PEER GYNT - Henrik Ibsen - E-Book

PEER GYNT E-Book

Henrik Ibsen

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Beschreibung

Henrik Ibsens "Peer Gynt" ist ein herausragendes Beispiel für die Verschmelzung von Drama und Poesie, das die Reise eines Mannes durch die Höhen und Tiefen des Lebens thematisiert. Mit einer komplexen Erzählstruktur und einem vielschichtigen Protagonisten, Peer Gynt, der zwischen Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Verantwortung schwankt, lädt das Werk zur Reflexion über Identität und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt ein. Ibsens Verwendung von Symbolik und Folklore verleiht dem Text eine tiefere Dimension, während der poetische Stil den Leser in eine fesselnde Traumwelt entführt. Die Verbindung von Realismus und Fantasie ist charakteristisch für den literarischen Kontext des 19. Jahrhunderts, in dem Ibsen als Wegbereiter moderner Dramatik gilt. Henrik Ibsen, ein Pionier des modernen Theaters, wurde 1828 in Norwegen geboren und revolutionierte die Dramaturgie durch seine kritischen Auseinandersetzungen mit den Konventionen der Zeit. Seine Erfahrungen in Norwegen und sein tiefes Interesse an der menschlichen Psyche und sozialen Themen prägten sein Schreiben und ermöglichten ihm, universelle Themen zu behandeln. "Peer Gynt", ursprünglich als Schauspiel für das Theater konzipiert, spiegelt Ibsens eigene Zweifel und das Streben nach individueller Freiheit wider und ist durchdrungen von der Suche nach dem Sinn des Lebens. Das Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich für die Entwicklung des Dramas und die Tiefen der menschlichen Erfahrung interessiert. Ibsens meisterhafte Erzählweise und die universellen Themen von Selbstfindung und Existenz werden auch den modernen Leser fesseln. "Peer Gynt" ist nicht nur ein literarisches Meisterwerk, sondern auch eine Gelegenheit, sich mit den großen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen und die eigene Vorstellung von Identität und Wahrheit zu hinterfragen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Henrik Ibsen

PEER GYNT

Bereicherte Ausgabe. Ein dramatisches Gedicht
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Nolan Shepherd
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547675938

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
PEER GYNT
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Schneller als sein Schatten flieht ein Mann vor der Verantwortung und verirrt sich im Labyrinth seiner eigenen Wünsche. In Henrik Ibsens Peer Gynt steht ein prahlerischer Träumer im Zentrum, der mit Fantasie und Frechheit die Wirklichkeit überformt, um sich selbst zu entkommen. Das Drama bündelt die Frage, wie weit Selbstentwurf tragen kann, bevor er zur Lüge wird. Zwischen Bauernhof und Märchenreich, zwischen Sturz und Selbstbehauptung, tastet sich eine Existenz an die Grenze des Ichs heran. Ibsen verdichtet diesen Konflikt zu einer Reise, die außen Abenteuer verspricht und innen Rechenschaft fordert. So beginnt ein Werk, das zugleich Spiegel, Warnung und Verlockung ist: ein Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Flucht.

Peer Gynt gilt als Klassiker, weil es die Möglichkeiten des Dramas radikal erweiterte und zugleich zeitlose Fragen berührt. Ibsen verschmilzt Volksüberlieferung, Satire und poetische Imagination zu einer Form, die das 19. Jahrhundert sprengt und den Weg für die Moderne bahnt. Die Figur des unzuverlässigen Selbstinszenierers wurde zum Archetyp des modernen Antihelden. Sprachliche Virtuosität, weiträumige Szenik und psychologische Schärfe erzeugen eine Wirkung, die Generationen von Leserinnen, Lesern und Theatermachenden herausfordert. Durch seine Mischung aus nationalen Stoffen und universellen Konflikten ist das Werk tief im Kanon verankert und zugleich offen für immer neue Deutungen und Bühnenbilder.

Das Werk stammt von Henrik Ibsen (1828–1906), dem norwegischen Dramatiker, und erschien 1867 als dramatisches Gedicht in fünf Akten. Ibsen verfasste den Text während seines Auslandsaufenthalts, geprägt von Distanz zum heimatlichen Diskurs und scharfem Blick auf nationale Mythen. Die Uraufführung als Bühnenfassung fand 1876 in Christiania statt, begleitet von der Bühnenmusik Edvard Griegs, die den atmosphärischen Radius des Stücks prägte. Seither ist Peer Gynt sowohl Lesedrama als auch Theatererlebnis geblieben. Diese Doppelnatur – zwischen Buch und Bühne – erklärt einen Teil seiner Ausstrahlung: Das Werk fordert die Vorstellungskraft heraus und lädt zugleich zur vielgestaltigen szenischen Umsetzung ein.

In groben Zügen erzählt Peer Gynt von einem jungen Mann aus ländlichem Milieu, der sein Glück nicht in Arbeit und Bindung, sondern in Ausbruch, Geschichten und Gelegenheiten sucht. Sein Weg führt durch reale und fantastische Räume, bevölkert von Bauern, Abenteurern und übernatürlichen Gestalten. Aus raschen Einfällen erwachsen Wendungen, aus prahlerischen Reden neue Fluchten. Die äußere Reise ist ein Echo der inneren Suche: nach einem Kern, der Halt gibt, ohne die Verheißung grenzenloser Möglichkeit aufzugeben. Ibsen skizziert so die Versuchung des ungebundenen Lebens – und die Kosten, die Unverbindlichkeit in Menschen und Gemeinschaften hinterlässt.

Peer Gynt prüft die Verheißungen des romantischen Individualismus und widerspricht der bequemen Erzählung nationaler Selbstgefälligkeit. Das Stück stellt Fragen nach Authentizität, Verantwortung, Schuld und der Grenze zwischen Einbildung und Wirklichkeit. Als satirischer Spiegel seiner Zeit lässt es Selbstsucht, Opportunismus und Hochstapelei aufleuchten, ohne die Kraft der Imagination zu denunzieren. Vielmehr interessiert Ibsen die Reibung: Wie kann Fantasie lebendig machen, ohne zur Ausrede zu verkommen? Welche Gemeinschaften entstehen – oder zerbrechen –, wenn das Ich sich zum einzigen Maßstab erhebt? Aus diesen Spannungen formt sich ein dichter, bis heute provozierender Denkraum.

