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Kleine und große Männer unter sich Aus dem Leben eines Vollblut-Papas: Wenn drei Jungs langsam aber sicher zu jungen Männern werden, erlebt man als Vater so Einiges! Die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist dabei eine ganz besondere. Bei gemeinsamen Erlebnissen aber auch im Alltag gibt es viel zu lernen und zu entdecken. Abenteuer erlebt man nur bei außergewöhnlicher Outdoor Activity? Weit gefehlt! Mit einem großen und drei kleinen Männern werden neben "klassischen" Vater-Sohn-Aktivitäten, wie Fußball, Angeln, Feuermachen etc., nämlich alltägliche Situationen wie Shopping, Hygiene oder auch der Zahnarztbesuch schnell zu einem besonderen Ereignis. So sind Taktik, Ausdauer und stahlharte Nerven gefragt, wenn Sie sich zum Beispiel mit drei Jungs im Alter von vier bis elf Jahren einer extrem langen Schlange vor der Supermarktkasse nähern. In 50 unterhaltsamen Geschichten von Vater zu Vater finden Sie hier Tipps, Tricks und Anregungen für gemeinsame Zeit allein unter Männern und für eine starke Beziehung zu Ihrem Sohn. Bleibe lustig mit uns - #stayhomereadabook
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Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kennen Sie »Das Wäida«? Natürlich kennen Sie »Das Wäida«. Vermutlich kommen Sie bloß gerade nicht darauf. Jedenfalls ist »Das Wäida« eine zentrale Figur in jedem – ja, in wirklich jedem – möglichen Spiel, mit dem kleine Jungs sich die Zeit vertreiben. Deshalb werden wir ihm auch in den folgenden Kapiteln immer wieder mal begegnen.
Wer noch dabei ist, sich seine Muttersprache mit Wortschatz und Grammatik anzueignen, ist doch froh, die bestimmten Artikel der/die/das an passender Stelle verwenden zu können. Wie soll man bitte schön darauf kommen, dass es sich in diesem speziellen Fall gar nicht um einen Artikel handelt, sondern um einen gängigen Titel für Sith-Lords? Jedenfalls vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis. Wer große Brüder hat, wächst vermutlich ganz unweigerlich in das von George Lucas erschaffene und von unzähligen anderen Köpfen weitergesponnene Star-Wars-Universum hinein, ohne überhaupt zu begreifen, dass es sich dabei um mehr handelt als eine bloße Merchandising-Maschine für Games und Legofiguren, Sammelkarten und Bettwäsche.
»Sag mal, Papa, stimmt es eigentlich«, fragte mich mein mittlerer Sohn einstmals, »dass es von Star Wars auch Filme gibt?«
You name it.
Mit seinen vier Jahren weiß Bob noch nichts von den Verlockungen der Dunklen Seite und dem beklagenswerten Schicksal des jungen Anakin Skywalker, der unter den Händen des Imperators zu Darth Vader wurde. Aber wann immer seine Brüder mit ihren Plastik-Lichtschwertern aufeinander losgehen, hat »Das Wäida« irgendwie damit zu tun. Und wie wir alle greift auch mein jüngster Sohn auf Bekanntes zurück, wenn ihm Unbekanntes begegnet. Etwa der unbekannte Karton, den wir beim Aufräumen auf dem Speicher entdecken. Darin finden sich Handpuppen verschiedener Generationen. Manche sind neu und bunt, andere alt und abgegriffen, wieder anderen hat eine hilfreiche Hand neue Kleider an die gebleichten Holzköpfe getackert. Der Kasperle ist da, sogar mehrfach. Wir haben eine Oma, zwei Polizisten, drei Krokodile, einen Seppel und eine Hexe, einen Zauberer und eine Gretel sowie ein Königspaar und ein paar nicht zu identifizierende Statisten. Wobei … Gretel? Macht die beim Kasperletheater eigentlich mit? Das war doch die Kleine aus Faust. Nee, warte – bei Hänsel und Gretel natürlich. Hm.
