Paracelsus Zirkus - Nastassia Cherny - E-Book

Paracelsus Zirkus E-Book

Nastassia Cherny

0,0

Beschreibung

Das ist die Geschichte von Emily und Ian, zwei Menschen die einen harten Start ins Leben hatten und sich durch einen Zufall als Erwachsene wieder über den Weg laufen. Wer auf der Suche nach einer ehrlichen und unkonventionellen Liebesgeschichte ist, der wird hier fündig. Viel Freude mit der verrückten Geschichte von Schlangenfrau und Emmentalerherz!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Mozart für Arme

Man sieht sich immer zweimal im Leben

Emmentalerherz

Schlangenfrau

Dosendrehen

Die Notaufnahme ist für alle da

Unwissenheit ist Glückseligkeit

Hilfe, es riecht nach Sex!

Die Abschiedsfeier

Willst du mit mir gehen?

Der Paracelsus Zirkus

Mozart für Arme

Als ich diesen Job angenommen habe, wusste ich bereits, dass es nicht leicht werden würde mit Tom Brody zusammenzuarbeiten, aber muss es wirklich so schwer sein? Kann er nicht zumindest ein wenig Gehirn in seinem unansehnlichen Kopf haben? Seine bisherigen Filme waren nicht mein Geschmack, das gebe ich zu, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass seine Filme nur den Geschmack von sehr minderbemittelten, langweiligen Losern entsprechen und IMDB gibt mir da definitiv recht.

Auch jeder halbwegs ernstzunehmende Kritiker, und damit inkludiere ich sogar einige Influencer und Youtube Selbstvermarkter, können an seinen Filmen nichts Gutes erkennen. Sein letzter Film schaffte tatsächlich eine IMDB-Bewertung unter 2 und das können nicht viele Filme von sich behaupten. Der Titel Die Ninja-Fighter kommen, lies nicht wirklich auf einen großen Erfolg schließen, aber er war noch schlechter als gedacht.

Ich war froh, dass er mit seinem neuen Titel einen ganz anderen Weg einschlagen wollte, Science-Fiction. Neues Spiel, neues Glück dachte ich mir, und nachdem die Jobs in letzter Zeit rar waren, musste ich beinahe alle Angebote annehmen, auch die bei denen sich mein Magen beim unterzeichnen verkrampfte und mir böse Vorahnungen in meinen Träumen erschienen. Aber wer gerne ein Dach über den Kopf hat und einen gefräßigen Kater durchfüttern muss, tut eben, was getan werden muss.

Tom sitzt in seinem hässlichen Schreibtischsessel, telefoniert mit irgendjemandem und lässt mich einfach warten. Ich war pünktlich in seinem Büro doch er provoziert mich, lässt mich absichtlich warten und möchte mir damit zeigen, wer hier das Sagen hat und wie dick seine Eier sind. Wenn er glaubt, mich mit dieser Nummer einschüchtern zu können, dann hat er sich geirrt. Nicht mit mir! Anstatt ihm in die Karten zu spielen und die devote kleine Maus zu sein, die er sich so sehnlich wünscht, stehe ich auf und streiche mein Kleid glatt. Langsam und unter Blickkontakt mit ihm, nehme ich meine rechte Hand nach oben und deute ihm mit meinen Fingern ein Telefon. Mit meiner zweiten Hand zeige ich auf mich und gebe ihm damit zu verstehen, mich anzurufen, wenn er mit seinem ach so wichtigen Gespräch fertig ist. Ich bemühe mich, in meine Bewegungen meine Wut über seine lächerliche Macho Masche miteinfließen zu lassen, und hoffe, er kann zwischen den Zeilen lesen. Aber vermutlich ist auch dafür zu wenig Gehirn in diesem unbeschreibbar hässlichen Kopf.

Er bemüht sich einfach nur verständnisvoll zu nicken, aber ich kann die Verärgerung in seinem Blick sehen. Ich habe nämlich genug Gehirn, um solche Dinge erkennen zu können.

