Parker spielt den Figaro - Günter Dönges - E-Book

Parker spielt den Figaro E-Book

Günter Dönges

0,0

Beschreibung

Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Lady Agatha nickte wohlwollend. Sie hatte das kalte Büfett erspäht und blitzschnell zur Kenntnis genommen, welche Köstlichkeiten da angeboten wurden. Man hatte sich außerordentlich große Mühe gegeben und alles aufgeboten, was Küche und Keller anzubieten vermochten. »Ich werde diesen Verlockungen selbstverständlich widerstehen, Mister Parker«, sagte sie zu ihrem Butler, der in steif-korrekter Haltung hinter ihr stand. »Ich werde Ihnen wieder mal demonstrieren, was Selbstbeherrschung ist.« Agatha Simpson war eine majestätische Erscheinung, groß, füllig und strotzend vor Energie. Sie hatte das sechzigste Lebensjahr überschritten, war in der Londoner Society eine überaus bekannte Erscheinung und berühmtberüchtigt wegen ihrer unkonventionellen Art. Immens vermögend, konnte sie sich jede Extravaganz leisten. Sie trat grundsätzlich in jedes erreichbare Fettnäpfchen, sagte stets das, was sie gerade dachte und hielt sich für eine einmalige Detektivin. Die ältere Dame war zu einem Empfang erschienen, den eine amerikanische Handelsgesellschaft gab. Alles, was Rang und Namen in Wirtschaft und Politik hatte, war erschienen. Lady Agatha grüßte hoheitsvoll und auch wohlwollend, plauderte und musterte immer wieder die Köstlichkeiten auf dem meterlangen Büfett. Sie hatte sich seit geraumer Zeit einer strengen Diät unterzogen, wie sie behauptete. »Wann wird das Büfett endlich eröffnet?« fragte sie grollend ihren Butler. »Mister Parker, ich hoffe nicht, daß ich mir noch ein paar langweilige Reden anhören muß.« »Mylady werden fest damit rechnen müssen«, gab Josuah Parker zurück. »Auf der Einladung sind wenigstens sechs entsprechende Hinweise zu finden.«

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Butler Parker – 212 –Parker spielt den Figaro

Günter Dönges

Lady Agatha nickte wohlwollend.

Sie hatte das kalte Büfett erspäht und blitzschnell zur Kenntnis genommen, welche Köstlichkeiten da angeboten wurden. Man hatte sich außerordentlich große Mühe gegeben und alles aufgeboten, was Küche und Keller anzubieten vermochten.

»Ich werde diesen Verlockungen selbstverständlich widerstehen, Mister Parker«, sagte sie zu ihrem Butler, der in steif-korrekter Haltung hinter ihr stand. »Ich werde Ihnen wieder mal demonstrieren, was Selbstbeherrschung ist.«

Agatha Simpson war eine majestätische Erscheinung, groß, füllig und strotzend vor Energie. Sie hatte das sechzigste Lebensjahr überschritten, war in der Londoner Society eine überaus bekannte Erscheinung und berühmtberüchtigt wegen ihrer unkonventionellen Art. Immens vermögend, konnte sie sich jede Extravaganz leisten. Sie trat grundsätzlich in jedes erreichbare Fettnäpfchen, sagte stets das, was sie gerade dachte und hielt sich für eine einmalige Detektivin.

Die ältere Dame war zu einem Empfang erschienen, den eine amerikanische Handelsgesellschaft gab. Alles, was Rang und Namen in Wirtschaft und Politik hatte, war erschienen. Lady Agatha grüßte hoheitsvoll und auch wohlwollend, plauderte und musterte immer wieder die Köstlichkeiten auf dem meterlangen Büfett. Sie hatte sich seit geraumer Zeit einer strengen Diät unterzogen, wie sie behauptete.

