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Wien, ausgehendes 20. Jahrhundert. Während ich sinnend in den großen Friedhof trete, verändert sich die Welt, und zu meiner großen Überraschung hat dies niemand außer mir bemerkt. Ich überlasse mich dem Wechsel lebhafter Fantasien und öffne das Zeitfenster des 17. Jahrhunderts und unternehme eine Reise in die Mitte der metaphysischen Musikwelt. Die Zauberflöte versetzt den diffusen Morgendunst in Schwingungen ... Schnee bedeckt die Landschaft wie ein Zaubermantel, der sich mit Schwung öffnet und etwas noch nie Dagewesenes aus dem Nichts hervorruft ... Ein Grabstein bewegt sich zu Seite; nicht aus der Öffnung, aus der Herme am Grab schlüpft Ludwig van Beethoven heraus. Er begibt sich auf die Suche nach Wolfgang Amadeus Mozart, um mit ihm die moderne Welt zu erkunden ... Und ich, ich begleite sie! >>Musik ist eine höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie<< Ludwig van Beethoven
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Seitenzahl: 685
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Claudia und Roshanak
Die Fantasie zerlegt die ganze Schöpfung in Gesetze, die im tiefsten Seeleninneren entspringen, sammelt und gliedert die Teile und erzeugt daraus eine neue Welt.
Charles Baudelaire
Angenommen, wir wären technisch in der Lage, ein Raumschiff zu bauen, dessen Geschwindigkeit so nahe wie möglich an die absolute Höchstgeschwindigkeit, nämlich der des Lichts, herankäme, so könnte sie dennoch nie, auch nur annährend die imaginäre Geschwindigkeit unserer Fantasie erreichen.
Prolog
Beethoven
Mozart
Beethoven
Mozart
Beethoven
Mozart
Beethoven
Mozart
Beethoven
Mozart
Beethoven
Mozart
Schönbrunn, Wien
Bonn am Rhein
Weimar
Das Quartett der Humanisten
Prag
Dresden
Leipzig
Berlin
Paris
Venedig
Gent – Antwerpen >Stadt der Diamanten< – Rotterdam – Amsterdam
London
Liverpool
San Franzisco
Hollywood
New York
Die Rückkehr
Wien
Bibliographie
Die Musen der Musik kündigen eine Fabel der ewigen Klänge an, in der diese Geschichte erzählt wird.
Ruhig und verträumt liegt Wien an diesem kalten Wintermorgen unter dem wolkenlosen Himmel, dessen leuchtendes Blau das Tor zum Universum zeigt. Der Wagen fährt von der Ringstraße in den südlichen Teil der Stadt, überquert via Schwarzenbergbrücke den Wienfluss, passiert das Belvedere und erreicht über den Rennweg und die Simmeringer Hauptstraße den Zentralfriedhof. Vor dem zweiten großen Tor ein Überangebot von Blumen, die daran erinnern nicht mit leeren Händen einzutreten. Ich schreite schweigend den ungepflasterten Weg zwischen Reihen von Grabmälern hinab. Einige nur mit Namen und Todestag der Verstorbenen gekennzeichnet, andere tragen kurze Gedenkschriften, wieder andere prunkvolle Marmorkonstruktionen, von Barock bis Abstrakte und Moderne gemeißelt, Bronzeplastiken, Büsten und andere Kunstwerke, die die ewig Ruhenden auszeichnen. Am Ziel angelangt, bleibe ich vor dem Kreis eines großen Familiengrabes stehen. In der Mitte liegt eine Grabplatte aus grauem Marmor, am oberen Rand ein Obelisk, versehen mit einer Harfe und einem Schmetterling in einem goldenen Kreis. In die Grabplatte sind zwei Inschriften eingemeißelt: Ludwig van Beethoven *1770 (16. Dezember) in Bonn † 1827 (26. März) in Wien. Eine Erinnerungstafel: Beisetzung am 29. März 1827 im Währinger Friedhof. Die Überführung in den Zentralfriedhof fand 1888 statt.
Ich entferne die vertrockneten Blumen aus der Steinvase, stecke behutsam die drei mitgebrachten weißen Rosen hinein und bleibe schweigend stehen. Nicht weit entfernt von Beethovens Grabmal entdecke ich eine Herme, die mit einer Erinnerungstafel versehen Wolfgang Amadeus Mozart ins Gedächtnis ruft. Kein Grabmal nur eine Erinnerungstafel. Danach verharre ich sinnend eine Weile bequem auf einer in der Nähe stehenden Bank.
»Du lieber Himmel!« ruft plötzlich eine ältere Frau beim Vorbei- gehen überlaut. »Sie missachten die Ehre und Würde unserer verstorbenen Künstlergrößen, wenn Sie es sich so frei auf der Bank bequem machen. Hier ruhen große Österreicher! Hier ruht der große Beethoven, unser nationaler Kompositeur! Hier ist keine Picknickwiese!«
»Aber ein Friedhof«, rufe ich höflich zurück und fröstele ein bisschen. Die Kälte kriecht mir bis ins Mark. Ich schweige einen Augenblick, kann aber meinen Missmut nicht unterdrücken. »Und wo ruht der große Mozart?« Sie scheint deutlich überrascht und verhöhnt durch meine Frage. »War er kein Österreicher? Was hat man mit ihm gemacht? Verschollen und vergessen?«
Die alte Frau, wie vor den Kopf gestoßen, will sich so schnell sie kann aus der Affäre ziehen. »Ich rate Ihnen«, sagt sie mit bestimmendem Ton, »gehen Sie durch den dritten Torweg zum jüdischen Friedhof, dort können Sie machen, was Sie wollen, nur nicht hier, auf unserem Friedhof!«
»Wo ruht eigentlich der andere „Große“ Österreicher, Adolf Hitler?« frage ich lapidar.
»Er war Deutscher«, schreit sie zurück. »Kommen Sie! Lassen wir doch die Verstorbenen selbst sprechen. Wirkliche Größen sind gestorben, aber nicht tot!« rufe ich ihr nach. Sie hat mich wohl gehört, aber machte, dass sie wegkommt.
Die sonderbare Atmosphäre im Friedhof wirkt auf mich geradezu hypnotisch. Und so überlasse ich mich dem Wechsel lebhafter Fantasien: Was wäre wenn …? Motiviert durch das Gefühl, das nämlich die Unsterblichen für uns lediglich außer Sicht- und Hörweite sind, fange ich an mein Garn zu spinnen. Früher kamen die Geister aus der Vergangenheit und mahnten uns aus der Geschichte zu lernen; heute sollen sie uns in eine visionäre Zukunft weisen.
Gräber sind für mich immer die unparteilichsten Prediger. Ich besuche sie insbesondere, wenn ich spüre, sie könnten in Vergessenheit geraten. Ich verehre sie, wenn sie ohne Prunk und einsam am stillen Ort verborgen sind. Aber auch Orte von Verschollenen, die nicht zu finden, aber in meinem Gedächtnis verborgen sind, für die es weder ein Grab noch eine Gedenktafel gibt. Die großen vereinsamten Geister, wie Mozart und Beethoven und viele andere sind nicht verschollen, sie sind unter uns, verewigt in unserem Gedächtnis, in unseren Träumen, Visionen und Fantasien. In ihrer Nähe höre ich sie sprechen: …Unsere Musik soll erwecken, nicht einschläfern, sie soll kein Opium für Leid und Not der Bürger, sondern ein Hymnus für die Befreiung des Geistes und den Widerstand gegen die Tyrannei sein, für die Wiederherstellung der Rechte und Würde des Menschen.
Wer zu einem authentischen Bild von Mozart und Beethoven vordringen will, muss eine große Anzahl von Legenden, Fehl- und Vorurteilen aus dem Weg räumen. Manche Zeitgenossen halten Mozart und Beethoven als Glück und Segen für die Menschheit. So stehen in unserem Geschichtsbewusstsein Haydn, Mozart, Beethoven allein ebenbürtig den älteren Meistern Palestrina und Orlando di Lasso gegenüber. Jene >Klassische Trias< Haydn-Mozart-Beethoven aber sehr früh schon vorgezeichnet zu haben, muss als Ergebnis herbstlicher Abschiedsstimmung im Jahre 1792, da Beethoven sich für immer vom Rhein abwandte, dem Grafen Waldstein zugeschrieben werden. Er war ein Repräsentant jener Gesellschaft, die das Wunderkind Mozart verwöhnt und die es nicht zu verhindern vermocht hatte, dass die idealistische Entsagungsbereitschaft des reifen Meisters zum tragischen Opfer wurde. Beethovens Wiener Erfolge wurden von der gleichen Gesellschaft, zum Teil sogar noch von den gleichen Persönlichkeiten getragen. So glaubten manche, sie hätten einiges gut zu machen, was sie Mozart verweigert haben. Manche Zeitgenossen hielten Beethoven für einen Königsohn, 'Nationalheros' und Mozart für ein Genie und Wunderknaben. Andere Zeitgenossen wie Karl Maria von Weber oder Richard Wagner nannten Beethoven einen 'Halbwahnsinnigen' oder 'Verrückten', der in die Irrenanstalt gehöre. Beide, Mozart und Beethoven, wurden von den so genannten Psychohistorikern des 20. Jahrhunderts in Abwesenheit >psychoanalytisch< begutachtet: Mozart der Kränkelnde und Extrovertierte, Beethoven der Taube und Introvertierte, haben ihre Krankheiten, worunter sie gelitten und schließlich gestorben sind, teilweise sich selbst zuzuschreiben, als Folge körperlicher Reaktion ihres >neurotischen< Verhaltens! Gibt es eine Genialität ohne neurotische Umwälzungen?
