Paulus unter den Philosophen -  - E-Book

Paulus unter den Philosophen E-Book

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Beschreibung

Was Paul of Tarsus a philosopher? Does he even rank amongst those philosophers who influenced occidental live and thought? The Italian philosopher Giorgio Agamben says, that the Epistle to the Romans is the fundamental messianic text of the western culture. The Jewish scholars Jacob Taubes and Daniel Boyarin insist on the philosophical and political Force of Pauline thinking. Long before that, Friedrich Nietzsche and Martin Heidegger dealt intently with the Epistle. Was Paul a Philosopher? In any case he received a lot of attention from the modern philosophers. The collection of contributions by theologians and philosophers gives profound insights into his thinking.

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Seitenzahl: 623

Veröffentlichungsjahr: 2013

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War Paulus aus Tarsus ein Philosoph? Zählt er gar zu jenen bedeutenden Philosophen, die das abendländische Leben und Denken maßgeblich mit prägten? Der italienische Philosoph Giorgio Agamben bezeichnet jedenfalls den Römerbrief des Apostels als 'grundlegenden messianischen Text der westlichen Kultur'. Nachdrücklich weisen auch jüdische Gelehrte wie Jacob Taubes und Daniel Boyarin auf die philosophisch-politische Sprengkraft paulinischen Denkens hin. Lange zuvor setzten sich bereits Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger intensiv mit den Briefen des Apostels auseinander. War Paulus ein Philosoph? In jedem Fall genießt er unter den Philosophen der Moderne und Spätmoderne eine bemerkenswert große Aufmerksamkeit. Die hier versammelten Beiträge von Philosophen und Theologen geben einen profunden Einblick in sein denkerisches Potential.

Prof. Dr. Christian Strecker lehrt Neues Testament an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau. Prof. Dr. Joachim Valentin lehrt christliche Religions- und Kulturtheorie an der Universität Frankfurt und ist Direktor des katholischen Kulturzentrums 'Haus am Dom', Frankfurt.

ReligionsKulturen

Herausgegeben von Christian Strecker Gregor Maria Hoff Andreas Nehring Wolfgang Stegemann Joachim Valentin

Band 10

Die Neuorientierung der Geisteswissenschaften als Kulturwissenschaften (cultural turn) setzt ein hohes Potenzial innovativer Forschungsorientierungen frei (cultural studies, gender studies, postcolonial theory, ritual studies u.Ä.). Kultur erscheint dabei als komplexes Konstruktions-, Erinnerungs- bzw. Aneignungsgeschehen und als Handlungsfeld im Rahmen globaler Kämpfe um Bedeutungen und Werte. Vor diesem Hintergrund ergeben sich vielfältige neue Perspektiven für die Wahrnehmung und Deutung religiöser Phänomene und Entwicklungen. Im Bereich der deutschsprachigen Theologie und Religionswissenschaft ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Auf- und Umbrüchen ein dringendes Desiderat. Die Reihe „ReligionsKulturen“ will dafür Forum sein.

Die Reihe umfasst

systematisch und methodologisch orientierte Monographien

Aufsatzbände, die die Zusammenhänge wie auch Wechselwirkungen von veränderten religiösen und kulturellen Diskursen und Wissensformen reflektieren

Übersetzungen wegweisender Werke aus dem angloamerikanischen und romanischen Sprachraum

Christian Strecker Joachim Valentin (Hrsg.)

Paulus unter den Philosophen

Mit Beiträgen von Micha Brumlik, Markus Buntfuß, Michael Großheim, Daniel Havemann, Alexander Heit, Karl Lehmann, Henning Nörenberg, Christoph Schulte, Ekkehard W. Stegemann, Wolfgang Stegemann, Christian Strecker, Martin G. Weiß, Holger Zaborowski

Verlag W. Kohlhammer

Alle Rechte vorbehalten © 2013 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Reproduktionsvorlage: Andrea Siebert, Neuendettelsau Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN: 978-3-17-022069-0

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-026431-1

epub:

978-3-17-027092-3

mobi:

978-3-17-027093-0

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Karl Kardinal Lehmann Paulus, Apostolischer Zeuge des christlichen Glaubens und mutiger Lehrer der Völker. Sein vorbildliches Wirken als exemplarischer Theologe und großer Missionar

