Paul und ich - Winfried Glatzeder - E-Book
SONDERANGEBOT

Paul und ich E-Book

Winfried Glatzeder

4,6
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Im Kultfilm "Die Legende Paul und Paula" schrieb er zusammen mit Angelica Domröse Filmgeschichte - jetzt erzählt Winfried Glatzeder sein Leben.

Seit "Paul und Paula" gehörte Winfried Glatzeder zu den beliebtesten Schauspielstars der DDR - mit seinem markanten Gesicht avancierte er zum "Belmondo des Ostens". Nun erzählt er amüsant und authentisch sein Leben auf Leinwand und Bühne zwischen Berlin, Hamburg, Düsseldorf. Mit bissigem Witz und ironischem Charme berichtet Glatzeder von seiner Nachkriegskindheit im Ostsektor Berlins und den Anfängen seiner Schauspielkarriere, als er u. a. mit Armin Mueller-Stahl 1966 "Ein Lord am Alexanderplatz" dreht. Nach "Zeit der Störche" und "Der Mann, der nach der Oma kam" gelingt Glatzeder 1973 an der Seite von Angelica Domröse im DEFAKultfilm "Die Legende von Paul und Paula" der Durchbruch. Doch seine Arbeit gerät immer wieder in das Blickfeld der Stasi. 1982 zieht Glatzeder mit seiner Familie nach West-Berlin. Es folgen Krisen, die sich in Alkoholproblemen und kreativer Erschöpfung niederschlagen. So erzählt diese Autobiographie 35 Jahre nach "Paul und Paula" auch von künstlerischer Identitätsfindung und den Schwierigkeiten eines Schauspielerlebens zwischen Ost und West. Bis heute ist Glatzeder auf Bühne und Leinwand präsent.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
4,6 (18 Bewertungen)
14
0
4
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Winfried Glatzeder

mit Manuela Runge

Paul und ich

Autobiographie

Impressum

ISBN 978-3-8412-0786-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2008 bei Aufbau, einer Marke der

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Gundula Hißmann

unter Verwendung eines Motivs von defd.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für Marion, der nach vierzig Jahren noch immer nicht der Geduldsfaden gerissen ist, und für meine Söhne Michael, Robert und Philip.

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

I

Vorspiel im Hinterland

Privilegiert unter roten Fahnen

Es waren zwei Mütter

Kopf im Gasherd – das Schreckensjahr

Holzbein, Päderast und Glasauge – meine potentiellen Väter

Der Kater auf dem heißen Blechdach

Was die Ossis im Westen wollten und die Wessis im Osten

VEB Kühlautomat oder Wie mich die Arbeiterklasse auf die Bühne triebc

II

Flucht ins Abenteuer

Retter in höchster Not

Rosskur Provinz

Über den Mut zur Feigheit

Man nennt mich Belmondo

Die Frau meines Lebens

Freud und Leid eines Hauptdarstellers – »Zeit der Störche«

»Der Mann, der nach der Oma kam«

Vom »Unruhestifter« zum »Liebling« – oder wie die Stasi mein Regisseur zu werden versuchte

III

Steil nach oben – als Flieger Yang Sun an der Volksbühne

Die Legende von Paul und Paula

Der Traum vom Glück

Till, der Anarchist

»Wie es euch gefällt«

Anfang vom Ende

Versuch, ein Experimentiertheater zu gründen

Am seidenen Faden

Es war einmal an der Volksbühne

Neue Heimat DEFA

Die Legende vom Glück hat ein Ende

»Einverstanden! E. H.«

IV

Ost-West-Gefälle

Vom Regen in die Jauche

Einladung nach Hollywood

Ein ungleiches Team

Traumrollen am Düsseldorfer Schauspielhaus

Heimkehr des verlorenen Sohnes

Versuchskaninchen Kommissar Roiter

V

Subversiv mit Knoblauch

»Pension Schöller« – eine wahre Tragödie

Kleine Eheverbrechen

Ein selbstmörderisches Abenteuer

Das Gespensterschiff

Einladung zu meiner vorgezogenen Beerdigung

Anhang

Bühnenverzeichnis

Filmographie

TV (Auswahl)