Ohne auch nur eine weitere Sekunde mit diesem Schwanzlängenvergleich zu verschwenden, drehe ich mich um und stolziere provokant aus seinem mickrigen Büro. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss und ich atme laut und intensiv aus.

»So schlimm?«

Die Frage kommt von der älteren Dame, die hinter dem kleinen Tisch am Eingang sitzt. Ihr Arbeitsplatz ist nicht klar zu erkennen. Hinter ihr steht eine alte, in die Jahre gekommene Küche und direkt neben ihrem kleinen, ziemlich abgefuckten Schreibtisch scheint die Toilette zu sein.

Ich nicke ihr wortlos zu und weiß nicht genau, wo ich jetzt hingehen soll, um wichtig zu sein. Wenn Tom mich bald anrufen und wieder hinein bitten würde, musste ich beschäftigt wirken. Für mich gab es natürlich Wichtigeres, als auf ihn zu warten. Die Frage war nur was?

»Möchten Sie einen Kaffee? Nachdem sie da gerade länger als fünf Minuten mit meinem Neffen drinnen waren, haben sie sich einen verdient.«

Die unbekannte Dame hinter dem Tisch war also seine Tante, und sogar sie hatte offensichtlich keine gute Meinung von ihm.

»Ich möchte ihnen ja nicht zu nahe treten, aber die Zusammenarbeit mit ihrem Neffen, kann einem wirklich den letzten Nerv rauben. Haben sie vielleicht etwas Stärkeres als Kaffee?« Verständnisvoll lächelt sie mich an und steht auf. Kur bevor sie aufrecht steht zuckt sie zusammen und ich erkenne sofort wieso. Diesen Gesichtsausdruck kenne ich leider zu gut. Die Tante von Tom hat gerade Schmerzen, versucht sie sich aber nicht anmerken zu lassen.

»Mein Kreuz lässt grüßen. Der Sessel ist leider nicht gerade ergonomisch und mein Neffe hält solche Arbeitsmittel für nicht wichtig. Mein Bandscheibenvorfall letztes Jahr hat daran leider nichts geändert. Manchmal frage ich mich, wieso ich diesem kleinen Mistkerl überhaupt noch helfe, aber wer könnte ihn denn sonst ertragen, wenn nicht die eigene Familie? Ich bin Linda.«

Tante Linda streckt mir die Hand entgegen und ich freue mich ernsthaft sie kennenzulernen. Ich greife nach ihrer Hand und stelle mich ebenfalls vor.

»Emily, aber wenn sie seine Sekretärin sind, dann wissen sie das bestimmt bereits. Schön zu sehen, dass es offensichtlich auch gute Gene in der Familie gibt.«

Wir lachen beide laut auf und sind uns einig.

Der Kühlschrank sieht ziemlich leer aus, aber Linda greift hinein und hält mir eine helle Flasche mit einer bernsteinfärbigen Flüssigkeit darin entgegen.

»Es gibt leider nur diesen billigen Rum, den der Chef des Hauses normalerweise mit billigem Fake-Cola trinkt, aber nicht einmal das hat er mehr hier, also kann ich ihnen leider nur ein Glas pures Gift anbieten. Wollen sie einen Schluck davon?«

Wie könnte ich so ein Angebot nur ablehnen?

»Natürlich, und ich denke sie könnten auch einen vertragen. Alleine trinken ist doch nur halb so lustig, also bitte trinken sie doch einen Schluck Billigrum mit mir.«

Kurz sieht sie die Flasche an und überlegt. Tante Linda zuckt mit den Schultern und holt zwei Gläser aus dem Kasten. Die Tür bricht dabei beinahe auseinander, aber sie bleibt ganz entspannt und sieht so aus, als wäre sie über den Zustand der Küche bereits im Bilde.