Ekkehard W. Stegemann Paulus, die antike Philosophie und Immanuel Kant

Micha Brumlik Paulus der Jude und seine postmodernen Deuter

Daniel Havemann Der Anti-Philosoph. Nietzsches Paulusdeutung

Holger Zaborowski Mit dem Wort des Apostels Ernst machen? Martin Heideggers „Hermeneutik der Faktizität“ als Zwiegespräch mit Paulus

Michael Großheim / Henning Nörenberg Die paulinische Anthropologie aus Sicht der Leibphänomenologie von Hermann Schmitz

Christoph Schulte Woher wissen Sie das? Die Paulusdeutungen von Jacob Taubes

Wolfgang Stegemann Paulus – ein Champion jüdischer Selbstkritik? Eine kritische Auseinandersetzung mit Daniel Boyarins Paulusdeutung

Martin G. Weiß Kenosis und Caritas. Die Postmoderne als Einlösung der christlichen Botschaft. Gianni Vattimo und Paulus

Alexander Heit Unendliche Unendlichkeit als das Prinzip allen Seins. Alain Badious Paulusinterpretation vor dem Hintergrund seiner Ontologie und Ethik

Markus Buntfuß Der produktive Verrat des Außenseiters. Slavoj Žižeks radikale Pauluslektüre

Christian Strecker Schwellendenken. Zur liminalen Philosophie und Pauluslektüre Giorgio Agambens

Autoren

Einleitung

Im Februar 1987, nur wenige Wochen vor seinem Tod, hielt der bereits von seiner schweren Krankheit gezeichnete Jacob Taubes vier Paulusvorlesungen an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg. In seiner Einführung zu den Vorlesungen beklagte er mit Emphase die Abschottung der Theologie und die Marginalisierung der Bibel.

„Ich halte die Abgeschlossenheit der theologischen Fakultäten für ein Verhängnis. Meiner Ansicht nach liegt eine dringende Aufgabe bei diesen Fakultäten, einige Fenster in ihre Monaden einzubauen … Ich halte das für eine Katastrophe des deutschen Bildungssystems … Ich habe Freunde wie Henrich, die deshalb zum Schluß kommen, die Theologische Fakultät abzuschaffen an der Universität. Ich habe dem immer widerstanden, weil ich gesagt habe: ohne dieses ABC könnte ich ja keine Philosophie unterrichten. Er kann, weil er ja mit dem Selbstbewusstsein beginnt, verstehen Sie, er braucht das also alles nicht, aber ich armer Job kann auf die Geschichte nicht verzichten. Und deshalb bin ich der Ansicht, daß hier in den Institutionen Durchlässigkeiten geschaffen werden müssen. Ich halte es für eine Katastrophe, daß meine Studenten aufwachsen in purer Ignoranz der Bibel. Ich habe eine Dissertation über Benjamin bekommen, wo zwanzig Prozent der Assoziationen falsch waren. Er kommt also mit der fertigen Arbeit an, ich lese darin und sage: Hören Sie mal, Sie müssen mal in die Sonntags-Schule gehen und die Bibel lesen! Und in der Feinheit der Benjaminiten sagt er mir: In welcher Übersetzung? Sag ich: Für Sie ist jede gut genug. Das ist der Zustand in der philosophischen Fakultät, wie ich ihn erlebe.“1