Selbst das Smartphone bleibt eine eindeutige Antwort auf die Frage schuldig, welche Figuren eigentlich zu einem Kasperletheater gehören und welche nicht. Es verweist lediglich – Wikipedia zitierend – auf die lange Geschichte des Kasperletheaters, das ursprünglich ein Jahrmarktvergnügen war, bei dem die Hauptfigur einfach alle möglichen Leute totschlug – was der einfachen Bevölkerung wohl ein Ventil für den Umgang mit ihren Aggressionen bot.
Kurzer Seitenblick auf meinen Vierjährigen: jep. Ventil für Aggressionen ist super. Und auf dem Speicher ist sogar noch das eigentliche Kasperletheater mit Vorhang und wechselbaren Kulissen, wie es meine Schwägerin in liebevoller Heimarbeit einmal für unsere Kinder selbst gezimmert hat.
Derweil wühlt Bob im Karton und wird nicht fündig.
»Wo ist denn Das Wäida? Ist da gar kein Wäida dabei?«
»Wofür brauchen wir denn einen Das Wäida?«, will ich wissen.
»Na, weil das der Böse ist. Das Wäida ist immer der Böse und ohne einen Bösen können wir kein Theater machen.«
Logo. Ohne Konflikt keine Handlung. Hab ich auch schon mal gehört, schließlich schreibe ich nebenbei Romane. Und schon fange ich an, einen Plot zu bauen.
»Also, pass auf, ich habe eine Idee: Der grausame König unterdrückt das Land, der Polizist versucht, den Kasperl als Spitzel anzuwerben, doch der verliebt sich in die Gretel, die allerdings zum Widerstand gehört, gemeinsam mit dem Seppel, während das Krokodil in einer Rückblende …«
Der Rest meiner Handlungsskizze geht in Buhrufen unter. Na gut, manchmal können zu viele Personen und Handlungsstränge eine Geschichte auch ruinieren. Minimalistisch geht es doch auch. Ganz oft ist ja ein Zweipersonenstück von viel höherer Intensität als irgendwelche epischen Dramen. Der Vorteil liegt zudem darin, dass Bob beide Figuren alleine spielen kann. So kann ich das Publikum sein. Wozu baut man schließlich ein Theater auf, wenn es kein Publikum gibt?
Beginnen wir nun mit dem Casting. Nach längerem Hin und Her besetzen wir schließlich den König für die Rolle »Das Wäidas«, denn an seiner Krone lässt sich noch am ehesten ein schwarzes Stück Pappe befestigen, das wir zuvor ungefähr in Form von Darth Vaders Maske zurechtgeschnitten haben. Als Gegenspieler und Vertreter der guten und gerechten Sache (unerheblich, worin die jetzt eigentlich besteht) wird niemand Geringeres als das Krokodil in Erscheinung treten. Eine absolute Topbesetzung, wenn Sie mich fragen.
Die Handlung ist extrem verdichtet und konzentriert sich ganz auf den zentralen Konflikt der Geschichte. Gleich, nachdem sich der Vorhang gehoben hat, beginnt das Krokodil damit, »Das Wäida« erbarmungslos zu massakrieren. Es geht dabei so planvoll und mitleidlos vor, dass es mir eiskalt den Rücken hinunterläuft.
Die verstörende Inszenierung ist dazu geeignet, den Zuschauer wachzurütteln und aus seiner bildungsbürgerlichen Scheinwelt zu reißen. Zirka siebenmal spende ich frenetischen Schlussapplaus, weil ich jeweils denke, jetzt sei das Stück definitiv zu Ende. Aber »Das Wäida« erweist sich als Stehaufmännchen und gibt erst dann den Löffel ab, als ich aufstehe und eigenhändig den Vorhang fallen lasse.
Loben Sie alles, was man Ihnen vorführt. Möglicherweise werden Sie staunen, über welch vielfältige Stöhn- und Röchellaute Ihr Kind verfügt, um den Todeskampf seines Antagonisten auf die Bühne zu bringen. Was man eben heutzutage im Kindergarten so alles lernt. Kinder sind dankbar für Publikum. Setzen Sie der Fantasie des jungen Dramaturgen keine Grenzen. Der Länge des Stückes hingegen sehr wohl. Und antworten Sie nicht vorschnell auf die Frage, ob Sie die besten Stellen noch mal anschauen möchten; außer, Sie haben an diesem Tag keine weiteren Verpflichtungen mehr.
