
Es ist der Song, der mich nach New York gebracht hat, wo ich mit offenen Fenstern schlafe, damit ich das durchdringende Hupen der Taxis unten auf der Straße höre, ein Soundtrack, der mir aus Filmen vertraut ist und jetzt Wirklichkeit wird.
Und es ist der Song, der mich jetzt auch in Amerika zum Star machen wird, mithilfe der Ed-Sullivan-Hausband, die gerade seinen pulsierenden Beat vorantreibt – »bom be-dom, bom be-dom, bom de-dom« – ein Song, den ich schon kannte, als er erst aus ein paar Akkorden, einer Idee für den Titel und einer gesummten Melodie bestand, mit der mein Manager Gordon Mills in seiner Wohnung am Notting Hill Gate in London am Klavier herumprobierte.
»It’s not unusual hmm hmm hmmm …«
Ein Song, um den ich Gordon Mills anbetteln musste, weil ich schon beim ersten Hören wusste, dass es der Richtige war, der Song, der mein Leben verändern konnte, der Song, der mich dahin bringen würde, wo ich sein wollte.
Es ist der Song, den ich schließlich im November 1964 aufgenommen hatte, nur um danach quälend lange abwarten zu müssen, bis er endlich in die Läden kam, weil die Plattenfirma die Veröffentlichung bis ins neue Jahr hinauszögerte, um ihn nicht im Weihnachtstrubel untergehen zu lassen.
Also war ich nach Hause in ein Reihenhaus in Südwales zurückgekehrt, um Weihnachten mit meiner Frau, unserem Sohn und meinen Eltern zu verbringen, für die Weihnachten in Zukunft wegen dieses Songs nie mehr so sein würde wie früher.
KAPITEL 2
Der kleine Tom.
DAS WOHNZIMMER
Meine Großmutter konnte weder lesen noch schreiben, aber sie kannte sich mit Toten aus. Wenn in Treforest jemand starb, wurde Mrs. Jones geholt. Sie wusste, wie man Tote aufbahrt – die Leiche anziehen, den Kiefer mit einer Binde fixieren, damit der Mund nicht offensteht, Pennys auf die Augen legen. Dieses Wissen gab sie an meine Mutter weiter.
Meine Großmutter kannte sich auch mit Neugeborenen aus, zum Glück. Denn als ich geboren wurde, glaubten sie, ich sei tot. Ich bewegte mich nicht, und ich schrie auch nicht. Aber meine Granny nahm mich aus dem Arm der Hebamme, tauchte mich in einen Bottich mit kaltem Wasser und schüttelte mich. Und auf einmal bewegte ich mich, schrie und war da.
Das war im Juni 1940, im Wohnzimmer des Reihenhauses meiner Großmutter in der Kingsland Terrace 57. Niemand in unserem Umfeld ging für eine Geburt ins Krankenhaus. Das erledigte man zu Hause. Die Frauen der Familie versammelten sich, die Männer der Familie verdrückten sich. Meine Granny teilte sich ihr kleines, enges Haus damals mit meiner Mutter und meinem Vater – Freda und Tom Woodward –, meiner sechsjährigen Schwester Sheila und meinem Onkel Albert, der blind war. Kurze Zeit nach meiner Geburt zogen wir vier Woodwards in ein eigenes gemietetes Reihenhaus, den Berg hoch in die Laura Street, etwa eine Meile näher an der direkt angrenzenden Stadt Pontypridd. Dort hatten wir, als ich noch ganz klein war, kurz eine andere Familie zur Untermiete, die Wildings, deren Mutter wiederum in unserem Wohnzimmer ihr Baby bekam. So war das damals. Wenn es sein musste, rückte man eben von Zeit zu Zeit etwas zusammen.
Man taufte mich Thomas John, nach meinem Vater, und rief mich Tommy. Tommy Woodward: Ich weiß noch, dass ich den Namen als Kind ungewöhnlich fand. In Wales trugen die Leute Namen wie Jenkins oder Griffiths oder (wie meine Mutter) Jones. Woodward eher nicht. Darüber hinaus hatte meine Nana Annie, die verwitwete Mutter meines Vaters, einen völlig anderen Dialekt als alle anderen, seltsam weich und gurrend. »Liebchen, was ist mit den Vitaminchen?«, sagte sie zu mir, wenn ich sie besuchte. Womit sie wohl meinte: »Setz dich hin und iss dein Abendbrot.«
Ich fragte meinen Vater: »Warum redet Nana so komisch?«
Er sagte: »Weil sie nicht von hier ist. Sie kommt aus Box.«
»Sie kommt aus einer Box?«
»Box. Das ist ein Dorf in Wiltshire.«
Der Vater meines Vaters, James Woodward, war ein Eisenwarenhändler aus Gloucester, der mit seiner Familie Richtung Westen nach Südwales gezogen war, wegen der Arbeit, die es dort damals reichlich gab. Seine Aufgabe bestand darin, einen Pferdewagen mit Dynamit zu beladen und es zu den Kohlengruben bei Pontypridd zu bringen, wo sie ihn Dynamit-Jimmy nannten. Er starb, bevor ich ihn kennenlernen konnte, doch die Geschichten, die sich hauptsächlich um seine ausschweifenden Trinkgelage rankten, überdauerten ihn. Es hieß, Dynamit-Jimmy konnte nach einer durchzechten Nacht rückwärts auf seinen Karren fallen, und das Pferd brachte ihn sicher nach Hause. Eines Abends fuhr er zum Three Horseshoes in Tonteg, um im Pub einen ruhigen Abend mit seiner Frau zu verbringen. Im Laufe des Abends provozierte ihn irgendein Typ, und sie beschlossen, den Streit mit einem Wagenrennen zu entscheiden – sie peitschten die Pferde an den Zügeln stehend die drei Meilen zurück nach Pontypridd, während sich ihre Frauen verängstigt festklammerten.