Die Wirkungsgeschichte ist außergewöhnlich: Nach der Veröffentlichung als Lesedrama eroberte Peer Gynt die Bühne und prägte mit seiner Traumlogik, seinem Tonfall zwischen Groteske und Ernst und seiner episodischen Weite das moderne Theater. Die Zusammenarbeit mit Grieg trug zur Popularität bei, doch die nachhaltige Kraft liegt im Text, der Regie und Publikum stets neu herausfordert. Zahlreiche spätere Dramatikerinnen und Dramatiker fanden in Ibsens Kühnheit, innere Prozesse szenisch zu machen, Anregung für eigene Formen. So wurde Peer Gynt zu einem Bezugspunkt für Theater, das Welt und Bewusstsein gleichermaßen auf die Bühne bringt.

Zentral sind die Themen Identität, Selbsttäuschung, Freiheit und Verpflichtung. Peer entwirft sich unablässig neu, doch jede Version verlangt Nachweis und Konsequenz. Das Werk fragt, ob ein Mensch er selbst sein kann, wenn er Bindungen meidet und Erinnerung, Herkunft, Liebe lediglich als Kulissen behandelt. Es verhandelt das Verhältnis von Wort und Tat, von Möglichkeit und Grenze, von Gegenwart und Rechenschaft. Dabei zeigt sich, wie dünn das Eis des Ichs wird, wenn der Grund fehlt. Diese Fragen sind nicht historisch abgeschlossen; sie treffen Empfindungen, die Leserinnen und Leser auch heute an sich selbst prüfen.

Ibsen entfaltet seine Fragen in Bildern und Motiven, die aus der nordischen Sage ebenso stammen wie aus alltäglicher Erfahrung. Trolle und Fabelwesen markieren Versuchungen des bloß Zweckmäßigen; ein unnahbarer Widerstand – oft als der Bøyg bezeichnet – steht für die diffuse Macht, die Veränderung verhindert. Reisen, Maskeraden und Festlichkeiten spiegeln die Wechselbäder der Selbstinszenierung. Zugleich setzt das Stück Figuren der Treue und Geduld entgegen, die nicht mit großen Worten, sondern mit Beharrlichkeit antworten. So entsteht ein Symbolgewebe, das ohne belehrenden Zeigefinger Wirkung entfaltet und die Lesenden einlädt, eigene Deutungen zu wagen.

Formal besticht Peer Gynt durch seine poetische Sprache, die zwischen Derbheit und lyrischer Höhe wechselt, und durch eine Szenik, die große Räume eröffnet. Der Versrhythmus trägt die Figuren, ohne sie zu fesseln; Sprünge in Ort, Zeit und Stimmung erzeugen einen Traumstrom, der dennoch präzise gebaut ist. Satire, Groteske und Ernst überlagern sich, wodurch Ambivalenzen sichtbar werden, nicht verkürzt. Das Stück verlangt von der Bühne Erfindungslust und vom Lesenden Aufmerksamkeit für Tonlagen. Diese ästhetische Offenheit erklärt, warum Inszenierungen unterschiedlichste Stile wagen – und weshalb jede Lektüre neue Akzente erkennt.

Heute wirkt Peer Gynt als Diagnose einer Kultur der Selbsterfindung, in der Biografien kuratiert und Geschichten zu Währung werden. Das Drama zeigt mit erstaunlicher Gegenwartsnähe, wie leicht die Flucht in Rollen, Bilder und Erzählungen Verantwortung ersetzt. Es fragt, was von einem Menschen bleibt, wenn er jede Beziehung als Chance zur Selbststeigerung betrachtet. Zugleich erinnert es daran, dass Freiheit ohne Bindung oft nur die Freiheit zur Wiederholung ist. So eröffnet das Werk einen Blick auf Mechanismen, die digitale Selbstpräsentation, Mobilität und Erfolgserzählungen prägen – und lädt dazu ein, Begriffe wie Authentizität neu zu prüfen.

Wer Peer Gynt liest oder sieht, begegnet einer Einladung zur Mitgestaltung: Leerstellen und Sprünge fordern Imagination, Ironie verlangt Gehör, und die Musikgeschichte rund um das Stück erweitert den Resonanzraum. Griegs Bühnenmusik hat ikonische Bekanntheit erlangt; doch auch ohne Klänge bleibt der Text eine Partitur für Vorstellungen, die verschiedenste Bilder zulassen. Ob minimalistisches Kammerspiel oder opulentes Spektakel – die Grundfragen bleiben intakt. Sinnvoll ist es, den Wechsel zwischen Spott und Ernst genau zu verfolgen und die Versuchungen des Helden nicht vorschnell zu verurteilen: In ihrer Verführungskraft liegt die schmerzliche Wahrheit des Stücks.

Peer Gynt bleibt deshalb fesselnd, weil es Imagination nicht bekämpft, sondern auf ihre Prüfsteine legt. Es eröffnet ein Panorama menschlicher Möglichkeiten und Schwächen und verbindet sprachliche Brillanz mit szenischer Kühnheit. Als Klassiker vereint das Werk historische Bedeutung mit gegenwärtiger Dringlichkeit; als Lektüre lässt es uns die eigenen Geschichten, Ausflüchte und Hoffnungen neu betrachten. Wer sich darauf einlässt, findet keinen moralisierenden Traktat, sondern eine komplexe Erkundung dessen, was ein Ich ausmacht. Darin liegt seine dauerhafte Anziehungskraft: ein Werk, das mit jedem Zeitalter eine neue, präzise Frage an uns richtet.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Henrik Ibsens Peer Gynt folgt einem jungen norwegischen Bauernsohn, der durch prahlerische Erzählungen und ungestüme Fantasie auffällt. Peer lebt mit seiner Mutter Åse in einfachen Verhältnissen und träumt von Größe, Ruhm und Abenteuern. Im Dorf gilt er als unzuverlässig, doch seine Geschichten ziehen zugleich an. Zu Beginn besucht er ein Hochzeitsfest, auf dem auch Solveig erscheint, eine ruhige, ernsthafte junge Frau, die sein Gegenteil verkörpert. In dieser Gemeinschaft prallen Sehnsucht und Realität aufeinander: Peers Wunsch, „etwas Besonderes“ zu sein, kollidiert mit den klaren Erwartungen seines Umfelds, das Pflichtbewusstsein und Maßhalten fordert.

Das Hochzeitsfest wird zum Schauplatz einer ersten entscheidenden Eskalation. Peers Angebereien und Provokationen lösen Spannungen aus, bis er impulsiv die Braut Ingrid entführt. Diese Tat macht ihn zum Außenseiter und zwingt ihn, sich vor der Dorfgemeinschaft zu verstecken. Schon hier zeigt sich ein Muster: Peer flieht vor den Folgen seines Handelns und sucht Auswege in Fantasie und Augenblickseuphorie. Während Solveig Interesse an ihm zeigt, verpasst Peer die Chance auf Verbindlichkeit. Sein Aufbruch in die Berge ist weniger ein mutiger Schritt als eine Flucht vor Verantwortung, die den weiteren Verlauf seines Lebens prägen wird.

Auf seiner Flucht begegnet Peer mythischen und allegorischen Gestalten. Der Boyg, ein formloses Hindernis, flüstert ihm ein, Konflikte zu umgehen statt sie zu bestehen. In der Welt der Trolle verlockt ihn der Trollkönig mit einem einfachen Programm: „Sei dir selbst genug“, ohne Rücksicht auf Moral und andere Menschen. Peer probiert die Rolle des Freigeists aus, will die Vorteile ohne die Bedingungen. Als ihn diese Welt zu verändern droht, weicht er zurück. Diese Stationen markieren innere Richtungen: ausweichen statt entscheiden, sich selbst erhöhen statt sich prüfen, und die Frage, ob Identität ohne Bindung Bestand haben kann.

Peer kehrt ins Freie zurück und errichtet eine einsame Hütte. Solveig, die in ihm mehr sieht als bloße Spiegelfechtereien, verlässt ihre Familie und sucht die gemeinsame Zukunft. Für kurze Zeit entsteht ein Bild des Angekommenseins: Arbeit, Ruhe, Zuneigung. Doch Vergangenheit und Verlockungen holen Peer ein. Eine Begegnung mit einer Gestalt aus der Trollwelt wirft Schatten auf seine Pläne. Zugleich nimmt Ibsen eine leise, intime Wendung: In einer bewegenden Szene am Sterbebett seiner Mutter tröstet Peer sie mit einem Spiel der Fantasie. Diese Nähe vermag ihn jedoch nicht zu halten; er bricht erneut auf – „nur für eine Weile“.

Aus der Hütte führt der Weg in die Ferne. Peer wird zum Abenteurer und Geschäftemacher, der überall Chancen wittert: Handel, Spekulation, riskante Unternehmungen. Er eignet sich Rollen an, wechselt Masken, passt sich an, wenn Profit winkt. Sein Erfolg ist unstet, seine Moral biegsam. Er verkehrt mit Kaufleuten und Schwindlern, gerät in zweifelhafte Geschäfte und sucht dauernd den schnellen Gewinn. Der innere Kompass bleibt unklar: Peer lebt vom Moment und meidet Bilanz. Die weite Welt gibt ihm Bühne und Ausreden zugleich. Ibsen zeichnet so den Versuch, Selbstwert durch äußere Erfolge zu ersetzen – und zeigt dessen Haltlosigkeit.

In Nordafrika steigert sich Peers Selbstinszenierung. Er gibt sich als Prophet aus, wird umschmeichelt, verführt und ausgenutzt. Die Begegnung mit Anitra, die sein Geltungsbedürfnis spielerisch durchschaut, entlarvt seine Eitelkeit. Später öffnet eine Episode in einem Irrenhaus seine Selbstdarstellung wie unter einem Brennglas: Spiegelbilder, die jeweils eine Facette von ihm behaupten, ohne ein Zentrum zu ergeben. In einem emblematischen Moment schält Peer eine Zwiebel und findet Schicht um Schicht – nur keinen Kern. Die Reise, die Sinn stiften sollte, zeigt Leere. Sein Drang, „er selbst“ zu sein, bleibt ohne verbindliche Form.

Die Heimreise setzt spät und widerstrebend ein. Auf See gerät Peer in einen Sturm; die Gefahr zwingt ihn, sich mit der Endlichkeit auseinanderzusetzen. Sein Verhalten zeigt erneut eine Mischung aus Findigkeit und Selbstrettung, während andere zugrunde gehen. Als er schließlich gealtert in die norwegische Heimat zurückkehrt, ist vieles verändert, und seine selbst geschaffenen Legenden tragen nicht mehr. Vergangenheit, verpasste Chancen und offene Versprechen werden zu Wegmarken der Rückschau. Die Weite der Welt hat ihm keine feste Identität gegeben; sie hat nur die Ausweichbewegung verlängert. Nun drängt sich die Bilanz auf, der er nicht länger ausweichen kann.

In dieser späten Phase tritt eine rätselhafte Gestalt auf: der Knopfgießer, der über Seelen verfügt, die keinen klaren Abdruck hinterlassen haben. Er fordert von Peer einen Beleg dafür, dass dessen Leben einen unverwechselbaren Kern besitzt. Peer sucht Ausflüchte, verhandelt, verweist auf Taten und Masken – doch alles wirkt austauschbar. Frühere Lehren kehren wieder: die Bequemlichkeit des Umwegs (Boyg) und die Selbstgenügsamkeit der Trolle. Die Frage wird drängend, ob man ohne Verantwortung und Bindung „man selbst“ sein kann. Peer bleibt ein Getriebener, der in der Erinnerung anderer nach einem Bild sucht, das ihn eindeutig macht.

Schließlich führt ihn der Weg dorthin zurück, wo eine klare Antwort möglich sein könnte: zu Solveig. Sie ist ein Gegenbild zu seinen Verwandlungen – beständig, geduldig, real. In der stillen Begegnung mit ihr verdichtet Ibsen die zentrale Frage des Stücks: Woraus entsteht Identität – aus wechselnden Rollen oder aus Treue, Verantwortung und Beziehung? Ohne das Ende auszuformulieren, legt die Schlusspartie nahe, dass „sich selbst sein“ nicht mit Flucht und Selbstbehauptung zu verwechseln ist. Peer Gynt wird so zur Parabel über Verführung durch Fantasie, die Kosten des Ausweichens und die Möglichkeit, Sinn in Bindung zu finden.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Peer Gynt ist in Raum und Zeit im ländlichen Norwegen der Mitte des 19. Jahrhunderts verankert, besonders im Gudbrandsdalen mit seinen Höfen, Hochzeitsbräuchen und Sennalpen unter dem Symbolgebirge Dovre. Die geschilderte Alltagswelt beruht auf bäuerlicher Selbstversorgung, Gemeindesitten und lokalen Autoritäten. Zugleich öffnet das Stück den Blick auf die weite Welt: Peer treibt hinaus auf See, landet an nordafrikanischen Küsten und durchquert Wüstenregionen. Die Spielzeit spannt vom Jugendalter bis ins Alter des Protagonisten, erfasst damit Dekaden raschen Wandels. Unter der Union mit Schweden (1814–1905) erlebt Norwegen Modernisierungsschübe, Migration und Identitätssuche – Hintergründe, die Handlung und Themen strukturieren.

Die Verfassung von Eidsvoll (17. Mai 1814) begründete Norwegens Selbststaatlichkeit, doch führte der Kieler Frieden zur Union mit Schweden (Nov. 1814). Bis 1905 blieb Norwegen in außenpolitischer Union, behielt jedoch Parlament (Storting), Gesetze und Verwaltung. Die politische Wirklichkeit war eine Mischung aus neuem nationalem Selbstbewusstsein und realen Abhängigkeiten. Peer Gynt spiegelt dieses Spannungsfeld, indem er große Behauptungen von Größe und Freiheit mit einer Praxis der Ausflucht verbindet. Peers großspurige Identitätsbekundungen stehen im Kontrast zu politischer Halbautonomie und zeigen, wie nationale Rhetorik ohne Verantwortungsübernahme zur Selbsttäuschung werden kann.

In den 1840er Jahren sammelten Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe norwegische Volksmärchen (Norske Folkeeventyr, 1841–1844, erweitert 1852) und trugen damit zur politischen Nationenbildung über Kultur und Brauch bei. Der Volksname „Per Gynt“ kursierte bereits in Sagen des Gudbrandsdalen. Ibsen griff die Figur und trollhafte Motive auf, um eine zugleich vertraute und satirische Norwegen-Erzählung zu schaffen. Historisch verweist dies auf die staatlich-politische Suche nach Eigenständigkeit, die über Volkskunde und Symbolorte lief. Im Stück erscheinen Trolle, Berge und Bauernhochzeiten als historische Gedächtnisorte, an denen Fragen von Zugehörigkeit und Selbstbild konkret verhandelt werden.

Die bäuerliche Gesellschaft beruhte auf Erbrecht (Odelsrett) und Hofkontinuität; Allodialrechte sicherten die Weitergabe von Land in Familien seit Jahrhunderten. Dorfgerichte, der Lensmann und die Kirchengemeinde regelten Sitte und Ehre. Hochzeiten bündelten Besitz, Allianzen und Normen; Entführungen oder Ehrverletzungen zogen soziale Ächtung nach sich. Diese Ordnung bildet den Hintergrund des Hochzeits- und Fluchtszenarios in Peer Gynt. Peers Übergriff auf Ingrid und seine anschließende Ausstoßung zeigen, wie die Dorfgemeinschaft Recht, Eigentum und Moral verteidigt. Das Stück stellt die historische Realität traditioneller Sanktionen dar und konfrontiert sie mit einem Einzelnen, der Verantwortung verweigert.

Die Massenemigration aus Norwegen nach Nordamerika begann 1825 (Auswandererschiff Restauration) und schwoll in den 1860er–1880er Jahren an; insgesamt verließen im 19. und frühen 20. Jahrhundert über 800.000 Menschen das Land. Gründe waren Landknappheit, soziale Aufstiegsbarrieren und Krisen, etwa die schlechten Ernten 1867–1868. Häfen wie Bergen und Christiania wurden zu Auswanderungstoren. Diese Bewegung rahmt Peers Drang, fortzugehen, Neuheiten zu suchen und Heimat zu meiden. Seine Fluchtimpulse spiegeln die reale Erfahrung vieler Norweger, die Bindungen kappten – jedoch ohne Peers moralische Entleerung: Das Stück kontrastiert ökonomische Notwendigkeit mit opportunistischer Selbstentgrenzung.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts modernisierte sich Norwegens Wirtschaft: Der Holzexport wuchs, die Sägewerksprivilegien wurden 1860 liberalisiert, Dampfschifffahrt und Küstentransport nahmen zu. 1854 eröffnete die Hovedbanen zwischen Christiania und Eidsvoll, 1855 folgte das Telegrafennetz, das Handel und Kommunikation beschleunigte. Diese Verdichtung von Wegen und Nachrichten band Norwegen enger in globale Märkte ein. Peers frühe Küstenfahrten und sein späteres weltläufiges Geschäftsgebaren stehen vor diesem Hintergrund wachsender Mobilität. Das Werk nutzt reale Verkehrs- und Handelswege als Bühne, um einen Charakter zu zeigen, der die Möglichkeiten der Vernetzung ohne ethische Verankerung ausschöpft.

Die globale Finanzkrise von 1857 traf auch Norwegens Handel und Reedereien; in Christiania kam es zu Firmenzusammenbrüchen, Kreditklemme und Arbeitsplatzverlusten. Solche Boom-Bust-Zyklen prägten die 1850er/1860er Jahre in einer exportabhängigen Ökonomie. Im Stück findet sich diese Erfahrung in Peers spekulativen Unternehmungen wieder, die auf Großspurigkeit und kurzfristigen Gewinn zielen und schließlich in Zusammenbruch und Schiffbruch münden. Die ökonomische Realität der Krisenhaftigkeit verschmilzt mit einer moralischen: Wo Verantwortlichkeit fehlt, stürzen Projekte – im Hafen wie in der Seele. Peer Gynt spiegelt so die Verletzlichkeit einer kleinen Volkswirtschaft in globalen Zyklen.

Religiös prägten Pietismus und die Hauge-Bewegung (um Hans Nielsen Hauge, 1771–1824) weite Teile ländlichen Norwegens noch Jahrzehnte nach ihrem Höhepunkt. Sie betonten Buße, Arbeitsethos und Nüchternheit sowie Misstrauen gegenüber eitler Selbsterhöhung. Kirchengemeinden bildeten normative Klammern, die Verhalten regulierten und Trost spendeten. Solveigs stille Treue und Glaubensgewissheit, aber auch die moralischen Urteile der Dorfnachbarn, stehen in dieser Tradition. Der Kontrast zwischen Peers Selbstvergötterung und einer Kultur der Demut bildet ein historisch plausibles Konfliktfeld, in dem religiöse Disziplin und individuelle Willkür aufeinandertreffen.

Der Deutsch-Dänische Krieg von 1864 (Zweiter Schleswig-Holsteinischer Krieg) begann mit dem Einmarsch Preußens und Österreichs am 1. Februar 1864 in Schleswig, kulminierte in der Schlacht bei Dybbøl am 18. April und endete mit dem Frieden von Wien am 30. Oktober 1864: Dänemark verlor Schleswig, Holstein und Lauenburg. In Skandinavien brach damit der Traum politischer Solidarität auf staatlicher Ebene. Für norwegische und schwedische Öffentlichkeit war das Ereignis ein Schock der Ohnmacht. Peer Gynt reflektiert dieses Klima, indem er eine Heroenpose ohne reale Opferbereitschaft vorführt – eine Kritik an großspurigen Programmen, die beim Ernstfall versagen.

Die Kriegsniederlage 1864 löste in Norwegen Debatten über Pflicht und Feigheit aus; Freiwillige zogen zwar nach Dänemark, doch blieben Regierungen passiv. Henrik Ibsen verließ 1864 sein Heimatland mit einem staatlichen Reisestipendium und ließ sich in Italien nieder (Rom u.a.). In Briefen und öffentlichen Äußerungen geißelte er die Selbstzufriedenheit des eigenen Landes und den leeren Pathos der skandinavistischen Rhetorik. Diese biografische und politische Zäsur bildet den unmittelbaren zeitgeschichtlichen Resonanzraum von Peer Gynt (1867). Das Stück übersetzt die Erfahrung politischer Enttäuschung in eine Figurenstudie des Ausweichens, Ausredens und moralischen Bankrotts.

Die Verbindung zwischen 1864 und dem Stück zeigt sich in Peers Grundsatz, „sich selbst genug“ zu sein – ein privates Analogon zur staatlichen Untätigkeit. Statt solidarischer Bindung wählt er Nutzenkalkül, statt Pflicht Erzählung, statt Verantwortung die Flucht. Der Knopfgießer, der Peer an seinem Lebensrestwert misst, spiegelt ein zeitgeschichtliches Rechnen mit nationaler Redlichkeit: Was bleibt, wenn man im Ernstfall versagt? Indem Ibsen Peers Versatzstücke von Ruhm und Weltläufigkeit entlarvt, kritisiert er die Hohlform politischer Beteuerungen der 1860er Jahre. Die Geschichte wird zum Prüfstein, an dem individuelle und kollektive Identität scheitern oder sich bewähren.

Europäische Expansion prägte den Mittelmeer- und Nordafrikaraum: Frankreich annektierte Algerien ab 1830; in Ägypten regierte Ismail Pascha (1863–1879), und der Suezkanal wurde 1869 eröffnet, was Handelsrouten revolutionierte. Marokko blieb formal unabhängig, stand aber unter starkem europäischem Druck. Europäische Kaufleute, Abenteurer und Glücksritter suchten im Maghreb Geschäfte. Peers Wüstenepisoden, seine Kontakte zu Scheichs und Kaufleuten und sein Spiel mit „exotischen“ Requisiten stehen in diesem historischen Rahmen. Das Stück spiegelt die Opportunismen der Epoche, indem es den norwegischen Wanderer in Schauplätze der imperialen Ökonomie versetzt, wo Moral der Gewinnchance weicht.

Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Haltung zur Sklaverei grundlegend: Dänemark-Norwegen verbot den transatlantischen Sklavenhandel 1803; Großbritannien folgte 1807; die Sklaverei in den Dänischen Westindischen Inseln wurde 1848 aufgehoben. Gleichwohl bestanden in Nordafrika und im Osmanischen Raum weiterhin Formen der Sklaverei und des Menschenhandels bis in die späten Jahrzehnte des Jahrhunderts. Peers Geschäfte in Nordafrika und seine prahlerischen Anspielungen auf zweifelhafte Waren und Kontakte spiegeln eine Welt, in der solche Praktiken präsent waren. Das Stück nutzt diesen Kontext, um einen Charakter zu zeichnen, der moralische Grenzen so flexibel handhabt wie die Märkte selbst.

Politisch verschob sich die Macht in Norwegen Richtung bäuerliche Interessen und kommunale Selbstverwaltung: Die Formannskapslovene von 1837 schufen gewählte Gemeinderäte; 1869 tagte das Storting jährlich statt in Dreijahresrhythmus; 1884 wurde das parlamentarische System etabliert (Johan Sverdrup). Diese Entwicklung wuchs aus den 1840er–1860er Debatten über Verantwortlichkeit und Repräsentation. Peer Gynt steht im Umfeld eines selbstbewusster werdenden Landvolks, negiert jedoch die Pflichten der Teilhabe. Seine Weigerung, Gemeinwohl und Hausstand zu ordnen, kontrastiert mit einer realen historischen Bewegung, die Verantwortung institutionalisiert und politisch verankert.

Zwischen 1850 und 1875 wuchs Christiania (Oslo) rasant; die Stadt vervielfachte seit 1801 ihre Einwohnerzahl und erreichte in den 1870ern über 80.000 Bewohner. Hafenstädte wie Bergen und Trondheim expandierten, ein wohlhabendes Bürgertum und eine mobile Unterschicht entstanden. Diese Urbanisierung schuf neue Karrieren, Spekulationschancen und soziale Fallhöhen. Peers Sehnsucht nach großstädtischem Glanz, sein Unternehmergebaren und sein sozialer Maskenwechsel verweisen auf diese neue Mobilität – zugleich entlarvt das Stück die Risiken einer Identität, die sich ausschließlich aus Rollen und Märkten speist. Die Stadt als Verheißung und Verwirrung ist der historische Resonanzboden.

Als gesellschaftliche Kritik richtet sich Peer Gynt gegen das Ausweichen vor Verantwortung in einer Zeit, die Solidarität verlangt hätte – im Dorf wie in der Politik. Es hält der bäuerlichen Ehrkultur den Spiegel vor, indem es zeigt, wie sozialer Ausschluss Schuld benennt, aber selten Heilung organisiert. Zugleich kritisiert es bürgerliche Karrierefantasien, die über Spekulation und Schein Kontakte und Kapital akkumulieren. Der norwegische Identitätsdiskurs wird seziert: Nationale Pose ohne Opferbereitschaft bleibt leer. Das Werk macht sichtbar, wie ökonomische und politische Modernisierung ethische Maßstäbe erfordert, die Peer systematisch unterläuft.

Politisch verhandelt das Stück die Konflikte seiner Epoche: die versagte skandinavische Solidarität von 1864, die Versuchungen imperiales Gewinnstrebens und die Ungleichheiten zwischen Bauern, Bürgern und den global Ausgebeuteten. Es exponiert patriarchale Normen und Ehrvorstellungen, die Frauen wie Ingrid instrumentalisieren, und stellt dem eine fragile, aber standhafte Ethik in Solveig gegenüber. Indem es Peers Begegnungen mit Nordafrika in eine Ökonomie des Nutzens stellt, kritisiert es die europäische Blickmacht. Peer Gynt fungiert so als Warnbild: Ohne Gemeinsinn, Recht und Wahrhaftigkeit zerfällt Identität – privat, sozial und politisch.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Henrik Ibsen (1828–1906) war ein norwegischer Dramatiker und Lyriker, der als Wegbereiter des modernen Dramas gilt. Sein Werk führte vom romantisch-nationalen Historienstück zur realistischen und psychologisch präzisen Gesellschaftsanalyse und prägte die europäische Theaterkultur nachhaltig. Mit stilistischer Strenge, ökonomischer Bühnensprache und konfliktreichem Dialog stellte er die moralischen Normen seiner Zeit infrage. Viele seiner Stücke werden weltweit regelmäßig neu inszeniert und in Schulen und Hochschulen gelesen. In der öffentlichen Wahrnehmung steht er für einen Übergang zur Moderne, in dem individuelle Gewissensprüfung, gesellschaftliche Verantwortung und die Suche nach Wahrhaftigkeit zu zentralen dramaturgischen Prinzipien wurden.

Ibsen erhielt keine umfassende Hochschulausbildung; als Jugendlicher absolvierte er eine Apothekerlehre in Grimstad, wo er zu schreiben begann. In den frühen 1850er-Jahren zog er nach Christiania und knüpfte Kontakte zu literarischen Kreisen. Frühe Arbeiten waren von romantischer Geschichtssicht und nationaler Erneuerung geprägt; als Debüt gilt das Versdrama Catilina. Literarisch bewegte er sich zunächst in der Tradition historischer Tragödien, dann verstärkt in Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Realismus. Wichtige Impulse kamen von der Theaterpraxis sowie von Debatten, die Kritiker wie Georg Brandes beförderten, und vom skandinavischen modernen Durchbruch, der die Gegenwart zum Gegenstand ernsten Theaters machte.

Seine eigentliche Ausbildung fand auf der Bühne statt. In den frühen bis mittleren 1850er-Jahren arbeitete Ibsen am Det norske Theater in Bergen als Hausautor und Regisseur. Hier lernte er Repertoirepflege, Ensembleführung und die technischen Anforderungen des Spielbetriebs kennen und unternahm Studienreisen nach Dänemark und Deutschland. Die Praxis zwang ihn, Szenen ökonomisch zu bauen, was später seine reifen Stücke prägt. Aus dieser Zeit stammen historisch orientierte Dramen wie Die Wikinger am Helgeland. Gleichzeitig schärfte er seinen Blick für norwegische Stoffe, ohne auf folkloristische Effekte zu vertrauen, und prüfte, wie Konflikte aus Charakteren statt aus Dekoration entstehen.

Nach der Rückkehr nach Christiania übernahm Ibsen die Leitung eines Theaters, geriet jedoch in schwierige institutionelle und finanzielle Verhältnisse. Enttäuscht von der kulturellen Situation und getrieben vom Wunsch nach künstlerischer Unabhängigkeit verließ er Mitte der 1860er-Jahre Norwegen. Es folgte ein langer Aufenthalt in Italien und Deutschland, der sein Schreiben befreite und internationalisierte. In dieser Phase entstanden die großen Versdramen Brand und Peer Gynt, die philosophischen Ernst mit satirischen und mythischen Elementen verbinden. Sie begründeten seinen Ruhm und machten ihn zu einer Stimme, die nationale Themen als Spiegel allgemeiner menschlicher Fragen behandelte.

Ab den späten 1870er-Jahren vollzog Ibsen den Übergang zum zeitgenössischen Gesellschaftsdrama. Stützen der Gesellschaft, Nora oder Ein Puppenheim, Gespenster und Ein Volksfeind stellten bürgerliche Moral, Eigentumsordnung und die Rolle der Frau mit scharfem Realismus zur Debatte. Die Stücke lösten in vielen Städten Kontroversen aus und wurden zugleich zu Repertoireerfolgen. Ibsen entwickelte einen präzisen Dialog, der Untertöne und unausgesprochene Motive sichtbar macht, und setzte auf kausal gebaute Handlungsführung. Kritische Leserinnen und Leser, unter ihnen Georg Brandes, ordneten ihn dem modernen Durchbruch zu, während das Theaterpublikum über Wahrheit und Verantwortung neu stritt.

In den späten 1880er- und 1890er-Jahren vertiefte Ibsen die psychologische Dimension und öffnete sich symbolischen Schichten. Werke wie Die Wildente, Rosmersholm, Hedda Gabler, Baumeister Solness, Klein Eyolf, John Gabriel Borkman und Wenn wir Toten erwachen zeigen Figuren, die von Idealen, Erinnerungen und Selbstbildern bedrängt werden. Die präzise Architektur dieser Dramen bietet Spielraum für verschiedene ästhetische Lesarten, von nüchterner Naturalistik bis zu poetischer Verdichtung. Bedeutende Schauspielerinnen und Schauspieler prägten Rollen wie Hedda Gabler und Nora, während Regisseurinnen und Regisseure die Stücke als Labor für moderne Inszenierungsstile nutzten.

Ibsen kehrte in den frühen 1890er-Jahren nach Christiania zurück und erlebte die internationale Anerkennung seines Spätwerks. Seine Gesundheit verschlechterte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und er starb 1906 in der norwegischen Hauptstadt, die später Oslo genannt wurde. Sein Vermächtnis ist die Begründung eines Dramas, das private Gewissenskonflikte und gesellschaftliche Strukturen unauflöslich verknüpft. Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts griffen seine dramaturgischen Mittel auf, und Theatertraditionen in Europa und darüber hinaus bauen auf seiner Erneuerung auf. Bis heute werden seine Stücke neu gelesen, übersetzt und gespielt; sie bleiben Prüfsteine für Gegenwart und Bühne.

PEER GYNT

Hauptinhaltsverzeichnis
Personen
Erster AKT
ZWEITER AKT
DRITTER AKT
VIERTER AKT
FÜNFTER AKT

Personen

Inhaltsverzeichnis

Aase,eine BauerswitwePeer Gynt,ihr SohnZwei alte Weibermit KornsäckenAslak,ein Schmied Hochzeitsgäste. Küchenmeister. Spielleute usw.Ein zugewandertes BauernpaarSolvejgundKlein Helga,dessen TöchterDer HaegstadbauerIngrid,seine TochterDer Bräutigamundseine ElternDreiSäterdirnenEin grüngekleidetes WeibDerDovre-AlteEin Hoftroll.Mehrere andere Trolle. Trolljugend beiderlei Geschlechts Ein paar Hexen, Erdgeister, Zwerge, Kobolde usw.Ein häßlicher Junge.Eine Stimme im Dunkel. VogelschreieKari,eine Häuslersfrau MasterCottonMonsieurBallonDie Herrenvon EberkopfundTrumpeterstraale,Reisende. Ein Dieb und ein HehlerAnitra,die Tochter eines Beduinenhäuptlings Araber, Sklavinnen, tanzende Mädchen usw. DieMemnons-Säule(singend) DieSphinx von Gizeh(stumme Person)Begriffenfeldt,Professor, Dr. phil., Vorsteher des Tollhauses zu KairoHuhu,ein Sprachreformer von der malebarischen KüsteHussein,ein morgenländischer Minister.Ein Fellahmit einer Königsmumie Mehrere Tollhäusler nebst ihren WärternEin norwegischer Schiffskapitänund seine MannschaftEin fremder PassagierEin GeistlicherEin Leichengefolge. Ein Amtmann. Ein KnopfgießerEine magere Person

Das Stück, dessen Handlung im Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt und gegen die sechziger Jahre hin endigt, spielt teils im Gudbrandstal und seinen Bergen, teils an der Küste von Marokko, in der Wüste Sahara, im Tollhaus zu Kairo, auf See usw.

Erster AKT

Inhaltsverzeichnis

(Abhang mit Laubholz bei Aases Hof. Ein Bach schäumt hernieder. Auf der andern Seite eine alte Mühle. Heißer Sommertag.)

(Peer Gynt,ein kräftig gebauter Mensch von zwanzig Jahren, kommt den Steig herab.Aase,seine Mutter, klein und fein, folgt ihm zornig scheltend auf dem Fuße.)

Aase. Peer, Du lügst![1q]

Peer Gynt(ohne sich aufzuhalten.)Nein, nein, ich lüg’ nicht!

Aase. Na, so schwör’ drauf: Ist es wahr?

Peer Gynt. Warum schwören?

Aase. Pfui! Der früg’ nicht, Dessen Schuld nicht klipp und klar!

Peer Gynt(steht still.)Doch, ‘s ist wahr, – ich schwör’ es Dir.

Aase(vor ihm.)Und Du schämst Dich nicht vor mir? Bleibt man ganze Wochen aus, Läuft man, just wann Gras zu schlagen, Auf den Ferner, Renwild jagen, Kommt zerrissen dann nach Haus, Ohne Stutzen, ohne Bock, – Um zum Schluß am hellerlichten Mittag Mutter flugs ein Schock Jägerlügen vorzudichten? Also, wo hast Du ‘n getroffen?

Peer Gynt. Links vom Gendin.

Aase(lacht spöttisch.)Hm! Aha!

Peer Gynt. Kräftig blies der Wind von da; Und so stand der Weg mir offen, Mich durchs Holz hindurchzubirschen, Hinter dem er grub –

Aase(wie vorher.)Ja, ja!

Peer Gynt. Lautlos horchend, hör’ ich seinen Huf im harten Firnschnee knirschen, Seh’ vom einen Horn die Zacken, Wind’ mich durch Geröll und Wacken Vorwärts, und, verdeckt von Steinen, Seh’ ich einen Prachtbock, – einen, Wie man ihn seit Jahrer zehn, Sag’ ich Dir, hier nicht gesehn!

Aase. Gott bewahre, nein!

Peer Gynt. Ein Knall! Und den Bock zusammenbrennen! Aber knapp, daß er zu Fall, Sitz’ ich auch schon rittlings droben, Greif’ ihm in sein linkes Ohr, Reiß’ mein Messer schon hervor, Ihm’s gerecht ins Blatt zu rennen; – Hui! da hebt er an zu toben, Springt, pardauz, auf alle Viere, Wirft zurück sein Horngeäst, Daß ich Dolch und Scheid’ verliere, Schraubt mich um die Lenden fest, Stemmt ‘s Gestäng’ mir an die Waden, Klemmt mich ein wie mit ‘ner Zang’, – Und so stürmt er, wutgeladen, Just den Gendingrat[1] entlang!

Aase(unwillkürlich.)Jesus –!

Peer Gynt. Mutter, hast Du den Gendingrat einmal gesehn? Wohl ‘ne Meile läuft er drang Hin, in Sensenrückenbreite. Unter Firneis, Schuttmoränen, Schnee, Geröll, Sand, kunterbunter, Sieht Dein Aug’ auf jeder Seite Stumme, schwarze Wasser gähnen, An die fünf-, die siebenzehn- hundert Ellen rank hinunter. Dort lang stoben pfeilgeschwind Er und ich durch Wetter und Wind! Nie ritt ich solch Rößlein, traun! Unsrer wilden Fahrt entgegen Schnob’s wie Sonnenfunkenregen. Adlerrücken schwammen braun In dem schwindeltiefen Graun Zwischen Grat und Wasserrande, – Trieben dann davon wie Daun. Treibeis brach und barst am Strande; Doch sein Lärm ging ganz verloren; Nur der Brandung Geister sprangen Wie im Tanze, – sangen, schwangen Sich im Reihn vor Aug’ und Ohren!

Aase(schwindlig.)O, Gott steh’ mir bei!

Peer Gynt. Da stößt Plötzlich, wie ein Stein sich löst, Dicht vor uns ein Schneehuhn auf, Flattert gackernd, aufgeschreckt, Aus dem Spalt, der es versteckt, Meinem Bock, bums! vor die Lichter. Der verändert jach den Lauf – Und mit einem Riesensatze Nieder in den Höllentrichter!(Aase wankt und greift nach einem Baumstamm. Peer Gynt fährt fort.)Ob uns schwarzer Bergwand Fratze, Nid uns bodenloser Dust! – Durch zersplissne Nebelschichten Erst, sodann durch einen dichten Schwarm von Möwen, die, durchschnitten, Kreischend auseinanderstritten, – Nieder, nieder, nieder sauste es. Aber aus der Tiefe grauste es Weiß wie eine Renntierbrust. – Mutter, das war unser eigen Bild, das aus des Bergsees Schweigen Tief vom Grund zum Spiegel eilte, Umgekehrt, wie unser Sturz Lotrecht auf ihn nieder pfeilte.

Aase(schnappt nach Luft.)Peer! Gott helf’ mir –! Mach’ es kurz –!

Peer Gynt. Bock vom Berge, Bock vom Grunde Stieß zur selbigen Sekunde! Das Gespritz’ und das Geklatsche! Na, da lag man in der Patsche. – Nicht gar lang’ dann, und wir fanden Irgendwo ‘nen Fleck, zu landen; Er, er schwamm, und ich umschlang ihn, – Und hier bin ich nun –

Aase. Und er?

Peer Gynt. Hm, der springt wohl noch umher; –(Schnalzt mit den Fingern, wippt sich auf den Hacken und fügt hinzu:)Wenn Du ‘n laufen siehst, so fang ihn!

Aase. Daß Du nicht den Hals geknickt hast! Und die Beine gleich dazu! Ist Dein Rückgrat denn noch ganz? Herrgott, – Lob und Dank, daß Du Mir ihn wieder heim geschickt hast! – Zwar die Hose hat ein Loch; Doch davon ist nicht zu reden, Denkt man, was weit Schlimmres noch Sich bei so ‘nem tollen Tanz –(Besinnt sich plötzlich, sieht ihn mit offenem Mund und großen Augen an und kann lange keine Worte finden. Endlich stößt sie hervor:)O, Du Teufelslügenschmied! Kreuz noch ‘n Mal! Solch ein Geflunker! Was Du mir da singst – das Lied – Als das aufkam – zu der Frist Lief Dein Vater noch als Junker[2]! Gudbrand Glesne – dem –demist Das geschehn, nicht Dir –!

Peer Gynt. Mir auch. Solcherlei kann oft geschehen.

Aase(giftig.)Ja, und Lügen kann man drehen, Wenden und mit Putz benähen, Bis von ihrem magren Bauch Nichts vor Flicken mehr zu sehen.DashastDuzu Weg gebracht, Alles wild und groß gemacht, Ausstaffiert mit Adlerrücken Und mit all den andern Nücken, Abgestutzt und zugesetzt Und mir so den Sinn verstört, Daß man nicht mehr kennt zuletzt, Was man hundertmal gehört.

Peer Gynt. Spräch’ ein andrer solchen Quark, Wollt’ ich heillos grob ihm kommen!

Aase(weinend.)Läg’ ich doch im schwarzen Sarg! Wär’ ich, Gott, doch nie geboren! Bitten, Tränen, nichts will frommen, – Peer, Du bist und bleibst verloren!

Peer Gynt. Liebes, süßes Muttchen mein, Hast ja recht mit jedem Wort; Sei nur wieder –