Frieden durch Dialog - H. Ardjah - E-Book

Frieden durch Dialog E-Book

H. Ardjah

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Beschreibung

Kein Frieden in der Welt ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Überwindung der Rechthaberei und des Dogmatismus. Kein Frieden in der Welt ohne Frieden unter den Menschen. >Ohne Nord-Süddialog, ohne Beseitigung der Armut im Süden, kann der Weltfrieden nicht auf die Dauer gesichert sein< Willy Brandt. >Das Problem der Weltordnung ist nicht der Terrorismus, sondern die Vielfalt dessen, was ihn verursacht: Die Gleichgültigkeit derer, die ihn verhindern könnten< Ernesto Che Guevara.

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dem großen Pazifisten Dr. h.c. Willy Brandt, 1969–1974 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Friedensnobelpreisträger.

„ …nicht einmal seinen Freunden fiel es leicht zu sagen was für ein Mann er sei.“

Hermann Schreiber, Spiegel-Redakteur

Ein großer Humanist und Weltbürger.H. Ardjah

Ein Mediziner will die Welt heilen:

Erlaubt mir frei zu sprechen was ich denke,

und ich werde durch und durch die kranke Seele der Welt heilen,

wenn man meine Medizin konsequent nimmt.

Prof. Dr. Hassan Ardjah ist in Teheran geboren. Studium der Medizin und Philosophie in Deutschland. Langjährige Tätigkeit als Internist mit Schwerpunkt Kardiologie und Gastroenterologie.

Lektorat: Dr. phil. Melanie Ardjah, Barbara Leitsch

Gestaltung und Konzeption: Barbara Leitsch

Zeichnungen: H. Ardjah, Cover modifiziert nach Albrecht Dürer

Personen

Zarathustra Spitama (Zoroaster)

Um 600 vor Christus lebender persischer Prophet, der mit seinen für jeden verständlichen Weisheiten die Menschen mit zwei einfachen Prinzipien zu einer zivilisierten Lebensführung bewegt: mit Ahura Mazda als Gottes-Symbol für alles Gute auf der Erde und Angra Manju als Symbol für das Böse. Als monothejsistischer Religionsführer lehrte er mit den Grundsätzen:

Seid rein wie das Licht.

Selig sind die Friedfertigen.

Kämpfe mit allen deinen dir zur Verfügung stehenden mentalen Kräften und spirituellem Vorbild von Ahura Mazda gegen das Böse von Angra Manju.

Liebe ohne geliebt zu werden.

Öffne dein Herz, denke mit klarem Verstand.

Gebe ohne Hintergedanken.

Sprich mit Herz und Verstand.

Handle für Fremde, wie für dich selbst.

Der Überfall Alexanders, Juli 330 v. Chr., und die arabische Eroberung Irans 642 n. Chr. brachten es mit sich, dass ein großer Schatz literarischer Werke, unter ihnen auch Awesta, verloren ging. Das Zaratustra Buch widmet sich mit besonderem Interesse sozialkulturellen Themen: Kanon, Dichtung, Poesie und philosophische Schriften, wie Weltbild, geschichtlichem und politischem Denken, der Königsideologie, ebenso wie der Lebensanschauung im Allgemeinen.

Erscheinungsbild/Physiognomie

Solide, mit Charisma und liebenswürdiger Freundlichkeit und mystischer Aura geprägte Erscheinung; würdevoll, ohne heiliges Gehabe und Getue, langes gepflegtes dunkles Haar, voller langer Bart, überlegend heiter und ermutigend, scherzhaft wie ein Künstler.

Abraham

der erste der drei Erzväter aus Ur in Chaldäa, Stammvater der Israeliten. Der Vorbildliche, von jeglichen Zweifeln an Monotheismus und Universalität des Gotteserhaben. Im alten Testament: Der erste hebräische Patriarch, geboren um 2000 vor Christus in Ur, Mesopotamien.

Erscheinungsbild/Physiognomie

Abraham sieht aus wie von einem tiefen, langen und erholsamen Schlaf aufgewacht, mit Vertrauen erweckender Aura und väterlicher Gestik.

Moses

Jüdischer Gelehrter und Gesetzgeber im 13. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung. Als Vertreter einiger jüdischer Geistiger führt er die Israeliten aus Ägypten nach Kanaan (um 1230 vor Chr.), in das „gelobte Land“. Er war als Findelkind am ägyptischen Hof aufgewachsen. Im brennenden Dornbusch hat er den Himmelsauftrag erhalten >die Kinder Israel< aus der Knechtschaft zu führen (nach der Legende von Jahwe).

Erscheinungsbild/Physiognomie

Eine Tafel in der linken Hand haltend, auf die er mit seiner Rechten deutet. Er trägt einen Hut, geht selbstsicher mit stolzem Gang. Das Gesicht mit einer verborgenen Melancholie. Er sieht müde aus und ist mit Staub bedeckt, als ob er einen langen Wüstenmarsch hinter sich hätte.

Buddha (Sanskrit >der Erleuchtete<)

ist eine Würdebezeichnung für den Stifter des Buddhismus, den um 550 v. Chr. im heutigen Nepal geborenen Siddharta Gotama aus dem Adelsgeschlecht der Sakyo. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr im Luxus des väterlichen Palastes lebend, erschütterten ihn Begegnungen mit menschlicher Not so sehr, dass er um die Vergänglichkeit der Welt zu überwinden, Frau, Kind und Heimat verließ und Asket wurde. Doch erst als sich Siddharta Gotama für einen meditativen >mittleren Weg< gegen allen Überfluss entschied, erlangte er im Alter von 35 Jahren die Erleuchtung. Von nun an predigte er öffentlich und gewann die ersten Mitstreiter >Jünger<. Buddha hat selbst keine Schriften hinterlassen. Seine Reden, Parodien und Sprüche sowie die Lieder seiner Herkunft wurden aufgezeichnet. Der buddhistische Kanon ist vollständig erhalten; er ist in Pali (Palikanon), einem mittelindischen Dialekt, geschrieben und besteht aus drei Abteilungen, den so genannten >Körben<: Vinaya-Pitaka (Korb der Disziplin), Sutta-Pitaka (Korb der Lehrreden) und Abhidhamma-Pitaka (Korb der Metaphysik). Er starb mit 80 Jahren. Seine Leiche wurde verbrannt. Er war schon zu Lebzeiten ein Mythos.

Erscheinungsbild/Physiognomie

Beeindruckende Einfachheit, jugendliche Dynamik, gelassen, nachdenklich, optimistisch; lockiges gepflegtes, zu einem dicken Strang geflochtenes langes dunkles Haar, das zwiebelförmig am Kopf gebündelt ist; asketisch mit sanfter Aura.

Jesus (Christus) >der Gesalbte>

Gründer einer Gemeinschaft pazifistischer, selbstloser und friedlicher junger Menschen mit Zivilcourage und grenzenloser Liebe zum Nächsten, geboren in Bethlehem zwischen 7 und 4 Jahre vor und gestorben in Jerusalem um 30 nach unserer Zeitrechnung.

Seid behutsam; ihr könntet verblendet von der >Macht< von Hass und Feindseligkeit euren Nächsten an das Kreuz hängen. Das ewige Leben gehört dem Liebenden, Friedlichen, Selbstlosen, nicht dem Tyrannen.

Erscheinungsbild/Physiognomie

Unverwechselbare Erscheinung. Gepflegtes langes Haar. Mit skeptischer, nachdenklicher Mimik. Tiefgreifender und melancholischer, liebevoller Blick.

