Ein Puppenheim - Henrik Ibsen - E-Book

Ein Puppenheim E-Book

Henrik Ibsen

4,5

Beschreibung

Henrik Ibsens Drama "Nora - Ein Puppenheim" aus dem Jahre 1878 ist ein gesellschaftskritisches Theaterstück mit feinst ausgeklügelten Charakteren. Es beschreibt die Wandlung einer Frau vom Püppchen zur selbstbewussten Frau, die sich nichts mehr von ihrem Mann bieten lässt.Ibsen konfrontiert sein Publikum mit Figuren, die an ihren Lebenslügen zugrunde gehen. "Ein Puppenheim" gehört zu Ibsens bekanntesten Werken, und gilt alt Paradestück weiblicher Emanzipation. REZENSION"Nora sehr schön! ... Sehr lesenswert und spannend, auch hat man es sehr zügig gelesen da es wirklich nicht lange ist.Wer Ibsen mag, nur zu empfehlen!" - Ein Kunde, Amazon.de"'Nora' ist ein mustergültiges Drama." - Ein Kunde, Amazon.de4/5 Stelle auf Amazon.de!AUTORENPORTRÄTHenrik Ibsen wurde 1828 in Skien in Norwegen geboren. Er war der älteste Sohn einer traditionsreichen, vornehmen norwegischen Familie. Seiner Vater war Kaufmann Knud Ibsen. Von 1844 bit 1850 absolvierte Henrik Ibsen eine Ausbildung als Apotheker, aber sein Hauptinteresse galt inzwischen bereits der Literatur. 1850 vollendete er sein erstes Stück, und im Jahr 1857 übernahm er die künstlerische Leitung des Norske Teatret in Kristiania. Später im Leben bekam Henrik Ibsen ein Dichterstipendium für eine Studienreise, und von 1864 bis 1891 lebte Henrik Ibsen abwechselnd in Dresden, München und Rom. Henrik Ibsen starb am 23. Mai 1906. -

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Henrik Ibsen

EIN PUPPENHEIM

SCHAUSPIEL IN DREI AKTEN

 

 

Saga

Personen

Helmer

, Advokat

Nora

, seine Frau

Doktor Rank

Frau Linde

Krogstad

, Anwalt

Die Drei Kleinen Kinder Helmers

Anne-Marie

, Kinderfrau

Ein Hausmädchen

bei Helmers

Ein Dienstmann

Das Stück spielt in Helmers Wohnung.

Erster akt

Ein gemütlich und geschmackvoll, aber nicht luxuriös eingerichtetes Zimmer. Rechts im Hintergrund führt eine Tür in das Vorzimmer; eine zweite Tür links im Hintergrund führt in Helmers Arbeitszimmer. Zwischen diesen beiden Türen ein Pianino. Links in der Mitte der Wand eine Tür und weiter nach vorn ein Fenster. Nahe am Fenster ein runder Tisch mit Lehnstühlen und einem kleinen Sofa. Rechts an der Seitenwand weiter zurück eine Tür und an derselben Wand weiter nach vorn ein Kachelofen, vor dem ein paar Lehnstühle und ein Schaukelstuhl stehen. Zwischen Ofen und Seitentür ein kleiner Tisch. An den Wänden Kupferstiche. Eine Etagere mit Porzellan und anderen künstlerischen Nippessachen; ein kleiner Bücherschrank mit Büchern in Prachteinbänden; Teppich durchs ganze Zimmer. Im Ofen ein Feuer. Wintertag.

Im Vorzimmer klingelt es; gleich darauf hört man, wie geöffnet wird. Nora tritt vergnügt trällernd ins Zimmer; sie hat den Hut auf und den Mantel an und trägt eine Menge Pakete, die sie rechts auf den Tisch niederlegt. Sie läßt die Tür zum Vorzimmer hinter sich offen, und man gewahrt draußen einen Dienstmann, der einen Tannenbaum und einen Korb trägt; er übergibt beides dem Hausmädchen, das ihnen geöffnet hat.