»Mich kann hier nichts mehr schockieren Liebes. Nicht mal der nächste schlechte Film von diesem Möchtegern Scorsese da drinnen.«

Na da schau mal einer an, die Frau hat tatsächlich dieselbe Meinung über ihren Neffen wie ich. Sie gießt uns jeweils einen großen Schluck in jedes Glas und stellt sie klirrend vor ihr auf den Tisch.

»Also dann. Hier nehmen sie ihr Nervenfutter. Wenn ich mich nicht irre, müssen sie da gleich noch mal rein, also runter damit.«

Lächelnd hält sie mir mein Glas hin und riecht vorsichtig an ihrem. Sie rümpft die Nase und nickt mir tapfer zu. Ich schnappe mir mein Gift und bin der Meinung, es ist Zeit für einen kurzen Trinkspruch.

»Auf nervenaufreibende Neffen und beschissene Auftraggeber.«

Mit einem lauten Knall stoßen wir an und kippen uns den gesamten Inhalt auf einmal hinunter. Das haben wir uns verdient. Das brauchen wir immerhin müssen wir heute noch alle beide mit Tom Brody Zeit verbringen. Wie hätte man das anders ertragen sollen, als betrunken? Oder zumindest beschwipst. Vielleicht geht es seinen Schauspielern gleich und sie liefern deshalb ständig eine so schlechte Performance ab. Obwohl die Drehbücher auch nicht mehr hergeben als Müll.

Unsere ausgelassene Stimmung wird vom lauten Klingeln des alten Telefons zwischen uns unterbrochen. Linda atmet tief ein, bevor sie abhebt und ich bemühe mich ebenfalls, meinen Puls noch einmal etwas runterzubringen, bevor es in die zweite Runde mit diesem Mistkerl geht.

Tom schreit so laut ins Telefon, dass ich seine Stimme klar und deutlich hören kann.

»Schick mir diesen Mozart für Arme wieder ins Büro, ich habe jetzt Zeit für sie.«

Seine Tante antwortet ihm nicht, verabschiedet sich auch nicht von ihm, sondern legt einfach auf und lächelt mich aufmunternd an.

»Du hast es gehört Liebes, auf gehts.«

Wieso hatte ich mich noch mal für meinen Beruf entschieden? Ich öffne meine Haustür und versuche mich daran zu erinnern, was oder wer mich dazu ermutigt hat mein Geld mit Musik zu verdienen. Mein Vater hat mir immer schon versucht zu erklären, dass man mit diesem Hobby nicht seinen Lebensunterhalt verdienen und schon gar nicht seine Zeit verschwenden sollte, aber auf meinen Vater hatte ich noch nie gehört. Vielleicht entschied ich mich sogar gerade wegen dieser Einstellung dazu, mein Geld mit Musik zu verdienen. Sobald ich mein erstes Instrument halbwegs spielen konnte, damals noch Gitarre, habe ich bereits damit begonnen selbst Stücke zu komponieren und diese Freude am Erschaffen ist mir bis heute geblieben. Mittlerweile zwar mehr am Klavier und großteils fürs Fernsehen, aber im Grunde ist es immer noch dasselbe für mich. Ich stelle mir etwas vor, das ich mit meiner Musik aussagen möchte, und beginne damit die passenden Töne aneinanderzureihen und meine Geschichte musikalisch zu erzählen. Bei Filmen ist es immer leicht, sich vorzustellen, was das Lied aussagen soll, was es untermalen und erzählen soll. Ich habe für meine Kompositionen immer das Drehbuch und meinen klaren Auftrag, für welche Szenen sie mich brauchen.

