Parker impft die "Mörder-Bienen" - Günter Dönges - E-Book

Parker impft die "Mörder-Bienen" E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! »Ein hübscher Nachmittag, Mister Parker«, stellte Lady Agatha fest. »Ich habe mir vorgenommen, endlich einmal zu entspannen.« »Ein Vorhaben, zu dem man Mylady nur beglückwünschen kann«, ließ sich der Butler vernehmen. Josuah Parker war das Urbild eines hochherrschaftlichen englischen Butlers. Er trug einen schwarzen Zweireiher konventionellen Zuschnitts, einen Eckkragen und einen schwarzen Binder. Die Hände steckten in weißen Servierhandschuhen. Agatha Simpson schnupperte den Duft des Apfelkuchens und langte nach der Sahne. Parker goß Kaffee ein und trat in seiner unnachahmlichen höflichen Art einen halben Schritt zurück. Die ältere Dame war eine majestätische Erscheinung und erinnerte an eine pensionierte Heroine. Sie war immens vermögend und konnte sich den kostspieligen Luxus erlauben, als Detektivin zu arbeiten. Sie glaubte an ihre einmalige Begabung und merkte nicht, daß Parker stets seine schützende Hand über sie hielt. »Was soll denn das?« fragte sie plötzlich halblaut und leicht verärgert. Sie schlug mit der Kuchengabel nach einer summenden Biene, die Witterung genommen hatte. »Mylady sollten das kleine und an sich harmlose Insekt vielleicht nicht unnötig reizen«, äußerte Parker. »Unsinn«, gab sie zurück.

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Butler Parker – 222 –Parker impft die "Mörder-Bienen"

Günter Dönges

»Ein hübscher Nachmittag, Mister Parker«, stellte Lady Agatha fest. »Ich habe mir vorgenommen, endlich einmal zu entspannen.«

»Ein Vorhaben, zu dem man Mylady nur beglückwünschen kann«, ließ sich der Butler vernehmen. Josuah Parker war das Urbild eines hochherrschaftlichen englischen Butlers. Er trug einen schwarzen Zweireiher konventionellen Zuschnitts, einen Eckkragen und einen schwarzen Binder. Die Hände steckten in weißen Servierhandschuhen.

Agatha Simpson schnupperte den Duft des Apfelkuchens und langte nach der Sahne. Parker goß Kaffee ein und trat in seiner unnachahmlichen höflichen Art einen halben Schritt zurück. Die ältere Dame war eine majestätische Erscheinung und erinnerte an eine pensionierte Heroine. Sie war immens vermögend und konnte sich den kostspieligen Luxus erlauben, als Detektivin zu arbeiten. Sie glaubte an ihre einmalige Begabung und merkte nicht, daß Parker stets seine schützende Hand über sie hielt.

»Was soll denn das?« fragte sie plötzlich halblaut und leicht verärgert. Sie schlug mit der Kuchengabel nach einer summenden Biene, die Witterung genommen hatte.

»Mylady sollten das kleine und an sich harmlose Insekt vielleicht nicht unnötig reizen«, äußerte Parker.

»Unsinn«, gab sie zurück. »Ich werde erst gar keinen Präzedenzfall aufkommen lassen, Mister Parker.«

»Wie Mylady zu meinen geruhen.« Josuah Parker ließ sich grundsätzlich nicht aus der Reserve locken, sein Gesicht blieb glatt und ausdruckslos. Er beobachtete die muntere Biene, die um den Apfelkuchen strich und kunstvolle Flugfiguren zeigte. Lady Agatha aber schlug mit der Gabel immer wieder zu und traf nichts als Luft.

»Nun, was habe ich Ihnen gesagt, Mister Parker?« fragte sie wenig später triumphierend und blickte dem davonsummenden Insekt nach. »Man muß eben unerbittlich sein.«

»Möglicherweise hat die Biene die Absicht, den Gesamtschwarm zu informieren«, warnte der Butler. »Meine Wenigkeit könnte den Apfelkuchen auch im Salon servieren, Mylady.«

»Eine Lady Simpson läßt sich nicht verdrängen«, stellte sie sehr deutlich fest. Danach widmete sie sich dem Kuchen und zeigte, wie gut entwickelt ihr Appetit war. Sie nahm eine gehörige Portion Sahne auf den Teller und genoß die weiße Pracht.

»Würde ich nicht strengste Diät halten, Mister Parker, könnte ich mir das hier nicht leisten«, sagte sie. »Was habe ich für den Abend geplant?«

»Mylady haben die Absicht, an einem Wohltätigkeitsball teilzunehmen.«

»Richtig«, gab sie zurück. »Es soll da eine recht hübsche Tombola geben mit wertvollen Preisen.«

»Man müßte noch die Eintrittskarte erwerben, Mylady.«

»Unsinn, Mister Parker! Eine Lady Simpson kauft sich keine Eintrittskarte. Man wird mich selbstverständlich als Ehrengast empfangen. Sorgen Sie übrigens dafür, daß ich genügend Freilose bekomme. Ich kann es mir nicht leisten, mein Geld zum Fenster hinauszuwerfen.«

Agatha Simpson war nicht nur sparsam, sie war geizig, wenn es um solche Dinge ging. Beschäftigte sie sich aber mit einem Kriminalfall, dann spielten Kosten für sie keine Rolle.

Die ältere Dame wollte noch etwas sagen, doch sie wurde abgelenkt. Das kleine Insekt hatte seinen Schwarm verständigt. Ein Geschwader lüsterner Bienen brummte und summte heran und nahm Kurs auf den Apfelkuchen und die Sahne. Lady Agatha leistete zwar erbitterte Gegenwehr und schlug um sich, doch damit forcierte sie nur den Angriffsgeist der Insekten.

»Scheußlich«, grollte die passionierte Detektivin schließlich und räumte das Feld. »Finden Sie nicht auch, Mister Parker, daß diese Bienen sehr aufdringlich sind?«

»Ein artspezifisches Verhalten, Mylady, wenn man Insekten reizt.«

»Besorgen Sie mir ein Insektenspray«, forderte sie gereizt. »Ich werde mir so etwas nicht bieten lassen und...«

Sie kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu vollenden. Mylady und Butler Parker hörten einen Aufschrei und dann ein unmißverständliches Fluchen. Wenig später erschien an der Seite der Terrasse ein untersetzter, bullig aussehender Mann von etwa fünfundfünfzig Jahren, der am linken Handrücken sog und zwischendurch immer wieder ausspuckte.

»Sollten Sie gestochen worden sein, mein lieber McWarden?« fragte die ältere Dame hoffnungsfroh. Die perfekte Schadenfreude stand in ihrem Gesicht.

*

»Ein merkwürdiger Zufall«, sagte McWarden. Er hatte sich die kleine Einstichwunde von Josuah Parker versorgen lassen und blickte durch das große Fenster auf die Terrasse. Der Butler hatte dort einen mit Sahne bedeckten Teller zurückgelassen, der von den munteren Bienen förmlich zugedeckt wurde.

»Es gibt keine Zufälle, mein lieber McWarden«, erklärte die Lady. »Die Insekten wissen natürlich, mit wem sie sich befassen.«

»Ich habe nichts gegen Insekten, generell gesehen«, meinte der Chief-Superintendent. Er leitete im Yard ein Sonderdezernat, das sich mit dem organisierten Verbrechen befaßte. McWarden war häufiger Gast im Haus der Lady Simpson und ertrug es mit Fassung, daß Mylady ihn oft und gern frotzelte. McWarden schätzte die kriminalistischen Fähigkeiten des Butlers und suchte immer wieder seinen Hat.

»Können Mylady davon ausgehen, Sir, daß Sie nicht zufällig hierher nach Richmond gekommen sind?« erkundigte sich Parker. Er servierte dem Chief-Superintendent Kaffee und Kuchen, was Mylady mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm.

»Mister Rander und Miß Porter sagten mir, daß Sie für einige Tage hier Urlaub machen wollen«, schickte McWarden voraus, »aber ich könnte mir vorstellen, Mylady, daß sie ihn abbrechen werden.«

»Sie können mich für nichts interessieren«, lautete ihre Antwort. »Sie werden Ihre Fälle allein lösen müssen, falls Sie das überhaupt schaffen.«

McWarden bekam prompt einen roten Kopf und ärgerte sich erst mal.

»Dann werde ich selbstverständlich schweigen, Mylady«, meinte er.

»Sehr vernünftig, mein lieber McWarden«, gab die ältere Dame zurück. »Auch eine Frau wie ich braucht hin und wieder eine schöpferische Pause.«

»Mylady lehnen strikt die Beschäftigung mit einem neuen Fall ab«, warf Josuah Parker ein und tauschte einen schnellen Blick mit McWarden. Der Butler wußte aus Erfahrung, wie neugierig Mylady war.

»Mister Parker hat völlig recht«, sagte sie, »aber man muß natürlich auch Ausnahmen machen können. Wo drückt Sie der Schuh?«

»Nein, nein, Mylady, ich respektiere selbstverständlich Ihren Wunsch«, versicherte der Chief-Superintendent.

»Humbug«, erwiderte sie umgehend. »Haben Sie sich gefälligst nicht so! Sie brauchen doch meine Hilfe, ich sehe Ihnen das an der Nasenspitze an.«

»Es handelt sich um Bienen, Mylady.« McWarden unterdrückte mühsam ein Schmunzeln. Die Neugier der älteren Dame war doch übermächtig.

»Bienen?« Sie stutzte. »Wollen Sie etwa ablenken?«

»Es geht um sogenannte Mörderbienen«, versicherte McWarden ihr. »Sie werden davon sicher schon mal gelesen haben.«

»Natürlich«, behauptete sie umgehend. »Mister Parker, wie war das noch?«

»Es handelt sich um Bienen, Mylady, die sich durch besondere Aggressivität auszeichnen. Nach meiner bescheidenen Erinnerung stammen die Insekten aus Afrika, die südamerikanische Züchter zur zuchtmäßigen Einkreuzung mit heimischen Bienen paarten. Das Ergebnis sind die erwähnten Mörder- oder Killerbienen, deren Gift unverhältnismäßig lebensgefährlich ist.«

»Das sind die Mörderbienen«, pflichtete der Chief-Superintendent ihm sofort bei. »Einzelheiten sind nicht so wichtig, Mylady. Wir wissen nur, daß die verdammten Insekten längst Mittelamerika erreicht haben und sich weiter in den Süden Nordamerikas ausdehnen.«

»Sie dürften bereits hier im Großraum London sein«, vermutete die ältere Dame und blickte auf das Pflaster, das McWardens Handrücken zierte. Sie meinte das ironisch, doch der Yardbeamte blieb ernst und nickte.

»Leider ist das so, Mylady«, berichtete er. »Es gab bereits die ersten Todesopfer.«

»Sie übertreiben, mein guter McWarden«, antwortete Agatha Simpson wegwerfend. »Es gibt immer wieder mal Todesfälle, wenn Wespen oder Bienen stechen.«

»Falls das oder die Opfer allergisch gegen Wespen- und Bienengift sind«, pflichtete McWarden ihr bei. »Diese Fälle sind mir durchaus bekannt. Wovon ich aber berichtete, Mylady, sind gezielte Mordanschläge mit tödlichem Ausgang.«

»Könnte Mylady dazu mehr erfahren?« tippte der Butler an.

»In zwei Fällen drangen die Mörderbienen in geschlossene Wohnungen ein und töteten ihre Opfer.«

»Mylady geht davon aus, daß man die erwähnten Insekten gezielt in diese Wohnungen verbrachte, Sir.«

»Eine andere Erklärung gibt es gar nicht«, meinte McWarden und nickte. »Diese Bienen sind als Mordwaffe eingesetzt worden.«

»Konnten Bienen dieser neuen Kreuzung an den beiden Tatorten gefunden werden, Sir?«

»Genug, um sie genau untersuchen zu können, Mister Parker. Unsere Fachleute haben die Mörderbienen eindeutig identifiziert.«

»Kann man erfahren, wie viele Stiche den Tod herbeiführen, Sir?«

»Ein halbes Dutzend reicht bereits aus, Mister Parker, vielleicht sogar noch weniger. Es kommt darauf an, wie anfällig das Opfer ist. Ich sollte vielleicht noch sagen, daß wir es mit Mörderbienen zu tun haben, die noch mal zusätzlich hochgezüchtet wurden, wie man mir sagte.«

»Wer sind die beiden Opfer, McWarden?« Mylady war voll bei der Sache und blickte wieder auf die Terrasse. Die Bienen hatten die Sahne vom Teller geräumt und stritten sich gerade mit einem kleineren Wespenschwarm.

»In einem Fall haben wir es mit einem Kaufmann zu tun, der in der Modebranche tätig war und einige Boutiquen betrieb, im anderen Fall war das Opfer ein Börsenmakler.«

»Ich werde auch diesen Fall lösen, mein lieber McWarden«, versprach die Detektivin und wandte sich an ihren Butler. »Besorgen Sie mir eine Fliegenklatsche, Mister Parker. Ich will gewappnet sein, falls ich angegriffen werde.«

*

Sie waren groß, muskulös und erinnerten an wandelnde Kleiderschränke. Sie mußten die Mauer des kleinen Parks überstiegen haben, denn sie standen plötzlich auf der Terrasse und marschierten auf den Butler zu, der sie in der Tür stehend – längst in Augenschein genommen hatte.