Mohammed (Abdul Kasim Muhammad Ibn Abd Allah)

Um 570 in Mekka geboren, lebte bis 8.6.632. Er stammt aus einer vornehmen Familie, wächst in einer Zeit in Mekka auf, in der dort persische, christliche, römische, byzantinische und jüdische Einflüsse herrschen. Um 595 heiratet er die deutlich ältere Witwe Chadidscha, womit er zu geistig-religiöser Arbeit kommt. Mit 40 Jahren erlebt Mohammed seine Offenbarungen, die bis dahin traditionelles und christlich-jüdisches Gedankengut verbinden. Das zentrale Heiligtum wird die Kaaba. Der Koran (Verkündigung) verkündet die Lehre vom Islam und Mohammed als letzten Propheten, der den einzigen allmächtigen Gott predigt: Erzieht eure Kinder zeitgerecht, übt Nächstenliebe und Freundschaft, schützt Benachteiligte, bekämpft Hassprediger und Pseudomoralisten. Aufgrund wachsender Gegnerschaft wandert Mohammed mit seinen Anhängern 622 nach Medina aus (Hedschra), wo er zum Führer zahlreicher arabischer Stämme wird. Von hieraus erobert er Mekka und seine Lehre (Ergebung in Gotteswillen), d.h. der Islam, setzt sich durch. Der Islam wird auch nach Mohammed durch zahlreiche Nachfolger, Kalifen, zu einer Weltreligion.

Erscheinungsbild/Physiognomie

Vertrauenserweckende, charismatische Erscheinung, mit Lebenslust und unverwechselbarer Entschlossenheit, Respekt erweckend und beruhigend zugleich. Mit einer besonderen Aura versehene Persönlichkeit.

Pandora

Sie vertritt mit vier Begleiterinnen die Menschheit. Eine bezaubernde, wunderschöne Frau, die vom Feuergott Hephäst aus Erde geschaffen wurde. Zeus will die Menschen für den Raub des Feuers durch Prometheus (ein, den Menschen freundlich gesinnter Titan, Bruder des Atlas) strafen. Zeus gibt Pandora ein Gefäß (die Büchse der Pandora), in der alles Übel und Leid eingeschlossen sind. Diese kommen über die Welt als Pandora, von Prometheus Bruder Epimetheus aufgenommen, das Gefäß öffnet. Die vier Begleiterinnen sind bezaubernde Frauen, sie verkörpern die vier Jahreszeiten. Hinter ihrer Schönheit mit List und Tricks, steckt mehr Anmut und Vernunft als man vermutet.

Roxane

Tochter von Darius III. und erste Gemahlin von Alexander III. Eine besonders gut aussehende Frau mit verborgener Intelligenz und charismatischer Erscheinung und Entschlossenheit.

Darius III. (Großkönig des persischen Reiches)

Letzter persischer Großkönig. Geboren um 380 v. Chr. In Damghan, nordöstlich (334 km) vom heutigen Teheran. Er unterlag Alexander im Juli 330 v. Chr. und wurde von den eigenen Generälen ermordet. Ein frommer Mystiker, der beim ersten Anblick nicht als Herrscher oder Krieger, eher als ein Gelehrter und Priester in sich gekehrt erscheint.

Alexander (König von Makedonien)

Alexander wurde 365 v. Chr. in Pella, der einstigen Hauptstadt Makedoniens, rund 40 km vom heutigen Saloniki geboren. Gestorben ist er in Elend und Krankheit am 13. Juni 323 v. Chr. in Babylon. Philipp II., der Vater Alexanders lässt den Sohn von Gelehrten, vor allem Aristoteles erziehen. Alexanders Weg auf den Thron hinterlässt getreu makedonischer Tradition eine blutige Spur. Amytas, an dessen Stelle Philipp einst als Vormund den Thron bestieg, ist das erste Opfer Alexanders. Karanos, sein Stiefbruder, muss als potentieller Rivale ebenfalls sterben. Die Gegner seiner Regentschaft lässt Alexander unter dem Vorwand, an Phillips Ermordung beteiligt zu sein, verurteilen und hinrichten. In der Tat übertrifft Alexanders Mordserie zur Sicherung seiner Macht alles, was es selbst im rauen Makedonien zuvor gegeben hat. Phillips Geliebter Pausanias – die Liebe unter Männern war damals alltägliche Sitte – habe sich rächen wollen und brachte ihn aus Eifersucht um. Er wurde sofort getötet. Auch hatte Alexander eine inzestuöse Bindung zur Mutter. Ein Komplott von Mutter und Sohn bereitet den Weg zum Thron für Alexander. Als Zwanzigjähriger übernimmt er die Macht. Glanzvoller Höhepunkt des Aufenthaltes in Susa ist die Massenhochzeit, in der Alexanders Wunsch nach einer Verschmelzung der makedonischen und persischen Völker ihren sichersten Ausdruck finden. Er heiratet die Tochter von Darius III. Roxane als erste und die von Darius Nachfolger Artaxerses III. als zweite Ehefrau. Seine 80 makedonischen Führer werden mit den edelsten Frauen und Töchtern des Perserreiches vermählt. Im Verlauf seiner Eroberungen bleibt Alexander jedoch nicht immer auf dem Weg eines ihm nachgesagten Feldherrn und Befreiers. Vom Wahn der Macht besessen, wird er zum Diktator.

Giordano Bruno (Philosoph)

Italienischer Philosoph, Dominikaner und erster Märtyrer der Wissenschaft. Er wurde 1548 in Nola bei Neapel geboren. Verfechter der Säkularisierung der katholischen Kirche. Bruno lehrte die Unendlichkeit des Kosmos, die er aus der Unendlichkeit des Schöpfers schloss, und vertrat das Weltbild des Kopernikus. Durch Verrat in die Hände der Inquisition gefallen, wurde er sieben Jahre lang in den Kerkern des Vatikans inhaftiert und dann am 17.02.1600 als Ketzer auf dem Campo dei Fiori, dem Platz der Vagabunden und Marktweiber, in Rom nackt und bei lebendigem Leib verbrannt.

Albert Einstein (Physiker)

Er wurde am 14.03.1879 in Ulm, Deutschland, geboren. Physiker. Als Jude verfolgt, floh er vor den Repressalien der Nationalsozialisten und emigrierte 1933 in die USA. Seit 1940 amerikanischer Staatsbürger. Einstein begründete mit der Entwicklung der speziellen (1905) und der allgemeinen Relativitätstheorie (1916) sowie der einheitlichen Feldtheorie (1929) ein neues physikalisches Weltbild. 1921 wurde er mit dem Nobelpreis für Physik >besonders für seine Entdeckung des Gesetzes des fotoelektrischen Effekts< ausgezeichnet. Seit 1920 waren Einstein und seine Relativitätstheorie heftigen, meist antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Der engagierte Pazifist Einstein gab im August 1939 mit einem Brief an Präsident Roosevelt den Anstoß zum Bau der Atombombe. Am 18.04.1955 starb Einstein in Princeton.

Nelly Sachs (Schriftstellerin)

Die jüdisch-deutsche Lyrikerin wurde am 10. Dezember 1891 in Schöneberg/Berlin geboren. Im Mai 1940 gelang ihr und ihrer Mutter im letzten Moment die Flucht nach Schweden – der Befehl für den Abtransport in ein Konzentrationslager war bereits eingetroffen. In der Nachkriegszeit schrieb sie weiterhin mit einer hoch emotionalen, herben, aber dennoch zarten Sprache über das Grauen des Holocaust.

>O, die Schornsteine. Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes…< Mit diesen Strophen beginnt der Epitaph, ein Denkmal für die Gemordeten, ein Denkmal für ihre deutschen Henker.

An ihrem 75. Geburtstag erhielt Nelly Sachs am 10. Dezember 1966 den Literaturnobelpreis. Ihre kurze Dankesrede hielt sie auf Deutsch. Dabei zitierte sie ein eigens für diese Zeremonie geschriebenes Gedicht, in dem es heißt: >Anstelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt<.>Ein Fremder hat immer seine Heimat im Arm…<

Nelly Sachs starb am 12. Mai 1970 in Stockholm. Nicht die Nazis – als ob sie eine epidemisch auftretende Krankheit wären – sondern die Deutschen waren die Vollstrecker des Holocaust!