Nora. Tu den Tannenbaum gut weg, Helene. Die Kinder dürfen ihn jedenfalls erst heut abend sehen, wenn er geputzt ist. Zum Dienstmann, indem sie ihr Portemonnaie hervorzieht. Wieviel —?

Dienstmann. Fünfzig Öre.

Nora. Da ist eine Krone. Nein — behalten Sie den Rest. Der Dienstmann dankt und geht. Nora schließt die Tür. Sie lacht noch immer stillvergnügt vor sich hin, während sie den Hut und Mantel ablegt. Sie zieht eine Tüte mit Makronen aus der Tasche und ißt ein paar; dann geht sie vorsichtig an die Tür ihres Mannes und lauscht. Ja, er ist zu Hause. Trällert wieder leise vor sich hin, indem sie rechts an den Tisch tritt.

Helmerin seinem Zimmer. Zwitschert da draußen die Lerche?

Nora, während sie einige Pakete öffnet. Ja, das tut sie!

Helmer. Poltert da das Eichhörnchen herum?

Nora. Ja!

Helmer. Wann ist das Eichhörnchen nach Hause gekommen?

Nora. Diesen Augenblick. Steckt die Makronentüte in die Tasche und wischt sich den Mund ab. Komm, Torvald, und sieh Dir mal meine Einkäufe an.

Helmer. Nicht stören! Bald darauf öffnet er die Tür und sieht herein, mit der Feder in der Hand. Einkäufe, sagst Du? Diese vielen Sachen? Ist das lockere Zeisiglein wieder ausgewesen und hat Geld verschwendet?

Nora. Aber Torvald, dies Jahr dürfen wir doch wirklich ein bißchen über die Stränge schlagen. Sind es doch die ersten Weihnachten, wo wir nicht zu sparen brauchen.

Helmer. Hör’ mal, Du, Luxus dürfen wir auch nicht treiben.

Nora. Doch, Torvald, wir dürfen jetzt schon ein bißchen Luxus treiben. Nicht wahr? Nur ein ganz, ganz klein bißchen. Du bekommst ja nun ein großes Gehalt und wirst viel, viel Geld verdienen.

Helmer. Ja, von Neujahr ab. Aber dann vergeht noch ein ganzes Quartal, bis das Gehalt fällig ist.

Nora. Bah! Bis dahin können wir ja borgen.

Helmer. Nora! Geht hin zu ihr und zupft sie scherzhaft am Ohr. Geht schon wieder der Leichtsinn mit Dir durch? Gesetzt den Fall, ich borgte mir heute tausend Kronen, und Du brächtest sie in der Weihnachtswoche durch, und am Sylvesterabend fiele mir ein Ziegelstein auf den Kopf, und ich läge da —

Norahält ihm den Mund zu. Pfui, laß die garstigen Reden!

Helmer. Ja, nimm mal an, daß so was passierte, — was dann?

Nora. Wenn so was Gräßliches passierte, dann wär’ es mir ganz gleichgültig, ob ich Schulden hätte oder nicht.

Helmer. Und die Leute, von denen ich das Geld geliehen hätte?

Nora. Die? Wen gingen die was an? Das sind ja Fremde.

Helmer. Nora, Nora, Du bist ein Weib! Aber im Ernst, Nora: Du weißt, wie ich in diesem Punkt denke. Keine Schulden! Niemals borgen! Es kommt etwas Unfreies und damit auch etwas Unschönes über ein Hauswesen, das auf eine Borgwirtschaft gegründet ist. Bis auf den heutigen Tag haben wir beide tapfer ausgehalten, und das wollen wir nun auch noch die kurze Zeit tun, wo es nötig ist.

Norageht zum Ofen hin. Na ja; wie Du willst, Torvald.

