9,99 €
Die Pandemiepolitik der letzten zweieinhalb Jahre ist nicht spurlos an der Gesellschaft vorbeigegangen. So gehören Lockdown, 2G-/3G-Regeln, Masken- und Impfpflichten mittlerweile ebenso zum allgemeinen Wortschatz wie die zur Abwertung von Maßnahmenkritikern verwendeten Begriffe Covidiot, Coronaleugner, Impfgegner oder Schwurbler. Kritik entzündete sich vor allem an der Frage: Welche Freiheitseingriffe sind zum Schutz vor COVID-19 verhältnismäßig? Der Band greift diese Frage auf und beleuchtet, wie sich der Stellenwert individueller Freiheitsrechte durch die ergriffenen Coronamaßnahmen verändert hat. Die Autorinnen und Autoren analysieren die Auswirkungen der Pandemiepolitik auf Wissenschaft, Demokratie und Gesellschaft. Und sie geben wichtige Denkanstöße zur Aufarbeitung der Pandemiepolitik, die Voraussetzung für eine dringend notwendige Versöhnung ist. Mit Beiträgen von: Rainer Baule, Klaus Buchenau, Jan Dochhorn, Ole Döring, Michael Esfeld, Matthias Fechner, Agnes Imhof, Sandra Kostner, Boris Kotchoubey, Axel Bernd Kunze, Salvatore Lavecchia, Christian Lehmann, Tanya Lieske, Gerd Morgenthaler, Henning Nörenberg, Robert Obermaier und Markus Riedenauer.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2022
ibidem-Verlag, Stuttgart
Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.
Benjamin Franklin (1706–1790),Schreiben vom 11.11.1755 an Governor Robert Hunter Morris
Inhaltsverzeichnis
Von Freiheit und Versöhnung
Freiheit und Wissenschaft
Von „Wissenschaft und Religion“ und „Wissenschaft gegen Religion“ zu „Wissenschaft als Religion“
Wissenschaft als Hebammenkunst. Bilder der Freiheit
Die sokratische Mäeutik. Ein Auszug aus Platons Dialog Theaitetos.
Vom Mythos der wissensbasierten Gesellschaft
Wissenschaft zwischen Freiheit und Politik
Entscheidungen unter Ungewissheit: Worst-Case-Denken und die Folgen
Verschobene Debatten. Zu den Diskursen der Coronajahre
Solidarität und Menschenwürde. Autoritarismus entlarvt sich durch sein Menschenbild
Erst Flöte spielen, dann das Rad erfinden
Wie kommen wir vor die Welle? Zur Urteils- und Handlungsfähigkeit von Demokratie unter Bedingungen einer infodemischen Symptomatik
Droht ein gesellschaftliches Long Covid?
Die Spaltung der Gesellschaft in Zeiten von COVID-19. Worin sie besteht und wo Ansätze zu ihrer Überwindung liegen
Raskol – Spaltung auf Russisch. Corona im Spiegel eines historischen Beispiels
Der Streit um die Coronamaßnahmen als Gelegenheit zu Demokratieerfahrungen und Neuentdeckungen am christlichen Glauben
Was die Coronakrise mit Bürgerlichkeit und Bildung zu tun hat
Monofokalität. Warum Gesellschaften weiter denken müssen
Autorinnen und Autoren
Tanya Lieske
No Man is an Island1
John Donne
Freiheit ist ein großes Wort, selbst dann noch, wenn es sich wie im vorliegenden Fall im Untertitel eines Essaybandes aufhält und zudem noch mit einem Fragezeichen versehen ist. Der bürgerliche Freiheitsbegriff hat die Bühne des europäischen Denkens bekanntlich mit der Französischen Revolution betreten, wobei das Spannungsverhältnis, in dem dieses Ideal steht, gleich mitvermittelt wurde. Denn Freiheit steht hier in Nachbarschaft zu Gleichheit und Brüderlichkeit – der Solidarität – und kann mit diesen beiden Zielen in bestimmten Situationen in Wettstreit treten. Dies ließ sich in unseren Pandemiezeiten gut beobachten, in den Debatten, welche die verschiedenen Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie begleitet haben. Diese Debatten haben gerade aufgrund verschiedener Ideen von Freiheit einen Zustand der Zerrissenheit in unsere Gesellschaft getragen, der weiter und tiefer geht als die Differenzen, die im Streit um Partikularinteressen üblicherweise entstehen.
So sahen in bestimmten Phasen des Pandemieverlaufs Menschen ihren Bewegungsraum (Freiheit) durch Menschen ohne Impfnachweis beeinträchtigt. Letztere wiederum betonten ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung und die eigene Entscheidungsfindung (Freiheit), sie verwiesen dabei nicht selten auf das Grundgesetz. Brüderlichkeit (Solidarität) können beide für sich beanspruchen, sogar den Anspruch auf Rücksichtnahme auf ihre jeweiligen Interessen (Gleichheit).
Wenn man von der Prämisse ausgeht, dass Freiheit ein Konsensideal unserer westlichen demokratischen Gesellschaft ist, dann erstaunt es doch zu beobachten, welche Turbulenzen dieser Begriff verursachen kann. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass nicht nur die Nachbarideale der Freiheit, sondern verschiedene Aspekte und Traditionen der Freiheit selbst während des Pandemiegesche-hens aufgerufen und in Stellung gebracht wurden. Dazu gehören die Freiheit zu und die Freiheit von nach Heidegger sowie der Kant’sche Freiheitsbegriff, der sich mit Vernunft und Pflicht verbindet; und Hannah Arendts Freiheitsverständnis wurde, interessanterweise, von Gegnern wie Befürwortern der oben beschriebenen Maßnahmen zitiert.2Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Über all dem schwebt unser Bewusstsein von Freiheit als essentieller Dimension der Conditio humana – so weit bekannt, sind wir die einzigen Lebewesen, die sich beim Denken beobachten können. Den kürzesten belegten Beweis hierfür hat René Descartes geliefert. Nur unwesentlich länger ist der Freiheitsbeweis in Michael Esfelds Essay, der sich hier nachlesen lässt.