Inzwischen ist eine merklich größere Durchlässigkeit unübersehbar. Die allgemeine „Wiederkehr der Religion“ in den westlichen Kulturen hat im Raum der Geistes-, Sozial- bzw. Kulturwissenschaften ein neues Interesse an religiösen, theologischen wie auch biblischen Themen und Fragestellungen entfacht.2 In diesem Umfeld ist zumal auch die Aufmerksamkeit zu verorten, die die Briefe des Apostels Paulus gegenwärtig in den intellektuellen Diskursen erfahren. Neben den genannten Paulusvorträgen von Jacob Taubes sind es v.a. die philosophischen Pauluslektüren von Alain Badiou, Giorgio Agamben und Slavoj Žižek, die für Aufsehen sorgen – bis in das Feuilleton hinein.3 Akzentuierungen des philosophischen Gehalts der Paulusbriefe und umfänglichere philosophische Auslegungen der Gedanken des Apostels sind allerdings kein Novum. Bereits Baruch de Spinoza notierte in seinem „Tractatus theologico-philosophicus“, keiner von den Aposteln habe mehr philosophiert als Paulus.4 Namentlich Friedrich Nietzsche setzte sich dann in seinem Werk intensiv mit Paulus auseinander, und Martin Heidegger widmete sich zu Beginn der 1920er Jahre in seinen Vorlesungen zur „Einleitung in die Phänomenologie der Religion“ eingehend den Briefen des Apostels an die Thessalonicher und die Galater. Die Einzeichnung des Apostels in die Philosophie geht freilich bis in die frühen Anfänge des Christentums zurück. Bereits die Apostelgeschichte lässt Paulus auf dem Areopag in der Manier eines Philosophen auftreten (Apg 17,16–34). Dazu fügt sich, dass in der exegetischen Forschung immer wieder der Versuch unternommen wurde, den Apostel und seine Gedankenwelt mit bestimmten antiken philosophischen Schulen zu korrelieren, sei es, dass man ihn und seine Theologie mit den Epikureern,5 mit den Kynikern,6 mit den Stoikern7 oder auch der sog. zweiten Sophistik8 ins Verhältnis setzte. Alle diese Versuche stießen freilich auf berechtigte Kritik. Jenseits konkreter Schulzuweisungen lassen sich die Paulusbriefe jedoch durchaus allgemein im philosophischen Diskurs der damaligen Zeit verorten, überschneiden sich doch zentrale Charakteristika des paulinischen Wirkens mit dem allgemeinen Auftreten und Agieren antiker Philosophen. Hier wie dort spielten Lehre, Ermahnung und die konzentrierte Auseinandersetzung mit Texten der Tradition eine Schlüsselrolle. So schreibt Loveday Alexander: „Teaching or preaching, moral exhortation, and the exegesis of canonical texts are activities associated in the ancient world with philosophy, not religion.“9 Aber auch die Belehrung bzw. die meditatio in Briefform, Gemeinschaftsmähler, das Ringen um die eigene Identität gegenüber der Außenwelt u.a.m. bestimmten die philosophischen Schulen und die paulinischen Gemeinden gleichermaßen.10 Wichtiger noch ist, dass das die antiken Philosophien prägende Thema der Menschenformung, der Bildung eines neuen Selbst, getragen durch Seelenführung (Psychagogik),11 auch in den Paulusbriefen begegnet. Dies gilt insofern, als die Paulinen grundsätzlich ebenfalls einer Transformation des Selbst – wie auch des sozialen Miteinanders – das Wort reden, hier freilich auf der Basis der in Christus angestoßenen umfassenden Transformation der Welt im Ganzen.

Der vorliegende Band geht vor diesem Hintergrund wichtigen philosophischen Paulusportraits der Vergangenheit und Gegenwart nach. Die ersten drei Beiträge bieten zunächst einige grundsätzliche Orientierungen und Überblicke. Es folgen neun Einzelportraits einschlägiger philosophischer Pauluslektüren, vom 19. Jh. an bis in die jüngste Gegenwart hinein.