Ernesto Che Guevara (Revolutionärer Vordenker)

Am 14. Juni 1928 wurde Ernesto Guevara de la Serna als erstes Kind von Ernesto Guevara Lynch und Celia de la Serna in Rosario (Argentinien) geboren. 1947 beginnt er mit dem Studium der Medizin. 1953 wird er Doktor der Medizin. Im Juli 1953 scheitert Fidel Castros Versuch mit seinen Anhängern die Moncarda-Kaserne zu stürmen und den Diktator Fulgencio Batista zu stürzen. Guevara reist nach Guatemala; dort lernt er seine spätere Frau Hilda Gadea, eine peruanische Sozialistin kennen. Juni 1954 ein von der CIA unterstützter Staatsstreich stürzt den Präsidenten Jacob Arbenz; Che sucht Asyl in der argentinischen Botschaft. Im August reist Che nach Mexiko, wo er als Arzt und Fotograf arbeitet. 1955 Guevara lernt Fidel Castro in Mexiko-Stadt kennen. 1957-1959 Che und Castro befreien Kuba vom diktatorischen Regime Batista. 1967 wird Che in Bolivien gefangen genommen und am 9. Oktober unter der Regie und im Auftrag der CIA in La Higuera erschossen.

Friedrich Nietzsche (Dichter und Philosoph)

Ein Denker des Übergangs. Am 15.10.1844 wurde Friedrich Nietzsche in Röcken bei Lützen (Sachsen) geboren. Er studierte Altphilologie und erhielt 1869 eine Professur in Basel, die er aus Krankheitsgründen nach zehn Jahren wieder aufgeben musste. 1889 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und lebte in zunehmender psychischer Unruhe in Obhut seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die seine geistig-philosophischen Weltanschauungen missbrauchte und der national-sozialistischen Ideologie Adolf Hitlers zuteilte. Einige seiner Werke sind: >Der Wille zur Macht< 1901 und die Lehre vom >Übermenschen< dargestellt in seinem Hauptwerk >Also sprach Zarathustra<. Am 25.08.1900 starb Friedrich Nietzsche in Weimar.

Handlung

Ort: Persepolis

Die Ouvertüre >Also sprach Zarathustra< kündigt eine Fabel in Musik an, in der die Geschichte von Zarathustras Dialogrunde ihren Ursprung findet.

1. Akt

Zarathustra tritt auf: Nun, Homo modernicus, bist du zufrieden? Du, Emporkömmling! Homo novus, Nachkömmling von Homo ludens, dem Spielenden, Homo faber, dem Werkzeugbauer, Homo öconomicus, dem Wirtschaftlichen und Zweckmäßigen und dem vernunftbegabten Homo sapiens, bist du mit deinem Werk zufrieden? Mit deiner Welt voller Widersprüche und Widersinn! Ich meditiere hier vor den Ruinen von Persepolis; meine Gäste werden kommen und mir von deinen Taten berichten. Du feierst von einem zum nächsten Millenium, berauscht von Macht und deinen >Errungenschaften<. Und mit dem Weltfrieden geht es bergab. Immer wieder Kriege und Zerstörungen. Glaubst du nicht, es wäre höchst Zeit, dass du dich besinnst, bevor es zu spät ist?

2. Akt

Mit wachsender Sorge um die Menschheit beginnt Zarathustra sich zu orientieren. Pandora erscheint siegessicher: Bringst du etwas Gutes, dass du so fröhlich bist? Pandora: Was Schlechtes. Eure alte Welt ist verschwunden, die neue Zeit ist aufgebrochen. Zarathustra will der Hinterlistigkeit einer bezaubernden Frau widerstehen und beschließt, sie für einen Dialog zu gewinnen.

3. Akt

Von seiner Hoffnung geleitet, mahnt Zarathustra die Kriegsführer der alten Welt, Darius III. und Alexander III. Eine Stimme verkündet: Krieg und Frieden sind intimste Feinde. Zarathustra setzt alle seine Eloquenz ein, um beide Krieger zur Vernunft zu bringen, doch diese lassen sich nicht erweichen. Erst in den Trümmern ihrer Taten sehen sie ein. Wäre es nicht besser und klüger, wir hätten uns geeinigt?

4. Akt

Roxane, die Tochter von Darius, und Pandora, von Zarathustras Worten gerührt, bieten all ihre gesangliche Kunst auf, um die Menschen der modernen Zeit für Liebe und Frieden zu gewinnen. Zarathustra, zunächst voller Freude über die Macht seiner Worte, wird plötzlich von Zweifel erfasst, ob der Mensch den Sinn des eigenen Daseins und die Bedeutung seiner Existenz verstanden hat. Zarathustra: Eure falsche Liebe zum Vergangenen, eine Totengräberliebe – sie ist ein Raub am Leben: Ihr stehlt sie der Zukunft ab.

5. Akt

Zeitzeugen treten auf. Mit Bestürzung erfährt Zarathustra von Giordano Bruno, Albert Einstein, Nelly Sachs und einigen Kindern, was in der Welt passiert.

Kinderchor: … Völker der Erde, zerstört nicht das Weltall der Worte, zerschneidet nicht mit dem Messer des Hasses … O Völker der Erde, wir hätten gerne gelebt! Zarathustra seinen Gefühlen verfallen: Gott und Kirche, Macht und Moral – was wird aus den Tugenden einer Zeit, die keine Liebe kennt?

6. Akt

Zurück in der metaphysischen Welt kann Zarathustra seine Sorgen, aber auch seine Liebe zu den Menschen nicht verbergen. Che Guevara tritt auf: Jetzt ist der Mensch aufgeklärt und kämpft mit allen Mitteln der Tyrannei ein Ende zu setzen. Jesus: Nicht wahr, Che? Eine geistige Revolution wäre das beste Mittel gegen das Übel der Zeit: Die Unwissenheit, Rückständigkeit und Fanatismus. Pandora: Wie liebt eigentlich ein Revolutionär? Nietzsche tritt auf: Wollt ihr sie fangen? Redet ihnen zu als verirrten Schafen: Euren Weg, ihr habt ihn verloren! Sie folgen jedem nach, der so ihnen schmeichelt. Wie? Hatten wir einen Weg? - reden sie zu sich heimlich: Es scheint wirklich, wir hatten einen Weg! Monolog Che: Die Tyrannei ist vorbei, der befreiende Tag ist angebrochen, und was die letzte Nacht mich mit meinem Kummer nicht schlummern ließ, das weckt mich nun mit unbeeinflussbarer Entschlossenheit meines Willens auf. Zarathustra: Heute habe ich den Willen, mit dem ich den Weltfrieden herbeiführen kann.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erster Akt-Erste Szene

Erster Akt-Zweite Szene

Erster Akt-Dritte Szene

Zweiter Akt-Erste Szene

Zweiter Akt-Zweite Szene

Zweiter Akt-Dritte Szene

Dritter Akt-Erste Szene

Dritter Akt-Zweite Szene

Dritter Akt-Dritte Szene

Vierter Akt-Erste Szene

Vierter Akt-Zweite Szene

Vierter Akt-Dritte Szene

Vierter Akt-Vierte Szene

Vierter Akt-Fünfte Szene

Vierter Akt-Sechste Szene

Vierter Akt-Siebte Szene

Fünfter Akt-Erste Szene

Fünfter Akt-Zweite Szene

Fünfter Akt-Dritte Szene

Fünfter Akt-Vierte Szene

Fünfter Akt-Fünfte Szene

Fünfter Akt-Sechste Szene

Sechster Akt-Erste Szene

Sechster Akt-Zweite Szene

Sechster Akt-Dritte Szene

Sechster Akt-Vierte Szene

Sechster Akt-Fünfte Szene

Sechster Akt-Sechste Szene

Sechster Akt-Siebte Szene

Sechster Akt-Achte Szene

Sechster Akt-Neunte Szene

Schlussszene

Prolog

Die Geschichte der Menschheit muss immer wieder neu erzählt werden… samt allen irdischen Objekten.

Eine sanfte Frauenstimme: Geben Sie Ihren Körper samt allen irdischen Objekten an der Garderobe ab, steigen Sie ein, fahren Sie mit mir von spirituellem Geist beseelt, in die metaphysische Welt der abertausend jährigen Geschichte – Vom Urknall bis zum modernen Menschen.

Zarathustra in enthusiastischer Stimmung bei der Vorbereitung der Dialogrunde. Er kann seine Freude, aber auch seine Sorgen nicht verbergen.

Mächtige Orgelmusik setzt ein: Also sprach Zarathustra. Die Einleitung – Richard Strauss, Tondichtung nach Friedrich Nietzsche.