»Wann wird das Büfett endlich eröffnet?« fragte sie grollend ihren Butler. »Mister Parker, ich hoffe nicht, daß ich mir noch ein paar langweilige Reden anhören muß.«

»Mylady werden fest damit rechnen müssen«, gab Josuah Parker zurück. »Auf der Einladung sind wenigstens sechs entsprechende Hinweise zu finden.«

Josuah Parker war eine alterslose Erscheinung, mehr als mittelgroß, fast schlank. Er hatte das glatte, ausdruckslose Gesicht eines ausgebufften Pokerspielers und bot das Bild eines hochherrschaftlichen Butlers.

Wie auf ein geheimes Kommando hin strebten die vielen Gäste in das Innere des Hauses, um die Reden über sich ergehen zu lassen. Lady Agatha und Butler Parker aber blieben auf der Terrasse. Die ältere Dame hatte sich wie zufällig immer näher an das Büfett herangeschoben und nahm eindeutig Maß.

»Was empfehlen Sie mir, Mister Parker?« erkundigte sie sich. »Aber denken Sie an meine Diät.«

»Mylady könnten vielleicht mit diversen Früchten des Meeres vorsichtig beginnen«, schlug Parker vor, »dann wäre ein zartes Roastbeef zu empfehlen, garniert mit einem Hauch der außerordentlich gutaussehenden Remouladensauce.«

»Das klingt nicht schlecht, Mister Parker.« Sie nickte wohlwollend.

»Anschließend könnten Mylady sich für ein Lammkotelett entscheiden«, zählte Josuah Parker weiter auf. »Diese Köstlichkeit wird von den Köchen gerade zubereitet.«

»Kaum Kalorien«, meinte sie zuversichtlich. »Weiter, Mister Parker. Ich will keinen Fehler machen.«

»Der Schweineschinken in Salzkruste sieht ungemein einladend aus, Mylady.«

»Ich werde ein wenig davon kosten«, entschied sie. Agatha Simpson wollte noch etwas hinzufügen, doch sie wurde abgelenkt. Sie musterte einige Neuankömmlinge, die durch den Park gekommen waren und der Terrasse zustrebten. Ein untersetzter Mann von etwa fünfzig Jahren war umgeben von einigen wesentlich jüngeren Herren, die durchweg einen sportlichen Eindruck machten.

»Wer ist denn das?« fragte sie. »Moment, sagen Sie nichts, Mister Parker, mir wird es gleich einfallen. Sie wissen, daß ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis besitze.«

»Meine Wenigkeit muß bedauern«, entschuldigte sich der Butler. »Möglicherweise aber handelt es sich um Mister Robert Carnach.«

»Das sagte ich doch.« Sie nickte nachdrücklich. »Und wer ist das?«

»Ein Zeitungsverleger, Mylady, falls der Herr wirklich Mister Carnach sein sollte.«

»Und welche Blätter gibt er heraus?«

»Unter anderem die Morning Review, Mylady.«

»Ich wußte es doch, Mister Parker.« Der wohlwollende Ausdruck verschwand aus ihrem Gesicht. Der perlenbestickte Pompadour an ihrem linken Handgelenk geriet in leichte Pendelbewegung. Ihre Augen blitzten unternehmungslustig.

»Meine Wenigkeit möchte sich auf keinen Fall dafür verbürgen, Mylady, daß es sich um Mister Carnach handelt«, warnte der Butler, der das ungestüme Temperament seiner Herrin kannte.

»Es ist dieses Subjekt«, entschied sie und marschierte auf den untersetzten Mann zu, der höflich-abwesend lächelte.

»Sie sind das also«, sagte Lady Agatha, die sich jetzt vor ihm aufbaute.

»Ich bin es also«, antwortete der Mann ein wenig ironisch.

»So sehen Sie auch aus«, grollte Agatha Simpson leicht gereizt.

»Verzeihung, ich habe keine Ahnung, was Sie wollen, Madam«, erwiderte der Mann, während seine drei jungen Begleiter bereits ausschwärmten und einen wachsamen Eindruck machten.