Bildteil

Bildnachweis

Dank

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

I

Vorspiel im Hinterland

Ich wurde auf einem kurzen Fronturlaub gezeugt, zwischen zwei Schlachten in einer heißen Julinacht 1944 irgendwo zwischen Danzig und Lemberg. Auf dem knarrenden Eisenbett einer schmuddeligen Pension voller erschöpfter Soldaten und deren hübsch gemachter Frauen sollte hier mit höchstwehrmachtlicher Erlaubnis der Nachwuchs für das siegreiche »Dritte Reich« produziert werden. Wo Ellen, so hieß meine Mutter, diesen kuriosen Bayern namens Franz, den ich nie zu Gesicht bekam, kennengelernt hatte, verschwieg sie mir ein Leben lang. Von meiner Großmutter, die ebenfalls Ellen hieß, erfuhr ich, Franz hätte ein paar Semester Medizin studiert, danach jahrelang einen Grafen um die Welt begleitet, bevor er als Handelsvertreter für Miederwaren kreuz und quer durch Deutschland reiste und sie den aus dem Leim gegangenen Müttern des »Dritten Reiches« auf Märkten und vor Apotheken aufschwatzte. Irgendwann muss er auch in das mondäne Ostseebad Zoppot bei Danzig gekommen sein, wo der Einundvierzigjährige auf meine Mutter Ellen traf.

Ellen, damals zwanzig Jahre alt, war die Tochter des stadtbekannten Bauunternehmers Gustav Adolf Werner und machte eine Lehre als Handweberin. Sie hatte es nicht leicht, da sie wegen ihrer jüdischen Herkunft vorzeitig das Gymnasium verlassen musste und in dem abgedunkelten Hinterraum einer Ladenwohnung ihre im Sterben liegende jüdische Großmutter pflegte, die sich hier vor dem ständig drohenden Abtransport ins KZ versteckt hielt. Und zu Hause hatte sie ihre liebe Not mit einer temperamentvollen Mutter, die viel redete und noch mehr schimpfte, denn die Nazis hatten die Freie und Hansestadt Danzig mittlerweile fest im Griff und damit ihr Leben zerstört – ein Leben voller Abenteuer, in dem sie als Frau eines der Honoratioren der Stadt festliche Empfänge und Hausmusikabende gab und auch einen Hausfreund halten durfte (ihr Mann, mein Großvater Gustav Adolf, hatte schließlich auch immer eine Geliebte). Nun verstaubte die Geige auf dem Schrank, und ihr Hausfreund wagte sich nicht mehr zu ihr, denn die Nazis hielten nicht viel von außerehelichen Eskapaden. Den Frust darüber bekamen meine Mutter Ellen und ihre zwei Brüder ab.

Ich stellte mir oft vor, wie die einen Meter achtzig große Ellen eines Tages vor der Apotheke den charmanten Trikotagenvertreter Franz mit den auffallend abstehenden Ohren erblickt, der sich die Seele aus dem Leibe redet, um so viel wie möglich von seinen fleischfarbenen Waren loszuwerden; der, wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem Zylinder, aus dem Musterkoffer die Korsetts, Bandagen und Stützbänder hervorzieht und wieder verschwinden lässt. Wie er kurz innehält, weil sein Blick auf meine Mutter fällt, die eigentlich Medikamente für ihre Großmutter besorgen soll, wie er seine Vorführung schnell zu Ende bringt und sie sofort auf ein Eis einlädt.

Mein späterer Vater hatte Erfahrung im Umgang mit jungen Mädchen. Als er erfuhr, dass meine Mutter zudem eine gute Partie war, fackelte er nicht lange und hielt um ihre Hand an. Vermutlich ahnte er, dass seine Gene in den bevorstehenden Schlachten verlorengehen könnten, denn kurz darauf wurde sein »unabkömmlich« annulliert, und er musste an die Ostfront. In der Familie lobte man seine Geschäftstüchtigkeit, denn bei seinen wenigen Heimaturlauben brachte er mal eine lebendige fette Weihnachtsgans, ein andermal einen kostbaren russischen Pelzmantel mit.

Trotz des erbitterten Widerstandes ihrer Eltern wollte Ellen ihre erste und einzige Liebe unbedingt heiraten und setzte sich, starrköpfig wie sie war und ihr Leben lang bleiben sollte, auch durch. Im Kriegsjahr 1942 fand die Hochzeit statt. Die Mutter meines Vaters, die als Kellnerin in einem Münchner Biergarten arbeitete und deren zwei uneheliche Söhne verschiedene Väter hatten, wurde zur Hochzeit nicht eingeladen – die immer näher rückende Front und der weite Weg von Bayern nach Westpreußen waren eine gute Ausrede.

