Pape Satàn - Umberto Eco - E-Book

Pape Satàn E-Book

Umberto Eco

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Beschreibung

Menschen, die ihre Handys verschlingen, Bücher, die die Existenz Napoleons bestreiten und Seeräuber, die vorbildliche Kapitalisten abgeben – so absurd die Phänomene der modernen Gesellschaft erscheinen mögen, sie werfen dringliche Fragen auf: Blüht auf dem Boden einer überkorrekten Politik ein neuer Rassismus? Kann man sich im digitalen Dschungel durchschlagen, ohne völlig den Kopf zu verlieren? Ecos Antworten lassen das Röntgenbild einer modernen Gesellschaft entstehen, sie sind ein letztes Geschenk an seine Leser – scharfsinnig, witzig und immer erhellend. „Pape Satàn“ ist ein Buch, das belebend wirkt wie ein gutes Gespräch, und es ist eine Liebeserklärung an das Lesen.

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Kaum jemand kann die Zeichen der Gesellschaft, Politik und Kultur besser lesen als Umberto Eco. So absurd die Phänomene, die er beschreibt, erscheinen mögen, sie werfen dringliche Fragen auf: Blüht in der politisch korrekten Gesellschaft ein neuer Rassismus auf? Kann man sich im digitalen Dschungel durchschlagen, ohne völlig den Kopf zu verlieren? Und ist angesichts der gesellschaftlichen Überalterung der Vorschlag, »wie man die Jungen zum Vorteil aller umbringt«, ernst zu nehmen? Ecos Antworten sind fesselnd und originell und eine Liebeserklärung an das Lesen, denn in unserer Zeit der falschen Propheten und erhöhten Beschleunigung bleibt das magische Objekt Buch ein sicherer Wegweiser.

Hanser E-Book

UMBERTO ECO

Pape Satàn

Chroniken einer flüssigen Gesellschaft

oder

Die Kunst, die Welt zu verstehen

Ausgewählt, übersetzt und eingerichtet von Burkhart Kroeber

Carl Hanser Verlag

Die Texte dieses Bandes sind eine Auswahl aus Pape Satàn Aleppe. Cronache di una società liquida, erschienen bei La nave di Teseo, Mailand 2016.

ISBN978-3-446-25599-9

© 2016 La nave di Teseo Editore, Milano

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© Carl Hanser Verlag München 2017

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München

© Tullio Pericoli, Umberto Eco, 1991

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und viele andere Informationen finden Sie unter:

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Inhalt

Einleitung

Die flüssige Gesellschaft

I  Die Alten und die Jungen

II  Immer online sein

III  Über Komplotte und Massenmedien

IV  Verschiedene Formen von Rassismus

V  Zwischen Philosophie und Religion

VI  Über Schreiben und Lesen

VII  Von frech und doof bis absurd und irre

Einleitung

Die Kolumne La Bustina di Minerva auf der letzten Seite des römischen Nachrichtenmagazins L’Espresso habe ich im März 1985 begonnen, sie erschien dreizehn Jahre lang wöchentlich, dann alle vierzehn Tage. Wie ich in der ersten Nummer erklärte, hatten die flachen Streichholzheftchen der Firma Minerva auf der Innenseite der Klappe eine leere Fläche, auf der man sich etwas notieren konnte, und daher plante ich meine Beiträge als knappe Notizen oder spontane Einfälle zu diesem oder jenem, was mir gerade durch den Kopf ging – meist angeregt durch aktuelle Fragen, aber ich fand es auch aktuell, wenn mich eines Abends plötzlich die Lust packte, eine Seite von, sagen wir, Herodot nachzulesen oder ein Märchen der Brüder Grimm oder einen Comic von Popeye the Sailor.

Viele dieser »Streichholzbriefe«, wie sie in der deutschen Übersetzung genannt worden sind, habe ich 1992 in mein Buch Il secondo diario minimo aufgenommen [deutsch in Auswahl: Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge, 1993], weitere sind in der Sammlung La Bustina di Minerva erschienen, die Texte bis zur Millenniumswende enthält [deutsch in Auswahl: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß, 2000], und einige finden sich auch in dem Band A passo di gambero von 2006 [deutsch in Auswahl: Im Krebsgang voran, 2007]. Doch in den Jahren von 2000 bis 2015 habe ich, rechnet man 26 Kolumnen jährlich, mehr als 400 Streichholzbriefe geschrieben, von denen einige, denke ich, noch präsentabel sind.