Ein Kunst- und Musikliebhaber kann kein Skeptiker sein, wenn er die wahre Schönheit und den Zauber der Klänge wahrnimmt. Seine Liebe zur Musik ist reine Inspiration, sein Glaube, wie immer man sich drehen und wenden mag.
Jahrhunderte lang beschäftigten sich Historiker, Ästhetiker, Humanisten, Musiker und Philosophen mit der „Bedeutung“ in der Musik. Die Abhandlungen sind zahlreicher als alle Kompositionen und deren Interpreten.
Meine Fantasie befasst sich nicht nur mit Fakten und Analysen der Interpretationen, sondern mit der psychosozialen Bedeutung der Musik und mit dem in mystischem Dunkel gehüllten Komponisten selbst. Machen Sie mit! Wir werden erfahren, dass die Schönheit ihrer Musik aus der Verschmelzung von mathematischer Genialität und leidenschaftlicher Magie geboren ist. Wir hören sie sprechen von Harmonie, Liebe, Rhythmus und von Gottheiten, die eine Melodie zum Erklingen bringen. Sinnend stehen wir den mystischen Grenzen unseres Begreifens gegenüber und erwarten Antworten auf die >magischen< Fragen.
Können Mozart und Beethoven diese Fragen beantworten? Reinkarniert reisen sie um die Welt, wie Weltbürger, die sie ja sein wollten. Sie begegnen vielen Zeitgenossen: den Komponisten Verdi, Weber, Mendelson und anderen, den Dichtern, Humanisten und Philosophen wie Schiller, Goethe, Schopenhauer und Kant, den Künstlern Runge, Botticelli und vielen anderen, aber auch Künstlern, Musikern und Dichtern der modernen Zeit: Bernstein, Barenboim, Thomas Mann, Freddie Mercurie, John Lennon, Michael Jackson und anderen.
… Fragmente unbegrenzter Phantasien und Leidenschaften ermutigen das Herz und erwecken den Geist zum Aufbruch in eine neue Zeit. Es ist, als sollten wir aus ihnen, mit Hilfe schöpferischer Musik gelehrt werden, dass es uns gegeben ist, den Frieden, die Freiheit und die Brüderlichkeit zu verkünden. Eine höhere Botschaft also. Und unser Werk soll den Geist oder das Herz der Menschen erreichen, am liebsten beides…
>Die schönen weißen Wolken ziehen dahin
durchs tiefe Blau, wie schöne stille Träume;
mir ist, als ob ich längst gestorben bin
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.<
Hermann Allmers / Johannes Brahms „Feldeinsamkeit“
Schon Zarathustra und Buddha lehrten, dass man mit kosmischem Geist irdische Unzulänglichkeiten überwinden kann.
Also erzähle ich, und alles, was ich erzähle,
habe ich geträumt; und wenn ich mich als Träumer
täuschen konnte, täusche ich Sie nicht als Erzähler!
Die Geschöpfe des Prometheus OP. 43/ Ouvertüre:
Nach einer langsamen Einleitung erklingt ein heiter bewegtes Thema. Geheimnisvoll beginnend, eilt das Allegro in unaufhaltsamem Fluß dahin…
An diesem kalten Morgen im Januar sieht der Zentralfriedhof Wiens aus, als habe sich der Schnee für ein außergewöhnliches Ereignis besonders schön gemacht. Die breite Straße in gerade noch erkennbare Gehwege geteilt, die wiederum in noch kleinere Fußwege verzweigt, führen zu Grabstätten, die in der Vielfalt ihrer Formationen die besondere Atmosphäre prägen. Diesig und trübe, aber erfrischend ist die Luft. Wie anmutig sich die letzten Ruhestätten in seltsamem Licht ausnehmen, verborgen unter Schnee im Winterschlaf liegen. Aber an diesem Morgen ist alles anders als an jedem anderen kalten Wintertag. Die weiße Pracht verhüllt die Landschaft wie ein Zaubermantel, der sich mit imaginärem Schwung öffnet und etwas noch nie Dagewesenes aus dem Nichts hervorruft: Ein Grabstein bewegt sich zur Seite, nicht aus der Öffnung, aus der Herme am Grab schlüpft Ludwig van Beethoven. Gerade auferstanden, streckt er sich, steht unbeholfen und verdutzt vor dem seltsamen Panorama. Alles scheint hell erleuchtet, als ob sich das Firmament öffnet, um ihn feierlich zu empfangen.
Orientierungslos reibt er sich den „Schlaf“ aus den Augen, tastet sich mehrmals ab: Bin ich es wirklich? Dann, mit einem kurzen Blick zum Grab, macht er, dass er weg kommt. Er braucht nicht weit zu gehen. Nach einigen Schritten steht er schon vor der Kulisse seines Lebens, das ihm in perfektem Detail vorgeführt wird: Beethoven sieht sehr gepflegt aus: seegrüner Frackrock, grüner Hose, weißseidene Strümpfe, Schuhe mit schwarzen Schleifen, weißseidene geblümte Weste mit Klappentaschen, die Weste mit echter goldener Kordel umsetzt, frisiert mit Locken und Haarzopf, Klackhut unterm linken Arm, seinen Spazierstock in der rechten Hand.
>Sterbe ich in Halluzinationen oder lebe ich als Geist in der metaphysischen Welt meiner Träume?< Alles trägt seinen Anteil dazu bei, was er sieht und wahrnimmt, scheint real und authentisch, dass er bald keinen Zweifel an der metaphysischen Existenz hat. Er denkt und flüstert: >Der Tod ist ein ehrwürdiger Komponist, genialer Maler und Bildhauer. Mit dem Tod ist es auch mit der Genialität vorbei. Unter den kräftigen Händen des Todes nimmt ein Gesicht erst recht Würde an – mehr kann nicht passieren. Eine befreiende Erhabenheit, je nachdem wie man ihm begegnet. Im Grunde genommen ist aber der Tod ein gnadenloser Künstler! Ein Egoist, unversöhnt und rechthaberisch. Ein Absolutist – nicht nur für mich, für alle Romantiker, die ihre letzte Hoffnung in metaphysischen Illusionen sehen… armer Amadeus Mozart!<
Aus allen Himmelsrichtungen ertönt nun die Klarinette und versetzt die kalte Luft in Schwingung und streut eine anmutige Melancholie in die Schneelandschaft. Ja, gestorben muss man sein, um erst nach 250 Jahren, wie ein Nationalheld gefeiert zu werden. Beethoven sucht in jeder Ecke, jedem Seitenweg und Winkel nach seinem Grab, vergebens. Er überlässt die Suche seinem Improvisationsvermögen. Er kommt zu einem Pavillon, setzt sich auf eine Bank, schaut eine Weile in der Landschaft herum und versinkt in Gedanken. An die wenigen Ereignisse, welche sich bis zu seinem Lebensende ereigneten, reihten sich diese ersten: Es ist der 15. Dezember 1770.
>Ich kann gut nachempfinden, was an diesem Tag geschah. Ich befinde mich im Geburtsweg in unserem Haus in Bonn. Ich muss an meine liebe arme Mutter denken, wie tapfer sie alle Schmerzen erträgt.
Zur gleichen Zeit ist der vierzehnjährige Amadeus zwischen Salzburg und Wien im Gespräch mit seinem Vater. Wir wissen von einander nichts. Als ich mich in jener kalten Nacht widerwillig in der Geburtsperiode befand, hätte ich mich vor Wut und Scham vor dem von Kneipen herumirrenden Heimkehrer, vom Alkoholrausch verwirrten Vater mit meiner eigenen Nabelschnur erwürgen können, statt freiwillig in die kalte Welt hinein zu gleiten. Ich entschied mich für das Letztere, denn ich hörte in jener ungewöhnlichen Nacht Lebens ergreifende Klänge einer extrauterinen Tonkunst. Später erfuhr ich, es handelte sich um das Violinkonzert Nr. 1 B-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Gerade geboren, wurde ich vom Vater stürmisch mit großer Freude empfangen, als ob er der glücklichste Mensch auf der Erde wäre. Glücklich wegen mir?<
Weit weg von den imaginären Ereignissen im Zentralfriedhof, fragt sich Mozart: >Wer bin ich? Wo bin ich? Wohin gehe ich?<
Unter einem verschneiten Baum, mit wenigen dunkelrot schimmernden Äpfeln sucht er Schutz. Durchnässt und mit kalkiger Erde verschmiert, zittert er vor Kälte – Geister und zittern! Er reibt sich die Hände warm, und kann nicht fassen, was er hört – seine Musik.
Eine sanfte Stimme hallt durch die Landschaft: >Musik ist eine ewige Kunst. Und deine erst recht. Was hier geschieht, ist nichts anderes als die Herabkunft des von der Gunst des Elysiums und Thalia gerufenen Mozart, eine Art Menschwerdung des Göttlichen in der Kunst. Es ist imaginär das Glücksreich der Musik zu betreten. Und Musik ist für dich einzig und allein das Glück. Das Reich des musizierenden Menschen ist die Vollendung der freien Selbstverwirklichung.<
»Diese ignoranten und launischen Wiener!« murmelt er vor sich und zittert wieder vor Kälte oder Wut, oder beides!