Zarathustra:

Jetzt folgt die Dämmerung unserer Geschichte, der Abend unserer Wehmut, der Morgen unserer Hoffnung, die Sonne Persepolis. Die Kriege alle, die einst hießen Tod, sind längst verschollen in Mutter Erde Graben: Auf unserer Stirn die Falten des Kummers, ein Zeichen unserer Sorgen der Zukunft und unser Gemüt mit Zweifeln quälen. Zu hassen all das Übel der alten und Leid der neuen Zeit: Apollonius raunte, als die Welt ihm zu Ende ging, folgendes seines Vertrauten ins Ohr: Die Zeit zum Aufbruch ist da. Mein Pferd steht bereit für den Ritt in ein anderes Reich! […] Wie sollte mein Kommen und Gehen dem Maß der Zeit sich fügen, wieso ihr folgen, da ich sie überflügele? Wenn ich es will, dringe ich in das Herz des Felsens, wenn ich mich aufzwinge, lasse ich mich auf dem Sidrabaum nieder. Ich kann Steppen und Meere durchqueren, ich bin der Elias der Meere, der Sieger der Steppen, der Astronaut im Universum. Alles, was du sonst an mir findest, das bin nicht ich, es sind deine und meine Visionen. Ich bin der, der emporfahren wird; was zurückbleibt, ist nur meine Schale.

Nizami mit warmherziger Stimme, mehr gesungen als gesprochen, schwang sich aufs Ross und folgte den Weggenossen, und ich mit ihm, erlöst von der Unrast der Welt. Der Tod mit Freunden ist ein Fest, die Wiedersehensfreude noch festlicher.

Nach einem Schweigen

Die Zeit ist mächtiger als die zwei Schöpfungen …

Die Zeit ist Geschichte, deine Geschichte,

Die Zeit ist der Maßstab für Werk und Gesetz.

Die Geschichte totschweigen ist eine Sünde, keine Kunst.

Kurzes Schweigen. Man hört nur den Wind.

Zarathustra unvermittelt:

Welche Leidenschaft zerrt mich gegen meinen

Willen fort aus Abgründen der Zeit, und führt mich

den glühenden Öfen der Gegenwart entgegen?

Er fällt auf die Knie und betet.

Das Licht wird immer schwächer.

Erster Akt

Erste Szene

Der Mensch auf der Bühne seiner Geschichte

Persepolis, Xerxes Saal. Das Bühnenbild begnügt sich mit hoch aufragenden Säulen um die breite Treppe stehend, die zu einer Terrasse hinaufführt. In der Mitte der Bühne das brennende Feuer, umgeben von langen Marmorbänken.

Es ist Spätnachmittag. Zarathustra im Ornat eines zoroastrischen Oberpriesters schreitet in Gedanken versunken die Treppe empor. Der Sonnenuntergang hinter den Säulen erzeugt eine melancholische Stimmung. Musik: 2. Satz von den Hinterweltlern, Richard Strauss.

Zarathustra:

Horcht! Ahura Mazda spricht!

Da, als ich den Mithra, der weite Triften hat,

erschuf, da machte ich ihn, o Spitāma Zarathustra,

gleich verehrungswürdig, gleich preiswürdig,

wie mich selbst, Ahura Mazda.

Das ganze Land vernichtet

der Mithrabetrügende Männerbündler, o Zarathustra,

wie hundert Zauberer,

soviel schlägt er die Gerechten.

Mithra sollst du nicht schlagen, o Zarathustra,

weder den du von dem Glaubensfeinde (gefordert hast),

noch den du von dem Gerechten der

eigenen Religion gefordert hast.

Denn Mithra gehört beiden,

sowohl dem Glaubensfeinde wie dem Gerechten.

[…]

Den fürwahr der Dorfherr des Dorfes

mit ausgebreiteten Händen zu Hilfe ruft!

Den fürwahr der Hausherr des Hauses

mit ausgebreiteten Händen zu Hilfe ruft.

Zarathustra setzt sich auf eine Bank und versinkt wieder in Gedanken.

Plötzlich schlau:

Homo modernicus ich höre dich! Du brichst in Klagen aus? Was bekümmert dich? Ist es eine Reue? Bist du im Hamsterrad deiner Zivilisation verzweifelt und verkümmert? Kriege, Hungersnot und Elend! Du stolperst von einer Katastrophe in die nächste. Kann es sein, dass du den Sinn deines Daseins durch List und den Zweck deiner Existenz durch Tricks ersetzt hast? Wie lange noch muss die Mutter Erde mit dem Blut ihrer eigenen Kinder getränkt werden? Mancher will aus eigenen Interessen und hegemonialen Phantasien die Welt mit Eroberungssucht ändern? Menschenskind, hast du aus deiner Geschichte nichts gelernt? Wohin willst du? Du bist schon in der Hölle. Eine Pause. Die Ehrfurcht vor dem Leben steht im Schatten der Entwicklung der >modernen< Gesellschaft. Der Steinzeitmensch hatte es verhältnismäßig leicht gehabt >human< zu sein. Er kannte die Begriffe Ethik und Moral nicht, aber er lebte nicht unmoralisch.

Wozu so viel Lärm um deine autistische Modernität. Eine Zeit, in der die Mehrheit der Menschen immer noch primitiv dahin vegetiert und eine Minderheit, privilegiert mit allen Tricks gewaschen, versucht ihre >moderne Welt<, die Industriewelt zu verteidigen und mit Krieg und Gewalt die Dritte Welt in Schach zu halten. Warum so viel Katastrophen aus menschlicher Hand? Muss Chaos ein Grundsatz deiner Existenz sein? Mit deiner seelenlosen Modernität hast du deinen Mythos erschüttert. Geh! Geh! Raube mir nicht die Kraft der Transzendenz! Geh, dass ich mich sammle, deine Welt, und dich zuerst vergesse!

Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Die Beleuchtung wechselt. Zarathustra zündet drei Kerzen an, jede in einem hohen Leuchter aus Bronze, die symbolisch an seine drei Grundsätze erinnern: Einer als Sinnbild für Gute Gedanken (Afkare Chub), der zweite für Gute Worte (Goftare Chub) und der dritte für Gute Taten (Kerdare Chub).

Vertieft in Transzendenz, zaubert er seine illustren Gäste her.

Nach einer Weile reckt er den Kopf, als ob er sie kommen hört.

Zarathustra lächelt:

So wird es wohl sein.

Plötzlich spricht er mit entschiedenem Tonfall:

Morgen werde ich jenen Willen haben, der mir fehlt den Weltfrieden herbeizuführen.

Schweigen

Ein mystischer Monolog verkündet:

Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seinen Geist und seine Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach ihr also:

>Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!

Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich meinen Adler und meine Schlange.

Aber wir warten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür.

Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.

Ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.

Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn!

Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.

So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzu großes Glück sehen kann!

Segne den Becher, welcher überfließen will, dass das Wasser golden aus ihm fließe und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage!

Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden<.

Also begann Zarathustras Untergang.

Erster Akt

Zweite Szene

Mitten auf der Bühne brennt das Feuer, Kerzen flackern. Der Duft von Weihrauch vermischt sich mit der abendlichen Wüstenbrise. Zarathustra ist erfreut über die Ankunft seiner Gäste.

Abraham, umgeben von Moses, Jesus und Mohammed, ihnen voran Buddha, treten vergnügt in den Xerxes-Saal ein. Mit Wehmut und freudiger Gestik bilden sie einen Kreis um Zarathustra – rührende Begrüßungsszene. Dann begeben sie sich zu den Bänken um das brennende Feuer.

Musik: Von der großen Sehnsucht – Richard Strauss

Zarathustra streckt die Arme und heißt seine Gäste willkommen.

Das Bühnenbild stellt den Anbruch des Abends dar, worin sich die mit Sternen übersättigte Milchstraße am Horizont mit der Erde zu verschmelzen scheint.

Zarathustra schenkt jedem in einen Becher (ein Rhytom mit der Protome eines Flügellöwen) etwas Wein ein. Wein von roten Trauben aus Shiraz. Ein sehr alter Wein, der schon beim Eingießen den erweckenden Duft von Beerenmost und Kirschen verbreitet.