Wenn man all dies bedenkt, war mein Call for papers, der diesem Band zugrunde liegt, nicht nur ein Akt der Spontaneität, sondern nachgerade publizistischer Wagemut, da ich nie eine genaue Definition von Freiheit vorgegeben hatte: „Schreiben Sie Ihre Sicht auf die Pandemie auf. Beherzigen Sie die Aspekte der Freiheit und der Versöhnung. Tun Sie dies in etwa fünf Seiten, gut nachzuvollziehen für ein breites Publikum. Arbeiten Sie mit Anmerkungen.“
Diese Sätze wurden von mir erstmals über einer Tasse Tee im Januar 2022 ausgesprochen, mündlich weitergetragen durch den Philosophen Harald Schwaetzer. Obwohl ich mich an mir gänzlich unbekannte Personen gewendet hatte,3 wurde mein Aufruf beantwortet – mit den 15 (zum Glück sehr klugen!) hier erstveröffentlichten Essays; ein weiterer Text ist bereits andernorts erschienen.4 Der Auszug aus Platons Dialog Theaitetos schließlich ruft uns die sokratische Mäeutik in Erinnerung. Das Resultat ist eine Publikation, die hoffentlich nicht nur mir den Gedanken nahelegt, dass es sinnvoll ist, künftig mehr als eine Disziplin zu befragen, will man ein komplexes soziales Geschehen betrachten. Tatsächlich wurde die Corona-Epidemie ja vor allem medizinisch bewertet, aus dem Blickwinkel der befragten Virologen und Modellierer, mit inzwischen nachvollziehbarem Ergebnis.
Die Essays, die ab Februar 2022 in meinem Postfach eintrafen und die vor der Drucklegung im Juni überarbeitet wurden, folgen diversen Aspekten der Freiheit durch die Verästelungen des Pandemiegeschehens. Sie befragen die Freiheit des Denkens und der Wissenschaft (die Philosophen Michael Esfeld, Salvatore Lavecchia, Markus Riedenauer). Sie stellen Wissenschaft auf den Prüfstand, loten Grenzen und Verantwortung aus sowie die Bedingungen des eigenen Wirkens in der Gesellschaft (der Kulturphilosoph Ole Döring, der Psychologe Boris Kotchoubey).
Nachzulesen ist ferner, welche Folgen das Denken in Worst-Case-Szenarien haben kann und wie sich ein monofokaler, auf ein Thema konzentrierter Blick auf eine Krise auswirkt (die Ökonomen Robert Obermaier und Rainer Baule). Ein Historiker und eine Historikerin können den Blick zurück oder auch in die Zukunft werfen (Klaus Buchenau, Sandra Kostner) und zeigen, wie gespaltene Gesellschaften sich entwickeln; diesem Thema widmet sich auch ein Theologe (Jan Dochhorn). Ein Pädagoge blickt in Schulen und auf gesellschaftliche Diskurse, ein Musikwissenschaftler in Chöre (Matthias Fechner, Christian Lehmann). Ein Jurist erklärt die Auswirkungen der Pandemiemaßnahmen auf unser Rechtssystem (Gerd Morgenthaler), eine Islamwissenschaftlerin denkt über die Menschenwürde nach (Agnes Imhof).
Meiner Bitte schließlich, über Wege der Versöhnung zu schreiben, sind ein Theologe und ein Philosoph gefolgt (Axel Bernd Kunze, Henning Nörenberg), auch wenn sich dieser Aspekt in vielen weiteren Essays findet.
Die Genese dieses Bandes verlief parallel zu den verschiedenen Etappen des dritten Pandemiejahres. Im Januar 2022 befanden wir uns noch im Lockdown. Redaktionsschluss ist jetzt, im Sommer, in dem fast alle während der Pandemie getroffenen Maßnahmen aufgehoben sind. Erscheinen werden diese Essays im Oktober.
Wie sich der Herbst 2022 gestalten wird, ist ungewiss. Doch es zeichnet sich eine Entspannung in der Bevölkerung ab, selbst wenn die Inzidenzen steigen. Zudem ist eine neue Verbindlichkeit in der Diktion der meistgefragten Wissenschaftler zu erkennen, ebenso eine spürbare gedankliche Öffnung für Aspekte der Versöhnung.5 Die Zeit scheint reif für einen neuen, eben interdisziplinären Blick auf das, was hinter uns liegt.