Apropos. Jungs kämpfen nicht nur gegen ihre Väter, sondern auch gegen ihre Brüder oder am liebsten alle gegen alle. Ich fühle mich bisweilen wie Heinrich II. von England (1133 – 1189), dessen Söhne Richard (Löwenherz), Gottfried und Johann (ja, genau, der böse Prinz John aus Robin Hood) permanent gegen den Vater aufbegehrten und miteinander um die Krone rangen. Weil das so schön passt, liefern wir uns natürlich standesgemäße mittelalterliche Schwertkämpfe.
Wobei die Waffen etwas ungleich verteilt sind, denn als Einziger von uns verfügt der Kronprinz über einen Schild aus Holz. Wir anderen sind völlig ungeschützt. Diesen Schild hat Justus mal im Museumsshop irgendeiner Burg ergattert. Vorne prangt ein stolzer Löwe. Die vielen Kerben im Holz zeugen von legendären Schlachten.
Eines schönen Tages ist Peter wild entschlossen, das zu ändern. Ob wir denn bitte heute nach der Schule einen Schild kaufen gehen.
»Auf keinen Fall«, sage ich, »du bist pleite. Ich sage nur: Fußballsticker. Aber wir können einen Schild basteln.«
»Nö, das sieht dann voll bescheuert aus.«
Abwarten. Ich sagte ja schon, dass ich kein Heimwerker bin, aber in historischen Kontexten (siehe Bogenbau) erwächst mir ein seltsamer Ehrgeiz, den ich nun auf die Reste eines alten Kleiderschranks richte, den zum Sperrmüll zu geben ich zu geizig war. Die einzelnen Wände dieses ehemaligen Schranks liegen im Keller. Und so säge ich aus der dünnen Spanplatte der einstigen Rückwand einen formschönen, spitz nach unten zulaufenden Schild. Von hinten schrauben wir als Halterung einen der Türgriffe vom Schrank drauf, vorne klebe ich ein zugeschnittenes leeres Blatt Papier hin.
»Nunmehro möget Ihr, edler Herr Ritter, das Wappen entwerfen, das Ihr zu führen gedenket.«
»Hä?«
»Nix hä. Hier sind Filzstifte, du sollst dein Wappen malen.«
»Ach so. Aber hm … Was nehme ich denn da?«
»Überlege halt mal, was dir wichtig ist, was dich ausmacht«, rate ich. »Das haben die Ritter auch so gemacht. Zum Beispiel einen Löwen, wenn sie sich ganz stark fühlten, oder eine Harfe, wenn sie gern gesungen haben.«
»Kann ich auch mehrere Sachen nehmen?«
»Na klar.«
Mit einem dicken Stift teile ich das Wappen in vier Felder auf. Und Peter versinkt in allertiefstes Nachdenken. Dann malt er los.
Sollten Sie gerade keinen ausgedienten Schrank zur Hand haben, dessen Rückwand Sie mal eben zersägen können, tut es natürlich auch ein Stück Karton oder Pappe. Besonders edel sieht es aus, wenn Sie das gute Stück anschließend laminieren (diese Geräte gibt es ja in manchen Haushalten) oder mit selbstklebender Buchfolie beschichten. Und falls Ihr Kind nicht unbedingt allein ein Wappen entwerfen will, dann machen Sie doch einfach ein Familienwappen.
Ritter Peter führt fürderhin unser Haus, ein Bild seines besten Freundes, einen Fußball und eine Pizza Margherita im Wappen. Wohlan, lasset die Spiele beginnen!
Ja, tatsächlich. Die Ähnlichkeit ist beinahe beängstigend. Die zwischen meinem jüngsten Sohn und mir; und mehr noch die zwischen mir und meinem Vater. Natürlich kenne ich unzählige Familienfotos aus meiner eigenen Kinderzeit. Aber diese bewegten Bilder habe ich noch nie gesehen.
»Wollt ihr noch mehr?«, frage ich die Jungs.