In einer Hand einen Becher, in der anderen die Harfe, begibt sich Zarathustra zuerst zu Mohammed, dem jüngsten Propheten. Schaut ihn an und lächelt, dann singt er heiter:

In der Absicht, zu bereuen,

sage ich heute in der Frühe;

Ich will den Koran befragen!

Doch der Frühling kam,

der die Reu´ zerschlägt, -

welcher Ausweg bleibt mir nun?

Soll ich die Wahrheit sagen:

Ich kann nicht erlauben, dass

meine Feinde sich am Wein berauschen,

indes ich vor Durst vergehe!

Mohammed mit Respekt:

Unantastbar bleibt allein die Redlichkeit Zarathustras. Liebe jeden, auch den Feind, lass dich berauschen von Zarathustras Wein: Wir hören und tun‘s.

Zarathustra setzt seine Gedanken mit Versen von Hafez fort:

Ich bin nur ein armer Gast der Schenke,

aber seht nur: bin ich trunken,

muss der Himmel um mich werben,

kann den Sternen ich gebieten!

Ich, der sich nicht lösen kann

von dem Bissen, der mich nährt:

Soll die Wissenden ich tadeln,

die zu zechen lieben?

Hafez ward es müde,

länger heimlich Wein zu trinken;

und beim Klang von Flöte und Harfe

will ich das Geheimnis kundtun.

Mohammed:

O wir Propheten!

Zauberer sind unter uns,

die auf arme Seelen tricksen.

Zarathustra:

So spricht jeder Heilige, der sich von der Schuld des anderen reinwaschen will!

Mohammed dessen Gesichtszüge sich verhärten:

Die Tugenden, die Zarathustra vorzieht, sind entweder Tugenden des Verdienstes oder bloß der Schuldigkeit oder der Unschuld.

Zarathustra:

Wir dachten übel voneinander? ...

Wir waren uns zu fern.

Aber nun, in dieser vereinsamten Ruine,

angepflockt an ein Schicksal,

wie sollten wir noch uns feind sein?

Man muss sich schon lieben,

wenn man sich nicht entlaufen kann.

Er streicht wieder über die Saiten und wendet sich an Abraham:

O gütiger Abraham, ich sehe Toleranz und Zuversicht in deinen Augen. Wir sind gefangen in unseren Begierden!

Abraham:

Gelobt sei der Homo sapiens, der Mensch mit allen seinen guten Taten. Schweigen. Dieser Satz hallt wie ein Donner im stillen Raum.

Zarathustra etwas hinterlistig:

Was ist mit seinen Untaten? Der Mensch ist gott- und glaubenslos. Der Mensch hungert nach Kenntnissen, gelangt aber zu keiner spirituellen Erkenntnis, dass ihm die Moral abhanden gekommen ist.

Moses:

Wo kommt die Erkenntnis her, wenn nicht durch fromme Gedanken und biblische Moral?

Zarathustra nicht überrascht:

Die Nähe eines frommen Mannes, welch ein Glück! Er winkt vertraulich zu Moses: Das bedeutet aber nicht, dass wir die angeblich göttlichen Normen der Bibel ungeprüft schlucken! Der Ursprung unserer Erkenntnisse wird von Vorgängen geprägt, die wir als Vorbedingung aller geistigen Entwicklungen unserer Objektivität benötigen: Wir empfangen bestimmte Vorstellungen, durch die Rezeptivität unserer Eindrücke. All unsere Erkenntnis fängt mit Erfahrung an; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden. Gegenstände, Raum und Zeit müssen wir durch sinnliche Eindrücke erfahren und zu einer Erkenntnis verarbeiten.

Moses neigt sich leicht:

Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben hast, ist rein. Mit einer Handbewegung macht er die Anwesenden auf eine Tafel mit zehn Ziffern in seiner linken Hand aufmerksam: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat. Moses lässt seinen Blick durch den Raum schweifen: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Mohammed:

Reinheit als Werkzeug für die Wahrheitsfindung soll eines der großen Anliegen unserer Philosophie sein.

Buddha blickt neugierig und kritisch nach links und rechts, dann zu Moses, Jesus und Mohammed und wendet sich zu Abraham in der Mitte.

Buddha lächelt:

Der Mensch ignoriert das Wesentliche: die spirituelle Entwicklung seines Geistes. Er spielt Gott! Habt ihr Angelus Silesius gehört? Kennt ihn jemand? Er hat so recht und gescheit gesprochen:

Mensch werde wesentlich!

Denn wenn die Zeit vergeht,

Dann fällt der Zufall weg,

Das Wesen, das besteht.

Abraham blickt ihn voller Anerkennung an:

Kaum sind wir zusammen, schon weisen wir die Menschen in Schranken! Hafez ist sanft und mutiger; wir sind so egozentrisch und rechthaberisch:

Verdammt nicht gleich den Anderen.

Übet Milde.

Verzeiht. Entschuldigt.

Denkt an eigene Schuld.

Wenn jeder alles von dem Anderen wüsste,

Es würde jeder gern und leicht vergeben,

Es gäbe keinen Stolz mehr, keinen Hochmut.

Zarathustra:

Die Geschichte erzählt uns mal larmoyant, mal liebevoll leidenschaftlich und in ihr wird allzu oft wie notwendig vermengt: Wer den besseren Gott zu vertreten hat. Die einen Frommen streiten viel um Glauben und Erkenntnis, die Atheisten grübeln tief nach Wissen und Erkenntnis. So wird es gehen, bis einmal der Ruf sie schreckt: Ihr müsst die Grenzen des sinnlich Erfahrbaren überschreiten, um ohne Anrufung Gottes den Weg zu sich selbst zu finden, zu unbeschwerter Transzendenz. Also eine Religion ohne Gott! Nun, fragt man sich: an was können wir glauben? Wir können an die Metaphysik oder an den Menschen als Teil der Schöpfung oder noch mehr an die Liebe glauben; ja, an die Liebe sollen wir glauben. Denn nicht glauben ist einfach, und die Existenz Gottes beweisen wollen, ist eine Unsicherheit, aber keine Gewissheit. Der Gegenstand der Religion ist bei uns allen: Gott und nichts als Gott. Dieses >Nichts< drückt vielleicht die Negativität Gottes aus, dass er sich jeder positiven Bestimmung entzieht? Oder ist der Buddhismus eine negative Theologie? Gott wird als Nichts, als Wesen gefasst, könnte doch als unmittelbarer Mensch verstanden und damit ein jeder Mensch gemeint sein. Könnte dies die Wahrheit sein? Wie steht es mit seinem Sohn?

Zarathustra mit neugierigem Blick auf Jesus:

Ist er ein jeder Mensch?

Jesus neugierig:

Die Wahrheit? Was ist sie? Suchen wir sie?

Zarathustra streicht über die Saiten und singt:

Sucht jemand die Wahrheit? Will irgendeiner wissen, was und wo sie ist? Die Wahrheit ist der moderne Mensch mit all seinen Torheiten. Kurzes Schweigen. Wissen wir von unseren Torheiten? Ach, meine Freunde der Irrtümer und Torheiten, wie hätte ich mir gerne eine andere Miene aufgesetzt und Theologentracht getragen!

Eine Stimme aus dem Off:

Dann müsstest du fürchten Zarathustra als Dieb verklagt zu werden, da es aussieht, als hättest du verstohlen die Bücherschränke unserer Herrn Magistri geplündert, wenn man soviel Theologisches bei dir entdeckte!

Zarathustra nicht überrascht:

Und doch, mein lieber Erasmus von Rotterdam, es ist nicht ver wunderlich, wenn ich mir in meinem langen intimen Zusammensein mit diesen Herrn Theologen – er wirft einen Blick in die Runde – mir dies und jenes angeeignet hätte; denn auch Priap, der Gott aus Feigenholz, hat aus dem Munde seines lesenden Herrn ein paar griechische Wörter aufgeschnappt und behalten, und der Hahn, von dem Lucian berichtet, hat dank seines langen Aufenthaltes unter den Menschen ihre Sprache fließend gesprochen.