Die Nacht meiner Zeugung war zugleich die letzte Begegnung meiner Eltern. Kurz nach dem Treffen wurde mein Vater von den Russen gefangen genommen und in einem langen Marsch gen Osten von einem Lager ins andere deportiert. Dabei gelang ihm zwar die Flucht, doch er kam unglücklicherweise nur bis zur polnischen Grenze. Dort schnappten ihn die Russen erneut und steckten ihn zur Strafe in einen Keller, wo er 1944 jämmerlich erfror. Das Weihnachtsgeschenk des Roten Kreuzes an meine Mutter, deren Bauch sich bereits mächtig wölbte, als sie die Todesnachricht erhielt, war eine halbe Blechmarke – das Einzige, was von meinem Vater blieb. Keinem anderen Mann (außer mir) gelang es später auch nur annähernd, einen Platz in ihrem Herzen zu erobern, der dem meines Vaters vergleichbar gewesen wäre. Und so blieb ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe bis zu ihrem Tod unerfüllt. Franz war und blieb der ideale Gatte für sie. Wenn auch vielleicht nur, weil sie nie Zeit gehabt hatten, sich richtig kennenzulernen.

Als meine hochschwangere Mutter im März 1945 den Platz ihrer kurz zuvor gestorbenen Großmutter in ihrem Ladenversteck einnahm, um nicht den sexuell ausgehungerten Russen zum Opfer zu fallen, hielt sie die halbe Blechmarke meines Vaters an die Brust gedrückt und betete so viele Vaterunser wie wohl nie mehr danach in ihrem Leben. Sie blieb verschont, und am 26. April, in einer feuchtwarmen Gewitternacht in Oliva bei Zoppot, presste die rücklings auf dem Bauch meiner Mutter sitzende Hebamme ein unansehnliches Bündel auf das weiße Laken.

Von da an schrie ich – drei Monate lang. Denn kaum hatte man mich aus meiner Mutter gezogen, verlor sie den Verstand, und mir ging das Wichtigste in meinem wenige Wochen alten Leben verloren, ihre Liebe, ihre Nähe, ihre Brust. Ein Trauma, wird mir jeder Analytiker bestätigen. Vielleicht erzähle ich deshalb diese Geschichte. Denn in Wasser aufgelöstes Milchpulver aus einer Flasche mit einem grauenvoll schmeckenden Gummistöpsel war ebensowenig ein Ersatz wie das Schütteln des Leiterwagens, in dem mich meine Großeltern bald darauf in Richtung Berlin zogen. Zum Glück hatten meine Großeltern und meine schwangere Mutter im Januar 1945 nicht wie so viele andere aus Angst vor den anrückenden Russen die » Wilhelm Gustloff« bestiegen. Denn auf ihr wäre ich todsicher schon vor meiner Geburt ein Opfer des U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko geworden, der den größten »Kraftdurchfreude«-Dampfer aller Zeiten mit neuntausend Flüchtlingen an Bord kurzerhand versenkte.

Die Angst meiner Großeltern vor den Russen hielt sich in Grenzen. Mein Großvater war sich als ehemaliger Sozialdemokrat sicher, dass die Russen ihn in Ruhe lassen würden. Doch die waren bekanntlich keine Meister ideologischer Differenzierungen. Sozi hin oder her, im März 1945 wurde mein Großvater dennoch interniert und marschierte zusammen mit dreitausend anderen Männern in die hundert Kilometer südlich von Danzig gelegene Festung Graudenz. Dass er nicht in einem sibirischen Arbeitslager verschwand, verdankte er seinen polnischen Arbeitern. Sie legten bei dem russischen Kommandanten von Danzig ein gutes Wort für ihn ein. Und so kam er kurz nach meiner Geburt frei.

Lange konnte er sich nicht darüber freuen. Schon Anfang September, nachdem die Siegermächte in gemütlicher Runde im Potsdamer Schloss Cecilienhof die deutschen, polnischen und russischen Grenzen neu ausgehandelt hatten, musste er wie Millionen andere erneut seine Sachen packen. Die prächtige Sechszimmerwohnung meiner Großeltern mit all den hanseatischen Barockmöbeln und kostbaren Ölgemälden an den Wänden wurde in Gegenwart eines Notars inventarisiert und die Haustür verschlossen. Alles, was meinen Großeltern blieb, war ein Leiterwagen: hoch bepackt mit Töpfen und Daunenbetten, Windeln, Danziger »Goldwasser«, Lapizlazulischmuck sowie den für meine Großmutter unverzichtbaren Flakons des französischen Parfums »Shalimar«. Und ganz obendrauf lag ich – ein schreiendes Bündel mit dem Familiensilberbesteck in den stinkenden Windeln. Meine Mutter hatten wir im Irrenhaus zurückgelassen, wo sie, vollgestopft mit Psychopharmaka, zu allem Überfluss auch noch an Tuberkulose erkrankt war. Und da es damals noch keine geeigneten Medikamente dagegen gab, lag sie in den nächsten fünf Jahren auf Kosten der vermögenden Verwandtschaft in Decken gewickelt auf den Galerien wechselnder Lungensanatorien, überwiegend mit Schneeblick.