Zum ebenfalls gewichtigen Wort der Versöhnung eine abschließende Bemerkung. Bereitschaft zur Versöhnung ist mehr als eine Tugend. Sie ist ein höchst pragmatisches Instrument, mit dem eine durcheinander geschüttelte Gemeinschaft sich beruhigen kann. Sie braucht nach meiner Erkenntnis im Wesentlichen eine Zutat, nämlich – hier ist eine genaue Formulierung angebracht –: den Verzicht nicht auf Verantwortung, jedoch auf die Zuschreibung von Schuld, von wem und durch wen auch immer.6
Wenn sich in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren demokratische Diskurse verformt haben, wenn Menschen ausgegrenzt, Wissenschaftler7 und Politiker stigmatisiert oder bedroht wurden, wenn Familien und Freundschaften vor eine Zerreißprobe gestellt wurden, berufliche Existenzen gefährdet und Kinder psychisch belastet wurden, wenn medizinisches Personal jenseits des Machbaren arbeiten musste, wenn neuartige Substanzen verimpft wurden, deren Wirkung und Nebenwirkungen nicht gänzlich abzusehen waren, lässt sich das nicht ungeschehen machen. Beschreiben, mit ruhigem Blick betrachten, Fehler korrigieren, all das ist aber sicher möglich. Gesellschaften können, genau wie Individuen, Resilienzen8 entwickeln, aus einer Krise gestärkt hervorgehen, und beim nächsten Mal anders, besser zu handeln. Angesichts der Krisenhaftigkeit unserer Zeit deutet vieles darauf hin, dass wir diese Fähigkeit benötigen werden. Dieses Wir meint: eine Gesellschaft, in der die sie bildenden Menschen in der Lage sind, miteinander zu diskutieren, sich zu verständigen, ohne dies als Spaltung zu erleben.
Mein Wunsch ist es, dass dieser Band hierzu seinen Beitrag leisten möge.
Für das Vertrauen, das mir im Prozess der Veröffentlichung von allen Beteiligten entgegengebracht wurde, bin ich sehr dankbar. Mein besonderer Dank gilt Sandra Kostner für ihre kompetente Beratung, sie hat den Kontakt zum ibidem-Verlag vermittelt und ist auf meine Bitte hin Mitherausgeberin geworden. Mein Dank geht auch an Matthias Fechner, der allzeit ein offenes Ohr hatte, sowie an den Verleger Christian Schön, der mit dieser Publikation die Reihe Klartext eröffnet.
Düsseldorf, im Juni 2022
1John Donne spricht in seinem berühmten Gedicht, das die Verbundenheit aller Menschen hervorhebt, von man und präzisiert später: mankind. Das generische Maskulinum in diesem Vorwort und in allen folgenden Texten möge in diesem Sinne verstanden werden. Es schließt alle Leserinnen und alle Frauen mit ein.
2Siehe dazu: Thomas Mayer, „Wie plötzlich alle zu Philosophen wurden“, FAZ, 11. Januar 2022: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/querdenker-missbrauchen-hannah-arendts-freiheitsbegriff-17720139.html.
3 Meine Anfrage richtete sich an eine Gruppe verbundener Wissenschaftler. Einige von ihnen haben im Vorfeld der Impfentscheidung des Bundestages zusammengefunden und gemeinsam eine Stellungnahme gegen die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht mit einem Corona-Vakzin erarbeitet. Es ist nicht auszuschließen, dass ihre Expertise die überraschend eindeutige Abstimmung vom April 2022 beeinflusst hat, beweisen lässt sich dies jedoch natürlich nicht. Siehe: 81 Wissenschaftler schreiben an die Abgeordneten. https://7argumente.de/.
4 Bis auf den Beitrag von Christian Lehmann sind alle Texte für diesen Band entstanden. Christian Lehmanns Zwischenruf „Erst Flöte spielen, dann das Rad erfinden“ erschien am 14. März 2021 in Frische Sicht.https://www.frischesicht.de/erst-floete-spielen-dann-das-rad-erfinden/
5 So die Stellungnahme des Corona-ExpertInnenrats „Pandemievorbereitung auf Herbst/Winter 2022/23 vom 8. Juni2022: „Abschließend empfiehlt der ExpertInnenrat, der in Teilen der Gesellschaft wahrnehmbaren polarisierten Haltung in Bezug auf das Corona-Management konstruktiv zu begegnen und wieder in einen Dialog zu treten. Der erfolgreiche Umgang mit der Pandemie und deren Auswirkungen, aber auch anderen großen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft, wird ganz wesentlich von einer konstruktiven Grundhaltung und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt abhängen.“ Siehe: https://www.bundesregierung.de/resource/blob/975196/2048684/0e393c7cf5d2b3a556fa6a8df6352d11/2022-06-08-stellungnahme-expertinnenrat-data.pdf?download=1
6 Umgekehrt geht es auch. Wie ein Schuldnarrativ, etwa „Pandemie der Ungeimpften“, Zwietracht in eine Gesellschaft bringt, ließ sich in den zurückliegenden Monaten trefflich beobachten.
7 Ein Beispiel ist dieser Artikel, in dem der Philosoph Michael Esfeld als Nestbeschmutzer bezeichnet wird: Joachim Müller-Jung, „Querdenker-Philosoph dreht auf. Nestbeschmutzer in der Nationalakademie“, FAZ, 11. Mai 2021: https://www.faz.net/aktuell/wissen/der-quer-denker-und-nestbeschmutzer-in-der-nationalakademie-17335955.html.
8 Vergleiche dazu einen Essay des Soziologen Andreas Reckwitz, „Lehren aus der Coronakrise. Die Politik der Resilienz und ihre vier Probleme“, Der Spiegel, 5. März 2021: https://www.spiegel.de/psychologie/corona-und-politische-resilienz-was-wir-aus-der-krise-lernen-sollten-a-3cea4d87-0002-0001-0000-000176138623
Michael Esfeld
Freiheit ist die condition humaine. Wenn wir denken und handeln, dann sind wir frei. Das ist deshalb so, weil man für Gedanken und Handlungen – und nur für diese – Gründe und damit Rechtfertigungen verlangen kann. Wenn der Sturm einen Baum umhaut und dadurch ein Mensch zu Schaden kommt, dann kann man den Sturm nicht zur Rechenschaft ziehen. Wenn ein Mensch so etwas tut und einen anderen Menschen verletzt, dann zieht man ihn zur Rechenschaft und wirft ihm vor, zumindest grob fahrlässig gehandelt zu haben. Er hätte anders handeln sollen und damit auch anders handeln können. Er war und ist frei, so oder anders zu handeln.