Nach meinem Musikstudium fing ich damit an meine Noten an kleinere Studios zu verkaufen und kam so immer mehr in die Filmszene. Mir gefällt die Vorstellung, dass meine Werke eine gute Szene noch besser machen. Es gibt so viele Titel, die man unweigerlich mit einer Filmszene in Verbindung bringt und irgendwann möchte ich meinen ganz eigenen »Titanic – My heart will go on« Moment kreieren. Nur leider wird das schwer, wenn man mit drittklassigen Regisseuren wie Tom Brody zusammenarbeitet. Mein aktuelles Projekt, soll eine Szene untermalen, in der ein verstörend erotischer Zwerg von dem Planeten Kalua um die Hand einer Rießenschnecke anhält. Die Schnecke heißt Lola und ist ein Zwitter. Ich bemühe mich fast täglich, mir dafür eine passende Musik einfallen zu lassen, aber meine Finger wollen einfach nicht damit beginnen die ersten Töne zu spielen. Mal im Ernst welche Musik erwartet man sich in so einer Szene auch? Welche Art von Menschen sehen sich so einen Film überhaupt an? Ich habe Fantasie, das habe ich schon oft bewiesen, nur bei diesem Projekt stoße ich an meine Grenzen und Tom Brody, der Regisseur dieses Meisterwerkes merkt das auch mittlerweile. Die Frist für meine Noten ist bereits seit vier Wochen abgelaufen und er fängt langsam an mir Druck zu machen. Alle anderen Stücke konnte ich bereits abschließen, nur diese letzte kranke Szene machte mir mehr zu schaffen als ich mir selbst und Tom eingestehen möchte.

Direkt hinter der Eingangstür lauert er bereits, Diego mein roter Kater und Liebe meines Lebens.

»Hey Kleiner, ich hab dich auch vermisst, glaub mir. Mein Nachmittag war bestimmt schlimmer als deiner.«

Schnell wirbelt Diego zwischen meinen Beinen umher und miaut lautstark dabei vor sich hin.

»Doch da bin ich mir sicher. Mein Auftraggeber, für den ich nur arbeite, damit ich dir dein Futter kaufen kann, ist nämlich ein echt mieser Typ. Sei froh, dass du den ganzen Tag hier sein kannst, und nicht mehr tun musst als schlafen, fressen und dein Katzenklo füllen.«

Er hört einfach nicht damit auf, mich zu umschwirren, und das kann nur eines bedeuten. Mein kleiner, leicht übergewichtiger Freund hat hunger und erträgt keine weitere Minute auf Zwangsdiät. Damit er mir nicht komplett verrückt wird, gehe ich schnell zur Küche und greife in den Hochschrank um das Trockenfutter rauszuholen und lehre es in seine Schale. Noch bevor ich den Beutel wieder hochheben und verschließen kann, stürmt Diego mit seinem Kopf in die Schüssel und legt los. Das Miauen wird von einem lauten Knuspern ersetzt.

Damit nicht nur der Herr des Hauses, sondern auch die Dame etwas verwöhnt wird, gehe ich zum Kühlschrank und hole mir eine Flasche Weißwein heraus. Mein letztes sauberes Weinglas steht links im Regal und es dauert keine Minute bis ich es gefüllt habe und meine Zunge den kalten, fruchtigen Geschmack von Zufriedenheit schmeckt. Das ist genau die richtige Medizin für mich, nach einem so schrecklichen Termin.

Nachdem Tom mich wieder in sein Büro zurückbeordert hatte, bemühte er sich, sehr unverblümt, mir klar zu machen was er von meiner Arbeit hält und was er von mir erwartet. Den Job hat er mir ohnehin nur gegeben, weil mein Vater ihn vor ein paar Jahren behandelt und er ihn damals darum gebeten hat, seiner Tochter eine Chance zu geben bei seinem nächsten Projekt. Ich hasste es, dass mein Vater einerseits meine Berufswahl verabscheute, sich dann aber in seinem Umfeld für mich stark machte und es vor anderen nie eingestehen würde, dass er mit meiner Wahl ganz und gar nicht einverstanden ist. Mein Vater, oder bessergesagt Ziehvater, ist in vielerlei Hinsicht ein verachtenswerter Mann. Ich bin froh, dass er nicht mein leiblicher Vater ist. Meine Mutter hingegen ist eine liebenswerte Frau, vielleicht ein wenig einfach gestrickt aber herzlich. Auch sie ist nicht meine leibliche Mutter, wir teilen nicht dieselben Gene, wenn man so will. Gut für sie, sonst hätte sie vielleicht dieselben Probleme wie ich.