Helmergeht hinter ihr her. Ei, nun darf aber die kleine Lerche auch nicht die Flügel hängen lassen. Wie? Das Eichhörnchen Steht und mault? — Zieht das Portemonnaie. Nora, was mag ich da wohl haben?

Norawendet sich schnell um. Geld!

Helmer. Da nimm! Gibt ihr einige Banknoten. Du lieber Gott, ich weiß, daß zu Weihnachten im Hause eine ganze Menge draufgeht.

Norazählt. Zehn, — zwanzig, — dreißig, — vierzig. Schönen Dank, Torvald, schönen Dank; damit behelfe ich mich lange.

Helmer. Ja, das mußt Du aber auch!

Nora. Ja, ja, das werde ich schon. Aber nun komm und laß Dir alle meine Einkäufe zeigen. Und so wohlfeile Einkäufe. Schau her, — ein neuer Anzug für Ivar — und dazu ein Säbel. Hier ist ein Pferd und eine Trompete für Bob, und da eine Puppe und Puppenwiege für Emmy. Es ist freilich recht einfach, aber sie macht doch immer gleich alles entzwei. Und hier Kleiderstoff und Taschentücher für die Mädchen. Mutter Anne-Marie müßte eigentlich viel mehr haben!

Helmer. Und was ist in dem Paket da?

Noraschreit. Weg, Torvald! Das bekommst Du erst am Abend zu sehen!

Helmer. Ach so! — Aber nun sag’ mir, Du kleiner Verschwender, womit hast Du denn Dich selbst bedacht?

Nora. Ach geh, — ich mich? Ich wüßte wirklich nicht, was —

Helmer. Du sollst aber! Nenne mir etwas Vernünftiges, was Dir ganz besondere Freude machen würrde.

Nora. Ich wüßte wirklich nichts. — Doch, Torvald, hör’ —

Helmer. Na?

Noraspielt an seinen Knöpfen, ohne ihn anzusehen. Wenn Du mir ein Geschenk machen willst, so könntest Du ja —; Du könntest —

Helmer. Na also — heraus damit!

Norahastig. Du könntest mir Geld schenken, Torvald. So viel nur, wie Du meinst entbehren zu können. Ich kann mir dann gelegentlich später etwas dafür kaufen.

Helmer. Aber Nora, —

Nora. Ach ja, tu’s, lieber Torvald, ich bitte Dich recht sehr; ich wickle mir dann das Geld in schönes Goldpapier ein und hänge es an den Weihnachtsbaum. Wäre das nicht reizend?

Helmer. Wie nennt man doch die Vögel, die alles Geld durchbringen?

Nora. Ja, ja, lockere Zeisige, — ich weiß schon. Aber wir wollen es so machen, wie ich sage, Torvald: dann habe ich Zeit zu überlegen, was ich am notwendigsten brauche. Ist das nicht sehr vernünftig, Torvald, wie?

Helmerlächelnd. Ei freilich —, das heißt, wenn Du das Geld, das ich Dir gebe, wirklich festhalten und Dir selbst etwas dafür kaufen könntest. So aber geht es im Haushalt und für allerhand unnütze Dinge drauf, und dann muß ich wieder herausrücken.

Nora. I bewahre, Torvald —

Helmer. Läßt sich nicht leugnen, meine kleine liebe Nora! Legt den Arm um ihre Taille. Mein lockerer Zeisig ist entzückend, aber er braucht eine schwere Menge Geld. Man sollte es nicht glauben, wie hoch einem Mann solch ein Vögelchen zu stehen kommt.

Nora. Aber nein! Wie kannst Du nur so was sagen? — Ich spare doch wirklich, wo ich kann.

Helmerlacht. Ein wahres Wort! Wo Du kannst. Aber Du kannst absolut nicht.

Noraträllert und lächelt stillvergnügt. Hm! Du solltest nur wissen, wie viele Ausgaben wir Lerchen und Eichhörnchen haben, Torvald.