»Sie behaupten also, ich hätte ein Verhältnis mit meinem Butler«, schickte Agatha Simpson voraus. »Dafür sollte ich Sie ohrfeigen.«

Sie holte aus, doch sie ohrfeigte nicht. Lady Agatha trat ungeniert und kraftvoll gegen das rechte Schienbein des völlig verdutzten Mannes, der aufheulte und anschließend auf dem noch intakten Bein herumhüpfte. Die drei jungen Begleiter reagierten und wollten eingreifen, doch sie hatten natürlich ihre Rechnung ohne einen gewissen Butler Parker gemacht, der sich für Lady Agatha selbstverständlich einsetzte.

*

»Ich habe natürlich mit einer Finte gearbeitet«, berichtete Lady Agatha stolz. »Dieses Subjekt rechnete mit einer Ohrfeige, aber nicht mit einem Fußtritt.«

»Wobei bemerkt werden sollte, daß es sich keineswegs um Mister Robert Carnach handelte«, warf Parker höflich ein.

»Wie war das?« Rander tauschte einen schnellen Blick mit Kathy Porter, die vor wenigen Minuten erst in das altehrwürdige Fachwerkhaus der Lady Simpson gekommen war.

»Mylady traten einen gewissen Ernest Lesbury«, präzisierte der Butler gemessen.

»Was macht das schon für einen Unterschied?« fragte die ältere Dame wegwerfend. »Es hätte aber auch dieser Zeitungsverleger sein können.«

»Und wer ist Ernest Lesbury?« wollte Kathy Porter wissen. Sie war die Gesellschafterin und Sekretärin der Lady Agatha.

»Ein vorerst noch Unbekannter, Miß Porter«, erwiderte der Butler. »Er wurde allerdings von drei Leibwächtern begleitet, die ohne Ausnahme Schußwaffen trugen, wie sich später zeigte.«

»Sie haben sich vergewissert, wie ich annehme«, stellte Mike Rander fest. Der vierzigjährige Anwalt war groß, schlank und erinnerte an einen bekannten James Bond-Darsteller. Er besaß in der nahen Curzon Street eine Anwaltskanzlei, verwaltete das immense Vermögen der älteren Dame und fand dabei die intensive Unterstützung Kathy Porters, die eine reizvoll-pikante Erscheinung war. Kathy war ebenfalls groß und schlank, hatte kastanienbraunes Haar mit einem kräftigen Rotstich und betonte Wangenknochen, die zusammen mit den ein wenig mandelförmig geschnittenen Augen ihr einen etwas exotischen Ausdruck verliehen.

»Meine Wenigkeit vergewisserte sich tatsächlich, Sir«, beantwortete der Butler die Frage des Anwalts. »Dazu kam es allerdings erst, als die drei Begleiter den Boden aufsuchten.«

»Es kam zu einem Kampf?« Kathy Porter lächelte wissend.

»Nun, ich mußte mit meinem Pompadour zulangen, meine Liebe«, erklärte Lady Agatha. »Ich traf diesen Mann, der kein Zeitungsverleger ist. Anschließend hatte Mister Parker kaum noch Mühe, die drei Lümmel auszuschalten. Ich hatte schließlich die Vorarbeit dazu geleistet.«

»Ernest Lesbury«, wiederholte Mike Rander leise, »irgendwie kommt der Name mir bekannt vor. Na, es wird mir schon noch einfallen. Sie haben anschließend diesen Zeitungsverleger erwischt, Mylady?«

»Er war gar nicht zur Party erschienen, mein Junge«, bedauerte die passionierte Detektivin. »Er hätte sein blaues Wunder erlebt. Eine Frechheit, mir ein Verhältnis mit Mister Parker zu unterstellen.«

»Eine Vorstellung, an die man sich erst noch gewöhnen müßte«, spöttelte Rander.

»Für private Affären habe ich keine Zeit«, machte Agatha Simpson klar, »vielleicht später mal, nicht wahr, Mister Parker?«

Sie schaute ihn fast kokett an, und Josuah Parker deutete eine knappe Verbeugung an. Auch jetzt blieb sein Gesichtsausdruck glatt und undurchdringlich. Er ließ nicht erkennen, was er dachte.