Mir scheint, dass alle (oder fast alle) in diesem Band versammelten Texte als Reflexionen über Phänomene unserer »flüssigen Gesellschaft« verstanden werden können, um die es in einem der letzten Streichholzbriefe geht, mit dem ich den vorliegenden Band eröffne.

Obwohl ich viele Wiederholungen beseitigt habe, sind einige vielleicht noch stehengeblieben, da sich in diesen fünfzehn Jahren gewisse Phänomene mit besorgniserregender Regelmäßigkeit wiederholt haben, was zu Rückgriffen und Beharren auf Themen geführt hat, die beunruhigend aktuell geblieben sind.

Ein Wort noch zum Titel. Im italienischen Original heißt dieses Buch Pape Satàn Aleppe. Cronache di una società liquida. Der Haupttitel ist ein Zitat aus Dantes Göttlicher Komödie (InfernoVII, 1), und obwohl Scharen von Interpreten versucht haben, diesen Worten einen Sinn abzugewinnen, sind die meisten zu dem Ergebnis gekommen, dass sie keinen präzisen Sinn haben. Sie werden bei Dante von dem Unterweltgott Pluto gesprochen und bieten sich als Ausdruck für jede Teufelei an. Daher schien es mir passend, sie als Titel dieser Sammlung zu nehmen, die weniger aus meiner Schuld als aus der unserer Zeitläufte ein Sammelsurium ist, das vom Hundertsten ins Tausendste kommt und somit die Flüssigkeit dieser fünfzehn Jahre gut widerspiegelt.

Die flüssige Gesellschaft

Die Idee einer »flüssigen« Moderne oder Gesellschaft stammt bekanntlich von Zygmunt Bauman. Um die vielfältigen Implikationen dieses Begriffs zu verstehen, empfehle ich das Buch Stato di crisi (Einaudi 2015), in dem Bauman und Carlo Bordoni über dieses und andere Probleme diskutieren.1

Die flüssige Gesellschaft beginnt sich mit jener Strömung abzuzeichnen, die man die Postmoderne genannt hat (was allerdings ein schwammiger »Dachbegriff« ist, unter dem sich verschiedene Phänomene versammeln, von der Architektur über die Philosophie bis zur Literatur, und keineswegs immer kohärent). Die Postmoderne markierte die Krise jener »großen Erzählungen«, die den Anspruch erhoben, der Welt ein Ordnungsmodell überstülpen zu können. Sie machte sich an eine spielerische oder ironische Neubesichtigung der Vergangenheit und überschnitt sich dabei in mancherlei Weise mit nihilistischen Bestrebungen. Aber für Bordoni ist auch die Postmoderne inzwischen im Niedergang begriffen. Sie war ein temporäres Phänomen, wir haben sie durchgemacht, ohne es recht zu bemerken, und eines Tages wird man sie wie die Vorromantik studieren. Sie diente dazu, etwas Neuentstehendes zu bezeichnen, sie stellte eine Art Übergang von der Moderne zu einer noch namenlosen Gegenwart dar.

Für Bauman zählt zu den Merkmalen dieser entstehenden Gegenwart die Krise des Staates – welche Entscheidungsfreiheit bleibt den Nationalstaaten angesichts des Machtpotentials der supranationalen Entitäten? Es verschwindet ein Gebilde, das den Einzelnen die Möglichkeit garantierte, die Probleme unserer Zeit auf homogene Weise zu lösen, und mit seiner Krise haben sich zugleich die Krisen der Ideologien verschärft und folglich die der Parteien und generell aller Appelle an eine Wertegemeinschaft, die es dem Einzelnen erlaubte, sich als Teil von etwas zu fühlen, das seine Bedürfnisse verstand und interpretierte.