Helmer. Du bist ein sonderbares Dingchen. Ganz wie Dein Vater. Auf jede Art bemühst Du Dich, Geld in die Hand zu kriegen, und sobald Du es hast, verschwindet Dir’s zwischen den Fingern; Du weißt nie, wo es geblieben ist. Na, aber man muß Dich nehmen, wie Du bist. Das liegt im Blut. Ja, ja, ja, Nora, so was vererbt sich.

Nora. Nun, ich wünschte, ich hätte viele von Papas Eigenschaften geerbt.

Helmer. Und ich möchte Dich gar nicht anders haben, als Du bist, meine liebe, kleine, singende Lerche. Doch — da fällt mir etwas ein. Du siehst heute so —, so, — wie soll ich gleich sagen? — so verdächtig aus —

Nora. Ich?

Helmer. Allerdings. Sieh mir mal gerade in die Augen.

Norasieht ihn an. Na?

Helmerdroht mit dem Finger. Hat das Leckermäulchen etwa heut in der Stadt genascht?

Nora. Aber nein, wie kommst Du darauf?

Helmer. Hat das Leckermäulchen ganz gewiß keinen Abstecher in die Konditorei gemacht?

Nora. Nein, Torvald, ich versichere Dir —

Helmer. Nicht ein wenig Konfitüren geschleckt?

Nora. Nein, wahrhaftig nicht!

Helmer. Auch nicht ein paar Makronen probiert?

Nora. Nein, Torvald, ich versichere Dir wirklich —

Helmer. Na, na, na — es ist ja natürlich nur im Scherz gemeint —

Norageht rechts an den Tisch. Es würde mir doch nie einfallen, gegen Deinen Wunsch zu handeln.

Helmer. Nein, das weiß ich ja wohl. — Und dann hast Du mir ja Dein Wort gegeben — Geht zu ihr. Behalt Deine kleinen Weihnachtsüberraschungen nur für Dich, mein Herz. Heut abend, wenn der Baum brennt, werden sie schon ans Licht kommen, davon bin ich überzeugt.

Nora. Hast Du auch nicht vergessen, Rank einzuladen?

Helmer. Nein. Aber das ist ja gar nicht nötig. Es versteht sich von selbst, daß er mit uns speist. Übrigens werde ich ihn einladen, wenn er heut vormittag herkommt. Guten Wein habe ich schon bestellt. Nora, Du glaubst gar nicht, wie ich mich auf den heutigen Abend freue.

Nora. Ich mich auch. Und wie die Kinder erst jubeln werden, Torvald!

Helmer. Ach, es ist doch ein herrlicher Gedanke, eine feste gesicherte Stellung, sein reichliches Auskommen zu haben. Nicht wahr! Der Gedanke ist ein Hochgenuß!

Nora. Ach, es ist wunderbar!

Helmer. Denkst Du noch an vorige Weihnachten? Drei liebe lange Wochen vorher hast Du Dich Abend für Abend bis in die tiefe Nacht hinein eingeschlossen, um Blumen für den Baum und die vielen andern Herrlichkeiten anzufertigen, womit wir überrascht werden sollten. Uh, das war die ödeste Zeit, die ich je erlebt habe.

Nora. Ich habe mich dabei gar nicht gelangweilt.

Helmerlächelnd. Aber das Ergebnis war doch recht dürftig, Nora!

Nora. Neckst Du mich schon wieder damit! Was konnte ich dafür, daß die Katze kam und mir alles kaput machte.

Helmer. Nein, mein armes Norachen, dafür konntest Du freilich nichts. Du hattest den besten Willen, uns alle zu beglücken, und das ist die Hauptsache. Aber gut ist es doch, daß die knappen Zeiten vorüber sind.

Nora. Ja, es ist wirklich wunderbar!

Helmer. Nun brauche ich hier nicht allein herumzusitzen und mich zu öden. Und Du brauchst Deine lieben Augen und Deine zarten, feinen Händchen nicht anzustrengen —

Noraklatscht in die Hände. Nein, nicht wahr, Torvald, das brauchen wir nun nicht mehr!? O, wie wunderbar schön sich das anhört. Nimmt seinen Arm. Nun paß mal auf, Torvald, wie ich mir unsere künftige Einrichtung gedacht habe. Sobald Weihnachten vorbei ist — es läutet im Vorzimmer. Ach, da läutet es! Räumt schnell ein wenig im Zimmer auf. Es kommt gewiß jemand. Wie dumm!

Helmer. Für Besuche bin ich nicht zu Hause, vergiß das nicht.

Hausmädchenin der Vorzimmertür. Gnädige Frau — eine fremde Dame — —

Nora. Ich bitte.

Hausmädchenzu Helmer. Der Herr Doktor ist auch da.

Helmer. Er ist wohl gleich zu mir hineingegangen?

Hausmädchen. Ja, das ist er.

Helmer ab in sein Zimmer; das Hausmädchen führt Frau Linde, die im Reiseanzug ist, ins Zimmer und schließt dann die Tür hinter ihr.

Frau Lindezaghaft und ein wenig zögernd. Guten Tag, Nora.

Noraunsicher. Guten Tag —

Frau Linde. Du kennst mich wohl nicht mehr —?

Nora. Nein, ich weiß nicht —; doch, ja, — ich glaube — aufjubelnd. Wie — Christine! Bist Du’s wirklich?!

Frau Linde. Ja, ich bin es.

Nora. Christine! Und ich habe Dich nicht wiedererkannt! Aber wie konnt’ ich auch —. Leiser. Wie Du Dich verändert hast, Christine!

Frau Linde. Allerdings. In neun — zehn langen Jahren —

Nora. So lange haben wir uns nicht gesehen? Wahrhaftig, ja! Ach, die letzten acht Jahre waren eine glückliche Zeit! — Das kannst Du glauben. Und nun bist Du in die Stadt gekommen? Hast mitten im Winter die weite Reise gemacht? Das war brav.

Frau Linde. Ich bin heut früh mit dem Dampfschiff angekommen.

Nora. Natürlich, um Dir ein Weihnachtsvergnügen zu machen. Wie nett! Wir wollen auch recht lustig sein. Aber so leg’ doch Deine Sachen ab. Du frierst doch nicht? Hilft ihr. So — jetzt setzen wir uns gemütlich an den Ofen. Nein, da in den Lehnstuhl! Ich setze mich in den Schaukelstuhl. Ergreift ihre Hände. Ja, das ist ja das alte, bekannte Gesicht; nur im ersten Augenblick —. Etwas bleicher bist Du freilich geworden, Christine, — und vielleicht auch etwas magerer.

Frau Linde. Und viel, viel älter, Nora.

Nora. Na ja, vielleicht ein bißchen älter; aber nur ganz, ganz wenig, nicht der Rede wert. Hält plötzlich inne; ernst. Ich gedankenlose Person! Da sitze ich und schwätze! Liebste, einzige Christine, kannst Du mir vergeben?

Frau Linde. Was denn, Nora?

Noraleise. Arme Christine, Du bist ja Witwe geworden.

Frau Linde. Ja, schon vor drei Jahren.

Nora. Gott, ich wußte es ja; ich habe es ja in den Zeitungen gelesen. Ach, Christine, Du kannst mir glauben, immer wollte ich Dir schreiben in der Zeit; aber jedesmal habe ich es wieder aufgeschoben; stets kam was dazwischen.

Frau Linde. Liebe Nora, das begreife ich wohl.

Nora. Nein, Christine, es war garstig von mir! Ach, Du Ärmste, was mußt Du nicht alles durchgemacht haben! — Und er hat Dir nichts zum Leben hinterlassen?