Wenn ein Ameisenhaufen Spuren im Boden zieht, welche die syntaktische Form „Wale sind Fische“ ergeben, dann würden wir uns wundern, weil das spontane Auftreten einer solchen Bewegungsform äußerst unwahrscheinlich ist; aber wir würden es nicht als eine Behauptung ansehen, für die wir Gründe verlangen bzw. der wir mit Gründen widersprechen. Wenn ein Mensch so etwas macht, würden wir jedoch genau dieses tun. Er hätte sich in diesem Falle erst einmal weitere Informationen beschaffen sollen, statt sich durch die Beobachtung von Walen im Wasser zu der Behauptung verleiten zu lassen, dass Wale Fische sind. Er hätte anders denken sollen und damit auch anders denken können. Er war und ist frei, so oder anders zu denken.
Sollen impliziert Können. Die Begründung dafür, dass wir im Denken und Handeln frei sind, besteht in der Tat darin, dass wir mit Vernunft ausgestattete Wesen sind; denn nur von solchen Wesen kann man Gründe und damit Rechtfertigungen für ihr Verhalten verlangen. Vernunft und Freiheit gehen zusammen. Deshalb stellt sich nicht das Problem, Freiheit von zufälligem, gesetzes- oder regellosem Geschehen abzugrenzen. Die alltäglichen Vorgänge, in denen wir uns wechselseitig so behandeln, dass wir für unser Verhalten rechenschaftspflichtig sind, zeigen, dass wir in der Tat frei sind. Natürlich kann es punktuell Irrtümer geben – Situationen, in denen jemand sich nicht anders verhalten konnte und deshalb keiner Rechenschaft unterliegt. Aber es kann kein kollektiver Irrtum sein, dass wir uns für frei halten. Die entsprechende Behauptung würde gerade das zum Ausdruck bringen, was sie negiert: Für die Behauptung, dass wir nicht frei sind, müsste man Gründe geben können und würde durch den entsprechenden Versuch gerade zeigen, dass man frei ist.
Folglich kann es kein Wissen geben, aus welcher Quelle auch immer es stammen mag – Naturwissenschaft, Philosophie, Religion –, das uns als unfrei erweist. Diese Grundlage, dass Freiheit vor Wissenschaft steht, ist in der politischen Reaktion auf die Corona-Virenwellen verloren gegangen, ja geradezu umgekehrt worden: Wissenschaft stellt sich vor Freiheit. Bleiben wir noch einen Moment bei den allgemeinen Zusammenhängen, bevor wir mit diesem Rüstzeug dann konkret auf die Corona-Situation eingehen.
Natürlich können Wissenschaften wie insbesondere Neurobiologie und Psychologie Irrtümer der Gestalt aufdecken, dass wir uns manchmal für frei halten, aber lediglich impulsiv oder emotional auf Reize reagiert haben in einer Weise, dass wir in den betreffenden Situationen gar nicht denk- und handlungsfähig waren. Solche Forschungsergebnisse sind daher Aufklärungen darüber, an welchen Stellen wir das Potenzial noch besser realisieren können, das wir als mit Vernunft ausgestattete Wesen haben.1 Aber wenn man Vernunft gebraucht, ist man frei, weil die biologischen Gegebenheiten das Denken und Handeln nicht vorgeben. Vernunft und Freiheit gehen daher zusammen. Immanuel Kant drückt dieses in den Prolegomena zu einer jeden zukünftigen Metaphysik (1783) so aus:
Wenn uns Erscheinung gegeben ist, so sind wir noch ganz frei, wie wir die Sache daraus beurteilen wollen. (§ 13, Anmerkung III)
Ein Urteil entsteht dadurch, dass eine Person etwas ihr Gegebenes in den Status eines Grundes für einen Gedanken oder eine Handlung erhebt. Dabei stellt sie es in einen Zusammenhang mit anderem ihr Gegebenen: Eine Beobachtung zum Beispiel wird als zuverlässig eingestuft, weil sie durch andere Beobachtungen gestützt wird. So baut die Person einen Begründungs- oder Rechtfertigungszusammenhang auf. Während Kant mit dem „wir“ in der oben zitierten Aussage jeden von uns als transzendentales Subjekt meint (das heißt, als Person, deren Verhalten nicht einfach gemäß Naturgesetzen geschieht), verstehen wir dieses heute, nach dem linguistic turn im 20. Jahrhundert, als einen sozialen Prozess. Wir können Urteile nur zusammen, nur in sozialer Interaktion bilden, indem wir uns gegenseitig korrigieren und dadurch Erkenntnisfortschritt, sozialen Fortschritt und auch moralischen Fortschritt erzielen. Wir befreien uns kollektiv von biologischen Zwängen und schaffen genau dadurch individuelle Freiheit.
Erkenntnisfortschritt durch soziale Interaktion setzt voraus, jeden mündigen Menschen als Person anzuerkennen, die Vernunft gebrauchen kann, daher frei ist und zur Selbstbestimmung befähigt ist. Diese Freiheit ist der Wissenschaft vorrangig: Sie ist die Voraussetzung für das Bilden von Urteilen und damit das Schaffen von Wissen. Die Grundrechte von Personen sind damit Wissenschaft entzogen: Sie bedürfen weder einer Begründung durch Wissenschaft, noch könnte Wissenschaft eine solche Begründung leisten. Anders gesagt: Wissenschaft kann nicht ihre eigenen Voraussetzungen begründen. Sie kann diese höchstens zerstören und damit sich selbst zerstören. Genau das ist es, was wir seit Frühjahr 2020 erlebt haben: Die Selbstzerstörung von Wissenschaft im Namen von Wissenschaft und vorangetrieben durch ihre Institutionen (wie unter anderem Akademien).
Bisher gehörte es nur zum Instrumentarium autoritärer Staaten, Grundrechte einzuschränken und dafür Instanzen mit einer intellektuellen und moralischen Reputation zur Legimitation heranzuziehen, wie zum Beispiel Kirchen oder auch die Wissenschaft. Letzteres, das Heranziehen von Wissenschaft zur Legimitation staatlicher Herrschaft, die sich über Grundrechte hinwegsetzt, erfolgt in der Regel nach folgendem Schema: Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen angeblich, dass bestimmte Menschen aufgrund ihres sozialen oder genetischen oder sonstigen gesundheitlichen Status eine Gefahr für das Allgemeinwohl darstellen. Wissenschaft erkennt diese Gefahr als so unmittelbar, dass sofortiges staatliches Handeln über die Grundrechte der betreffenden Menschen hinweg erforderlich ist. Dieses Schema haben wir in Aktion gesehen mit Gesundheitspässen und 2G-/3G-Regelungen. Wie in allen aus der Geschichte bekannten Fällen löst sich auch in diesem Fall die angebliche wissenschaftliche Legitimation bei genauerem Hinsehen in Schall und Rauch auf: Es gab und gibt keine Pandemie von Ungeimpften,2 mit der unterschiedliche Rechte aufgrund des Impfstatus begründet werden könnten.
Wenn Wissenschaft sich anmaßt, über den Grundrechten zu stehen und darüber zu entscheiden, wem diese zukommen und wem sie nicht zukommen, dann zerstört sie sich selbst. Auch das haben wir seit Frühjahr 2020 erlebt: nicht den Triumph von Wissenschaft in der Aufklärung der Öffentlichkeit über Gesundheitsrisiken, die für bestimmte Personengruppen von den Corona-Virenwellen ausgehen, sondern die Selbstzerstörung von Wissenschaft durch ihre politische Instrumentalisierung. Ein besonders augenfälliges Beispiel dafür ist das Editorial der Zeitschrift Science vom 26. November 2021: „Vax the world“. Zunächst sollte nach dem Willen der Verfasser die gesamte Weltbevölkerung regelmäßigen Impfungen gegen das Coronavirus unterzogen werden – und zwar unabhängig davon, ob die einzelnen Menschen das aus eigener Überlegung und Entscheidung tun wollen; danach soll der Klimawandel auf die gleiche Weise angegangen werden.3 Selbstzerstörung von Wissenschaft ist dieses deshalb, weil die wissenschaftliche Legitimation eines solchen politischen Programmes es verhindert, eine ergebnisoffene und an Wahrheit orientierte wissenschaftliche Untersuchung des betreffenden Gegenstandes (Impfungen, Klimawandel etc.) vorzunehmen.
Bis heute (Mitte 2022) verfügt dasjenige, was als Corona-Impfstoffe angepriesen wird, nur über eine bedingte Zulassung. Eine solche ist für den gezielten Schutz gefährdeter Personen in Notsituationen gedacht und besteht unter der Auflage methodischer Skepsis. Das heißt im Falle von Medikamenten insbesondere, Verdachtsfällen signifikanter Nebenwirkungen systematisch nachzugehen. Es wäre daher erforderlich gewesen, die Zulassungsstudien für die Impfstoffe wie ursprünglich vorgesehen über zwei Jahre durchzuführen, um die Fragen zu Selbstschutz, Fremdschutz und Nebenwirkungen mit den üblichen Standards wissenschaftlicher Sorgfalt zu untersuchen. Was stattdessen geschah, fasst ein Artikel im British Medical Journal Ende 2021 treffend so zusammen: „Covid-19 vaccines were widely administered following ‚conditional’ authorisation based on short clinical trials, when important questions remained unanswered.”4
Das gleiche gilt für alle politischen Maßnahmen der letzten zwei Jahre, zu deren Legitimation Wissenschaft herangezogen wurde: Es werden keine systematischen, ergebnisoffenen und an Wahrheit orientierten Untersuchungen über die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der einzelnen Maßnahmen vorangetrieben. Wir wissen nicht, wie viele der als Coronatote deklarierten Personen infolge der Infektion mit dem Virus gestorben sind und bei vielen dieser Personen andere Faktoren die vorrangige Todesursache sind. Die Aussage „im Zusammenhang mit einer Infektion“ ist wissenschaftlich gehaltlos: Sie sagt nichts darüber aus, ob eine bloß zeitliche Abfolge vorliegt, oder ob es sich um einen Kausalzusammenhang handelt. Dasselbe gilt für die als Covid-Patienten aufgeführten Krankenhauseinweisungen: keine systematische Untersuchung, ob eine Infektion mit dem Coronavirus oder es etwas anderes die Ursache für die Behandlung im Krankenhaus ist. Wissenschaftliche Forschung wäre hier dringend erforderlich. Wir sind hier Zeugen – und zum Teil auch Opfer – eines eklatanten Versagens von Wissenschaft: ergebnisoffene, wissenschaftliche Neugierde, methodische, disziplinierte Skepsis, um durch kritisches Fragen stichhaltige Erkenntnisse gewinnen zu können, alle diese Mittel wissenschaftlicher Wahrheitsfindung wurden über Bord geworfen, um der Versuchung zu erliegen, Wissenschaft in ein politisches Programm mit entsprechender Macht über das Leben von Menschen zu verwandeln.
Wenn die Menschen allerdings merken, was man ihnen antut, besteht die Gefahr, dass sie sich gegen Wissenschaft als solche wenden. Das wäre fatal für die Zukunft unserer Gesellschaft: Wir verdanken der neuzeitlichen Naturwissenschaft einen enormen technologischen, medizinischen und sozialen Fortschritt, durch den es gelungen ist, einer immer größeren Zahl von Menschen einen Gewinn an Lebensqualität und Lebenszeit zu verschaffen und neue Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben zu eröffnen. Dazu trägt Wissenschaft aber nur dann bei, wenn sie respektiert, dass die Selbstbestimmung und die Grundrechte der Menschen ihr vorrangig sind und nicht ihrer Verfügungsgewalt unterliegen. Dahin zurückzukehren, dieses zu respektieren, ist im grundlegenden Interesse von Wissenschaft, nämlich dem Interesse daran, Erkenntnisse zu gewinnen und Wahrheit über die Tatsachen herauszufinden. Ebenso ist dieses im gesellschaftlichen Interesse, nämlich dem Interesse daran, den Weg technologischen, medizinischen, wirtschaftlichen, medizinischen und sozialen Fortschritts wieder aufzunehmen, der auf der Anerkennung von jedem Menschen als Person beruht.
1Siehe dazu zum Beispiel Boris Kotchoubey, Why are you free? Neurobiology and psychology of voluntary action (New York: Nova Science Publishers, 2012); Alfred R. Mele, Free: Why science hasn’t disproved free will (Oxford: Oxford University Press, 2014).
2 Siehe dazu zum Beispiel Günter Kampf, „COVID-19: stigmatising the unvaccinated is not justified“, The Lancet 398, 20. November 2021, S. 1871.
3Madhukar Pai und Ayoade Olatunbosun-Alakija, „Editorial: Vax the world“, Science 374, 26. November 2021, S. 1031.
4 Christof Prugger al., „Evaluating covid-19 vaccine efficacy and safety in the post-authorisation phase“, British Medical Journal 375, e067570, 23. Dezember 2021, hier S. 3.
Boris Kotchoubey
Das Experiment von Stanley Milgram ist wahrscheinlich das zweitberühmteste (nach dem pawlowschen Hund) in der Geschichte der Psychologie. Die meisten kennen sein erschreckendes Ergebnis: Probanden, denen gesagt wurde, dass sie einem anderen Menschen bei seinen Fehlern immer stärkere Stromschläge verabreichen sollen, gehorchten dem Befehl. Sie steigerten die Anwendung der Strafmaßnahmen bis zu einer Stromstärke von 300 Volt – die Mehrheit sogar bis zu 450 Volt – trotz der furchtbaren Schmerzensschreie des „Bestraften“ und des begründeten Verdachts, dass dieser verletzt oder sogar ohnmächtig werde.1
Das Experiment wurde in zahlreichen Fachpublikationen und populären Büchern über Psychologie beschrieben als Beweis dafür, zu welchen Grausamkeiten der Gehorsam gegenüber Autoritäten führen kann. Erich Fromm war der Einzige, der an dieser Stelle fragte: Welche Autoritäten aber?2 Im Raum der Probanden befand sich kein Vertreter einer „klassischen“ Autorität: Weder ein Boss noch ein Militär, weder ein Polizist noch ein Politiker, weder ein Priester noch ein Oberlehrer. Nur ein kleiner, bescheidener Mann im grauen Kittel, der bei jedem Versuch eines Probanden, die Anordnung in Frage zu stellen, das Experiment abzubrechen oder sich zu empören, einen der folgenden Sätze leise von sich gab: „Bitte machen Sie weiter“, „Sie müssen weitermachen“, „Die Wissenschaft verlangt, dass Sie weitermachen“, „Sie haben keine Wahl; Sie müssen weitermachen.“ Mehr als einen dieser vier Sätze durfte er nicht sagen. Warum also sollen wir verallgemeinert über Autoritäten sprechen, meinte Fromm; was sich hier abspielt, ist der Gehorsam gegenüber der Autorität der Wissenschaft.
Wissenschaft, die feste Burg geistiger Freiheiten – als Quelle der Grausamkeit und des Terrors? Wie kann man sich das vorstellen?
Wissenschaft als ein spezifisch europäisches Kulturphänomen (im Gegensatz zu Weisheit, die in verschiedensten Kulturen der Erde aufblühen kann) entstand als Systematisierung und Organisierung des normalen menschlichen Zweifelns und Misstrauens. Das wissenschaftliche Misstrauen hat drei Ebenen: Das Misstrauen gegenüber den Autoritäten der anderen; gegenüber allem, was die anderen, wenn auch sehr weisen Menschen, gesagt und geschrieben haben, herrschte noch in der antiken Philosophie. In der Neuzeit kam, mit dem Aufkommen der experimentellen Forschung, das Misstrauen gegenüber den wahrgenommenen Naturerscheinungen hinzu: Man muss stets überprüfen, ob das Sichtbare auch wahr ist. Wir sehen täglich, dass die Sonne auf- und untergeht, und dass eine Feder langsamer fällt als ein Stein. Doch beides ist falsch: Die Erde dreht sich um die Sonne und um die eigene Achse, und die Fallgeschwindigkeiten der Feder und des Steines sind genau gleich, allerdings unter Idealbedingungen eines Vakuums. Zu diesen beiden Formen des Misstrauens kommt die dritte: Das stete Misstrauen gegenüber sich selbst und den eigenen Methoden. Aus diesem Selbstzweifel heraus arbeitet die empirische Wissenschaft ständig an immer feineren Methoden der Kontrolle.