Es ist wieder ruhig in meiner Wohnung, deshalb blicke ich zur Futterschale und siehe da, sie ist leer. Nicht wirklich eine Überraschung, aber tun muss ich zumindest so und der Form halber auch ein wenig mit meinem leicht pummeligen Mitbewohner schimpfen.

»Na sieh mal einer an, da hat aber jemand zugeschlagen. Und das, obwohl uns Dr. Russel immer wieder erklärt, wie wichtig es ist, dass du dein Gewicht reduzierst.«

Zufrieden schleckt sich Diego neben mir sein Maul und beginnt damit sich zu putzen und für sein Verdauungsschläfchen vorzubereiten. Meine Standpauke scheint ihm total egal zu sein, wie immer.

»Na gut, dann wollen wir mal hoffen, dass ich mit meiner Belohnung sparsamer umgehe. Sonst kannst du mich heute ins Bett bringen, und das wünsche ich uns beiden nicht.«

Ich nehme einen großen Schluck Wein und atme tief aus.

Das Klavier an der Wand neben dem Sofa sieht für mich gerade aus wie ein Folterwerkzeug. Eigentlich sollte ich mich jetzt da hinsetzen und mir endlich etwas einfallen lassen für Ombu, den sexy Zwerg mit Sixpack und Lendenschurz, aber ich will meinen Kopf heute nicht mit diesem Dreck besudeln. Ombu kann bis morgen warten beschließe ich für mich selbst und gehe langsam in mein Schlafzimmer, um mir meine gemütlichen Klamotten für zu Hause anzuziehen.

Der Tag war anstrengend gewesen, deshalb konnte ich jetzt meinen ganzen Körper spüren. Meine Muskeln verkrampfen sich und mein Nacken wird steif. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Schmerz sich wieder durchkämpfen und mich im Griff haben würde, aber ich gab die Hoffnung nie auf. Manchmal sind die guten Phasen länger als üblich, aber leider eben nie, wenn ich gestresst werde, und das war heute definitiv der Fall.

Meine Tablettenbox ist noch in meinem Rucksack, deshalb beginne ich, ihn verzweifelt zu suchen. Er kann nicht weit sein, vor allem weil meine Wohnung nicht gerade sehr groß ist. Trotzdem verliere ich regelmäßig Dinge in meinen vier Wänden. Am Boden neben der Tür sehe ich den braunen Beutel und bin erleichtert darüber, dass meine Rettung so nahe ist.

Man sieht sich immer zweimal

Ich sitze auf meinem Klavierhocker, starre aus dem Fenster und denke an Ombu. Tom beschreibt ihn in seinem Skript als langhaarigen, braungebrannten Zwerg, der leichtbekleidet und selbstbewusst durch seine Stadt stolziert. Natürlich ist er ein tapferer Krieger und ganz nebenbei auch noch relativ intelligent. Lola, die Rießenschnecke hat er nur einmal zuvor gesehen und sich sofort unsterblich in sie verliebt. Zufällig ist sie die Prinzessin eines mächtigen Stammes und Ombu, der Kriegerprinz der Pilutos, dem größten Stamm des ganzen Planetens, der ausnahmslos aus äußerst männlichen Kriegern und ihren Frauen und Kindern besteht.