Frau Linde. Nichts!

Nora. Und keine Kinder?

Frau Linde. Nein!

Nora. Ganz und gar nichts also?

Frau Linde. Nicht einmal eine Sorge oder ein Leid, von dem ich zehren könnte.

Norasieht sie ungläubig an. Aber Christine, wie ist das möglich?

Frau Lindelächelt schwermütig und streicht ihr über das Haar. Ach, das kommt zuweilen vor, Nora.

Nora. So ganz allein! Wie furchtbar schwrer das für Dich sein muß. Ich habe drei reizende Kinder. Augenblicklich kann ich sie Dir nicht vorstellen, — sie sind mit der Kinderfrau aus. Aber nun mußt Du mir alles erzählen —

Frau Linde. Ach nein! Erzähl’ Du mir lieber!

Nora. Nein, Du mußt anfangen. Heute will ich nicht egoistisch sein. Heut will ich nur an Deine Sachen denken. Aber eines muß ich Dir doch sagen. Hast Du schon davon gehört, welch großes Glück uns in diesen Tagen beschert worden ist?

Frau Linde. Nein, was denn?

Nora. Denk Dir, mein Mann ist Direktor der Aktienbank geworden.

Frau Linde. Dein Mann? O dieses Glück —!

Nora. Ja, ein riesiges Glück. Ein Advokat hat ein so unsicheres Brot, besonders wenn er sich nur mit feinen und anständigen Geschäften befassen will. Und das hat Torvald natürlich immer gewollt; und darin halte ich es auch ganz mit ihm. Glaub’ mir, wir freuen uns! Schon zu Neujahr tritt er in die Bank ein, und dann kriegt er ein großes Gehalt und viel Prozente. Von jetzt ab können wir ganz anders leben als bisher —, ganz, wie wir wollen. Ach, Christine, wie leicht und glücklich ich mich fühle! Ja, es ist doch wunderschön, tüchtig viel Geld und keine Sorgen zu haben. Nicht wahr?

Frau Linde. Jedenfalls muß es schön sein, das Notwendige zu haben.

Nora. Nein, nicht das Notwendige nur — sondern tüchtig, tüchtig viel Geld.

Frau Lindelächelt. Nora, Nora! Bist Du noch immer nicht gescheit geworden? In der Schule warst Du eine große Verschwenderin.

Noralächelt still. Ja, das sagt Torvald heutigentags noch. Droht mit dem Finger. Aber „Nora, Nora“ ist nicht so dumm, wie Ihr denkt. — Uns ist es wahrhaftig nicht so ergangen, daß ich hätte verschwenden können. Wir haben beide arbeiten müssen.

Frau Linde. Du auch?

Nora. Ja, Kleinigkeiten —, Handarbeiten, Häkeleien, Stickereien und dergleichen, — leichthin — und auch noch andere Sachen. Du weißt doch, daß Torvald aus dem Ministerialdienst ausgetreten ist, als wir heirateten? In seinem Rayon war keine Aussicht auf Beförderung, und er mußte doch mehr Geld verdienen als früher. Im ersten Jahr überarbeitete er sich aber ganz gräßlich. Er war, wie Du Dir denken kannst, auf allerhand Nebenverdienste angewiesen und mußte von früh bis spät schaffen. Das konnte er nicht vertragen, und so wurde er totkrank. Die Ärzte erklärten es für notwendig, daß er nach dem Süden ginge.

Frau Linde. Ach ja, Ihr wart ja ein ganzes Jahr in Italien.

Nora. Ja, gewiß. Glaub’ mir, es war nicht leicht wegzukommen. Ivar war eben geboren. Doch weg mußten wir auf jeden Fall. Ach, es war eine wunderbar schöne Reise, und sie hat Torvald das Leben gerettet. Aber eine schwere Menge Geld hat sie gekostet, Christine.

Frau Linde. Das kann ich mir schon denken.

Nora