Erasmus, als wäre er gegenwärtig:

Doch lasst uns zur Sache kommen; möge ein guter Stern über uns walten. Nun mein liebster >Z<, lass Salomo und Jeremias predigen und sich ihrer Papageiensprache mächtig sein, ich bleibe dabei: Besser ist der Mann unter euch, der seine Torheit verbirgt, als der Mann, der seine Weisheit verbirgt. Darum schämte sich König Salomo dieses Namens nicht, wenn er im dreißigsten Kapitel sagt: >Ich bin der Allertörichste<. Und Paulus, der große Heidenlehrer steht zu seinem Torennamen: >Ich rede töricht; ich bin es mehr als sie<. Seid weise und fürchtet eure Torheiten nicht!

Die Stimme erlischt.

Zarathustra mit einem Lächeln setzt seine Gedanken fort:

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Meine Freunde, hier ist meine Heimat, hier ist ein friedliches Zusammenleben mit Freiheit, Demokratie und Frieden auf der Basis einer 5000jährigen Kulturgeschichte praktiziert worden, bevor es uns Propheten und mit uns die Despoten gegeben hat! Ich selbst war als Zeitzeuge um 600 vor unserem Jesus und predigte die Lehre Avesta. Die Philosophie der Religionen Zoroastrismus und Buddhismus ist die simpelste und unorthodoxeste Lehre, die jemals verkündet worden ist, ohne die Autorität einer Offenbarung in Anspruch zu nehmen. So kann ich wie auch Buddha den Gott zerreißen im Menschen.

Buddha gelassen:

O meine Brüder! Lacht euch frei, zerlacht alle eure Torheiten. O Lebens Abend! Feierliche Zeit! Macht euch auf die dunkle Nacht bereit. So lacht mir wie Zarathustra euren strengen Gott weg! Selbst Christus wählte das Lachen als Mittel des Kreuzes und die beschränkten, denkfaulen Apostel: Ohne Unterlass predigt er ihnen die Torheit, warnt er sie vor der puren Weisheit… Torheiten erhellen die Gedanken und zerstreuen den Heiligenschein am Hinterkopf. Wie sollte man derlei wissen, wenn man nicht seine sechsunddreißig Jahre über der Physik und Metaphysik des Aristoteles und des Scotus abgesessen hat? Die Erleuchtung ist ein Erwachen zum Alltäglichen; zu uns selbst. Hinweg von dunklen Lehren von Aposteln und denen, die behaupten sie seien rein!

Moses:

Der Ewige herrscht in alle Ewigkeit! Schweigen. Erleuchtet oder nicht, die Menschen müssen aus der Unwissenheit geführt werden, sie brauchen klare Grundsätze. Er weist wieder auf seine Tafel und spricht: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!

Moses schaut Buddha und Zarathustra an, dann mit einer Geste:

Versteht jemand diese meine Worte?

Zarathustra mit Liebenswürdigkeit, denn wegen seiner Bewunderung für

Abraham und Moses will er vom Pfad der Eloquenz nicht weichen:

Das Wasser und den Gott will ich verehren,

den Frieden und den vollkommenen Sieg, und

den Nutzen, in beider Hinsicht.

[…]

Ihn verehrte der Schöpfer Ahura Mazda

[…]

Und er gab ihm diese Gnadengabe,

der übermächtige Vayu,

dass er dies erreichte,

der Schöpfer Ahura Mazda.

Mit ihm überschreite ich alle Grenzen des sinnlich Erfahrbaren. In Transzendenz finde ich zu Ahura Mazda, dem Schöpfer der Metaphysik. Das Herz soll nach nichts streben, nicht nach Gott, auch nicht nach Propheten. Das Streben verfehlt den Weg zum >Eigentlichen<, zur Wahrheit.

Er überlegt, dann ruft er nachträglich aus:

Religiöse Fragen stellten sich in jener Zeit nur dann und wann, weil die Menschen trotz Ehrgeiz und Fleiß keinen geistigen und moralischen Halt fanden. Der Glaube an mehrere Götter war eher mythologisch als philosophisch. Mit einem Opfer hier und Gaben dort als Zeichen der Ehrfurcht vor dem unbekannten Allmächtigen, wurden sie beruhigt und befreit von Ängsten vor Unheil und Katastrophen. Buddha lässt keine Anrufung Gottes zu. Er kennt weder die göttliche Innerlichkeit, in die sich die Anrufung versenken könnte, noch die menschliche Innerlichkeit, die einer Anrufung Gottes bedürfte. Ich stimme ihm zu.

Buddha:

Der Zen-Meister Yunmen erzählte seinen Schülern über mich: >Unmittelbar nach seiner Geburt wies Buddha mit der einen Hand gegen den Himmel und mit der anderen zur Erde, ging sieben Schritte in einem Kreis, blickte in alle vier Himmelsrichtungen und sagte: >Im Himmel und auf Erden bin ich der einzig Verehrte<. Er hat Recht, wenn er wahrhaftig spricht. Nicht nach meiner Geburt, nach meiner Erleuchtung wurde ich der Mensch, der verehrt werden soll. Ich war frei von jeglichem Anrufungstrieb. Mir war jener >unmittelbare Trieb<, jene >Sehnsucht<, jener >Instinkt des Geistes< fremd, der die Konkretion oder Konzentration Gottes >in der Gestalt eines wirklichen Menschen< forderte. Ich war der ehrwürdige Mensch, einer von vielen. Ein jeder Mensch. Meister Yunmen war aber im Unrecht, wenn er sagte: >Hätte ich das damals miterlebt, so hätte ich ihn mit einem Stockhieb niedergestreckt und ihn den Hunden zum Fraß vorgeworfen – ein hehres Unterfangen für den Frieden auf Erden<.

Lieber Meister Yunmen bevor du anfängst feindselige Handlungen zu begehen, stifte deiner Seele Frieden, verstehe mich und meine Gedanken recht: In der menschlichen Gestalt Gottes sähe der Mensch sich selbst. Er gefiele sich in Gott. Der Buddhismus ist dagegen nicht narzistisch, meine Gedanken sind frei von Egoismus. Deine und meine Gedanken sind die Gleichen: Der Zen-Buddhismus wendet die buddhistische Religion auf unmissverständliche Weise in die Immanenz: >Weit aufgeräumt. Nichts Heiliges<. Wie Linji betreibst du eine Destruktion des Heiligen. Einverstanden! Du weißt offenbar, wovon das Friedliche abhängt. Dies weiß ich auch! Von Erleuchtung!

Zarathustra:

Die friedliche Botschaft, darauf kommt es an. Dabei spielen leider weder die Offenbarung noch die Anrufung eine Rolle. Der Mensch ist von Natur aus friedlich, die Erziehung, die Gesellschaftsordnung, die soziokulturellen Bedingungen und vor allem die Angst vor Fremden machen ihn zu dem, was er heute ist.

Mohammed liebäugelt mit Jesus, plötzlich ernst:

Der Mensch ist verwirrt. Kurzes Nachdenken. Kann man sagen je kultivierter der Mensch, desto ignoranter, gieriger und hochmütiger ist er geworden?

Jesus steht auf:

Was heißt geworden? Seine Natur ist verdorben. Mein lieber Mohammed, er ist wie er ist – emotions- und herzlos! Der moderne und postmoderne Mensch, das schlechteste Beispiel seit der Homo sapiens begann aufrecht zu gehen. Seht ihr nicht wie die Erde das Blut ihrer eigenen Kinder trinkt? Der Narziss will immer mehr. Er ist ein Zauderer.

Mohammed:

Ein Zauderer im Hamsterrad! Jesus, Bruderherz, ich beobachte dich die ganze Zeit. Deine Augen verkünden keine Freude und Liebe mehr, die ich darin zu sehen gewohnt bin! Du zeigst auf ungewöhnliche Art deine Enttäuschung!