Beim Überklettern der Parkmauer hatten die beiden Männer eine unsichtbare Lichtschranke passiert, womit der hausinterne Alarm ausgelöst worden war. Natürlich war der Butler auf einen Besuch bestens vorbereitet, auch wenn es nicht danach aussah.

»Darf man sich erlauben, Ihnen ein herzliches Willkommen zu wünschen?« fragte der Butler und verbeugte sich leicht.

»Leicht überrascht, wie?« Der Mann mit der Warze an der Nase grinste überlegen wie ein Filmschurke.

»Mylady erhält selten Besuch hier auf dem Landsitz«, gab Josuah Parker zurück.

»Dann kriegt sie jetzt wenigstens mal ’ne Abwechslung«, gab der zweite Muskulöse zurück und ließ einen vergoldeten Schneidezahn blinken.

»Wen darf man melden?« erkundigte sich Parker höflich.

»Rudy und Stan«, meinte die Warzennase, die Rudy hieß. »Mehr braucht ihr nicht zu wissen. Los, Mann, setzen Sie sich in Bewegung, wir wollen die Lady doch nicht warten lassen, oder?«

»Mylady meditiert gerade, meine Herren.«

»Was macht die?« fragte der Mann mit dem Goldzahn verblüfft.

»Mylady pflegt um diese Zeit stets zu meditieren«, wiederholte der Butler. »Mylady versenkt sich dabei in ihr Ich und prüft das Verhältnis des erwähnten Ich zum Kosmos.«

»Sie pennt also, wie?« übersetzte der Warzenbehaftete sehr unpoetisch.

»Möglicherweise ist Mylady in einen leichten Schlaf gefallen«, räumte der Butler ein und trat zur Seite. Die beiden Besucher passierten ihn ungeniert. Sie waren sich ihrer Kraft und Überlegenheit bewußt und konnten sich überhaupt nicht vorstellen, daß etwa eine Enttäuschung auf sie wartete.

Doch zu dieser Enttäuschung kam es umgehend!

Der Warzenträger, der vorausgegangen war, hörte plötzlich ein feines Zischen und wollte noch reagieren, doch dazu reichte die Zeit nicht mehr. Der perlenbestickte Pompadour der älteren Dame setzte sich auf seinem Quadratschädel ab.

Der im Pompadour untergebrachte Glücksbringer der Agatha Simpson hatte die Wirkung eines Pferdetritts, was eindeutig damit zusammenhing, daß dieser Glücksbringer nichts anderes war als ein veritables Hufeisen eines altgedienten Brauereigauls.

Kommentarlos ging der Mann in die Knie und legte sich auf den Teppich. Sein Begleiter war ein durchaus schneller Mann. Er griff bereits nach seiner Schulterhalfter und hatte natürlich die feste Absicht, nach der Schußwaffe zu langen. Josuah Parker aber, der hinter ihm stand, erstickte dieses Wollen im Keim.

Er hatte aus den Falten des schweren Türvorhangs seinen altväterlich gebundenen Regenschirm hervorgeholt und klopfte mit dem bleigefüllten Bambusgriff auf den Hinterkopf des Goldzahnbesitzers. Der Mann produzierte einen ächzenden Seufzer, entspannte sich und nahm neben seinem Begleiter auf dem Teppich Platz.

»Die Unterwelt läßt mir keine Ruhe«, meinte Lady Agatha durchaus erfreut. »Machen Sie die beiden Lümmel verhörfertig, Mister Parker. Ich glaube, ich werde ein paar harte Fragen stellen.«

*

Sie verstanden die Welt nicht mehr.

Warzennase und Goldzahn saßen an der Wand des großen Wohnraums und blickten auf die Terrasse des Landsitzes. Die Aussicht war einmalig, doch dafür hatten sie keinen Blick. Sie sahen nichts von den Baum- und Strauchgruppen, von dem gepflegten Rasen und von den Blumenrabatten.

Die beiden Sendboten der Unterwelt waren an Händen und Füßen gefesselt. Parker hatte dazu nylonverstärktes Packband benutzt, das sich durch besondere Reißfestigkeit und Zähigkeit auszeichnete. Auf dem Beistelltisch an der Wand lagen die beiden Schußwaffen, die Rudy und Stan mitgebracht hatten.

»Mann, machen Sie keinen Quatsch«, sagte der Warzenträger gereizt, als der Butler aus dem Salon trat und ihnen zunickte.

»Wir schneiden dich in Streifen, Junge«, drohte der Goldzahnbesitzer. »Komm schon, schneid uns los. Wir werden glatt vergessen, daß ihr uns reingelegt habt.«

»Darf man nach dem Grund Ihres Kommens fragen?« wollte Josuah Parker wissen.

»Wir sollten die Lady und dich einladen«, erwiderte der Man mit der Warze ungeduldig.

»Und wer, bitte, sprach diese Einladung aus?«

»Damit rücken wir erst heraus, wenn wir wieder frei sind.«

»Dann wird Mylady wohl nie erfahren, wer Ihr Auftraggeber ist, meine Herren.«

Parker wandte sich ab und wollte zurück in den Salon.

»Was soll das heißen?« brüllte der mit dem Goldzahn wütend.

»Mylady gab strenge Anweisung, Sie zunächst mal in einen Kellerraum zu schaffen.«

»Ist die Alte wahnsinnig?« fauchte der Kerl mit der Warze. »Die hat doch keine Ahnung, wer wir sind!«

»Zwei schlecht erzogene Subjekte«, war in diesem Moment die baritonal gefärbte Stimme der Lady zu vernehmen. Die resolute Dame kam aus einem anderen Raum und schritt majestätisch auf die beiden Männer zu. »Würden Sie die Beleidigung wiederholen?«

Sie lächelte in freudiger Erwartung und hob eine Heckenschere.

»Was... Was soll das?« fragte der Warzenträger und wurde sofort nervös.

»Mylady haben vor, an Ihnen eine erzieherische Maßnahme durchzuführen«, kündigte Parker höflich an.

»Was hat sie?« Die Stimme des Goldzahnbesitzers wurde ein wenig heiser.

»Mylady wird Ihnen die Haare stutzen, um ein Exempel zu statuieren«, erklärte der Butler. »Sie werden sich nach dieser Behandlung mit einiger Sicherheit tage- oder wochenlang nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen.«

»So wurden Strauchdiebe von meinen Vorfahren bestraft«, ließ die ältere Dame sich vernehmen und setzte die Heckenschere in Bewegung. Ihre kräftig entwickelten Arme und Hände handhabten die Heckenschere mit spielerischer Leichtigkeit. Das Geräusch der beiden Messer war enervierend.

»Mylady sollten diesmal vielleicht ein wenig darauf achten, die Ohren ungeschoren zu lassen«, empfahl Josuah Parker höflich.

»Es war nicht meine Schuld, Mister Parker, daß ich dieses Ohr erwischte«, gab Agatha Simpson unwirsch zurück. »Der Lümmel wehrte sich ja wie ein Verrückter.«

»Ein herbeigerufener Notarzt hatte einige Mühe, den Blutstrom zu bändigen«, erinnerte der Butler. Er und Lady Agatha waren ein eingespieltes Team, wenn sie sich solche Horrorgeschichten erzählten und die entsprechenden Stichworte dazu lieferten.

Die beiden Besucher nahmen ihnen Wort für Wort ab. Sie sahen sich einem skurrilen Paar gegenüber, dem sie plötzlich alles zutrauten. Rudy und Stan schwitzten bereits ausgiebig.

»Okay, okay, Lady«, sagte der Goldzahnbesitzer hastig, als die ältere Dame sich geradezu lüstern ihm näherte und dabei mit der Heckenschere klapperte. »Andy Cradling hat uns geschickt. Er will Sie unbedingt mal sprechen.«

»Nur so«, fügte der Warzenträger nicht weniger hastig hinzu. »Unser Besuch hat nichts mit Zoff zu tun.«

»Wen kann Mylady sich unter Andy Cradling vorstellen?« fragte Josuah Parker gemessen.

»Sie kennen Andy Cradling nicht?« staunte der Goldzahnbesitzer und machte einen verblüfften Eindruck.

»Der Boß handelt mit Möbeln und so«, erklärte der Warzenträger etwas präziser. »Der hat in Whitechapel sein Lagerhaus.«

»Würden Mylady einem der beiden Herren gestatten, Mister Cradling anzurufen?« fragte Parker bei seiner Herrin an.

»Dieses Subjekt soll sich schleunigst zu mir herbemühen«, verlangte sie energisch. »Nehmen Sie das in die Hand, Mister Parker. Ich erwarte den Möbelhändler spätestens in einer Stunde hier im Haus, sonst werde ich ihm Beine machen.«

Die beiden wandelnden Kleiderschränke staunten nur noch. So etwas war ihnen in ihrer bisherigen Laufbahn noch nie passiert.

*