Da ist es! Die ersten Töne hallen in meiner Wohnung wieder und ich spiele eine Melodie, die ich nur leicht abgewandelt habe, aber bereits als Kind kannte. Das Lied hat mir meine Mutter früher vorgesungen. Es geht um eine Schnecke, die immer langsamer als die anderen Tiere ist, aber zum Schluss bewundern sie alle, weil ihre Mutter ihr Haus bemalt und es wunderschön ist. Wenn ich den Text noch richtig in Erinnerung habe – meine Hand würde ich dafür nicht ins Feuer legen. Das Kinderlied ist eingängig und in einer anderen Tonlage, in Moll, klingt es ernster und mystischer. Das könnte funktionieren. Diego schmust mit meinem linken Bein, während ich anfange die Noten zu notieren. Seit meinem letzten Termin bei Tom sind mittlerweile fünf Tage vergangen und ich bin heilfroh, endlich dieses Projekt abschließen zu können, noch bevor er mich wieder zu sich zitieren kann. Ich ziehe den letzten Strich auf meinem Notenblatt und blicke zufrieden zu Diego hinunter.

»Dein Futter ist wieder für ein paar Monate gesichert mein Lieber.«

Er liegt auf meinem Fußrücken und wälzt sich zufrieden hin und her. Mir scheint er versteht, was ich ihm gerade gesagt habe und feiert nun seine ganz eigene Futter-Party. Ich sitze bereits seit über zwei Stunden auf dem Hocker, weil ich die Zeit übersehen habe. Langes Sitzen, und dann auch noch ohne Lehne bekommt mir leider nicht gerade gut, deshalb fürchte ich mich davor, aufzustehen. Langsam hebe ich meinen Hintern vom Hocker und beginne damit mich aufzurichten. Ein paarmal knackt es laut, aber keine gröberen Probleme, bis ich dann endlich ganz aufrecht stehe. Ich tue es Diego gleich und für einen kurzen Moment feiere ich meine ganz eigene kleine Party mit mir selbst.

Die Antwort auf meine E-Mail mit den letzten Noten kommt sofort.

»Spät, aber doch! Komm morgen zu mir ins Büro und spiel es mir vor. Wenn alles passt, bekommst du nächste Woche dein volles Gehalt und die Sache ist für dich erledigt.«

Tom ist kein Mann vieler Worte. Könnte man glauben, nachdem er auch seine Drehbücher selbst schreibt, aber dem ist nicht so. Und wenn man seine Drehbücher kennt, dann ist das vielleicht auch gut so. Morgen würde ich diesen beschissenen Job also zu Ende bringen – endlich.

Linda sitzt wieder auf ihrem Platz und telefoniert gerade mit jemandem. Sie lächelt mich an und deutet mir hereinzukommen. Heute trägt sie eine orange Bluse und ihre langen Haare hat sie zu einem strengen Zopf gebunden. Im Wartebereich sitzen heute ein paar Männer. Sie haben alle ihre eigenen Laptops mit und tippen konzentriert auf der Tastatur herum. Das müssen wohl die Leute von der IT sein, die für die Spezialeffekte zuständig sind. Der Film spielte ja auf einem fremden Planeten und Lola die Rießenschnecke war kein Charakter, den man hinter jeder Straßenecke fand, solche Kreaturen benötigten technische Unterstützung. Nachdem es sich hier nicht gerade um Star Wars handelt, musste die Agentur, die mit den Spezialeffekten beauftragt wurde, eine eher kleinere sein. Oft wurden solche Jobs sogar an motivierte Hobby Programmierer übergeben, aber diese Jungs sahen zumindest semiprofessionell aus.

Tante Linda deutet auf die Kaffeekanne, die etwas hinter ihr steht und hebt fragend ihre Schultern. Koffein verschlechterte oft meine Symptome und nachdem mein Puls bereits erhöht ist, wegen meinem bevorstehenden Gespräch, deute ich ihr lieber ein Nein mit meinem Kopf und versuche geräuschlos, aber sehr deutlich ein »Danke« mit meinen Lippen zu formen. Sie scheint mit ihrem Gespräch bald fertig zu werden, weil sie immer wieder versucht, sich zu verabschieden und genervt mit ihren Augen rollt.