Jesus etwas verunsichert. Nach kurzem Schweigen singt er:

Traurig! Traurig! Mein Herz ist schwer, es gibt keine Liebe unter den Menschen mehr! Schweigen. Lasst euch nicht stören, was meine Augen sagen. Wenn ich meinen Blick verhüllt von Sorgen und Schmerz nicht verberge, so geschieht es nur, um die innere Unruhe in meinem Gemüt zu verbergen. Ich bin seit langer Zeit von streitenden Leidenschaften und von Gedanken heimgesucht, die mich mit der Frage plagen, ob ich das bin, was die Menschen aus mir gemacht haben. Bin ich so ein Egozentriker, dass die Christen alles auf mich beziehen und mit List und Gerissenheit einiger Egoisten zu ihrem Maskottchen, >Gottes Sohn< instrumentalisiert haben? Ein Monument aus irrealen Fantasien? Er singt leise vor sich hin: Mein Herz ist leer, es gibt keine Liebe unter den Menschen mehr.

Mohammed:

Ihre falsche Liebe, zum Teufel damit, eine Totengräberliebe. Nein! Jesus du bist kein Maskottchen, du bist der König und mit dir hält die Kirche ihre Gegner in Schach.

Zarathustra spöttisch:

Und wer hält dich und deine Kalifen in Schach? Wieder ernst: Wir vergegenwärtigen uns die Logik der Herren im Vatikan: sie instrumentalisieren den edlen Mann aus Nazareth; nennen ihn Gottessohn. Unter dem Joch einer totalitären Verordnung haben die Christen zu folgen. Vom Glauben ist keine Rede mehr. Auch Deine Kalifen stritten nicht gerade um Glauben, Frieden und den einzigen Gott, sondern um ihre Eroberungslust, also auch um Herrschaft und Macht, lieber Mohammed! Schweigen. Sag mir nun, bist du ein Feldmarschall mit dem Schwert oder ein Prediger mit Geist und Herz?

Mohammed nicht überrascht, steht mit liebenswürdiger Geste auf:

Halt, mein Allerliebster! Jetzt sprichst du von ernsten Dingen. Ja, ich gebe zu, ich sah ihn am Galgen gekreuzigt, nahm mein Schwert und schwor ihn zu rächen. Was Jesus wollte, wollte ich auch: Die Befreiung der Menschen von Unwissenheit.

Zarathustra ein wenig neugierig:

War es eine Liebes- oder eine Kriegserklärung? Wolltest du die Welt für dich oder für Jesus erobern? Schweigen. Dann warst du doch überrascht von der Macht des >Intelligence Service< des Vatikans!

Mohammed:

Ich wollte im Sinne Jesu handeln: nicht die Welt, sondern die Herzen der Menschen erobern!

Zarathustra, besonnen:

Nicht mit dem Schwert, mit der Liebe erobert man die Herzen.

Jesus, auf seinem Gesicht liest man die Enttäuschung:

Ich ernannte ein Dutzend meiner mit ihrer Gesinnung vertrauten Jünger zu Aposteln und wählte die Zahl Zwölf als Symbol für die zwölf Stämme Israels. Meine Botschaft lautete: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!

Zarathustra:

Wie entstand eigentlich die christliche Kirche?

Mohammed:

Wenn man dem neuen Testament glauben darf, spielte sich zum Pfingstfest vor mehr als 2000 Jahren folgende Geschichte ab: Sieben Wochen nach dem Tod Jesu und zehn Tage nach seiner Himmelfahrt trafen sich in Jerusalem seine Getreuen. Eine ängstliche, mutlose Gruppe muss es gewesen sein, die sich in der Nähe des Tempels versammelte.

Zarathustra:

Wo waren die zwölf Apostel?

Mohammed:

Die zwölf Jünger, die Jesus seit der Taufe durch Johannes begleiteten, waren unter ihnen. Da erhob sich unerwartet ein Brausen vom Himmel her. Es regnete feurige Zungen, die auf die Köpfe der Jünger herabgingen. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt. Sie fingen an in fremden Sprachen zu reden, in Persisch, Ägyptisch, Arabisch, Latein…

Buddha:

Waren sie berauscht vom süßen Wein?

Mohammed:

So dachten auch die Jerusalemer, und die Schaulustigen spotteten über die ekstatischen Missionsredner: >Die sind voll des süßen Weines<. Dann ergriff einer der Zwölf namens Petrus das Wort und hielt eine Predigt, die nicht nur das Häuflein der Jüngerinnen und Jünger beeindruckte, sondern auch eine größere Zahl herbeigelaufener Zuhörer. 3000 sollen es gewesen sein. Viele ließen sich auf der Stelle taufen. Damit soll das entstanden sein, was die Christen auf der ganzen Welt bis heute vereint: Die Kirche. Der Evangelist Lukas berichtet uns das in seiner Apostelgeschichte.

Zarathustra:

Sagst du uns auch, Mohammed, wer verbreitete die fantastische Geschichte von Leben, Tod und Auferstehung Jesu?

Mohammed:

Der Grieche Lukas schrieb vieles von dem auf, was er seinen Zeitgenossen entlocken konnte. Aber selbstverständlich bearbeitete er die Texte, ließ weg und ergänzte. Manchmal brachte er auch nur zu Papier, wie er sich vorstellte, dass es gewesen sein könnte oder müsste.

Zarathustra:

O wehe, schon ist alles sonnenklar! Und wer hat dir die Botschaft überbracht?

Mohammed:

Wie Lukas wusste, hatten dies auch schon andere getan. Die Texte von Markus und Matthäus, zwei andere Evangelisten, kannte er vermutlich. Auch diese beiden hatten erst Jahrzehnte nach dem Leben Jesu auf der Grundlage mündlicher Überlieferungen zum Federkiel gegriffen. Aber Lukas blieb es, der auch die Taten und Reisen der Jünger festhielt, die er, wie in seiner Muttersprache üblich, Apostel nannte: Gesandte, Boten.

Zarathustra:

Und welchen Eindruck machte dieser Lukas auf dich? Hat sich Pfingsten tatsächlich so abgespielt, wie er es beschrieb? Erscheinung des Heiligen Geistes am 50. Tag nach Ostern und Gründung der Kirche!

Mohammed:

Lukas war ein genialer Märchenerzähler. Seine zentrale Idee war:

An Pfingsten, mehr als 30 Jahre vor der Zerstörung des Tempels, verwandelte sich ein Häuflein verzweifelter Juden in eine vielsprachige, dynamische Truppe von Missionaren und trug die Botschaft vom auferstandenen Christus, die Geschichte des Jesus von Nazareth, hinaus ins ganze Imperium Romanum.

Jesus:

So frage ich alle rings in diesem Kreis: Wer kennt diesen Lukas, den der ehrwürdige Mohammed meint, sei es hier in Persepolis, sei es auf dem Ölberg der Spekulationen? Die Zeit der Wahrhaftigkeit ist da, die alles offenbart.

Zarathustra:

Du kannst diesen Mann besser einschätzen, nach dem wir spähen; Ist er ein Schwätzer? Ist er ein Paranoider, der halluziniert?

Mohammed:

Er ist mehr, er inszeniert! Unter den Figuren der Lukas Geschichte, die zwölf Apostel, bekamen nur wenige Darsteller Hauptrollen. Simon Petrus, sein Bruder Andreas, Johannes, Jakobus I und II, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus Levi, Thaddäus, Simon der Zelot und der für den Verräter Judas Iskariot nachgewählte Matthias bleiben ohne besondere Rolle. Groß rauskommen hingegen nur Simon Petrus, Johannes und der Bösewicht Judas. Wenn man will, hat noch Thomas der Zweifler eine Szene zu spielen, als er seine Hand in die Wunde Christi legen durfte. Von anderen weiß man nicht viel mehr als ihre Namen.

Zarathustra:

Die Wurzeln des Christentums sind nur zum Teil historisch nachvollziehbar, zum Teil mythisch wie die Sagen und Legenden von Odysseus und Achill. Nicht an Legenden, sondern an Ideen soll man glauben.

Buddha:

Scheinbar sind Frauen bei mythischen Geheimnissen empfindsamer. Maria Magdalena, die „Apostelin der Apostel“, soll Jesus gefolgt sein, nachdem er ihr sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Sie blieb bei ihm am Kreuz und war die Erste, die den Auferstandenen sah!

Jesus:

Wen soll sie meinen? Achtet nicht darauf. Und glaubt mir, ich bin einer von euch, aus Fleisch und Blut. Sie hat meinen „Flug“ fantasiert!