Mit der Krise des Begriffs der Gemeinschaft entsteht ein hemmungsloser Individualismus, in dem niemand mehr Weggefährte der anderen ist, sondern nur noch Gegner, vor dem man sich hüten muss. Dieser »Subjektivismus« hat die Grundlagen der Moderne unterminiert und brüchig gemacht, so dass eine Situation entstanden ist, in der sich mangels fester Bezugspunkte alles mehr oder minder verflüssigt. Man verliert die Gewissheit des Rechts (die Justiz wird als Feindin empfunden), und die einzigen Lösungen für das Individuum ohne Bezugspunkte sind das Auffallen um jeden Preis, das Sich-Zeigen als Wert (ein Phänomen, mit dem ich mich oft in den Streichholzbriefen beschäftige) sowie der Konsumismus, das hemmungslose Konsumverhalten. Doch dabei handelt es sich um ein Konsumverhalten, das nicht auf den Besitz von Objekten der Begierde abzielt, um sich daran zu ergötzen, sondern diese Objekte sofort nach dem Kauf obsolet macht, so dass der Einzelne in einer Art zielloser Bulimie von einem Kaufrausch zum anderen taumelt (das neue Smartphone leistet kaum mehr als das alte, aber man muss das alte verschrotten, um an dieser Orgie der Begierde teilzunehmen).

Krise der Ideologien und der Parteien: Man hat schon gesagt, letztere seien heute so etwas wie Taxis, in die ein Volks(ver)führer oder ein Mafiaboss mit Wählerstimmenpaket einsteigt, wobei er sie schamfrei auswählt, je nach der Gelegenheit, die sich ihm bietet – dies lässt sogar die Wendehälse verständlich und nicht mehr skandalös erscheinen. Nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Gesellschaft lebt heute in einem kontinuierlichen Prekarisierungsprozess.

Was kann man dieser Verflüssigung entgegensetzen? Wir wissen es bisher noch nicht, und diese Übergangszeit wird noch ziemlich lange andauern. Zygmunt Bauman verweist darauf, wie typisch für diese Zeit (nach dem Ende des Glaubens an eine Rettung von oben, sei’s durch den Staat oder die Revolution) die Empörungsbewegungen sind. Diese Bewegungen wissen zwar, was sie nicht wollen, aber nicht, was sie wollen. Und bekanntlich ist eines der Probleme, vor denen die Verantwortlichen für die öffentliche Ordnung angesichts der »Autonomen« oder »Schwarzen Blöcke« stehen, dass diese Protestgruppen nicht mehr etikettiert werden können, wie es früher bei den Anarchisten, den Faschisten oder den Roten Brigaden der Fall war. Sie schlagen zu, aber niemand weiß mehr, wann und in welche Richtung. Nicht einmal sie selber.

Gibt es eine Möglichkeit, diese Verflüssigung zu überleben? Ja, und sie besteht genau darin, sich bewusst zu machen, dass man in einer flüssigen Gesellschaft lebt, für die man neue Instrumente braucht, um sie zu verstehen und vielleicht zu überwinden. Das Dumme ist nur, dass die Politik und große Teile der Intelligenz die Tragweite dieses Phänomens noch nicht verstanden haben. Zygmunt Bauman bleibt fürs erste ein »einsamer Rufer in der Wüste«.

29. Mai 2015

I

Die Alten und die Jungen

Dreizehn schlecht verbrachte Jahre

Vorgestern hat mich ein Interviewer gefragt (wie es viele tun), welches Buch mich in meinem Leben am meisten beeinflusst habe. Hätte mich in meinem ganzen Leben nur ein einziges Buch definitiv mehr als alle anderen beeinflusst, dann wäre ich ein Idiot – wie viele, die auf diese Frage antworten. Es gibt Bücher, die für meine zwanziger Jahre entscheidend waren, andere, die meine dreißiger Jahre prägten – und ich warte ungeduldig auf das Buch, das mich als Hundertjährigen aufwühlen wird. Eine andere unmögliche Frage ist: »Wer hat Ihnen etwas Entscheidendes für Ihr Leben beigebracht?« Das kann ich nie beantworten (außer mit »Papa und Mama«), denn in jedem Abschnitt meines Lebens hat mir jemand etwas beigebracht. Es konnten Personen an meiner Seite sein oder einige liebe Verstorbene wie Aristoteles, Thomas von Aquin, Locke oder Peirce.