Auf dem PC habe ich unzählige Fotos abgespeichert, eingescannte Dias aus unseren Familienurlauben in den Achtzigern, zerknitterte Schwarz-Weiß-Bilder mit gezackter Umrandung aus den Vierzigerjahren, gelbstichige Aufnahmen, die laut der Beschriftung in Sütterlin auf der Rückseite den frühen Zwanzigerjahren zuzuordnen sind. Meine Söhne können sich nicht sattsehen an der Galerie ihrer Ahnen.
»Das ist eure Ururoma«, sage ich. »Und hier, mein Opa, euer Uropa.«
»Wow, der war ja Soldat«, sagt Peter anerkennend.
»War der etwa ein Nazi?«, fragt Justus empört. Er meint die Wehrmachtsuniform, die er vermutlich eher aus einem Computerspiel kennt denn aus dem Geschichtsunterricht.
»Natürlich nicht«, sage ich eine Spur zu schnell. Ehrlich gesagt habe ich keinen Schimmer. Denn obwohl ich den Vater meines Vaters lange gekannt und ihn oft gefragt habe, wie es denn damals gewesen sei, habe ich nie viel über ihn erfahren. Eigentlich gar nichts. Angeblich war er in Stalingrad.
Wie er da aus seiner Uniform heraus in die Kamera blickt, ein Lächeln angedeutet, irgendwo zwischen selbstherrlich und verunsichert, kommt auch er mir wie ein Spiegelbild vor.
Ich schaue meine Söhne der Reihe nach an. Wie viel von mir ist in ihnen? Was von meinem Vater und was von meinem Großvater? Wie viel Generation X, Bildungsaufsteiger, Wirtschaftswunder tragen wir alle in uns? Und wie viel Stalingrad, wie viel Holocaust? Der Gedanke lässt mich einen Moment erschaudern.
»Papa, was ist los?«, fragt Bob.
»Ich musste gerade daran denken«, sage ich, »dass ich bestimmt viele Sachen mache, die mein Vater auch schon so gemacht hat, auch wenn ich sie nicht gut finde.«
»Was denn?«, will Justus wissen.
Mein Vater fand das manchmal doof, glaube ich. Er meinte, ich soll lieber für die Schule lernen. Und heute sage ich dieselben Sprüche zu euch. Wenn Justus zum Beispiel ständig an seinem Handy zockt.«
»Siehst du?«, frohlockt er. »Und heute bist du wirklich Schriftsteller und Opa ist stolz auf dich. Und ich werde später wirklich mal Spieleentwickler. Aber eins ist klar …« Er grinst mich an. »Ich werde ganz, ganz anders als du.«
»Nee«, grinse ich, »du kannst nicht entkommen.«
Irgendwann wollen Kinder wissen, woher sie kommen. Nicht nur im Sinne sexueller Aufklärung, sondern im Sinne ihrer Ahnenreihe. Gemeinsam alte Fotos anzusehen kann da sehr aufschlussreich sein. Meist konfrontieren uns unsere Söhne dabei auch mit uns selbst, unserer eigenen Kindheit, unseren eigenen Vätern. Wir haben uns angepasst oder rebelliert, wir sind erwachsen geworden und schleppen doch immer noch ganz viel Gepäck aus unserer Herkunftsfamilie mit uns rum. Man muss sich dessen nicht entledigen, wenn man nicht möchte. Aber es ist erhellend, sich dieses Gepäck dann und wann anzuschauen und sich seiner bewusst zu werden.
Plötzlich läuft Peter nach oben in sein Zimmer, kommt zurück und hält seinen USB-Stick in der Hand.
»Kannst du den Film mit dir und Opa da drauf speichern?«, bittet er. »Den zeig ich später meinen Enkeln, wenn du tot bist.«
»Wie nett«, sage ich ironisch, meine es aber eigentlich wirklich so.
»Papa, was machen wir heute?«, fragen die Jungs.
»Erst mal nichts.«
Fassungsloses Entsetzen auf kindlichen Gesichtern. Es ist Sonntag, die Liebste besucht eine Freundin und wir vier könnten einen gemütlichen Männertag verbringen.
»Schwimmen gehen«, schlägt Peter vor.