Zwei Wochen lang liefen oder fuhren meine Großeltern mit mir durch das zerbombte, ehemals großdeutsche Reich Richtung Westen. Zum Glück war es noch nicht Winter, was meine Überlebenschancen erhöhte. Der Schleim aus Wasser, Milchpulver und Haferflocken, den meine Großmutter am Wegesrand oder auf Bahnhöfen auf dem Spirituskocher zubereitete, hielt mich notdürftig am Leben. Unser unfreiwilliger Umzug endete an einem kühlen Septemberabend des Jahres null im französischen Sektor Berlins. In der Hermsdorfer Olafstraße, wo mein Großvater als Teilhaber einen Baubetrieb übernehmen sollte, bezogen wir die Dienstbotenwohnung einer Gründerzeitvilla. Ich hatte das erste Abenteuer meines Lebens bestanden.

Privilegiert unter roten Fahnen

Bereits im Sommer 1951 saß ich wieder in einem Leiterwagen. Ich hatte einen Unfall gehabt. Den eingegipsten Arm weit von mir gestreckt, war ich in eine Haltung gezwungen, die man wenige Jahre zuvor noch den »Deutschen Gruß« genannt hatte. »Die Deutsche Demokratische Republik grüßt die Jugend der Welt«, dröhnte eine Lautsprecherstimme über die Stalinallee. »Vorwärts und nicht vergessen«, grölte es zurück aus hunderttausend Kehlen der im Gleichschritt marschierenden Jugendlichen, die zu den Weltfestspielen nach Berlin gekommen waren. Mein Großvater Gustav Adolf Werner war vor den Gläubigern seines inzwischen in Konkurs gegangenen Bauunternehmens in den Ostsektor der Stadt geflohen und zum Bürgermeister von Berlin-Lichtenberg und Friedrichshain ernannt worden. Auf dem Dachboden unserer neuen Behausung, einer ehemaligen Fabrikantenvilla in unmittelbarer Nähe der Irrenanstalt Herzberge, die ihm bei Amtsantritt zugeteilt worden war, hatte er gleich zwanzig enthusiastische FDJler aus Leipzig auf Strohsäcken untergebracht. Die banden mir ein blaues Tuch um den Hals, überschütteten mich mit Süßigkeiten aus ihren prall gefüllten Verpflegungsbeuteln und zogen mich unter riesigen Fahnen und Hunderten von Papp-Stalins und -Piecks von einer Demonstration zur nächsten. Trotz meines Handikaps genoss ich dieses Jahrmarktstreiben.

Vierzig Jahre später wiederholte sich die Szene in Herwig Kippings Kinofilm »Das Land hinter dem Regenbogen«, einem der letzten DEFA-Filme, in dem ich einen verstockten Großbauern, der sich der Kollektivierung widersetzt, spiele. Da zieht mich mein zehnjähriger Filmsohn über den Stahnsdorfer Friedhof zu einem ewig besoffenen Arzt (Rolf Ludwig), der seine Praxis in einer mondänen Familiengruft untergebracht hat.