In jedem Fall waren es nicht Lehren aus Büchern, von denen ich mit Sicherheit sagen kann, dass sie mein Leben geändert haben. Die erste war die der Signorina Bellini, meiner bewunderten Lehrerin in der Sexta, die uns als Hausaufgabe ein Stichwort nannte (wie Henne oder Lastschiff), über das wir eine Betrachtung oder eine Phantasie entwickeln sollten. Eines Tages behauptete ich kühn – ich weiß nicht, von welchem Teufel geritten –, ich würde jedes Thema aus dem Stand entwickeln. Sie schaute auf ihren Lehrertisch und sagte »Notizbuch«. Aus heutiger Sicht hätte ich über das Notizbuch des Journalisten oder das Reisetagebuch eines Afrikaforschers sprechen können, stattdessen bin ich zwar keck aufs Podium gesprungen, habe dort aber kein Wort herausgebracht. So hat mich Signorina Bellini gelehrt, dass man seine eigenen Kräfte nie überschätzen darf.

Die zweite Lehre war die von Don Celi, dem Salesianerpater, der mir beigebracht hat, ein Musikinstrument zu spielen (wie es scheint, wollen sie ihn jetzt heiligsprechen, aber nicht aus diesem Grund, der eher vom Advocatus Diaboli gegen ihn vorgebracht werden könnte). Am 5. Januar 1945 ging ich stolz wie ein Pfau zu ihm hin und sagte: »Don Celi, heute bin ich dreizehn Jahre alt geworden!« Er antwortet mir in mürrischem Ton: »Sehr schlecht verbrachte Jahre.« Was wollte er mir damit sagen? Dass ich mich in diesem ehrwürdigen Alter einer ernsten Gewissensprüfung unterziehen solle? Dass ich nicht hoffen dürfe, für eine so einfache biologische Pflichterfüllung gelobt zu werden? Vielleicht war es nur ein normaler Ausdruck des typisch piemontesischen Sinns für Zurückhaltung, eine Verweigerung der Rhetorik, vielleicht sogar eine liebevoll gemeinte Gratulation. Ich glaube jedoch, Don Celi wusste und wollte mich lehren, dass ein Meister seine Schüler stets in die Krise treiben muss und sie nie mehr als nötig loben darf.

Getreu dieser Lehre bin ich immer sparsam mit Lob gegenüber denen, die es von mir erwartet haben, außer bei überraschenden Ausnahmeleistungen. Vielleicht habe ich mit dieser Zurückhaltung ab und zu jemanden leiden lassen, und wenn dem so ist, habe ich nicht nur meine ersten dreizehn Jahre schlecht verbracht, sondern auch meine ersten sechsundsiebzig Jahre. Gewiss aber habe ich beschlossen, dass die beste Art, meine Zustimmung auszudrücken, eben die ist, keinen Tadel auszusprechen. Wenn es nichts zu tadeln gibt, dann hat jemand seine Arbeit gut gemacht. Ich ärgere mich immer über Ausdrücke wie »der gute Papst« oder »der ehrliche Zaccagnini«, weil sie den Eindruck erwecken, dass andere Päpste schlecht und andere Politiker unehrlich seien. Johannes XXIII. und Zaccagnini2 haben einfach das gemacht, was man von ihnen erwartete, und es gibt keinen Grund, warum sie dafür besonders gerühmt werden sollten.

Aber Don Celis Antwort hat mich auch gelehrt, nicht zu stolz zu werden, egal, was ich vollbracht habe, auch wenn ich es gut und richtig finde, und vor allem nicht stolzgebläht herumzulaufen. Heißt das, man brauche sich nicht zu bemühen, seine Arbeit möglichst gut zu machen? Gewiss nicht, aber seltsamerweise erinnert mich Don Celis Antwort irgendwie an einen Ausspruch von Oliver Wendell Holmes jr., bei dem ich nicht mehr weiß, wo ich ihn gefunden habe: »Das Geheimnis meines Erfolgs ist, dass ich als junger Mensch entdeckt habe, dass ich nicht Gott bin.« Es ist sehr wichtig zu begreifen, dass man nicht Gott ist, die eigenen Taten immer anzuzweifeln und sich bewusst zu sein, dass man seine gelebten Jahre nicht gut genug verbracht hat. Nur auf diese Weise kann man versuchen, die restlichen besser zu verbringen.