»Nun werden Sie nicht gleich verlegen«, stichelte sie dennoch munter. »Ich habe nur einen Scherz gemacht.«

»Was meine bescheidene Wenigkeit sofort unterstellte, Mylady.«

Mike Rander hätte sich liebend gern eingeschaltet, doch in diesem Augenblick führte der Zufall wieder mal Regie. Die Glocke an der Haustür meldete sich. Butler Parker entschuldigte sich, ging durch die große Wohnhalle des Hauses hinüber zum völlig verglasten Vorflur und öffnete einen rechts daneben angebrachten Einbauschrank. Er schaltete die Fernsehkamera über der Haustür ein und brauchte nur wenige Augenblicke zu warten, bis der Monitor ein gestochen scharfes Bild lieferte.

Draußen stand ein mittelgroßer, schlanker Mann von etwa vierzig Jahren, der einen gehetzten und ängstlichen Eindruck machte. Parker schaltete die Wechselsprechanlage ein und erkundigte sich nach den Wünschen des Mannes.

»Bitte, öffnen Sie ... schnell«, kam die Antwort. Der Mann wandte sich halb um, während er sprach. Er blickte zum Gittertor, das den Vorplatz zur Durchgangsstraße hin abschirmte.

»Darf man um Ihren geschätzten Namen bitten, Sir?« fragte Josuah Parker.

»Randy Driffers«, antwortete der Mann. »Schnell, machen Sie auf, sonst knallt man mich ab!«

»Könnten Sie möglicherweise übertreiben?« wollte Josuah Parker wissen. Der Mann, der sich Randy Driffers nannte, zuckte zusammen, fiel schwer gegen die Haustür und rutschte dann an ihr hinab zur Türschwelle. Daraufhin verzichtete der Butler auf weitere Fragen und öffnete.

*

Der Mann war kaum in der Lage, das Türblatt aufzustoßen. Er schaffte es nur mit Mühe und Not, rutschte dann auf die Knie und blieb im verglasten Vorflur liegen. Die Tür schwang automatisch in den Rahmen zurück und schloß sich.

Josuah Parker war und blieb mißtrauisch.

Immer wieder versuchten Gangster, sich mit Tricks ins Haus zu schleichen, um hier ihre tödlichen Aufträge zu erledigen. War das auch jetzt der Fall? Parker trat zur Seite, als Lady Agatha neben ihm erschien, gefolgt von Mike Rander und Kathy Porter.

»Er blutet an der Hüfte, Mister Parker«, sagte Myladys Gesellschafterin.

»Eine Schußwaffe führt der Besucher mit Sicherheit nicht mit sich«, erklärte der Butler. Im Vorflur gab es elektronische Detektoren wie auf einem Flughafen. Sie hätten mit durchdringendem Pfeifton eine Schußwaffe gemeldet.

»Ich werde erste Hilfe leisten«, kündigte die Hausherrin energisch an. »Ich war Pfadfinderin und kenne mich in Notverbänden aus. Öffnen Sie, Mister Parker.«

Es zeigte sich, daß der Mann, der sich Randy Driffers nannte, nur leicht verletzt worden war. Die linke Hüfte war nur oberflächlich angekratzt worden. Lady Agatha bestand aber auf Jod. Sie wollte die Wunde desinfizieren.

»Das ist wirklich nicht nötig«, meinte Randy Driffers, der auf der Lehne eines tiefen und bequemen Sessels saß. Der Mann hatte sich inzwischen erholt und rauchte eine Zigarette, die Mike Rander ihm angeboten hatte.

»Was notwendig ist oder nicht, entscheide ich, junger Mann«, erwiderte Lady Agatha grollend. »Mischen Sie sich gefälligst nicht in meine Kompetenzen. Mister Parker, das Jod!«

Randy Driffers zog den Kopf ein, als Parker das gewünschte Desinfektionsmittel brachte. Es handelte sich um eine große Flasche, die er bereits aufgeschraubt hatte. Agatha Simpson nahm einen dicken Wattebausch in die linke Hand und tränkte ihn. Dann lächelte sie fast ein wenig sadistisch, als sie sich der Hüftwunde des Mannes näherte.

»Es wird gleich etwas brennen«, kündigte sie an, »aber es wird sich auch auszahlen.«

Sie preßte den Wattebausch auf die Wunde und beobachtete dabei den Gast. Randy Driffers schnappte nach Luft, jaulte verhalten und litt sichtlich.

»Haben Sie sich nicht so«, fuhr Agatha Simpson ihn an, um dann die Behandlung noch mal intensiv nachzuholen. »Und Sie sollten nicht stöhnen, junger Mann, sondern mir sagen, wer Sie angeschossen hat.«

»Ich... ich weiß es nicht«, stöhnte Randy Driffers.

»Überlegen Sie«, forderte Lady Agatha ihn auf und rieb eine weitere Jodportion kraftvoll in die kleine Wunde.

»Ich weiß es wirklich nicht, Lady«, behauptete Randy Driffers erneut. »Ich hab’ eine Menge Leute, die hinter mir her sind.«

»Was mit einiger Sicherheit nicht grundlos der Fall sein kann«, vermutete Josuah Parker.

»Ich bin Journalist und Schriftsteller«, stellte Randy Driffers sich nun genauer vor, »und habe bestimmt einigen Leuten auf die Füße getreten.«

»Und Sie arbeiten für welche Zeitung?« wollte Mike Rander wissen.

»Ich bin freiberuflich tätig«, lautete die Antwort, »ich habe zusammen mit meinem Freund Buffin eine Agentur aufgezogen.«

»Sprechen Sie jetzt von Ron Buffin?« Rander war hellhörig geworden.

»Von Ron Buffin«, bestätigte der Gast des Hauses. »Ich weiß, sein Name ist bekannter als mein eigener.«

»Ich kenne weder Sie noch Ihren Freund, junger Mann«, schaltete die ältere Dame sich ein. Sie war dabei, Randy Driffers einen Verband anzulegen. Er hatte sich die Hose ein wenig über den Schenkel gestreift und blickte verwundert auf das künstlerische Gebilde, das die Lady anfertigte. Mit Mull und Heftpflaster schuf sie ein Objekt, das in jeder Galerie Aufsehen erregt hätte.

»Mister Ron Buffin, Mylady, gilt als sogenannter Enthüllungs-Journalist«, ließ Josuah Parker sich höflich vernehmen. »Er berichtet Interna aus allen Gebieten der Verwaltung und der Wirtschaft. Seine Faktensammlungen gelten als bestürzend genau.«

»Ich würde gern wissen, wieso Sie sich hierher zu Lady Simpson flüchteten«, fragte Kathy Porter.

»Ich wurde verfolgt«, lautete die Antwort, »und rannte auf das erstbeste Haus zu, das ich sah. Ich war drüben im Green Park, als die beiden Schläger auftauchten.«

»Sie haben nichts mehr zu befürchten, junger Mann«, beruhigte Agatha Simpson ihren Patienten. »Ab sofort stehen Sie unter meinem Schutz. Mister Parker, leiten Sie alle erforderlichen Maßnahmen ein, ich gebe Ihnen völlige Handlungsfreiheit.«

*

Sie übersahen den alten Mann, der mit gebeugtem Rücken dahinschlurfte und sich den Hut tief in die Stirn gezogen hatte.

Die beiden Männer hatten sich hinter einem parkenden Wagen aufgebaut und blickten über die Straße hinweg zum halb geöffneten Gittertor, hinter dem der große Vorplatz, die beiden Häuserzeilen links und rechts davon und schließlich das bemerkenswerte Fachwerkhaus der Lady Simpson zu sehen war. Diese U-förmige Anlage aus stilvollen Fachwerkhäusern bot einen einzigartigen Anblick.