Dank meinem gesellschaftlich engagierten Großvater gehörte ich Anfang der fünfziger Jahre zu den Privilegierten. Das hatte zwar den Vorteil, dass wir in dieser großzügigen Fabrikantenvilla inmitten einer wunderschönen Parkanlage wohnen durften, die meine Großmutter mit Hilfe einiger Insassen der Irrenanstalt in einen landwirtschaftlichen Nutzgarten verwandelte – mit riesigen Komposthaufen, Mistbeeten und kleinen Kartoffel- und Maisfeldern. Aber wenn mein Großvater zusammen mit meiner Großmutter Vortragsreisen durch die DDR unternahm, um von den Errungenschaften des Sowjetvolkes zu berichten, von Hochhäusern an baumbestandenen Straßen, von Rinderoffenställen oder Mitschurins angeblich frostresistenten Obstsorten, kam ich ins Heim. Da half kein Schreien und kein Türenschlagen. Mein Köfferchen wurde gepackt, und ab ging es nach Friedrichsfelde, wo sich gegenüber dem heutigen Tierpark das Tor des Kinderheims mit einem unbarmherzigen Knall hinter mir schloss. Ich wurde an ein Bett geführt, das neben neunundzwanzig anderen in einer endlosen Reihe stand, und eine fettleibige Erzieherin packte meine Sachen in den danebenstehenden kahlen Blechspind. Von Stund an war ich den Schikanen lauter bösartiger Bestien ausgesetzt. Denn ich sah natürlich partout nicht ein, warum ich mit anderen Kindern Bett und Tisch und wer weiß was noch teilen sollte, wo ich doch zu Hause ein Zimmer für mich allein besaß und fast jede Nacht ins Bett pinkeln durfte, ohne dass mich irgendjemand deshalb ausschimpfte. Nun aber schrie mein Bettnachbar morgens, wenn ich fröhlich aus meinem feuchtwarmen Laken stieg, entsetzt: »Iih, der stinkt ja!!« Und sofort bildetet sich eine höhnisch kreischende Meute um mich. »Bettnässer, Bettnässer!«, skandierte sie, was mich so wütend machte, dass ich in den folgenden Nächten nur umso leidenschaftlicher ins Bett pinkelte. Ich hoffte, die Erzieherinnen damit so zu nerven, dass sie mich schleunigst wieder loswerden wollten. Doch es nutzte nichts. Wer holt schon wegen eines verstockten Bettnässers verdiente Funktionäre von ihren Agitationsreisen zurück? Wenn es um die Sache des Sozialismus ging, musste ein renitenter Fünfjähriger Geduld haben. Da hatte mein Großvater kein schlechtes Gewissen. Und meine Mutter wurde nicht gefragt, denn sie kurte nach wie vor in verschiedenen Lungensanatorien, aus denen sie gelegentlich für einige Tage nach Hause beurlaubt wurde. Dann sah ich sie, fortwährend hüstelnd, im Garten unter der Rotbuche in ihrem Liegestuhl liegen und hin und wieder wie ein Hubschrauberpilot die Arm- und Rückenlehnen an zwei metallenen Steuerknüppeln hoch- und runterschieben. Um diesen Stuhl beneidete ich sie, kam ihr aber nur ungern näher. Ich kannte sie ja eigentlich kaum.

Die erste Begegnung mit meiner Mutter war ein Schock für mich. Als ich fünf Jahre alt war, hatte mich mein Großvater eines Tages in seinen Dienstwagen gepackt und gesagt: »Wir fahren jetzt ins Sanatorium. Deine Mutter will dich endlich wiedersehen.« Ich verspürte keinerlei Sehnsucht nach einer Frau, mit der mich lediglich der Geschmack des malzigsüßlichen »Ovomaltine«-Instantpulvers verband, das sie mir ständig aus der Schweiz zur Stärkung meiner schwachen Konstitution schickte. Aber es half nichts, ich musste mit. Als ich im Gegenlicht der Nachmittagssonne ein mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilendes Schattengespenst sah, erstarrte ich vor Schreck. Dass ich diese Erscheinung, die angeblich meine Mutter war, nun zu lieben hatte, blieb mir unbegreiflich. Im Grunde ein Leben lang. Als sie fünf Jahre später, mehr oder weniger geheilt, nach Hause entlassen wurde, hatte ich zwei Mütter, die obendrein beide Ellen hießen und mich abgöttisch liebten, jede auf ihre kuriose Weise.

Es waren zwei Mütter

Vom leidenschaftlichen Bettnässer entwickelte ich mich bald zum leidenschaftlichen Hypochonder. Noch heute sage ich angekündigten Besuchern ab, wenn ich eine auch nur ansatzweise verschnupfte Stimme am Telefon höre. Menschen mit Krankheiten entzünden in meiner Phantasie sofort Horrorszenarien. Ich leide unter einem regelrechten Verfolgungswahn vor ihnen, so wie meine Großmutter und Mutter erst vor den Faschisten und der Stasi, später vor dem Bundesnachrichtendienst und Einbrechern. Bereits beim Anblick eines Kranken habe ich mein eigenes Ableben vor Augen. Eine Bronchitis wird zur Lungenentzündung, möglicherweise zur Lungentuberkulose, und bohrender Kopfschmerz nach einer durchzechten Nacht kann nur das sichere Anzeichen für einen Hirntumor sein. Dabei genieße ich Krankheiten – so paradox das klingen mag. Nichts ist mir lieber, als krank zu sein. Ich schätze es, wenn sich alle um mich sorgen und für kurze Zeit vergessen, was für ein schrecklich egozentrischer Mensch ich bin. Ich werde geliebt, gepflegt, gehegt und bin aller anstehenden Aufgaben enthoben. Das mochte ich schon als Kind. Ich habe von Natur aus einen gesunden Hang zur Faulheit.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!