Alle Sitzplätze sind besetzt, deshalb bleibe ich hier vor dem abgefuckten Schreibtisch von Linda stehen und sehe mich langsam im Raum um. Alle Männer die hier sitzen tragen dasselbe Hemd. Alle haben eine Brille auf und keiner von ihnen sieht auch nur eine Sekunde von seinem Bildschirm auf. Ich bin strikt dagegen, gewisse Menschen in ein und denselben Topf zu werfen, aber diese homogene Truppe entspricht dem Stereotyp IT Mitarbeiter einfach perfekt.

»Hallo Liebes! Diese Lieferanten sind immer so schwer von Begriff, ich sags dir. Willst du sicher keinen Kaffee? Der ist ganz frisch.«

Sie sieht mich fragend an und wartet auf meine Antwort.

»Nein, danke. Ich hatte zu Hause einen«, lüge ich, um mich nicht weiter erklären zu müssen.

Ein Kopf neben mir bewegt sich. Der Mann rechts von mir sieht plötzlich nicht mehr in seinen Bildschirm, sondern sieht mich direkt an. Er kommt mir bekannt vor.

»Emily? Emily Diana Sanderson?«

Er kennt sogar meinen ganzen Namen. Meinen zweiten Vornamen kennen eigentlich nur meine ehemaligen Mitschüler oder Kollegen meines Vaters. Hinter meinem Namen steckt mehr, als es den Anschein hat, vielleicht hasse ich ihn deshalb auch so sehr. Ich schaue mir den Typ ganz genau an, aber ich erinnere mich nicht.

»Ja?! Und sie sind?«

Der unbekannte Mann nimmt seine Brille ab und jetzt macht es Klick. Das Gesicht kenne ich aus der Schulzeit. Ich weiß, dass er ein Loch im Herzen hat und eine Klasse über mir war, aber seinen Namen weiß ich nicht mehr. Sein Spitzname war damals nicht gerade sehr freundlich, aber ich habe zu wenig Zeit dafür, mir etwas diplomatischeres einfallen zu lassen, deshalb begrüße ich ihn so, wie ich ihn in Erinnerung habe.

»Bist du Emmentalerherz?«

Sein Lächeln sieht wirklich gut aus. Ohne Brille und mit diesen Grübchen an den Wangen sieht er gar nicht mehr aus wie der klassische IT Typ.

»Ian Turner, aber wenn du willst, dann bleiben wir bei Emmentalerherz.«

Aus seinem Mund klingt sein Spitzname wirklich doof und mir ist es auf einmal unangenehm, dass ich diesen Namen gerade laut ausgesprochen habe. Ian, stimmt, ich erinnere mich langsam.

»Erm, nein, das tut mir leid. Natürlich war mir klar, dass du nicht wirklich so heißt. Du warst in der Klasse mit Sam, oder?«

Sam war einer meiner besten Freunde in der Schulzeit. Ab und an hatten wir sogar heute noch Kontakt, aber leider hat er kurz nach seinem Studium das Land verlassen und lebt heute in Kanada mit seiner Frau Lindsay und seinen zwei Töchtern. Er fehlt mir, mit ihm konnte ich immer offen reden.

»Ja genau, Sam war mein Sitznachbar. Soweit ich weiß, lebt er heute in Kanada.«

Na sieh mal einer an, er hat also auch noch Kontakt zu meinem Freund. Oder seinem Freund? Unserem Freund, einige ich mich mit mir selbst.

Tom schreit aus seinem Büro und signalisiert dadurch der Horde Nerds, zu ihm ins Büro zu kommen.

»Sorry, ich muss da jetzt rein. War schön, dich zu sehen Emily.«

Ian steht auf, streckt mir die Hand entgegen und lächelt mich wieder mit seinen Grübchen an.