Zarathustra fährt auf:

Wie! Du wagst es? Zarathustra lacht hell auf. Du leugnest deinen Vater, zum Dank, dass er dich aus dem Nichts eines Hiobs zu sich emporgezogen hat? Ach ihr >höheren Menschen< >so lernt doch über euch hinweg zu lachen! Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! Höher! Und vergesst mir auch das gute Lachen nicht! Das Lachen sprach ich heilig, ihr höheren Menschen, lernt mir lachen!<

Buddha:

O Ihr Brüder gleicher Gesinnung,

sehet, das ist Jesus von Nazareth,

der das schwere Kreuz trug,

der so tapfer und trotzig war,

dessen Mut wir alle priesen,

priesen und bewunderten!

Seht, wie hat des Martyriums Wahn

diesen Mann zum Himmel verbannt!

Muss dieser Mensch nicht um seine Ehre bangen,

nach dem letzten Lebenstag?

Kann man fortan einen Menschen

Gottes Sohn nennen, der noch nicht

seinen Wahn überwunden

ohne Besinnung, ohne Verstand?

Jesus:

Mein Verstand gibt mir die Kraft der Vernunft; und sie sagt:

Mein Vater war ein jeder Mann.

Zarathustra hebt die Stimme an:

Lacht euch frei ihr Propheten! Weglachen müsst ihr euch zu einem >jedermann<. Im Nachhinein wollt ihr euch alle reinreden. Du warst berauscht vom Eroberungswahn, verblendet vom Erfolg deiner Feldzüge, Mohammed. Und du Jesus? Der Pazifist und Träumer und naiver Vagabund, was hast du gedacht? – Jesus, du enttäuschst mich! Martyrium für was? Hast du wirklich geglaubt, dass du mit deinem Opfertod das Unrecht aus der Welt schaffst?

Schweigen.

Er blickt Moses an: Und du, lieber Freund, hast du den Verfolgern deines Volkes ein Friedensangebot gemacht, oder sie nur mit List und Tricks schachmatt gesetzt? Was damals war, ist heute in Jerusalem auf der Tagesordnung. Einer verfolgt den Anderen. Der Eine begeht Selbstmord wegen Völkermord, der Andere zeigt mit aller Gewalt seine Macht. Dein verehrungswürdiges Volk hat wohl viel durchgemacht, und ist deshalb skeptisch gegenüber jedem Friedensvertrag! Wie sollen nun die Menschen den Weg zum Frieden finden?

Abraham lächelt Zarathustra an:

Der Eifer, mit dem du, Moses, Jesus und Mohammed zur Rechenschaft ziehst, ist beachtenswert. Wir wägen und uns scheint, der Weiser hat im Zorn gesprochen. Jetzt leuchtet es mir ein:

die Empörung hilft uns nicht weiter, ein Dialog hilft in der Not.

Buddha verwundert:

Abraham redet von Objektivität und Zarathustra von Subjektivität! Unser geliebtes Kind, der Mensch, ist ein Autodidakt, ein Roboter des Autodafés! Er ist modern, perfekt und perfide zugleich. Er ist Maschinist und Kapitalist.

Zarathustra wendet sich nachdenklich an Buddha:

Ist das nicht ein wenig plump? Wenn man unterstellt, dass das Gegenwärtige sich endlos fortsetze, dann gibt man die Hoffnung auf, vergisst den Teufel. Doch man darf die Hoffnung nicht aufgeben und dem Teufel keinen freien Lauf lassen.

Buddha mit einer liebenswürdigen Geste vor der Versammlung:

Ahnungen sagen mir, Einsicht verkündet es: Der Mensch imitiert den Teufel! Der moderne Mensch ist mit dem Drang zu höheren Ebenen der Materie und auf Abwegen vom Geist. Er ist vom kollektiven Milleniumfieber befallen, schwankt zwischen euphorischem Fortschrittsglaube und apokalyptischem Wahn. Der moderne Mensch ist arrogant, rücksichtslos, brutal, herz- und gottlos!

Jesus:

Weisheit ist eine Ahnung, für die wir Zweckorientierung im Dialog benötigen. Der Mensch ist rastlos, zeitkrank und autistisch! Seine Errungenschaften haben nichts daran geändert, dass er unzufrieden und frustriert ist. Er findet in seiner modernen Welt keinen Halt und keine Ruhe! Begriffe wie Rücksicht, Toleranz und Nächstenliebe sind aus dem Wortschatz des computerisierten Menschen verschwunden!

Mohammed blickt in die Runde und lächelt:

Wir wollen oder sollen über drei Phänomene der Schöpfung debattieren:

Glaube, Mensch und Kosmos. Es täte gut daran zu erinnern, dass wir es waren, die die kosmotheyetische Vision von der Wirklichkeit zu einem Manifest gepredigt haben. Es gibt keine Kultur, in der man die Trias Gott – Mensch – Welt nicht kennt. Manche kommen auf eine sonderbare Idee und phantasieren von irgendeiner Trinität als ein zentrales Dogma des Christentums, wonach das einzige Wesen Gottes in drei göttlichen Gestalten: Vater – Sohn – und Heiliger Geist geteilt wird… Die Fabel von der Trinität setzt die Erschütterung der Autorität der Offenbarung voraus.

Mohammed bleibt ironisch, schaut liebevoll Jesus an:

Was bist du nun? Einer von uns oder sein Sohn, womöglich auch der Heilige Geist? Die Offenbarung ist dreidimensional; nur ein Phänomen ist echt:

von diesen drei Phänomenen kann doch nur eines das Wahre sein!

Jesus ernst und einsichtig:

Nichts von dem, was Du mir ankreidest, wollte ich je sein. Ich bin der Mensch, der vom Schicksal getroffen ist, der seine Last durch Erleuchtung erträgt. Einer wie Ihr meine Brüder, ein weltlicher und normal Sterblicher steht vor euch.

Mohammed gibt sich zufrieden:

Jesus ist ein ehrwürdiger Mann, einsichtig und eloquent. Wie wäre es, wenn wir nun etwas deutlicher werden, damit jeder uns versteht?

Jesus:

Wir wollen klar und für jedermann verständlich sprechen.

Mohammed:

Dann, sprechen wir von der >Intelligenz-Bestie<.

Jesus nachdenklich:

Du meinst von dem Postmodernen, dem Maschinisten?

Mohammed findet Spaß an Jesus‘ Ironie:

Ja, von dem spekulativen Kapitalisten. Der Mensch hat sich eine hierarchische Weltordnung geschaffen, in der nur der Stärkere, der Gerissene alles überlebt. Die Anspruchsgesellschaft der Postmoderne ist skrupellose Demagogie. Und die Kinder sind Produkte ihrer Zeit, und diese Zeit fördert Konkurrenzfähigkeit und Anpassungsfähigkeit, keine Sentimentalität. Die Kinder sind mit Computern und der audiovisuellen Praxis des Alltags so beschäftigt, dass sie weder die auf der Strecke der beruflichen Karriere befindlichen Mutter noch den im Konkurrenzkampf hantierenden Vater vermissen. Und wenn ihre biologischen Bedürfnisse nicht wären, würden sie nicht einmal an Essen und Trinken, geschweige denn an Schlaf und Ruhe denken. Kinder leiden unter dem ADHA-Syndrom – Mohammed schmunzelt – das soll heißen: Allgemeines Desinteresse hyperaktives Syndrom. Und die Eltern erkranken an „Sozialem Jetlag“ und dessen Folgen wie Burn-out und anderen psychischen Störungen wie dem Tourett-Syndrom, TIC-Störungen in der Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter. Die Jugend muss sich in der Schule und in den Hochschulen mit Ehrgeiz und Ellenbogen bewaffnen und keine menschlichen Schwächen wie Rücksicht, Mitleid oder Solidarität zeigen. Denn wer Schwäche zeigt, der bleibt auf der Strecke.

Moses:

O, dieser Jammer, stetes Schreckgespenst, von dem ihr mit Recht und Sorge sprecht. Ich rufe die Menschen auf: >Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes<.

Jesus besorgt: