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Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Pastorius, einer privilegierten Kaufmanns -und Ratsherrendynastie im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Seit Jahrzehnten ansässig in der aufblühenden Hansestadt Warburg in Ostwestfalen. Als Handelsherren, Juristen und Bürgermeister lenkten sie oft die Geschicke in der kleinen Stadt. Die Familie stammte vermutlich aus dem norddeutschen Raum und hieß ur-sprünglich Schepers (nd. Schäfer). Sie beginnt mit Bertold Schepers, der im westfälischen Warburg um 1337 erstmals erwähnt wird. Erst mit dem Aufstieg in höhere Ämter um 1570 änderten einige der Familie ihren Namen. Die zahlreichen Familienmitglieder wurden zwar nicht mit dem goldenen Löffel geboren, sondern haben sich ihren Reichtum redlich erarbeitet, gehörten dennoch zur kleinstäd-tischen Oberschicht. Bildung war eines der vorrangigen Ziele für die männliche Jugend. Der hier in der Geschichte vor-kommende Zweig der Familie diente hauptsächlich den Kur-bischöfen von Mainz und Würzburg. Sie nahmen sich die Zeit für die Muse, schrieben juristische Bücher, Abhandlungen, Chroniken und widmenden sich der Lyrik. Eine Beschäftigung, die sich das ungebildete Volk nicht leisten konnte. Krieg, Glaubensverfolgung, Hexenverbrennungen, Pest und Unglücke beherrschten das Leben, machten keinen Halt vor den verschiedenen Ständen. Auseinandersetzungen in Glaubensfragen führten zur Grün-dung verschiedenster oft extreme pietistischen Gruppierun-gen, wie den Hutterern, den Quäkern, Mennoniten usw. Randgruppen, die auch in der Familie Pastorius ihre Spuren hinterließen. Vom katholischen Offizial zum kaiserlichen Oberrichter einer fränkischen evangelischen Freien Reichsstadt lenkte Melchior Adam Pastorius fast vierzig Jahre die Stadt Windsheim. Ver-fasste Reise-und Lebensbeschreibungen, Rechtsartikel und Gedichte. Sein Sohn Franz Daniel, ein Quäker, wanderte nach Amerika aus. Gründete Germantown bei Philadelphia. Schrieb viele juristische Schriften. Gemeinsam mit Abraham und Herman Isacks op den Graff, sowie Gerrit Henderich initiierte Pasto-rius 1688 den ersten Protest gegen die Sklaverei in Amerika. Er verfügte über ausgezeichnete Kontakte zu William Penn, dem Gouverneur von Pennsylvania.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Impressum neobooks
Der Autor:
1948 geboren, in Franken aufgewachsen und verheiratet mit Christl,
Sie leben seit Jahrzehnten in Bad Windsheim.
Er war 25 Jahre als Bau- und Projektleiter der Kommune u.a. für den Denkmalschutz und die Archäologie zuständig und kam so mit der Stadtgeschichte buchstäblich auf Schritt und Tritt in Berührung. Mit seinen Romanen verband er die beruflichen Aufgaben und seine Interessen an der Geschichte.
Es lag nahe, die über Jahre gesammelten, reichhaltigen Informationen in der autonomen literarischen Form des Romans zu erzählen. Das ermöglichte einerseits historische Zusammenhänge methodisch genau aufzuzeigen und andererseits die fehlenden Details frei auszuschmücken, um eine lebendige Geschichte zu zeichnen.
Er ist Mitglied im Autorenverband Franken (AVF).
Zu seinen kreativen Arbeiten zählen neben dem Schreiben,
die Malerei und Schauspielerei.
Bisher sind neben Kurzgeschichten drei Romane von ihm im CT-Verlag erschienen.
Des Meisters Bartel verlorener Ring (2009)
Der Windsheimroman im 18. Jh.
Wildgänse - die Fortsetzung (2016)
Es war nicht meine Schuld (2019)
Ein Familienroman vom 17. bis 20. Jh.
Titelbild nach einem Stich von Sebastian Münster 1578
© 2024 CT Verlag 91438 Bad Windsheim, Herrngasse 8
https://www.spyra.info
Pastorius 1. Auflage 2024
ISBN 978-3-00-079888-7
Danke an meine Frau Christl für ihre Unterstützung.
Herr schenk Frieden
Herr schenk Frieden dieser Welt
eine neue Sicht
dass dein Geist sie neu erfüllt
gib uns Zuversicht
All das Elend, all das Leid
müsste gar nicht sein
wenn die Liebe herrschen würd
gäb es Freud statt Neid
Doch wir Menschen greifen meist
nach der Macht, dem Geld
und vergessen dabei oft
dass die Liebe fehlt
Schick uns Einsicht, Weisheit, Mut
mache in uns Licht
dass wir auf dich hörn und tun,
was dein Sohn uns spricht
Schenk Geduld, Barmherzigkeit
Glauben und Verstehn
Führ uns du mit sanfter Hand
Deinen Weg zu gehen
Aus dem Gedichtband SICHTWEISE
Von Christel Spyra
Pastorius
Blaue Rosen im Dezember
Historischer Roman von
Thomas Spyra
Prolog
Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Pastorius, einer privilegierten Kaufmanns -und Ratsherrendynastie im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert.
Seit Jahrzehnten ansässig in der aufblühenden Hansestadt Warburg in Ostwestfalen.
Als Handelsherren, Juristen und Bürgermeister lenkten sie oft die Geschicke in der kleinen Stadt. Die Familie stammte vermutlich aus dem norddeutschen Raum und hieß ursprünglich Schepers (nd. Schäfer). Sie beginnt mit Bertold Schepers, der im westfälischen Warburg um 1337 erstmals erwähnt wird.
Erst mit dem Aufstieg in höhere Ämter um 1570 änderten einige der Familie ihren Namen.
Die zahlreichen Familienmitglieder wurden zwar nicht mit dem goldenen Löffel geboren, sondern haben sich ihren Reichtum redlich erarbeitet, gehörten dennoch zur kleinstädtischen Oberschicht. Bildung war eines der vorrangigen Ziele für die männliche Jugend. Der hier in der Geschichte vorkommende Zweig der Familie diente hauptsächlich den Kurbischöfen von Mainz und Würzburg.
Sie nahmen sich die Zeit für die Muse, schrieben juristische Bücher, Abhandlungen, Chroniken und widmenden sich der Lyrik. Eine Beschäftigung, die sich das ungebildete Volk nicht leisten konnte.
Krieg, Glaubensverfolgung, Hexenverbrennungen, Pest und Unglücke beherrschten das Leben, machten keinen Halt vor den verschiedenen Ständen.
Auseinandersetzungen in Glaubensfragen führten zur Gründung verschiedenster oft extreme pietistischen Gruppierungen, wie den Hutterern, den Quäkern, Mennoniten usw.
Randgruppen, die auch in der Familie Pastorius ihre Spuren hinterließen.
Vom katholischen Offizial zum kaiserlichen Oberrichter einer fränkischen evangelischen Freien Reichsstadt lenkte Melchior Adam Pastorius fast vierzig Jahre die Stadt Windsheim. Verfasste Reise-und Lebensbeschreibungen, Rechtsartikel und Gedichte.
Sein Sohn Franz Daniel, ein Quäker, wanderte nach Amerika aus. Gründete Germantown bei Philadelphia. Schrieb viele juristische Schriften. Gemeinsam mit Abraham und Herman Isacks op den Graff, sowie Gerrit Henderich initiierte Pastorius 1688 den ersten Protest gegen die Sklaverei in Amerika. Er verfügte über ausgezeichnete Kontakte zu William Penn, dem Gouverneur von Pennsylvania.
Die Tränen kullerten dem sechsjährigen Buben über die geröteten Pausbäckchen: «Ich komme bestimmt wieder zurück, wenn ich groß bin, hab keine Angst, Großvater wird auf dich aufpassen», er schniefte und hielt mit einem Arm den Hals des struppigen Hundes fest umschlungen, wischte mit der anderen Hand über sein Gesicht, verschmierte den Schmutz und Rotz mit den Tränen. Der schwarz-weiße Mischling wedelte mit dem Schwanz, leckte ihm die Beine, spürte den Schmerz des Jungen.
«Martin, beeil dich, wir wollen los», rief ihn seine Mutter zum wiederholten Male.
«Ja, gleich!»
Im Laufschritt sauste er ins Kontor, suchte seinen Großvater, ein reicher Händler und Ratsherr, hier in der kleinen westfälischen Hansestadt Warburg.
«Großpapa, ich will nicht weg, lass mich bei dir.»
«Ach Junge, ich bin alt und lebe nicht mehr lange, wer soll sich dann um dich kümmern?»
«Die Großmutter ist doch da! Und wenn ich groß bin, werde ich für euch da sein.»
«Martin, komm uns so oft wie möglich besuchen.» Der alte Mann nahm den Knaben in den Arm und drückte ihn zum Abschied.
«Martinus, wo bleibst du?» Laut donnerte die befehlende Stimme seines Vaters durchs Kontor.
«Ich komme schon.»
Wohlbehütet war der Junge, das bisher einzige Kind des Juristen, Ratsherrn und Händlers in der Ackerbürgerstadt aufgewachsen. Seine Mutter stammte aus einer der ersten Familien hier am Ort. Die Hochzeit mit dem fünf Jahre älteren Friedrich hatten die Eltern ausgehandelt. Letztlich sollte Geld und Einfluss beider Dynastien gemehrt werden.
Das imposante Anwesen erwarb einst der Urahn Christian Schepers zusammen mit seiner Frau, Catharina Gerold. Sie stammte ebenfalls aus einer der führenden Familien in Warburg. Im Laufe der Jahre bauten sie die, hinter dem Rathaus unweit der dreischiffigen Hallenkirche, St. Maria Heimsuchung, stehende Hofanlage zum protzigen Herrschaftshaus um. Rund um das Gotteshaus postierten sich einige Anwesen der einflussreichen Patrizier-und Handwerkerfamilien.
Gemeinsam mit seinen Freunden, die Buben des Silber-und Kupferstechers Anton Eisenhoit d. J. besuchten er die Sonntagsschule.
Am meisten Freude bereiteten ihm die lateinischen Lieder und Gebete.
«Du spinnst, für was brauchst das einmal später. Mein Vater sagt immer, die Pfaffen sollen Deutsch reden, damit dies auch einfache Leut nachvollziehen können.»
«Warum? – Ich verstehe das Lateinische!», entgegnete Martin grinsend seinem Freund.
«Ihr fühlt euch ja auch als was Besseres, darum hat dein Vater eure Namen übersetzt in Martinus Pastorius. Meinst, das hört sich vornehmer an», echovierte sich Franz Hertel, der zweite Freund.
«Da kann ich doch nichts dafür.» Er ließ die beiden stehen und rannte nach Hause.
Sein Vater Friedrich hatte die Nachfolge in der Handelsdynastie Schepers zugunsten seines jüngeren Bruders ausgeschlagen. Er fühlte sich zu Höherem berufen, studierte Jura im Kirchenrecht in Rom und weltliche Jura in Tübingen. Der Fürstbischof von Paderborn berief ihn zum Offizialat, dies ist der Gerichtsvikar, der stellvertretend für den kurmainzer Bischof hier in der Diözese Recht sprach.
Mit dem Tode vom Fürstbischof änderte sich alles. Der Nachfolger Johann von Hoya, gleichzeitig Bischof von Osnabrück und Münster hatte für diesen Provinzposten, wie er ihn titulierte, seinen Neffen vorgesehen. Nach einigen Verhandlungen wurde Friedrich ans kurbischöfliche Offizialat in Mainz berufen.
«Frau, ich habe enormes Glück, auf so einen erstklassigen Posten kann nicht jeder hoffen. Aber für so ein würdevolles Amt muss ich unsere Namen ändern. Ab sofort heißen wir lateinisch Pastorius. Ich bin Fridericus, Martin ist Martinus und du bleibst die Christine.»
Trotz Abschiedsschmerz freute sich der Junge auf die Reise, war er doch bisher nur einmal bis nach Höxter gekommen. Mindestens zwölf Tage hatte sein Vater für die Fahrt eingeplant, vorausgesetzt, seine hochschwangere Frau hielt dies durch.
Anhaltender Nieselregen weichte die Wege auf, kraftraubend zog die aus acht Fuhrwerken bestehende Kolonne dahin. Großvater hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt und einige Handelswaren, für Mainz mitgesandt. Transporte kosteten viel Geld und wurden von Soldaten gesichert. Da wäre es eine Verschwendung gewesen, wegen dem bisschen Hausrat der Familie Pastorius so einen Aufwand zu betreiben.
Fridericus wurde nervös, sie sollten sich am 12. Mai 1582 pünktlich nach der Vesper in Mainz melden.
«Mann reite morgen voraus, wir kommen so schnell wie möglich hinterher», forderte Christine, die die Unruhe ihres Gatten bemerkt hatte, ihn auf. «Wir werden mit dem Tross an der nächsten Station eine Rast einlegen, die Tiere benötigen eine Verschnaufpause.»
Eilig ritt Fridericus am frühen Morgen mit einem Begleiter voraus.
Fast fünf Tage später als geplant klapperten die Fuhrwerke durchs Südtor über das holprige Pflaster der großen Bischofsstadt Mainz.
Für ein paar Kreuzer fanden sie einen Burschen, der sie zur angegebenen Adresse führte.
Sie betraten das kleine dreistöckige Fachwerkhaus am oberen Markt. Christina schlug die Hände über dem Kopf zusammen: «Wer soll denn hier wohnen. Alles verdreckt und voll Gerümpel der Vorbesitzer. Ich ziehe da nicht ein!»
«Komm, lass uns wenigstens das Haus anschauen. Außerdem habe ich längst einen Handwerker organisiert, der hier das Notwendigste richten wird. In der Zwischenzeit ziehen wir ins Gasthaus.»
Die junge Frau stürmte wütend ihrem Mann ins Haus nach.
«Das wird schon, siehst du, hier ist deine Küche», er zeigte in einen dunklen fensterlosen Raum gleich neben der Eingangstür.
«Was, hier sieht man nichts, wie soll ich da kochen?»
Schon brauste sie ins Stockwerk darüber, riss die Tür zum vorderen Raum auf und bestimmte: «Das wird die Küche, hier habe ich Tageslicht und sehe, was auf der Gasse passiert.»
«Wie du willst, ich muss wieder zum Gericht. Der Anton mit seinen Leuten hilft dir beim Ausladen.»
«Wo schlafe ich?», fragte Martinus zaghaft seine Mutter.
«Komm mit, schauen wir einmal, wie es weiter oben ausschaut.»
Gemeinsam erklommen sie die steile Stiege ins zweite Obergeschoss. Drei Türen führten vom Gang in verschiedene Räume.
Im ersten, dem größten Zimmer gab es einen Zugang zu einer fensterlosen Kammer.
«Das ist unser Schlafzimmer und der hintere Raum wird die Speisekammer!», bestimmte die Hausfrau.
«Hier, dies wird dein Zimmer, schau, du hast sogar ein Fenster zur Gasse hinaus und die kleine Kammer da vorne wird die deines Bruders oder einer Schwester», damit streichelte sie sich über ihren kugelrunden Bauch.
Martinus blickte sich um, alles kleiner und viel enger als zu Hause. Kein herrschaftliches Gebäude wie in Warburg.
Sobald ich groß bin, gehe ich wieder heim, nahm er sich fest vor.
«Jetzt sei nicht traurig, ich weiß, ist nicht so komfortable wie bei den Großeltern. Wie werden es uns schon gemütlich einrichten.» Sie nahm ihren Großen in den Arm und beide wischten sich verstohlen ein paar Tränen ab.
Die Jahre vergingen, mittlerweile hatten sie sich ordentlich eingerichtet. Mit weiteren Geschwistern war es nichts geworden, seine Mutter hatte einige Fehlgeburten und so blieb er ein Einzelkind. Er beneidete oft die anderen Kinder darum in der Schule. Martinus war begabt und lernte fleißig, übersprang eine der unteren Klassen und kam mit zwölf Jahren aufs Jesuitenkolleg.
Auf die Frage, was möchtest du einmal werden, antwortete er stets: «Ein reicher Kaufmann, wie der Großvater.»
Sein Weg nahm jedoch eine andere Richtung, nach dem Schulabschluss vermittelte ihm sein Vater eine Ausbildung am Priesterseminar in Würzburg. Schnell merkte Martinus, dass dies nicht sein Lebensziel sei, er verließ die fränkische Domstadt, studierte in Tübingen, später in Florenz und Rom Jura.
«Recht hat Hand und Fuß, ist schwarz auf weiß festgeschrieben und alle sollten sich daran halten», sagte er bei jeder Gelegenheit.
Aber im Laufe seines Lebens korrigierte er nicht nur einmal seine Meinung.
Jahre vergingen, nach einem Studienstopp in Tübingen war er endlich angekommen, am Offizialat in Erfurt erhielt er im Herbst 1599 seine erste Anstellung.
Grollend zogen am frühen Abend schwarze Wolken auf, angstvoll stierten die Menschen nach oben, beteten, eilten in die schützende Burg, bevor die Tore für die Nacht schlossen.
Martinus Pastorius war im Auftrag des kurfürstlich-mainzischen Ehegerichtes Erfurt auf dem Weg zum auf der Wartburg weilenden Herzog von Thüringen. Leider hatte er nur für den ersten Teil seiner Reise eine kostengünstige Mitfahrgelegenheit ergattert. Die Zehr- und Fahrtgroschen sowie seine Besoldung vom Eheamt waren äußerst sparsam. Sein Assessorsalair hielt sich in einem sehr bescheidenen Rahmen. Seine Mutter war spießig und knausrig, von ihr bekam er ab und zu mal ein paar abgetragene Sachen des Vaters zugesteckt. Ohne die gelegentliche Unterstützung einer entfernten Tante, für die er öfters einige Gartenarbeiten verrichtete, käme er nicht über die Runden.
Ab Eisenach war er auf Schusters Rappen unterwegs. Der staubige Burgweg schlängelte sich in vielen Kurven zur, immer wieder durch die Bäume spitzenden, mächtigen Burganlage hinauf. Die gleißende Abendsonne brannte auf seinen schwarzen Samtstoff. Auf halber Höhe zog er den Talar aus, nahm das Barett ab, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und setzte den beschwerlichen Aufstieg fort.
«Hoffentlich hält das Wetter bis ich oben bin», sagte er zu sich nach einem bangen Blick in den Himmel. Schnell schritt er aus und stürmte endlich über die Zugbrücke.
«Stehenbleiben, Papiere!», forderte barsch ein lanzenbewehrter Wachsoldat. Fast hätte Martinus gelacht, der Mann sah drollig aus. Unter dem schief sitzenden Tellerhelm ragten nach allen Seiten schwarze struppige Haare hervor. Das pausbäckige bleiche Gesicht krönte eine knallrote Knollennase. Sie zeugte davon, dass sein Besitzer gerne einen Schoppen mehr trank, vermutete er.
Über den dünnen, in den blauen und roten Wappenfarben der Thüringer gehaltenen engen Hosen, wölbte sich ein Kugelbauch, fast wie bei einer Schwangeren kurz vor der Niederkunft.
«Hier bitte, ich komme im Auftrag des Kurfürsten von Mainz und wünsche euren Fürsten zu sprechen», er reichte dem Posten seine Vollmacht und unterdrückte mühsam ein Lachen. Gott sei Dank, schaue ich nicht so blöd aus, dachte Martinus, schalt sich aber gleich: Sei nicht so hoffärtig! Jeder Mensch ist ein Geschöpf des Herrn.
«Robert!», brüllte das Mannsbild mit einer piepsenden Stimme in die offene Tür der Wachstube, «hier ist ein junger Advokat, der verlangt den Herzog zu sprechen, bring ihn zum Hofmarschall.»
Die Blitze zuckten, mit einem gewaltigen Donnerschlag entlud sich das Gewitter. Mühsam schnaufte der alte Soldat, seinen Spieß als Krückstock einsetzend und einen Fuß nachziehend, im strömenden Regen den kräftig ansteigenden Burgweg vor ihm her, wies Martinus in einen Raum unterhalb der Hauptburg:
«Da! Wartet hier, Herr!»
Der junge Assessor hielt ihm sein Schreiben hin.«Gib her, ich überreiche es dem Verwalter und sage oben Bescheid!», mürrisch schlurfte er davon.
Grelle Blitze erhellten die kohlrabenschwarze ungastliche Kammer, die eher einem Burgverlies glich.
Schlotternd wartete Martinus auf einem dreibeinigen Schemel hockend, im kühlen feuchten Raum. Er zog seinen neuen nassen Talar um den Körper, ungeachtet dessen stieg die herbstliche Kälte an seinen Beinen empor. Er kniff sein linkes zuckendes Auge zu. Nervosität durchdrang ihn, dies war seine erste Mission, die er alleine erledigte. Unruhig stand er auf, lief gereizt wie ein Raubtier im Käfig ein paar Schritte hin und her, fummelte an seinem kratzenden weißen Kragen, strich seine Amtstracht zurecht.
«Warum dauert das so lange? Ist eine Unverschämtheit, mich, einen Gesandten des Mainzer Kurfürsten warten zu lassen, aber wahrscheinlich ist dies hier normal?», Martinus brummte ungeduldig laut vor sich hin.
Er war erst seit einigen Tagen in dieser Position in Erfurt. Nach über fünf Jahren Studium und seinem mit Bravour bestandenen Abschluss beider Rechte[Fußnote 1], hatte sich der frischgebackene Doktor in Mainz um einen Posten beworben. Natürlich halfen die Verbindungen der Familie, ohne die richtigen Beziehungen gedieh in dieser Welt nichts und so bekam er die Stelle in seiner Heimatstadt Erfurt.
Sein Vater Fridericus, war Jurist im Dienst des Mainzer Erzbischofs hier in der Stadt. In vielen Jahren hatte er sich zum obersten Schöffen hochgedient.
Der junge Assessor Martinus erledigte, trotz seiner brillanten Zeugnisse und Verbindungen, auf einer der unteren Rangstufen Laufburschenarbeit.
Mit Schwung knallte die schwere Eichentür gegen die Wand. «Seid ihr der Rechtsverdreher, der den Fürsten zu sprechen wünscht? – Folgt mir!» Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt der kräftige Hüne, ebenso in den Farben des Kurfürsten gekleidet, davon. Zwei Stufen gleichzeitig nahm dieser, die unbequeme Wendeltreppe aufwärts. Der kleine untersetzte Martinus hatte Mühe, mit ihm mitzukommen.
Im Amtszimmer empfing ihn ein mürrischer Hofbeamter: «Seine Durchlaucht, Herzog Johann Ernst von Sachsen-Eisenach, diktiert später eine Antwort auf Euer Schreiben, komme Er morgen um die Mittagszeit wieder.»
Auf einem Wink von ihm komplimentierten ihn zwei Lakaien hinaus.
Ratlos schaute sich Martinus um: «Wo übernachte ich?»
«Wenn du Geld hast, findest du in der Burgschenke einen Schlafplatz.»
Er schritt die paar Meter zur Schenke, merkte, dass er den ganzen Tag nichts gegessen hatte, bestellte sich zum Bier eine Bohnensuppe. Heiß, aber so dünn, dass er die Bohnen hätte zählen können. Ein Paar Fettaugen schwammen auf der Brühe.
«Herr Wirt, bitte bezahlen.»
«Drei Groschen für die Zeche.»
Er zählte die Münzen auf den Tisch, traute sich nicht, zu erwähnen, dass er dies für völlig überteuert hielt.
«Habt ihr eine Schlafkammer für heute Nacht?»
«Einfache Schlafgemächer gibt es bei mir nicht und eine Übernachtung in der Gemeinschaftskammer habe ich nicht mehr frei. Für 1 Gulden biete ich euch ein richtiges Zimmer mit Bett zuzüglich Waschzuber - extra für die eleganten Herren.»
«Nein danke, ich ziehe weiter.»
Wenn der wüsste: Der neue Talar, auf den er stolz war, hatte seine letzten Reserven aufgefressen. Das Barett hatte er auf dem Markt beim Lumpenhändler gefunden und wieder tragbar hergerichtet.
Sein Vater hatte ihm zwar eine Amtstracht zum bestandenen Studium versprochen, leider ist bis dato nichts bei ihm angekommen. Er schüttelte den Kopf - Kleider machen Leute - sagt man, aber dadurch wird das Leben teuer. Gott sei Dank wohnte er zu Hause, sparte so seinen schmalen Lohn.
Martinus schritt zügig zum Torhaus.
«Halt, wohin?», schnauze ihn ein Wachposten an.
«Ich möchte nach draußen.»
«Heiner, haste gehört, der feine Grünschnabel will hinaus!» Beide Posten fingen schallend an zu lachen.
«Heute geht da nichts mehr Herr. Meint er, wir öffnen extra für ihn das Tor und lassen die Zugbrücke herunter.»
Die Kerle grinsten.
«Ich muss nach Eisenach!»
«Nee, morgen früh wieder!»
«Wo warte ich in der Zwischenzeit?», fragend starrte er die beiden an.
«Habt ihr Geld, Herr, dann geht in die Schenke, wenn nicht, könnt ihr euch dort an der Pferdetränke ins Stroh legen.»
Martinus zog seinen Talar fester um die Schultern, Gott sei dank, dass Gewitter war vorbei, er legte sich zusammengerollt ins feuchte Strohlager.
Nachdem er den Stundenschlag der Glocke neunmal gehört hatte, duselte er ein.
Ein Rütteln an der Schulter weckte ihn unsanft, er schreckte hoch, erblicke das wettergegerbte Gesicht eines Soldaten.
«Herr, steht auf, ihr holt euch hier bei der Kälte den Tod. Kommt mit.»
Verschwommen nahm er einen Offizier der Wachmannschaft wahr. Er sprang auf, verhedderte sich in seinem Umhang, bemühte sich, seine schulterlange rotbraune Lockenpracht unter dem Barrett zu bändigen. Sein Auge zuckte.
«Macht schon! Kommt! – Ich bin der erste Wachoffizier, Michael Albert von Großtiefenthal. Ihr schlaft die Nacht bei mir im Haus.»
Der Soldat leuchtete mit der schwankenden Laterne in Richtung Durchgang.
Pastorius stellte sich ebenfalls vor, erklärte dem Burghauptmann seine Lage.
«Folgt mir!»
Hurtig führte ihn der Herr in eine behaglich eingerichtete Wohnung. «Ihr seid ja durchgefroren, hier nehmt einen heißen Tee mit Honig.»
Der Hausherr schöpfte aus dem über dem Feuer hängenden Kessel einen nach Blüten riechenden heißdampfenden Tee in einen großen Zinnbecher.
Martinus setzte sich schlotternd auf den ihm angebotenen Schemel vor den mollig knisternden Kamin. Schlang seine klammen Finger um die heiße Teetasse.
Die Hitze nahm ihm fast die Luft, langsam wärmte er sich auf, die Wärme schläferte ihn ein.
«Guten Abend Herr Advokat», lispelte eine zarte Stimme.
Der junge Mann schoss in die Höhe, schlug sich die Schulter am Kaminsims an und stotterte: «Gu-guten A-abend ...Jungfer.» Sein Auge zuckte wieder nervös, er strich sich über seinen Spitzbart.
«Na, nicht so schüchtern Herr Dr. Pastorius, dies ist nur meine Nichte Eva Maria, sie serviert Euch ein kleines Abendbrot. Kommt, nehmt bitte hier Platz.»
»Danke!«, er setzte sich.
Frisches Brot dampfte auf dem Tisch. Schmalz, Speck und Zwiebeln. Lange war es her, dass Martinus etwas so Feines gegessen hatte, das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
«Nicht so genierlich, greift zu, wir haben noch mehr davon», forderte ihn der stattliche Soldat auf und goss Wein in die gläsernen Noppenbecher.
Schmatzend leckte der Hauptmann später seine fettigen Finger ab und hob die Tafel auf. «lasst uns am Kamin platznehmen.»
Martinus zwängte sich neben dem großen Wolfshund auf den mit Fellen bedeckten Holzhocker.
«Wolf, mach Platz!», Eva Maria schubste den schwarzen struppigen Hund zur Seite.
«Wo kommt ihr her? In welcher Mission seid ihr hier?»
«Im Auftrag des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, seiner Exzellenz Wolfgang von Dalberg, überbrachte ich ein Schreiben vom Ehegericht aus Erfurt.»
«Pastorius - ist schon ein seltsamer Name, wo kommt der her?»
«Von meinen Eltern», Martinus grinste, «aber ihr habt recht, schon etwas ungewöhnlich. Mein Herr Vater war, wie einige seiner Geschwister und auch weitere Altvorderen, ein Ratsherr, Verwaltungsbeamter und Jurist, bevor er ans kurfürstbischöfliche Gericht nach Mainz und weiter nach Erfurt wechselte. Er meinte damals, sein Name – Schepers – eine norddeutsche Bezeichnung für einen Schäfer, sei nicht so passend. Er übersetzte ihn ins lateinische - Pastorius. Sicher habt ihr, mitbekommen, dass die fremdklingenden Namen die neueste Mode sind, Herr Hauptmann. Mein Vater ist schon seit einigen Jahren Schöffe und Assessor in Erfurt beim Ehegericht.»
Beide nahmen einen kräftigen Schluck.
«Nicht so förmlich, ich bin der Michael, klingt deutsch und ich behalte auch meinen Familiennamen, die Übersetzung in Magna-altum-vallies oder so ähnlich wäre schon etwas blöd», er hielt dem jungen Mann die Hand hin.
Der schlug ein: «Ich bin Martinus getauft, also nicht deutsch, seit zwei Monaten Advokat beim Gericht in Erfurt.»
Beide Männer stießen lachend an.
«Etwas jung für einen Juristen? Die feinen Herren nehmen sich ja oft eine Menge Zeit für das Studium. Reisen in der Weltgeschichte umher, Kavaliersreisen nach Frankreich, Italien und so weiter.»
«Ja, die anderen, aber ich studierte schnell, sonst hätte mein Geld nicht gereicht, der Vater hielt mich übertrieben kurz. Er meinte, studiere und lerne, die Welt kannst du dir später immer noch ansehen.»
«Wahrscheinlich hatte er recht – oder?»
«Herr Onkel, seid nicht so neugierig!», rügte Eva den Wissenshungrigen.
«Ach, du immer mit deinen Bedenken», mit einer Handbewegung schnitt der Mann seiner Ziehtochter das Wort ab. «Wenn wir schon einmal einen gebildeten Gast haben, dann liebe ich es, auch etwas über ihn und die weite Welt zu erfahren. Mit meinen Tölpeln von Soldaten brauche ich nicht reden, die verstehen doch nur Befehle!»
«Jungfer Eva, lasst ihn, gerne beantworte ich die Fragen eures Onkels», mischte sich schmunzelnd Martinus ein.
«Ach macht, was ihr wollt, ich lege mich jetzt schlafen, gute Nacht!»
«Gute Nacht!», riefen die beiden Herren der jungen davonstürmenden Frau hinterher.
Spät begaben sich die beiden Herren zur Nachtruhe. Es dauerte lange, bis Martinus einschlief. Der ungewohnte Alkoholkonsum und Erinnererungen an die Studienzeit hielten ihn wach, er dachte an sein bisheriges Leben. Träumte von Eva Maria. Mit diesen angenehmen Erinnerungen schlief er endlich ein.
Am nächsten Morgen klopfte ein Bediensteter des Herzogs an die Tür: «Hier, die Antwort des Herrn für den Erzbischof, reicht dies dem Anwalt.»
Eva, die geöffnet hatte, gab das Schreiben an Martinus.
«Oh, schon, dann muss ich schleunigst weiter.»
«Für ein deftiges Frühstück ist sicher noch Zeit, wer weiß, wann du wieder, was in den Magen bekommst. - Eva hau gleich einmal reichlich Speck und Eier in die Pfanne!»
«Solltest du nochmals vorbeikommen, dann schwatzen wir ein wenig weiter», mit einem kräftigen Handschlag verabschiedete sich Michael von seinem Gast.
«Jungfer Eva, es war sehr lecker, vergelt´s Gott! Auf wiedersehen.»
Martinus verbeugte sich, setzte seinen Hut auf, strebte eilig dem Ausgang zu.
Er hatte Glück, eine Reisekutsche mit zwei Händlern aus Erfurt, nahm ihn mit.
Im März 1599 erhielt er erneut einen Auftrag, der ihn nun zum fünften Mal nach Eisenach auf die Wartburg führte. Er freute sich auf ein Wiedersehen mit Eva Maria. Zaghaft hatten sich beide bei den letzten Treffen angenähert. Erst verstohlen einige Küsschen, damit der Onkel nichts mitbekam. Später wurden sie mutiger, trafen sich heimlich im Rosengarten der Burg. Sie fieberten jedes Mal auf ihr erneutes Stelldichein zu. Schrieben sich ellenlange Briefe und überlegten, wie Eva Maria es ihrem Oheim beibringen sollte.
«Ich kann den alten Mann doch nicht alleine lassen», eine Aussage von Eva Maria, die fast jedes Mal die Diskussion beendete.
Dieses Mal reiste er für seine Verhältnisse vornehm. Sein Dienstherr hatte ihn mit einem kleinen alten, aber immerhin noch eleganten einspänniger Wagen mit geschlossener Kabine ausgestattet. Der Kutscher saß im Freien vor ihm auf dem Bock.
Martinus kannte sich aus, er ließ sich gleich früh beim Burghauptmann anmelden.
«Ja da schau her, der Herr Advokat, was führt dich zu uns?»
«Erneut wieder Probleme mit dem Ehegericht. Diesmal dreht es sich um eine junge Freifrau von Holdendorf.»
«Kommt!», Michael ergriff den Arm von Martinus. «Eva Maria wird sich freuen, hat sie doch jeden deiner Briefe freudig empfangen und so viel ich mitbekommen habe, immer gleich beantwortet. Im Moment ist sie mit ihrer Tante in Eisenach unterwegs, kommt aber heute Nachmittag zurück. Du wirst es schon noch aushalten!».
Dem jungen Mann schoss das Blut in den Kopf: «Ja!», stotterte er verlegen.
Der Kommandant schickte nach dem Schreiber, dem der Advokat seinen Brief übergab.
Gemeinsam saßen sie vor dem Gasthaus und ließen sich das Mittagessen schmecken, schlenderten anschließend Pfeife rauchend zum Burgtor.
«Eure Nichte lebt bei euch wie eine Tochter. Was ist mit den Eltern von Eva Maria?», neugierig stellte er seine Frage.
«Der Vater von Eva war Hans Rödinger, ein Unteroffizier im selben Fähnlein wie ich, verlobt mit meiner jüngeren Schwester Rosalinde. Beide planten, nach dem sie schwanger wurde, bei Gelegenheit zu heiraten. Leider kam es nicht mehr dazu, er fiel im Gefecht. Rosa überlebte die Geburt ihrer Tochter nicht, bat mich auf dem Sterbebett: Kümmer dich um das Kind.»
«Oh, das tut mir leid», bemerkte Martinus, er sah, wie der alte Haudegen mühsam ein paar Tränen unterdrückte. «Ich wollte euch nicht ....»
«Nein, macht nichts, ist schon lange her. Die Zeit vergeht, ich habe den Dienst quittiert und die Stelle des Burghauptmanns hier angenommen. Gemeinsam mit meiner älteren Schwester, die unten in Eisenach wohnt, habe ich das Mädchen aufgezogen. Sie ist für mich wie eine Tochter.»
Dreimal schlug die Glocke, Eva zuckelte mit einem kleinen zweirädrigen Karren den Burgweg herauf, warf am Tor ihren Vater die Zügel zu, sprang vom Wagen und lief zu Martinus.
Zaghaft umarmten sich die beiden jungen Leute.
«Nur keine Angst, ich habe nichts gegen eure Verbindung, im Gegenteil, du solltest um die Hand meiner Nichte anhalten.» Damit klopfte er Martinus freundschaftlich auf die Schulter.
«Aber Herr Onkel, nicht so schnell, wir haben uns doch erst fünfmal gesehen. Wollt ihr mich loswerden?»
«Nein, ich möchte nur, dass du glücklich wirst.»
Nach drei Tagen vermochte er unmöglich seinen Aufenthalt länger hinauszuzögern, nun hieß es für Martinus, Abschiednehmen.
«Ich komme so schnell wie möglich wieder», er umarmte seine Angebetete.
Hurtig schritt der junge vom Glück beseelte Mann von dannen, bestieg seine Kutsche und lehnte sich in eine Ecke des schaukelnden Gefährtes. Träumte vor sich hin, hatte keinen Blick für den aufblühenden Lenz der herrlichen Thüringer Landschaft.
Knapp drei Wochen später stand Eva Maria vor seiner Tür in Erfurt. Tränenüberströmt erzählte sie ihm, dass ihr Onkel vom Pferd gestürzt und sich das Genick gebrochen hatte.
«Komm erst einmal herein, wir besprechen, wie es weitergeht.»
Er nahm sie in seine Arme, strich ihr übers Haar, versuchte, sie zu trösten. Stunden später schlief sie erschöpft ein, sanft bettete er sie auf den Diwan und schlich sich aus der kleinen, seit einem halben Jahr eigenen Wohnung, stieg einen Stock tiefer und klingelte bei seiner Vermieterin.
Mit der Freiin Amalie von Hertel, einer älteren liebenswürdigen ehemaligen Gouvernante einigte er sich schnell.
«Herr Pastorius, ich habe einen Vorschlag, eure Braut wohnt bei mir im hinteren Stübchen. Es ist unschicklich, dass Eva Maria bei euch einzieht, wenn ihr noch nicht verheiratet seid. Dann kommt ihr beide und ich ins Gerede.»
«Im April heiraten wir, mein Studienfreund aus Würzburg Joseph Breitinger, ist nebenan in der Kirche Kaplan und er wird uns trauen», erklärte Martinus seiner Angebeteten.
«Aber der ist doch katholisch!»
«Wieso, du nicht?»
«Nein, meine Mutter war eine Anhängerin der lutherischen Lehre und hat mich protestantisch taufen lassen.»
«Das ist doof, ich arbeite an einem katholischen Gericht und man erlaubt mir nur katholisch zu heiraten. Du mußt konvertieren.» Martinus nahm Eva Maria in den Arm. «So groß ist der Unterschied nicht, ihr Evangelischen glaubt doch an denselben Gott. Egal das bekommen wir hin.»
Am 17. April 1599 wurde Eva Maria erneut getauft, jetzt katholisch. Der Kaplan meinte, wer fragt denn in diesen unruhigen Zeiten schon, wer wann und wie die Taufe empfangen hat. Danach führte Martinus seine junge Auserkorene zum Altar und in ihre kleine Wohnung.
Seit er zu Hause ausgezogen war, wollte sein Vater nichts mehr von ihm wissen, seine Braut war die falsche Wahl, unter seinem Stand und außerdem nicht echt katholisch. Er hatte die Tochter eines Amtskollegen für den Sohn herausgesucht.
Heimlich ließ seine Mutter ihnen ein Präsent mit den besten Wünschen überbringen. Zwei prächtige goldgefasste Smaragdohrringe, die sie zur Hochzeit von Martinus Großmutter mit den Worten geschenkt bekommen hatte, diese an die nächste Braut weiterzureichen.
Leider stand ihre Ehe unter keinem guten Stern, vier Monate später hatte die junge Frau ihre erste Fehlgeburt. Kränkelte, wurde schwermütig. Die Freiin übernahm die Mutterstelle, kümmerte sich rührend um Eva Maria.
«Liebe Frau von Hertel, danke, ihr müsst das nicht tun. Ich werde versuchen, jemanden einzustellen.» Es war nicht das erste Mal, dass Martinus seine Vermieterin bei der Pflege seine Frau vorfand.
«Herr Pastorius, ich betreue sie gerne, das gib mir in meinem Alter noch eine Beschäftigung. Bitte lassen sie mich, wenn es mir zu viel wird, sage ich es. Spart euer Geld.»
«Na meinetwegen, aber eine Zugehfrau und Köchin stelle ich trotzdem ein!»
Erfreut über ihre neue Aufgabe schritt die kleine sechzigjährige, vollschlanke Frau mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Bevor sie ihn an ihrem gewaltigen Busen drückte, streckte der junge Assessor ihr die Hand entgegen: «Danke liebe Freiin.»
«Nicht doch Herr Doktor, ich habe euch schon öfters gesagt, nennt mich bitte Amalie oder Mutter Amalie, wie mich eure Frau nennt.»
«Dann bin ich aber der Martinus!»
Immer wieder war der Assessor längere Zeit im Auftrag des Gerichts unterwegs, wenn möglich, nahm er seine Ehefrau mit auf diese wochenlangen Reisen.
Nach zwei weiteren Fehlgeburten kam Eva Maria am 18. August 1602 erneut nieder und gebar einen Sohn.
«Wie soll er heißen?», fragte die Hebamme.
«Fridericus Hans, nach meinem und Eva´s Vater!» Freudig nahm Martinus seinen Erstgeborenen in die Arme.
Erschöpft sank die junge Mutter in die Kissen.
«Holt den Doktor, eurer Frau geht es übel, sie hat zu viel Blut verloren», flüsterte die Hebamme dem glücklichen Vater zu.
Leider hielt das Glück nicht lange, in den späten Abendstunden starb Eva Maria, die Blutungen konnte der herbeigerufene Doktor nicht stillen.
Auch dem Kind halfen alle Bemühungen des Arztes nichts, kurz vor Mitternacht hörte der Knabe auf zu atmen.
Der Freund von Martinus, Kaplan Joseph, spendete die Nottaufe und die Sterbesakramente.
Zusammen mit seiner Hauswirtin und zwei Freunden standen sie um das offene Grab, hörten den tröstenden Worten des Vikars zu. In einer schwarz gekleideten Frau mit Kopftuch und Schleier am Rande des Friedhofes erkannte er seine Mutter, die so schnell verschwand, dass er sie am Ende vergeblich suchte. Sein Vater hatte ihn seit der falschen Heirat nicht mehr eingeladen noch gesprochen – Martinus war für ihn gestorben. Heimlich hatte er ab und zu einmal seine Mutter getroffen.
Der junge Witwer stürzte sich in die Arbeit, scheute nicht vor unangenehmen Aufträgen zurück, die ihn weit in die Fremde ziehen sollten. Er hatte bereits Anerkennung und beruflichen Aufstieg erfahren, war ein angesehener Jurist.
Maximilian I. von Bayern hatte am 10. Juli 1609 die katholische Liga gegründet, und nun war Martinus für den Kurfürsten Johann Schweikhard von Kronberg – Fürstbischof von Mainz – oft in Sachen der katholischen Allianz unterwegs.
In Regensburg, am 23. Mai 1618, ereilte ihn die Kunde vom Fenstersturz in Prag. Aufständische Böhmen hatten die königlichen Statthalter Graf von Martinitz von Chlum sowie dem Kanzleisekretär Philipp Fabricius aus den Fenstern in den Burggraben gestoßen.[Fußnote 2]
Martinus saß mit dem Benediktinerbruder Christopherus, dem Prior des Reichsklosters St. Emmeran zu Regensburg, gemütlich bei einem dunklen Fastenbier in der Knei-Schenke am Arnolfsplatz.
«Prost, ich verstehe, dass du ins Kloster eingetreten bist. In diesen wildbewegten Zeiten weiß man manchmal überhaupt nicht, wo man hingehört.» Martinus stieß mit seinem Studienkollegen aus Tübingen an. «Ich habe mir das auch schon ein paarmal überlegt. Seit dem Tod meiner Frau bin ich allein. Die Arbeit ist mir das Wichtigste. Gerade bei uns in Erfurt, wo alle den Lehren dieses Martin Luther hinterherrennen, würde dies Ruhe in mein unstetes Leben bringen.»
«Aber was willst du, bist ein angesehener Advokat des Bischofs, dienst damit der heiligen katholischen Kirche. Sei zufrieden. Du bist nicht für das Klosterleben geschaffen. Such dir eine nette Frau und zeuge viele Kinder», schmunzelte der Klosterbruder.
«Krieg, es gibt Krieg, sie haben die Gesandten des Kaisers aus dem Fenster geworfen.» Ein älterer Ratsherr verkündete die neueste Meldung lauthals beim Eintreten in der Schenke.
«Immer mit der Ruhe Meister Eder, so schnell funktioniert das nicht.», beruhigte der Prior den Handwerker.
«Ihr habt gut reden, verschanzt euch hinter euren Klostermauern, aber wir werden es ausbaden und bezahlen», brummte ihn der aufgeregte Bürger an.
«Martinus, komm lass uns aufbrechen, ich vertrage diese Schwarzseher nicht», Christopherus erhob sich und warf ein paar Kreuzer fürs Bier auf den Tisch.
Leider behielt der Regensburger Herr recht, in allen Landen wurden die Kriegstrommeln gerührt. Der katholische deutsche Kaiser aus dem Hause Habsburg ließ sich dies von den böhmischen Protestanten nicht gefallen.[Fußnote 3]
Allerdings waren sich die vielen Fürsten nicht einig. Der erzkatholische Herzog von Bayern folgte dem Ruf des Kaisers und rüstete sofort auf, er hatte Angst, die Böhmischen könnten seine Untertanen ermuntern sich von der katholischen Kirche abzuwenden.
Die abtrünnigen Freien Reichstädte, allen voran das reiche Nürnberg, waren ihm ein Dorn im Auge.
Wieder zurück in Erfurt erhielt Martinus seine Beförderung am Offizialat, wie das Ehegericht offiziell heißt.
Er wurde zu einem der höheren Juristen befördert. Die vielen anstrengenden Reisen, in die verschiedensten Länder entfielen.
«Glückwunsch Herr Pastorius zum Schöffen.»
«Vielen Dank Eure Exzellenz», Martinus küsste den Ring des Bischofs, nachdem ihm dieser die Beförderungsurkunde überreicht hatte.
Der junge Richter wohnte immer noch bei Freiin von Hertel zur Miete. Heute war ein lauer Sommerabend, die Menschen saßen vor ihren Türen und genossen ihren Feierabend. Er war auf den Weg zu seinem Stammlokal, dem alteingesessenen Gasthaus Zur weißen Lilie, einem Haus mit Tradition, eigenem Bier und vorzüglichen Essen. Hier nahm er gewöhnlich seit dem Tod von Eva Maria, seine Mittags-und Abendmahlzeiten ein.
Der Wirt Hans Zimmermann, wurde im Laufe der Jahre neben Kaplan Joseph und dem Stadtschreiber Zacharias Hogel, zu einem der wenigen Freunde, die er hatte. Der dreizehn Jahre ältere Hogel war wie er in Erfurt geboren. Sie redeten oft lange über die politische Lage. Gerne besprachen sie ebenso kritische Stellen in der lateinischen und deutschen Bibel. Diskutierten das Für und Wider der katholischen bzw. evangelischen Lehre mit dem vierten im Bunde, Arthur Seuferlein, dem Magister an der Schule der Augustinergemeinde war. Sie redeten oft bis spät in die Nacht darüber, welcher Glaube der Richtige sei. Kamen meist zu dem Ergebnis, dass beides stimmte.
«Wenn sich der Krieg ausweitet, werden wir hier in Erfurt auf der protestantischen Seite stehen», meinte Hans nachdenklich, quetschte sich mit seiner eines Koches würdigen Wampe in die Eckbank zu seinen Stammgästen. «Dann wird es für euch Katholiken ungemütlich.»
Martinus schnupperte, Hans roch penetrant nach Fisch und Fett, wie immer hatte er seine schmutzige Küchenschürze nicht abgelegt.
«Heute hat es, wie jeden Freitag, frischen Barsch gegeben», erwiderte er den Blick vom Schöffen, ehe dieser etwas sagen konnte.
Joseph ignorierte beide und antwortete auf den Einwurf des Wirtes: «Das glaube ich nicht, hier leben doch alle friedlich miteinander, selbst die Juden werden hier toleriert.»
Kaplan Joseph war wie immer ein Optimist.
«Nein, Hans hat recht, dann wird es für euch unangenehm», stimmte Zacharias dem Wirt zu.
«Ja, aber die Juden sind auch nur geduldet, weil sie dem Fürsten und dem Rat reiche Steuereinnahmen bringen, ansonsten schert sich niemand um sie», echovierte sich Martinus und kniff sein linkes zuckendes Auge zusammen.
«Reg dich nicht auf, du warst ja auch noch nie im Judenviertel - oder?» Der Gastwirt stand auf und bediente neue Gäste.
Die vier Studierten vergaßen darüber die Zeit, bis sie der Wirt zum Aufbruch nötigte: «Meine Herren, ich bin müde, redet draußen weiter und kommt morgen wieder.»
«Martinus, er hat recht, was unternehmen wir, wenn die Rebellen kommen?», fragend sah ihn der Freund auf der Gasse an und verabschiedete sich. «Überleg dir das mal, Servus, bis Morgen!»
Gedankenversunken trottete Martinus heimwärts, von Neugier erfüllt lenkte er seine Schritte zum Judenviertel. Hier schaut es aus, wie überall in den ärmeren Vierteln der Stadt stellte er fest. Zwei Gassen weiter blieb er vor dem Eingang der Synagoge stehen, lauschte dem fremden Gesang. Beeindruckt von dem imposanten Steingebäude trat er etwas näher, starrte auf die opulente Deckenbemalung, die er durch die geöffnete Tür erhaschte.
«Kommt herein Herr, seid unser Gast», sprach ihn ein älterer Mann an.
«Nein danke, ich bin kein Jude.»
«Macht doch nichts, ihr seid herzlich eingeladen.»
«Ein anders Mal eventuell, heute muss ich nach Hause.» Eilig schritt er weiter, fühlte sich bei seiner Notlüge ertappt.
An der nächsten Straßenecke stand ein jüdisches Mädchen, die rote Rosen verkaufte.
«Ich nehme eure Blumen.»
«Wie viele?»
«Alle!» Er reichte ihr einen Groschen.
«Das ist zu viel, ich kann darauf nicht herausgeben.»
«Nein, behaltet den Rest, heute ist ein schöner Tag, ich freue mich, wenn ich euch eine Freude bereiten darf.»
«Danke Herr!»
Mit seinem riesigen heftig nach Erdbeeren duftenden Rosenstrauß klopfte er bei seiner Vermieterin.
«Mutter Amalie, mit diesen Rosen bedanke ich mich für eure Fürsorge.» Hocherhoben hielt er den Strauß mit beiden Händen zur sich öffnenden Tür.
Eine rauchige Stimme antwortete sanft: «Entschuldigung, ihr verwechselt mich.»
Er senkte die Blumen, nahm eine junge rotblonde Schönheit war, die ihn anlächelte und ließ vor Schreck die Rosen fallen.
«Oh!»
«Brigitta, bitte stelle die Blumen in eine Vase.» Die hinzutretende Freiin zog ihn am Arm herein. «Martinus, danke komm.»
«Aber ...», er wollte helfen.
«Geht schon, ich mache das alleine.»
Immer wieder schielte der Mann zu der jungen Frau, er merkte, dass er nervös wurde, sein Auge fing das Zucken an. So was Blödes, er versuchte, sich zu beruhigen.
«Das ist Martinus Pastorius, der Untermieter von dem ich dir erzählt habe und dies ist meine Cousine Freiin Brigitta Adelheid von Flinsberg.»
Der Assessor vollzog einen eleganten Bückling und hauchte ihr einen Kuss auf die dargebotene behandschuhte Hand: «Angenehm.»
«Nicht so förmlich, sagt doch Brigitta und Martinus zueinander.»
Kategorisch nahm sie das Steife aus der Situation.
Die jungen Leute schauten sich an, aber ein Gespräch kam trotz der Bemühungen von Amalie, nicht in Gang, die beiden waren zu nervös.
Am nächsten Tag, ein strahlend blauer Sonntag, stieg er die Treppe hinunter, wie üblich auf dem Weg ins Gasthaus. «Guten Morgen Martinus, ich habe einen Hasenbraten in der Backröhre, zu groß für uns beide Frauenzimmer. Hast du nicht Lust, heute Mittag mit uns zu essen?», begrüßte ihn seine Vermieterin.
Er zögerte, hatte sie mich abgepasst? Bratenduft kitzelte verführerisch in seiner Nase. «Ja gerne, wenn es keine Umstände macht.»
«Ach, papperlapapp, komm herein.»
Die Hausfrau nahm ihm Hut und Mantel ab: «Geh bitte ins Wohnzimmer, ich sage nur der Köchin Bescheid, dass wir noch einen Gast haben.»
Er betrat den Salon: «Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich dir Brigitta.»
Sie schreckte aus dem Sessel hoch, ein Büchlein fiel ihr vom Schoß, Martinus eilte hinzu, langte nach den Bändchen just im gleichen Moment wie sie und beide stießen mit dem Kopf zusammen.
«Entschuldigung», riefen sie gleichzeitig und lachten laut.
Brigitta blickte in die strahlend graublauen Augen von Martinus, merkte, wie er nervös wurde.
«Komm und nimm Platz», dirigierte sie ihn und wies auf den zweiten Sessel.
Alle Versuche der Frau von Hertel, die beiden zu verkuppeln, waren stets fehlgeschlagen, sie gab jedoch nicht auf.
Sie lud Martinus so oft wie möglich ein, aber er bemerkte die heißen Blicke von Brigitta nicht, war ein höflicher und schweigsamer Gast.
Heute war es anders, das luftige Sommerkleid offenbarte mehr, als es verbarg. Nervös rutsche er auf seinem Stuhl umher, verschlang, ohne ein Wort an die Jungfer zu richten, das Mittagessen, beantwortete brav alle Fragen seiner Vermieterin.
Die schaute von Brigitta zu Martinus: »Ja, was ist? Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht. Ihr seid beide nicht mehr die Jüngsten und alleine. Gebt euch einen Ruck und schließt den Bund fürs Leben, etwas Besseres bekommt ihr nicht!«
«Aber Tante was ...»
«Ach, ist doch wahr, auf was wartet ihr? Auf den Heiligen Geist, der euch die Erleuchtung bringt?»
Brigitta strahlte Martinus aufmunternd an.
Der rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
«Jetzt sag doch mal was!», zischte die Jungfer zu ihm.
«Was soll ich sagen», stotterte er.
«Ja was! Ihr Männer seid immer so unbeholfen.», fauchte die Freiin ihm an.
Martinus stand auf, kniete vor Brigitte nieder und fragte: «Liebste Brigitta, willst du mich heiraten?»
«Ja!», flüsterte sie stotternd, nun doch überrascht von der spontanen Frage.
«Na endlich, euch muss man ja förmlich zu euerem Glück zwingen», erleichtert atmete Freiin von Hertel auf.
Gemeinsam reisten sie Weihnachten zu den Eltern von Brigitta. Offiziell bat Martinus bei dem Baron und der Baronin von Flinsberg um die Hand ihrer Tochter.
Die beiden nahmen das Ansinnen des jungen Advokaten an, betonten aber, dass sie unter ihren Stand heirate.
«Ihr werdet verstehen, dass die Mitgift deshalb nicht so großzügig ausfällt. Brigitta hat so viele Bewerber ausgeschlagen und kann froh sein, dass sie in ihrem Alter noch einen Mann abbekommt, wenngleich nur einen bürgerlichen.»
Martinus nickte nur, verstand nicht die Beweggründe des Barons, es war ihm aber gleich, er hatte ein passabeles Auskommen und war nicht auf die milden Gaben derer von Flinsberg angewiesen. Selbst die Fürsprache von Amalie, bei ihrer Schwester, Brigittas Mutter, half nichts.
Anfang März 1612 traten sie in Erfurt vor dem Traualtar. Für beide war es nicht die Liebe auf den ersten Blick, aber es sollte die eine werden, die bis an ihrer Lebensende hält.
Schnell holte sie der Alltag ein, bereits ein gutes halbes Jahr später wurde ihr Sohn Johann Augustin geboren. Nach drei Fehlgeburten kamen dann fünf weitere Kinder, ehe der jüngste Melchior Adam am 22. November 1624 das Licht der Welt erblickte.
Als Bediensteter einer katholischen Behörde nahm Martinus die zunehmende öffentliche Ablehnung wahr. Erfurt war, eine fast reine protestantische Stadt.
Die Streitigkeiten zwischen dem Kurbischof von Mainz und dem Thüringer Landesherren führte nicht zum besseren Miteinander in der Stadt. Auch die seit dem Jahrhundertwechsel ausartenden Hexenverfolgungen[Fußnote 4] und mit immer grausamerer Hand durchgeführten Prozesse schmälerten das Ansehen der katholischen Kirche. Die Menschen wandten sich ab, folgten Luthers Lehre. Klöster und kirchliche Einrichtungen wurden überfallen und geplündert.
Wie viele seiner Kollegen verzichtete der Dr. Dr. Martinus Pastorius außerhalb des Gerichtes auf seine Amtstracht, um unnötigen Pöbeleien zu entgehen.
«Lass dich nach Mainz oder Köln versetzten, das sind katholische Städte!», bat ihn seine Frau, wie jedes Mal, wenn sie sich wieder einmal von einem Kollegen ihres Mannes verabschiedet hatten.
«Ich habe hier meine Aufgabe!», erwiderte Martinus, «Wer macht das sonst? Denk an die armen Frauen, wenn wir nicht einer Scheidung zustimmen, werden viele von ihren eigenen Ehemännern der Hexerei beschuldigt und enden auf dem Scheiterhaufen. Ich arbeite da ja Gott sei Dank nicht mit, so wie einige meiner Kollegen, die die Protokolle bei den peinlichen Befragungen führen. Anfangs erzählten sie davon, geilten sich an den nackten Weibern auf, machten ihre Witze, aber mittlerweile wurde es zu grausam. Keiner redet mehr darüber. Ich verstehe unseren Bischof nicht, dass er dies zulässt.»
«Siehst du, es ist nur eine Frage der Zeit, bis du auch an diesen Prozessen teilnimmst. Du kannst nicht die Welt retten, wohl aber deine Familie! Alle verlassen, wenn es geht die Stadt. Der Krieg rückt unaufhaltsam näher. Wir sollten uns auch absetzten.»
Martinus schüttelte mit dem Kopf.
«Du mit deiner Angst, die Truppen des Erzbischofs und des Kaisers sind von Westen auf dem Vormarsch und der Bayer kommt vom Süden.» Er war wie immer optimistisch.
Eines Abends auf dem Heimweg vom Gasthaus kam ihm eine johlende Menschenmenge entgegen. Sie trieben zwei Juden, erkennbar am gelben spitzen Strohhut und eine fast nackte gefesselte Frau vor sich her und schrien: « Judenhure! Hexe! Auf den Scheiterhaufen mit euch ...»
Er drängte sich in eine Türnische, begriff nicht, was hier passierte. Entsetzt starrte er ins Getümmel, entdeckte seinen Freund, den Kaplan Breitinger.
«Joseph!, Joseph», rief er ihn.
«Martinus, was willst du hier?»
«Ich bin auf dem Heimweg. Aber du, was hast du mit der schreienden Menge gemein?»
«Ich führe nur die Anweisungen meines Bischofs aus!»
«Aber ...»
«Hexen und Teufelsanbeter, kein aber, die haben es nicht besser verdient!»
Martinus wollte etwas erwidern, da sog der Mob seinen Freund mit sich fort.
«Das ist doch Willkür, Unrecht», flüsterte er hinterher und drückte sich an den Hauswänden entlang heimwärts.
Nach und nach begriff er dieses perfide System, verstand den Zorn der Protestanten auf alles Katholische.
«Frau, ich haben eine Anweisung vom Bischofsamt bekommen und soll mich mit meiner Familie am 2. Juli Anno 1625 im Kurbischofsamt in Mainz melden», teilte er Brigitta ein paar Wochen später mit.
«Na, endlich wirst du versetzt, hier wird es zu gefährlich für uns.» Erleichtert atmete die junge Frau auf.
«Nein, dies ist keine Versetzung, ich bin zum Rapport nach Mainz bestellt und großzügigerweise gestattet man mir, dass ich meine Familie mitnehme.»
«Warum hast du nicht gesagt, dass wir aus Erfurt wegwollen?»
«Weib, das verstehst du nicht – sei froh, wir kommen hier weg. Die Reise dauert zwei bis drei Monate und bis dahin wird sich die Lage wieder beruhigt haben. Wir fahren über Würzburg, da bleiben wir einige Tage. Ich habe Amtliches auf dem dortigen Gericht zu erledigen. Und dann weiter nach Mainz.»
«Was mach ich in der Zwischenzeit mit den Kindern dort?
Ein Gasthaus ist wohl nicht der richtige Ort für sie.»
«Ist bereits geregelt. Ich habe Ferdinandus von Engelstein, einen alten Freund aus früheren Tagen, schon geschrieben, wir wohnen bei ihm und seiner Gattin Dorothea.»
«Die kenne ich nicht, wer ist das?» Wie immer war seine Frau skeptisch gegenüber allem Fremden. Was oder wen sie nicht kannte, jagte ihr stets Angst ein.
«Der Ferdi ist ein Studienkollege, wir waren zusammen in Rom und Florenz, bei einem früheren Aufenthalt in Würzburg habe ich seine Frau kennengelernt. Sie besitzen ein großes Haus, nahe der Steinbrücke über den Main. Mach dir keine Sorgen und nimm dies als eine Erholungspause und Abenteuer.»
Mitte April 1625 rüsteten sie sich für die lange Reise. Mit zwei Kindern nicht einfach. Augustin war mit seinen 14 Jahren schon selbstständig und sollte dem Vater auf der Fahrt helfen. Da Brigitta ihren Jüngsten selbst stillte, musste der mit auf die Reise gehen. Für den acht Monate alten Melchior Adam wurde eine leichte Kindertrage angefertigt.
Die anderen Kinder blieben trotz heftiger Proteste bei der Freiin.
Am frühen Morgen des 13. Mai brachen sie auf. Mit dem Mietfuhrwerk quer durch Thüringen bis zum Main, von dort planten sie per Schiff weiter zu reisen.
Nach zwei Wochen erreichten, sie einige Tage früher als geplant am späten Abend die fränkische Stadt Haßfurt am Main.
Ein Handelsschiff lag abfahrtsbereit am Steg. Man wurde sich schnell über den Fahrpreis einig und lud das Gepäck um. Martinus entlohnte seinen Kutscher.
Eine geruhsame Fahrt, angetrieben von der Strömung und zwei Segeln, auf dem schaukelten Lastkahn, nahm seinen Anfang.
Der Main schlängelte sich um jeden Hügel.
«Schau Augustin, da kommt uns ein von Pferden gezogenes Schiff entgegen.»
«Warum ziehen die das?», wandt sich der Bub an den Schiffsführer, der neben ihm stand.
«Leider schippern die nicht so wie wir, mit der Strömung und du siehst ja, mit dem Wind ist es auch nicht weit her, es herrscht oft Flaute. Je nach Ladung ziehen Gespanne von vier bis sechs Pferden an einem langen Seil die Kähne stromaufwärts. Treideln nennt man das.»
Eintönig zogen sich die grünen Wiesen und Hügel am Main entlang, unterbrochen von kleinen schmucken Ortschaften.
«Wann sind wir endlich da?», quengelte der Junge.
«Heute Nacht legen wir in Ochsenfurt an und übernachten im Gasthaus Zum Anker. In zwei Tagen gehts früh weiter und dann erreichen wir abends Würzburg.» Martinus streichelte seinen Buben über das Haar.
Ein lautes Klopfen in aller Herrgottsfrühe an der Kammertür des Gasthauses weckte den Schöffen.
«Wer ist da, was gibt es?» Martinus schreckte hoch.
«Herr Dr. Pastorius, der Schiffer Melk schickt mich, ich soll euch ausrichten, dass er in einer Stunde loslegen muss.»
«Wieso? War doch erst für morgen geplant?»
«Weiß ich nicht.» Und schon hörte er den jungen Burschen, die steile Treppe hinunterspringen.
«Pst, ruhig Martinus du weckst die Kinder. Was ist los?»
«Keine Ahnung, ich schaue einmal nach. Bin gleich wieder da.» Geschwind zog er seine Amtstracht über und stürmte zum Hafen.
Kurze Zeit später kam er zurück: «Unheilvolle Nachrichten, ein rebellierender Bauernhaufen aus Kitzingen sei mit Booten auf dem Weg nach Würzburg. Schiffer Melk will dem marodierenden Mob zuvorkommen und so schnell wie möglich weiter. Er legt in einer Stunde ab.»
Brigitta raffte ihre Sachen zusammen, setzte ihrem Ältesten die Trage mit seinem Bruder auf den Rücken und hetzte ihre Dienerin zum Bäcker. Gefolgt von den Bediensteten des Gasthauses mit ihren Truhen hastete die ganze Bagage zum Hafen.