Karl Kardinal Lehmann eröffnet den Band mit einer persönlich gehaltenen Einführung in das Leben und Werk des Apostels Paulus aus theologischer Perspektive. Ekkehard W. Stegemann führt im Anschluss daran Verortungen des Paulus in der antiken Philosophie vor Augen und schlägt von da aus eine Brücke in die Philosophie der Aufklärung. Er bespricht das philosophische Paulusportrait in Apg 17, erörtert die philosophisch-rhetorische Profilierung des Paulus bei den christlichen Apologeten und im spätantiken apokryphen Briefwechsel zwischen Seneca und Paulus, er durchleuchtet kritisch die These vermeintlicher stoischer Einflüsse in der paulinischen Theologie und geht schließlich paulinischen Anschlüssen in Immanuel Kants These vom radikal Bösen nach. Micha Brumlik bietet einen Überblick über die von ihm als „postmodern“ klassifizierten Paulusdeutungen von Daniel Boyarin, Alain Badiou, Giorgio Agamben und Slavoj Žižek. Er beleuchtet sie konsequent vom Gedanken der Messianität her und stellt bei den drei Letztgenannten antijudaistische Implikationen heraus. Daniel Havemann zeigt die eminente Bedeutung auf, die Paulus in Friedrich Nietzsche Moralphilosophie trotz bzw. gerade aufgrund dessen kritischer Auseinandersetzung mit dem Apostel zukommt. Er tut dies, indem er die philosophische Bedeutung der Polemik in Nietzsches Spätwerk erhellt, die zentralen Konturen und Quellen der Paulusdeutung des Philosophen darlegt und schließlich – orientiert an den Stichworten Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe – eine Auslegung der paulinischen Theologie auf der Basis der Moralkritik Nietzsches vorträgt. Holger Zaborowski erörtert das Paulusbild in Martin Heideggers frühen Freiburger Vorlesungen zur Phänomenologie des religiösen Lebens. Er erhellt zunächst die situativen und philosophischen Hintergründe der Vorlesungen, zeigt dann die Bedeutung der paulinischen Aussagen für Heideggers Verständnis des faktischen Lebens in seiner Zeitlichkeit auf und spürt schließlich einigen impliziten Nachwirkungen des Paulinismus in der späteren Philosophie Heideggers nach. Dass sich auch Hermann Schmitz in seiner Leibphänomenologie eingehend mit Paulus beschäftigte, wurde bislang nur wenig beachtet. Umso erfreulicher ist es, dass Michael Großheim und Henning Nörenberghier eine Einführung in die Paulusinterpretation der „Neuen Phänomenologie“ bieten. Christoph Schulte deckt die überragende Bedeutung auf, die Paulus im Werk und Leben Jacob Taubes’ einnimmt, und zwar über die eingangs erwähnten Heidelberger Vorträge hinaus. Wolfgang Stegemann setzt sich kritisch mit Daniel Boyarins Portrait des Apostels als Kritiker des Judentums auseinander. Er kontrastiert es mit den Paulusdeutungen von Lloyd Gaston, Stanley K. Stowers und Caroline Johnson Hodge, die Paulus jenseits jeglicher Herabminderung des Judentums auslegen. Der Apostel sei nicht als „Champion der jüdischen Selbstkritik“, sondern als Diskursbegründer einer jüdisch-christlichen Kultur zu begreifen. Martin G. Weiß entfaltet Gianni Vattimos Philosophie des „Schwachen Denkens“ als „Ontologie der Aktualität“, geht der Verankerung dieser Philosophie in den christlichen Konzepten der kenosis und caritas nach und zeigt auf, dass sich Vattimos Zeitbegriff an der paulinischen Beschreibung der urchristlichen faktischen Lebenserfahrung orientiere und Vattimos methodischer Skeptizismus auf das paulinische „Als-ob-nicht“ (ὡς μή) zurückführbar sei. Schließlich stellen Alexander Heit, Markus Buntfuß und Christian Strecker die derzeit viel beachteten Pauluslektüren von Alain Badiou, Slavoj Žižek und Giorgio Agamben vor, indem sie sie in deren Philosophien verankern und in einigen Zügen kritisch hinterfragen.

Selbstredend ließen sich noch weitere philosophische Pauluslektüren anführen, die hier nicht mehr berücksichtigt werden konnten. Sie sollen wenigstens kurz erwähnt werden, um die Breite der jüngeren philosophischen Rezeption des Apostels anzuzeigen. Zu verweisen ist diesbezüglich namentlich auf die Pauluslektüre Jean-François Lyotards, die im Dialog mit Eberhard Gruber entstand und unter dem Titel „Ein Bindestrich“ erschien.12 Zu nennen ist ferner John D. Caputos dekonstruktivistische Paulusdeutung, der Rebekka Klein unlängst eine genauere Besprechung widmete.13 Einer breiteren Rezeption harren aber auch noch die philosophischen Paulusdeutungen von Jean-Claude Milner und Jean Michel Rey aus den Jahren 2006 und 2008.14 Ähnliches gilt für die philosophisch geprägte, bereits 1988 unter dem Titel „Saint Paul“ veröffentlichte Studie von Stanislas Breton, die unlängst in englischer Übersetzung mit einer ausführlichen Einleitung von Ward Blanton erschien.15 Hierzulande legte unlängst der Freiburger Philosoph Rainer Marten eine philosophische Paulusinterpretation vor,16 und der Schriftsteller und Theologe Christian Lehnert publizierte kürzlich eine originelle poetischphilosophische Lektüre des ersten Korintherbriefes.17

All die voranstehend genannten Paulusdeutungen dokumentieren auf je ihre Weise das außerordentliche philosophische Potenzial der Paulusbriefe. Der von Jacob Taubes eingeklagte Austausch zwischen der Philosophie und der biblischen Theologie steckt freilich noch insofern in den Anfängen, als sich die exegetische Zunft allenfalls bedingt auf die Philosophen einlässt und die Philosophen die Forschung der jüngeren Paulusexegese18 weitgehend ignorieren. Der vorliegende Band mag vielleicht den Weg zu einem noch intensiveren Dialog ebnen.

Die publizierten Beiträge gehen auf Tagungen am 16. Mai 2009 im Haus am Dom in Frankfurt19 „Paulus aus jüdischer und philosophischer Sicht“ und vom 26.–28. März 2010 an der Evangelischen Akademie Tutzing „Paulus unter den Philosophen“ zurück. Sie wurden um einige weitere Originalbeiträge ergänzt. Für die Erstellung des Layouts und die Mühen des Korrekturlesens geht unser Dank an Frau Andrea Siebert, für die Unterstützung bei den Korrekturen danken wir Frau stud. theol. Nathalie Altnöder.

Christian Strecker / Joachim Valentin

1 Jacob Taubes, Die Politische Theologie des Paulus, hg. v. Aleida und Jan Assmann, München 1993, 12f.

2 Vgl. zum Thema nur Andreas Nehring / Joachim Valentin (Hg.), Religious Turns – Turning Religions. Veränderte kulturelle Diskurse, neue religiöse Wissensformen (ReligionsKulturen 1), Stuttgart 2008; Daniel Weidner, Einleitung, Walter Benjamin, die Religion und die Gegenwart, in: ders. (Hg.), Profanes Leben. Walter Benjamins Dialektik der Säkularisierung, Berlin 2010, 7–35, bes. 13ff.

3 Vgl. nur Rolf Spinnler, Ein Sieg über das Siegen, in: Die Zeit vom 17.12.2008. Der Untertitel lautet: „Radikal im Denken, extrem in der Hoffnung: Warum der Apostel Paulus aktueller ist denn je – und sich selbst die wichtigsten Philosophen der Gegenwart für ihn begeistern.“

4 Vgl. Baruch de Spinoza, Opera · Werke I, hg. v. Günter Gawlick / Friedrich Niewöhner, Darmstadt 2008, 388: „et ideo nemo Apostolorum magis philosophatus est quam Paulus.“

5 Vgl. Norman W. de Witt, St. Paul and Epicurus, Toronto 1954; Clarence E. Glad, Paul and Philodemus. Adaptability in Epicurean and Early Christian Psychagogy (NT.S 81), Leiden 1995; Peter Eckstein, Gemeinde, Brief und Heilsbotschaft. Ein phänomenologischer Vergleich zwischen Paulus und Epikur (HBS 42), Freiburg u.a. 2004.

6 Vgl. Abraham Malherbe, Paul and the Popular Philosophers, Minneapolis 1989, bes. 11–24.35–48.

7 Vgl. Troels Engberg-Pedersen, Paul and the Stoics, Louisville 2000; ders., Cosmology and Self in the Apostle Paul. The Material Spirit, Oxford 2010; Runar M. Thorsteinsson, Roman Christianity and Roman Stoicism, Oxford 2010.

8 Edwin Judge, Die frühen Christen als scholastische Gemeinschaft, in: Wayne A. Meeks (Hg.), Zur Soziologie des Urchristentums, München 1979, 131–164.

9 Loveday Alexander, Paul and the Hellenistic Schools. The Evidence of Galen, in: Troels Engberg-Pedersen (Hg.), Paul in His Hellenistic Context, Minneapolis 1995, 60–83, hier 60; vgl. allgemein zum Thema auch Hansjürgen Verweyen, Philosophie und Theologie. Vom Mythos zum Logos zum Mythos, Darmstadt 2005, 109ff.

10 Vgl. Klaus Scholtissek, Paulus als Lehrer. Eine Skizze zu den Anfängen der Paulus-Schule, in: ders. (Hg.), Christologie in der Paulus-Schule. Zur Rezeptionsgeschichte des paulinischen Evangeliums (SBS 181), Stuttgart 2000, 11–36, hier 27f.

11 Vgl. dazu Pierre Hadot, Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike, Berlin 1991, 45, der ebd., 45 betont, die antike Philosophie sei nicht als „theoretische Konstruktion“ zu verstehen, sondern als „Methode der Menschenformung, die auf eine neue Lebensweise und ein neues Weltverständnis abzielt, … eine Bemühung, den Menschen zu verändern.“

12 Jean-François Lyotard / Eberhard Gruber, Ein Bindestrich – Zwischen ‚Jüdischem‘ und ‚Christlichem‘, Düsseldorf 1995; vgl. dazu Christina Pfestroff, Der Name des Anderen. Das ‚jüdische‘ Grundmotiv bei Jean-François Lyotard, Paderborn 2004.

13 Vgl. John D. Caputo, The Weakness of God. A Theology of the Event, Bloomington 2006. Rebekka Klein, Macht der Ohnmacht. Die Paulus-Lektüre von John D. Caputo und seine Dekonstruktion der Souveränität Gottes, in: Eckart Reinmuth (Hg.), Neues Testament und Politische Theologie (ReligionsKulturen 9), 198–214.

14 Jean-Claude Milner, Le Juif de savoir, Paris 2006; Jean-Michel Rey, Paul ou les ambiguïtés, Paris 2008.

15 Stanislas Breton, Saint Paul, Paris 1988; engl.: A Radical Philosophy of Saint Paul, New York 2011.

16 Rainer Marten, Radikalität des Geistes. Heidegger – Paulus – Proust, Freiburg/München 2012.

17 Christian Lehnert, Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus, Berlin 2013.

18 Vgl. dazu nur Christian Strecker, Einblicke in die neuere Paulusforschung, in: Kathrin Oxen /Dietrich Sagert (Hg.), Mitteilungen, Leipzig 2013, 129–151.

19 Dazu liegt ein ausführlicher Bericht vor: Rainer Dausner, Messianisches Denken und Politische Theologie. Philosophische und jüdische Annäherungen an Paulus, in: Herder Korrespondenz 63 (2009), 371–374.

Karl Kardinal Lehmann

Paulus, Apostolischer Zeuge des christlichen Glaubens und mutiger Lehrer der Völker

Sein vorbildliches Wirken als exemplarischer Theologe und großer Missionar

Die Ausrufung eines Paulusjahres in der katholischen Kirche 2008/2009 hat große Aufmerksamkeit erzielt. Freilich gab es schon vor einiger Zeit immer wieder Epochen einer intensiveren Zuwendung zum Leben und zum Werk des Hl. Paulus.1 Dies hat sich auch in einigen Publikationen niedergeschlagen.2

In der Zwischenzeit ist es immer schwieriger geworden, die reiche internationale Forschungstätigkeit und ihre Publikationen zu überblicken und auszuweiten. Dies gilt erst recht für die Zeit des Paulusjahrs.

So muss sich gerade ein zusammenfassender Versuch dessen bewusst bleiben, dass er selektiv, ergänzungsbedürftig und darum vorläufig ist. So ist es „mein“ Paulus geworden. Das muss nicht schlecht sein, wenn man offen für Ergänzungen bleibt. Die Gründe für meine Optionen habe ich in der Nennung der Literatur und ein wenig im letzten Abschnitt dargelegt.3 Dabei gibt es natürlich viele Themen, die ich auch für wichtig halte, die aber im Rahmen des Textes nicht zur Sprache kommen können, so z.B. das Paulusbild im heutigen Judentum, neuere Anstöße der Theologie des Paulus auf das philosophische Denken, neue Akzente im Verständnis der Rechtfertigungsbotschaft.