Mein Vater hatte also englische Eltern – aber es war nicht ratsam, sein Walisertum in Zweifel zu ziehen.
»Ich bin Waliser.«
»Aber deine Mum und dein Dad waren doch Engländer.«
»Ich bin hier geboren. Ich bin Waliser.«
Ende der Diskussion.
Ebenfalls nicht zur Debatte stand, dass mein Vater irgendwann mit Anfang zwanzig mit einem Mädchen namens Florrie Jenkins ausgegangen war. Übermäßig interessiert konnte er nicht an ihr gewesen sein, denn zu ihren Verabredungen tauchte er nicht auf. Florrie Jenkins zog ihre Freundin Freda Jones ins Vertrauen und erzählte ihr von diesem Tom Woodward und seinen fehlenden Manieren, und Freda Jones erklärte sich bereit, ihn für sie zur Rede zu stellen.
»He, wieso versetzt du Florrie Jenkins?«
Tom Woodward teilte Freda Jones höflich mit, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollte, und Freda Jones wiederum teilte Tom Woodward höflich mit, dass es ihrer Ansicht nach sehr wohl ihre Angelegenheit war. Es folgte ein heftiger Streit darüber, und am Ende gingen sie miteinander aus. Kurz darauf, im Jahr 1934, heirateten sie und zeugten meine Schwester Sheila – wenn auch nicht genau in dieser Reihenfolge. Das Ausmaß an gesellschaftlicher Ächtung, die meinen Vater traf, weil er ein Mädchen unehelich geschwängert hatte, ist heute kaum vorstellbar. Ein Mädchen, das mit achtzehn auch noch fünf Jahre jünger war als er. Frauen kehrten ihm auf der Straße den Rücken zu. Ein paar Leute bespuckten ihn sogar. Seine gesellschaftliche Stellung konnte lediglich durch die Tatsache wiederhergestellt werden, dass er sie heiratete und »rechtschaffen« machte.
Mein Vater war Bergarbeiter und als solcher hatte er nicht allzu viel für Briefträger übrig. Meine Mutter sagte immer: »Der arme Briefträger. Bei dem Wetter«, worauf mein Vater antwortete: »Briefträger? Wenn er den Regen satt hat, sag ihm, er soll mit mir zur Arbeit kommen.«
Seit er vierzehn war, arbeitete er für die Cwm-Zeche in Beddau, von Treforest aus ein Drei-Meilen-Fußmarsch in schweren Stiefeln. Frühmorgens jagte ihn meine Mutter aus den Federn und aus dem Haus – montags, wenn der Restalkohol vom Wochenende noch in seiner Blutbahn zirkulierte, mit besonders viel Nachdruck. Er verbrachte seine Tage damit, sich durch tiefe, beengte Tunnel zu graben, wo die Mäuse einem das Mittagessen wegfraßen, wenn man es nicht fest in einer Blechdose verschlossen hielt. Die Kohle wurde in so engen Gängen abgebaut und abtransportiert, dass man, wenn die eine Seite der Hacke stumpf wurde, den kompletten Weg zurück kriechen musste, damit man genug Platz hatte, das Werkzeug umzudrehen und mit der schärferen Seite weiterzumachen. In einem Pub in Pontypridd gab es eine Bar, ein paar Stufen hinunter in einem winzigen Nebenraum, die scherzhaft »Two-Foot-Nine« genannt wurde, in Anlehnung an den niedrigsten Tunnel, in dem ein Bergmann arbeiten konnte.
Trotzdem machte mein Vater niemals Anstalten wegzukommen oder sich hochzuarbeiten – bemühte sich nie um eine Beförderung zu einem leichteren Job über Tage oder sonst etwas Bequemerem. Er war ein intelligenter, fähiger Mann. Aber er hatte auch etwas Unsicheres an sich. Ein nicht unerheblicher Teil von ihm wollte seine Welt klein und begrenzt halten, um ihr gewachsen zu sein. Und der Bergbau verschonte ihn immerhin davor, im Zweiten Weltkrieg kämpfen zu müssen. Bergmänner waren von der Einberufung ausgenommen, da die nationale Kohleversorgung aufrechterhalten werden musste. Also leistete mein Vater seinen Wehrdienst an vorderster Front unter Tage ab, und ich glaube, er hielt sich deswegen für einen Glückspilz.
Was den Krieg anging, so hatten wir in unserer Gegend wirklich Glück. Cardiff wurde hart durch deutsche Bombardements getroffen, und auch Swansea wurde aus der Luft angegriffen – die deutschen Flieger überquerten die Hauptinsel in westlicher Richtung und wurden den ganzen Weg über von den Engländern bejubelt, wie sich die Waliser gern ausmalten. Doch der Bergbauort Treforest und das angrenzende Industriezentrum Pontypridd, das sich ausgebreitet hatte, bis beide Orte fast verbunden waren, kamen nahezu unversehrt davon. Wenn überhaupt, wurde die Gegend von verirrten Brandbomben getroffen, die zwar unangenehm waren, aber immer noch wesentlich besser als hochexplosive Bomben, die dein Schlafzimmer mal eben in den Keller verlegten, ohne dass du vorher gefragt worden wärest.
Die ersten fünf Jahre meines Lebens tobte also ein gewaltsamer globaler Konflikt, aber abgesehen vom gelegentlichen Dröhnen der Flugzeuge und dem Auftauchen amerikanischer Soldaten in der Stadt (sie waren in der Kaserne des Fünften Waliser Regiments am Broadway untergebracht) bekam ich kaum etwas davon mit – was vermutlich das Beste ist, wenn es um gewaltsame globale Konflikte geht.
Meine erste Kindheitserinnerung ist eine relativ friedliche: Ich bin mit meiner Schwester in der Küche, kurz bevor mein Vater von seiner Schicht zurückkommt. Meine Mutter beeilt sich, das Abendessen rechtzeitig fertig zu bekommen und redet zerstreut mit uns, während sie hinten aus dem Fenster späht, ob mein Vater mit seinem kohlrabenschwarzen Gesicht durch das Tor kommt; denn wenn er die Küche betritt und die Tischdecke liegt noch nicht auf dem Tisch … Tja, das ist eine Pflichtverletzung erster Güte, wenn es nach meiner Mutter geht. Später erzählte sie mir, was ihre Mutter ihr immer geraten hat: »Leg die Tischdecke auf den Tisch. Selbst wenn das Essen noch nicht fertig ist, sieht es dann immerhin so aus.«
Eine weitere häusliche Weisheit, die von meiner Granny an meine Mutter weitergegeben wurde – und später auch von meiner Granny an meine Schwester, zu ihrer großen Überraschung am Vorabend ihrer Hochzeit: »Du solltest deinen Ehemann niemals abweisen. Aber du kannst dafür sorgen, schon aus dem Bett zu sein, wenn er aufwacht.«
Meine Mutter war Hausfrau. Für kurze Zeit hatte sie einen Teilzeitjob in einer Fabrik im Gewerbegebiet von Treforest. Damals ging ich noch zur Schule. Sie hatte meinen Vater angebettelt, und der hatte nur widerwillig zugestimmt. Aber eines Samstagabends standen wir mit der ganzen Familie vor dem Kino an, und ein Mann in der Schlange – jemand aus der Fabrik, den mein Vater nicht kannte – rief: »Hallo, Freda.« Sein Tonfall war einfach nur beiläufig freundlich, erwischte meinen Vater aber auf dem falschen Fuß. Es war die Vertrautheit, die ihn störte: nicht »Mrs. Woodward«, sondern »Freda«. Kurze Zeit später war der Ausflug meiner Mutter in die Arbeitswelt beendet.
Also machte sie sich wieder daran, alles im Haus zu erledigen – einschließlich tapezieren und Balken streichen. Mein Vater hingegen rührte im Haushalt keinen Finger, und es schien auch niemand von ihm zu erwarten. Er saß einfach in seinem dunkelgrünen Lehnstuhl und sagte: »Ach, Freda – wie wär’s mit einer schönen Tasse Tee?«
»Ja, Tom.«
Und schon war sie da.
Meine Eltern waren gut aussehend – das schönste Paar in jeder Gesellschaft, so erschien es mir zumindest – und legten Wert auf ausgewählte Kleidung. Meine Mutter trug Kleider, die ihre schmale Taille betonten, und machte sich sorgfältig mit viel Make-up und toupierten Haaren zurecht – eine walisische Lana Turner. Mein Vater trug immer einen Nadelstreifenanzug – inspiriert durch George Raft und die Hollywood-Gangsterfilme der Dreißiger- und Vierzigerjahre, die seine große Leidenschaft waren. Samstags gingen meine Eltern meist in eines der vier Kinos in Pontypridd und nahmen meine Schwester und mich mit, sobald wir alt genug waren. Mein Vater sah George Raft in diesen schicken Anzügen und versuchte, sich genauso anzuziehen, soweit er es sich leisten konnte. Ob George Raft allerdings je mit einer halb ausgedrückten Zigarette ein Loch in die Innentasche seines Jacketts gebrannt hat wie mein Vater, ist fraglich. Ich weiß auch nicht, ob Mr. Raft die Angewohnheit hatte, frisch angezündete Zigaretten hastig auszumachen und zu verstecken, um von irgendjemandem, der gerade den Raum betreten hatte, eine neue Zigarette zu bekommen (die clevere Taktik, mit der mein Vater schließlich seine Tasche ansengte). Doch Raft war sein Vorbild. Und ich wiederum hätte mich damals gern wie mein Vater angezogen, weil mir gefiel, wie er aussah – elegant und stark – und wie die Leute ihn ansahen, wenn er vorbeiging, vor allem die Frauen in den Hauseingängen. »Na, wie geht’s, Mr. Woodward?« Die Leute reagierten auf ihn, das fiel mir auf.
Mein Vater regte sich ständig über Schuhe auf, jahrelang kamen für ihn ausschließlich braune, lochverzierte Brogues infrage. Vor allem missbilligte er Kreppsohlen, die in den Fünfzigern extrem angesagt waren, und die er, wie viele aus seiner Altersgruppe, moralisch fragwürdig zu finden schien. »Ich will nicht durch die Gegend schleichen«, sagte er. »Ich will, dass mich die Leute kommen hören.« Deshalb ließ er seine Sohlen mit Metallkappen ausstatten, die ihn mit einem deutlichen Klicken auf dem Asphalt ankündigten. Für gewöhnlich war er ein ruhiger Mann, förmlich und reserviert, bis das Bier ihn heiter und gesprächig machte. Vor allem aber hörte er gern seine Schritte.
Bald darauf erweiterte er seine Garderobe um einen Filzhut, manchmal setzte er auch eine Schiebermütze auf, um sein Haar zu verstecken, das zunehmend lichter wurde. Weil ihm seine Kahlheit unangenehm war, ließ er den Hut auch drinnen auf. Eines Samstagabends im Kino, als nach dem Film alle aufstanden, um die Nationalhymne zu singen, pflaumte jemand meinen Vater an, weil er seinen Hut nicht abgesetzt hatte, und die beiden plusterten sich auf und hätten sich wegen dieser Sache beinahe geprügelt.
Filme waren für unsere Familie das größte Fenster zu einer anderen Welt. Fernsehen gab es nicht – nur ein Radio, mit den Nachrichten und Dick Barton: Special Agent. Es gab Zeitungen im Haus – die News of the World am Sonntag –, aber keine Bücher. Meine Mutter konnte lesen, aber nicht schreiben. Mein Vater konnte lesen und war offenbar gut in der Schule gewesen, aber meine Eltern waren beide keine großen Leser. Die einzigen Bücher im Haus waren meine Schulbücher. Es herrschte die einhellige Meinung, Lesen mache introvertiert und unsozial – im Gegensatz zum Rauchen. Vater schickte mich oft Zigaretten holen – häufig eine komplizierte Angelegenheit, die Abstecher in mehrere Läden erforderte, da Tabak noch lange nach Kriegsende Mangelware blieb. Statt Zigaretten rauchte mein Vater manchmal Tee in einer Tonpfeife. Als ich noch ein Baby war und im Hochstuhl saß, bekam ich seine Pfeife zum Spielen, schlug damit auf den Tisch und brach den Holm ab. Unbeirrt stopfte mein Vater sie mit Teeblättern und saugte weiter am Stummel herum – wodurch er ein merkwürdig verzweifeltes Bild seiner selbst abgab, mit dem meine Mutter ihn noch Jahre später neckte.
Meine Mutter war herzlich und liebevoll zu meiner Schwester und mir, mein Vater nicht – was absoluter Standard in den Familien war, die ich kannte. Es gab kaum jemanden, der weniger körperbetont war als walisische Bergarbeiter in den Vierzigern. Kerle aus Südwales fassten sich nicht an – es sei denn, sie schlugen sich; in dem Fall fassten sie sich an, wo sie wollten. Selbst wenn ich ihn, viele Jahre später, umarmen wollte, war mein Vater linkisch und steif. Man machte das nicht. Händeschütteln war das höchste der Gefühle, und zwar genau einmal, wenn man dem anderen zum ersten Mal begegnete, und danach nie wieder.
Das sollte einer von diversen Kulturschocks werden, die ich erlitt, als ich 1964 nach London ging. Peter Sullivan, der Produzent einiger meiner frühesten Platten, schüttelte mir jedes Mal beim Betreten des Studios die Hand.
Ich sagte zu Gordon Mills, meinem damaligen Manager: »Warum schüttelt er mir ständig die Hand? Wir kennen uns doch schon.«
Gordon sagte: »Das macht man halt so.«
Nicht da, wo ich herkam.
Pontypridd in den Vierzigern: industriell, verraucht, meistens nass. Reihenhäuser, die sich den Hang hinaufschlängeln. Kohleberge und Schlackenhalden. Gaslaternen an den Enden der Straße, die bei Einbruch der Dunkelheit angezündet werden, von einem rotgesichtigen Mann im sandfarbenen Overall, der zu Fuß seine Runden dreht. Babys, die »nach Waliser Art« im Tuch getragen werden. Durchgangsstraßen, auf denen heruntergefallene Kohle verstreut ist. Erduldete Unbehaglichkeit. Das Wasser im River Taff ist schwarz vor Kohlenstaub. Der Schlamm am Ufer dunkel und schmierig. Man bleibt ihm fern. Es gibt zahlreiche Legenden über Ratten so groß wie Katzen, die sich in der tintenschwarzen Tiefe tummeln, und das Wasser ist zu dunkel, als dass irgendwer das Gegenteil beweisen könnte.
Schwerindustrie. Das Taff-Vale-Eisenwerk. Crawshays Stahlwerk. Brown & Lenox, Gießerei für Anker und Ketten, deren gigantische Gliederketten den Hintergrund für das berühmte Foto des großen britischen Ingenieurs Isambard Kingdom Brunel bildeten, kurz bevor die SS Great Eastern 1857 vom Stapel lief. Brown & Lenox fertigten auch die Ankerkette für die Titanic, die nicht so oft genutzt wurde, wie man vermutlich gehofft hatte.
Die Maritime Colliery. Mehr als ein Dutzend Bergwerke in der Gegend und unzählige Probeschächte, die ohne viel Aufhebens in die umliegenden Hänge gegraben wurden. Eine rauchende Kokerei in der Stadt. Der Schlachthof unten an der Eisenbahnlinie, per Tunnel mit dem Bahnhof verbunden, damit die Tiere direkt aus den Zügen dorthin getrieben werden können. Pferde und Wagen. Rationierte Lebensmittel. Lokale Originale: Ned Grono, der Schornsteinfeger; Dut Hobbs, der in der Tür des Wheatsheaf Pub unten an der Rickards Street sitzt und den Schwanz deines Hundes gegen eine kleine Gebühr mit bloßen Zähnen kupiert. (Zu Unterhaltungszwecken, und wenn ein bisschen Kleingeld für ihn drin ist, tut er dasselbe auch mit Ratten.)
Wir befinden uns nur wenig mehr als zehn Meilen nördlich von Cardiff, der Hauptstadt von Wales, sind aber leidenschaftlich unabhängig davon, mit Leib und Seele autark. »In Cardiff kriegst du nichts, was du nicht auch in Ponty kriegst«, lautet das lokale Mantra, das wir so oft wiederholen, bis wir wirklich dran glauben. Die Wahrheit ist, dass dieser Tage in beiden Städten nicht viel zu holen ist. Alles, was im Rhondda Valley abgebaut wird, wird hier durchbefördert und macht uns zum Schlund des ganzen Tals, oder zum anderen Ende, wie man’s nimmt. Ein derber, durch Arbeit abgehärteter Ort, in dem ständig ein metallischer Geruch in der Luft zu hängen scheint. Hier verbringe ich die ersten vierundzwanzig Jahre meines Lebens.
Unser Haus in der Laura Street: Wohn- und Hinterzimmer im Erdgeschoss, zwei kleine Schlafzimmer und Abstellkammer im Obergeschoss, Küche im Keller, auf einen kleinen Hinterhof mit Tor zur Gasse hinaus führend. Ein Kohlenbunker in der Küche, gefüllt mit kostenloser Kohle – ein Vorteil des Bergarbeiterberufs –, die direkt von der Straße durch eine Bodenluke geschüttet wird. Eine Zinnbadewanne an der Hintertür, die mit runter in die winzige Waschküche neben der Küche genommen und dort auf dem Boden gefüllt werden kann, wo mein Vater sich abends in zwei Etappen wäscht: obere Hälfte neben der Wanne kniend, dann die untere Hälfte, indem er hineinklettert. Mittwoch ist Waschtag – gewaschen wird per Hand auf dem Waschbrett in ebenjener Badewanne und die Wäsche im Hof aufgehängt oder, wenn es regnet, was häufig vorkommt, im Haus verteilt. Wenn wir nach der Schule nach Hause kommen, wirken die flatternden Klamotten vorm Haus wie ein Warnsignal für meine Schwester und mich, welches uns auf die hohe Wahrscheinlichkeit hinweist, dass Mam mieser Stimmung ist und wir ihr besser aus dem Weg gehen sollten.
Alles im Haus wird von meiner Mutter zwanghaft und erdrückend in Ordnung gehalten.
Eines Tages, als ich noch klein und auf Waliser Art vor die Brust meiner Mutter gebunden bin, kommt eine Zigeunerin an die Tür und will Wäscheklammern verkaufen. Meine Mutter sagt, man darf Zigeuner nie abweisen, weil das Unglück bringt. Während sie also die Wäscheklammern nimmt, blickt die Zigeunerin auf mich herunter und bemerkt den auffälligen Wirbel an meinem Hinterkopf. Dank ihrer besonderen Fähigkeiten verkündet sie meiner Mutter: »Dieses Kind wird die ganze Welt bereisen.« Und meine Mutter glaubt ihr.
Fürs Erste komme ich nicht weiter als bis in die nächste Umgebung. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich der alte Steinbruch, aus dem die Steine unseres Hauses stammen. Inzwischen ist dort eine Brachfläche, an deren anderem Ende eine stetige Prozession von Lastwagen grauen Bauschutt von irgendwoher ablädt. Was ist das für Zeug? Danach fragt keiner. Doch wir Kinder wissen, dass der Boden weich wie Puder ist, wenn man gleich da ist, nachdem der Lastwagen seine Fuhre abgeladen hat – wie ein frischer Schneehaufen, bloß warm und grau. Wenn wir dort rutschen, hüpfen und uns die Klamotten staubig machen, finden wir oft kaputte Re-agenzgläser. Die wenigen heilen nehmen wir wie Schätze mit nach Hause und sammeln sie.
Meist spielen wir Jungs aus der Laura Street jedoch auf der Straße: ich, Dai Perry, Alan Wilding, Brian Pitman, Brian Blackler, Jimmy Herbert. Wir müssen nicht auf den Verkehr achten, weil niemand ein Auto hat. Wir spielen »Tot umfallen«, und schauen, wer am gruseligsten und/oder realistischsten zu Boden fallen kann, sprich, wer am besten stirbt. Wir kicken Fußbälle gegen die Wand. Wir reißen Wäscheleinen runter und klauen Milch. Wir prügeln uns mit den Kindern vom Graig, den Reihenhäusern unten an der Bahnlinie – und gewinnen. Als wir zu Weihnachten alle Rollschuhe bekommen, finden Dai Perry und ich raus, dass man mit einem abgebrochenen Besenstiel zwischen den Beinen bergab fahren und ihn dabei als Steuerruder oder Anschieber, und, wenn man Glück hat, auch als Bremse benutzen kann. Und los geht’s, das Ende des Besenstiels kratzt und rattert hinter dir auf der Straße, raus aus der Laura Street, auf die Wood Road, die ganze Zeit mit Vollgas bergab, vorbei am Wood Road Non-Political Club, wo die Erwachsenen hingehen, an Marneys Kramladen mit Post vorbei, an der Vorschule und dem Treforest Hotel vorbei, wo es allmählich flacher wird, dann am Cecil-Kino links abbiegen auf den Broadway, der nach Pontypridd führt, und wo Dai eines Tages plötzlich einem entgegenkommenden Bus ausweichen muss und sich am Schaufenster des Gemüsehändlers ausknockt. Was für eine Abfahrt! Rauf hingegen sieht man niemanden mit Rollschuhen fahren.
Genau wie meine Mutter ist mein Vater das jüngste von sechs Kindern, also ist meine Familie, alle Woodwards und Jones eingerechnet, nicht gerade klein. Um die Ecke in der Tower Street haben allein Tante Lena und Onkel Albert sieben Kinder. Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen – der Ort ist voll von ihnen, fast alle wohnen in Lauf- oder Rufnähe. Wenn ich nach der Schule nach Hause komme und meine Mutter einkaufen und mein Vater bei der Arbeit ist, kann ich immer irgendwohin. Das Gute daran ist, dass ich als Kind kaum je alleine bin. Ich fühle mich sicher, nicht nur bei uns zu Hause, sondern in der ganzen Nachbarschaft. Verbündete an jeder Ecke – irgendwer ist immer da, zu dem du gehen kannst, den du treffen kannst, der dir helfen kann. Wenn ich mir auf dem Rückweg von der Sonntagsschule die Schuhe und Klamotten beim Fußballspielen versaue, kann ich zu meiner Großmutter gehen und mich auf Vordermann bringen lassen, bevor meine Mutter mich sieht und mir eine scheuert.
Weil ihre Beine wehtun, kocht meine Granny in ihrer Kellerküche im Sitzen, auf einem Stuhl zwischen Tisch und kohlebeheiztem Herd, sich jeweils nach links oder rechts wendend. So was wie Lebensmittelrationierung ist ihr egal, sie backt blechweise Rock Cakes aus dem wenigen, was sie hat. »Rat mal, wie viele Eier da drin sind? Eins! Da ist nur ein Ei drin!«
Nirgends schmeckt der Custard-Pudding so wie bei ihr. Als ich das zu meiner Mutter sage, meint sie bloß: »Der schmeckt so, weil sie im Sitzen nicht richtig umrühren kann. Der setzt an und verbrennt.« Mir ist das egal. Ich mag den angebrannten Geschmack.
Granny nimmt Schnupftabak aus der kleinen Dose, die sie immer bei sich trägt. Sie hat ein ganz eigenes, ausgeklügeltes Ritual: eine Prise Schnupftabak auf dem Handgelenk, ein leises, fast vornehmes Schniefen und dann der krönende Abschluss: ein leichtes Wischen an Nase und Handgelenk mit ihrem Taschentuch, das Granny passenderweise immer »Schnupftuch« nennt.
In der guten Stube, über dem Grammofon mit Kurbel, das meinem blinden Onkel gehört und von dem wir die Finger lassen sollen, blickt mein Großvater Albert noch immer eingerahmt auf uns herunter – ein gut aussehender Bursche in einer Kompaniefeldwebel-Uniform, mit langem Hals, Stock unter dem Arm und gewachstem, gezwirbeltem Schnäuzer. Weil meine Granny nicht lesen kann, musste ihr ein Nachbar das Telegramm mit der Nachricht vorlesen, dass ihr Mann im Ersten Weltkrieg in einem Schützengraben in Frankreich gefallen war. Albert war der Sohn des Pächters des Treforest Arms, das von allen nur »The Cot« genannt wurde, weil es eher einem Cottage als einem Pub ähnelte. Meine Granny wurde von ihrer Mutter dort hingeschickt, um Bier zu holen, und Albert, der sich noch nicht bei den Pionieren in Cardiff verpflichtet hatte, bediente sie und versuchte, sie ins Gespräch zu verwickeln. Doch sie war schüchtern, hielt den Kopf gesenkt und blickte niemals auf. Eines Tages sagte eine Freundin zu ihr: »Ich wünschte, er würde mir mal Fragen stellen. Hast du ihn dir überhaupt mal angeschaut?« Also nahm meine Granny beim nächsten Mal all ihren Mut zusammen und hob den Kopf, und damit war alles klar. Sie redet auch mir gegenüber noch so viel über ihn, dass ich es für möglich halte, ihm eines Tages vielleicht sogar zu begegnen. Sie sagt, sie kann ihn im Haus »spüren«, und in mir wächst die Überzeugung, dass ich ihn, wenn ich nur lange genug an die Wand starre, heraufbeschwören kann.
Wenn ich wütend auf meine Mutter bin oder sie mich nicht machen lässt, was ich möchte, sage ich zu ihr: »Warum kannst du nicht wie Granny sein? Sie ist immer so lieb zu uns.«
Worauf meine Mutter antwortet: »Du hättest sie mal erleben sollen, als sie jünger war.«
Ich werde von meiner Granny verhätschelt, von meiner Mutter geliebt und von meiner Schwester Sheila eifrig beaufsichtigt. Sie ist ein sanftes und friedfertiges kleines Mädchen, beschützt mich als Baby jedoch mit Klauen und Zähnen. Als sie einmal von der Schule nach Hause kommt und sieht, dass Pauline Rogers, das Nachbarsmädchen, mich im Kinderwagen die Straße entlangschiebt, um mich zu beruhigen, jagt sie ihr hinterher und holt mich zurück, denn Kinderwagenschieben ist Sheilas Aufgabe. Später werden wir uns scheinbar endlos zanken, wie Geschwister, die sich ihr Leben lang sehr nahestehen, es häufig tun.
»Mam! Sheila hat mich mit dem Besen gehauen!«
Meine Mutter: »Na, dann wirst du’s wohl verdient haben.«
Ich gehe zur Sonntagsschule, weil Paulines Mam die Lehrerin ist und wir deshalb unmöglich nicht hingehen können. Wir sind allerdings kein besonders religiöser Haushalt. Mein Vater stammt aus einer Baptistenfamilie, ist jedoch selbst kein aktiver Baptist. Er sagt, er glaubt nicht daran, aber später, als er starb, betete er. Meine Mutter hat mir das erzählt. Vielleicht glaubte er doch mehr daran, als ihm bewusst war.
Meine Mutter ist Presbyterianerin, und deshalb gehen wir in die presbyterianische Kirche, auf eine routinierte, pflichtschuldige Art und Weise, in unseren besten Klamotten, die ich im Gegensatz zu anderen Kindern immer gern anziehe. Insgeheim empfindet meine Mutter sich jedoch in erster Linie als Spiritistin. Sie glaubt, dass sie Dinge spüren kann. Als sie noch klein war, wachte sie eines Nachts auf und sah einen Mann im Matrosenanzug am Fußende ihres Bettes sitzen. Sie erzählte es ihrer Mutter, und die beiden waren überzeugt, dass sie den Geist ihres Onkels gesehen hatte, der auf See gestorben war.
Eine Zeit lang besucht meine Mutter mit ihrer Schwester Lena spiritistische Treffen. Doch beide bekommen es mit der Angst zu tun. Das Medium bittet meine Mutter immer wieder, eine Art Botin zu spielen und Leuten in der Stadt mitzuteilen, dass ein toter Verwandter aus dem Jenseits Kontakt aufnehmen will oder dass ihnen ein schreckliches Schicksal blüht. Ich weiß nicht, warum das Medium diese Botschaften nicht selbst überbringt – oder sie ihnen einfach schickt. So ist es vermutlich weniger Arbeit. Jedenfalls schreckt meine Mutter zurück, wodurch ihr Spiritismus wieder Privatsache wird.
Der eine Ort, den meine Familienmitglieder leidenschaftlich aufsuchen, ist der Wood Road Non-Political Club, kurz »Wood Road«, der wie gesagt ein Stück den Berg runter liegt. Das Wood Road ist ein schlichter, zweistöckiger Arbeiterclub, der vor allem von Bergarbeitern besucht wird, mit einer Bar im Erdgeschoss und einem Konzertraum im ersten Stock, in dem es einen abgetrennten Sitzbereich für »die Damen« gibt, die ohnehin nur an bestimmten Abenden dabei sein dürfen und keinen Zutritt zur Bar haben. Wie jeder andere Ort, an dem sich Arbeiter volllaufen lassen, kann es im Club schon mal etwas wilder zugehen, und tatsächlich wird ein paar Jahre später ein Freund in eine Prügelei hineingezogen und erschlägt dabei auf der Straße einen Mann. Es heißt, er habe den Typen nicht umbringen, ihm nur eine Lektion erteilen wollen. Aber der knallt mit dem Kopf auf die Straße und ist hinüber. Diese Geschichte geht eine ganze Zeit lang herum und verfolgt mich – weil sie mir vor Augen hält, wo eine Prügelei enden kann.
Die Männer der Familie, sowohl vonseiten der Jones’ als auch der Woodwards, versammeln sich im Wood Road, angezogen von dem besonderen Ruf, den der Club genießt, weil man dort auch sonntags, wenn die Pubs in Pontypridd aus Respekt vor dem Tag des Herrn geschlossen haben, was zu trinken bekommt. Sonntagsmorgens kommt also Onkel Edwin, der Bruder meines Vaters, mit zwei meiner älteren Cousins, Kenny und Alan, zu uns, um meinen Vater (der meist noch einen Kater vom Samstag hat) ins Wood Road mitzunehmen, und ich blicke ihnen sehnsüchtig nach, wenn sie schick angezogen losziehen. Dieses Feinmachen und Zusammen-trinken-Gehen erscheint mir wie das ultimative Zeichen von Reife – was es wirklich heißt, ein Mann zu sein – und ich wünschte, ich wäre alt genug, um sie zu begleiten.
Doch in der Zwischenzeit kommt es samstags gelegentlich vor, dass sich meine Familienmitglieder nach dem Club noch zu einer spontanen Feier in der Laura Street zusammenfinden. Wir haben zwar nie Alkohol im Haus, aber aus dem Club wird Bier mitgebracht, meine Mutter macht Sandwiches, und das Haus füllt sich mit Verwandten unterschiedlichsten Besoffenheitsgrades. Dann setzt sich jemand ans Klavier im Wohnzimmer (auf dem weder meine Eltern noch ich oder meine Schwester spielen können, das sich in diesen Nächten aber vom Prestigeobjekt zu etwas ganz anderem verwandelt), und es wird gesungen.
Die einzige Gelegenheit, bei der mein Vater offen Gefühle zeigt, ist, wenn er singt. Er braucht zwar einen Drink, bevor er so weit ist, aber danach gibt’s kein Halten mehr, und die Gefühle strömen nur so aus ihm heraus – manchmal so intensiv, dass er seinen Auftritt vorzeitig abbrechen muss. Er singt »Bésame Mucho«, den mexikanischen Bolero, am liebsten jedoch »A Beggar In Love«. Es will schon was heißen, wenn er es mal bis zum Ende schafft. Meist überfällt es ihn mittendrin, Tränen schießen ihm in die Augen, er kriegt einen Kloß im Hals, muss aufhören und sich hinsetzen.
Meine Mutter ist dagegen ein richtiger Paradiesvogel. Sie liebt es, auf die Bühne zu treten. Zwar kann sie auch gut Melodien halten, aber eigentlich geht es bei ihr mehr um die Stimmung, sie bewegt sich, während sie singt. Ihre große Nummer ist Eve Youngs »Silver Dollar«, die sie mit allem rüberbringt, was sie hat, mit Hüften und Händen.
Schließlich ist da noch meine Schwester, die eine sehr schöne Stimme hat, aber überredet werden muss. Und endlich ich; mich muss niemand überreden.
Aufstehen, um zu singen, fällt mir leicht. Ich muss darüber nicht nachdenken oder darauf hinarbeiten. Von Onkel George angestiftet – der wegen seiner weißen Haare Snowy genannt wird, selbst eine gute, klangvolle Stimme hat und eine andere Meinung als die vorherrschende, dass nämlich Kinder still und unsichtbar zu sein hätten – stehe ich auf einem Stuhl vor versammelter Mannschaft und singe einen Song aus dem Radio wie »That Lucky Old Sun« oder »Ol’ Man River« aus dem Musical Show Boat, oder Cowboy-Songs wie »Mule Train« und »Riders in the Sky« mit dem galoppierenden Rhythmus, den ich mit Fingern und Handfläche auf einem Tisch trommle, wie mein Vater es mir gezeigt hat. Ich merke ziemlich schnell, dass ich es mag, vor Leuten aufzutreten – und dass ich den Wirbel mag, der hinterher um mich veranstaltet wird.
Mit acht Jahren sehe ich Larry Parks im Film Der Jazzsänger Al Jolson spielen und bin schwer beeindruckt von dem Glamour, dem Showbusiness, der Wirkung, die ein Sänger auf sein Publikum haben kann, wenn er es richtig anstellt. Der Film hat etwas in mir ausgelöst, genau wie seine Fortsetzung Jolson Sings Again, in der für Jolson eine Rampe in den Zuschauerraum gebaut wird, damit er den Leuten näher ist. Inspiriert dadurch, klettere ich auf die Küchenfensterbank, ziehe den Vorhang vor mir zu und springe dann hervor, wie auf eine Bühne. Manchmal kann ich meine Mutter überreden, mich anzukündigen: »Meine Damen und Herren – Tommy Woodward!« Daraufhin reiße ich den Vorhang auf und springe zu Boden.
Diese Filme haben mir Ideen in den Kopf gepflanzt. Allerdings habe ich auch John Wayne und Montgomery Clift im besten Western aller Zeiten gesehen, Red River von Howard Hawks. International gefeierter Sänger oder Cowboy mit wettergegerbtem Gesicht? In den späten Vierzigern, von einer Küche in der Laura Street 44 in Pontypridd aus gesehen, erscheint beides gleichermaßen unwahrscheinlich.
KAPITEL 3
Tom, Schulfoto.
UNTEREIFRIG
Ich besuche erst die Wood-Road-Vorschule, dann die Wood-Road-Grundschule und schließlich die Sekundarschule am Stow Hill in Pontypridd. Ehrlich gesagt mache ich in akademischer Hinsicht an keiner dieser Schulen viel Eindruck. Andererseits, Ehre, wem Ehre gebührt: Immerhin mache ich überhaupt Eindruck. An der Wood-Road-Grundschule ist Miss Jones schon so lange dabei, dass sie bereits meinen Vater unterrichtet hat. Sie sieht sich mein Heft an und sagt: »Dein Vater wäre entsetzt.« Offensichtlich hat er seine Schulaufgaben gewissenhaft und ordentlich erledigt, und Miss Jones lässt mich das nur zu gern wissen.
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