»Ich muss da später auch noch rein, also viel Glück Ian, und hat mich gefreut, dich zu sehen.«

Auch wenn ich deinen Namen vergessen hatte und ich dich hier, mitten im Vorraum des schlechtesten Regisseures der Stadt als Emmentalerherz bezeichnet habe. Den letzten Teil denke ich mir natürlich nur und schüttle währenddessen seine Hand.

»Na los Ian, komm schon«, ruft einer der Typen, nach meinem ehemaligen Schulkollegen.

Er verschwindet im Büro und langsam wird es wieder ruhig hier im Vorraum. Keine Tastaturen sind mehr zu hören und auf einmal wird mir klar, dass Linda die ganze Zeit mein peinliches Gespräch mitanhören konnte.

Langsame drehe ich mich zu ihr und erkenne sofort ihr zweideutiges Lächeln auf ihren roten, schmalen Lippen.

»Na wer war denn das? Emmentalerherz? Sag mal, was hattet ihr den für Spitznamen? Also ich finde ja, dass er der einzig wirklich ansehnliche Kerl ist von dieser ganzen verqueren Truppe. Da hast du dir ja das einzige Schmuckstück ausgesucht. Gut gemacht Liebes!«

Ich habe mir niemanden ausgesucht, wenn man so will, dann hat er sich wohl eher mich ausgesucht. Er hat mich angesprochen. Ich hätte ihn, denke ich nicht mehr erkannt. Vor allem nicht mit seiner Brille. Aber irgendwo hatte sie auch recht. Er war wirklich ansehnlich. Sogar sehr ansehnlich wenn ich so darüber nachdenke. Sein pechschwarzes Haar trägt er heute etwas länger als früher. Erst als er aufstand, konnte ich seine gute Figur erkennen. Sein Hemd spannte leicht an seinem Oberarm und seine Hose saß ihm um den Hintern rum wirklich gut.

»Ach, das war nur ein alter Schulkollege.«

Sie sah noch nicht zufrieden aus und wollte definitiv mehr Tratsch&Klatsch von mir.

»Ein Schulkollege also. Und weiter?«

Linda lehnte sich in ihren billigen Schreibtischsessel zurück und wirkte so, als hätte sie zur Abwechslung mal Lust auf eine gute Story. Schlechte Geschichten bekam sie bestimmt genug von ihrem Neffen zu lesen.

»Einfach nur ein ehemaliger Kollege, nichts weiter. Er war damals eine Klasse über mir und sah zwar auch damals nicht schlecht aus, aber ich muss zugeben, er hat sich zu einem attraktiven Mann entwickelt. Er müsste ungefähr ein Jahr älter sein als ich, also, wenn ich so nachrechne ...

Sagen wir einfach Ende Zwanzig.«

Eine Frau spricht nicht gern über ihr Alter, und nachdem ich seit letztem Jahr bereits eine Drei stehen habe, musste Ian wohl ebenfalls eine stehen haben. Aber so ganz genau musste Tante Linda das ja nicht wissen.

Sie nickt und starrt mich weiter an.

»Mehr gibt es da wirklich nicht zu sagen. Wenn ich so darüber nachdenke, könntest du mir aber mehr Input geben. Wieso ist er hier?«

Mit zwei Fingern tippt sie auf ihrer Tastatur und scheint im System herausfinden zu wollen, wer da gerade im Büro ihres Neffen war.

»Das ist Neoxelex, eine Firma für Computerüberarbeitungen. Mehr steht da leider nicht in seinem Termin.«

Er arbeitet also für Neoxelex, und wie bereits gedacht machen sie Spezialeffekte am PC für Filme. Wie die Typen die eben den Millenium Falken zum Fliegen gebracht haben, nur nicht ganz so erfolgreich. Gleich wie man sich bei meinem Job wohl immer Hans Zimmer in einem modernen Tonstudio vorstellt und nicht mich, wie ich in meinem kleinen Wohnzimmer am Klavier sitze und Diego auf meinem Fuß dabei liegt.