Für diese Reize hatten die beiden Männer aber wohl kaum ein Gefühl.

Sie warteten auf die Rückkehr ihres Opfers, das sich dort ins Haus geflüchtet hatte. Einer der beiden Männer hatte zwar gerade noch einen Schuß auf den Flüchtenden abfeuern können, doch sie hatten genau mitbekommen, daß es sich nur um einen Streifschuß gehandelt hatte.

Natürlich zeigten sie nicht ihre Waffen. Sie befanden sich in den Innentaschen ihrer Trenchcoats und warteten darauf, blitzschnell hervorgeholt zu werden. Die beiden Wartenden waren Profis der kriminellen Szene und brachten die nötige Geduld auf, ihrem Opfer aufzulauern. Sie fühlten sich völlig sicher hier jenseits der Straße und kamen noch nicht mal auf den Gedanken, daß man sie ihrerseits bereits im Visier hatte.

Der alte Mann mit dem tief gebeugten Rücken war natürlich Josuah Parker. Er war ein Meister der Maske. Er brauchte nur wenige Mittel, um sich in eine andere Person zu verwandeln. Der Butler trug einen schäbigen Mantel und stützte sich auf einen knorrigen Stock. In seiner rechten Hand befand sich eine Art Parfümzerstäuber. Dieses Gerät war derart klein, daß es von den beiden Wartenden nicht wahrgenommen werden konnte.

»Kann man mal hören, wie spät es ist?« erkundigte sich der alte Mann mit heiserer Stimme.

»Hau ab«, sagte einer der beiden Männer wenig freundlich.

»Habt ihr das hier verloren? Sieht nach Geld aus.«

Dieser Hinweis veranlaßte die beiden Männer, sich nun doch zu dem alten Mann umzuwenden. Für Geld hatten sie einen sehr wachen Sinn. Sie blickten in die rechte Hand des Butlers und wußten mit dem kleinen Zerstäuber nichts anzufangen. Sie hatten immerhin mit einer Münze oder sogar mit einer Banknote gerechnet.

Eine Sekunde später wußten sie genau, daß sie düpiert worden waren. Parker hatte auf den Auslöseknopf gedrückt und eine Dosis seines Patentsprays verabreicht. Die Augen der beiden Profis wurden voll getroffen. Sie hatten zwar die Absicht, nach ihren Waffen zu langen, doch das teuflische Brennen hinderte sie daran. Sie rissen die Hände hoch und rieben sich intensiv die Augen. Sie konnten nichts mehr sehen und kamen sich ungemein hilflos vor. Dabei stöhnten sie ausgiebig, denn das Brennen verwandelte sich ohne Übergang in penetranten Juckreiz, der kaum zu ertragen war.

»In etwa zehn bis fünfzehn Minuten wird der Juckreiz mit Sicherheit nachlassen«, versprach Parker. »Legen Sie meine Wenigkeit jedoch nicht auf die Minute fest, es handelt sich nur um gewisse Erfahrungswerte.«

Die beiden Profis hörten kaum hin. Stöhnend vor Wonne rieben sie sich noch ausgiebiger die Augen und nahmen auf den Rat des Butlers hin dann Platz auf der Kante des Gehweges.

Es war für Parker selbstverständlich, daß er den beiden Männern half, als sie sich ein wenig umständlich niederließen. Dabei entpuppte der Butler sich als ein wahrer Meister in Sachen Taschendiebstahl. Die beiden ausgebufften Männer bekamen überhaupt nicht mit, daß sie nicht nur ihre Waffen verloren, sondern auch ihre sonstige Habe bei Parker landete. Er ließ zwei Brieftaschen, zwei Schnappmesser und einen Hotelschlüssel in den Taschen seines überlangen Mantels verschwinden.

Als sie dann saßen, zog der Butler eine Taschenflasche aus seinem Mantel hervor. Er schraubte den Verschluß auf und goß den Inhalt über die Schultern der Männer. Dabei entwickelte sich ein aufdringlicher Geruch nach äußerst billigem Brandy.