»Oder eine Burg besichtigen«, meint Justus.
»Tierpark!«, ruft Bob.
»Können wir alles machen«, nicke ich. »Jedenfalls eines davon. Aber nicht jetzt.«
Ich sehe auf die Uhr. Es ist nicht mal neun. Warum zur Hölle sind die eigentlich jetzt schon wach? Alle drei? Bob ist mit seinen vier Jahren naturgemäß Frühaufsteher. Aber Justus und Peter muss man an Wochentagen, wenn Schule ist, meistens mit roher Gewalt aus ihren Betten zerren.
»Sagen wir um elf«, brumme ich. »Bis dahin will ich ein bisschen Pause haben. Schließlich ist doch Sonntag.«
»Und was passiert um elf?«, fragt Peter.
»Na, da fahren wir in den Tierpark. Oder zum Schwimmbad. Oder zu einer Burg eurer Wahl. Ihr habt zwei Stunden Zeit, euch auf ein Ziel zu einigen.«
»Und falls es überraschenderweise weniger als zwei Stunden dauert, bis wir uns geeinigt haben«, fragt Justus herausfordernd, »was sollen wir dann bis elf Uhr machen? Fernseher glotzen?«
»Irrtum, mein Lieber. Falls ihr euch heute Abend noch euer Standardprogramm reinziehen wollt, ist bis dahin Fernsehpause.«
»Handy?«
»Nope.«
»Aber, aber … WAS SOLLEN WIR MACHEN?«
»Nichts. Einfach nur abhängen. Chillen.«
»Bitte?«, empört sich Justus.
»Chillen!«, ruft Bob. »Will ich auch. Was ist das überhaupt?«
»Und wie geht das?«, fragt Peter.
»So«, sage ich, lege die Füße aufs Sofa und verschränke die Arme hinter dem Kopf. Dann schaue ich einfach an die Decke und lasse meine Gedanken fließen. »Toll, oder?«
»Was soll daran toll sein?«, mault Justus.
»Ich höre immer soll«, sage ich. »Sollen wir dies, sollen wir jenes … Es ist Sonntag, nicht Soll-Tag. Ich hab keinen Bock auf Sollen. Versteht ihr das?«
»Nein!«, rufen sie alle zusammen. Ein schöner Dreiklang.
»Dann lernt es«, brumme ich.
Und dann schließe ich für drei Sekunden meine Augen. Da hebt in unserem Wohnzimmer ein entsetzliches Gezeter an, es scheppert und rumpelt und als ich die Augen wieder öffne, ist die Luft voll umherfliegender Gegenstände und Kinder.
»Justus hat mich geschubst!«
»Peter hat mich gekniffen!«
»Bob hat mich gebissen!«
»Weil du ihn geboxt hast!«
»Ja, aber weil du mich geboxt hast, hab ich ihn geboxt, damit er dich beißt!«
Ich schließe die Augen wieder und warte, bis sich die Turbulenzen von alleine legen. Ich höre in mich hinein und blende den Lärm aus, bis ich ihn nicht mehr wahrnehme. Vielleicht hat er aber auch nur aufgehört, keine Ahnung, ich schaue ja nicht hin.
Wie die Kinder sehr vieler Leute von heute sind auch die meinen beinahe rund um die Uhr beschäftigt. Kita, Ganztagsschule, Sportverein, Gitarrenkurs, Ministrantenstunde, da bleibt kaum unverplante Zeit übrig. Zeit zum Trödeln, zum Verplempern. Zum Abhängen eben. Uns Eltern geht es doch ebenso. Der Burnout wartet schon auf uns. Vielleicht haben wir gemeinsam mit unseren Kindern verlernt, wie das geht, einfach mal eine Stunde nichts zu tun. Jedenfalls nichts Konkretes, Produktives, Zielgerichtetes. Sondern einfach sinnfrei Zeit vergehen lassen. So paradox es klingt, brauchen wir manchmal Überwindung dazu, es zu tun. Oder besser noch: es einfach geschehen zu lassen. Dazu gehört auch, sich als Familie einfach mal einen Moment gegenseitig auszuhalten, bevor sich alles entspannt.