Man wird mich fragen, wieso mir diese Dinge gerade jetzt einfallen, wo der Wahlkampf begonnen hat, in dem man, um Erfolg zu haben, sich ein bisschen wie Gott benehmen muss, also vollendete Sachen sagen, so wie der Schöpfer von seiner Schöpfung sagte, dass sie gut sei, und einen gewissen Omnipotenzwahn an den Tag legen, indem man sich für unbezweifelbar fähig erklärt, das Allerbeste zu vollbringen (während Gott sich damit begnügte, die beste aller Welten zu schaffen). Meine Güte, nein, ich moralisiere hier nicht. Um einen Wahlkampf zu führen, muss man so vorgehen. Kann man sich einen Kandidaten vorstellen, der zu seinen erhofften Wählern sagt: »Bisher habe ich nur Mist gebaut. Ich weiß nicht, ob ich in Zukunft was Besseres hinkriege, aber ich will es versuchen.« Er würde nicht gewählt. Also nochmals, ich predige hier keinen falschen Moralismus. Ich muss nur halt, wenn ich die diversen Politikdiskussionen im Fernsehen verfolge, an meinen alten Lehrer Don Celi denken.

22. Februar 2008

Es war einmal Churchill

Neulich las ich einen Bericht über eine Umfrage in Großbritannien, aus der hervorging, dass ein Viertel der Briten glaubt, Churchill sei eine fiktive Person, ebenso Gandhi und Dickens. Umgekehrt hätten viele der Befragten (aber es wird nicht präzisiert, wie viele) zu den Personen, die real existiert haben, Sherlock Holmes, Robin Hood und Eleanor Rigby gezählt.

Als erstes würde ich hier dazu neigen, die Sache nicht zu dramatisieren. Es würde mich interessieren zu wissen, aus welcher sozialen Schicht das Viertel derer stammt, die keine klaren Vorstellungen von Churchill und Dickens haben. Wäre die Umfrage unter den Londonern der Zeit von Dickens gemacht worden, die man in den Bildern des Londoner Elends von Gustave Doré sieht, dann hätten mindestens drei Viertel der Zerlumpten, Verelendeten und Verhungernden nicht gewusst, wer Shakespeare war. Und es wundert mich auch nicht, dass Sherlock Holmes oder Robin Hood für reale Personen gehalten werden, der eine, weil es eine Holmes-Industrie gibt, die in London sogar Führungen durch seine angebliche Wohnung in der Baker Street macht, und der andere, weil es die Person, auf der die Sage von Robin Hood beruht, tatsächlich gegeben hat (das einzige, was Robin Hood irreal macht, ist der Umstand, dass man zur Zeit der Feudalwirtschaft die Reichen beraubte, um den Armen zu geben, während man seit dem Aufkommen der Marktwirtschaft die Armen beraubt, um den Reichen zu geben). Übrigens habe ich als Kind geglaubt, dass Buffalo Bill eine fiktive Person sei, bis mir mein Vater erzählte, dass er nicht nur wirklich gelebt hatte, sondern dass er ihn sogar mit eigenen Augen gesehen hatte, als er mit seinem Zirkus in unsere Stadt kam, um aus dem mythischen Wilden Westen in die piemontesische Provinz zu wechseln.

Wahr ist jedoch, und wir merken es, wenn Fragen an unsere Jugendlichen gestellt werden (ganz zu schweigen von den amerikanischen), dass die Vorstellungen auch von der nahen Vergangenheit sehr verschwommen sind. Kürzlich las man von einem Test, aus dem hervorging, dass manche glauben, Aldo Moro sei ein Angehöriger der Roten Brigaden gewesen, Alcide De Gasperi ein faschistischer Bonze und Marschall Badoglio ein Partisan etc. Manche sagen: Das ist so lange her, warum sollen Achtzehnjährige wissen, wer fünfzig Jahre vor ihrer Geburt an der Regierung war? Nun, mag sein, dass einem die faschistische Schule so etwas einbleute, aber ich wusste als Achtzehnjähriger auch, wer Urbano Rattazzi oder Francesco Crispi gewesen waren, und die hatten ein Jahrhundert zuvor gelebt.

Unser Verhältnis zur Vergangenheit hat sich wahrscheinlich schon in der Schule geändert. Früher interessierten wir uns sehr für die Vergangenheit, weil Nachrichten über die Gegenwart nicht sehr zahlreich waren, wenn man bedenkt, dass eine Zeitung alles auf acht Seiten berichtete. Seit dem Aufkommen der Massenmedien haben wir eine Flut von Informationen über die Gegenwart, und im Internet findet man Nachrichten über Millionen Dinge, die in diesem Moment passieren (auch über die belanglosesten). Die Vergangenheit, von der uns die Massenmedien berichten, wie zum Beispiel die Taten der römischen Kaiser oder von Richard Löwenherz, aber sogar der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erreichen uns (durch Hollywood und ähnliche Industrien) zusammen mit dem Informationsfluss über die Gegenwart, und es ist sehr schwierig für einen Streaming-Dienst-User, den Zeitunterschied zwischen Spartakus und Richard Löwenherz zu erfassen. Gleichzeitig zerfällt oder verschwimmt jedenfalls der Unterschied zwischen fiktiv und real. Woher soll ein Junge, der Filme im Fernsehen schaut, denn bitte wissen, dass Spartakus wirklich gelebt hat und der Marcus Vinicius in Quo vadis nicht, dass die Gräfin Castiglione eine historische Person war und Elisa di Rivombrosa nicht, dass Iwan der Schreckliche real war und Ming der Tyrann von Mongo nicht, wo sie sich doch so ähnlich sehen?

In der amerikanischen Kultur wird diese Anpassung der Vergangenheit an die Gegenwart sehr unbefangen gelebt, und es kann sogar passieren, dass man einem Philosophieprofessor begegnet, der einem sagt, dass man nicht zu wissen brauche, was Decartes über unsere Art zu denken gesagt hat, da für uns nur interessant sei, wie viel davon heute die kognitiven Wissenschaften entdecken. Wer so redet, vergisst, dass die kognitiven Wissenschaften auch deshalb da angelangt sind, wo sie angelangt sind, weil ein bestimmter Diskurs bei den Philosophen des 17. Jahrhunderts begonnen hat, aber vor allem verzichtet man darauf, aus der Erfahrung der Vergangenheit eine Lehre für die Zukunft zu ziehen.

Viele meinen, das alte Wort von der Geschichte als Lehrerin des Lebens sei eine Schulmeisterbanalität von anno dazumal, aber sicher ist: Wenn Hitler den Russlandfeldzug Napoleons aufmerksam studiert hätte, wäre er nicht in die Falle gegangen, in die er gegangen ist, und wenn Bush die Kriege der Briten im Afghanistan des 19. Jahrhunderts gut studiert hätte (aber was sage ich, sogar den letzten Krieg der Sowjets gegen die Vorläufer der Taliban), dann hätte er seinen afghanischen Feldzug anders angelegt.

Es mag so scheinen, dass zwischen dem britischen Hohlkopf, der Churchill für eine fiktive Person hält, und Bush, der seine Soldaten in den Irak schickt im Glauben, die Sache in vierzehn Tagen erledigt zu haben, ein abgrundtiefer Unterschied klafft, aber es ist nicht so. Es handelt sich um dasselbe Phänomen einer Trübung der historischen Dimension.

21. März 2008

Ist Schönes hässlich und Hässliches schön?

Hegel meinte, erst mit dem Christentum seien das Leid und die Hässlichkeit in die künstlerischen Darstellungen gelangt, denn »Christus gegeißelt, mit der Dornenkrone, das Kreuz zum Richtplatz tragend, ans Kreuz geheftet, in der Qual eines martervollen, langsamen Todes hinsterbend, lässt sich in den Formen der griechischen Schönheit nicht darstellen«. Er hatte unrecht, denn die griechische Welt war nicht nur die der Aphroditen in weißem Marmor, sondern auch die der Qualen des Marsias, der Ängste des Ödipus und des tödlichen Leidens der Medea. Aber in der christlichen Malerei und Skulptur fehlt es nicht an schmerzverzerrten Gesichtern, auch wenn sie nicht bis zum Sadismus eines Mel Gibson gehen. Auf jeden Fall dominiert die Verzerrung, wie Hegel weiter bemerkt (wobei er besonders an die deutsche und flämische Malerei denkt), wenn es um Darstellung der Verfolger Jesu geht.

Nun hat mich jemand darauf hingewiesen, dass in einem berühmten Passionsgemälde von Hieronymus Bosch (das im Museum von Gent aufbewahrt wird) neben anderen schrecklichen Henkern zwei zu sehen sind, die viele Rocksänger und ihre jungen Imitatoren vor Neid erblassen ließen: einer mit einem doppelten Piercing am Kinn und ein anderer, dessen Gesicht von verschiedenen metallischen Stäbchen durchbohrt ist. Nur dass Bosch auf diese Weise eine Art Epiphanie der Bosheit realisieren wollte (in Vorwegnahme der Überzeugung Lombrosos, dass wer sich tätowieren oder sonstwie körperlich entstellen lässt, ein geborener Verbrecher ist), während man heute angesichts von Jugendlichen mit gepiercter Zunge zwar Ekelgefühle haben kann, es aber zumindest statistisch irrig wäre, sie als erblich belastet zu betrachten.

Wenn wir dann noch bedenken, dass viele dieser selben Jugendlichen angesichts der »klassischen« Schönheit von Leuten wie George Clooney oder Nicole Kidman in Ohnmacht fallen, wird klar, dass sie sich wie ihre Eltern verhalten; erwerben diese doch einerseits Automobile und Fernsehgeräte, die nach den aus der Renaissance stammenden Maßstäben des Goldenen Schnitts gestaltet sind, oder drängen sich in den Uffizien, um das Stendhal-Syndrom zu verspüren, und erfreuen sich andererseits an Splatterfilmen, in denen Hirnmasse an die Wände spritzt, kaufen Dinosaurier und andere Monsterchen für ihre Kleinen und gehen das Happening eines Künstlers bewundern, der sich die Hände durchbohrt, sich die Glieder martert oder sich die Genitalien verletzt.

Weder die Väter noch die Söhne verweigern jeden Umgang mit dem Schönen, indem sie nur das wählen, was in den vergangenen Jahrhunderten als scheußlich galt. Dies geschah allenfalls, als die Futuristen proklamierten, um die Bürger zu erschrecken: »Machen wir mutig das Hässliche zu Literatur!«, und als Aldo Palazzeschi (in Il controdolore von 1914) vorschlug, um die Kinder auf gesunde Weise zur Hässlichkeit zu erziehen, solle man ihnen als pädagogisches Spielzeug besondere Puppen schenken, nämlich »bucklige, blinde, brandige, hüftlahme, schwindsüchtige, syphilitische, solche, die mechanisch heulen, schreien, lamentieren, epileptische Anfälle haben, Pest, Cholera, Hämorrhagien, Hämorrhoiden, Eiterfluss, Tollheit, in Ohnmacht fallen, röcheln und sterben«. Heute genießt man einfach in bestimmten Fällen das Schöne (das klassische) und weiß ein schönes Kind zu erkennen, eine schöne Landschaft oder auch eine schöne griechische Statue, und in anderen Fällen zieht man Vergnügen aus dem, was gestern noch als abstoßend hässlich angesehen wurde.

Mehr noch, bisweilen wählt man das Hässliche als Modell einer neuen Schönheit, wie es in der Cyborg-»Philosophie« geschieht. Wenn in den ersten Romanen von Gibson (diesmal William – wie man sieht: nomina sunt numina) ein menschliches Wesen, in dem mehrere Körperteile durch mechanische oder elektronische Apparate ersetzt worden sind, noch eine besorgte Wahrsagung darstellen konnte, so propagieren heute einige radikale Feministinnen, die sexuellen Unterschiede durch Realisierung neutraler, »postorganischer« oder »transhumaner« Körper zu überwinden, und Donna Haraway verkündet als Slogan: »Ich bin lieber Cyborg als Göttin.«

Nach Meinung einiger bedeutet dies, dass sich in der postmodernen Welt jeder Gegensatz zwischen schön und hässlich aufgelöst habe. Es gehe nicht einmal darum, mit den Hexen in Macbeth zu wiederholen: »Schön ist hässlich, hässlich schön.« Die beiden Werte hätten sich einfach amalgamiert und dabei ihre distinktiven Charakterzüge verloren.

Aber stimmt das? Und wenn gewisse Verhaltensweisen der Jugendlichen oder der Künstler nur marginale Phänomene wären, gefeiert von denen, die im Verhältnis zur Bevölkerung des Planeten bloß kleine Minderheiten sind? Das Fernsehen zeigt uns verhungernde Kinder, reduziert zu Skeletten mit aufgeblähten Bäuchen, wir hören von Frauen, die von Invasoren vergewaltigt worden sind, wir wissen von gefolterten menschlichen Körpern, und im übrigen tauchen vor unseren Augen immer wieder die nicht sehr fernen Bilder von anderen lebenden Skeletten auf, die zu Gaskammern getrieben werden. Wir sehen zerfetzte Glieder, zerstört gerade erst gestern durch die Explosion eines Wolkenkratzers oder den Absturz eines Flugzeugs, und wir leben in der Angst, dass uns dasselbe morgen passieren könnte. Jeder spürt sehr gut, dass all diese Dinge hässlich sind, und kein Bewusstsein von der Relativität ästhetischer Werte kann uns dazu bringen, sie als Lustobjekte zu erleben.

Vielleicht sind also Cyborg, Splatter, Das Ding aus einer anderen Welt und die Disaster Movies Erscheinungsformen von Oberflächen, die zwar von den Massenmedien emphatisch gefeiert werden, durch die wir aber eine viel tiefer sitzende Hässlichkeit exorzieren, die uns bedrückt, belagert, mit Schrecken erfüllt und die wir verzweifelt zu ignorieren versuchen, indem wir so tun, als sei das alles nur Fiktion.

14. September 2006

Gott ist mein Zeuge, dass ich ein Depp bin …

Vorgestern war ich in Madrid zum Mittagessen bei meinem König. Um nicht missverstanden zu werden: Obwohl ich stolz auf meine republikanischen Gefühle bin, wurde ich vor zwei Jahren zum Herzog des Königreiches Redonda ernannt (mit dem Titel Duque de la Isla del Día de Antes3), und diese Herzogswürde teile ich mit Pedro Almodóvar, Antonia Susan Byatt, Francis Ford Coppola, Arturo Pérez-Reverte, Fernando Savater, Pietro Citati, Claudio Magris, Ray Bradbury und einigen anderen, denen allen gemeinsam ist, dass sie dem König sympathisch sind.

Also, die Insel Redonda liegt im Karibischen Meer, ist knapp sechzig Hektar groß (ein Handtuch), völlig unbewohnt, und ich bin sicher, dass noch keiner ihrer Monarchen jemals einen Fuß auf sie gesetzt hat. Im Jahre 1865 hatte sie ein Bankier namens Matthew Dowdy Shiell erworben und Königin Victoria gebeten, sie zu einer autonomen Region zu erheben, was die gnädige Majestät auch problemlos tat, da sie darin keinerlei Gefahr für das britische Kolonialreich sah. Im Lauf der Jahrzehnte ging die Insel durch die Hände diverser Monarchen, von denen einige den Herzogstitel mehrmals verkauften, wodurch sie Erbfolgestreitigkeiten hervorriefen (wer die pluridynastische Geschichte genauer kennenlernen will, lese den Artikel »Redonda« in Wikipedia). 1997 dankte der letzte König zugunsten eines berühmten spanischen Schriftstellers ab, nämlich des in viele Sprachen übersetzten Javier Marías, der daraufhin anfing, allerlei Herzöge und Herzoginnen zu ernennen.

Dies ist die ganze Geschichte, die natürlich ein bisschen nach pataphysischer Narretei riecht, aber schließlich ist Herzog zu werden ja keine alltägliche Sache. Der Punkt ist jedoch ein anderer, nämlich dieser: Im Zuge unserer Gespräche hatte Javier Marías etwas gesagt, worüber es sich nachzudenken lohnt. Wir diskutierten über die offenkundige Tatsache, dass heutzutage die Leute zu allem bereit sind, bloß um einmal auf der Mattscheibe eines Fernsehers zu erscheinen, sei’s