>Was haben sie mit mir gemacht? Wohin haben sie mich, wie Müll verfrachtet, unbarmherzig zu meinem gleichen Habenichts, möglichst rasch, mit viel Kalk unter die Erde vergraben? Möglichst schnell, möglichst weg aus dem Blick der leichtlebigen Ignoranten. Warum wurde ich auf einmal so wertlos? Ich war so einsam, so geschwächt, nicht durch die Pest, wie viele Egoisten so gefürchtet haben, nein, von Einsamkeit und Versagen der vitalen Funktionen meines Körpers, zerstört von Kinderkrankheiten, die mich lebenslang begleiteten.<
In Gedanken versunken, rafft er sich auf und bemüht sich in beschwerlichem Schritt die Wiese hinunter zu schreiten. Die Eiseskälte und den bösen Wind beachtet er nicht mehr, denn in seinem Inneren kocht heftig die Wut eines Enttäuschten.
»Ihre Kälte! Oh diese Kälte!
Machte meine Seele erstarren.
Hat einer je dies mein Herz
an mir glühen und klopfen gefühlt?
Nein. Sie sind kalt, diese Wiener!«
Ärmlich und abgerissen gekleidet, aber würdig mit der Aura eines Buddhas sucht er sich einen Weg. Einen geschrumpften roten Apfel hält er als Souvenir auf dem ausgefransten Jackett an der Brust fest. Vertieft in Gedanken sagt er sich lautlos: >Nun, was ist aus dem Mythos des >ewigen< Kindes Wolfgang Amadeus Mozart geworden? Wie das Hündlein seinem Herrn nachläuft, ihm bald vorauseilt, bald um Liebe bettelt, so folgte ich seit meiner Geburt meinem über alles erhabenen Vater Leopold Mozart.<
>Schon Homer berichtet, dass die Kinder Gottes zeitlos und unveränderlich sind! Aber sie altern, sie sterben, weil wir alle sterblich sind, Wolfgang mein allerliebstes Kind<, so sprach mein Vater. >Die Götter beneiden uns, weil wir sterblich sind<, sagte er auch immer wieder.
>Ja, wir müssen erst sterben, um beneidet zu werden!<
>Nein Wolfgang, so ist es nicht. Wir sterben, um unvergesslich und verewigt zu werden. Vom Sterben reden wir aber später. Vom Leben und Arbeit, Amade, davon wollen wir sprechen.<
Mozart verfällt wieder in die Angst der Einsamkeit. >Jeder geht daran zugrunde, ich bin keine Ausnahme, dass ein entsetzliches Schicksal die Sprache meines Herzens verwirrt hat. Eigentlich war ich durch eine unsichtbare Schranke von Anfang bis Ende meines Lebens geschieden; in der eisigen Kälte zwischen der Gesellschaft und mir.< Plötzlich schlau. >Ein Geist, der sich so frei bewegen kann, braucht niemanden!<
Er hat gerade den vernebelten Hügel hinter sich gelassen, geht um einen haushohen Felsblock herum. Der Weg krümmt sich so, dass er ihn nicht übersehen kann, und dies ist es, was eine sonderbare Begegnung ermöglicht. Er läuft praktisch in eine Gestalt hinein, die vor ihm steht – eine wahrhaftige Gestalt, die sich auf dem Weg triumphierend – imponiert, ja ihn geradezu versperrt, und dessen Anwesenheit durch die Rundung des Felsens verborgen war. Er bewahrt einen Augenblick lang die Fassung oder das, was er dafür als Geisteswesen ausgibt, macht ganz >gelassen< mitten im Gehen einen Schwenk um 180 Grad, als kehre er am Ende eines Spaziergangs um, und ist gerade dabei sich trittsicher zu wenden.
»Aber mein Sohn hab keine Angst! Freust Du dich denn nicht mir hier in dieser Einsamkeit zu begegnen?«
Mozart, ganz Funke und Strahl, lässt die Facetten seines Herzens mit derartiger Geschwindigkeit kreisen, dass nur ein Geist und seines Gleichen wissen können, welche Gefühlswandlungen er durchläuft, welche Überraschungsangst er verspüren muss. Aber was soll er tun? Einer, der selbst immer im Zentrum der eigenen Emotionen lebte, hielt sich fest, klammerte sich an – sagte ja, wenn er eigentlich nein sagen wollte, und nun, wenn er sich vorgenommen hatte, ja zu sagen – lies sich zu sehr auf Empfindungen ein, bemitleidete die Menschen zu sehr, ohne bemitleidet zu werden, stürzte sich zu tief in das Gefühls- und Glücksleben anderer; und vom Schicksal getroffen, gab er mehr als zu bekommen. Vom Vater in den Arm genommen, wird er wie wachgerüttelt, als ob er noch im Schlummern wäre!
»Aber mein Sohn, bist Du nicht glücklich mich wieder zu sehen?«
»Doch, doch lieber Papa. Aber was ist das Glück, von dem Sie so überzeugt sprechen? Ich habe keine Chance gehabt, ihm zu begegnen. Glück war dort, wo ich nie war. Vielleicht mein Sterben war mein Glück!«
»Aber mein Sohn, wir sind doch freie Geister. Wir sollten von anderen Dingen statt vom Unglück und Sterben reden. Bitte bleib so wie Du bist, ständig und ewig mein Kind, liebster Amadeus! Schon zu Lebzeiten sagte ich Dir: Erwachsen werden, heißt Entscheidungen treffen, die einem Virtuosen nicht genehm sind. Dazu bin ich ja da, Dein Dich immer liebender Vater! Sei stets auf der Hut! Die Menschen sind alle Bösewichte! Je älter Du wirst, je mehr Du Umgang mit den Menschen haben wirst, je mehr wirst Du diese traurige Wahrheit erfahren.«
»Aber ich liebe die Menschen. Haben Sie, lieber Papa Schiller nicht gelesen? Alle Menschen werden Brüder, wie sollte ich das verstehen?«
»Das ist Schillers Traum, mein Sohn. Traue niemandem!«, erwidert Leopold Mozart, »mache auf der Reise mit niemandem genaue Freundschaft! Von Frauenzimmern will ich gar nicht einmal sprechen, denn da braucht es die größte Zurückhaltung und alle Vernunft, da die Natur selbst unser Feind ist, und wer da zur nötigen Zurückhaltung nicht aller seine Vernunft aufbietet, wird sie als dann umsonst anstrengen sich aus dem Labyrinth herauszuhelfen; ein Unglück, das meistens erst mit dem Tod endet.«
»Nach Gott kommt gleich der Papa, dachte ich lebenslang. So wurde mir in dem Familienleben eingeredet. Ich fragte mich nur, wenn die Frauen so verheerende und gefährliche Objekte sind, warum hält er so an seiner Familie, Frau und Kindern fest? Wäre ich je geboren ohne seine Frau, ohne meine liebe Mama? Dachte ich damals ohne ein Wort darüber zu verlieren. So war die Welt nun einmal, und irgendwie musste ich in ihr leben. Mein allerliebster Papa, meine allerliebste Mama! Meine über alles geliebte Nannerl! Ich wünschte, ich könnte Euch ein Bild von meinem inneren Dasein vermitteln. Nicht von mir in jenen letzten tragischen Monaten und Jahren, wo es mit mir abwärts ging, sondern von mir, wie ich in der Blütezeit meiner schöpferischen Jahre war. Habt Ihr jemals vernommen, wie einsam ich in all jenen guten und schlechten Zeiten war? Ich musste immer gegen Vaters Ansichten kämpfen, Frauen seien verführerisch und rätselhaft. Hat ein Wolfgang Amadeus kein Recht auf eigene Erfahrungen in der Liebe? In einer Welt, deren tiefste Not es vielleicht ist, dass sie überschüttet ist von Pseudomoral und arm an Liebe, habe ich dennoch viel Liebe verbreitet. Ich wollte nicht bejubelt und gefeiert werden, wie ein artiger Affe. Oft war es mir danach von Euch und von Menschen geliebt zu werden, oft habe ich das Gegenteil erfahren. Gott, es gab Augenblicke, da hätte ich am liebsten mein ganzes Unglück in den Himmel hinausgeschrien – jenes Leben, jene Welt bäumte sich vor mir auf – dass ich tatsächlich Not und Leid die Stirn zeigte und mit mehr Arbeit meine ausgebrannte Seele beruhigte.«
»Aber mein liebster Sohn, was hilft es zu jammern! Es lebten Menschen in Deiner und meiner Welt, die lernten durch Leiden sich über das Leid zu erheben, indem sie es trugen. Oft kommt es vor, dass unerhörte Not sich plötzlich löst in unerhörtes Heil.«
»Ja, mein Heil war mein Tod.«
»Komm mein Sohn, wir wollen nicht mehr mit dem Schicksal kämpfen. Unsägliches Leid hat eine geheimnisvolle Beziehung zwischen Dir und der Gottheit gestiftet: Du bist ein Auserwählter, der für die Menschheit lebte. Höre Deine Musik, dann ist das Leid erträglicher, gestärkt durch die Inspiration kannst Du Dich gegen den Fatalismus widersetzen. Das Leiden selbst wird zum idealen Wert, es wirkt auf einmal zum Heil der Welt; aus dem Fluch wird Gnade. Mein Sohn, höre zu was ein Dichter namens Kierkegaard über Deine und seine eigene seelische Verfassung schreibt: Ein unglücklicher Mensch, der tiefe Qualen birgt in seinem Herzen, aber seine Lippen sind so gebildet, dass, der Weile seufzen und schreien über sie hinströmt, es tönt gleich einer schönen Musik […] und die Menschen scharen sich um den Dichter und sprechen zu ihm: Singe bald wieder, das will heißen: möchten doch neue Leiden Deine Seele martern. Ein anderer Virtuose, Franz Schubert, hat am 13. Juni 1816 in sein Tagebuch eingetragen: Wie von Ferne leise hallen mir noch die Zaubertöne von Mozarts Musik […]. Sie zeigen uns in den Finsternissen dieses Lebens eine lichte, helle, schöne Ferne worauf wir mit Zuversicht hoffen. O Mozart, unsterblicher Mozart, wie viele, o wie unendlich viele solche wohltätigen Abdrücke eines lichteren, besseren Lebens hast Du Dich in unsere Seelen geprägt.
Ich kann diese Verehrungen nicht oft genug hören. Komm mein Sohn, lass uns Frieden schließen, den Geist zum Singen, die Seele zum Tanzen bringen.«
Leopold Mozart macht sich gleich auf den Weg, mit seinem leichtfüßigen Gang bleibt dem Sohn ein wenig voraus; mit einer Handbewegung gibt er den Weg zur Ouvertüre der Zauberflöte frei.
Man hört drei Knaben, ihre punktierten Rhythmen, ihre dreimalige Weisung: Sei standhaft, duldsam und verschwiegen. Sarastro fährt, wie die Original-Partitur verlangte und wie es Schikaneder praktiziert hat, in einem von sechs Löwen gezogenen Wagen auf die Bühne. Seine Hoheit ist mit den ersten Takten seines Rezitativs Steh auf, erheitere dich, o Liebe schon beschworen. »Erinnerst Du Dich mein Sohn?« Dann als Sarastro: »O Isis und Osiris mit liturgischer Feierlichkeit. Diese Arie ist der reinste Ausdruck Deiner Idee von Humanität.«
Mozart erwidert als der verzweifelte Prinz (Tenor) mit einer Arie und bleibt stehen. Auf einmal ist wieder alles still um ihn, als ob die Welt aufgehört hätte zu existieren. Er fühlt sich sehr einsam und zu Tränen gerührt.
»Adieu Wolfgang, mein liebster«, ruft Leopold Mozart und ist gleich außer Sichtweite.
Der metaphysisch begonnene Tag im Zentralfriedhof geht in einen mystisch melancholischen Abend über. Verzaubert von der Abendstimmung sitzt Beethoven wehmütig auf der Bank und wartet. Auf was? Auf ein Wunder!?
>Schon als kleines Kind hatte ich je und je gesponnen und an Wunder geglaubt<, denkt er. >Im ersten Moment nach meiner Ankunft in das geistige Sein, begann mich dieses Gefühl zu überflügeln, Amadeus Mozart würde mir bald folgen. Ich verspürte einen Impuls, der meiner Fantasie freie Zügel gab. Denn unermüdlich streben wir doch von Wunsch zu Wunsch nach etwas höherem, einem unerfüllten Traum. Denn solange uns fehlt, was wir wünschen, erscheint uns an Wert alles andere zu übertreffen. Der Glaube versetzt alle Hindernisse des Nichtglaubens<, sinniert er und wartet. Und wieder zurück in Erinnerungen >Ich war viel zu aufgeregt, um mich über meinen Urheber, meinen Vater zu ärgern. Dann habe ich die Liebe und Zärtlichkeit meiner von Leid und Schmerz befreiten Mutter erfahren, das erste und schönste Erlebnis meines Lebens. Und er, anscheinend hoch erfreut im feierlichen Rausch von der Geburt seines Kindes und mehrfach geleerten Gläsern begann zu singen – nicht mal schlecht. Die Welt empfing mich also feierlich musikalisch. Kaum drei Jahre alt, erfuhr ich meinen ersten großen Schmerz: Mein Großvater, Hofkapellmeister Dominus Ludovicus van Beethoven, erlag am 24. Dezember 1773 einem Schlaganfall. Ich kannte ihn wenig, aber ich liebte ihn unermesslich. Meine Mutter war sehr traurig über den Verlust. Maria Magdalena Keverich stammte aus Ehrenbreitenstein. Eine liebevolle, aufmerksame, tapfere und mutige Frau. Nur durch ihre Liebe konnte ich mich mit den rauen Bedingungen der Herrschaftszeiten am Rhein zu Recht finden. Schon im Knabenalter spürte ich, dass der Weg zur Aristokratie mir nicht zusagte. Ich hatte einen anderen Drang, eine heftige Sehnsucht nach anderen Regeln in der Musik. Nicht nur mein Vater und der Organist Zensen, sondern auch van den Eden, sie erkannten den inneren Trieb zu anderer Musik in mir, alle wollten zu meiner >Perfektionierung< beitragen. Ich war 11 Jahre alt, musste die erste Prüfung meiner Tauglichkeit überstehen. Ich trat vor einem Orchester auf, das nur auf meine knabenhafte Aufmachung konzentriert war. Gott stand mir bei. Ich habe weder das Orchester noch den Kurfürst von meiner Tauglichkeit enttäuscht. Mit einer zweistimmigen Fuge für Orgel in D >in geschwinder Bewegung< glaubte ich mein Herz mit Anspruch für einen neuen Horizont in der Welt der Musik zu eröffnen. Dann wollte ich keine Karriere im Dienste von Aristokratie und Militär, die nur Unruhe und Krieg stifteten, und auch nicht den Gelehrten nachgehen, die nichts mehr als Giftmischer waren. Ich wollte die Welt mit meiner Musik beeinflussen, Liebe und Freude unter den Menschen, jeder Art und Herkunft verbreiten. Mozart hatte den Anfang gemacht und mir den Weg gezeigt. Ich will nicht sagen, Mozart war mein Prometheus, aber er gab mir, gewollt oder ungewollt ein Beispiel, die Musik philosophisch-politisch zu instrumentalisie-ren, um die Gesellschaft vielleicht aus der Lethargie zu reißen. Mozart selbst schien von alledem unberührt, aber Schein und Sein, Denken und Meinen, Fühlen und Tun, das sind nur Substantive, Umwälzungen und Änderungen sollten keine Konjunktive bleiben. Ja, für die Sinnlichkeit meiner Musik ist Mozart mein Orpheus, das mythische Inbild. Nur er und kein anderer, wurde mein Leit- und Vorbild. Mit seinem Ansporn sollten wir gemeinsam mit Musik, Gesang und Saitenspiel die Welt in Schwung versetzen, sie von Gewalt und Krieg befreien.
>Orpheus bin ich, der den Schritten Eurydikes durch diese düstere Ebene folgt, die
noch niemals ein Sterblicher betrat.<
Jeder tritt aus dem Leben, als sei er soeben geboren. Gnom.Vat.EP.60
Die Sehnsucht nach imaginärem Leben, wie in einem Traum, bricht alle Bindungen, ja sie treibt den Geist zu unvorstellbaren Überwindungen und facht in Liebenden einen Wetteifer an, der sie unermüdlich macht den Jüngeren zu suchen.
Zeit meiner wiedererlangten Seelenruhe freue ich mich wie die Götter.
Den Blick nach Westen gerichtet, bleibt Mozart für einen Moment nachdenklich stehen, fasziniert vom Panorama des Sonnenuntergangs in der Schneelandschaft, entdeckt er plötzlich die Silhouette der Großstadt Wien, blickt zurück auf den langen Schatten hinter sich, wie ein Gespenst, das ihn verfolgt. Er bleibt solange stehen und weicht nicht von der Stelle, bis die Sonne untergeht und mit ihr der überdimensionale Schatten, der immer kleiner wird und verschwindet. Er lächelt, ein bitteres gewagtes Lächeln. >Wir Geister sind schattenlos, mein Verfolger war ein Schattenbaum.< Die Abendröte bemalt den teils blauen, zum großen Teil bewölkten Himmel mit verschwenderischen Farbenmischung, wobei Rot bis Feuerrot die Überhand gewinnt. In höheren Ebenen beginnt es zögernd wieder zu schneien.
Plötzlich erschrocken – abrupt abgeschnitten von seinen Gedanken – über einen Hang stolpernd, greift er nach einem Halt, dem Ast eines Ahorns, denn er war dabei in die Tiefe zu stürzen. Es fährt eine brennende Angst durch seine Seele, wie ein Blitz und versetzt ihn in Panik.
>Guter Gott, das Leben habe ich schon längst verloren, aber die Angst vor dem nochmaligen Sterben wohl nicht.< Kaum auf einem sicheren Weg, kommt er auf seinen Leitgedanken. >Das Sein ist nicht immer das Gute. Für mich jedenfalls nicht. Ja, mein liebster Vater, ich hatte Angst vor dem Leben, noch mehr Angst vor dem Verlust meiner Liebsten, aber keine Angst vor dem eigenen Tod. >Furcht ist der Preis für unsere Gabe<, hast Du mal gesagt. Da der Tod, genau genommen, der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so hatte ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freund des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nichts erschreckendes mehr für mich hatte, sondern recht befreiendes und tröstendes, und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück vergönnt hat mein Sterben wahrzunehmen. Der Tod war mein ständiger Begleiter solange ich gelebt habe. >Ich lege mich nie zu Bette ohne zu bedenken, dass ich vielleicht, so jung als ich bin, den anderen Tag nicht mehr sein werde<, dachte ich. In deiner Gegenwart fühlte ich mich immer auf seltsamste Art wie neu geboren, weil ich dachte mein Vater sei stolz auf mich! Ich spürte, dass mein Wesen auf die feinsten Schwingungen meiner Seele reagierte, schien ich unentwegt die Stimmung zu wechseln, von einer tiefen Depression in eine euphorische Lebensfreude zu springen.<
>Es ist kein Frevel in dieser Sphäre, in der wir uns befinden, nach den Sternen zu greifen. Gelassen will ich mich also allen Veränderungen unterwerfen und nur auf ihn warten. Unser eigentliches Leiden begann erst als wir uns ignorierten. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Die Ignoranz des Einen hatte das Versäumnis des Anderen zur Folge; darin hat Amadeus Mozart in Übereinstimmung mit mir das Versäumnis erkannt. Und wie ich hoffe, er ist auf der Suche nach mir unterwegs, wie ich nach ihm. Ich fühle es! Ich wünsche es!<
Beethoven erhebt sich hoffnungsvoll von seinem Sitz, verzaubert vom angebrochenen Abendrot, hört er die Vögel bei der Nestsuche singen und zwitschern. Und das Tosen und Toben der Stadt im Hintergrund. Überwältigt von der ergreifenden Stimmung, stürzt er wieder tief in seine Visionen. Während ihm die Phänomene Zeit und Ort entschwinden, schwebt er über einer rot schimmernden Wolkenformation hinaus ins Universum seiner Fantasien auf der Suche nach Wolfgang Amadeus Mozart.
>Allzeit habe ich mich zu den größten Verehrern Mozarts gerechnet, und werde es bis zum letzten Lebenshauch bleiben.< Erinnert er sich an sein Schreiben an Maximillian Stadler, Februar 1826. Und sinniert fort: >In Ansehung der arrangierten Sachen bin ich herzlich froh, dass Sie dieselben von sich gewiesen. Die unnatürliche Wut, die man hat, sogar Klaviersachen auf Geigeninstrumente überpflanzen zu wollen, Instrumente, die so einander in allen entgegengesetzt sind, möchte wohl aufhören können! Ich behaupte fest, nur Mozart könne sich selbst vom Klavier auf andere Instrumente übersetzen sowie Haydn auch. – Und ohne mich beiden großen Männern anschließen zu wollen, behaupte ich es von meinen Klaviersonaten auch. […] Ich habe eine einzige Sonate von mir (Klaviersonate E-Dur, OP. 14, Nr. I) in ein Quartett von Geigeninstrumenten verwandelt, worum man mich so sehr bat, und ich weiß gewiss, das macht mir nicht so leicht ein anderer nach.< schrieb ich an Breitkopf und Härtel in Leipzig am 13. Juli 1802. >Wir verfügen über unermessliche Kräfte. Auch wenn wir gestorben sind. Denn unser Geist möchte ewig sein. Erinnern wir uns an Kant: >Ich musste das Wissen aufheben, um zu glauben Platz zu bekommen. Das moralische Gesetz in uns und der Gestirne am Himmel über uns! Kant!!! Das Wissen? Unser Wissen jedenfalls ist begrenzt, aber unser Glauben und Vertrauen… Man muss nur daran glauben. Was bleibt, ist Geduld, ist aber auch Überzeugung, Enthusiasmus, ungeheuerliche Neugier und Zauber. Und nun<, murmelt er vor sich hin. >Warten und Gedulden. Aber wie es wird, wann es geschieht, wer kann das sagen? Wer kann wagen, zu prophezeien? Ich konnte in jedem Augenblick, da sich die Wege des Geistes in verlockender Vielfalt nach allen Seiten zu öffnen scheinen, ihm entgegenkommen! Wer weiß? Wir sind gestorben, um den Geist vom Leid des Körpers zu befreien. Nun überlassen wir dem Geist den freien Gleit. Ja, Geister kennen keine Schranken und Hindernisse, sie überwinden alle Unmöglichkeiten. Ich hatte nie mit mehr Inbrunst gehofft und solche imaginäre Kraft empfunden als jetzt.<
Es herrscht eine melancholische Stille auf dem Friedhof, frostig kalt, aber friedlich. Eine leichte Brise weht durch den Pavillon, berührt sanft Beethovens Haar, bringt diesen Geruch nach Winter mit sich, trägt den Wohlgeruch des Waldes mit Tannen und Harz heran. Beethoven streckt sich noch einmal, schaut sich um und kehrt wieder in seine mystische Welt zurück.
>Ich will warten, mich einhüllen lassen von der stillen Melancholie der Atmosphäre. Ich brauche dieses universale Schweigen. Ich brauche es, um im Einklang mit meinem kosmischen Langmut warten zu können. Ich brauche Mozart, ich brauche ihn gegen die Wehmut der Erinnerungen, seinen Anblick und seine Stimme für die Erheiterung meiner Seele. Ich brauche seinen Beistand gegen das tückische Gift der Einsamkeit. Der Kosmos ohne diese Erwartungen wäre höllischer als die teuflische Welt, jene Welt, in der uns die Liebe untersagt blieb. Wie soll der Geist frei schweben können, ohne Begierde, ohne Sehnsucht nach Erfüllung der Versäumnisse, ohne Freude am Wiedersehen? Ein inniger Wunsch darf nicht ohne den starken Willen sein. Wir verfügen über unermessliche Energie, womit wir die Ungeduld überwinden. In der unsterblichen Seele ruht die grenzenlose Kraft der Geduld, die uns Kosmonauten zur Ausdauer verhilft. Ich glaube an Reinkarnation und Seelenwanderung. Wir sind metaphysische Wesen. Daher ist unsere Musik auch metaphysische Kunst. Es war der Tod, der uns im gleichen Augenblick die Befreiung und den Schrecken gab. Nur durch diesen unvermeidbaren Tod verlor die Zeit für uns ihre Bedeutung. Und nicht weniger brauche ich Geduld, denn das Eine ist nicht ohne das Andere denkbar, also warte ich. Wenn ich ihn endlich hören könnte.< Er streckt sich, ändert seine Position und lacht über seine nächsten Gedanken. >Was kratzest Du da wieder für dummes Zeug durcheinander? Du weißt, dass ich das gar nicht leiden kann. Kratz nach den Noten, sonst wird Dein Kratzen wenig nutzen<, sagte mein Vater, als er zufällig mich mit der Violine erwischte. Beethoven mit einem Lächeln im Mundwinkel erinnert sich noch: Hin und wieder streifte ich beim Vorbeigehen um das Klavier herum und griff mit der rechten Hand etwas umständlich, als ob ich etwas Verbotenes tat, auf die Tastatur. >Was sprudelst Du da wieder? Geh weg, sonst geb' ich Dir Ohrfeigen<, sagte mein Vater einmal zu meiner Überraschung. Das tat er aber nie. Sie sind alle gleich, Väter und Lehrer, liebevoll und streng. Sie machen das >Brechen des Willens< zur Grundlage der Erziehung. Dieses Brechen des Willens und Vernichten der Persönlichkeit war bei Mozart nicht gelungen und würde bei mir nicht gelingen, dazu waren wir zu willensstark und hart im Nehmen, sehr pragmatisch und stolzer Natur. Bei Mozart war es dem Vater nicht gelungen seine Persönlichkeit zu brechen und trotz seiner Strenge und Disziplinmanie, den Sohn gegen sich in Aufruhr zu versetzen. Mit gebrochenem Herzen verehrte er seinen Vater bis zu seinem Lebensende. Ich weiß, was für eine Wirkung die rücksichtslose, lieblose und strenge Erziehung hat. Sie kann die Lust und Laune zur schöpferischen Arbeit vernichten. Eine Aggression gegen sich selbst auslösen (Autoaggression). Diese Aggressionsumkehr kann viel Unheil anrichten, einen lebenslang verfolgen und zugrunde richten. Dann ist die Genialität für schöpferische Arbeit dahin. Der Mystiker ist frei von irdischen Zwängen. Mozart war einer und zugleich war er Autodidakt, denn seine Fähigkeiten etwas Besonderes zu sein, blieben unversehrt; erst recht. Er war durch und durch Genie, durch und durch Märtyrer. So vernahm er jede Schelte, jede Kritik, jede Kälte oder Missbilligung des Vaters als Schicksalsschelte und tolerierte sie. Was seine Leidenschaft und Liebe zu nahe stehenden Menschen betraf, sei es Konstanze, Mutter und Schwester, er nahm ihretwegen alle Missbilligungen hin. Er komponierte die heroischste und leidenschaftlichste Musik, die Liebe verbreitet und Leid und Schmerz verdrängt, eine noch nie dagewesene Musik, eine heilende messianische Musik. Menschen zu lieben, ihnen und ihrer Liebe gerecht zu werden, ihnen Leid, Wehmut und Trauer zu nehmen, Anmut und Freude zu schenken, wurde zu seiner Religion.
Aber kann ein Mensch lieben, ohne geliebt zu werden? Die Antwort ist genauso einfach, wie die Tat: Mozart und ich sehen die Erfüllung des Lebens in der Freude der anderen, ohne Ego und Narzissmus. Ich meine ohne Wehmut über das eigene Schicksal. Sie wurde uns verweigert, ist uns fern geblieben. Wir waren während unseres kurzen irdischen Lebens – er viel kürzer als ich – zwei vollkommen unterschiedliche Geschöpfe, eines davon könnte man die Verkörperung eines Mystikers nennen und das andere, einen Romantiker, der nach der Vollkommenheit suchte. Nun überlassen wir es der Nachwelt über uns zu urteilen.< Schweigen.
>Hat Mozart verdient am Ende seines kuren Lebens vergessen, vereinsamt und verarmt zu sterben, trotz allen seiner triumphalen Hymnen für die Menschen? Muss er, müssen wir für unsere Liebe zu Menschen noch bestraft werden? Haben die Menschen vom Schicksal unseres Lehrers und Meisters Salieri, der in Isolation und Abgeschiedenheit zugrunde ging, nicht gelernt? Ach, lieber Mozart, dieses Ende hast du wahrlich nicht verdient. Warum, Mozart, hast du nie mit mir über deine Zweifel, dein inneres Leid gesprochen? Warum hast du mir kein einziges Mal mitgeteilt, dass du in Not bist und Hilfe brauchst? Warum musste ich von deinem unendlichen Leid, deiner Not durch andere erfahren, die es mir mit zurückhaltendem Bedauern erzählten, obwohl es Grund zur Scham gewesen wäre? Wenn es einzig die Krankheiten waren, die dich schließlich in den Tod trieben, dann hätte ich auch nichts dagegen tun können.<
Beethoven, überflutet von den diversen Gedanken, steht auf, geht wieder die Treppen des Pavillons hinunter; auf dem blanken Schneefeldweg läuft er auf und ab, übt mehr Ruhe und Geduld zu bewahren.
>Wäre ich am Leben, würde ich in dieser meiner besonderen Stimmung die Zehnte Symphonie von 1818 vollenden. Wallenstein identifizierte das Schicksal mit dem Herzen, und aus geschichtlicher Perspektive hat er wohl recht, denn mit dem `Herzen´ setzt sich das Schicksal durch:
Recht stets behält das Schicksal, denn das Herz
in uns ist sein gebieterischer Vollzieher.
O Himmel, hilf mir tragen! Ich bin kein Herkules, der dem Atlas die Welt tragen helfen kann oder gar statt seiner… Lange wird's nicht mehr währen, dass ich die schimpfliche Art hier zu leben weiter fortsetze: die Kunst, die Verfolgte, findet überall eine Freistatt. Mozart fand doch Dädalus, eingeschlossen im Labyrinth, die Flügel, die ihn oben hinaus in die Luft emporgehoben. O, auch ich werde sie finden, diese Flügel!<
Immer, wenn Du verzweifelt bist, bist Du verzweifelt, weil du Deine Natur nicht bedenkst. Du bereitest Dir nämlich selbst grenzenlose Ängste und Begierden. Epikur
Mozart wendet sich von dem mit Schnee umhüllten riesigen Baum ab, schüttelt den Kopf, versucht sich erneut zu orientieren. Er zieht an seinem ausgefransten, durchnässten Jackett und geht im Schatten des Baumes den Weg hinunter.
>Die Magie braucht das Dunkle, das Mysterium.< Ermutigt er sich. >In jener träumerisch verspielten Zeit, zwischen meinem Berühmtwerden in der Wiener Gesellschaft und dem großen Maskenball, war ich geradezu glücklich und machte mir keine Gedanken über die Vergänglichkeit des Ruhmes und die Nichtigkeit des Lebens. Vielmehr verspürte ich sehr nahe, hautnah, dass ich für etwas Höheres geboren bin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es ahnte? Einst glaubte ich es zu wissen, dass ich das nötige Rüstzeug mitbringe, um etwas Besonderes zu sein, um hoch hinaus zu gelangen. Das Versprechen stand für Genialität und Eroberung der Welt der Musik. Ich habe die Ernte des Versprechens eingefahren. Ich war ein angesehener Wunderknabe, bald ein anerkannter Komponist. So richtig geliebt wurde ich jedoch nicht; von niemandem außer meiner lieben Familie, die ich auch über alles liebte. Ich war die Musik, die mit lieblichen Tönen verwirrte Herzen zu beruhigen wusste und bald zu rebellischem Zorn, bald zur Liebe vermochte ich selbst eisigste Stimmen zu entfachen. Diese und viele andere träumerisch leidenschaftlichen Impulse inspirierten mich und meine Seele. Und so gelang mir immer wieder die Befreiung vom Gefangensein, von Eskapaden des unverstandenen Seins.<
Mozart hört wieder die Klarinette, je näher zur Stadtgrenze, umso intensiver. >Ach lieber Anton Stadler, Dir zuliebe habe ich das Klarinettenkonzert dessen Finalrondo am 7. Oktober 1791 instrumentiert wurde, geschrieben.< Erinnert er sich. >Wien feiert Dich und Deine Musik. Wie lange wird diese Laune anhalten? Haydn, meinem Freimaurer-Bruder, widmete ich sechs von meinen Streichquartetten. Damit wollte ich ein Zeichen setzen, dass die leichtlebigen Wiener ihn nicht so schnell vergessen mögen. Ich sah doch, wie sie mit Salieri umgingen. An jedem Ruhm klebt ein verräterisch vergänglicher Geruch. Was verstehen sie schon, die ignoranten Wiener, die in Salzburg nicht verstanden haben, dass mir die Musik allein am Herzen liegt.
Unsere Bestimmung ist ungewiss! würde Beethoven sagen, vorausahnend, was er in diesem Moment denkt. Also leiden und unglücklich sterben. Nun, hast Du es auch zu spüren bekommen, als Du mir und meinem Ruhm nachgegangen bist. Warum denn? Du doch nicht. Du warst doch ohnehin himmelsnah, ehrwürdig und unantastbar. Du würdest sagen: Doch, weil ich keine Angst vor dem Tod hätte haben müssen, den ich so ersehnte! Das Unglück, das Dich heimsuchte war Dein Schicksal – taub in stiller Einsamkeit zu sterben – das war Deine Bestimmung, wovon ich angeblich keine Ahnung hatte. Du irrst Dich! Du irrst Dich gewaltig, Ludwig van Beethoven, mein geistiger, gütiger, frommer Komponist. Ich habe in meinem Leben mehr geahnt und mich weniger geäußert. Ich sehnte mich nach Leiden, die mich bereit und willig machten zum Sterben. Also sterben muss sein, Beethoven, wenn Du Deine Befreiung entgegen nehmen willst. So vergingen die Jahre unserer schönen künstlerisch fruchtbaren Zeiten. Wie soll ich meine Gedanken am Besten beschreiben. Ich hege morbide, düstere Gedanken. Oft ist mir zu mute, als habe mein Leben keinen Sinn und Zweck gehabt, keine Erfüllung. Der Wunderknabe der Melodie erstickte in der stillen Einsamkeit. Ich würde Dir heute etwas sagen, etwas, was ich schon lange weiß, auch Du weißt es – glaube ich jedenfalls - aber Dir ist es nicht bewusst. Ich sage es Dir, wenn ich Dich treffe. Du weißt schon viel über mich, ich hoffe jedenfalls, über mein Leben, von meinem Leidensweg, werde ich Dir selbst erzählen.
Im Kopf kann alles passieren, aber im Grab nicht mehr! Man muss die Toten ausgraben, nur aus ihnen kann man über die Vergangenheit und die Zukunft erfahren. Nun, lass uns treffen und von unseren Leidenschaften sprechen! Ich beschwöre Dich nicht zu unterlassen, mich aufzusuchen, mich zu beglücken. Wir sind doch freie Geister, willig uns zu sehen. Ich weiß, ich spüre es, dass Du auch in diesem Moment an mich denkst, gib nicht auf, ich beeile mich, ich sehne mich nach Dir…
Du hast Dich auch mal gefragt – vielleicht? Vielleicht auch nicht. Warum lässt der gütige Gott alles zu? Die Atheisten, die unbeugsamen Philosophen sind konsequenter als wir unverbesserlichen Romantiker; sie verjagen den alten Gott als der angebliche Schöpfer aller guten Dinge aus der verpfuschten Welt. Ja, sie töten ihn wie Schopenhauers bedeutendster Schüler Nietzsche verkündet, der seinen Lehrer als 'Ritter zwischen Tod und Teufel', als 'erste eigenständige und unbeugsame Atheisten…' rühmt. Wenn ein Gott diese Welt gemacht hätte, bekennt Schopenhauer, dann wollte er dieser Gott nicht sein. Das Leiden seiner Geschöpfe würde ihm das Herz zerreißen. Die Schöpfung wäre besser 'zu Hause' geblieben.
Du fragst Dich: Warum gerade ich, der eher hören als atmen will, der mit Klängen aufwachen, und ohne sie lieber tot sein will. Hast Du nie gedacht: entweder hören oder sterben? Je mehr Du daran gedacht und Dich gefragt hast: Warum gerade ich? Umso größer wurde Deine Not, umso tiefer bist Du in Deine Einsamkeit, Isolation und Verzweiflung versunken, wie ein Würger, ein Strick um Deinen Hals, der nicht Dein Ende, sondern Deine Qual, möglichst viel Qual, möglichst lange erwirken will. Und alles, was Du in Deinem Leben als göttlich und heilig bewundert hast, Dein selbstloser Glaube an Gott hat Dir nicht geholfen und Du bist unverschuldet zum Verderb und Leiden verurteilt, und wenn alles so ist, wie ich vermute, dann sollst Du wissen, dass es bei mir noch schlimmer war. Als Mensch geboren, musste ich wie ein Hund verrecken. Mein Glaube und meine Gebete fanden keine Resonanz, weder irdisch noch kosmisch. Ich bekam keine Zuwendung oder Mitleid! Was sage ich, ich bekam keine Luft mehr zum Atmen, ich erstickte einsam und verlassen. Ich bin durch die Hölle gegangen und nannte das mein Leben. Ich habe an Leib und Seele erfahren, dass meine naive Vorstellung von einem Leben mit Eloquenz und Wahrhaftigkeit, Glauben an Gott und Menschen, an gute Taten, Opferbereitschaft und Menschenliebe nicht das geringste mit dem, was ich erlebt habe zu tun hat. Das Leben machte aus mir den Narren, um mich nach dem Tode mit falschen heroischen Andachten, Denkmälern und Nachrufen zu feiern. Hier im Jenseits haben wir diese falschen Huldigungen nicht mehr zu befürchten. Lass uns treffen, uns über ein Wiedersehen erfreuen, und von Sinn und Unsinn des Lebens, des Wirkens und des Schicksals, aber vor allem von unserer Musik, von Deiner göttlichen Musik reden. Ich verspreche Dir, diesmal werde ich nicht den gleichen ignoranten Fehler begehen! Nie wieder!
Ich kann es kaum erwarten, Dich zu sehen. Ich freue mich so sehr. Das Schlimme ist – wenn ich nachdenke – hätte ich mein Leben noch einmal zu leben, ich fürchte, ich würde alles genauso machen, die gleichen Taten, die gleiche Musik und die gleichen Fehler! Und Du? Ich wurde gefeiert, aber nie geliebt. Viele meiner Werke schrieb ich in tiefster seelischmaterieller Not und Pein der Einsamkeit. Und doch in keinem einzigen Werk klage ich über mein eigenes Schicksal. Sie sind voller Liebe, Liebe zu Menschen. Eigentlich lebte ich schon lange nicht mehr, nein! Denn in der kalten Welt, wo die Menschen mich auf einmal ignorierten, war mein Herz und mit ihm meine Seele eingefroren. Wie kann nun ein Wesen, wie ich es bin noch leben? Nun, ist alles vorbei. Wohin mit soviel Wehmut? Ach! Wo suche ich Trost, wenn nicht bei Dir. Zu Dir führt mich meine Sehnsucht. Zu Dir führt mein Weg mit schimmernder Hoffnung in Dein Reich, ins Paradies, denn wo der große Weltbürger Beethoven weilt, da finde ich das ewige Glück. Ich bin Amadeus Mozart, der Einsame, der Deinen Fußstapfen im Schnee nachgeht.
In Zeiten meiner Verzweiflung kam mir mehr und mehr zu Bewusstsein, dass die Ursache der Schwächung meines febrilen Körpers nicht nur auf irgendwelchen Mängeln meiner Natur beruhte, sondern auch auf dem nicht zur Harmonie gelangten, von Gott verschenkten Reichtum meiner Gaben und meiner inneren Unruhe. Ja, ich war ein Genie des Leidens und zugleich Meister des Verbergens. Ah, diese Schwermut! Wo ist doch der Weg, der mich schneller zu ihm führt! Goethe! Goethe, Du Narr, Du hast wieder so Recht: Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide!<
Es gibt auf der Welt einen einzigen Weg, welchen niemand gehen kann außer dir. Wohin er führt, frage ich nicht! Gehe ihn!
Nietzsche
Beethoven reckt sich, setzt seinen Klackhut auf, geht die Stufen des Pavillons wieder hinunter, schaut sich um, blickt erwartungsvoll in die Ferne. >Welche Ehre ist Deiner Freundschaft würdig, mein ersehnter Freund, der mich in meinem einsamen Exil im Reich der Mythen besucht?< Das Largo in C-Moll, Klavierkonzert Nr. 3 ertönt aus der Ferne.
>Eines haben die aufgeweckten Geister gemeinsam: Sie sind neugierig. Ich gebe zu, ich bin neugierig wie ein Kind am Heiligen Abend, nicht auf die Geschenke, nein, das beste Geschenk an diesem Abend ist unser Treffen, hier jenseits von allen Umständen und Hindernissen, die einst verhinderten uns näher zu kommen. Mein Lieber, so wird bald dieser Wunsch gewährt. Glaubst Du wirklich? Kann ich hoffen?< fragt sich Beethoven.
>Weiß Wolfgang Amadeus Mozart eigentlich, was für eine Musik er hinterlassen hat? Verträumt und leidenschaftlich, aber nicht ahnungslos von Deiner Botschaft warst Du durchs Leben gegangen. Du durchdrangst mit Deiner Musik, die Du mit der Leichtigkeit einer jugendlichen komponiertest, nicht bloß die Herzen des Adels und eitlen Herrschers zu erheitern, Deine Musik ermutigte die Geister Deines Publikums jeder Schicht und hob die Schranken der Pietät auf, mit der sich die Gesellschaft in oben und unten teilte. Deine Musik durchdrang alle Ebenen der Gesellschaft, durchleuchtete das betriebsame, beherrschte, kontrollierte Getue, die ganze Falschheit, die Eitelkeit der oberen Zehntausend, das manipulierte und pompöse Spiel der eingebildeten, mit für bankrotterklärten Geistigkeit, und von Gott und Mythos Mensch entfernten Geistlichkeit. Mozarts Musik geht viel weiter als ich erklären kann. Sie durchdringt das Herz aller Menschen. Du verdrängst mit einer einzigen Partitur den Pessimismus und Zweifel eines jeden Empfindsamen, führst zu mehr Mut und Selbstvertrauen, Freude und Glauben an den Sinn des Menschenlebens überhaupt. Du wolltest vielleicht auch mahnen: Schaut solche Affen sind sie! Schaut, da sind die Moralisten und jene Gottesmänner. Schaut ruhig hin, seht ihr diese Menschenaffen, wie sie mit Euch umgehen, wie Wilde aus dem Käfig. Aber lieber, lieber Mozart, ich bin für Dich zwar der Jüngling oder Neuling, unerfahren, vielleicht auch unverdorben, lass Dir gesagt sein: Man kann den Menschen keine unrealistische Klassenversöhnung vorgaukeln und selbst leben wie ein Tollhäusler, den anderen Moral, Toleranz und Eloquenz verordnen und selbst agieren wie ein Anarchist! Man muss selbst als Beispiel vorangehen, um die Menschen zu ermutigen, vielleicht ihnen einen Weg zeigen, wie sie sich von dem eingefrorenen Frust und Lethargie befreien können. Ist das nicht genau das, was Du mit Deinen großartigen Opern sagen willst? Obwohl ich über Dein Leben wenig weiß, habe ich doch allen Grund anzunehmen, dass nicht Existenzanarchie und Weltverachtung, sondern romantische Selbstopferung der Grund für Dein Martyrium und Absage an den Realismus war, denn so schonungslos kritisch wie Du von Adel und Aristokraten sprichst, hast Du Dich selbst aber nie ausgeschlossen. Immer warst Du selbst der Erste, gegen den Du zu richten wusstest, immer warst Du selbst der Erste, den Du mit Hass und Verachtung bestrafen wolltest. Ich frage nicht warum, weil ich nicht in das tiefe psychopathologische Labyrinth Deiner Persönlichkeit eindringen und plötzlich mich selbst erkennen will. Du wirst nicht wissen oder glauben, wir haben etwas Gemeinsames und das ist die bedingungslose Liebe zu Menschen. Hast Du Robert Schumann gehört: Licht senden in die Tiefe des menschlichen Herzens – des Künstlers Beruf. Von unserer Herkunft und Erziehung will ich weniger reden. Dein Vater streng und für einen Musiker unseres Geschmacks konservativ, altmodisch mit pietätischem Drang für ernste und phlegmatische Erziehung. Mein Vater hingegen leichtlebig mit großem Genuss und Durst an Wein, egozentrisch und für einen Musiker und Sänger zu lasch und disziplinlos, aber liebevoll, genau wie Dein Vater. Wir sind beide im Grunde genommen autonome Geister, schon als Kind, was die Reifung der Persönlichkeit betrifft. Wir sind Autodidakten und viel zu selbstständig, viel zu früh auf uns selbst gestellt, Gesellen der neuen Welt, unserer Welt mit revolutionärer Musik. Die Welt lag offen vor uns, den Künstlern, die im Grunde schon einer anderen Welt gehörten. Mitten in unserem Leben, auf der Höhe der Schaffensperiode, in der sich unser Geist bewegte, kamen uns Verlangen von einer entsetzlichen Fremdheit über die Lippen: Mit uns nimmt’s hoffentlich bald ein Ende. Ein anderes unumstößliches Leben schien auf uns zu warten – das ewige! Gibt’s denn so was? Ich sagte mir: Du darfst nicht Mensch sein, für Dich gibt’s kein Glück mehr als in Dir selbst, in Deiner Kunst. O Gott, gib mir Kraft, mich zu besiegen! Mich darf ja nichts an das Leben fesseln.
Nun, Du hast ihnen allen, den Altmeistern, Fürsten und Baronen, Königen und Kaiser gezeigt, wer Du bist: ein Auserwählter, ein Vulkan mit einer unermesslichen Kraft und Dynamik für eine noch nie da gewesene Musik. Deine Musik wird in Wien, Prag, Paris, London, ach, was sage ich, sie wird in der ganzen Welt mit einem erquickenden Klang alle Menschen erfreuen, und wenn wir schon Jahrhunderte tot sind, wird Deine Musik lebendig bleiben. Hörst Du nicht die Klänge, die aus der Ferne Deine zweihundertfünfzigste Geburtstagsfeier ankündigen? Meinen Gedanken folgen meine Wünsche: Lass uns nicht mehr das Schicksal verklagen, der Erfolg und Ruhm fordert seinen Tribut, mein lieber Amadeus Mozart.<
Im dichten Schnee bleibt Mozart stehen und beobachtet die weißen Flocken die umher tanzen. Unterschiedliche Lichter prägen die Silhouette der Stadt Wien. Häuser mit schneebedeckten Dächern, Mauern und Gärten. Es herrscht eine friedliche und romantische Stimmung, aber er fühlt sich sehr einsam und verloren. Sein Animus schwankt bald als tot, bald als lebendig. Wenn er lebendig ist, gibt der Tote in ihm Acht, kontrolliert und lenkt, was er denkt und beabsichtigt; und in dem Moment, wo er tot ist, bleibt er stumm. In dem Moment der auferweckten Seele, will er nach ihm suchen. Nun, so führe mich von der Schwelle! Zu keinem anderen als zu dem jungen Künstler mit dem ernsten treuen Blick. Während er in seinen Gedanken wühlt, stellt er sich gleich jenen neuen Kometen vor, der im Begriff war die Welt mit seiner neuen Musik zu erobern. In seinem Herzen spürt er ein bisschen Neid, aber mehr Wehmut als Neid.
Schafft Euch liebe Erinnerungen!
Im Selbstgespräch lacht er. >Guter Gott! Franz Liszt, Du hast ja so Recht! Das Reich der Erinnerungen muss nun mein Reich werden.< Sie überfallen ihn mit einem unvorstellbaren Tempo, verdrängen die schwarze Wolke der Verzweiflung. Er lacht wieder. Er kann sich kaum vor solch sprunghaften Gedanken und lebhaften Emotionen wehren. >Da stehst Du nun – wo kommst Du her? – Wolfgang Amadeus Mozart, und weißt nicht wohin? Du bist am 27.1.1756 in Salzburg geboren, Du hast diese Stadt gehasst, Du wusstest aber warum. Dann hast Du, wie das Hündlein Deinen Herrn umkreist, bist ihm gefolgt und hast gehorcht, bist ihm vor und nachgelaufen. So hast Du Deine schönste Kindheit Deinem egozentrischen und strengen Leopold Mozart aus Augsburg geschenkt. Nach Gott kommt gleich der Papa. Ja, so hast Du ihn vergöttert, noch mehr: Meine größte Freude und die beste Belohnung war immer der Beifall meines Vaters, den er mir für sehr gute Leistungen und fügsames Benehmen spendete. Meine größte Furcht war, dem Vater zu missfallen, was ich nur durch rituelle Sühne abwenden konnte. So folgte ich, der brave Hund Wolfgang, dem Herrchen, den ich trotz aller Strenge über alles liebte. Ich hatte eine besonders zärtliche Liebe zu ihm und meiner Mutter. Ich komponierte eine Melodie, die ich immer vor dem Schlafengehen, wozu mich mein Vater auf einen Sessel stellen musste, vorsang. Der Vater musste allzeit die Sekunde dazu singen, und wenn dann diese Feierlichkeit vorbei war, welche keinen Tag unterlassen werden durfte, so küsste ich den Vater mit innigster Zärtlichkeit, und legte mich dann mit vieler Zufriedenheit und Ruhe zu Bett. Diesen Spaß trieb ich bis in mein zehntes Lebensjahr.< Er schüttelt den Kopf und sinniert weiter. >Gibt es jemanden, der mich versteht? Du warst ein Wunderkind mit der besonderen Begabung für eine modernere Musik mit einem imaginären Schwung, womit Du den ernsten Aristokraten-Vater und eingestaubten Altmeister in Erstaunen versetzen konntest. Dir wurde die schwerfällige Musik Deiner Lehrer und großen Musiker, Haydn oder Salieri bewusst, sie taten sich schwer, einen mit lockerem Tempi, schwärmerischem Rhythmus, leidenschaftlichen Klang zu komponieren. Du hast nicht nach Ruhm oder Reichtum, sondern nach Erleuchtung und innerer Befreiung gesucht. Mit schöpferischem Exzess und extremer Lebensweise hast Du auf niemanden Rücksicht genommen, weder auf Dich selbst, noch auf die eingebildeten Aristokraten mit ihren konservativen Sitten und Pseudomoral. Keine Ultima Ratio, keine faulen Kompromisse für ein Leben zwischen Snobismus oder Individualismus. Du hast Dich für das letztere entschieden. Und er? Mon très Pére nahm es mal gelassen hin, aber meist mit dem Zorn eines beleidigten Fürsten feuerte er Dich, den mit überschwänglicher Leidenschaft verträumten Sohn an, mehr zu arbeiten und an neue Ideen zu denken, ohne zu ahnen, dass gerade die schöpferische Arbeit unter strengen Bedingungen der Enthaltsamkeit zu einer Qual werden kann. Wie schmerzvoll muss es wohl für jeden Künstler sein, der bei überdurchschnittlicher Sensibilität soviel Härte und strengen Maßregeln unterworfen wird<, ruft er laut vor sich hin. >In Wien sagte man doch: Er ist ein Genie, ein Wunderkind seines hoch geachteten, hochgeschätzten Vaters. Von einer Mutter, meiner allerliebsten Mama war keine Rede. Jetzt kann ich sagen: Er hat zwar meinen Respekt als guter Vater vom dankbaren Sohn, aber meine Mama und meine Schwester behalte ich bis hierher in die Ewigkeit in meinem Herzen. >Weh mir unglücklichem Liebenden! Darf ich also nicht hoffen, dass die Bewohner der Erde meine Bitten erhören? Soll ich als irrender Schatten des unbeliebten Mozart im Himmel und in der Hölle verschollen bleiben? Wo bleibt meine Konstanze? Was ist aus ihr geworden?< Mozart schließt die Augen. >Ich sehe uns beide Hand in Hand laufen. Davon laufen. Vater bedeutet Entkommen – gefahrenvolles Entkommen! Befreiung!<
Vom nicht fernen Hintergrund hört er Communio / Lux aeterna / Chor / Sopran Requiem KV626 D-Moll.
Wehmütig wendet er sich der vom Schnee verborgenen, verträumten Landschaft zu. Welch schöner Anblick, diese zarten Zweige der jungen Buche, die unter der Last des Schnees in der Luft erzittern, und dahinter der faszinierende, feuerrot strahlende Wolkenhimmel. Nie zuvor hatte er etwas so ergreifendes gesehen. Er hat schon einmal von dem großen Friedhof gehört, auf dem die großen Künstler, Gelehrten und Komponisten ruhen, >aber wie komme ich dorthin<, fragt er sich. >Unter den schönsten leuchtenden Sternbildern wirst Du einen Platz finden, vielleicht bei ihm, vielleicht in seiner Nähe. Durch ihn werde ich meine ewige Ruhe finden, glücklich von meinem Leid, aber auch von meiner Leidenschaft reden. Der Weg bis hierher war lang, der Weg zu ihm mag bitte kürzer sein. Ist dies auch der richtige Weg? Jeder kann für sich entscheiden, keiner kann sich verlaufen. Was einer für sich selbst hat, was ihn in die Einsamkeit begleitet, und keiner ihm geben und nehmen kann: dies ist viel wesentlicher als alles, was er besitzt, oder was er in den Augen anderer ist. Einsam sein und sich fühlen wie Arthur Schopenhauer! Einsam, aber nie allein!
Beethoven blickt in die Ferne, als ob er sehen wollte, mit wem er spricht. >Wer will schon sterben, wenn er glücklich ist. Sterben ist schwer. Das Gute daran ist, dass das Vorrecht der Toten sei, nicht mehr sterben zu müssen! Das sind aber eigenartige Gedanken, womit Du Dich beschäftigst<, mahnt sich Beethoven und kehrt wieder in den Friedhofspavillon zurück. >Genug mit dem nihilistischen Grübeln und den depressiven Gedanken! Wozu hat man die magische Telepathie, wenn nicht zu Überwindung alle erdenklichen weltlichen Barrieren? Sieh Dich doch um! Gewähre dieser untreuen Stadt Wien keine Achtung mehr, nachdem sie Mozart verrecken und verschollen ließ. Du hast rechtzeitig das Schwanken der Gemüter unter den Menschen erkannt, womit ein Künstler immer rechnen muss. Du hast Dich nicht immer auf die Treue Deines Ruhmes verlassen, ein bisschen Skepsis hat Dir nicht geschadet.< Nachdenklich und versöhnt blickt er um sich, wie einer, der erwartungsvoll auf das Eigentliche gespannt ist, aber es keinen merken lassen will. Erneut vertieft er sich ins Selbstgespräch. >Auf den Genuss eines Künstlers kamen Mozart und ich, wie es das Schicksal wollte. Mein Vater war ein Berufsmusiker bereits in der zweiten Generation. Er gab uns dreien, Karl, Johann und mir, den musikalischen Vorgeschmack. Nicht so streng und penetrant wie Leopold Mozart, aber auch nicht so geschickt und zielbewusst wie er. Wir wurden zuhause, Caspar, Nicola und Louis gerufen. Seit zwei Generationen waren die Rovantini professionelle Musiker. Sie kamen aus Breitenstein, der alten rechtsrheinischen Festungsstadt gegenüber der Moselmündung. Der jüngere der beiden Vettern meiner Mutter unterrichtete mich in Violine und Bratsche. Aber meine Vorbilder in humanistischer Weltanschauung, Ethik und Moral waren der Urgroßvater Michael, von dem meine Mutter viel sprach und insbesondere der Großvater Ludwig, weil ich mich besser an ihn erinnern kann. Es ist gut und wichtig, dass man sich an seine Ahnen erinnert, an die Wurzeln seines 'Ich'. Schon als Kind dachte ich immer wieder nach, wie das Leben mit uns spielt. Unglaublich, als ob alles, woran ich mich erinnere im letzten Moment passiert wäre. Schon als Kind hörte ich von ihm, von dem großen Mozart. Ich bewunderte ihn als einen neuen Kometen in meinen Träumen. Dieser Vorstellung eiferte ich nach, ohne zu wissen warum. Immer wieder hörte ich die an mich gerichteten Worte >himmlisch<, >göttlich<, als Bote des Ansporns. Am Tage überließ ich mich den wechselhaften Vorstellungen und nachts träumte ich davon, ich würde seine kosmische Ebene erreichen, eine andere, neuere Musik komponieren, an der auch der große Mozart gefallen finden würde, und darüber hinaus. Wohlan, wo man kann! – Freiheit über alles lieben! – Wahrheit nie, auch sogar am Throne nicht, verleugnen!