„Wissenschaft ist eine organisierte Skepsis“, definierte der Begründer der Wissenschaftssoziologie Robert K. Merton.3 Robert Oppenheimer sagte dazu: „(Der) Wissenschaftler ist frei, jede Frage zu stellen, jede Aussage anzuzweifeln, nach jeder Art Evidenz zu suchen, jeden Fehler zu korrigieren. Nicht nur können und dürfen Wissenschaftler zweifeln; sie sind sogar verpflichtet zu zweifeln, sobald es nur einen Grund scheint zu geben, dass der Zweifel angebracht ist.“4 Der Nobelpreisträger Richard Feynman formulierte diese Idee in den folgenden Worten: „Unter den wissenschaftlichen Aussagen sind einige ziemlich unsicher, andere fast sicher, aber keine absolut sicher. Daher gehen wir, die Wissenschaftler, davon aus, dass es völlig normal ist zu leben, ohne zu wissen. […]. Und damit geben wir ein Vorbild für eine demokratische Gesellschaft, die ebenfalls davon ausgeht, dass niemand weiß, wie man einen Staat führt.“5 All diese Aussagen können aber als Variationen der alten sokratischen Formelbetrachtet werden: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Nicht derjenige ist ein Wissenschaftler, der viel weiß, sondern derjenige, der klar sieht, wie viel er noch nicht weiß.
Kein Wunder, dass diese grundsätzliche Skepsis und stetes Infragestellen die Wissenschaft vom Anfang an in eine Opposition zur Religion und zur Kirche, die traditionell mit „ewigen“, unhinterfragbaren Wahrheiten operieren, gestellt hat. Während beispielsweise die Bibel behauptet, dass die Welt innerhalb von sechs Tagen erschaffen, dass der Mensch unabhängig von anderen Tieren erschaffen, und dass die Heilige Schrift selbst direkt von Gott inspiriert wurde, setzte die Wissenschaft als Ergebnis ihrer forschenden Arbeit diesen biblischen Aussagen korrektere Aussagen gegenüber: „Die Welt existiert seit etwa 14 Milliarden Jahren“; „Der Mensch entstand von einem affenähnlichen Tier“; „Biblische Texte haben konkrete Autoren und können häufig datiert werden; einige Texte beinhalten Fälschungen und spätere Einschübe“; usw. Wer konnte nur denken, dass in diesem wunderbaren Prozess der Ersetzung alter Dogmen durch neue Erkenntnisse ein verhängnisvoller Fehler steckt, dessen Folgen die Teilnehmer in Milgrams Experiment erleben werden?
Der Fehler besteht darin, dass nicht nur im öffentlichen Bewusstsein, sondern auch im Bewusstsein der Wissenschaftler nicht der Vorgang der kontinuierlichen Überwindung der Dogmen durch wissenschaftliche Skepsis, sondern die wissenschaftlichen Aussagen selbst in den Vordergrund treten. Indem man die süßen Früchte vom Baum der Erkenntnis genießt, glaubt man, diese Früchte seien das Wesentliche am Baum. Das ist fatal, weil das Wesentliche seine Wurzel ist. Wenn diese vernachlässigt wird, können die Früchte verschwinden – oder sogar giftig werden. Aber sind die wissenschaftlichen Aussagen nicht dochbesser, wahrer, korrekter als religiöse Dogmen? Nicht unbedingt. Hier sind einige Aussagen, die zu bestimmten Zeiten als absolute, nicht hinterfragbare wissenschaftliche Wahrheiten angesehen wurden:
1. Brennende Stoffe beinhalten eine spezifische Substanz mit negativem Gewicht, die beim Brennen in die Luft ausgeschieden wird, weshalb der verbrannte Stoff schwerer ist. Wenn keine Substanz mehr im Brennstoff bleibt, endet der Brennprozess.
2. Das gesamte Weltall wird durch eine andere spezifische Substanz erfüllt, nämlich den Lichtäther. Das Licht und andere elektromagnetische Schwankungen sind die Schwankungen des Äthers, wie ein Schall die Schwankungen der Luft ist.
3. Frauen und Männer haben völlig verschiedene kognitive Fähigkeiten; u.a. sind Frauen nicht zum konsequenten analytischen Denken fähig und können deshalb keine Berufe ausführen, die diese Fähigkeit benötigen wie beispielsweise Wissenschaftlerin, Richterin oder Anwältin; womöglich haben Frauen aber andere kognitive Fähigkeiten, die Männern fehlen, wie Einfühlungsvermögen.
4. Verschiedene Menschen haben wertvollere oder weniger wertvolle Erbanlagen, und dies bestimmt den Wert einer menschlichen Person; d.h. von Natur aus gibt es höherwertige und minderwertige Menschenund ganze Gruppen von Menschen („Rassen“).