1. Der urchristliche Apostolat und Paulus

Das Verständnis von Apostel ist schon im Neuen Testament schwierig. Über die dreifache Bedeutung des Apostelbegriffs – die Zwölf, Paulus und eine noch weiter gefasste Gruppe – besteht in den Grundlinien heute wohl eine Übereinstimmung bei der Mehrzahl von Exegeten. Dabei lässt sich beobachten, dass der anfänglich betonte Unterschied zwischen den Zwölfen, die Jesus in seinem irdischen Leben begleitet haben und die nicht zuletzt deshalb die privilegierten Zeugen sind, weil Jesus selbst sie in die Nachfolge berufen hat und die in ihrer Zwölfzahl die Stämme Israels repräsentieren, und jenen anderen Aposteln, die erst durch Erscheinungen des Auferstandenen zu Aposteln berufen worden sind, besonders bei Lukas mehr und mehr zurücktritt. Jedenfalls gibt es keinen einheitlichen Apostelbegriff. Das Wort hat verschiedene inhaltliche Ausprägungen. Auch die Anwendung auf Paulus ist im Neuen Testament recht verschieden: Für Lukas gilt Paulus sowohl im Evangelium als auch in der Apostelgeschichte nicht als Apostel, sondern als herausragender Zeuge. Der Epheserbrief und die Pastoralbriefe hingegen sehen in Paulus das Vorbild eines Apostels.4

Weitere Unterscheidungen und Bestimmungen erscheinen eher hinderlich. Darum bedarf der Begriff des außerordentlichen Apostels der Erläuterung. Paulus erinnert uns daran, dass Jesus Christus nach seiner Auferstehung „Kephas und den Zwölf erschienen“ sei (1Kor 15,5). Das Ganze dieser österlichen Erscheinungen mit Kephas ist für Paulus offenbar ein wichtiges Element der Kirchengründung.5 Diese Erscheinungen betreffen das Fundament der Kirche, aber auch die Sendung der Apostel. Simon wird von Paulus bei seinem Berufungsnamen genannt: er ist der „Fels“ der Kirche. Er gehört gerade auch durch die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn zum Grund des Kircheseins. Die „Zwölf“ dehnen dieses Fundament aus und weisen hin auf Jesu Botschaft für die zwölf Stämme Israels, also ganz Israel. Es folgt eine Liste von Auferstehungszeugen: „Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln“ (1Kor 15,6f.). Neben Petrus wird die Bedeutung des Jakobus als dem Haupt der Jerusalemer Urgemeinde hervorgehoben, aber dann wird – offenbar im Unterschied zu den Zwölf – erwähnt, dass Jesus auch noch „allen Aposteln“ erschienen ist. Dies lässt auf eine Bedeutungsdifferenz zwischen den „Zwölf“ und „allen Aposteln“ schließen, auch wenn sich in späteren Zeiten dieser Unterschied verringert. In der Reihenfolge der Erscheinungen, die Paulus aufführt, entsteht so zunächst der Eindruck, die Kirchengründung wäre dadurch abgeschlossen; eine weitere Erscheinung des Auferstandenen von der Bedeutung, dass die Existenz der Kirche damit in Verbindung gebracht werden kann, scheint danach geradezu ausgeschlossen zu sein.

Aber unmittelbar danach schreibt Paulus: „Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der ‚Missgeburt‘. Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben“ (1Kor 15,8–10a).6 Diese Aussagen sind nicht einfach. Besonders der Rückgriff auf das Wort ἔκτρωμα bleibt etwas offen. Es kann mit Früh- oder Fehl- bzw. Missgeburt übersetzt werden. „Ob überhaupt eines der oft genannten Motive des Plötzlichen, Unnatürlichen, Unzeitigen, Gewaltsamen, Missratenen, Lebensunfähigen, Irregulären usw. bei dieser Metapher im Vordergrund steht, ist seit langem umstritten und unsicher.“7 Das Defizit oder Manko, das mit diesem Begriff verbunden ist, wird meist damit erklärt, dass Paulus als Gegner und Verfolger der Gemeinde Jesu Christi keine Voraussetzungen mitbringt für einen tauglichen Apostel. Auch nach dem Damaskuserlebnis empfindet er sich als unwürdig. Umso mehr ist er der göttlichen Gnade bedürftig.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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