Jede dieser Wahrheiten war über längere Zeiten der Gegenstand eines globalen, fachübergreifenden und unangefochtenen wissenschaftlichen Konsensus. Die erste herrschte in der Chemie während des ganzen 18. Jahrhunderts; drei Generationen der besten Chemiker Europas arbeiteten an Entwicklungen und Verfeinerungen dieser These. Die zweite wurde allgemein akzeptiert von einer überwiegenden Mehrheit der Physiker bis zur Entwicklung der Relativitätstheorie von Albert Einstein. Die dritte galt als absolut selbstverständlich von der Antike bis in das 20. Jahrhundert hinein. Die vierte (Eugenik) wurde zwischen ca. 1890 und 1950 von der überwiegenden Mehrheit aller Bio-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler geteilt, darunter Dutzende Nobelpreisträger, allgemein anerkannte Genies (Ronald Fisher, John Maynard Keynes, Alexander Graham Bell), der UNESCO-Gründer Julian Huxley u.v.a. wissenschaftliche Superstars. Nichtdestotrotz lag diese Theorie der Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Politik in Deutschland von 1933 bis 1945 zugrunde. Vergleichen wir diese Aussagen etwa mit:
5. „Die Welt wurde in sechs Tagen erschaffen.“
und mit:
6. „Maria ist auch nach Geburt Jesu eine Jungfrau geblieben.“,
so fällt der Vergleich zugunsten der fünften und der sechsten Aussage aus, die zumindest in einem metaphorischen Sinne eine Bedeutung haben können, während die Thesen eins bis vier einfach bedingungslos falsch sind.
Der Glaube, dass diese falschen Thesen der Vergangenheit gehören, unsere gegenwärtigen Thesen aber wahr seien, ist unbegründet. Jedes Zeitalter glaubt an seine Dogmen, und die Menschen des 22. Jahrhunderts werden unsere heutigen Theorien vermutlich mit demselben Schrecken anschauen wie wir die Theorien der Eugenik. Der berühmte Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn zeigte in seinem Bestseller, dass die Theorien der Vergangenheit, die wir heute leichtsinnig zu „Pseudowissenschaft“ oder „Vorwissenschaft“ zählen (z.B. Alchemie, Astrologie oder die geozentrische Astronomie), nach genau denselben logischen und methodologischen Prinzipien aufgebaut wurden, wie die modernen wissenschaftlichen Theorien, und dass deshalb die Letzteren genauso viel Chancen haben, sich in der Zukunft als falsch zu erwiesen, wie auch die Ersteren sich als falsch erwiesen haben.6
Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion besteht also nicht darin, dass Wissenschaft eigene Aussagen ausstellt, die besser sind als die religiösen Aussagen. Tut sie das, verhält sie sich wie eine andere Religion, nur eine schlechtere, weil ihren Dogmen im Gegensatz zu denen der traditionellen Religionen jegliche transzendente Tiefe fehlt. Der Vorteil der Wissenschaft besteht vielmehr in ihrer Fähigkeit, durch ihr kritisches Vorgehen die Falschheit der eigenen Aussagen zu überwinden. Das Wesen der Wissenschaft liegt in dieser Bewegung von schlechteren hin zu besseren Aussagen, aber nicht in den „wissenschaftlichen Aussagen“ als solchen. Daher ist jede ausschließliche Orientierung am „gegenwärtigen Stand der Wissenschaft“ ein Verrat an Wissenschaft. Denn deren Aufgabe besteht nicht aus dem Stillstand, sondern aus dem Fortschreiten. Hält sie an, bleibt sie an einer Stelle stehen, so versteinert sie sofort, wie Lots Frau, zu einer dogmatischen Sammlung falscher und – wie das Beispiel der Eugenik zeigt – manchmal sogar gefährlicher Sätze.
Warum aber bleibt die Wissenschaft stehen? Welches sind die Gründe für ihre dialektische Verwandlung in das eigene Gegenteil, in eine neue Dogmatik?
Der eine Grund wurzelt noch in der Maxime Francis Bacons „Wissen ist Macht“ (scientia potentia est). Jede Macht berauscht und verdirbt ihren Besitzer. Zunächst war es nur die Macht über die Natur, aber mit der Entwicklung von Sozialwissenschaften kam die Versuchung der Macht über die Mitmenschen dazu. Eine junge Engländerin, die sich wegen einer skandalösen Liebesaffäre in der fernen Schweiz verstecken musste, hat 200 Jahre nach Bacon als erste mit ihrem Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ dem Schreckensgespenst nachgespürt, das von dieser Formel ausgeht.7 Ein Wissenschaftler, der das Bewusstsein für die Begrenztheit seiner Kenntnisse verloren hat, wird vom Allmachtwahn ergriffen. Er fühlt sich berufen, die Fehler Gottes zu korrigieren. Statt unserer unvollständigen, fehlerhaften Welt will er auf wissenschaftlicher Basis eine neue, perfekte, absolut gerechte Welt schaffen; statt des alten Menschen mit seinem komischen, von wilden Tieren vererbten Genom einen neuen, idealen, heute würden wir sagen: transhumanen Menschen, einen womöglich virenfreien und makellosen Halbroboter-Halbengel. Selbstverständlich werden all diese größenwahnsinnigen Versuche, wie auch der von Mary Shelleys Held, hoffnungslos scheitern. Wenn das erste eugenische Experiment vor 80 Jahren in Millionen Ermordeten und Hunderttausenden Zwangssterilisierten endete, so mag man sich die Anzahl der Opfer künftiger Experimente der gleichen Art nicht ausmalen.
